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Mr. Monk und die letzte Nachricht eines Toten

von messssem
GeschichteKrimi / P12 / Gen
30.05.2006
30.05.2006
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MR. MONK UND DIE LETZTE NACHRICHT EINES TOTEN:


PROLOG


"Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub ..." Die beiden älteren Frauen, die weinend an der kleinen, zugeteilten Grabnische des so überraschend und tragisch Verstorbenen standen, lauschten mehr oder weniger ehrfurchtsvoll den trostvoll gemeinten Worten des feierlich gekleideten Priesters. In einer mit unzähligen anderen Behältnissen gleicher Art bestückten Mauer, hinter einer groben, nur mit dem Namen des Toten versehenen Platte aus Beton, hinter der für jenen jetzt ewige Finsternis herrschte, wurde die schlichte Urne mit den sterblichen Überresten beigesetzt. Doch während die eine der beiden Frauen richtige, ehrlich gemeinte Tränen vergoss, weinte die andere nur alibihaft vorgetäuschte Krokodilstränen. "Ja genau, der Pfarrer hat recht. Asche und Staub - mehr als das ist nicht mehr von Dir übrig, Du alter Geizkragen. Jahrelang habe ich mir Deine Boshaftigkeiten gefallen lassen müssen. Jahrelang hast Du mich gedemütigt, und Mutter hat Dir auch noch dabei geholfen. Du hast es nicht besser verdient! Du bist immer der ganz besondere Liebling unserer Eltern gewesen, und unsere Schwester und ich, wir mussten alles ausbaden. Nein, auch ihr erging es besser als mir, wenn ich es recht bedenke. Viel besser! Aber nun hast Du Deine gerechte Strafe erhalten. Und jeder, der mir in die Quere kommt, soll sich davor hüten, dass ich ihm nicht das Gleiche antue wie Dir, Du elender Schuft." Sie blickte auf ihre zutiefst trauernde Schwester neben ihr. "Ja, heul' Du nur! Wenn Du so weiter machst wie bisher, dann wirst auch Du bald bei ihm dort drinnen landen. Und kein Mensch, kein einziger Mensch wird dahinter kommen, dass ich persönlich dafür gesorgt habe, dass das begangene Unrecht an mir gesühnt worden ist. Ich habe das perfekte Verbrechen begangen, und niemand wird mich je für meine Tat belangen können, bis ich mich letztendlich vor einem viel höheren Gericht zu verantworten habe." Der Pfarrer hatte seine ziemlich kurz gehaltene Predigt beendet, und der Tote schlief, nur noch bestehend als ein Häufchen Staub, seinen nunmehr ewig währenden Schlaf, der durch eine schändliche, gewaltvolle Tat, ausgeführt von seiner von ihm geliebten leiblichen Schwester, über ihn gekommen war. Eine einzelne weiße Lilie aus der Hand der einen und ein Strauß bunter Blumen aus der Hand der anderen Schwester waren der letzte endgültige Gruß an ihn. Mitgefühl heuchelnd stützte die alles andere als trauernde der beiden Schwestern die andere Frau und tätschelte scheinbar liebevoll deren Tränen benetzte, eiskalte Wange.

Während Natalie Teeger an diesem Montag Nachmittag ihre eben besorgten, vollen Einkaufs-Tüten auspackte, versuchte ihre Tochter Julie, ihre Schularbeiten zu erledigen; was ihr jedoch nicht gelang, weil Adrian Monk, der Chef ihrer Mutter, viel konzentrierter als sie damit beschäftigt war, ihre Bleistifte gleich lang zu spitzen. Als er jedoch bemerkte, wie sie den Bleistift in ihrer Hand zum Mund führte und darauf herum knabberte, ließ Monk abrupt sämtliche Schreibgeräte angeekelt zu Boden fallen. Natalie, die den beiden den Rücken zugewandt hatte, erschrak und gab ein mahnendes "Adrian!" von sich. Sie bückte sich, um - unterstützt von Julie - die Stifte wieder aufzuheben, während Monk mit weit von sich gestreckten Händen ins Badezimmer eilte, um sich  zu waschen. Mutter und Tochter tauschen bedeutungsvolle Blicke aus, und Natalie fragte ihren Boss, als jener wieder zu ihnen zurück kehrte: "Wie wäre es, wenn ich uns morgen etwas Leckeres zum Abendessen koche?" "Au ja, Mom! Mach doch irgendein ausländisches Gericht: Indisch, zum Beispiel, oder Mexikanisch?" Julie war sofort Feuer und Flamme, während Monk ganz beiläufig ein "Morgen ist Dienstag" von sich gab. "Und was wollen Sie uns damit sagen?" Natalie neigte ihren Kopf zur Seite und stützte die Hände in die Hüften. "Dienstag ist Gemüse-Kuchen-Tag. Sie sollten also einen Gemüse-Kuchen backen." "Gemüse-Kuchen, oh nein!", schrie Julie alles Andere als begeistert auf und seufzte. "Tut mir leid, Mr. Monk, aber Julie hasst Gemüse; so wie fast alle Kinder in diesem schwierigen Alter zwischen elf und 25 es tun." "Aber es ist nicht gut, wenn man alte Gewohnheiten ändert?" Monk ging zu Natalies Küchenschränken, um die Dosen, die sie gerade hineingestellt hat, akribisch zu ordnen. "Wer sagt das?" Julie verdrehte die Augen. "Ich sage das; immer wieder. Und je öfter ich es höre, um so besser gefällt es mir." Er drehte sämtliche Dosen mit dem Etikett nach vorne und stellte sie in zwei exakt hintereinander liegenden Reihen auf."Warum machen Sie sich denn nicht selbst einen Gemüse-Kuchen? Dann können Sie ihn jeden Tag essen, wenn Sie wollen, egal ob es Dienstag, Samstag oder Sankt Nimmerleinstag ist." Das Mädchen sah ihn abwartend an. "Nein, das geht nicht! Ich kann das nicht! Ich brauche jedes Mal Stunden, bis der Kuchen fertig ist." Natalie schüttelte den Kopf: "Aber so schwer ist das doch gar nicht! Jedermann kann einen Gemüse-Kuchen machen, wenn er will. Außerdem weiß ich, dass Sie sich beim Kochen gar nicht so dumm anstellen - abgesehen von ein paar Dingen vielleicht. So wie sämtliches Geschirr und Essbesteck vorher mit kochend heißem Wasser abzuspülen, als ob man sie für einen komplizierten operativen Eingriff verwenden würde und nicht, um damit zu essen." "Weshalb ist eine derartige Prozedur so abwegig? Das Essen wird ja schließlich auch gekocht." Monk wirkte im ersten Augenblick tatsächlich so, als ob er beleidigt wäre, doch dann merkte er zu seiner Verteidigung an: "Außerdem, wenn ich mich ab und zu in ein Restaurant begebe, dann verwende ich auch das Geschirr, das ich bekomme, obwohl ich keinerlei Ahnung habe, was zuvor damit geschehen ist." Natalie konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. "Wie oft im Jahr gehen Sie denn in ein öffentliches Restaurant, wenn ich fragen darf?" Nervöse Zuckungen mit seinem Kopf vollführend, begann er zu überlegen: "Nun, äh, wenn ich durch widrige Umstände dazu gezwungen werde, so ungefähr zweiund- einund-, okay ein oder zwei Mal im Jahr. Aber Sie müssen zugeben, dass das in meinem Fall bereits ein großes Zugeständnis an die heimische Gastronomie ist." Natalie antwortete leicht sarkastisch: "Ja, Sie sind wirklich sehr mutig, Mr. Monk! Aber Julie hat vollkommen recht! Warum machen Sie sich denn nicht selbst einen Gemüse-Kuchen, wenn Sie ihn so sehr lieben?" Monk sah sie mit einem leicht verzweifelten Ausdruck im Gesicht an. "Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie viel Zeit es mich kostet, bis ich die Erbsen abgezählt habe?" Julie musste es sich verkneifen, laut loszuprusten. "Sie zählen die Erbsen tatsächlich einzeln ab?" "Ja, ja das tue ich und außerdem auch noch die Bohnen. Aber am schwierigsten ist es allerdings, die Karotten in gleichmäßige Scheiben und die Kartoffeln in exakt gleich große Würfel zu schneiden. Es macht mich wahnsinnig, wenn sie nicht perfekt werden!" Natalie klopfte ihm mitleidsvoll auf die Schulter. "Ach, Sie Armer! Es ist das reinste Wunder, dass sie noch nicht bei vollen Schüsseln verhungert sind. Okay, einverstanden! Ich mache Ihnen morgen Ihren heißgeliebten Gemüse-Kuchen." Adrians Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen erfreuten Lächeln. "Und Sie nehmen auch Sharonas Spezial-Rezept dafür?" "Aber selbstverständlich - jedoch nur unter einer Bedingung!" Monks blonde Assistentin Schrägstrich Betreuerin erhob den Zeigefinger. "Und die wäre?" Ihr Chef blickte fast ängstlich drein, als er auf ihre Antwort wartete. "Sie setzen unter keinerlei Umständen einen Fuß in meine Küche! Das fehlte mir noch, dass Sie hier auch noch damit anfangen, die Erbsen zu zählen!" Julie konnte das Lachen jetzt doch nicht mehr unterdrücken. "Jetzt weiß ich endlich, wo der Ausdruck "Erbsenzähler" her stammt. Die müssen Mr. Monk gekannt haben." "Julie!" Natalie erhob erneut ihren Zeigefinger, dieses Mal jedoch mahnend. Und ihre Tochter verstummte und versuchte erneut, sich auf ihre Schularbeiten zu konzentrieren. Monk schnappte sich unterdessen ein Geschirrtuch und ein Putzmittel und fing damit an, hingebungsvoll die Arbeitsflächen zu putzen. Natalie ließ ihn wortlos gewähren; einerseits um ihn irgendwie zu beschäftigen und andererseits war sie froh, dass sie es nicht selbst tun musste.

Sie ging zu Julie und blickte ihr interessiert über die Schulter, als plötzlich Monks Handy, welches jener auf dem Tisch deponiert hatte, zu klingeln begann. Die junge Frau streckte ihren Arm danach aus und meldete sich dienstbeflissen: "Hier Adrian Monks Büro. Was kann ich für Sie tun?" Adrian hielt mit dem Putzen inne und versuchte interessiert, ein paar Wortfetzen des Gespräches zu erlauschen. "Ja, aha, aha, ich verstehe. Und Sie sind sich vollkommen sicher? Aha, aha, einen Augenblick bitte!" Sie bedeckte das Telefon mit ihrer flachen Hand und wandte sich an ihren Boss. "Da ist eine Mrs. Ling am Apparat. Sie sagt, Sie würden sie kennen." "Ja, ich kenne sie. Und sie hat freiwillig hier bei mir angerufen?" Monk legte erstaunt seinen Kopf schief. "Sie sagt, sie hätte etwas entdeckt, was sie beunruhigen würde. Irgendeine Notiz oder so etwas. Sie bittet uns, sofort zu ihr zu kommen." Monk war noch immer skeptisch. "Und sie ist sich auch ganz sicher, dass sie sich nicht verwählt hat?" Seine Assistentin ignorierte ihn kopfschüttelnd und nahm die Hand von der Sprechmuschel. "Hallo, Mrs. Ling, sind Sie noch dran? Wir kommen sofort zu Ihnen. Wie ist Ihre Adresse? Ach, Mr. Monk, weiß, wohin wir müssen." Sie warf ihrem Chef, der nicht besonders begeistert drein blickte, einen fragenden Blick zu, der jedoch ohne Reaktion blieb. "Also gut, bis später dann." Sie nahm das Handy vom Ohr und sah Monk fragend an. "Das war die Besitzerin meiner ehemaligen Wäscherei", klärte dieser sie auf. "Sie mag mich nicht besonders, sie hält mich für verrückt." "Ach, wie kommt sie denn auf so eine abwegige Idee?" Natalie warf ihrer Tochter bei dieser sarkastischen Aussage einen kurzen, bedeutungsvollen Seitenblick zu. "Ja, das frage ich mich auch?", erwiderte Adrian seufzend. "Gehen wir." Er strebte auf die Tür zu, um sofort wieder umzukehren, wobei er fast mit seiner Betreuerin zusammenstieß. "Was ist los?" "Es regnet, wir sollten besser einen Schirm mitnehmen!" "Aber es sind doch nur 10 Fuss bis zum Auto." Doch ihr Protest war nicht besonders erfolgreich. "Abgesehen davon, dass es mindestens 15 Fuss sind, haben wir keinerlei Ahnung, wie weit entfernt von Mrs. Lings Wäscherei wir einen Parkplatz bekommen." Resignierend eilte die junge Blondine zurück, um das Gewünschte zu holen. Nach einem zustimmenden Blick ihres Arbeitgebers und einem schnellen Gruß an ihre Tochter, machte sich Natalie gemeinsam mit dem besten Detective von San Francisco auf den Weg zu Mrs. Ling.

Etwa eine halbe Stunde später, nachdem Monk seiner neuen Assistentin alles, was er mit Mrs. Ling erlebt hatte, haarklein berichtet hatte, kamen sie in der Straße, in der sich die Wäscherei befand, an. Und so, als ob Monk es vorhergesehen hätte, mussten sie tatsächlich ziemlich abseits ihres Zieles das Auto parken. Es goss mittlerweile in Strömen, und die an Monks Seite gehende Natalie hatte Schwierigkeiten, genügend Platz unter dem Schirm zu finden, damit sie nicht nass wurde. Adrian schien sich nicht groß darum zu kümmern, dass sie sich im Trockenen befand; Hauptsache er selbst wurde so wenig wie möglich von den Regentropfen benetzt.
Endlich im Laden von Mrs. Ling angelangt, war von jener keinerlei Spur zu sehen. Monk wollte seiner Assistentin den total durchnässten Schirm in die Hand drücken. "Hier, nehmen Sie ihn und werfen Sie ihn weg!" Sie sah ihn entgeistert an und tat nichts dergleichen. "Wieso soll ich ihn weg werfen? Er ist doch nur nass." Mit verzogenem Gesicht den Schirm weit von sich weg haltend, antwortete Monk: "Ich benutze nie zweimal den gleichen Schirm." Natalie machte noch immer keinerlei Anstalten, nach dem nassen Ding in der Hand ihres Chefs zu greifen. "Aber das ist doch nur Wasser, weiter nichts!" "Sie haben wohl noch nie etwas von saurem Regen gehört", stellte der tollste Detektiv der Stadt verständnislos fest. "Diese Dinger kann man nicht waschen! Ich habe es mal versucht, bin jedoch kläglich gescheitert." "Sie haben versucht, einen Regenschirm zu waschen?" Die junge Blondine sah ihn entgeistert an. "Selbstverständlich habe ich das! Ich wasche alles, was man nur waschen kann. Ich bin doch nicht lebensmüde und lasse irgendwelchen verseuchten Dinge an mich heran." Natalie Teeger seufzte: "Ach nein! Aber das ist mein Regenschirm, nicht Ihrer. Und ich werde ihn nicht weg werfen! Außerdem müssen wir ja auch wieder zurück, und was machen wir dann?" Monk zuckte mit den Schultern, als Sie ihm endlich das pitschnasse Utensil aus der Hand nahm. "Ich brauche ein Tuch!", war alles, was er darauf antwortete. Natalie deponierte den Schirm auf der Ladentheke und kramte in ihrer Handtasche nach einem von Adrians Feuchttüchern. Als sie ihm eines reichte, stellte sie schmunzelnd fest. "Die Schirmhersteller in Großbritannien haben ein riesiges Pech, dass Sie nicht in ihren Breitengraden leben. Das wäre das Geschäft ihres Lebens, Sie als Kunden zu haben!" Monk erwiderte nichts auf diese Feststellung und begab sich, nachdem er gründlich seine Finger und Handflächen gereinigt hatte, zu der Klingel, die sich gleich neben dem durchfeuchten Diskussionsgegenstand befand. Ungeduldig begann er, nach der Besitzerin des Ladens zu läuten, die, nach dem zehnten durchdringenden Geräusch, welches schrill in der ganzen Wäscherei zu hören war, laufenden Schrittes herbei geeilt kam. "Mr. Monk, dachte ich es mir doch, dass ich die Klingel besser hätte wegräumen sollen, nachdem ich Sie hierher bestellt habe. Das war wirklich äußerst nachlässig von mir." "Ich freue mich auch, Sie wiederzusehen", bemerkte Monk mit zur Seite geneigtem Kopf, um dann erneut demonstrativ auf die Klingel zu drücken. Mrs. Ling ließ ein entnervtes Seufzen vernehmen, um dann die Klingel sofort unter der Ladentheke verschwinden zu lassen. Natalie entschloss sich, die Sache in die Hand zu nehmen und stellte sich der Ladenbesitzerin höflich vor: "Mrs. Ling, ich bin Natalie Teeger, Mr. Monks neue Assistentin. Wir beide haben vor einer halben Stunde miteinander telefoniert, und Sie haben mir mitgeteilt, dass Sie meinen Chef dringend sprechen müssten." "Ja, allerdings!" Anstatt jedoch ihren alten Kunden und Kontrahenten in diversen Streitgesprächen anzusehen, wandte sie sich direkt an dessen Gehilfin. "Unter meinen Kundinnen befinden sich auch etliche Krankenschwestern des SF General Hospitals; sie lassen ihre Dienstkleidung von mir reinigen. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, sämtliche Taschen noch einmal nach zu kontrollieren, ob nicht eventuell Etwas darin vergessen worden ist, und da bin ich zufällig auf das hier gestoßen." Sie griff erneut unter die Ladentheke und brachte ein zerknülltes Stück Papier zum Vorschein, welches Monk sofort neugierig in Augenschein nahm; nicht jedoch, ohne die Frau, die einige Monate zuvor noch dafür gesorgt hatte, dass seine Kleidung penibelst gereinigt wurde, zu rügen: "Muss dieser Zettel denn unbedingt so zerknüllt sein? Sie hätten ihn wenigstens zuvor bügeln können!" "Adrian!", Natalie sah ihn entgeistert an. "Das ist vielleicht ein Beweisstück, und Sie wollen es so einfach bügeln! Was sind Sie denn für ein Detective?" "Tut mir leid, ich hatte total darauf vergessen. Wissen Sie, was ich an den Beweismitteln und den Tatorten am meisten hasse?" Als er keine Antwort darauf erhielt, beschloss er, auch ohne jedwede Reaktion zu erklären: "Dass sie sich immer in einem so furchtbar desolaten Zustand befinden, schmutzig oder unordentlich sind. Warum müssen Verbrecher jedes Mal, wenn sie ihre Taten begehen, eine derartige Zerstörungswut an den Tag legen?" Natalie wandte sich an die etwas verstört dreinblickende Mrs. Ling. "Sein ehemaliger Captain und ich müssen ihn jedes Mal davon abhalten, dass er damit anfängt, den Tatort aufzuräumen." Die chinesische Geschäftsinhaberin verdrehte die Augen und stellte sarkastisch fest: "Und ich dachte bisher immer, die Leichen wären das Schlimmste, was einem an einem Tatort unterkommen würde." "Tja, so kann man sich irren", bemerkte Adrian, und es sah so aus, als ob diese Feststellung sein voller Ernst wäre.

