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Mr. Monk ermittelt auf der Golden Gate Bridge

von messssem
GeschichteKrimi / P12 / Gen
31.05.2006
31.05.2006
11
65.735
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MR. MONK ERMITTELT AUF DER GOLDEN GATE BRIDGE


PROLOG


Sichtlich gut gelaunt strebte der junge, blonde Mann mit den tiefblauen Augen und dem neckischen Ziegenbärtchen auf dem Kinn auf sein etwas abseits in der Tiefgarage geparktes Auto zu. Er pfiff laut und vor allem falsch ein fröhliches Liedchen vor sich hin, zückte seinen nicht gerade sorgsam in der Hosentasche verwahrten Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und öffnete die Tür. Er lehnte sich über den Fahrersitz hinweg in den Wagen, deponierte einen Becher Kaffee und eine Papiertüte, in der sich zwei Doughnuts mit Schokoladenüberzug befanden, auf dem Beifahrersitz und befreite sich dann von seiner Jacke, die er auf dem Rücksitz ablegte. Er krempelte die Manschetten seines langärmeligen Hemdes hoch und setzte sich vollkommen arglos hinters Steuer. Anschließend machte er die Autotür zu, ließ den Motor an und fuhr guter Dinge, noch immer mit der gleichen Melodie auf den Lippen, die er nunmehr allerdings vor sich hin summte, los - geradewegs hinein in sein Verderben.

Ungefähr eine halbe Stunde früher, etwas weiter entfernt, saß Julie vollkommen verschlafen auf dem Rücksitz von Natalies Auto und schmollte vor sich hin. „Muss das denn unbedingt sein? Warum kann ich denn nicht zuhause bleiben und noch ein wenig länger schlafen?“ „Tut mir leid, Sweety, aber ich habe leider keine andere Wahl. Ich möchte, dass Du pünktlich in der Schule bist und wenn ich Dich alleine die Verantwortung dafür tragen lasse, dass Du Morgenmuffel Dich um Dich selbst kümmerst, zur rechten Zeit aufstehst, Dich anziehst und das Haus verlässt, um den Schulbus zu erwischen, dann kriegst Du das mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht hin.“ Natalie war froh, dass um diese Zeit noch nicht sehr viele Autos unterwegs waren, als sie das Auto über die hügeligen Straßen San Franciscos steuerte. „Mom, Du verwechselst da etwas. Ich bin nicht Mr. Monk!“ „Ja, Du hast recht. Aber ich arbeite nun mal für ihn und ich muss mich auch um [I]ihn[/I] kümmern.“ Julie seufzte missmutig, als sie die Antwort ihrer Mutter hörte. „Ich habe mir zwar immer einen kleinen Bruder gewünscht, aber irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt.“ Die Blondine, die am Lenkrad ihres Autos drehte, um in die Pine Street einzubiegen, musste grinsen, als sie diese Feststellung ihrer 12 jährigen Tochter vernahm.
Schon von weitem konnte sie die beiden Passagiere, die sie abholen wollte, vor dem Haus stehen bzw. sitzen sehen. Und als sie näher kam, konnte sie auch erkennen, dass ihr Boss und Schützling gerade heftig gestikulierte. Er wollte dem auf der Treppe befindlichen Kevin ein Tuch aufdrängen, damit dieser es unter sein Hinterteil beförderte, um sich vor den gefährlichen Keimen, die auf den Stufen heimtückisch lauerten, zu schützen. Doch der junge Mann mit der dunkel umrandeten Brille erhob abweisend seine Hände. Natalie parkte ihr Auto ein, stellte den Motor ab und stieg aus. Doch nun war sie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des berühmtesten Detektivs von Kalifornien und Umgebung gerückt. „Natalie, bei Ihrem Fahrtraining muss der Fahrlehrer regelrecht an Ihnen verzweifelt sein, als er Ihnen das Einparken beibringen wollte. Sehen Sie sich die Reifen ihres Wagens an. Der vordere ist eingeschlagen und der hintere steht ebenfalls schräg zum Randstein. Können Sie denn das Lenkrad nicht gerade richten, bevor Sie aussteigen? Ein Mathematik-Lehrer würde glatt durchdrehen, wenn er Ihre Auffassung von Parallel sehen müsste!“ „Guten Morgen, Kevin!“ Seine Assistentin ignorierte Monk und seine Klagen total und wandte sich stattdessen höflich an seinen Nachbarn von oberhalb. „Guten Morgen, Mrs. Teeger. Schöner Tag heute.“ Er erhielt ein freundliches Lächeln als Antwort. „Schöner Tag? Für [I]Sie [/I]vielleicht. Aber für mich wird das heute der blanke Horror. Ich werde jetzt schon seekrank, wenn ich nur daran denke!“ Natalie musterte ihren Boss, der sich gerade beklagte, von oben bis unten, und er sah tatsächlich so aus, als ob er am ganzen Körper zittern würde. „Freut mich, dass Sie so gut aufgelegt sind, Mr. Monk. Da macht das Arbeiten doch gleich doppelt so viel Spaß. Einen Guten Morgen übrigens auch Ihnen.“ „Guten Morgen!“, brummelte nun auch der neurotische Detektiv und warf einen Blick auf den Rücksitz, von wo aus Julie, ebenfalls mit einem sauren Gesichtsausdruck, zurück starrte. „Muss[I] sie[/I] denn auch unbedingt mitkommen? Reicht es denn nicht, wenn Kevin dabei ist, wenn ich tausend Höllenqualen erleide.“ Natalie sah ihm direkt ins Gesicht. „Mr. Monk, Sie wissen, warum ich Kevin mitnehme.“ Obwohl er es genau genommen [I]nicht[/I] wusste, da sie ihm eine Ausrede gesagt hatte, um ihn nicht mit der Wahrheit in Panik zu versetzen. „Und es ist äußerst zuvorkommend von ihm, dass er sich dazu bereit erklärt hat, uns zu so früher Morgenstunde zu begleiten.“ „Ach, mir macht das überhaupt nichts aus. Ich bin ohnehin ein Frühaufsteher.“ Sowohl Natalie als auch Monk wussten, das nun wieder einer von Kevins unendlichen Redeschwallen bevorstand. „Mein Vater war auch Frühaufsteher, meine Mutter selbstverständlich auch. Und meine Tante Bridget und Onkel Julian. Nein, wenn ich es recht bedenke, dann war er ja Bäcker und da ein Bäcker ja von Berufswegen früh raus muss, ist nicht wirklich gesagt, dass er ein echter Frühaufsteher war, aber-“ „Danke Kevin, ich glaube, wir wissen jetzt Bescheid.