Av hele sitt hjerte

von sjoe
GeschichteRomanze / P16
Björn Einar Romören Sigurd Pettersen
11.04.2006
30.05.2008
185
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10
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Nike hatte donnerstags ohnehin erst zur zweiten Stunde Schule und an diesem Tag fiel auch noch die Folgestunde aus, so dass sie ein wenig länger hatte schlafen können. Da ihre Mutter dienstags und donnerstags arbeitete, hatte sie sich Maria zum Frühstück eingeladen. Die beiden verzehrten gerade gemütlich ein Brötchen, als es klingelte.
„Nanu? Wer ist das denn? Um die Uhrzeit??“ wunderte sich Nike.
„Mach auf, dann weißt du es!“ gab Maria trocken zurück.
„Ach!“ Nike streckte der Freundin grinsend die Zunge heraus, erhob sich und öffnete die Tür. Ein Postbote.
„Guten Morgen. Ich habe hier ein Päckchen für Nike Wolfert.“
„Oh, ja, das bin ich. Danke.“
„Dann eine Unterschrift hier, bitte.“ Sie kritzelte mit dem komischen Plastikstift auf das Display.
„Tschüs!“ damit verschwand der Postbote wieder und Nike konnte einen Blick auf das werfen, was er ihr gebracht hatte. Entzückt quietschte sie auf.
„Was ist?“ fragte Maria, als sie die Küche wieder betrat.
„Ein Päckchen aus Norwegen! Gunnar hat mir ein Päckchen geschickt. Wie geil!!!“
„Du weißt doch noch gar nicht, was drin ist!“
„Na und? Allein die Tatsache… man, ist das lieb von ihm!“
„Mach schon auf, ich will wissen, was er dir schickt!“ Nike war natürlich genauso ungeduldig und rückte der Verpackung vorsichtig aber bestimmt mit einem Messer zu Leibe.
Darin befanden sich zwei Gegenstände, die in Geschenkpapier gehüllt waren. Einer war eindeutig rund, der andere… unförmig. Die wickelte zunächst das Runde aus.
„Na, das passt ja wie die Faust aufs Auge!“ kicherte sie und hielt Maria eine Packung Nugatti hin.
„Was ist das denn?“
„Die norwegische Nutella-Version. Björn Einars Lieblings-Brotaufstrich.“
„Und DAS schickt Gunnar dir?“
„Ich glaub nicht, dass er es deswegen gemacht hat. Wir hatten es irgendwann mal davon und ich habe gesagt, dass ich das gern mal probieren würde. Tja, und nun kann ich es.“
„Wow, ganz schön aufmerksam, dein Kerl, dass er sich so etwas gemerkt hat…“ Maria war beeindruckt.
„Ja, das ist Gunnar!“ freute sich Nike und öffnete den Deckel. Sie bestrich die vor ihr liegende Brötchenhälfte dick mit dem Schokoaufstrich und biss genüsslich hinein.
„Mhh, lecker!“ sagte sie, nachdem sie den Mund leer hatte.
„Sag mal, bist du nicht neugierig, was in dem anderen Ding drin ist?? Ich schon, also, wenn du nicht willst, pack ich das aus!“
Nike schnappte nach dem anderen Geschenk:„Von wegen! Ich wollte einfach nur erst mal das Nugatti probieren! So hab ich doch auch länger was davon!“ Aber so ganz konnte sie ihre Neugier und Ungeduld dann doch nicht verbergen, sondern riss das Papier auf.
„Ui!“ Maria grinste breit.
„Was?“
„Naja, schon ein wenig kitschig, oder?“ Die Freundin betrachtete sich den kleinen Stoffelch, der ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Jeg elsker deg!“ samt dazugehörigem Herz darauf trug.
„Na und? Dann findest du das eben kitschig! Ich aber nicht!!!“
„Jaja, schon gut, ich will dir den Elch doch gar nicht madig machen. Ist ja wirklich lieb von Gunnar, dass er dir überhaupt was schickt. Die Geste zählt!“
„Mir gefällt der Elch!“ beharrte Nike.
Maria verdrehte die Augen: „Man, das ist ja echt nicht auszuhalten!“
„Oh, warte nur, ich werde dich bei Gelegenheit dran erinnern! Wenn du mal wieder so richtig verliebt bist und jede noch so affige Geste deines Angebeteten zum Niederknien findest!!!“
Nun lachte Maria: „Schon gut, du hast ja Recht!“
Und dann, nach einem Blick auf die Uhr: „Oh, so langsam sollten wir dann das Frühstück mal beenden und uns auf den Weg machen…“
„Mhm. Auf in den Kampf!“