Wollen Sie sich jetzt den Zettel ansehen oder nicht?", versuchte Natalie, die Aufmerksamkeit ihres Bosses wieder auf den eigentlichen Grund ihres Hierseins zu lenken. Monk fasste sich mit der Hand an die Stirn und gab ein leises Seufzen von sich. "Selbstverständlich! Doch um Ihren Zweifeln an meinen detektivischen Fähigkeiten noch etwas hinzuzufügen: Mrs. Ling muss den Zettel ja bereits angefasst und entfaltet haben, sonst hätte Sie das, was sie so beunruhigt hat, ja nicht lesen können; und ihre Fingerabdrücke sind mit Sicherheit auch darauf." Die Wäscherei-Inhaberin wurde jetzt doch etwas kleinlauter und sah mit einem Male schuldbewusst drein. "Ich gebe ja zu, dass ich es mir angesehen habe, und vor lauter Schreck über das, was darauf stand, knüllte ich es sofort wieder zusammen." Monk nahm je ein Tuch in eine seiner beiden Hände und fing vorsichtig damit an, den Zettel zu entfalten. "Haben Sie eine Klarsichtfolie oder eine durchsichtige Tüte, Mrs. Ling?" Endlich war er wieder ganz der brilliante Detektiv, als der er weithin bekannt war. "Wir müssen alle etwaig darauf befindliche Fingerabdrücke schützen, falls es tatsächlich ein wichtiger Beweis sein sollte; und wir müssen sie selbstverständlich mit Ihren eventuell hinterlassenen Fingerspuren abgleichen." Die Chinesin nickte etwas schuldbewusst und reichte ihm das Gewünschte, worauf Monk das nunmehr wieder annähernd glatte Stück Papier, mittels eines Tuches, das er benutzte, um jenes zu ergreifen, in eine Klarsichthülle beförderte. Bei dem Zettel schien es sich ganz offensichtlich um eine verblasste Rechnung zu handeln. Er war nicht besonders groß und die auf der Vorderseite aufgedruckten Zahlen, Name und Adresse des ausstellenden Geschäftes waren bereits verblasst. Monk drehte den kleinen Zettel um und verkündete ein wenig angespannt: "So, jetzt wollen wir uns mal ansehen, was Sie so in Angst und Schrecken versetzt hat." Die auf dem Stück Papier befindliche, rötliche Schrift war ziemlich krakelig und fast unleserlich, da der Gegenstand, mit dem geschrieben wurde, nicht besonders fest aufgedrückt worden war. "Ich wurde von meiner eigenen Schwester ermordet“, las Monk laut vor. "Das ist alles?“ Natalie war enttäuscht. "Nur ein Satz, aber der sagt doch alles aus, oder?“ Mrs. Ling blickte ihren ehemaligen Kunden um Zustimmung heischend an. "Das könnte doch irgend jemand einfach nur aus Scherz geschrieben haben?“ Natalie blickte ebenfalls auf ihren Chef, der das Schriftstück noch immer eindringlich musterte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er endlich eine Antwort gab: "Nun, es sieht so aus, als ob derjenige, der diesen Satz geschrieben hat, sehr ihn Eile war und außerdem deutet die unregelmäßige, schwach ausgeführte Linienführung darauf hin, das sich der Schreiber nicht gerade in bester Verfassung befand.“ "Aber das könnte doch genausogut auch ein Kind geschrieben haben!“, warf die junge blonde Frau skeptisch ein. "Die einzelnen Buchstaben und die Schrift allgemein sind in einer Art und Weise ausgeführt, wie man es heutzutage in keiner Schule mehr lehrt. Außerdem befindet sich nicht der kleinste Rechtschreibfehler darin.“ Monk drehte das Schriftstück hin und her und betrachtete es eingehend. "Es sieht so aus, als ob der Verfasser dieser Nachricht kein zum Schreiben geeignetes Utensil zur Hand gehabt hätte, um jene zu schreiben. Was ebenfalls darauf hindeutet, dass er sich im dem Moment, als er das schrieb, in unmittelbarer Gefahr befand oder nicht mehr dazu in der Lage war, etwas Geeigneteres zu finden.“ Jetzt war auch Natalie endlich neugieriger und überzeugter davon geworden, dass es sich bei diesem Fundstück doch um etwas Wichtiges handeln könnte. "Was könnte er denn zum Schreiben benutzt haben?“ "Ehrlich gesagt, möchte ich gar nicht allzu genau darüber nachdenken“, stellte Monk, jetzt wieder ganz der Neurotiker, der er nun einmal war, angeekelt fest.“ "Vielleicht hat der Schreiber ja mit einem Zahnstocher oder etwas Ähnlichem, das er vorher in eine Flüssigkeit eingetaucht hat, geschrieben?“, schlug Mrs. Ling eifrig vor, worauf Adrian schockiert seinen Blick von dem Zettel abwandte. Er war äußerst froh darüber, dass jener mittlerweile in einer, seine Finger vor jedwedem Kontakt schützenden Hülle steckte. Er atmete tief durch und besann sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe, die er als Ermittler auszuüben hatte und verkündete mit etwas verhaltener Stimme: "Was auch erklären würde, warum diese Nachricht nur aus einem einzigen Satz besteht.“ Er hatte genug von dem 'Ding' in seiner Hand und ließ jenes, welches er mittlerweile nur noch mit den Fingerspitzen seines rechten Daumens und Zeigefingers festhielt, angewidert auf die Theke gleiten. Dann gab er ein erleichtertes Seufzen von sich und holte tief Luft. Nachdem er seine Gedanken an diese, ihn zutiefst anekelnde Theorie wieder einigermaßen verdrängt hatte, wandte er sich erneut an die Chinesin: "Wo genau haben Sie diesen Zettel gefunden, Mrs. Ling?“ "Warten Sie, ich hole das betreffende Kleidungsstück.“ Sie ging nach hinten in den Raum, wo die Wäsche eigentlich gereinigt wurde, und kehrte kurz darauf mit einem weißen Arbeitsmantel, wie ihn Krankenschwestern üblicherweise trugen, zurück. "Haben Sie diesen Kittel bereits gewaschen oder nicht?“, fragte Monk zur Sicherheit nach, und als Mrs. Ling verneinte, zog er es vor, jenen besser nicht zu berühren. "In welcher Tasche haben Sie die Nachricht gefunden?“ "In der linken, unteren Tasche.“ Monk zeigte, um sich noch einmal zu vergewissern, mit einigen Inches Sicherheitsabstand darauf. "Sie meinen diese hier?“ "Ja, genau!“ Die Wäscherei-Inhaberin nickte. Monk blickte auf den Kittel und schien konzentriert über etwas nachzudenken. "Also, falls es sich bei der Trägerin dieses Kleidungsstückes - wie bei den meisten Menschen - um eine Rechtshänderin handelt, dann würde sie diverse Dinge wohl eher in ihre rechte Tasche stecken als in ihre Linke. Auch der Umstand, dass sich der Zettel noch in der Tasche befand, lässt eher darauf schließen, dass er von einer anderen Person in ihre Tasche gesteckt wurde. Aber das sind einstweilen nur Spekulationen. Haben Sie noch eine Tüte, Mrs. Ling? Wir müssen auch dieses Kleidungsstück als mögliches Beweisstück sichern.“ Die asiatische Frau holte eine der Zellophan-Verpackungen, in die sie gewöhnlicherweise die frisch gereinigten Sachen steckte, und sie und Natalie streiften diese vorsichtig über den Kittel; Adrian hingegen vermied tunlichst jedweden Kontakt mit dem möglicherweise durch Keimen verseuchten Kleidungsstück. "Und was geschieht jetzt damit?“, wollte Mrs. Ling neugierig wissen. "Leider müssen wir die beiden Sachen - den Zettel und den Kittel - als mögliche Indizien mitnehmen. Außerdem brauche ich noch den Namen der Besitzerin dieses Arbeitsmantels. Solange wir keine Gewissheit haben, dass es sich hierbei tatsächlich um eine begangene Straftat handelt, können wir noch nicht zur Polizei damit gehen. Wir müssen erst ein paar nähere Details herausfinden“, erklärte Monk, und Natalie, die auch an dem finanziellen Aufwand ihrer Ermittlungen regeres Interesse hatte als ihr Boss, der jedes Mal, wenn es ein ungelöstes Rätsel gab, sofort Feuer und Flamme war, jenes aufzuklären, fragte: "Und wer kommt für unsere Unkosten auf?“ "Natalie“, Monk sah sie mit ernster Miene an, "ein Mensch, der eventuell im Sterben lag, hat uns indirekt um unsere Hilfe gebeten. Ich finde, dass wir uns zumindest in dem Krankenhaus, in dem diese Schwester arbeitet, ein wenig umhören können. Falls es sich tatsächlich um ein Verbrechen handelt, dann wird Captain Stottlemeyer entscheiden, wie weiter vorzugehen ist. Aber einstweilen sind wir damit an der Reihe, uns um den Fall zu kümmern.“ "Was also folglich heißen soll,-“, die Blondine blickte ihren Chef abwartend an. "-dass wir uns jetzt sofort ins General Hospital begeben.“ Worauf er sich, nachdem er ihren Satz vervollständigt hatte, an Mrs. Ling wandte: "Also, wie heißt die Frau, der der Arbeitsmantel gehört?“ "Sylvia Blanchett. Ich schreibe Ihnen zur Sicherheit auch noch ihre Adresse auf.“ Nachdem Natalie die notwendigen Informationen von der anderen Frau erhalten und nebst der fatalen Nachricht in ihrer Handtasche verstaut hatte, machte sie sich gemeinsam mit ihrem Boss, bepackt mit dem gesicherten Arbeitskittel, auf den Weg zum Auto. Zurück blieb, noch immer ziemlich feucht und von Monk völlig ignoriert, Natalies zusammengeklappter Regenschirm.

Als die beiden nach einer Fahrt von etwa einer halben Stunde im General Hospital von San Francisco eintrafen, begaben sich sofort in die Notaufnahme, wo Sylvia Blanchett ihren Dienst versah. Man hatte sie gebeten, einstweilen im Wartebereich für Patienten Platz zu nehmen, bis man die gesuchte Person für sie aufgetrieben hatte. Während Natalie sofort zielstrebig auf einen Stuhl zu eilte, blieb Monk äußerst zögerlich mitten im Raum stehen und blickte sich furchtsam um. Der Menschenauflauf war ihm selbstverständlich alles andere als geheuer, und er konnte sich wie gewohnt nicht entscheiden, wohin er sich setzen sollte. Seine Assistentin Schrägstrich Betreuerin schien seine Unschlüssigkeit absichtlich zu ignorieren, und letztendlich fasste Adrian doch den Mut, sich gleich neben sie zu setzen; nicht jedoch ohne vorher den Stuhl skeptisch zu beäugen. Doch der schien seinen äußerst kritischen Sauberkeits-Kriterien zu entsprechen, und er nahm Platz. Während Natalie nach einer Zeitschrift griff und anfing, die Seiten durchzublättern, beobachtete Monk skeptisch die wartenden Verletzten. "Ich mag keine Krankenhäuser.", stellte er flüsternd an Natalie gewandt fest. "Ja, ich weiß", antwortete Natalie beiläufig, "Sie sind der Meinung, dass es hier nur so vor Keimen wimmelt." "Selbstverständlich, das auch, aber-", sie ließ ihn nicht ausreden, "Und ich dachte immer, hier gäbe es die wenigsten Keime." Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Kommt ganz darauf an, wo man sich aufhält.", erwiderte Monk. Er hatte seine Hände auf seine Oberschenkel gelegt und vermied es lieber, irgendetwas anzufassen. "Dann passen Sie gut auf, dass wir Sie nicht mal hier einliefern müssen!" Monk schien ihre Worte gar nicht zu registrieren. Er hatte gerade eben etwas entdeckt, was seine ganze Aufmerksamkeit erregte. "Der Mann dort drüben", er nickte mit dem Kopf in eine bestimmte Richtung, "hat Schuppen. Seine Schultern sind vollkommen bedeckt damit." "Soll vorkommen.", antwortete Natalie lapidar, ohne von ihrer Zeitschrift aufzusehen. Monk begann, unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen und zuckte nervös mit dem Kopf. Er fixierte den schuppigen Kerl mit seinen Blicken und fing an zu schwitzen. "Ich kann gar nicht hinsehen!" "Und warum tun Sie es dann?", erwiderte seine Betreuerin verständnislos. "Ignorieren Sie ihn doch einfach!" "Das kann ich nicht!", zischte ihr Boss durch seine zusammengepressten Zähne hervor. Natalie erhob jetzt doch ihre Augen von dem Magazin und sah ihm direkt ins Gesicht. "Mr. Monk, hier wimmelt es von Leuten, die an den verschiedensten Verletzungen leiden. Sie haben blutige Wunden, gebrochene Knochen und manche von Ihnen sehen einfach fürchterlich aus, und alles, was Sie interessiert, ist ein Typ, der unter extrem trockener Haut leidet und Schuppen hat." Sie wurde knallrot im Gesicht, als sie registrierte, dass der lebendige Gegenstand ihrer Diskussion mittlerweile auf ihr Gespräch aufmerksam geworden war. Der Mann war ein Riese und ziemlich muskulös; er sah irgendwie furchteinflößend aus. Außerdem befand er sich ja nicht wegen seiner Schuppen in der Notaufnahme, sondern aufgrund unzähliger Verletzungen, die darauf schließen ließen, dass er erst vor kurzem in eine ziemlich heftige Schlägerei verwickelt war. Die junge Frau wagte sich gar nicht vorzustellen, was dieser Mann mit Monk anstellen würde, wenn jener ihn weiterhin beleidigen würde. Sie musste einen Ausweg finden, damit dieser ziemlich brutal und kräftig aussehende Schlägertyp sich nicht als nächstes ihn vorknöpfen würde. Deshalb suchte sie nach einer Ausrede, die ihr neurotischer Arbeitgeber jedoch nicht mitbekommen sollte, da diese Ausrede ihm gegenüber nicht gerade besonders fair und schmeichelhaft war. Doch sie hatte keine andere Wahl, wenn sie Adrian vor weiteren Schwierigkeiten bewahren wollte. "Entschuldigen Sie bitte, Sir", wandte sie sich deshalb schuldbewusst und leise an den muskulösen Typen; so dass ihr Boss es nicht hören konnte: "Sie dürfen meinen Begleiter keinesfalls ernst nehmen. Er ist in mancherlei Dingen leider etwas sonderbar. Wir warten hier nur auf den Krankenhaus-Psychiater, dann sind wir sofort wieder weg." Zum Glück erhielt sie genau in jenem Moment einen Wink von der Dame am Empfangsschalter, die in eine bestimmte Richtung wies; anscheinend hatte man Sylvia Blanchett gefunden. Sie erhob sich eiligst von ihrem Stuhl, ohne auf ihren nervigen Kumpanen zu warten. Dieser eilte ihr ohnehin, mit einem letzten, angewiderten Seitenblick auf den 'Schuppenmann', folgsam wie ein Hündchen an der Leine hinterher.
Natalie blickte noch einmal zu der Frau am Empfangsschalter und jene zeigte auf eine dunkelhaarige, etwas korpulente Schwester, die in Begleitung eines kahlköpfigen Arztes auf sie zu kam. "Also, ich bin zu 60 % sicher, dass es sich bei Sylvia Blanchett um eine Rechtshänderin handelt", verkündete Monk, jetzt wieder vollkommen seinem Ruf als genialer Detektiv gehorchend, und seine Assistentin blickte ihn erstaunt an. "Woher wollen Sie das wissen? Sie hat doch gar nichts in ihren Händen." "Erstens trägt Sie ihre Armbanduhr am linken Handgelenk." "Das tun viele Linkshänder auch", protestierte Natalie, doch Adrian ließ sich nicht beirren. "Zweitens hat sie einen Seitenscheitel." "Ja und?" "Die meisten gewöhnlichen Menschen, die über keinen eigenen Stylisten verfügen, der sie jeden Tag frisiert, und die rechtshändig sind, ziehen sich ihren Scheitel auf der linken Seite." Die junge Frau blieb abrupt stehen. "Was? Woher wollen Sie das wissen?" "Durch Beobachtung. Sharona, zum Beispiel, ist Linkshänderin. Sie trägt ihre Uhr rechts und ihren Scheitel ebenfalls. Sie wiederum sind Rechtshänderin und tragen ihre Armbanduhr am linken Handgelenk, während sich ihr Seitenscheitel auf der linken Seite befindet." "Aber es gibt doch sicher auch Leute, denen ein Scheitel auf der anderen Seite besser gefällt, weil der besser zu ihrem Look passt." Monk gab ein leises Seufzen von sich. "Deshalb sagte ich ja auch, ich bin zu 60 % sicher und nicht zu 95%." "Und was ist mit den restlichen, immer noch verbleibenden 5%?" "Die sind mein Sicherheitsfaktor für unvorhergesehene Notfälle." Die junge Frau schüttelte ihren blonden Schopf. Die komplizierten Gedankengänge ihres Chefs auch nur annähernd nachvollziehen zu wollen, war ein Ding der Unmöglichkeit.
Unterdessen hatten sie den Standpunkt von Sylvia Blanchett, deren Weg sich mittlerweile von dem des Arztes mit der Glatze getrennt hatte, erreicht, und Natalie begann damit, sich und ihren Chef höflich vorzustellen und ihr Anliegen vorzutragen: "Miss Blanchett, dürften wir Sie bitte einen kurzen Moment sprechen. Mein Name ist Natalie Teeger und das hier ist mein Boss, Adrian Monk. Er ist privater Ermittler und hätte ein paar Fragen an Sie." Die Blondine schüttelte der dunkelhaarigen Frau höflich die Hand und diese hielt ihre Rechte automatisch auch Monk zum Gruß hin. Wie immer ergriff er dieses, seiner Meinung nach von unzähligen Keimen, Bazillen und Bakterien bevölkerte Körperteil etwas zögerlich und seine Betreuerin förderte - ebenfalls wie automatisch - ein Feucht-Tuch aus ihrer Handtasche zu Tage, welches sie ihm fürsorglich reichte. Selbstverständlich blickte ihn Sylvia für dieses Gebaren etwas befremdlich an. "Mr. Monk, ich bin Krankenschwester." "Ja genau deshalb!" Die Frau fragte sich zwar insgeheim, was diese merkwürdige Antwort zu bedeuten hatte, beließ es jedoch wortlos dabei, da der lockenköpfige Privat-Ermittler jetzt auch noch eine etwas seltsam anmutende Frage stellte: "Sind Sie Rechts- oder Linkshänderin?" "Rechtshänderin:" Er warf seiner Assistentin einen unergründlichen, triumphierenden Seitenblick zu, und Sylvia wollte eigentlich fragen, was es mit dieser Frage wohl auf sich hatte, doch sie kam nicht mehr dazu, weil der sich etwas seltsam verhaltende Mann jetzt auf Wesentlicheres zu sprechen kam: "Miss Blanchett, arbeiten Sie nur hier in der Notaufnahme oder auch noch auf anderen Stationen?" "Nein, eigentlich nur hier." "Gibt es während Ihres Dienstes viele Todesfälle?" "Tja, hier gibt es mit Sicherheit mehr Fälle, die tödlich enden, als auf anderen Stationen, aber es hält sich dennoch in normalen statistischen Grenzen."