“ Sie wandte sich wieder an Monk: „Julie [I]muss[/I] ich mitnehmen, da ich um diese Zeit keinen Babysitter finde, der sich um sie kümmert und dafür sorgt, dass Sie den Schulbeginn nicht verpasst.“ „Also, [I]mir[/I] dürfen Sie nicht die Schuld dafür geben. Von mir aus können Sie auch wieder umkehren, nach Hause fahren und wieder schlafen gehen und ich mache damit weiter, meinen Teppich zu saugen; der ist ohnehin noch nicht perfekt genug.“ Man konnte ein Seufzen von der jungen Frau hören. „Mr. Monk, Dr. Kroger hat gesagt, dass wir endlich einmal damit anfangen müssen, gegen Ihre Phobien anzukämpfen.“ „Und wozu soll das gut sein? Ich komme sehr gut mit meinen Phobien zurecht!“ „Ach ja? [I]Sie[/I] vielleicht, aber [I]ich[/I] nicht.“ „Genausowenig wie andere Leute“, warf Kevin beiläufig ein, und Natalie blickte ihrem Boss ungeduldig in die braunen Augen. „Bitte steigen Sie ein.“ Sie formulierte es zwar als Bitte, aber es klang eigentlich etwas streng. Kevin öffnete die Tür, trällerte - gut gelaunt wie immer - ein „Guten Morgen“ in Richtung der finster dreinblickenden Julie, das mit einem leisen Knurren erwidert wurde, und setzte sich neben sie. Monk jedoch verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und weigerte sich, die Tür zu öffnen. „Mr. Monk, ich habe den Wagen gestern erst durch die Waschstraße gefahren, erwarten Sie also nicht, dass ich Ihnen die Türe öffne; das tue ich ja sonst auch nicht.“ „Ich habe aber kein Tuch.“ Doch diese fadenscheinige Ausrede ließ Natalie nicht gelten. „Davon abgesehen, dass Sie nie und niemals das Haus ohne Tücher verlassen würden, auch wenn sich das verheerende Erdbeben von 1906 wiederholen würde, und dass ich persönlich ihre Tücheraufbewahrerin bin, habe ich sie beobachtet, wie sie Kevin grade vorhin eines aufnötigen wollten. Und was ist mit Ihrem Ärmel? Den benutzen Sie doch sonst auch immer für derartige Aktivitäten.“ Der ängstlichste Mann, den diese schöne Stadt am Pazifik wohl je gesehen hatte, hatte keine Ausrede mehr, zog den Ärmel seines braunen Sakkos über seine rechte Hand und öffnete die Beifahrertür. Dies war das Zeichen für Natalie, dass auch sie sich endlich wieder hinter das Steuer begeben konnte. Als Monk endlich Platz genommen hatte, Julie sich nach mahnender Aufforderung durch ihre Mutter ein eher halbherziges „Guten Morgen“ abgerungen hatte, das von einem seufzenden Monk Gedanken abwesend erwidert wurde und er sich endlich vorschriftsmäßig angegurtet und perfekt alles, was ihn störte, adjustiert hatte, konnte es losgehen. Die Blondine ließ den Motor an und fuhr aus der Parklücke. „Haben Sie alles mit, was Sie brauchen, Mr. Monk? Wo ist Ihre Augenbinde?“ „In meiner rechten Hosentasche“, kam es mit zittriger Stimme zurück. „Gut, den Baldrian von Dr. Kroger hab ich in meiner Handtasche.“ „Ich nehme aber keine Drogen!“ ,war ein Protest von rechts neben ihr zu vernehmen. „Baldrian ist keine Droge, Mr. Monk.“ „Da wären Katzen aber anderer Meinung.“ Natalie verdrehte unsichtbar für Monk die Augen. „Abgesehen davon, dass Sie keine Katze sind-“ „Gottseidank!“ Er hielt sich krampfhaft am Haltegurt oberhalb des Fensters fest, als Natalie ganz sachte in eine Nebenstraße einbog. „-ist Baldrian für Menschen ein ganz natürliches Beruhigungsmittel.“ Natalie ließ sich nicht von ihm abhalten, ihren Satz zu komplettieren. „Außerdem habe ich den Baldrian nur für Notfälle mit. Aber vielleicht schaffen Sie es ja auch so?“ „Sie sind wie immer eine hoffnungslose Optimistin.“ Trotz ihrer heftigen Debatte war Julie auf dem Rücksitz mittlerweile wieder in tiefen Schlummer versunken, während Kevin mit einem seiner Frohnatur vollkommen entsprechenden fröhlichen Grinsen die angeregte Konversation seines Nachbarn und dessen Assistentin verfolgte. „Hat Ihnen Dr. Kroger denn auch etwas für mich gegeben, dass mir gegen die Flugkrankheit helfen kann?“ „Flugkrankheit?“ Natalie sah ihn überrascht an, was Monk jedoch gar nicht begeisterte: „Würden Sie bitte nach vorne sehen. Da vorne kommt ein Stoppschild.“ „Es sind noch mindestens 200 Fuß bis zu dem Schild.“ „Nein, höchstens 178!“ Die Blondine ignorierte diese Korrektur ihres pedantischen Nachbarn und fragte stattdessen. „Mr. Monk, Sie fliegen nirgends hin. Also, warum sollten Sie irgend etwas gegen Flugkrankheit brauchen?“ „Aber für mich wird es sich so anfühlen, als würde ich mich mitten in der Luft befinden oder so, als wäre ich auf einer Kreuzfahrt mitten auf dem Meer bei Windstärke 12“ „Das ist nur eine Brücke, Mr. Monk. Nichts weiter.“ Monk erhob den Zeigefinger. „Großer Irrtum, Natalie. Das ist nicht irgendeine Brücke. Das ist [I]die [/I] Brücke. Schließlich gilt sie nicht ohne Grund als die tödlichste Brücke der Welt. Warum können wir denn nicht mit etwas Kleinerem anfangen? Warum können wir kein Brett auf den Fußboden in Ihrem Haus legen und ich balanciere darüber?“ „In [I]meinem[/I] Haus? Warum ausgerechnet in [I]meinem[/I] Haus? Warum nicht in [I]Ihrer[/I] Wohnung?“ Sie konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie er den Kopf schüttelte, als wäre sie nicht ganz bei Trost. „Ein unbehandeltes Holzbrett ist Natur. Darin wimmelt es nur so vor Termiten, Holzwürmern und was weiß ich für Ungetümen.“ Die blonde, junge Frau ignorierte Monks allseits bekannte Vorliebe für die Flora und Fauna dieser Erde und verkündete stattdessen: „Wir fahren jetzt über die Golden Gate Bridge und Aus, Schluß und Basta. Und falls Ihnen wirklich schlecht werden sollte, dann hat Julie sicherlich irgendwo einen Kaugummi eingesteckt.