Lene schaute mal wieder zwischen zwei Veranstaltungen bei Emma im Sekretariat vorbei.
„Hei, Emma! Wie geht’s?“
„Hei. Naja, ich bin noch müde. War ziemlich spät gestern.“
„Ja, das kommt mir bekannt vor. Ich habe noch ewig lange mit Henning telefoniert! Bin beinahe dabei eingeschlafen, bevor wir uns dazu durchringen konnten, aufzulegen!“
Emma grinste. Die beiden waren einfach süß!
Und etwa eine Woche länger zusammen, als Sigurd und sie.
Ob die sich auch schon mal gestritten hatten?
Und vor allem: so? Unwillig versuchte sie den Gedanken daran abzuschütteln.
„Sag mal, gehst du zu dem Springen in Oslo?“ wollte die Langläuferin dann wissen.
„Ja, ich denke schon. Warum?“
„Weil ich auch eine Karte habe. Eigentlich wollte ich ja an dem Wochenende zu Henning fahren, aber zum Glück ist uns das aufgefallen, bevor ich ein Zugticket gekauft habe. Und jetzt haben wir überlegt… hm… ähm…“ Lene druckste ein wenig herum.
„Was denn?“
„Naja, ich würde ihn natürlich trotzdem gern sehen, also würde er schon auch herkommen wollen. Allerdings wäre das ein wenig blöde, wenn ich zum Springen ginge und er eben nicht…“
Emma verstand: „Oh! Hm, ja… keine Ahnung, wie das abläuft. Soweit ich weiß, kümmert sich Liv um die Karten. Also, hat sie jedenfalls immer. Ich kann sie ja einfach mal fragen, ob sich da irgendwas machen lässt.“
„Das wäre echt total lieb von dir!“
„Klar doch! Wäre ja auch nett, wenn ich Henning dadurch mal wieder sähe.“
„Stimmt.“
„Ja, pass auf, ich frage Liv und dann geb ich dir Bescheid, o.k.?“
„Danke, Emma!“
„Gern!“

„Meinst du, da wären noch mehr Karten drin?“ fragte Margaret ein wenig schüchtern, als Lene weg war.
„Brauchst du auch noch welche?“ Emma war fast ein wenig belustigt.
Vielleicht sollte sie Provision verlangen, damit hätte sie auch mehr Geld zur Verfügung…
Man, konnte sie diese blöden Gedanken nicht endlich mal lassen?
Sie wollte einfach nicht mehr an diesen vermaledeiten Streit denken! Schließlich hatte sie sich doch mit Sigurd versöhnt und alles war wieder in Ordnung.
Oder?
„Naja… mein Mann wollte eigentlich welche besorgen, wie jedes Jahr. Aber irgendwie hat er den Tag, wo der Vorverkauf losging, verpasst und dann waren die ganzen Tickets schon ausverkauft. Ich glaube, das wäre das erste Springen, welches ich verpasse, seit dem einen, wo ich nach Ragnhilds Geburt noch im Krankenhaus war.“
„Oj! Geht das so schnell, dass die ausverkauft sind?“
„Für das Springen in Oslo schon, ja. Das ist eine Veranstaltung, wo man hingeht, wenn man kann. Gehört einfach dazu.“
„Ja, wie gesagt, ich habe keine Ahnung, wie das genau läuft. Ob Liv die Tickets im regulären Vorverkauf besorgt hat oder eventuell über Sigurd. Und ob der möglicher Weise noch an Karten herankommt. Aber ich werde auf jeden Fall mal fragen.“
„Das wäre wirklich total nett, Emma! Ein Winter ohne Skispringen in Oslo, das …“ sie zuckte hilflos mit den Schultern und Emma grinste in sich hinein.
Jaja, die Norweger und ihre Liebe zum Wintersport. Das war schon wirklich was Besonderes!

Tine saß an ihrer Hausarbeit. Sie fühlte sich das erste Mal seit Sonntagabend einigermaßen ausgeruht, hatte gut und traumlos geschlafen.
Zumindest konnte sie sich an nichts erinnern.
Deshalb hoffte sie auch, dass sie heute gut voran käme, ihrer Hausarbeit einige Seiten hinzufügen könnte. So langsam ging ihr das Ding nämlich auf die Nerven und das war keine gute Voraussetzung, um etwas Gescheites zu Papier zu bringen.
Außerdem hatte sie sich vorgenommen, Emma erst dann zu besuchen, wenn sie den Schrieb abgegeben hatte.
Und daran wollte sie sich gern halten, auch wenn sie inzwischen wirklich liebend gern in das nächste Flugzeug nach Oslo gestiegen wäre.
Irgendwie fiel ihr hier die Decke auf den Kopf. Obwohl der gestrige Abend ja ganz nett gewesen war. Nicht nur der Abend, sondern auch Leon.
Wenn man von seinem blöden Kuss mal absah. Aber für den hatte er sich ja entschuldigt. Und sie konnte sich durchaus vorstellen, einen Abend mit ihm und Harry Potter zu verbringen.
Warum auch nicht? Schließlich gab es nichts und niemanden, der sie daran hinderte.
Trotzdem würde sie gern mal mit Emma über den Abend und die Vorkommnisse sprechen. Seit der Woche in Oberstdorf waren sie, trotz der Entfernung, wieder enger, fast so wie vor Norwegen. Zumindest kam es ihr so vor. Sie beschloss, die Freundin am Abend mal anzurufen.
Die Gedanken nun endgültig verdrängend, widmete sie sich mit einem Seufzen wieder ihren Aufzeichnungen und dem Text, der daraus entstehen sollte.