Sie registrierte, wie der dunkelhaarige Mann ihr gegenüber plötzlich stutzte und konzentriert auf ihren Oberkörper starrte; er schien irgendwie abgelenkt zu sein. Auch seine Begleiterin hatte die abrupte Abwesenheit ihres Chefs anscheinend registriert. "Mr. Monk, ist alles in Ordnung?", erkundigte sich jene fürsorglich. "Ja, ja, alles bestens!" Er sagte es zwar, aber es hörte sich exakt nach dem Gegenteil an. Irgendwie schien er komplett den Faden verloren zu haben und griff sich nervös an die Stirn. "Äh, Miss Blanchett- äh, wann- Bitte, verzeihen Sie, aber so kann ich nicht weitermachen!" Sylvia war verwirrt, und die Blondine an der Seite des Mannes sah ihn ebenfalls fragend an. Auch ihr Blick fixierte jetzt den Arbeitskittel der Krankenschwester, und sie erkannte, was Monk so störte. "Miss Blanchett, Sie haben da einen winzigen Blutfleck auf Ihrer Brusttasche." "Oh, danke, das habe ich noch gar nicht registriert. Sie blickte an sich hinunter und bemerkte einen Stecknadelkopfgroßen Spritzer Blut, den man jedoch nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen musste. "Würden Sie bitte- könnten Sie sich bitte einen anderen Mantel anziehen?", bat Monk eindringlich und obwohl seine Gesprächspartnerin ihn etwas irritiert anblickte, zeigte sie durchaus Verständnis für sein Begehren. "Sie können wohl kein Blut sehen, Mr. Monk?" "Nein, das ist es nicht, aber ich ertrage keine Schmutzflecken auf irgendwelchen Kleidungsstücken." Natalie mischte sich erklärend ein. "Er ist ein äußerst penibler Mann in solchen Dingen, und wenn ich äußerst penibel sage, dann meine ich das auch im wahrsten Sinne des Wortes! Er sieht einen Fleck und schon richtet sich seine ganze Aufmerksamkeit darauf und seine gesamte Konzentration ist dahin. Sie als Krankenschwester müssten das eigentlich verstehen können?" Sylvia Blanchett nickte betont langsam. "Ich habe in meiner Ausbildung für kurze Zeit auch in der Psychiatrie gearbeitet und hatte mit Patienten, die unter derartigen, bereits krankhaften Zwangsneurosen litten, zu tun. Wenn Sie mir bitte folgen würden, dann werde ich meine Arbeitskleidung wechseln." Monk hatte schweigend der Konversation zwischen seiner Betreuerin und der diplomierten Krankenschwester gelauscht und kein Wort dazu ergänzt. Er war es manchmal richtig leid, anderen Menschen stets die Gründe für seine besonderen Verhaltensweisen unterbreiten zu müssen, die für ihn persönlich eigentlich überhaupt nicht unnormal waren. Er hatte nun mal seine Eigenheiten und sah keinen Anlass dafür, jene abzulegen. Es gab schließlich jede Menge Menschen auf dieser Erde, die sich nicht so verhielten, wie die angeblich "normalen" Verhaltensregeln es verlangten.

Sie begleiteten Sylvia Blanchett in einen Bereich, indem die Ärzte, Schwestern und Pfleger in verschlossenen Spinden ihre privaten Dinge aufbewahrten und ihre Kleider wechselten. Die dunkelhaarige Frau nahm einen frisch gereinigten Arbeitskittel zur Hand und befreite sich, während Monk und Natalie abgetrennt durch einen Sicht-Schutz auf sie warteten, von dem 'verschmutzen' Kleidungsstück. Als sie wieder zu ihrem Spind zurückkehrte, stopfte sie den Kittel, nachdem sie ihre Brusttaschen vorsorglich nach eventuell dort deponierten Sachen durchsucht hatte, in eine Plastiktüte, die sie anschließend bei ihren anderen Sachen verwahrte. Der aufmerksame Detektiv beobachtete sie interessiert bei dieser Tätigkeit, um anschließend sofort eine Frage aufzuwerfen: "Wie oft wechseln Sie denn für gewöhnlich Ihre Arbeitskleidung?" "Nun, das kommt darauf an, um welche Jahreszeit es sich handelt, und wie verschmutzt die Sachen sind. Aber normalerweise so alle zwei bis drei Tage." "Und Sie räumen dabei jedes Mal, bevor sie die abgelegten Mäntel in eine Tüte packen, Ihre Taschen aus?" Sylvia Blachett nickte. "Ja, das mache ich immer, wenn ich mich umziehe. Ich habe nämlich einmal einen Füller in meiner Tasche vergessen und beim Waschen ist er dann ausgelaufen. Der Kittel war vollkommen ruiniert; ich konnte ihn nur noch weg werfen. Deswegen vermeide ich es seit dem, meine Arbeitssachen selbst zu reinigen. In einer Wäscherei werden sie viel gründlicher gereinigt und außerdem viel weißer." Natalie bemerkte ein verständnisvolles, wohl wissendes Schmunzeln auf Adrians Lippen; das war eines seiner Lieblingsthemen, damit kannte er sich bestens aus. Und sie war froh darüber, dass er sich nun auf keine Fachsimpelei über verschmutzte Wäsche mit der anderen Frau einließ, sondern weiter seine sachdienlichen Fragen stellte. "Und Sie durchsuchen jedes Mal nur Ihre Brusttaschen?" "Ja." "Warum nicht auch die Anderen?" Ein Paar dunkelbrauner Augen blickte die Krankenschwester äußerst aufmerksam an. "In meinen anderen Taschen bewahre ich eigentlich nie etwas auf; es ist nicht nötig dort auch nachzusehen." "Das ist ja sehr interessant", stellte der brillianteste Detective von San Francisco mit einem Seitenblick auf Natalie fest. Er gab ihr schweigend ein Zeichen, doch die junge Frau wusste auch so, was er von ihr wollte. Sie griff in ihre Handtasche und brachte die Klarsichthülle mit dem darin befindlichen Stück Papier zum Vorschein. Sie wollte diese eigentlich an ihren Chef weiterreichen, doch jener verschränkte demonstrativ seine Hände hinter dem Rücken; anscheinend war er nicht gewillt, das Beweisstück zu berühren. Anstatt ihm hielt nun die attraktive, blonde Frau der anderen den Zettel zur Ansicht hin, während Monk seine diesbezüglichen Fragen stellte: "Haben Sie dieses Schriftstück schon einmal irgendwo gesehen, Miss Blanchett?" Die Angesprochene beäugte neugierig das vor jeglichen Einflüssen geschützt verpackte "Ding" und schüttelte ihren Kopf. "Tut mir leid, aber das hier ist mir noch nie untergekommen; ich sehe es heute zum allerersten Mal." "Mrs. Ling, die Besitzerin der Wäscherei, in der Sie Ihre Arbeitsbekleidung reinigen lassen, hat es in der linken Tasche ihres Arbeitskittels gefunden." "Tatsächlich!" Die etwas korpulente Frau war sichtlich erstaunt. "Haben Sie irgendeine Ahnung, wie es dahin gekommen sein könnte?" Monks braune Augen beobachteten sie aufmerksam. "Nein, keine Ahnung! Das muss mir wohl irgendwer in die Tasche gesteckt haben, als ich gerade nicht aufgepasst habe." "Ist Ihr Spind, wo Sie Ihre Sachen aufbewahren, eigentlich immer abgeschlossen?", fragte der geniale Helfershelfer der Polizei weiter, und die von ihm angesprochene Frau bejahte: "Immer! Da kommt Keiner ran!" "Und es wurde auch noch nie eingebrochen?", wollte nun Natalie interessiert wissen, was ihr einen etwas seltsamen Blick ihres Vorgesetzten einbrachte. "Nicht dass ich wüsste!", antwortete Sylvia, deren jedwede absonderlichen Blickkontakte vollkommen egal waren. Monk kam nun auf den wesentlichen Teil seiner Befragung zu sprechen: "Könnte es einer Ihrer Patienten - unbemerkt von Ihnen - in der Tasche Ihres Arbeitskittels deponiert haben?" "Wie meinen Sie das konkret? Eigentlich müsste ich es doch bemerken, wenn jemand auf mich zu kommt und mir etwas in die Tasche steckt, oder?" Sie sah etwas skeptisch drein. Monk schloss für einen kurzen Moment die Augen und versuchte, eine Möglichkeit zu rekonstruieren. "Nehmen wir einmal an, es wäre ein Patient, der nicht mehr dazu fähig war herumzulaufen und an sein Bett gefesselt war; im sprichwörtlichen Sinn selbstverständlich! Sie als Krankenschwester haben doch gelernt, wie man die Bettwäsche wechselt, ohne dass die darin liegende Person ihr Bett verlassen muss, das ist doch richtig?" "Ja, das ist richtig. Wir wechseln die Laken und das Bettzeug für gewöhnlich zu zweit, indem wir den darin liegenden Patienten vorsichtig von einer Seite auf die andere rollen." Monk tippte sich mit dem Finger an die Stirn und fuhr mit seinen Spekulationen fort: "In einem derartigen Augenblick könnte es doch durchaus vorkommen, dass Sie es nicht unbedingt registrieren, wenn Sie jemand berührt." Sylvia Blanchett schien nachzudenken. "Tja, da haben Sie wohl recht! Auch bei den Visiten, wo immer jede Menge Menschen dicht gedrängt um ein Bett herum stehen, könnte ich es nicht bemerkt haben, wie mir jemand etwas in die Tasche gesteckt hat." Natalie starrte die andere Frau aufmerksam an. "Wollen Sie damit sagen, dass Ihnen eventuell jemand vom Personal, ein Arzt oder eine Ärztin oder eine Ihrer Schwester-Kolleginnen oder Pfleger-Kollegen den Zettel in den Mantel gesteckt haben könnte?" "Das wäre aber ein äußerst makaberer Scherz!", stellte der Detektiv an seine Assistentin gewandt fest. "Mr. Monk, es gibt viele Scherzbolde, die derartig schwarzen Humor für komisch halten", begann Natalie, ihre Theorie zu verteidigen. "Ach ja?" "Ich weiß, dass das für Sie ein wenig abwegig klingen mag, aber auf dem Planeten Erde, unter normalen Menschen, ist das durchaus so."

Die Krankenschwester verfolgte etwas unangenehm berührt dieses etwas seltsam anmutende Streitgespräch, indem gerade der männliche Teil erneut das Wort ergriff: "Ich mag mich zwar bei den so genannten 'normalen' Gepflogenheiten der Erdbevölkerung nicht so gut auskennen, aber ich glaube kaum, dass sich jemand, der einen schlechten Scherz machen will, eine solche Mühe bei etwas Derartigem geben würde. Er würde nicht umständlich mit einem Zahnstocher, den er zuvor in eine undefinierbare Flüssigkeit getaucht hat, - was er übrigens etliche Male tun müsste, um einen ganzen Satz zu Papier zu bringen - herum malen, und das noch dazu in einer derart krakeligen, fast unlesbaren Schrift. Er würde ganz einfach irgendeinen Stift zur Hand nehmen und kurzer Hand etwas hin kritzeln. Und außerdem, was hätte er davon? Wie ich derartige 'Scherzbolde' kenne, wollen sie den Moment, indem ihr 'Humor' Wirkung zeigt, auskosten. Der Schreiber hätte doch keinerlei Ahnung davon gehabt, wann Miss Blanchett auf den Zettel in Ihrer Tasche stoßen würde!" Doch Natalie gab sich noch nicht geschlagen. "Vielleicht war es ja ein ganz absonderlicher Kerl, der es darauf abgesehen hatte, dass Menschen wie Sie und ich, die hinter jedem kleinen Gag sofort ein Verbrechen wittern, sich ihre Köpfe darüber zerbrechen, was es damit auf sich haben könnte." Monk atmete tief durch. Sein sechster Sinn, der sich eigentlich niemals irrte, sagte ihm, dass mehr hinter dieser Nachricht steckte; das war kein makaberer Scherz, das war durchaus ernst gemeint. Er ignorierte seine Assistentin Schrägstrich Betreuerin fortan und wandte sich wieder an die etwas peinlich berührte, mittlerweile leicht rötlich angelaufene Krankenschwester: "Gab es in den letzten Wochen irgendwelche Todesfälle die Ihnen, den Ärzten oder anderen Mitgliedern des Pflegepersonals verdächtig vorkamen?" Sylvia Blanchett, die sich nach dem merkwürdigen Streitgespräch von vorhin gar nicht mehr so sicher war, ob sie es hier tatsächlich mit zwei sachlich kompetenten Fachleuten zu tun hatte, zeigte sich nun leider nicht mehr ganz so kooperativ wie noch kurz zuvor: "Es tut mir leid, Mr. Monk, aber Sie wissen selbst, dass ich Ihnen hierzu keinerlei Auskunft geben kann. Ich bin zwar nur Krankenschwester und keine Ärztin, aber auch ich unterliege in dieser Hinsicht einer gewissen Schweigepflicht. Wenn Sie nähere Auskünfte hierzu brauchen, dann müssen Sie sich schon an die örtliche Polizei wenden." Darauf konnte Monk nicht viel erwidern, da die dunkelhaarige Frau ihm gegenüber bedauerlicherweise recht hatte. Es war nur grotesk, dass ein Umstand, der eigentlich dazu gedacht war, die Privatsphäre eines Menschen zu schützen, in jenem gegenständlichen Fall eher hinderlich war. Aber er hatte keine Wahl, er musste sich Hilfesuchend an die Polizei wenden, um bei seinen Ermittlungen voranzukommen. "Danke, Miss Blanchett, Sie waren mir eine große Hilfe." "Gern geschehen, Mr. Monk und Auf Wiedersehen." Sie reichte Natalie zum Abschied die Hand und unterließ es, jetzt wohl wissend, dass der Mann vor ihr Selbiges verabscheute, auch diesem auf die gleiche Weise Höflichkeit zu zollen.