“ Ihr Beifahrer verzog angeekelt das Gesicht. „Kaugummi? Sie erwarten von mir, dass ich ein Stück Kautschuk in meinen Mund nehme, um mit meinen gründlichst mit je 50 Zahnbürstenstrichen und Zahnseide gereinigten Zähnen darauf herumzukauen und das womöglich mehrere Minuten lang?“ „Mr. Monk, das ist ein nigelnagelneuer, frisch verpackter Kaugummi und keiner, den schon zehn verschiedene Leute im Mund gehabt haben.“ Nun war es Monk, der die Augen rollte. „Ja, aber wer weiß, wie lange der schon in Julies Hosentasche oder in ihrem Schul-Rucksack herumgammelt und es ist mir vollkommen egal, in wie viele Schichten Staniol und Papier er verpackt sein mag.“ Natalies Gedanken kreisten um Mord und Totschlag, doch sie gemahnte sich selbst zur Ruhe und überlegte, ob es nicht besser wäre, wenn [I]sie[/I] die Baldriantropfen einnehmen würde - am besten gleich hier und jetzt und die ganze Flasche auf einmal. „Da vorne ist sie ja schon“, riss eine fröhliche Stimme gleich hinter Monk sie aus ihren morbiden Gedanken. Und tatsächlich, da war sie. Die zwei Türme der orangeroten Golden Gate Bridge tauchten leicht verschwommen von sie umgebenden Nebelschwaden
vor ihnen auf. Majestätisch ragten sie 746 Fuß (227 m) hoch in den Himmel hinein. „Sie ist so schön Orange.“ Verkündete Natalie entzückt. „Man hatte vollkommen recht damit, sie in dieser Farbe zu belassen. Sie passt sich wirklich schön in die Umgebung ein.“ „Ja, damit man den Rost nicht so gut sieht.“  Monk schien wieder mal wie so oft ganz anderer Meinung zu sein als sie. „Aber, Mr. Monk.“ „Was heißt da 'aber'? Alle anderen Brücken sind vor Korrosion geschützt. Nur diese hier darf still und friedlich vor sich hin rosten. Außerdem, warum heißt sie eigentlich 'Golden Gate' wenn sie eher aussieht, wie das total verrostete Tor zur Hölle?“ Kevin musste lauthals lachen. „Ich wusste gar nicht, dass Marin County die Hölle ist.“ „Marin County vielleicht nicht, aber waren Sie schon mal im Napa und im Sonoma Valley?“ Der junge Mann mit der Brille wollte eigentlich darauf antworten, doch die junge Dame neben ihm war mit einem Male hellwach und setzte sich kerzengrade auf. „Wir haben gerade in der Schule über die Brücke gelernt. Und da gibt es tatsächlich einen Club der sich „Halfway to Hell“ nennt. 19 Männer, die beim Bau von der Brücke fielen, wurden von einem darunter befindlichen Netz aufgefangen und überlebten. 11 andere hatten leider nicht so viel Glück. 10 Männer mussten sterben, weil ein Gerüst das Netz zerstört hatte und sie hindurch fielen.“ „Sehen, Sie Natalie, und ich bin hier [I]geradewegs[/I] auf dem Weg in die Hölle.“ Monk sah sie mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck an, und sie erwiderte sarkastisch: „Na, dann ist das hier ja genau das Richtige für Sie. Sie akzeptieren doch nur alles, was  [I]gerade[/I] ist.“ Julie musste schmunzeln und erzählte weiter: „ Die Golden Gate Bridge wurde nach einem antiken Hafen im europäischen Istanbul benannt, der 'Goldenes Horn' genannt wurde.“ „Oder Chrysoceras“, fügte Monk hinzu und Julie nickte. „Das hab ich mir leider nicht gemerkt. Dieses Wort ist viel zu kompliziert.“ „Findest Du?“ Der Mann neben ihrer Mutter machte ein verständnisloses Gesicht, aber Julie erzählte unbeirrt weiter: „Man wollte sie eigentlich grau anmalen, oder das Militär schwarz mit gelben Streifen, aber man beschloss dann doch, sie Orange zu lassen. Was gut so ist, da man sie so im Nebel besser sehen kann.“ „Da hast Du vollkommen recht, mein Schatz!“ Natalie war stolz auf die Kenntnisse ihrer kleinen Tochter. „Ja, aber eigentlich ist das gar kein Orange“, protestierte nun Monk. „Das ist eine Farbmischung PMS Code 173. Sie besteht aus 0 % Cyan, 69 % Magenta, 100 % Gelb und 6 % Schwarz.“ „0 % Cyan? Warum gibt man das überhaupt an, wenn diese Farbe gar nicht drin ist?“ Kevin Dorfman kräuselte seine bebrillte Nase, während Natalie wieder einmal verblüfft die Exaktheit von Monks Gedächtnis bewunderte und dieses Wissen gleichzeitig als eigentlich vollkommen unnötig erachtete. „Ja, und 100 % Gelb. Warum ist sie dann Orange und nicht komplett Gelb?“ Julie war verwirrt. „Leider habe ich aus naheliegenden Gründen momentan nicht die Nerven dazu, um Euch zu erklären, was es genau mit dem PMS Code des CMYS auf sich hat. Aber zumindest begreift Ihr nun vielleicht [I]einen[/I] Grund dafür, warum ich niemals exakt 100 %ige Angaben mache.“ Der neurotischste Detektiv Nordamerikas schien stolz auf diese Eigenheit zu sein, doch Natalie hörte nur ganz beiläufig hin, da der Verkehr vor ihr plötzlich vollkommen zum Stillstand kam und sie völlig unvermutet auf die Bremse treten musste. „Müssen Sie denn immer solche abrupten Bremsmanöver hinlegen? Sie wissen doch noch, was damals passiert ist, als wir plötzlich auf dem Highway anhalten mussten, weil dieser VK-Käfer auf der Straße lag.“ „Ja, daran erinnere ich mich noch sehr gut“, verkündete Natalie, die angestrengt nach vorne blickte, darauf wartend, wann es denn endlich wieder weitergehen würde. „ich habe mir fast das Handgelenk gebrochen und noch viel Schlimmeres.“ Doch Adrian neben ihr schüttelte den Kopf: „Ich spreche doch nicht von dieser Lappalie. Wissen Sie denn nicht mehr, dass mein Füller ausgelaufen ist, und mir das Hemd versaut hat. Ich hab den Fleck nie wieder ganz raus gebracht. Ich musste es weg werfen. Was für eine Verschwendung.“ Natalie seufzte: „Ihre Sorgen möchte ich gerne haben!“ „Wünschen Sie sich das lieber nicht. Denn Sie könnten glatt verrückt dabei werden.“ Die Lenkerin des nunmehr schon mehrere Minuten am gleichen Ort stehenden Wagens musste angestrengt ein lautes Lachen unterdrücken bei dieser Aussage. Aber er hatte recht. So zu sein wie Adrian Monk, musste eine Katastrophe sein. „Warum geht es da vorne denn nicht weiter?