Die Bitte

von schwert
GeschichteDrama / P12
14.04.2006
14.04.2006
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Alle Charaktere gehören Anne Bishop.


Jaenelle verkniff sich mühsam ein Lächeln, als Rauch sich über die Hühnchen hermachte, die er bei Mrs. Beale stibitzt hatte.
„Prinz Rauch“, ermahnte sie ihn mit einem Schmunzeln in der Stimme, „Ihr kennt doch Mrs. Beales Reaktion“. Der Wolf hob den Kopf und grollte – was soviel bedeutete wie eine Zustimmung.

In diesem Augenblick platzte Karla herein: „Jaenelle .... .“ Sie war außer Atem, und in ihren Augen stand Sorge. Rauch hob den Kopf und sah von einem zum anderen. Seine Ohren richteten sich auf.

„Saetan... .“ Mehr zu sagen war nicht nötig. Jaenelle stürmte aus dem Zimmer, dicht gefolgt von Karla und Rauch. Sie rüttelte an der Tür zu seinem Arbeitszimmer. Normalerweise bereitete es ihr keine Probleme, die diversen Schutzzauber zu knacken, mit denen Saetan seine Räumlichkeiten belegt hatte, aber heute... . Sie spürte ihn nicht einmal. Sie sollte ihn spüren.

„Mutter der Nacht, was ist hier los?“ Lucivar erschien wie aus dem Nichts, seine Flügel raschelten unruhig.
„Hat Vater es mal wieder fertiggebracht, sich in Schwierigkeiten zu bringen?“ knurrte er mit einem Seitenblick auf Jaenelle, die der Tür gerade einen wuchtigen hilflosen Stoß versetzte.
„Er hat nichts von einer Abreise verlauten lassen?“ erkundigte sich Karla, die versuchte, vernünftig zu bleiben.
„Egal, wo er ist, ich müsste ihn spüren!“ Jaenelle stieß die Worte geradezu hervor. Diese schlichten Worte genügten, um Lucivar fluchen zu lassen.
Jaenelles Sinne tasteten durch die Burg, durch Kaeleer, durch das Dunkle Reich, durch Tereille... Nichts. „Verflucht!“
„Fang du nicht auch noch an,“ knurrte Lucivar, „Vater dreht mir den Hals um, wenn er mitkriegt, dass ich dich zum fluchen animiert habe.“ „Als wüsste er das nicht,“ platzte es aus Karla heraus.

Ohne Vorwarnung wurde die Tür zu Saetans Arbeitszimmer mit solcher Wucht aufgerissen, dass sie beinah aus den Angeln flog. Jaenelle blickte in ruhige goldene Augen, die augenblicklich zornumwölkt waren. Saetans markantes Gesicht glich einer Maske...einer vielsagenden allerdings. „Kinder, beruhigt euch.“
„Wo warst du? Was ist passiert?“
„Wie immer voller Fragen, Hexenkind?“ Ein Schmunzeln verdrängte den Groll aus Saetans Augen. „Seid unbesorgt. Wenn ich das nächste Mal...unterwegs bin, informiere ich am besten gleich den ganzen Hofstaat.“

Karla klappte das Kinn herunter, und Jaenelle fragte sich, wo ihr Vater gewesen sein konnte, dass ihr seine Abwesenheit nicht nur nicht aufgefallen war, sondern dass sie ihn schlichtweg nicht hatte spüren können.
Lucivar öffnete seine  Flügel, um sie in einer Unmutsgeste wieder zu schließen. Er war einiges von seinem Vater gewohnt, aber üblicherweise war Jaenelle diejenige, die alle in Sorge um ihr Wohlergehen stürzte. Saetan konnte auf sich selbst aufpassen...wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, sein geliebtes Hexenkind vor Hekatah zu schützen.