Als sie das Krankenhaus verlassen hatten, warf Natalie, die noch immer ein wenig eingeschnappt war, dass ihr Boss sie nach ihrem kleinen Streitgespräch so völlig ignoriert hatte, eine für sie interessante Frage auf. "Warum haben Sie mich so merkwürdig angesehen, als ich Miss Blanchett danach fragte, ob in Ihren Spind eingebrochen worden wäre?" "Weil der Mensch, der diese Nachricht verfasst hat, wohl kaum dazu im Stande gewesen wäre, mit brachialer Gewalt irgendwo einzubrechen." Monk sah irgendwie bedrückt aus, als er ihr antwortete. "Aber, wenn - wie ich es vermutet habe - doch ein Scherzbold hinter der ganzen Sache steckt?" "Warum sollte der denn den Spind aufbrechen? Sich wegen Einbruches strafbar zu machen, nur um jemanden einen schlechten Scherz zu spielen - also, ich bitte Sie, Natalie!" Sie gab klein bei: "Da haben Sie auch wieder recht." "Außerdem", fügte Adrian seinen Worten ergänzend hinzu, "habe ich diese Möglichkeit, dass es sich bei dem Schreiber der Tat möglicherweise um jemand handeln könnte, der Miss Blanchett einen schlechten Scherz spielen wollte, bereits mit der Frage, ob jemand zu ihrem Spind Zugriff habe, bereits ausgeschlossen." Die junge Frau gab sich endlich geschlagen, aber sie konnte es dennoch nicht unterlassen, noch ein klein wenig zu sticheln. "Na wenigstens sind Sie jetzt wieder vor den Keimen in den Krankenhäusern, die Sie ja so hassen, gefeit." "Ich habe nicht gesagt, dass ich Krankenhäuser hassen würde, ich habe nur angemerkt, dass ich sie nicht mag. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied." Natalie öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen und versuchte, sich an Monks Aussage von vorhin zu erinnern. Aber im Gegensatz zu ihm, der sich an jedes Wort, das irgendjemand irgendwann einmal gesagt hatte, genau erinnern konnte, war sie nicht zu Derartigem imstande. Sie stellte stattdessen sarkastisch fest: "Aber hier in freier Natur scheinen Sie jedenfalls nicht so über Keime beunruhigt zu sein." Der genialste Detektiv der Stadt San Francisco blieb abrupt stehen und blickte ihr genau in ihre grünen Augen: "Die Keime in Krankenhäusern sind Nebensache. Das, was ich an Krankenhäusern nicht ausstehen kann, ist die Tatsache, das Menschen darin sterben. So, wie auch meine Trudy in diesem Krankenhaus gestorben ist." Natalie war schockiert. Schockiert über sich selbst. An diese Tatsache hatte sie bei Monks Worten überhaupt nicht gedacht. Sie schämte sich zutiefst dafür, dass sie fast jedes Mal, wenn Monk sich negativ über irgendetwas äußerte, sofort auf seine Neurosen und Phobien schloss und solch schwerwiegende Dinge, die ihn ebenfalls quälten, total außer acht ließ. Sie fühlte sich zutiefst beschämt und berührte ihn mitleidvoll an der Schulter. "Oh, wie dumm von mir! Es tut mir wirklich schrecklich leid, Adrian, ich-" "Schon gut", Monks Stimme klang etwas belegt; seine Erinnerungen an den tragischen Verlust seiner Frau hatten ihn anscheinend eingeholt. Sie versuchte, ihn schnellstens auf andere Gedanken zu bringen und zwar mit dem einzigen Thema, das ihn von etwaig auftretenden depressiven Schüben abhalten konnte: seiner Arbeit: "Was wollen wir als Nächstes unternehmen? Wir können den Fall doch noch nicht so ohne Weiteres auf sich beruhen lassen, oder?" Ihr Boss gab sich Mühe, wieder in die Realität zurückzukehren und antwortete, nachdem er tief durch geatmet hatte: "Auf jeden Fall werde ich Captain Stottlemeyer mit den bisher ermittelten Fakten vertraut machen. Mal sehen, was er dazu sagt." Natalie lächelte ihn aufmunternd an: "Also dann nichts wie auf zum Police-Department!"

Als die attraktive Blondine und ihr Schützling schließlich im Police-Department von San Francisco ankamen, waren weder Captain Leland Stottlemeyer noch Lieutenant Randall Disher zugegen. Auf Nachfrage bei einem von Stottlemeyers Untergebenen verkündete jener, dass es nicht mehr allzu lange dauern könne, bis sein Chef und dessen Partner wieder da sein würden. "Na gut“, seufzte Monk ein wenig enttäuscht, "dann werden wir eben solange in Captain Stottlemeyers Büro auf ihre Rückkehr warten.“ "Tut mir leid, Sir!“, verkündete der angesprochene Polizist bedauernd. "Aber das Büro des Captains steht sozusagen unter Schutzhaft.“ "Unter Schutzhaft?“, Natalie sah ihn etwas verwirrt an, als sie den letzten Teil seiner Feststellung noch einmal wiederholte. "Das Büro steht unter Schutzhaft? Wieso und vor wem denn?“ Auch der ehemalige Detective konnte seinem Ex-Kollegen nicht ganz folgen. "Ehrlich gesagt, Mr. Monk“, druckste jener etwas beschämt herum, "sind Sie die Person, vor dem das Büro des Chefs geschützt werden soll?“ "Captain Stottlemeyer verweigert mir in seiner Abwesenheit den Zutritt zu seinem Büro? Aber weshalb denn, wenn ich fragen darf? Hat er denn kein Vertrauen mehr zu mir?“, Adrian, der eigentlich nicht so leicht zu beleidigen war, weil er es ohnehin gewohnt war, dass alle Welt ihn nicht für ganz zurechnungsfähig hielt, sah allen Ernstes etwas verstört drein. "Nun, es war nicht der Captain, von dem wir diese Anweisung erhielten, sondern Lt. Disher. Er hat gemeint, dass der Chef jedes Mal, wenn Sie bisher in seinem Büro gewesen waren, den restlichen Tag über ungenießbar und missmutig gewesen wäre, weil Sie stets all seine Sachen umgeräumt und Wichtiges weggeworfen hätten. Randy hat gemeint, er müsse dann immer alles, was Sie angerichtet hätten, ausbaden; und dass er das lieber vermeiden wolle. Also hat er uns angewiesen, Sie nicht in Captain Stottlemeyers Büro zu lassen. Es tut mir leid, Mr. Monk.“ Für einen kleinen Augenblick hatte es dem der Polizei stets hilfsbereit zur Seite stehenden Superdetektiv die Sprache verschlagen, doch er wäre nicht Adrian Monk, wenn er nicht einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden hätte. Natalie musste es sich verkneifen, nicht hellauf loszulachen, als sie die folgenden, vollkommen nüchtern vorgebrachten Worte ihres Bosses vernahm: "Tja, dann wird mir wohl nichts Anderes übrig bleiben, als hier an Lieutenant Dishers Schreibtisch zu verweilen. Und wenn ich mich so umsehe: Die Unordnung hier ist auch nicht zu verachten und könnte durchaus einmal jemanden brauchen, der Abhilfe schafft. Und da ich nun schon einmal da bin-“ Auch der Polizist, der Monk den Zutritt zu Captain Stottlemeyers Büro verwehrt hatte, konnte nur noch wortlos grinsen. Und der geniale Ermittler mit dem zwanghaften Drang zu penibler Sauberkeit schritt letztendlich zur Tat.
Die Abwesenheit der beiden Polizisten dauerte dann allerdings länger als ihr Kollege angedeutet hatte, und der Blick von Lt. Disher, als er wieder kam und seinen makellos aufgeräumten Schreibtisch erblickte, verdeutlichte unverkennbar, dass er zerknirscht erkannte, welch riesigen Fehler er mit seiner Anweisung gemacht hatte. Auch Captain Stottlemeyer konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen; wenigstens hatte Randy endlich einmal ähnliche Erfahrungen wie er gemacht, was Monks Putz-Passion anbelangte. Disher war jedenfalls so überrascht von der Gründlichkeit des Ex-Detectives, dass er kein einziges Wort heraus brachte. Er erhob nur hilflos die Arme und starrte entgeistert auf Monk, der seinen Ausdruck jedoch als Dankbarkeit auffasste und in aller Bescheidenheit verkündete: "Sie brauchen mir nicht zu danken, Lieutenant, das habe ich wirklich gerne gemacht.“ Da Adrian tatsächlich einmal glücklich auszusehen schien, brachte es der junge Mann nicht übers Herz, jenem zu sagen, was er in Wahrheit von dessen Gründlichkeit hielt. Er schluckte seinen Ärger großmütig hinunter und verkündete mit leicht belegter Stimme: "Danke, Mr. Monk, das wäre aber nicht nötig gewesen. Nein überhaupt nicht!“ Natalie musste sich die Hand vor den Mund halten, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. "Ach, übrigens, Randy. Die Freundin, die Sie Momentan haben - von der sollten Sie lieber die Finger lassen; sie nützt nämlich nur Ihre Gutmütigkeit aus und ist hinter Ihrem Geld her.“ Der genialste Ermittler der ganzen Stadt sagte es so beiläufig, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, sich in das Liebesleben anderer Leute einzumischen.“ Disher, der mehr schockiert darüber war, das Monk in seinen privaten Unterlagen herum gestöbert hatte, als über dessen Aussage hinsichtlich seiner neuesten Flamme, fragte eher ängstlich als neugierig nach: "Woher wollen Sie das wissen, Mr. Monk? Sie haben doch nicht etwa meine privaten Briefe gelesen?“ Adrian winkte sofort empört ab: "Aber nein, wo denken Sie hin! Ich habe nur ein paar aktuelle Rechnungen entdeckt, die auf kostspielige Schmuck- und Kleidungsstücke ausgestellt waren. Davon abgesehen waren auch noch ein paar Rechnungen von sehr teuren, exquisiten Restaurants darunter.“ Nun wurde Randy doch ein wenig wütend: "Mr. Monk, Sie können sicher sein, dass ich genau weiß, mit welchen Frauen ich ausgehe und dass ich erkenne, wenn mich eine abzocken will!“ Der Angesprochene erhob beschwichtigend seine Hände. "Ich meine es nur gut mit Ihnen, Randy. Glauben Sie mir, Sie werden mir für diesen Hinweis noch einmal dankbar sein.“ Da dies Monks Standard-Entschuldigung für nicht gern gesehene oder anderweitig negativ aufgefasste Aktionen desselben waren, gab Disher nur ein hilfloses Seufzen von sich, wobei er sich mit einem schweifenden Blick über die total leergeräumte Arbeitsfläche seines Schreibtisches in seinen Stuhl fallen ließ. "Ich hoffe nur, dass ich alles irgendwie wiederfinde.“ "Keine Angst“, verkündete Monk selbstsicher, "sämtliche Akten befinden sich alphabetisch und zusätzlich nach den Farben der Aktendeckel geordnet in den einzelnen Schubladen.“ Randy fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Er war leicht verzweifelt, was Monk jedoch nicht zu registrieren schien, die anderen anwesenden Personen jedoch schon. "Die Akten waren aber nach Dringlichkeit und in chronologischer Reihenfolge nach einem wohldurchdachten System geordnet.“ "Oh, waren sie das? - Ach übrigens, ein paar lose Seiten musste ich leider in den Papierkorb werfen; sie waren nicht mehr zu retten. Die Putzkolonne war gerade hier und hat ihn freundlicherweise gleich geleert und den Müll mitgenommen.“ Jetzt kam mit einem Male Leben in den zuvor noch verdutzten jungen Polizisten. Er schreckte aus seinem nicht gerade besonders bequemen Stuhl hoch und rannte wie ein Blitz aus dem Büro, um die Putzkolonne noch rechtzeitig zu erwischen und um zu retten, was noch zu retten war. "Was hat er denn auf einmal?“, fragte Monk allen Ernstes; er schien sich überhaupt nicht klar darüber zu sein, was er angestellt hatte. Im Gegenteil, er fand sofort eine eigene Antwort auf Randys überhasteten Abgang: "Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zu seiner Freundin, um ihr schnellstens den Laufpass zu geben.“ Captain Stottlemeyer schüttelte angesichts Monks Unbekümmertheit fassungslos und erheitert zugleich seinen Kopf, um sich gleich anschließend zu erkundigen: "Darf man fragen, Monk, was Sie zu uns geführt hat? Sie sind mit Sicherheit nicht extra hierher gekommen, um der Putzkolonne hilfreich unter die Arme zu greifen und auf Randys Schreibtisch klar Schiff zu machen, oder?“ "Selbstverständlich nicht, Sir.“ Er gab der noch immer stumm vor sich hin grinsenden Natalie ein Zeichen, und sie griff in ihre Handtasche, um dem Captain die Klarsichthülle mit dem Zettel darin zu reichen. Er nahm ihn entgegen und betrachtete ihn eingehend. "Woher haben Sie das?“, fragte er gerade, als ein völlig außer Atem geratener Randall Disher mit einem Arm voller loser Zettel zur Tür herein kam. Zum Glück widersprach es Monks ethischer Gesinnung vollkommen, ein Blatt Papier zusammenzuknüllen, bevor er es entsorgte; egal in welchem Zustand sich jenes bereits befand. "Ich hab' die Burschen gerade noch erwischt, bevor sie die Notizen und Abschriften in den Schredder stecken konnten“, verkündete er zutiefst erleichtert; gleichzeitig allerdings mit einem finsteren Seitenblick auf Monk. Denn es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn er nicht mehr rechtzeitig gekommen wäre, um diese wichtigen Unterlagen zu retten, da alles, aber auch wirklich alles, im Polizeipräsidium so geheim war, dass selbst noch das kleinste Papierschnitzelchen verschreddert werden musste.
"Da haben wir ja noch mal Glück gehabt!“, verkündete der Captain ebenfalls mächtig erleichtert, "Sonst hätten wir alles nochmal von vorne recherchieren und bearbeiten müssen.“ Auch er bedachte seinen unverzichtbaren Helfer bei schwierigen Ermittlungsfällen mit einem vielsagenden Blick, doch Monk schien keinerlei Notiz davon zu nehmen. Stattdessen fing er damit an, dem Captain seine vorherige Frage zu beantworten. Er berichtete haarklein, wie sie auf die Nachricht gestoßen waren und was sie alles darüber in Erfahrung gebracht hatten. Doch zu seiner großen Enttäuschung blickte sein ehemaliger Kollege und Chef eher skeptisch drein. "Und Sie erwarten nun von uns,“ fragte er, als Monk schließlich geendet hatte, "dass wir der Sache nachgehen sollen.“ "Selbstverständlich, ja!“ Adrian nickte mit dem Kopf. "Monk, ich kann nicht jedem Zettelchen, welches Ihnen suspekt vorkommt, hinterher recherchieren. Wir haben hier massenhaft Fälle, die auf ihre Aufklärung warten, und bei denen es eindeutig eine Leiche gibt. Warum hat der Betreffende umständlich einen Zettel geschrieben, wenn er sich ganz einfach an ein Mitglied des Pflegepersonals hätte wenden können?“ "Vielleicht konnte er nicht mehr sprechen? Oder möglicherweise war seine Schwester immer an seiner Seite, wenn er nicht alleine war, um genau das, was Sie erwähnt haben, zu verhindern.“

Monk wollte den Captain unbedingt auf seine Seite ziehen und erhob, um seine Worte noch zusätzlich zu betonen, die Arme: "Aber man kann doch deutlich erkennen, das der Verfasser dieser Nachricht in Panik war. Und Sie können mir glauben, Captain, mit panischen Anfällen kenne ich persönlich mich bestens aus!“ "Tja Monk, und gerade deswegen, weil Sie sich bestens damit auskennen, müssten Sie auch wissen, dass manche Leute vor Dingen Angst haben, die in Wahrheit vollkommen harmlos sind!“ "Welche Dinge meinen Sie?“ Stottlemeyer fragte sich, ob der genialste Detektiv der Stadt sich nur so dumm stellte, oder ob er seine Frage tatsächlich ernst meinte. "Nun, wie wäre es zum Beispiel mit Ritzen im Bürgersteig, schief hängenden Bildern - oder Milch?“ Adrian hatte begriffen. Er kniff die Augen zusammen und fasste sich mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nasenwurzel, als er schweren Herzens einräumte: "Also gut, einmal abgesehen von Leuten, die unter den gleichen oder ähnlichen Ängsten leiden wie ich. Was wäre, wenn diese Nachricht tatsächlich ein Hilferuf ist? Der Schreiber der Nachricht hat sich darauf verlassen, dass sich jemand darum kümmert, falls ihm etwas zustößt, und das derjenige der Sache nachgeht. Was wäre, wenn diese Person außer einer mörderischen Schwester keinerlei anderen Angehörigen hatte? Wenn sie vollkommen einsam wäre?“ Monk steigerte sich ziemlich in die ganze Angelegenheit hinein, was sowohl Stottlemeyer als auch Disher und Natalie ziemlich erstaunte. Aber seine nächsten Worte verdeutlichen Ihnen, warum Adrian so darauf versessen war, in dem Fall zu ermitteln. "Auch wenn es eine Person gewesen wäre, die genauso ängstlich war wie ich es bin, hat denn Der- oder Diejenige dann kein Anrecht darauf, wie alle Anderen behandelt zu werden? Es könnte doch sein, dass die Ängste dieses Menschen, auch wenn sie anderen vollkommen absurd vorkommen, einmal zu trafen, auch wenn das vielleicht nur ein einziges Mal der Fall war. Wenn ich in der Lage jener Person wäre, würden Sie meine Nachricht dann ignorieren, nur weil ich eine Menge Phobien habe, die Sie nicht nachvollziehen können?“ Die anderen wirkten betroffen, als sie Monks Worte vernahmen. Nachdenklich blickten sie einander an. Vor allem Stottlemeyer tauschte ernste Blicke mit seinem jungen Partner aus und gab schließlich, sich ein wenig schuldbewußt fühlend, nach. "Also schön, ich werde der Sache nachgehen. Randy, fahren Sie ins General Hospital und lassen Sie sich die Akten sämtlicher in den letzten Wochen in der Notaufnahme verstorbenen Personen geben.“ Disher, den Monks Worte ebenso betroffen gemacht hatten wie seinen Chef, nickte nur stumm und machte sich dienstbeflissen auf den Weg, um das Aufgetragene zu erledigen. "Und Sie“, wandte Stottlemeyer sich mit versöhnlicher Stimme an seinen ehemaligen Untergebenen, "begeben sich unterdessen nach Hause. Ich werde mich bei Ihnen melden, sobald ich etwas Näheres weiß, okay?“ "Danke, Captain!“ Monk wirkte sichtlich erleichtert und tatsächlich erfreut. Und mit einem zum Gehen auffordernden Nicken in Richtung Natalie, welches durch ein verständnisvolles Lächeln erwidert wurde, verließen der genialste, jedoch auch ängstlichste Ermittler in ganz Kalifornien und Umgebung und dessen Gehilfin das Police-Department von San Francisco.