“ Julie legte gelangweilt ihren Kopf zur Seite. Nicht nur, dass sie bereits um 5 Uhr morgens aufstehen musste, jetzt steckten sie auch noch in einem Stau fest. „Keine Ahnung, Honey. Da vorne muss wohl ein Unfall passiert sein.“ „Ich habe doch gleich gesagt, wir sollten es lieber bleiben lassen. Natalie, drehen Sie bitte um.“ Ein Hoffnungsschimmer keimte in dem überängstlichen Mann auf dem Beifahrersitz auf, der jedoch sofort wieder durch Natalies finsteren Blick und die darauf folgenden Worte verdüstert wurde. „Nein. Jetzt sind wir schon einmal hier, jetzt führen wir die Sache auch durch.“ Ein tiefes Seufzen war von rechts neben ihr zu vernehmen. „Warum sind wir denn nicht um 4 Uhr nachmittags hierher gekommen? Da wäre es doch auch möglich gewesen?“ Natalie ließ den Motor an und fuhr ein paar Fuß weiter, als der Wagen vor ihr das gleiche tat. „Mr. Monk, ich habe Sie dreimal gefragt, welche Zeit Ihnen lieber ist? Zwischen 5 und 9 Uhr früh morgens oder zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags. Sie haben eine halbe Stunde lang daran herum spekuliert, was nun günstiger wäre, bis ich letztendlich die Initiative ergriffen und diese Zeit als letzte Alternative fix festgesetzt habe.“ „Na bitte, da haben Sie's. Warum stellen Sie mich auch ständig vor derart problematische Entscheidungen?“ Die Fahrerin des nunmehr wieder stehenden Wagens seufzte und fragte sich das insgeheim auch. Mittlerweile sollte sie es besser wissen, dass Adrian Monk zu solch, für normal sterbliche Menschen eigentlich total einfachen Dingen nicht alleine fähig war. Und wie zum Beweis fing er an, an seiner Hosentasche herumzunesteln. Er zog seine Augenbinde heraus und streifte sie über seinen schwarzen Lockenkopf. „Was, jetzt schon? Es sind doch noch etliche 100 Fuß, bis wir die Brücke erreicht haben?“ „Ich ergreife jetzt schon die stets aus Sicherheitsgründen von mir reservierten 5%, bevor ich bei der Auffahrt direkt auf die Brücke die restlichen 95 % hinzufüge. Sicher ist eben sicher!“
Kevin und Julie erhielten je einen deutlich sichtbaren, verständnislosen Blick von der Blondine vor ihnen; Monk konnte es ja nicht mehr registrieren. Doch er konnte auch nicht registrieren, dass sie gerade von mehreren Einsatzfahrzeugen der Polizei und einem Krankenwagen mit Blaulicht überholt wurden. Oder etwa doch? „Natalie, bitte teilen Sie mir mit, falls sich in dem als Zivilfahrzeug getarnten Dienstwagen der Polizei zufällig Captain Stottlemeyer befindet.“ Es hätte ihn wahrscheinlich gefreut, den nunmehr unverkennbar verblüfften Gesichtsausdruck seiner Assistentin zu sehen. „Woher zum Teufel wissen Sie, dass uns gerade Polizeiautos überholt haben? Die hatten doch nur das Blaulicht und keine Sirenen an.“ „Natalie“, Monk schüttelte den Kopf, als hätte sie gerade etwas total Unsinniges von sich gegeben. „Wir stehen im Stau und ich habe genau wahrgenommen, dass uns exakt vier Autos passiert haben: Ein Rettungswagen der Feuerwehr, zwei Streifenwagen und ein Zivilfahrzeug. Welche Autos, ausgenommen Einsatzfahrzeuge, könnten so etwas tun?“ „Wie haben Sie das erkannt? Das ist doch unmöglich!“ Er verblüffte sie immer wieder mit seiner Wahrnehmungsfähigkeit. „Diese Augenbinde ist eben auch nicht zu 100 % blickdicht und lichtundurchlässig - was ich bei Brückenüberquerungen stets bedauere - und ich konnte die Blaulichter als Schimmer erkennen. Die Rotations-Intervalle der Signallichter von Polizei, Feuerwehr und deren Rettungswagen unterscheiden sich doch ganz deutlich wahrnehmbar; sie sind vollkommen unterschiedlich. Und dazwischen war eine Lücke von mehreren Sekunden, in denen kein Blaulicht zu sehen war. Da daraufhin jedoch ein weiterer blauer Lichtschimmer von mir zu erkennen war, muss es sich dabei um ein ziviles Fahrzeug gehandelt haben, welches sein Signal ausnahmsweise nicht angestellt hatte, da es ohnehin von vorne und hinten von zwei Streifenwagen flankiert wurde.“ Der Lenkerin und den beiden anderen Autoinsassen hatte es bei Monks Erklärung komplett die Sprache verschlagen. Er war eben wirklich ein außergewöhnlicher Mann. Und als dieser außergewöhnliche Mann geraume Zeit keinerlei Antwort erhielt, bohrte er nach: „Und, war sein Auto dabei?“ „I- i- ich weiß es nicht, Mr. Monk“, seine Gehilfin fing an zu stottern. „Ich habe nicht darauf geachtet.“ „Was soll das heißen 'nicht darauf geachtet'? Wie kann man denn auf etwas [I]nicht [/I] achten? Ich achte ja auch auf alles, was ich sehe.“ Die Reaktion der jungen Frau neben ihm war ihm einfach unverständlich. „Deswegen sind [I]Sie [/I] ja der beste Detektiv dieser schönen Stadt und nicht ich.“ Sie wollte ihren Worten eigentlich noch 'Gottseidank' hinzufügen, als nun Gedankenblitze des anderen Monk in ihrem Gehirn auftauchten. Gedankenblitze des fanatischen, unter Putzwut und akribischen Ordnungssinn 'leidenden' Adrians, der wie der weiße Wirbelwind durch die Gegend 'fegte' - im wahrsten Sinne des Wortes. „Aber, ich kann ihn ja anrufen, wenn Sie möchten“, bot sie etwas kleinlaut an, was der neurotische Detektiv jedoch ablehnte. „Nein, er wird mich schon selbst anrufen, wenn er meine Hilfe braucht. Obwohl ich ehrlich gesagt froh wäre, wenn er mich in diesem Fall - mitten auf der 7 größten Hängebrücke der Welt - einmal nicht benötigen würde.“ Er ließ ein leises Seufzen vernehmen und Natalie konnte wieder ein paar Fuß vorwärts fahren. „Soll ich Ihnen sagen, wann es soweit ist, oder lieber nicht? Ich meine, soll ich Ihnen sagen, wann wir auf die Brücke auffahren?“ „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, sagte Monk und Natalie antwortete zweifelnd: „Das wäre ja ganz was Neues, dass Sie einmal über etwas nicht Bescheid wissen möchten.