„Karla, würdest du uns entschuldigen?“ Saetan musterte seinen Sohn, der sich mit einem Nicken zurückzog und dabei Karla mit sich schleppte.
„Vater?“
„Komm herein, Hexenkind.“
Jaenelle kam der Aufforderung nach, doch in ihrem Magen bildete sich ein kalter Klumpen. Sie wusste, dass Saetan seine Grenzen hatte, aber niemand – selbst sie nicht – wusste, wo diese lagen. Sie fürchtete, unwissentlich eine seiner Grenzen verletzt zu haben – und jeder wusste, wie Saetan mit denen verfuhr, die dumm genug waren.. . . Immer noch wachsam tastete Jaenelle seine Aura ab, fand darin jedoch nichts außer seiner üblichen – für manche nervtötende – Gelassenheit und Ruhe, die in so krassem Gegensatz zu seinem Temperament stand.
„Lady...“ Mit einer Geste bedeutete der Höllenfürst ihr, Platz zu nehmen. Sie spürte, dass, etwas Bedeutsames anlag.

„Es wird in Zukunft häufiger vorkommen, dass ich auf diese Weise reise, und ich bitte euch, demnächst weniger Aufhebens darum zu machen. Eines Tages, Hexenkind, wird der Tag kommen, an dem ich dich in diese Kunst einweise, doch nicht heute.“ Saetan schwieg einen Moment: „Ich werde alt, Lady, und mein Körper ist nicht mehr der gesündeste. Der Geist ist, was mir letztendlich bleiben wird, und deshalb trainiere ich ihn, wo ich kann.“ Saetan blickte ihr in die Augen, prüfte ihre Reaktion.

Jaenelle schluckte schwer. In ihrer kindlichen Weisheit fühlte sie mehr als sie in Worte hätte fassen können, was er ihr damit sagen wollte.
„Höllenfürst... .“ In diesem Augenblick wagte sie es nicht, ihn mit seinem Namen anzusprechen.
„Was liegt dir auf dem Herzen, Hexenkind?“ erkundigte Saetan sich sanft, obwohl er – wie sie wusste – genau spürte, was in ihr vorging. Dennoch fragte er, und ihr war klar, dass er dafür einen Grund hatte. Er zwang sie...Saetan hatte sie noch nie zu etwas gezwungen. Doch jetzt tat er es.
Immer noch prüften seine Augen sie.
„Ja, Hexenkind, der Tag wird kommen, da mein Körper mich im Stich lässt, ohne dass mir die Gnade zuteil wird, zu sterben. Und ihr – du mehr als alle anderen – müsst es akzeptieren. Ich muss lernen, ohne Körper zu leben, und an euch ist es, mein Sterben anzunehmen.“ Jaenelle erzitterte innerlich. Er hatte es ausgesprochen. Saetan hatte einmal geschworen, sie niemals zu zwingen, und er tat es auch jetzt nicht, obwohl sie diejenige hätte sein müssen, die diese Erkenntnis über die Lippen brachte...und mit dem Aussprechen annahm.

Jaenelle stiegen Tränen in die Augen. Mühsam drängte sie sie zurück. Als sie Saetan in die Augen sah, waren diese voller Mitgefühl.
„Hexenkind, ich war schwach, als ich stark war, deshalb muss ich nun, da ich schwach bin, stark sein.“ Hekatah. Er sprach von Hekatah.
Saetan beugte sich vor, berührte sacht und tröstend ihren Arm: „Draca unterwies mich einst in diese Kunst, lange, bevor ich zum Krüppel wurde. Damals verstand ich nicht.“ Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine Lippen: „In mancher Hinsicht war ich ein Narr. - Niemand, nicht einmal Draca, weiß, was geschehen wird, wenn der Höllenfürst stirbt. Am wenigsten ich selbst.“
Endlich fand Jaenelle die Worte wieder. Ihr Herz war schwer wie Blei. „Du bist noch jung, Papa.“ Sie klammerte sich wie wild an diese Hoffnung, er fühlte es.
„Das Schicksal hat mir bereits eine Warnung erteilt,“ entgegnete Saetan mit Blick auf sein lahmes Bein.
„Oh..Papa.“
Saetan bedauerte es, sie mit diesem Schmerz belasten zu müssen, doch mehr als alle anderen verdiente sie seine Offenheit.
„Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben,“ sagte er, „Und darum bitte ich dich...Wenn mein Körper versagt, wenn du in meinen Augen liest, dass ich sterben will..Töte mich, und führe die Tötung zu Ende – nicht, dass ich als Dämonentoter durch die Burg geistere und als mein eigener Bittsteller vor meinem Arbeitszimmer herumlungere...Ich bitte dich. Tu es.“
„Das kann ich nicht. Niemals!“
„Doch Hexenkind, du allein wirst eines Tages dazu in der Lage sein. Du bist Hexe. Es ist deine Pflicht, das Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen werde, und es ist deine Pflicht, Leiden zu beenden. Auch meines, sollte es soweit kommen. Ich kann und will dich nicht dazu zwingen, doch wenn es geschieht...Nur du allein kannst entscheiden, und ich bitte dich, um meiner selbst willen, die richtige Entscheidung zu treffen.“