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht, die Adrian damit zugebracht hatte, in seiner Wohnung wieder einmal gründlichst all seine Glühbirnen zu polieren, und nach einer eher unbefriedigenden Therapie-Sitzung bei Dr. Kroger, holte Natalie ihn mit ihrem Auto ab, um ihn zu sich nach Hause zu fahren, damit er den Nachmittag nicht alleine verbringen musste. Die junge Frau wusste, dass er sonst nur wieder deprimiert herumsitzen und über den einzigen Fall nachgrübeln würde, den er bisher nicht lösen konnte: Den feigen Anschlag mit einer todbringenden Autobombe, deren bedauernswertes Opfer seine eigene Frau Trudy war. Außerdem war sie besorgt darüber, dass Monk, wenn er allzu viel alleine war, noch ein Loch in seinen Teppich saugen würde, weswegen sie dafür sorgte, dass er ein wenig Ablenkung erhielt.
Und dieser Wunsch erfüllte sich auch sogleich, als ihr Chef ihr kleines Häuschen betrat und in der Küche eine äußerst eifrig bastelnde Julie Teeger entdeckte. Vor ihr auf dem Tisch standen etliche Schüsseln mit verschiedenen Teigwaren und getrockneten Hülsenfrüchten. Sie hatte unterschiedliche Formen aus Kartons ausgeschnitten, die zwar seiner Vorstellung von exakter Geometrie gänzlich widersprachen, aber das ignorierte er großzügig, als er sie dabei beobachtete, wie sie die Nudeln und die anderen Dinge auf die Vorlagen aufklebte. Er gesellte sich zu ihr und sah ihr konzentriert bei der Arbeit zu. "Ich dachte bisher immer, mit Lebensmitteln sollte man nicht spielen“, verkündete er, ohne den Blick von Julies eifrig klebenden Händen abzulenken. "Ich spiele ja auch nicht damit, ich mache Kunstwerke daraus“, protestierte die junge Dame sofort, wobei sie etwas undeutlich sprach, da sie ihre Zunge vor lauter Konzentration zwischen den Zähnen eingeklemmt hatte. "Hier fehlt noch etwas - da ist ein Loch“, machte Monk sie darauf aufmerksam, und Julie hatte so eine Ahnung, dass er kurz davor war, ihr in ihre Arbeit hineinzureden, indem er ihr Instruktionen gab, wie sie die einzelnen Sachen exakt aufzukleben hätte. "Mr. Monk, so etwas nennt man künstlerische Freiheit. Ich kann meine Nudeln und Erbsen dorthin kleben, wo es mir gefällt!“ "Aber Du bringst ja alles durcheinander. Und durcheinander ist nicht gut. Du solltest die roten Nudeln zu den roten legen und die grünen-“ "Warum machen Sie sich nicht selbst an die Arbeit? Dann können Sie die verschiedenen Sorten Pasta und die Erbsen, Linsen, Bohnen und alles Übrige so legen, wie Sie wollen. Und in meine Nudeln mischen Sie sich bitte nicht ein!“, unterbrach sie ihn ein wenig entnervt. "Da brauche ich mich nicht mehr viel einzumischen, da Du alles ohnehin bereits vollkommen unästhetisch durcheinander mixt.“ Natalie, die das Gespräch verfolgt hatte, brachte sich nun schlichtend in selbiges ein: "Mr. Monk, Julie muss das für die Schule machen, also lassen Sie ihrer Kreativität bitte ungehindert freien Lauf.“ Widerwillig fügte sich Monk, obwohl er dem Mädchen gerne ein paar Tipps gegeben hätte. Doch um seine Betreuerin nicht zu verärgern, verkniff er es sich, obgleich es seinem zwanghaften Sinn nach Symmetrie sehr gegen den Strich ging. Er versuchte, sich irgendwie abzulenken und beschäftigte sich stattdessen damit, die verschiedenen, total vermischten Lebensmittel in den Schüsseln irgendwie zu ordnen und die penibel von ihm getrennten Pasta-Sorten und die streng aussortierten, getrockneten Hülsenfrüchte in gleich große Mengen einzuteilen. Jedesmal, wenn Julie nach einer Erbse oder Bohne griff, sorgte er sofort dafür, dass die Anzahl jener wieder "gleich“ war, wobei er, wenn sich in einer Schüssel eine ungerade Zahl befand, das überzählige Lebensmittel umgehend dem Kind überreichte. Mit einem etwas säuerlichen Blick ergriff Julie das, was er ihr übergab, nur um es danach wieder in eine andere Schüssel zurückzubefördern, damit er wieder an anderer Stelle von vorne beginnen konnte. Monks Aufmerksamkeit richtete sich unvermittelt auf die getrockneten Bohnen. "Ich hatte keinerlei Ahnung, dass es mehrere verschiedene Sorten davon gibt.“ Natalie schien verblüfft zu sein. "Wollen Sie damit sagen, dass es tatsächlich etwas gibt, worüber Sie nicht Bescheid wissen? Ich dachte bis jetzt immer, Sie wüssten einfach alles.“ "Danke für das Kompliment, aber selbst ich kann nicht alles wissen!“ Die junge Frau musste grinsen. "Passen Sie bloß auf, Mr. Monk, dass das niemand hört. Sie könnten sonst noch Ihren so renommierten Ruf verlieren!“ Er ignorierte ihre Bemerkung vollkommen und fixierte seine braunen Augen auf eine Schüssel voller Reiskörner, die ihm sofort missfielen. "Warum hast Du denn die Langkorn-Reiskörner unter die Rundkorn-Reiskörner gemixt? Das kannst Du doch nicht machen!“ Das Mädchen zuckte mit den Schultern. "Aber das stört doch keinen Menschen!“ Sichtlich erheitert bemerkte ihre Mutter zu diesem Thema: "Einen Menschen vielleicht nicht, Julie, aber Mr. Monk.“ "Exakt, Natalie, danke für Ihre Unterstützung!“ Er hatte überhaupt nicht registriert, was seine Assistentin eigentlich gesagt hatte, da er sich gerade äußerst vertieft an die Arbeit machte, die Reiskörner auseinander zu sortieren. Monks Handy, welches wie immer empfangsbereit auf dem Tisch lag, klingelte, doch dessen Besitzer, der augenblicklich zu beschäftigt war, nahm es nicht zur Kenntnis. Natalie griff schließlich danach und nahm das Gespräch entgegen. "Hallo, hier Adrian Monks- Ah, Captain Stottlemeyer! Es gibt Neuigkeiten. So bald schon?“ Sie lenkte ihre grünen Augen auf ihren Boss, doch den schien das Telefonat nicht besonders zu interessieren. "Ja, wir machen uns sofort auf den Weg.“ Sie drückte den Knopf, der das Gespräch beendete und wandte sich an Monk. "Das war der Captain. Er sagt, Disher hätte die Akten aus dem Krankenhaus erhalten, und er bittet uns sofort zu kommen.“ Wie ein Roboter sortierte Adrian, ohne zu reagieren, weiter aus; so lange bis Natalie ihn an der Schulter berührte. "Nun kommen Sie schon, Aschenputtel, der Captain wartet!“ "Wie haben Sie mich gerade eben genannt?“ Er schien endlich wieder aufnahmebereit zu sein. "Aschenputtel - Sie wissen schon: 'Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen'.“ "Also, wenn Sie mich fragen“, er unterbrach seine äußerst wichtige Arbeit, erhob sich von seinem Stuhl und atmete tief durch, um seine Aufmerksamkeit wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, "ich würde es viel lieber vorziehen, die Guten zu essen und die Schlechten schnellstens wegzuwerfen.“ Natalie nickte schmunzelnd und legte ihre rechte Hand auf seinen Oberarm. "In diesem Fall stehen Sie mit Ihrer Meinung ausnahmsweise einmal nicht alleine da.“

Monk konnte es gar nicht mehr erwarten, endlich Näheres über den Verfasser des mysteriösen Zettels zu erfahren. Bereits auf der Fahrt wirkte er irgendwie nervös, und er vergass dabei vollkommen, Natalies Fahrstil zu kritisieren.

Und als sie dann endlich die Tür zum Büro von Captain Stottlemeyer öffneten, lächelte sein ehemaliger Vorgesetzter, der sich gerade noch dienstbeflissen über ein paar Akten gebeugt hatte, Monk bereits aufmunternd zu. Er kam sofort und ohne längere Umschweife auf das Thema, welches seinen ehemaligen Untergebenen derzeit am meisten beschäftigte, zu sprechen: "Wir haben - oder genauer gesagt - Randy hat, nachdem ich ein wenig zwischen dem zuständigen Staatsanwalt und der Krankenhausverwaltung hin und her telefoniert habe, vom SF General Hospital die Akten von sechs Personen, die in den letzten Wochen verstorben sind, erhalten. Zwei davon konnten wir umgehend als natürliche Todesfälle aussortieren, aber vier kamen uns doch mehr oder weniger verdächtig vor. Da gab es zum Beispiel eine junge Frau, die einer Verletzung erlag, bei der sich erst später herausstellte, dass sie von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand verursacht worden war. Aber sie hatte keine Schwester und außerdem wurde der Täter mittlerweile ermittelt; es war ihr Mann. Dann hätten wir da einen Toten, der jedoch nachweislich ein Einzelkind war und eine unter etwas seltsamen Umständen verstorbene Frau, die zwar eine Schwester hat, welche jedoch schon seit längerer Zeit im Ausland lebt. Selbstverständlich werden wir uns auch um diese Fälle kümmern, doch Sie interessiert ja momentan am meisten der Verfasser der ominösen Nachricht und dafür käme wohl am ehesten das sechste Todesopfer als Kandidat in Betracht: Ein 58 Jahre alter Mann namens Bill Jenkins, der vor zwei Wochen in die Notaufnahme des General Hospitals eingeliefert wurde. Er klagte bei der Aufnahme über Schweißausbrüche, Übelkeit und Bauchschmerzen, die im Laufe von wenigen Stunden zu immer heftigeren Koliken wurden. Er musste sich übergeben und litt unter blutigem Durchfall; außerdem hatte er hohes Fieber, das sich nicht senken ließ. Die weiteren Symptome des Krankheitsverlaufes waren noch Krämpfe und Zuckungen und auch in dem Erbrochenem konnte man Beimengungen von Blut feststellen. Schließlich verstarb er, ohne dass irgend eines der angewandten Medikamente oder andere lebensrettende Maßnahmen oder Behandlungen gewirkt hätten, an einem Herzstillstand.“ "Aber jeder Mensch stirbt an einem Herzstillstand!“, protestierte Monk verständnislos. "Der Eintrag Herzstillstand oder Kreislaufversagen als Todesursache ist nicht aussagekräftig. Tod heißt nämlich nichts Anderes, als dass der ganze Kreislauf seine Tätigkeit einstellt, da das Herz zu schlagen aufhört und schließlich stehen bleibt, aber die eigentliche Todesursache, aus der der Tod, also das Kreislaufversagen und der Herzstillstand resultieren, muss eine Andere sein.“ "Genau das dachte ich mir auch, als ich es las“, bemerkte der Captain. "Ich habe Randy mit dem Zettel, den Sie gefunden haben, zum Abgleich der Fingerabdrücke in die Daktyloskopie-Abteilung und ins Labor geschickt. Eigentlich müssten wir bald ein klärendes Resultat erhalten. Außerdem - da fällt mir ein: Ein weiterer merkwürdiger Umstand ist noch im Krankenbericht vermerkt: Jedesmal, wenn die Ärzte ihrem Patienten Blut abnehmen wollten, um es zu untersuchen, hatten sie immense Probleme. Es war nämlich nicht mehr flüssig, sondern hatte sich zu Klumpen verdickt.“ Monk fasste sich nachdenklich ans Kinn: "Das ist ja äußerst seltsam. Wie lange hat es vom Zeitpunkt seiner Einlieferung bis zum Tod gedauert?“ Stottlemeyer sah in der Akte des Verstorbenen nach: "Hier steht, dass der Tod ungefähr 28 Stunden nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus eintrat.“ "Wenn es sich bei diesem Mann tatsächlich um den Verfasser der Nachricht handelt, welche Gewalttaten kämen dann als mögliche Todesart in Frage?“ Natalie ließ sich äußerst interessiert auf einem Stuhl nieder. "Es gab im Krankenhaus keinerlei Anzeichen für äußerliche Gewaltanwendung; nicht mal ein einziger verdächtiger blauer Fleck befand sich an dem Patienten. Und nachdem er noch lebend ins Krankenhaus eingeliefert worden war, kann man eindeutig darauf schließen, dass er durch Gift oder ähnliche, oral aufgenommene oder intravenös verabreichte Substanzen ums Leben gekommen sein muss. In der Akte steht, dass Bill Jenkins obduziert wurde und dass der nur noch spärlich vorhandene Magen-Inhalt und die inneren Organe auf Anzeichen der bekanntesten Gifte untersucht wurden. Aber man konnte nichts Verdächtiges mehr feststellen. Bedauerlicherweise hatte man es in der Notaufnahme gänzlich verabsäumt, das Erbrochene des Kranken sicherzustellen, sodass man es später noch genauer auf eventuell darin enthaltene Toxine überprüfen hätte können. Es gab außer den von den Ärzten im Krankenhaus gesetzten Injektionen und Einstichen für Transfusionen keinerlei Anzeichen dafür, dass ihm etwas injiziert worden ist. Eine umfassende, klärende, forensische Autopsie hat es leider nicht gegeben. Der Leichnam wurde eingeäschert und bereits beigesetzt; bedauerlicherweise können wir jene jetzt nicht mehr nachholen.“ "Hier hat aber jemand mächtig gepfuscht!“, stellte Natalie, obwohl sie ja eigentlich keinerlei Ahnung davon hatte, sich einmischend fest. "Ja, hier waren anscheinend ein paar ziemliche Dilettanten am Werk. Wahrscheinlich irgendwelche jungen Ärzte, die gerade ihr Examen abgelegt haben“, knurrte der Captain; er schien äußerst wütend zu sein. "Und welche Gifte könnten das gewesen sein?“ Die junge Frau lehnte sich interessiert nach vorne. "Tja, alle metallischen Gifte, wie zum Beispiel Arsen oder Blei, kann man gänzlich ausschließen, da man jene mittlerweile gut nachweisen kann. Am ehesten könnte es sich um schwer oder gar nicht identifizierbare Insektizide, Pestizide wie Pflanzenschutzgifte- oder Pflanzengifte selbst handeln, deren Nachweis ebenfalls nicht so einfach ist.“ "Wie wäre es mit Zyankali?“, schlug Natalie, an den Spekulationen rege Anteil nehmend, vor. "Ich dachte, wenn jemand mit Zyankali vergiftet wurde, dann riecht er nach bitteren Mandeln?“ Monk schüttelte seinen Lockenkopf und antwortete: "Nicht jeder Mensch kann diesen typischen Geruch der bei einem Mord mit Zyankali freigesetzten Blausäure wahrnehmen. Außerdem erfolgt der Tod durch Atemstillstand bei einer eventuellen Einnahme sofort, und ein Nachweis dieses Giftes ist heutzutage relativ einfach, wenn man ein gezielte Verabreichung von Zyankali vermutet.“ Seinen ehemaligen Kollegen unterstützend, warf Stottlemeyer ein: "Man muss bei der Eruierung des verwendeten Giftes auch bedenken, dass der Patient nicht gewaltsam dazu gezwungen wurde, das Gift einzunehmen, denn es gab - neben den fehlenden blauen Flecken am Körper - auch keinerlei Reizung der Mundschleimhäute oder der Zunge. Das angewandte Toxin muss also relativ Geschmacksneutral sein. Laugen- oder säureartig wirkende Gifte, die an sämtliche Schleimhäuten Verätzungen verursachen, wie zum Beispiel Nikotin, können wir also auch ausschließen.“ Natalie war verblüfft. "Man kann jemanden mit Nikotin vergiften?“ Stottlemeyer antwortete mit einem Kopfnicken: "Ja, das kann man. Es kommt immer auf die Dosierung des Giftes an oder darauf, wie toxisch jenes wirkt. Bei Kleinkindern reicht schon eine minimale Menge Nikotin aus, um lebensbedrohliche Vergiftungen hervorzurufen. Schon wenn sie nur eine einzige Zigarette verschlucken, kann das tödlich enden. Es ist kaum zu glauben, aber Nikotin ist giftiger als Arsen oder Zyankali. Die Konzentration des Toxins, das eventuell in einer Pflanze vorhanden ist, ist also ausschlaggebend. Manche Gewächse sind so giftig, dass schon eine Messerspitze voll davon ausreicht, um einen erwachsenen Menschen zu töten. Man kann einer Person über einen längeren Zeitraum immer wieder kleinere Dosen verabreichen oder eine einzige Portion eines höchst toxischen Giftes auf einmal. Ein Killer ist nicht unbedingt auf Schußwaffen, Messer oder ähnlich gefährliche Mordwaffen angewiesen. Die ganze Natur ist voll davon.“ Die junge, blonde Frau musste unvermittelt Grinsen: "Und da wundern wir uns noch darüber, weshalb Mr. Monk Mutter Natur so überaus liebt.“ Sie erhielt ein zustimmendes Nicken ihres Chefs und ein erheitertes Schmunzeln vom Captain. "Sehen Sie, ich bin ein äußerst vernünftiger Mann, auch wenn Sie das die meiste Zeit über anzweifeln“, stellte der genialste Detective San Franciscos mit ernster Miene fest. Und Stottlemeyer formulierte grinsend: "Wer weiß, vielleicht ist Milch, verabreicht in großen Dosen, ja auch giftig?“ "Es sind schon Leute gestorben, weil sie zu große Mengen Wasser auf einmal getrunken haben“, merkte Monk, seine Furcht vor der weißen Flüssigkeit verteidigend und eine mögliche Begründung dafür abgebend, an. "Tja, da haben Sie auch wieder recht.“ Der Captain besann sich wieder auf seine dienstliche Pflicht, und auch Natalie, der bei der Bemerkung des Captains über Mordwaffen in der Natur und Monks Ängsten davor, ein weiterer Gedanke gekommen war, brachte sich wieder ernsthafter in das Gespräch ein. "Vielleicht hat er irgendwelche giftigen Pilze zu sich genommen?“ Man konnte deutlich sehen, wie Adrian ziemlich unbehaglich zumute wurde. Denn schon ungiftige Pilze waren ein Reizwort und ein verzichtbares Übel für ihn, und standen in der Rangabfolge seiner Phobien ziemlich weit oben auf der Liste. Hier auch noch an giftige Pilze zu denken, war für ihn ohne Furcht ganz und gar unmöglich. Er blieb deshalb stumm und hörte weiter Captain Stottlemeyers Ausführungen zu.