“ Als er schwieg fügte sie hinzu. „Also gut, dann sage ich lieber nichts.“ Doch wie auf ein Stichwort, genau, als die Vorderreifen ihres Wagens die Brückenauffahrt berührten, fing Monk zu stöhnen an. „Ach Du lieber Himmel! Ich kann es spüren. Ich spüre es ganz deutlich. Oh! Mir wird schwindelig!“ Seiner Gehilfin war ein derartiges Verhalten einfach unbegreiflich. „Mr. Monk, Sie führen sich doch auch nicht so auf, wenn wir über eine andere Brücke fahren. Was ist an dieser Brücke denn so besonders?“ „Das fragen Sie noch? Andere Brücken sind mir schon unheimlich, weil unter ihnen reines Nichts ist - außer vielleicht Wasser und das ist schon schlimm genug. Aber normale Brücken haben wenigstens halbwegs stabile Stützen und nur eine Dehnungsfuge, um die Kälteschwankungen auszugleichen, aber diese hier hängt mitten in der Luft zwischen zwei Stehern und das in einer Höhe von- ach Du lieber Himmel! Ich darf gar nicht daran denken!“ „Dann tun Sie es nicht! Denken Sie an überhaupt nichts - wenn Sie das überhaupt können.“ Natalie erkannte im gleichen Moment, als sie es sagte, wie absurd ihre Worte eigentlich waren. Adrian Monk und an nichts denken - undenkbar! Und ihre Tochter versuchte ihn ebenfalls zu beruhigen: „Mr. Monk, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Diese Brücke steht schon so lange und in jedem dieser Steher befinden sich über 600.000 Nieten.“ „Wovon die letzte sogar aus purem Gold ist.“, fügte Kevin mit erhobenem Zeigefinger hinzu. „Nur 600.000 Nieten?“ „Über 600.000 Nieten“, korrigierte Julie den Mann mit der zittrigen Stimme. „Wie viele genau?“ Das kleine Mädchen zuckte mit den Schultern. „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.“ Ein Stöhnen aus dem Mund des ehemaligen Polizisten war zu vernehmen. Eines Polizisten, der laut Dienstbeschreibung eigentlich zu den abgebrühtesten, furchtlosesten Männern gehören sollte. „Ungefähr 1,199.999 verrostete Nieten und eine aus Gold. Was ist, wenn eine heraus gefallen ist? Und wenn diese eine fehlende nun genau diese goldene Niete war, die alles zusammen gehalten hat? Und dass sie schon lange steht, beruhigt mich in keinster Weise. Genau das Gegenteil ist der Fall. Alles, was alt ist, geht einmal zu Bruch. Das haben alte Sachen nun einmal so an sich. Und was ist, wenn das genau jetzt in diesem Augenblick der Fall ist?“ Natalie, die ihren Wagen bereits wieder nach einigen Fuß zum Stillstand bringen musste, versuchte ihn zu beruhigen: „Denken Sie an die Pyramiden von Gizeh, Mr. Monk oder die Sphinx oder die Chinesische Mauer. Die stehen schon so lange-“ „Aber die sind nicht verrostet und haben keine Nieten! Warum bauen Menschen eigentlich Brücken? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir Flüsse überqueren, dann hätte er gleich irgendeine Alternative erschaffen. Warum bleiben wir eigentlich nicht ganz einfach dort, wo wir geboren sind, dann gäbe es keine Probleme und wir bräuchten überhaupt keine Brücken oder ähnlich gefährliche Dinge.“ Die Lenkerin des Wagens hatte schön langsam genug von seinen Klagen. „Wollen Sie ein paar Tropfen Baldrian, Mr. Monk?“ „Damit ich zu all dem Desaster auch noch die Katzen der ganzen Umgebung magisch anziehe? Nein, danke.“ „Mom, warum haben wir eigentlich Kevin mitgenommen?“, war Julies helles Stimmchen von hinten zu vernehmen und ihre Mutter war froh über diese Ablenkung. „Weil Fahrgemeinschaften zu dieser Zeit keine Mautgebühr für die Brücke bezahlen müssen. Und für eine Fahrgemeinschaft braucht man mindestens 3 erwachsene Leute.“ Das Mädchen grübelte nach, während der Mann schräg vor ihr auf dem Beifahrersitz wieder ein verzweifeltes Stöhnen vernehmen ließ. „Aber Mom, das kann doch nicht so teuer sein? Wenn wir aus San Francisco hinausfahren müssen wir doch nichts bezahlen.“ „Aber in die andere Richtung, mein Schatz.“ „Ah“, ein erneutes Aufstöhnen von Monk, „soll das heißen, wir müssen [I]zweimal[/I] über diese Brücke fahren?“ „Nein, Mr. Monk.“ „Gottseidank!“, atmete Adrian auf, als er diese Antwort seiner Assistentin vernahm, doch er hatte sich zu früh gefreut. „Dann hätte ich doch Kevin nicht mitgenommen. Die Mautgebühr beträgt pro Achse 2,5 Dollar. Das heißt also, für unser Auto 5 Dollar. Das hätte ich mir durchaus leisten können - oder besser gesagt [I]Sie[/I], Mr. Monk. Aber Dr. Kroger hat mir geraten, gleich mehrere Male hin und her zu fahren, und mit Kevin und um diese Zeit sparen wir Geld.“ Nun wurde ihr Boss panisch. „Wollen Sie mich umbringen?“ „[I]Ich [/I] nicht, aber Dr. Kroger vielleicht. Schließlich kam dieser Vorschlag von ihm.“ Sie blickte zur Seite und konnte Schweißperlen auf Monks Stirn oberhalb der Augenbinde erkennen. „Was habe ich diesem Mann getan, dass er mir so etwas antut?“ Ein kleines Grinsen entschlüpfte Natalie: „Er wird schon seine Gründe dafür haben. Haben Sie vielleicht einmal vergessen, seine Rechnung zu bezahlen?“ Sie wollte eigentlich nur einen Scherz machen, doch als Adrian sich mit einem Feuchttuch, das er aus seiner Brusttasche gezogen und blind aus seiner Verpackung genommen hatte, die Stirn abwischte, da erkannte sie, dass das wohl tatsächlich ein oder mehrere Male der Fall gewesen sein musste. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Dr. Kroger so nachtragend ist.“ Natalie konnte jedoch nichts darauf erwidern, weil ihre ganze Aufmerksamkeit vom Verkehr vor ihr in Anspruch genommen wurde; alle Autos, die vor ihr fuhren, waren nun komplett zum Stillstand gekommen. Die Leute in den Fahrzeugen vor ihrem waren bereits teilweise ausgestiegen und spähten neugierig nach vorne, um herauszufinden, weswegen sie so lange aufgehalten wurden.