Er schwieg, überließ sie ihren Gedanken, die keine waren. Nur Gefühl war da, und Wissen. Er wusste und wusste nicht, was in ihr vorging, und das war gut und grausam zugleich. Er war der Höllenfürst, und darum brauchte er Grenzen mehr als alle anderen. Die Grenzen hatte ihm sein Körper gesetzt, als der Zeitpunkt gekommen war. Ob Hexe Grenzen brauchte, konnte nur sie allein beurteilen. Andererseits hatte sie mehr Grenzen erfahren, als ein Mensch erleben sollte, und seiner Meinung nach gerade an den falschen Stellen. Aber das war ein anderes Thema.

Hexe wurde erwachsen, und er hielt die Zeit für gekommen, mit dieser Bitte an sie heranzutreten. Eine Bitte, die eine Menge mit ihm zu tun hatte. Mit seinem Egoismus. Mit seiner Liebe. Mit seinem Wissensdurst, seinem Freiheitsdrang. Seiner Sehnsucht. Nach Seelenfrieden und etwas anderem, das er nicht in Worte zu fassen vermochte.

Nicht Wissen würde sie auffangen, sondern Liebe, wenn sie seiner Bitte nachkam, und Saetan hoffte inständig, dass sein Hexenkind bis dahin den Mann gefunden hatte, der in der Lage war, ihr Handeln zu verstehen – wenigstens ansatzweise – und der ihr all die Liebe gab, die Saetan ihr dann nicht mehr würde zuteil lassen können. Liebe und Trost.

Jaenelle wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht, die Saetan bewusst ungehindert fließen ließ: „P..Papa?“
„Ja, Hexenkind.“ Höfliche Aufmerksamkeit, sachtes Entgegenkommen. Die Subtilität des Höllenfürsten war nicht ohne Grund berüchtigt – wohl eher berüchtigt als berühmt.
„Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde tun...was ich kann.“ Sie drückte die Schultern durch und straffte sich. Aus irgendeinem Grund war ihm klar, dass die Heilerin in ihr reagierte, und dass sie sich nun noch mehr auf ihre Heiltränke stürzen würde, als sie es ohnehin schon tat. Und zum ersten Mal wusste er nicht, ob ihn das beruhigte – oder eher nicht. Es gab überall einen Präsedenzfall, und manchmal auch zwei.

Er war einer, Jaenelle – Hexe – der andere. Und jeder seiner Söhne. Es gelang ihm nicht, ein Schmunzeln zu unterdrücken, was ihm einen erstaunten Blick von seiner Tochter einbrachte.
„Ich dachte gerade über meine Familie nach,“ erläuterte er.
Das entlockte auch Jaenelle ein Schmunzeln.

„Danke, Hexenkind.“
Jaenelle neigte den Kopf.
„Höllenfürst.“

Sie verließ das Zimmer und überließ ihn sich selbst. Saetan atmete tief durch. Mehr als jeder andere in seiner Familie wusste die Tochter seiner Seele, dass man manchmal mit sich selbst allein sein muss – um zu bleiben, wer man ist. Auch sie würde jetzt Ruhe suchen. Er in seinem Arbeitszimmer, Hexe in der freien Natur.

Was geschehen musste, würde geschehen. Was immer das war. Mutter der Nacht – was hielt das Schicksal für sein Hexenkind, für ihn und seine Söhne bereit?
Saetan lehnte sich in seinem Sessel zurück und erwärmte ein Glas Yabarah, als Andulvar hereinplatzte. Saetan schüttelte innerlich den Kopf.

Manche Dinge änderten sich nie. Die Überraschungen und Gleichmäßigkeiten im Leben waren es, die Saetan am Leben so schätzte, so lange beides sich die Waage hielt.

Und Hekatah, dieses Miststück...Saetan stieß die Luft durch die zusammenbegissenen Zähne aus.

Aber das ist eine andere Geschichte.
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