"Nein, definitiv nicht! Mr. Jenkins war noch dazu fähig anzugeben, was er im Laufe des vorangegangenen Tages gegessen hatte.“ Die Akte durchblätternd, suchte er nach der betreffenden Eintragung. "Ah, hier steht es! Zum Frühstück hatte er Rührei mit zwei Scheiben Toastbrot und einer Tasse Kaffee. Mittags aß er ein Chili mit Salat-“ "Welchen Salat?“, unterbrach ihn Adrian, nun wieder ganz Herr der Lage und sichtlich interessiert. "Da ist hier leider nicht vermerkt.“ "Hat er sonst noch was gegessen?“, erkundigte sich Natalie. "Ja, zum Abendessen verzehrte er noch ein Pasta-Gericht und genehmigte sich ein Glas Rotwein.“ "Vielleicht war das Gift ja in dem Kaffee, in dem Wein oder in irgend etwas Anderem, das er im Laufe des Tages getrunken hat?“, Stottlemeyer gab ein leises Seufzen von sich, als Monk diese Möglichkeit aufwarf. "Tja, das wird sich leider nicht mehr feststellen lassen, da der Mörder mit Sicherheit dafür gesorgt hat, dass gründlichst alle Spuren verwischt wurden. Falls sich das Gift in irgendeinem Getränk oder einem Gericht befand, wird er jenes garantiert mittlerweile restlos entsorgt haben.“ "Da Sie vorhin von Schußwaffen und Messern als alternativen Mordwaffen zu Gift sprachen, Captain“, warf Monk in das Gespräch ein, "Es ist doch aus der langwierigen Geschichte des Verbrechens bekannt, dass Gift eher die Tatwaffe einer Frau ist.“ "Ja, das stimmt! Um jemanden mit einer Pistole, einem Revolver oder einem Gewehr aus der Ferne zu töten, braucht man schon eine ziemlich große Überwindung. Einen Menschen mit einem Messer oder einem anderen unmittelbar angewandten Tatgegenstand, also von Angesicht zu Angesicht, zu ermorden oder ihn gar mit den eigenen Händen zu erwürgen oder mit einem Hilfsmittel zu strangulieren ist noch schwerer. Deswegen bevorzugte das schwächere, weibliche Geschlecht- Verzeihen Sie bitte, Mrs. Teeger“, entschuldigte er sich für diese etwas abwertende Bezeichnung bei Monks blonder Assistentin, "-stets die Anwendung von Gift.“ Monk rieb sich das wie immer penibelst glatt rasierte Kinn. "Da wir ja aus der Notiz wissen, dass der Tote seine Schwester eines Anschlages auf ihn bezichtigt, würde dieser Umstand also ausgezeichnet passen.“ "Sie haben vollkommen recht, Monk - wie gewöhnlich!“ Der Captain richtete seinen Blick in Richtung Tür, da Randy gerade zu jener herein gestürmt kam. Er sah so aus, als hätte er etwas Wichtiges zu berichten und wirkte fast so, als ob er deswegen jeden Moment platzen könnte. "Wollen Sie die neuesten Neuigkeiten hören?“ Gespannt und schweigend seinem Bericht harrend, wandten sich die Blicke aller auf ihn. Doch Lt. Disher sagte kein einziges Wort, sondern starrte die Anderen ebenfalls nur abwartend an. So lange bis Captain Stottlemeyer schließlich ungeduldig wurde und brummte: "Randy, bis Sie endlich mit Ihren Neuigkeiten herausrücken, sind diese bereits antik und wir müssten eigentlich eine archäologische Grabungs-Lizenz dafür beantragen.“ "Ja, Sir, Sie haben recht!“, sagte der junge Polizist schuldbewusst, und gab endlich die erwartete Auskunft: "Die Fingerabdrücke auf der mysteriösen Nachricht stimmen vollkommen mit denen von Bill Jenkins überein.“ "Na, sehen Sie, war doch gar nicht so schwer.“ Der Captain schüttelte seufzend seinen Kopf, doch sein Partner schien noch nicht ganz fertig zu sein: "Die im Labor haben noch etwas herausgefunden.“ Doch anstatt es sofort zu sagen, blickte er wieder nur völlig stumm bleibend in die Runde; anscheinend wollte er es besonders spannend machen. Doch seinem Chef, mit dem Randy fast jedesmal, wenn er etwas zu berichten hatte, das gleiche Spielchen trieb, wurde es schön langsam zu bunt, und er erkundigte sich wütend und im Gesicht bereits rot anlaufend: "Wollen Sie uns jetzt endlich an dem teilhaben lassen, was Sie wissen, oder wollen Sie warten, bis der Fall verjährt ist?“ "Oh, verzeihen Sie, Sir.“ Und jetzt sprudelte es nur so aus dem getadelten jungen Mann hervor: "Bei der Substanz, mit der die Nachricht auf den Zettel geschrieben wurde, handelt es sich um Ketchup.“ "Um Ketchup?“, Natalie schüttelte den Kopf, und Monk fragte mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck: "Aber wie ist er denn an das Ketchup ran gekommen?“ Im Krankenbericht von Bill Jenkins blätternd, stellte Stottlemeyer fest: "Das frage ich mich allerdings auch? Hier steht, dass er der einzige Patient im Zimmer war, also konnte er niemand Anderem das Essen klauen. Und er selbst bekam in diesem miserablen Zustand, indem er sich befand, selbstverständlich keinerlei feste Nahrung. Aber das werden wir schon noch in Erfahrung bringen.“ Er wandte sich jetzt direkt an seinen Helfershelfer bei schwierigen kriminalistischen Ermittlungen. "Naja, wenigstens wissen wir jetzt, wer der Verfasser der ominösen Nachricht war. Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, womit er vergiftet wurde, und ob es tatsächlich seine Schwester war. Sie hatten wieder mal den richtigen Riecher, Monk.“ "Haben Sie je daran gezweifelt? Also ich niemals!“ Das Selbstbewußtsein, das ihr Chef manchmal an den Tag legte, erheiterte Natalie, und sie musste bei seiner Aussage schmunzeln. Der Captain jedoch erwiderte nichts darauf, sondern besann sich dienstbeflissen auf seine Arbeit. "Obwohl eine Hausdurchsuchung nach so langer Zeit nicht mehr viel bringen wird, werde ich jetzt-“ "Bitte, Captain, lassen Sie zuerst mich den Wohnort des Opfers begutachten und mit den Angehörigen sprechen. Ihre Männer hinterlassen bei den Hausdurchsuchungen jedes Mal ein derartiges Chaos, dass ich mich nicht mehr konzentrieren und etwas Zweckdienliches herausfinden kann.“ Diese Aussage verwunderte Stottlemeyer, da seine Leute bei einer Hausdurchsuchung stets äußerst behutsam vorgingen und alles möglichst wieder so zurück ließen, wie sie es vorgefunden hatten - außer den sichergestellten Beweisen selbstverständlich. Aber er schwieg zu diesem Thema, denn es war vergeblich, mit Monk über Derartiges zu diskutieren. "Also gut, dann sehen Sie sich zuerst um, bevor ich mit der Kavallerie anrücke.“ "Ja, das werde ich, danke.“ Nun erhielt Natalie vom Captain die Akte überreicht, und sie konnte Monk kaum folgen, als er, begeistert den Fall übernehmend, zur Tür hinaus strebte.

Als Monk und Natalie in der Straße, in der der Verstorbene gewohnt hatte, ankamen, war weit und breit kein Parkplatz zu finden. Deshalb beschloss die Assistentin Schrägstrich Chauffeuse des genialsten Ermittlers der Stadt, jenen vor dem Haus aussteigen zu lassen und noch ein paar Mal um den Block zu fahren, um eine kleine Parklücke ausfindig zu machen. Monk blieb am Bürgersteig stehen und ließ den Blick an der Fassade des Gebäudes entlang schweifen. Es war ein ziemlich altes Haus, und es sah auch dementsprechend heruntergekommen aus; schon lange hatte es hier keine Restaurationen mehr gegeben. Die Farbe, ein längst verblasstes dunkelgelb, war nur noch an manchen Stellen schemenhaft zu erkennen und der Verputz der Mauern bröckelte teilweise bereits beträchtlich ab. Die Vermutung, dass die Fassade einmal von Efeu überwuchert worden war, lag nahe. Die kleinen, quadratischen Fenster sahen relativ sauber geputzt aus; zumindest was nach Auffassung des neurotischen Sauberkeits-Fanatikers Monk, der das ganze skeptisch betrachtete, eben als relativ sauber geputzt galt. Er ging zu der bereits etwas wurmstichigen Tür aus Eichenholz, deren Berührung mit der bloßen Hand Adrian aus naheliegenden Gründen tunlichst vermied. Er suchte die Türglocke, nahm ein Taschentuch zur Hand und drückte, nachdem er seinen Zeigefinger fürsorglich damit bedeckt hatte, energisch darauf. Doch nichts geschah. In der Akte des Toten hatte nichts davon gestanden, ob der Verstorbene allein gelebt hatte, doch auf einer eingefügten Notiz war als Hinterbliebene eine gewisse Jane Jenkins unter genau dieser Adresse angegeben. Monk klingelte erneut und wartete - abermals gab es keinerlei Reaktion. Enttäuscht ließ der Besucher, der es in der gebotenen Eile, den Fall doch noch zu lösen, leider verabsäumt hatte, sich anzumelden, die Schultern hängen. Da es durchaus etwas dauern konnte, bis Natalie endlich bei dem Haus auftauchen würde, versuchte Monk, einen Weg zu finden, der ihm eventuell einen Blick auf den Gartenseitig gelegenen Bereich des Gebäudes gewähren könnte. Und tatsächlich - es gab einen kleinen Pfad, der seitlich, zwischen diesem und dem Nachbarhaus gelegen, hindurch führte. Den unasphaltierten Boden selbstverständlich zuerst auf irgendwelche Pfützen oder sonstige schmutzigen Flächen inspizierend, ging Adrian diesen Weg entlang. Die Seitenmauer des Gebäudes war vollkommen Fensterlos. Es sah so aus, als ob sie einmal eine Feuermauer und mit einem mittlerweile abgetragenen Nachbarhaus verbunden gewesen wäre. Ganz offensichtlich stellte dieser Pfad eine Verbindung zwischen zwei Parallelstraßen her, und Monk gelangte tatsächlich zum rückwärtigen Teil des Anwesens. Er erspähte einen großen, etwas verwilderten Garten, der sicherlich schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Anhand der noch teilweise existierenden, jetzt allerdings leeren Beete konnte er erkennen, dass es vor gar nicht allzu langer Zeit einmal jemanden gegeben hatte, der diesen Garten hegte und pflegte. Doch leider hatte sich anscheinend niemand gefunden, der die mühsame Arbeit, weitergeführt hatte.