Auch Natalie stellte den Motor ab und löste ihren Gurt, was von ihrem Chef sofort heftig kritisiert wurde: „Was soll das? Was haben Sie vor?“ Natalie ignorierte seine Worte - wieder einmal - und sagte stattdessen: „Ich werde aussteigen und mal nachsehen, was da vorne los ist. Sweety, Du bleibst schön sitzen und rührst Dich nicht von der Stelle, okay?“ „Keine Angst, Natalie. Ich werde mich ganz sicher keinen Inch von der Stelle bewegen.“ „Ich habe nicht [I]Sie [/I] gemeint, Mr. Monk, sondern Julie.“ Kevin musste grinsen und das kleine Mädchen antwortete: „Keine Sorge, Mom. Ich bleibe auch, wo ich bin.“ „Und Sie passen bitte darauf auf, dass mir hier keiner irgend einen Unsinn macht.“ „Okay, ich pass auf.“ „Diesmal hab ich Kevin gemein, Mr. Monk.“ Beide seufzten gleichzeitig. Adrian, weil sie in dieser Hinsicht scheinbar kein Vertrauen zu ihm hatte und Natalie exakt aus dem gleichen Grund. Sie lächelte noch einmal ihrer Tochter zu und machte sich auf den Weg, um bereits nach wenigen Schritten von einem uniformierten Polizisten aufgehalten zu werden. „Es tut mir leid, Ma'am. Bitte begeben Sie sich wieder zurück zu Ihrem Auto.“ Er erhob seine Arme und wollte sie zurück drängen, doch Natalie reckte ihren Hals und spähte in Richtung zweier Autowracks, welche in einiger Entfernung zu sehen waren. Und tatsächlich erspähte sie dort die schlacksige Gestalt von Lieutenant Disher und gleich neben ihm dessen Partner und Vorgesetzten Captain Leland Stottlemeyer. „Warum ist die Mordkommission hier?“ „Ich bedaure, Ma'am, aber darüber darf ich keinerlei Auskunft geben.“ „Officer?“ Sie wartete darauf, dass er ihr seinen Namen nannte. „Officer Walker, Ma'am.“ „Officer Walker, mein Name ist Natalie Teeger. Ich bin die Assistentin von Adrian Monk, der dort hinten in meinem Wagen sitzt.“ Sie wies in die erwähnte Richtung. „Adrian Monk? Sie meinen [I]den[/I] Adrian Monk?“ Nun war es der junge Officer, der sich beinahe den Hals verrenkte, da er einen Blick auf den berühmten Detektiv erhaschen wollte. „Ja, genau, [I]der[/I] Adrian Monk. Würden Sie bitte Captain Stottlemeyer oder Lieutenant Disher Bescheid sagen, dass wir hier sind.“ „Sofort, Ma'am, mach ich doch gleich, Ma'am.“ und zu seinem Partner, der ebenfalls die Leute zurück in ihre Autos scheuchte, „Hey, Phil, hast Du gehört? Adrian Monk ist hier.“ Er schrie es so laut, dass Randy auf sie aufmerksam wurde. Er schien sichtlich verblüfft zu sein, als er die ihm bestens bekannte Blondine nicht weit von sich entfernt auf der Brücke stehen sah. Er zögerte keinen Moment und eilte auf sie zu. „Mrs. Teeger, schön Sie zu sehen. Aber was führt Sie ausgerechnet hierher? Hören Sie nun schon den Polizeifunk ab? Wenn ja, dann muss ich Sie leider verhaften, denn das ist strafbar.“ „Leider muss ich Sie diesmal enttäuschen, Lieutenant. Wir sind rein zufällig hier.“ Der junge, hochaufgeschossene Polizist war skeptisch. „Zufällig? Könnte es vielleicht an Monks Karma liegen, der immer und überall über Leichen stolpert, sobald er sich außer Haus begibt. Er ist doch bei Ihnen, nehme ich an.“ Er vernahm ein Seufzen der ihm gegenüber stehenden Blondine. „Wo immer Natalie Teeger ist, dort ist auch meistens Adrian Monk anzutreffen.“ „Im Ernst. Was machen Sie ausgerechnet hier an einem für Monk so untypischen Ort zu solch ungewöhnlicher Stunde?“ Bevor sie antworten konnte, gesellte sich auch der Captain zu ihnen. Er schien Randys letzte Worte gehört zu haben, als er sie begrüßte: „Guten Morgen, Natalie. Wo ist denn Ihr ständig omnipräsenter Schatten?“ „Morgen, Captain. Er wartet dort hinten in meinem Wagen gemeinsam mit Kevin und Julie.“ „Sie meinen doch nicht etwa Monks Nachbarn, Kevin Dorfman?“ Als die Blondine mit einem Nicken auf die Frage des jungen Cops antwortete, ließ er ein Seufzen vernehmen und wandte sich an Walker: „Officer, sorgen Sie bitte dafür, dass der junge Mann mit der Brille in dem Wagen dort hinten unbedingt dort bleibt, wo er ist.“ Als er einen verständnislosen Blick von der jungen Dame ihm gegenüber auf fing, erklärte er: „Kevin Dorfman hat eine irrsinnige Ausdauer darin, Konversation zu treiben, ohne ein einziges Mal Luft zu holen. Jedes Mal, wenn ich mit ihm zusammentreffe, klingen mir noch einen halben Tag lang die Ohren.“ „Aber er mag Mr. Monk und das ist sehr selten“, verteidigte Natalie den tatsächlich ein wenigen nervigen Kerl, der in der Wohnung über ihrem Schützling logierte. „Da haben Sie auch wieder recht.“ Diesmal war es Stottlemeyer, der antwortete. „Also, was treibt Sie frühmorgens um 6 Uhr ausgerechnet hierher mitten auf das wunderschöne Wahrzeichens dieser Stadt.“ „Ich foltere Mr. Monk.“ Der Mund unter dem buschigen Schnurrbart verzog sich zu einem Schmunzeln. „Sind Sie jetzt unter die Großinquisitoren gegangen?“ „Nein. Der Großinquisitor ist Dr. Kroger. Ich spiele nur den Folterknecht und ziehe die Daumenschrauben an.“ „Und, gesteht er? Wenn ja, dann müssen Sie uns Ihre Tricks verraten.“ Es machte den drei Leuten sichtlich Spaß, Scherze auf Kosten des neurotischsten aber auch genialsten Detektives zu machen. „Spaß beiseite. Wie sieht denn diese Folter genau aus, und wozu ist sie gut?