Er wollte gerade wieder zurück zur Vorderseite des Hauses gehen, als völlig unvermutet ein riesiger Hund auf ihn zugestürmt kann. Monk, der einen mächtigen Respekt und Abscheu vor jeglichen Vierbeinern hatte, geriet sofort in Panik, als er die gefletschten gelben Zähne und die steil aufgestellte Rute des Tieres sah. Der Hund war ohne Vorwarnung, also ohne zuvor auch nur das geringste Bellen von sich gegeben zu haben, unmittelbar auf ihn zu gerannt. Aber jetzt ließ er ein leises jedoch äußerst bedrohliches Knurren vernehmen. Es war kein reinrassiger Hund, sondern irgendeine sonderbare Mischung aus Deutschem Schäferhund und einer Bulldogge oder etwas Ähnlichem, da ihm unaufhörlich der Sabber von den Lefzen lief, was den Hund für den Reinlichkeits-Besessenen Monk noch um einiges unsympathischer machte. Er stand angeekelt und starr vor Angst da und wusste nicht, was er tun sollte. Am liebsten wäre er panisch schreiend von dannen gerannt, doch das wäre hier genau die  falsche Reaktion gewesen; so viel zumindest wusste er von Hunden. "Natalie“, eigentlich wollte er den Namen seiner Assistentin laut hinaus schreien, aber er brachte nur ein ängstliches Flüstern zustande. "Natalie, wo bleiben Sie denn? Sie- Sie müssen mich vor diesem Untier retten!“ Doch es war keine Natalie weit und breit zu sehen oder zu hören; Monk war auf sich selbst gestellt. "Brav- braves Hundchen, ich tu Dir garantiert nichts, okay?“, versuchte er, auf das immer noch zähnefletschende, knurrende Tier einzureden. "Also, bitte, bitte, tu Du mir auch nichts, ja? Ich schmecke nämlich überhaupt nicht gut. Du brauchst gar nicht erst zu kosten. Ich würde Dir nur den Magen verderben. Natalie!“ Dieses Mal war seine Stimme schon etwas lauter, was jedoch den Hund irritierte - er kam noch einen Schritt näher. Monk wagte es nicht, hinter sich zu blicken. Er wusste, er durfte dem Hund nicht den Rücken präsentieren, doch hinter ihm befand sich irgendwo der Gartenzaun. Monk hatte also die Wahl, dass der Hund ihm immer näher auf die Pelle rückte oder sich mit dem Rücken gegen den verrosteten Maschendrahtzaun zu lehnen. Er entschied sich aus Gründen, die nur für ihn allein logisch waren, für Ersteres, obwohl er es einen winzigen Moment lang sogar in Betracht zog, etwas für ihn total Abwegiges zu tun und auf einen Baum zu klettern, falls ein Baum in der Nähe gewesen wäre. Plötzlich tauchte ein Junge von ungefähr 14 Jahren - anscheinend der Besitzer des ihn belauernden Tieres - auf, der lässig um die Ecke des Nachbarhauses geschlendert kam, und Monk atmete geringfügig erleichterter auf. Aber der junge Mann hatte nicht die Absicht, seinen Hund zurückzupfeifen. "Na, Bestie, wen hast Du denn da aufgestöbert? Bist ein braver Hund!“ Auf diese Bezeichnung hätte Monk in diesem Moment gewiss nicht zurückgegriffen, und der Name des Köters war auch nicht gerade besonders Mut einflössend. "Bestie? Dieser Hund heißt tatsächlich 'Bestie'?“ Monk standen die Schweißperlen auf der Stirn, als er den Jungen - zur Sicherheit, ob er sich nicht verhört hatte - nochmal auf den genannten Namen ansprach. "Ja, genau, so heißt er. Und Bestie liebt es, Leuten, die nicht hierher gehören, ans Bein zu pinkeln.“ Adrian hätte diese Reaktion des Hundes zwar genausowenig gut geheißen, wie jene, die er gerade am eigenen Leib zu spüren bekam, doch er versuchte, ein freundliches Lächeln zustande zu bringen. "Hör mal, ich bin- ich gehöre zwar nicht hierher, aber ich wollte die Leute, die in dem Haus hinter mir wohnen, aufsuchen.“ "Mr. Jenkins ist tot“, teilte im der Junge, dessen sommersprossiges Gesicht mit etlichen entzündeten Pickeln übersät war, mit. Der genialste Detektiv San Franciscos war weder über das Aussehen des Hundes noch über das von dessen Besitzer besonders erbaut. "Hatte Mr. Jenkins denn keine Angehörigen?“, fragte er ziemlich kleinlaut; immer mit Bedacht auf den Hund, dem er auf gar keinen Fall einen Grund geben wollte, ihm ans Bein zu pinkeln oder ihn zum Abendessen zu verspeisen - beides war für Adrian nämlich gleich schlimm. "Hören Sie, Mister! Wenn Sie keinerlei Ahnung haben, wer aller in dem Haus wohnt, warum schleichen Sie dann hier hinten herum? Sie könnten ein Einbrecher oder sonstwas sein.“ "Da- da muss ich Dir allerdings recht geben“, gestand Monk mit zittriger Stimme ein. "Aber ich bin ganz genau das Gegenteil von einem Einbrecher. Ich bin ein Cop, das heißt, genau genommen ein ehemaliger Cop.“ "Und das soll ich Ihnen so ohne Weiteres glauben, hä?“ Dieser hoch aufgeschossene, picklige Junge, dessen Arme und Beine viel zu lang aussahen im Vergleich zu seinem übrigen Körper, war mehr als misstrauisch. 'So einer wie der wäre eine Bereicherung für jedes Gefängnis; egal ob als Aufseher oder als Insasse', dachte Monk insgeheim bei sich, und dem Jungen antwortete er mit immer noch zittriger Stimme: "Ich bin privater Ermittler im Dienste der Polizei und ausgestattet mit einer Sonder-Lizenz. Meine Assistentin müsste jeden Moment kommen; sie- sie hat meinen Ausweis bei sich.“ "Das kann jeder sagen.“ Der Junge drehte sich zur Seite und spuckte, die Hände lässig in die Hosentaschen gesteckt, ins Gras. Angewidert erhob Monk seinen Arm, um damit seine Augen zu bedecken, obwohl es dafür bereits viel zu spät war. Seine abrupte Bewegung hatte nur den Effekt, dass sie den Hund sofort in Alarm versetzte. Das Knurren wurde lauter, und Monk ließ sich panisch vor Angst dazu herab, den Jungen regelrecht anzuflehen: "Bitte, bitte, sag Deiner Bestie, dass sie von mir fern bleiben soll! Ich schwöre Dir, dass ich bestimmt keinen Ärger machen werde.“ "Ein ehemaliger Cop sind Sie also? Sie sehen aber nicht so aus, als ob Sie besonders mutig wären.“ Mit dem Kopf nickend, gestand Adrian ein: "Ja, ich muss zugeben, dass es da einige Dinge gibt, vor denen ich eine gewisse Angst habe.“ "So, welche denn?“, wollte das pickelige Kerlchen neugierig wissen. "Ach, eigentlich sind es nicht besonders viele Dinge. Ich glaube, das willst Du gar nicht so genau wissen.“ Der Junge schien aber gänzlich anderer Meinung zu sein. "Nein, nein, das interessiert mich, ehrlich!“ Monk schloss die Augen und seufzte. Was würde der Knabe wohl davon halten, wenn er ihm mitteilen würde, dass er Angst vor so ziemlich Allem hatte; inklusive Ritzen im Bürgersteig, ungleich hohen Kerzen, verschieden voll gefüllten Flaschen und Milch. "Haben Sie eine Knarre?“ Die aufmerksamen grauen Augen des Jungen fixierten ihn fast so intensiv wie die braunen des Hundes. Was sollte er darauf sagen? Er suchte noch immer nach einer Antwort, als plötzlich eine hohe, scheltende Stimme zu hören war. "Billy-Bob Wheeler, was machst Du da mit dem fremden Herrn? Schämst Du Dich denn nicht, Du nichtsnutziger Kerl!“ "Aber Miss Jenny, ich wollte Ihnen doch nur helfen?“ Jetzt sah der Knabe nicht mehr ganz so mutig aus wie noch wenige Augenblicke zuvor. Eine ältere Dame mit schlohweißem, zu einem Knoten frisierten Haar und blitzblauen Augen kam den Weg entlang, den Monk vor wenigen Minuten, die ihm persönlich wie eine Ewigkeit vorkamen, hierher genommen hatte und ging direkt und ohne auch nur einen Anflug von Furcht zu zeigen, auf den sabbernden Köter zu. "Bestie, aus! Wirst Du wohl den Mann in Ruhe lassen!“ Das Tier schien sich tatsächlich von ihr einschüchtern zu lassen. Es klemmte den Schwanz ein, nachdem sein drohendes Knurren in ein leises Winseln übergegangen war und trottete davon. "Und Du Billy-Bob solltest es Deinem Hund, der anscheinend viel mehr Grips im Kopf hat als Du, gleich tun, und dich ebenfalls schleunigst aus dem Staub machen!“ Ohne ein einziges Widerwort zog sich nun auch der Knabe folgsam zurück, und Monk ließ ein zutiefst erleichtertes Seufzen vernehmen. "Danke, Ma'am! Das war Rettung in allerletzter Sekunde.“ "Ach wir wollen es mal nicht übertreiben, so schlimm war es sicherlich nicht!“ "Oh doch, war es! Sie haben ja keine Ahnung!“ Er zog mit zittrigen Fingern ein Taschentuch aus seinem Sakko hervor und tupfte sich hörbar aufatmend die schweißnasse Stirn damit ab. Im selben Moment erspähte er Natalie, die gut gelaunt und freundlich lächelnd, auf ihn und die alte Dame zu schritt. "Wo sind Sie denn so lange gewesen? Mir kann hier einstweilen weiß Gott was passieren, und Sie treiben sich stundenlang irgendwo herum!“ Die junge Frau, die natürlich keinerlei Ahnung hatte, womit Sie diesen Tadel verdient hatte, erhob die Hände. "Mr. Monk, ich kann nicht rund um die Uhr Ihr Babysitter sein! Außerdem, was hätte ich denn tun sollen? - Das Auto einfach wie einen Regenschirm zusammenklappen und über meinen Arm hängen oder es irgendwie schrumpfen lassen und in meine Handtasche stecken?“ Sie wandte sich an die weißhaarige Frau: "Verzeihen Sie bitte, Ma'am. Das ist, wie Sie sicherlich bereits bemerkt haben, ein äußerst ängstlicher Mensch, namens Adrian Monk, und ich bin seine Assistentin Natalie Teeger.“ Sie reichte ihr höflich die Hand, und auch ihr Chef tat zwangsweise das Gleiche. "Mein Name ist Jane Jenkins. Ich wohne in dem alten Haus zu dem dieser Garten gehört; gleich dort hinten.“ Sie nickte in die erwähnte Richtung. Nach dem Überreichen des obligatorischen Feucht-Tuches und gründlichster Reinigung seiner Hände, schien auch Monk geistig endlich wieder einigermaßen bei dem eigentlichen Grund seiner Anwesenheit an diesem Ort zu sein. Er musterte die alte Dame eindringlich. Sie sah überhaupt nicht wie eine Mörderin aus, eher wie eine gutherzige, Märchen erzählende Großmutter, die ihre Enkelkinder mit selbst gebackenem Kuchen fütterte. Aber welche Menschen sahen schon von weitem wie hinterhältige Mörder oder auch nur wie ganz simple Gelegenheitsverbrecher aus? Monk hatte schon oft Leute überführt und verhaften lassen, die ihm auf den ersten Blick durchaus sympathisch erschienen.

Miss Jenkins, ich arbeite als Privater Ermittler für das San Francisco Police-Department. Es sind im Bezug auf das Ableben Ihres Bruders leider nachträglich ein paar Fragen aufgetaucht. Und ich wurde damit beauftragt, jenen nachzugehen." "Ich verstehe nicht! Welche Fragen denn?" Monk, der nun wieder ganz der brilliante Detektiv war, als den man ihn weithin kannte, beobachtete ihre Reaktionen auf seine nächsten Worte genau: "Es besteht der Verdacht, dass Ihr Bruder eines gewaltsamen Todes starb." Schockiert schlug die alte Dame die Hand vor den Mund. "Sie meinen doch nicht etwa- Aber wieso? Und wer?" Ihr Verhalten schien echt und angemessen zu sein, aber Adrian hatte schon viele Mörder kennengelernt, die es ausgezeichnet verstanden, anfangs sogar ihn zu täuschen. Natalie, die der alten Frau näher stand als ihr Boss, registrierte einen aus deren Mund entweichenden, intensiv wahrnehmbaren Geruch. Es kam ihr so vor, als wäre es der Duft von Pfefferminze. Vielleicht lutschte die weißhaarige Frau ja gerne Bonbons in dieser Geschmacksrichtung. Natalie versuchte, das, was ihre Nase erschnüffelt hatte, zu ignorieren und konzentrierte sich wieder auf die Worte ihres Chefs, der gerade sagte: "Das kann ich Ihnen leider zum gegenständlichen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber ich muss Sie bitten, mir ein paar relevante Fragen zu beantworten." Wortlos gab die weißhaarige Frau mit einem Nicken zu verstehen, dass sie einverstanden war. Sie setzte sich, nachdenklich und auch weiterhin stumm bleibend, in Richtung Haus in Bewegung, und Monk und seine Gehilfin folgten ihr mit etwas Abstand.

Das von außen heruntergekommen aussehende Haus, das sie kurz darauf betraten, schien in seinem Inneren nicht ganz so vernachlässigt zu sein, wie man beim ersten Eindruck hätte vermuten können. Aber es war nüchtern und schlicht eingerichtet. Es gab keine Teppiche auf den Fußböden, der in fast jedem Zimmer mit hellgrauen Fliesen ausgelegt war. Sie waren nicht besonders groß, und Monk hatte ziemliche Mühe, nicht auf die trennenden Fugen zu treten. Auch die Wände waren kahl und in einem steril wirkenden, blassen Grauton bemalt. Nur sehr wenige Bilder schmückten das Zimmer, das die drei gerade eben betreten hatten. Obwohl es Hochsommer war, wirkte der Raum nicht nur optisch kühl; er war bei der außerhalb des Gebäudes vorherrschenden Hitze durchaus angenehm temperiert. Die spärlich vorhandenen Möbeln waren alt, um nicht zu sagen antik und allesamt wurmstichig; was Monk eher weniger gut fand. Nur der Umstand, dass hier alles anscheinend seinem Ermessen nach halbwegs sauber gehalten wurde, veranlasste ihn, doch auf der etwas fadenscheinigen Couch Platz zu nehmen. "Darf ich Ihnen eine Tasse Tee oder sonst irgendetwas anbieten?" Das durchaus höflich erscheinende Angebot wurde sofort energisch von den beiden Gästen ausgeschlagen; sie hatten die eindringliche Warnung des Captains noch allzu gut im Gedächtnis. "Miss Jenkins", wandte sich Monk an die alte Dame, während Natalie einen Bleistift zückte und einen Schreibblock aus der Handtasche nahm, um alles Gesagte möglichst mitzuschreiben. Das war zwar nicht unbedingt nötig, da das Gehirn ihres Chefs normalerweise alles, was jener registrierte, gierig auf sog wie ein trockener Schwamm, doch auch sie selbst wollte anschließend noch einmal alles nachlesen können. "Ihr Bruder wurde laut den Krankenhaus-Akten am Sonntag Morgen vor zwei Wochen in das General Hospital eingeliefert. Können Sie mir schildern, was zuvor geschehen ist? Und bitte möglichst genau!" "Tja" Die weißhaarige Dame hatte ihre faltigen, mit braunen Flecken bedeckten Hände im Schoß gefaltet und blickte zu Boden, als sie mit leicht brüchiger Stimme zu sprechen an fing: "Bill hatte bereits in der Nacht zuvor über heftige Bauchschmerzen geklagt. Er hatte Schweißausbrüche und ihm war furchtbar übel. Ich habe versucht, ihm mit normalerweise äußerst bewährten Hausmitteln und diversen Medikamenten zu helfen, doch es wurde immer Schlimmer. Am Morgen haben wir dann beschlossen, ihn ins Krankenhaus zu bringen." Die alte Dame stutzte, sie schien ein Geräusch vernommen zu haben, das aus dem Flur herein drang. Auch Monk hatte wie immer äußerst hellhörig den Kopf erhoben, und Natalie unterließ es, weiterzuschreiben, um ebenfalls zu lauschen. Irgendjemand hatte anscheinend einen Schlüssel ins Haustür-Schloss gesteckt und die alte Eichentür geöffnet. Kurz darauf betrat eine zweite alte Dame, deren Haar Streichholz kurz und blond gefärbt war und deren Augen ebenfalls blau waren, mit einem etwas verwunderten Blick das Zimmer. "Ah, Cynthia, wir haben Besuch." Jane Jenkins stellte ihre beiden Gäste vor, und das übliche Tücher-Ritual nach dem erfolgten Händeschütteln unterbrach für einen kurzen Augenblick die Konversation. "Darf ich Ihnen meine Schwester Cynthia Jenkins vorstellen?" Monk hatte die Worte der weißhaarigen Dame noch im Ohr, als er gründlichst seine Hände ab wischte. Es gab also noch eine zweite Schwester, die als Mörderin in Frage kam. Normalerweise hatte er es stets nur mit einem einzigen Verdächtigen, dem er einen Mord nachweisen musste, zu tun, oder es war überhaupt noch keine Person ermittelt worden, die für eine allfällige Tat in Frage kam. Aber gleich zwei potentielle Täter vorzufinden, die für ein- und den selben Mord in Frage kamen, das war eher selten. Jane erklärte ihrer Schwester ausführlich, warum die sympathisch lächelnde, blonde, junge Frau und der eher ernst drein blickende Mann mit den dunklen Naturlocken gekommen waren. Cynthia nickte ab und zu und beobachte den angeblichen Detektiv, der etwas schrullig wirkte, da er die scheinbar nutzlos verstreichende Zeit dazu nutzte, ein paar gerahmte Fotos, die hinter ihm in einem Regal standen, exakt in einer geraden Linie zu platzieren. Natalie nahm unterdessen die andere Dame, die durch ihre gefärbten Haare zweifelsohne jünger aussah als die andere, etwas genauer in Augenschein. Sie war etwas zu stark geschminkt für ihr Alter, und ihr Haupt umwehte der Duft eines eher penetrant riechenden, billigen Parfums. Sie hatte nicht ganz so viele Falten im sich durch eine vornehm genannte Blässe auszeichnenden Gesicht wie die andere Schwester; und auch ihre Hände sahen um einiges gepflegter aus. Außerdem legte sie bei ihrer Kleidung sichtlich großen Wert auf bunte Farben, während die andere, gediegenere Frau eher Pastelltöne und einfach geschnittene Blusen und Röcke bevorzugte. Monk war noch immer hingebungsvoll damit beschäftigt, die Fotos, die vorwiegend in schwarz-weiß aufgenommen worden waren, akribisch zu ordnen. "Adrian!", seine Assistentin versuchte, indem sie ihn ermahnte, ihn wieder in die Welt der sich normal benehmenden Menschen zurückzuholen. Im ersten Moment schien er gar nicht auf sie zu reagieren, erst als sie ihm leicht auf den Unterarm klopfte und nochmals seinen Namen nannte, besann er sich darauf, weswegen er eigentlich hier war. "Ja- äh- Miss Jenkins", wobei er die neu hinzugekommene Frau an sah, "Ihre Schwester war gerade dabei, uns zu erzählen, mit welchen Symptomen Ihr Bruder ins Krankenhaus eingeliefert wurde." "Er litt unter Schweißausbrüchen, Fieberschüben, Koliken, und er musste sich übergeben.", brachte sich nun auch die Angesprochene, mit dem, was sie wusste, in das Gespräch ein. "Im Laufe von Stunden wurde es immer schlimmer mit ihm. Die Ärzte haben getan, was sie konnten, aber es war zu spät. Er war nicht mehr zu retten." Sie seufzte und bedachte ihre Schwester mit einem traurigen Blick. "Im Krankenbericht steht", sagte Monk, der keinen einzigen Blick darauf werfen musste, da er sich alles bereits in sein Gedächtnis eingeprägt hatte, "dass Ihr Bruder im Laufe des vorangegangenen Tages Rührei, Toastbrot, Kaffee, Chili, Salat und ein Nudelgericht mit Rotwein zu sich genommen hätte. Könnte es sein, dass er bei der Aufzählung irgend ein Lebensmittel vergessen hat?" "Nein", Jane schüttelte ihren Kopf, "das Rührei habe ich ihm zubereitet." Sowohl Monk als auch Natalie wurden hellhörig. "Das Chili und den Salat hat er sich selbst gemacht." "Und ich habe davon gekostet", warf Cynthia ergänzend ein. "Und wer hat den Salat angemacht?" Jetzt war es Natalie, die interessiert diese Frage auf warf. "Den hat er sich auch selbst gemacht. Es war Feldsalat, den er ganz frisch im Gemüseladen eingekauft hat." Monk erhielt von seiner Assistentin Schrägstrich Betreuerin einen bedeutungsvollen Seitenblick, als Cynthia diese Feststellung machte. "Und das Nudelgericht?" "Das habe wiederum ich gekocht", verkündete Jane mit vollkommen stoisch bleibender Miene. Hatte sie wirklich keine Ahnung, dass sie damit den Verdacht auf sich lenkte oder war sie in Wahrheit eine verkannte Schauspielerin, die ihre Rolle ausgezeichnet spielte? "Was war das für eine Pasta?" Monk lehnte sich bei seiner Frage neugierig nach vorne, wobei er es allerdings möglichst vermied, den Tisch zu berühren. Es bereitete ihm ohnehin schon große Mühe, die kleinen Flecken auf der in seinen Augen mit Schmutz übersäten Oberfläche zu ignorieren. "Ach, es waren nur ganz einfache Spaghetti mit darüber geriebenen Käse, mehr nicht." "Haben Sie irgendwelche Gewürze verwendet?" Die Köchin in Natalie versuchte, auch nicht das kleinste Detail zu übersehen. "Nur Salz und Pfeffer, das ist alles."