“ „Dr. Kroger meint, Mr. Monk wäre endlich soweit, ein paar seiner Ängste zumindest teilweise zu überwinden. Und als erstes bekämpfen wir die Bestie, die in Mr. Monks persönlicher Phobien-Liste 'Brückenüberquerung' genannt wird.“ Die tiefblauen Augen Randall Dishers funkelten erheitert. „Das wird ihm aber gefallen, wie ich ihn kenne.“ „Ich hoffe, Sie haben ein wirksames Beruhigungsmittel dabei.“ Er erhielt eine zustimmendes Nicken. „Ja, Dr. Kroger hat mir Baldrian mitgegeben.“ „Und wie viele Flaschen davon haben Sie bereits konsumiert?“ Diesmal war es Stottlemeyer, der erheitert nachfragte. „Keine, ich habe mich vorsorglich vorher von Dr. Kroger hypnotisieren lassen. Nein, im Ernst. Er sitzt im Wagen und zittert wie Espenlaub. Wenn er einem nicht mit seinen ständigen Querelen auf die Nerven gehen würde, dann könnte man ihn fast bedauern.“ „Ach, Natalie. Geben Sie es doch zu. In Wirklichkeit tun Sie doch genau [I]das [/I] - ihn 'bedauern'.“ „Ja, aber das darf ich ihm nicht zeigen, sonst würde ich ihm keinen sehr guten Dienst erweisen. So versuche ich eben, mit Galgenhumor die Sache zu überspielen.“ „Was glauben Sie, ist es Ihnen möglich, unseren Superdetektiv dazu zu bewegen, auszusteigen und sich zu uns zu begeben?“ Die junge Frau ließ ein leises Seufzen vernehmen, als der Captain dieses Anliegen formulierte. „Wenn ich [I]das[/I] schaffe, dann bekomme ich aber eine Sonderzulage für Schwerarbeiter vom Police Department. Wahrscheinlich wäre es leichter, einen Blauwal wieder zurück ins Meer zu werfen, als Mr. Monk aus dem Auto zu kriegen. Aber ich werde mein Möglichstes versuchen.“ Zur Sicherheit beschloss der große Mann mit dem imposanten Schnurrbart, sie zu begleiten.

„Guten Morgen, Monk“ diese harmlose Begrüßung des Captains ließ den Mann auf dem Beifahrersitz von Natalies Auto sichtlich zusammenzucken, als hätte ihn ein ganzer Schwarm Bienen gestochen, was Stottlemeyer, der durch das geöffnete Fenster auf der Fahrerseite blickte, doch sehr verwunderte. „Sagen Sie bloß, Sie hätten mich nicht kommen gehört. Sie hören doch sonst die Flöhe husten?“ „Ich hatte mich gerade auf etwas Anderes konzentriert.“, antwortete Monk und 'blickte' hinter seiner Augenbinde stur gerade aus. „Und [I]worauf[/I] haben Sie sich konzentriert?“ „Darauf, mich auf nichts zu konzentrieren.“ „Geht denn das überhaupt?“ Natalie hatte ihre Autotür geöffnet und spähte ebenfalls in den Wagen hinein. „Schaffen Sie das überhaupt, sich auf nichts zu konzentrieren?“ „Nein, das ist es ja gerade. Es macht mich nervös, wenn ich mich auf nichts konzentrieren kann.“ „Ich glaube, da kann ich Abhilfe schaffen, Monk“, kam der Captain nun auf sein Anliegen zu sprechen. „Ich habe dort vorne einen Mann, der mit überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen und auf der Gegenseite in ein anderes Auto gekracht ist. Und - um ehrlich zu sein - an diesem Unfall kommt mir irgendetwas komisch vor? Könnten Sie sich das eventuell mal ansehen? Denn, wenn Sie sagen, dass es nur ein Unfall ist, dann bin ich zufrieden, wenn nicht, dann-“ „Aussteigen?!“ Monks Stimme klang panisch „Sie wollen, dass ich aussteige?“ „Tja, anders bringe ich Sie leider nicht an die Autowracks heran.“ Sein neurotischer, überängstlicher Helfershelfer in kriminalistischen Dingen schien seine letzten Worte gar nicht registriert zu haben. „Sie wollen, dass ich mitten in der Luft aussteige?“ „Mr. Monk, Sie sind nicht [I]mitten[/I] in der Luft. Sie befinden sich auf einer Brücke-“ „ [I]Der[/I] Brücke, Natalie. [I]Der[/I] Brücke.“ Er presste sich in seinen Sitz, als hoffe er, darin vollkommen zu versinken. „Monk, das ist keine Hängebrücke aus Lianen mitten im Dschungel, das ist die 7 größte Hängebrücke der Welt. Tausende und abertausende Menschen haben sie schon überquert-“ „Ja, und wie viele sind bereits hinuntergefallen?“ „Na, so ungefähr um die 1.200, aber man munkelt, dass es sogar um die 2000 sein könnten, wovon nur 26 den Sprung überlebten.“ Für diesen 'genialen' Einwurf, der alles andere als hilfreich war, kassierte der Mann mit der Brille auf der Rückbank einen gestrengen Blick aus funkelnd blauen Augen. Doch Monk schien es gar nicht gehört zu haben oder absichtlich zu ignorieren und fuhr fort, zu lamentieren: „Julie hat gerade von den 11 Leuten erzählt, die schon beim Bau verstorben sind und von den 19 Personen dieses teuflischen Clubs.“ „Wollen Sie etwa, dass ich für Sie auch ein Netz anbringen lasse?“ Captain Stottlemeyer wurde schön langsam ungeduldig. Schließlich dauerte es umso länger, bis der Verkehr auf der Brücke wieder ungehindert fließen konnte. „Wie lange würden Sie dafür ungefähr brauchen?“ Adrian hinter seiner Augenbinde sah so aus, als ob er diese Gefälligkeit tatsächlich erwartete. „Monk, das war keineswegs ernst gemeint.“ „Warum machen Sie mir immer derartige Angebote, wenn Sie sie dann doch nicht einhalten?“ Man konnte sehen, wie es in dem ehemaligen Partner und Boss des überängstlichen Mannes zu brodeln begann. Er ging zur Beifahrertür und öffnete sie etwas stürmischer als gewöhnlich, worauf Adrian sofort in Richtung Fahrersitz zurück wich. „Was haben Sie vor?“ „Sie erwürgen, wenn Sie nicht sofort aussteigen und mich begleiten!