Und dieses Chili, von dem Sie auch gegessen haben, Miss Cynthia - haben Sie ihn dabei beobachtet, wie er es zubereitet hat?" Monk sah die Angesprochene abwartend an. "Nein, das habe ich nicht. Aber Bill aß an jedem zweiten Samstag im Monat das Gleiche: Rührei, Toastbrot, Kaffee, Chili mit abwechselnden Salaten und Pasta mit Käse. Ach ja, und das Glas Rotwein selbstverständlich! Es mag zwar eintönig klingen, aber das war bei ihm beinahe schon Routine." "Tja, ein Jeder hat eben so seine Macken", verkündete Natalie schmunzelnd, wobei Sie ihren Boss mit einem aussagekräftigen Blick bedachte. Sie dachte an wöchentlich wiederkehrende Dienstage und an einen beharrlich an jenen Tagen auf einen Gemüse-Kuchen bestehenden Monk. Dieser würdigte sie allerdings keines einzigen Blickes und fuhr mit seiner Befragung fort: "Was hat er außer dem Kaffee und dem Rotwein im Laufe des Tages getrunken?" "Mineralwasser, ausschließlich Mineralwasser!" Janes Aussage war kurz und prägnant. "War er den ganzen Tag zuhause, oder könnte er auswärts irgendwo noch etwas Zusätzliches gegessen haben?" "Nein, er war ständig hier - an Samstagen geht er eigentlich nie aus, pardon, ich wollte sagen, ging er eigentlich nie aus." Die Stimme der weißhaarigen Frau zitterte leicht, als sie ihren Satz korrigierte. "Dürfte ich mich bitte ein wenig im Haus umsehen?" Monk war bereits, bevor er die Frage formuliert hatte, aufgestanden. "Selbstverständlich!" Cynthia Jenkins wies mit der Hand einladend in den Raum. "Vorwiegend würden mich selbstverständlich die Küche und das Zimmer Ihres Bruders interessieren." "Wenn Sie mir bitte folgen würden, dann zeige ich Ihnen alles." Cynthia ging voraus, und Monk und Natalie folgten ihr; Jane zog es vor, dort zu bleiben, wo sie war.

Als erstes betraten sie die Küche. Bis auf den Umstand, dass etliche leere Flaschen herumstanden, war sie einigermaßen aufgeräumt; zumindest in Natalies Augen. Monk stellte sich in die Mitte des Zimmers, erhob seine Arme und Hände, wobei er die Finger ein wenig von einander abspreizte und tänzelte wie ein Chinese, der seine täglichen Tai-Chi-Übungen macht, durchs Zimmer. Seine Assistentin erklärte Cynthia Jenkins flüsternd, dass das sein typisches Verhalten war, wenn er sein besonders Gespür einsetzte, um irgendwelche Hinweise auf den Tatablauf oder ähnliche Eingebungen hinsichtlich des aktuellen Falles zu erhalten. "Wo bewahren Sie die Lebensmittel auf?" Die zwei Frauen erschraken beinahe, als er urplötzlich mit seinem seltsamen ZEN-Gebaren inne hielt und jene Frage formulierte. Cynthia ging zu den Küchenschränken und öffnete ein paar Türen. Vorsichtig - man wusste ja nie, welche Unordnung einem hinter verborgenen Türen erwartete - spähte Monk von der Weite hinein. Er gab seiner Gehilfin ein Zeichen, und die junge Frau begann, die Küchenkästen zu inspizieren. Monk war heilfroh, dass die alten Frauen so kooperativ waren. Denn eigentlich war es ihr gutes Recht, keinem Menschen ohne Durchsuchungsbefehl Einblick in ihr Leben zu gestatten. Anscheinend hatten die beiden Nichts zu verbergen, was den genialen Detektiv jedoch eher beunruhigte; er musste unbedingt Hinweise finden, um diesen Fall aufzuklären. Natalie stöberte ein wenig herum und berichtete, was sie vorfand: "Also ich sehe hier nichts Ungewöhnliches. Ein paar Konservendosen mit Gemüse, Erbsen, Bohnen, Fertiggerichte. Dann gibt es noch Reis, Mehl, verschiedene Arten von Pasta und andere Lebensmittel, die man für gewöhnlich als Vorrat zu Hause hat." "Wo bewahren Sie die Getränke auf?" Die alte Frau öffnete eine kleine Tür an der Seitenfront der Küche, die in eine Abstellkammer führte. Dort lagerten verschiedene Flaschen. Ein weiteres Zeichen von Monk verdeutlichte Natalie, dass sie auch dort nachsehen sollte. "Hauptsächlich Mineralwasser-Flaschen stehen hier in Kisten herum. Mehrere leere Weinflaschen und ein- zwei Tetra-Packs mit Limonade." "Riechen Sie bitte an den Flaschen", forderte ihr Boss sie auf. Die junge Frau tat wie ihr geheißen und schnupperte an den Flaschenhälsen der geleerten Rot- und Weißwein Behälter. "Riechen Sie irgendetwas Absonderliches?" Natalie schüttelte ihren Kopf. "Hier! Riechen Sie selber." Sie hielt Monk sämtliche entleerten Flaschen der Reihe nach unter die Nase, wobei er es tunlichst vermied, mit jenen auch nur geringfügig in Kontakt zu kommen. Auch die in der Küche deponierten Flaschen wurden näher untersucht. Doch sowohl Monk als auch Natalie konnten keinen fremdartigen Geruch erschnuppern; in sämtlichen Flaschen schien sich ausschließlich Wein oder das, was auf dem Flaschen-Etikett stand, befunden zu haben. Aber zur Sicherheit würden alle Behältnisse ohnehin noch einmal im Labor forensisch untersucht werden, wenn Stottlemeyers Mannen eingetroffen waren. Doch Monk hatte den Verdacht, dass es hier ohnehin keinerlei Spuren mehr geben würde, denn der Mörder hatte mit Sicherheit dafür gesorgt, dass man ihm nichts nachweisen konnte. "Wenn ich jetzt bitte das Schlafzimmer Ihres Bruders sehen könnte?" Anscheinend schien der ehemalige Detective in der Küche genug gesehen zu haben.

Das Schlafzimmer sah so aus, als befände sich der Bewohner nur gerade außer Haus und würde jeden Moment wieder zurück kommen. Das Bett war noch bezogen und die Tagesdecke war darüber gebreitet; anscheinend hatten die beiden Frauen es noch nicht übers Herz gebracht, die Sachen ihres Bruders zu entsorgen. Auch in den Schränken waren noch sämtliche Kleidungsstücke vorhanden. Selbstverständlich war es Natalie, die einen Blick hinein werfen musste; Monk selbst tänzelte nur erneut wie ein chinesischer Schattenboxer durchs Zimmer und versuchte Dinge zu erspähen, zu deren Entdeckung nur er alleine fähig war. Ein schiefes Bild an der Wand schien ihn zu irritieren. Er eilte darauf zu und rückte es gerade, dabei fiel sein Blick auf ein Foto, das eine alte Frau zeigte, die bekleidet mit Gummistiefeln, einem Strohhut und einer Gärtnerschürze in einem Meer aus Blumen, Sträuchern und exotischen Pflanzen stand. Stumm mit dem Finger auf die Aufnahme zeigend, richtete er seine braunen Augen neugierig auf die künstlich blondierte Dame. "Das ist unsere Mutter. Sie starb vor einem Jahr, und sie war eine leidenschaftliche Gärtnerin. Sie pflanzte alles an, was sie nur finden konnte." Sie trat auf das Bild zu und wies nun ebenfalls mit dem Finger darauf. "Sehen Sie! Da sind Passionsblumen und Orangenbäumchen, ein kleiner Feigenbaum, ein Oleanderstrauch und Wunderbäume. Und die blauen Blumen zu ihren Füssen, die hat sie besonders geliebt." Natalie betrachtete nun ebenfalls die farbenfrohe Aufnahme mit der freundlich lächelnden alten Frau. "Sie hatte anscheinend ein Talent dafür, die Pflanzen zum Wachsen zu animieren." "Ja", seufzte die andere Blondine, "sie besaß einen grünen Daumen. Sie sprach sogar mit ihren Pflanzen. Ich glaube, sie hat sie mehr geliebt als uns Kinder. Aber wenn wir krank waren, dann hat sie uns immer mit ihren selbst gemachten Arzneien behandelt. Sie hatte einen umfangreichen Kräutergarten, und sie war äußerst bewandert in alternativer Heilkunde. Nachdem sie gestorben war, haben meine Schwester, mein Bruder und ich alles ausgerissen und entsorgt; Bill wollte es so. Er hat noch Wochen lang gearbeitet und alle Pflanzen rigoros entfernt. Wahrscheinlich wollte er nicht mehr an sie erinnert werden. Den Anblick von blühenden Blumen, die sie mit eigener Hand gepflanzt hatte, konnte er wohl nicht ertragen." Sie seufzte wehmütig. Monk, der alles, was auch nur im entferntesten an Natur erinnerte, nicht besonders liebte, bedachte seine Betreuerin mit einem Blick, der alles andere als Begeisterung für das Grünzeug ausdrückte. "Woran ist sie gestorben?" Adrian wollte das Thema wieder auf Relevanteres richten. "Oh, sie hatte leider Krebs - Brustkrebs, um genau zu sein. Sie hatte leider keinen besonders schönen Tod." 'Ihr Bruder aber auch nicht!', dachte Monk, wobei er die bunt gekleidete Dame mit einem finsteren Seitenblick bedachte. Konnte Sie die gesuchte Mörderin sein? "Ich bin hier fertig. Macht es Ihnen etwas aus, mir auch noch Ihr Zimmer zu zeigen?" "Aber ganz und gar nicht, Mr. Monk."

Sie führte ihn und auch seine Begleiterin in ein etwas kleineres Zimmer, das nur sehr spärlich möbliert war. "Ich wohne erst seit einem knappen Jahr hier. Ich bin nach dem Tod meiner Mutter wieder hier eingezogen und habe ihr Zimmer übernommen." Der genialste Detektiv San Franciscos ließ seinen geschulten Blick schweifen. Er konnte jede Menge Bücher sehen, deren Anordnung seinem Ordnungsempfinden zwar außerordentlich widersagte, doch er hielt sich krampfhaft zurück, darauf zuzueilen und alles richtig zu arrangieren. "Haben Sie diese Bücher alle gelesen?" Er vollführte eine nervöse Zuckung mit dem Kopf und konnte sich nun doch nicht ganz beherrschen. Er nahm eines der Bücher aus dem Regal und steckte es an einer anderen Stelle wieder hinein; wobei er selbstverständlich seine Finger mit einem Taschentuch, welches er aus seiner Sakko-Brusttasche genommen hatte, schützte. "Ja, gelesen habe ich sie eigentlich bereits alle, bis auf ein paar wenige Exemplare, die ich mir in der kleinen Bücherei, die gleich ein paar Straßen weiter ist, ausgeliehen habe." Monk hatte in der Zwischenzeit, bedacht mit einem etwas tadelnden Blick von Natalie, den er jedoch zu ignorieren schien, fünf weitere Bücher ausgetauscht. Cynthia Jenkins griff in die Schublade ihres Nachtkästchens und brachte daraus einen Ausweis zum Vorschein, den sie dem lockenköpfigen Mann unter die Nase hielt. "Das hier ist meine Ausleih-Karte." Monk neigte seinen Kopf zur Seite, um das darauf Geschriebene besser lesen zu können und nickte. Er hatte beim Umordnen der Bücher auf deren Rücken ein paar der Titeln registriert und stellte fest, dass es Literatur etwas absonderlicherer Art war, die sich hier im Zimmer befand. "Sie lesen Spionage-Romane?" "Ja, ich liebe sie! Ich kann gar nicht genug davon bekommen. Andere Leute lesen Krimis, und ich bevorzuge eben derartige Literatur." Monk nickte abermals; er hatte genug gesehen und wollte das Zimmer mit den scheinbar unzähligen, falsch angeordneten Büchern schnellstens hinter sich lassen. Doch als er bereits auf die Tür zu ging, fiel ihm etwas ins Auge, das auf einem kleinen Tisch in der Ecke lag, und sein Interesse weckte. Es waren Reisedokumente, ausgestellt auf Cynthia Jenkins. "Wollen Sie verreisen, Ma'am?" "Ja, ich plane einen kleinen Aufenthalt in Frankreich - in Paris, um genau zu sein." Adrian blickte ihr Mitten ins Gesicht. "Dieser Vertrag hier wurde aber storniert." "Ja, als mein Bruder verstarb, habe ich selbstverständlich meine Reisepläne verschoben. Aber verschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. Ich werde meinen Flug nach Frankreich mit Sicherheit irgendwann in näherer Zukunft nachholen." Sie hielt ihm die Türe auf, und Monk schritt, behutsam darauf bedacht, nichts mit seinen Fingern zu berühren und nicht auf die Fugen der Bodenfliesen zu treten, hindurch. "Könnten wir auch das Zimmer Ihrer Schwester sehen?" "Nun, ich glaube, sie hat sicherlich nichts dagegen einzuwenden."

Das Zimmer der anderen Frau war genauso klein wie das ihrer Schwester, mit dem einen Unterschied, dass hier mehrere Möbel herum standen; was allerdings etwas seltsam anmutete, da sie ja im Gegensatz zu Cynthia Jenkins den einfacheren, nicht so anspruchsvollen Charakter zu haben schien. Sonderbar war, dass auch hier jede Menge leerer Flaschen und auch ein paar volle herum standen, von denen einige viel hochprozentigeres als Wein enthielten oder enthalten hatten. Am liebsten hätte Monk umgehend einen Mülleimer herbeigeholt und sämtliche herumstehenden Flaschen, egal ob voll oder leer, restlos entsorgt. Der neurotische Mann konnte gar nicht hinsehen, da der Stand, der in den Flaschen enthaltenen Flüssigkeiten, keineswegs ausgeglichen war; sie waren alle unterschiedlich hoch gefüllt. "Ver- verzeihen Sie bitte, die etwas unhöfliche Feststellung, Miss Jenkins, aber es sieht so aus, als ob Ihre Schwester ein kleines Alkoholproblem hätte?" Er versuchte, dem leicht tadelnden Blick seiner Betreuerin Schrägstrich Assistentin auszuweichen. Leider hatte Adrian keine andere Wahl, als derartige Fragen zu stellen, wenn er in diesem ziemlich schwierigen Fall weiterkommen wollte. "Tja, unglücklicherweise muss ich Ihnen in diesem Punkt recht geben. Als unser Bruder starb - oder eigentlich schon kurz nach dem Tode unserer Mutter - hat sie, zu meinem großen Bedauern, damit angefangen zu trinken." Natalie begriff plötzlich, was es mit dem intensiven Geruch nach Pfefferminz, den Jane Jenkins ausströmte, auf sich hatte. Sie versuchte auf diese Art, ihre Sucht nach Spirituosen zu vertuschen. "Sie sollten Sie zu einem Besuch bei den anonymen Alkoholikern überreden." Die junge Blondine bedauerte ihre Gesprächspartnerin und wolle ihr einen hilfreichen Tipp geben. "Ja, danke, ich werde mit ihr darüber reden." Monk hatte unterdessen wieder seine ZEN-Nummer abgezogen und ein paar verblichene Fotos entdeckt, die in liebevoll geschmückten Rahmen auf dem Nachtkästchen standen. Sie zeigten einen jungen, adretten Mann in einer Army-Uniform. "Darf man fragen, wer das ist?" Die alte Dame gab ein leises Seufzen von sich, als sie antwortete. "Das ist Tom Warner; er war die große Liebe meiner Schwester. Leider war sie damals noch viel zu jung für eine ernsthafte Beziehung, und meine Eltern verbaten ihr jedweden Umgang mit ihm, da er um fast zehn Jahre älter war als sie. Jane war damals erst 16, und sie hat nie wieder einen anderen Mann so geliebt wie ihn. Stattdessen ist sie bei meinem Bruder geblieben und hat ihm den Haushalt geführt." Nachdem Monk - weil er es wie immer nicht lassen konnte - die Bilder exakt nach seinem Empfinden von perfekter Symmetrie ausgerichtet hatte, wollte er auch noch etwas über das nähere Umfeld von Cynthia Jenkins wissen. "Und Sie, Ma'am waren Sie je verheiratet?" "Leider, nein! Ich wolle zwar immer eine eigene Familie haben, doch es hat sich bedauerlicherweise nie ergeben." Ein mitleidvoller Blick aus den Augen der jungen Assistentin streiften jenen der alten Frau, während ihr Chef anscheinend im Augenblick nicht viel Verständnis dafür aufbrachte. Er war zu beschäftigt damit, mit seinem rechten Zeigefinger gegen eine Nachttischlampe zu klopfen, wenn auch der Grund, weshalb er das tat, den anderen Anwesenden wie immer gänzlich verborgen blieb. "Sind wir jetzt fertig?" Wollte Cynthia vom dem schrulligen Detektiv wissen, der jedoch keinerlei Anstalten machte, sie in irgendeiner Form zu beachten; er schien irgendwie gänzlich abwesend zu sein. Auch Natalie erkannte, dass ihr Boss nicht mehr bei der Sache war und legte ihre Hand auf seinen Unterarm, damit er die Lampen-Klopferei endlich unterließ. "Mr. Monk, Miss Cynthia hat Sie gefragt, ob wir fertig sind?" "Äh, ja- äh- das sind wir. Natalie Sie können jetzt das erforderliche Telefonat führen." Dieser Hinweis bedeutete der jungen Frau, dass es nun an der Zeit war, Captain Stottlemeyer auf den Plan zu rufen, damit er eine umfassendere Hausdurchsuchung durchführen konnte. Es war unbedingt erforderlich, dass die Polizisten eintrafen, noch bevor sie und Monk das Haus verlassen hatten, damit keine der beiden Schwestern noch eine Gelegenheit dazu fand, etwas Verdächtiges aus dem Haus zu schaffen. Mit einem richterlich angeordneten Durchsuchungsbefehl konnten der Captain und sein Team hier auch noch das Unterste zu Oberst kehren und alles mitnehmen, was ihnen mehr oder weniger suspekt vor kam. Sie wählte die Nummer, nannte ihren Namen und der Captain wusste sofort Bescheid. Sie vermutete, es würde keine halbe Stunde dauern, bis er dienstbeflissen mit seinen Männern zur Stelle war.

Und genauso war es auch. Als es schließlich an der alten Eichen-Tür klingelte, war es an der Zeit für Monk und Natalie, sich von den beiden alten Damen zu verabschieden. Ein flüchtiger Gruß an der Eingangstür, der vom Captain und Disher erwidert wurde, und die beiden machten sich auf den Weg zu Natalies ziemlich weit entfernt geparkten Auto.

Ende Teil 1
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