“ „Ist das wieder eines Ihrer Angebote, die Sie nie erfüllen?“ Jetzt musste der blonde Mann grinsen. „Nein, [I]dieses[/I] löse ich ein. Darauf können Sie zählen.“ „1, 2, 3, 4-“, was Monk auch tatsächlich tat. „Ja genau. Ich zähle jetzt bis 3 und dann steigen Sie aus, sonst-“ Ein großer Seufzer war zu hören, und Monk resignierte gezwungenermaßen. „Okay, ich steige aus. Aber die Augenbinde bleibt oben.“ „Und wie wollen Sie sich dann in den genialen Detektiv verwandeln, der jede Kleinigkeit sieht? Denn hellseherische Fähigkeiten werden Sie wohl kaum auch noch aufweisen.“ Monk stellte seine Beine auf den Brücken-Boden, erhob sich ganz vorsichtig aus dem Autositz, und hielt sich dabei krampfhaft am Autodach fest. Dann stöhnte er: „Ach, du lieber Himmel! Alles dreht sich. Mir wird schwindlig. Alles um mich herum dreht sich.“ Nun war es der Captain, der seufzte. „Warum müssen Sie immer so schamlos übertreiben? So furchtbar kann das doch wirklich nicht sein.“ Monk schien jedoch anderer Meinung zu sein: „Sie haben ja keine Ahnung. Hat sich schon einmal alles um Sie herum gedreht, als würden Sie in einem Karussell sitzen?“ „Ehrlich gesagt ja, Monk. Wenn ich ab und zu mal ein paar Drinks zu viel in mich hinein schütte, dann weiß ich auch nicht mehr wo oben und unten ist. Und erzählen Sie mir bloß nicht, ausgerechnet [I]Sie[/I] wären schon einmal mit einem Karussell gefahren.“ „Bin ich auch nicht. Aber ich stelle mir Karussellfahren ungefähr so vor wie das Schwanken dieser Brücke hier.“ Natalie und Stottlemeyer tauschten vielsagende Blicke aus, während Kevin und Julie sie erheitert beobachteten. Der Captain ergriff Monks Ellbogen, um ihn zu führen, und Natalie eilte herbei, um das gleiche auf der anderen Seite zu tun. Seltsam beäugt von den anderen Autofahrern in der wartenden Kolonne strebten sie langsam, Schritt für Schritt, auf den vermeintlichen Unfallort zu. Monk sagte unterdessen kein einziges Wort, sondern gab stattdessen nur ab und zu ein gequältes Stöhnen von sich. „Sieh mal einer an, wer da kommt“, begrüßte Sie Randy, als sie seinen Standpunkt erreichten. „Womit hat der Captain Sie erpresst, Mr. Monk?“ „Mit Mord und Totschlag selbstverständlich“, grinste der Captain. „Womit sonst könnte man Adrian Monk wohl aus seiner Reserve locken.“ „Es besteht ein gravierender Unterschied, ob es sich um den Mord an einer anderen Person handelt oder einer Morddrohung in Bezug auf meine Wenigkeit, Captain“, gab der überängstliche, ehemals angeblich mutige Cop gequält von sich. „Es hat doch gewirkt, oder?“ Natalie lachte unhörbar über diesen Satz des schnurrbärtigen Polizisten. „Na, dann wollen wir mal.“ Stottlemeyer zog Monk an seinem Ellbogen weiter und als die beiden außer Hörweite waren, wandte sich der junge uniformierte Cop an Lieutenant Disher. „Bitte, sagen Sie mir jetzt nicht, dass das der berühmte Detektiv Adrian Monk war?“ „Gut, dann sage ich es nicht. Sie würden es sowieso nicht glauben“, lautete Randys Antwort, bevor er seinem Partner und dessen Nothelfer hinterher eilte. Sie standen nun direkt vor den Autowracks. Der Schaden schien nicht besonders groß zu sein und doch war der Fahrer eines roten Coronas mausetot, während der andere Verunfallte leicht verletzt auf einem Stuhl in der offenen Tür des Krankenwagens saß und ein Tuch an seine Stirn presste. Der Tote war auf seinem Sitz nach vorne gesunken, aber er war weich gelandet; in seinem ausgelösten Airbag. Kein Tropfen Blut war zu sehen, zumindest nicht auf den ersten Blick. Die Motorhaube war eingedrückt, aber die Fahrgastzelle war nahezu unbeschädigt. Nun war es an der Zeit, dass der genialste Ermittler der Stadt seine Meinung zu dieser Szenerie zum Besten gab, die eigentlich wie ein vollkommen harmloser, leichter Unfall aussah, aber das war mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. „Monk, wir sind da. Es ist soweit. Sie können die Augenbinde abnehmen.“ „Ich kann nicht, ich [I]muss [/I]!“ Aber anstatt sich tatsächlich von seinem Schutz vor Brückenüberquerungen zu befreien, stand Adrian nur tatenlos da. „Worauf warten Sie?“ „Dass die Brücke endlich zu schwanken aufhört, worauf denn sonst?“ Die blauen Augen des Captains bedachten Monk mit einem ärgerlichen Blick. „Adrian, je eher, dass Sie die Binde abnehmen, desto eher sind wir hier fertig“, versuchte nun Natalie ihr Glück. Dies schien dem Mann mit den unzähligen Phobien anscheinend einzuleuchten, und er wandte den Kopf in ihre Richtung. „Gut, ich werde die Augenbinde jetzt abnehmen. Aber ich kann für nichts garantieren.“ Er sagte es so, als ob er vor hätte, eine gefährliche Waffe zu ziehen. Er schob das Stück Stoff, das seine obere Gesichtshälfte bedeckte, über dem rechten Auge ein klein wenig nach oben und lugte vorsichtig auf die Szenerie vor ihm. „Monk, würde Sie endlich diese verdammte Binde ganz abnehmen und sich konzentrieren!“ Die sonore Stimme seines ehemaligen Vorgesetzten und Partners wurde lauter. „Aber ich sehe auch so sehr gut. Oder zumindest für mein persönliches Empfinden vollkommen ausreichend.“ Als Antwort erhielt er ein ungeduldig klingendes Seufzen. „Na, schön! Aber nun machen Sie schon!“
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