Liv schrieb eifrig mit. Zum Glück fiel es ihr in diesem Seminar nicht ganz so schwer, sich zu konzentrieren. Sie mochte den Dozenten recht gern und außerdem war es interessant.
Doch dann vibrierte ihr Handy, das sie in der Hosentasche stecken hatte und neugierig, wie sie nun mal war, zog sie es hervor.
Bjørn Einar!
„Hei Liv! Ich hoffe, du hast gut geschlafen! Sonst ärgere ich mich vermutlich noch den Rest der Woche, dass ich nicht doch zu dir gekommen bin! Sind gerade gut gelandet und warten jetzt auf das Gepäck. Ha det! B. E. R.“
Sie lächelte.
Echt lieb, dass er noch mal nachfragte!
Ja und obwohl es sie selbst mehr als gewundert hatte, war sie nach dem Telefonat mit ihm bald eingeschlafen und erst beim Klingeln des Weckers wieder aufgewacht.
„Hei! Brauchst dich nicht zu ärgern, ich HABE geschlafen. Sogar richtig gut. Aber lieb, dass du fragst :-)) ! Gute Fahrt nach Lahti! Ha det! Liv.“
Natürlich hatte sie jetzt erst mal den Anschluss verpasst, aber da sie von vorneherein ungefähr gewusst hatte, auf was der Dozent hinaus wollte, fand sie wieder recht schnell hinein.
Zwar hatte sie befürchtet, sich nicht mehr richtig darauf konzentrieren zu können, aber es ging doch noch einigermaßen.

Nach dem letzten Seminar des Tages war Emma eigentlich total k.o., sie merkte einfach, dass sie deutlich zu wenig geschlafen hatte.
Trotzdem machte sie sich nicht sofort auf den Heimweg, sondern suchte noch einen der Computerräume auf, um endlich mal wieder e-mails zu checken.
Und das lohnte sich: Sie hatte eine von Tine, zwei von Nike, eine von Eirik und eine von Lisa.
Obwohl sie natürlich auf die von dem VG-Reporter am neugierigsten war, las sie doch erst alle anderen.
Dass es Nike den Umständen entsprechend ging, hatte sie ja schon von Gunnar gehört, aber das war am Montag gewesen.
Die erste Mail hatte sie auch an diesem Tag erhalten, aber die zweite war vom späten Vormittag des heutigen Tages.
Sie klang eigentlich ganz happy, aber gut, sie hatte ja auch ein Paket von Gunnar erhalten. Emma grinste. Das hätte sie dem Norweger gar nicht zugetraut, aber so war das eben, wenn es einen voll erwischt hatte! Da brauchte sie ja bloß an das Paket von Sigurd denken, das sie das letzte Mal bekommen hatte, als er in Lahti gewesen war!
Noch lag die Mütze in Kringsjå, aber sobald das Interview erschienen war, würde sie sie jeden Tag tragen, jawohl!
Ob Eirik ihr den Artikel geschickt hatte? Weil sie heute Morgen noch so müde gewesen war, hatte sie die Bahnfahrt in einer Art Dämmerzustand verbracht und nicht darauf geachtet, was die Leute um sie herum lasen.
Doch erst einmal antwortete sie Nike, schließlich wartete diese schon am längsten.
Dann Eirik: „Hei Emma. Ich habe leider keinerlei Adresse oder so von Sigurd, deshalb bekommst du jetzt die Info. Naja, ich denke, du wirst sie ohne Probleme weiterleiten können. Ist leider nicht so ganz erfreulich.
Das Interview fand mein Redakteur ganz gut, das Bild dagegen… Ich hatte es ja schon gesagt, dass es besser gewesen wäre, eines zu machen, wo ihr euch verliebt anschaut oder so. Nun ja, er war also ziemlich genervt deswegen und hat überlegt, was er jetzt machen soll, weil das so seiner Meinung nach gar nicht ging. Da kam ein anderer Kollege auf die Idee, eine Art Wettbewerb unter den Sport-Fotografen auszuschreiben: wer zuerst ‚gescheites“ Bild von euch liefert, bekommt eine Belohnung.
Und das hat er dann tatsächlich auch gemacht. Das heißt, dass ihr erstens bei den Springen in Norwegen ziemlich belagert werden werdet und zweitens der Artikel erst dann erscheint, wenn es ein entsprechendes Foto dazu gibt.
Tut mir wirklich leid! Ich habe noch versucht, ihm klarzumachen, dass es eben genau eure Absicht war, es schon vor Lillehammer bekannt zu geben, aber das war ihm egal.
Falls ihr natürlich ein entsprechendes Foto hättet, könnte ich noch versuchen, da was zu machen, wenn nicht… ich hoffe, ihr seid nicht allzu sauer deswegen! Naja, ich schätze, wir sehen uns in Lillehammer! Gruß! Eirik“
Emma schluckte. Verdammt!
Sie hatte doch gleich so ein ungutes Gefühl gehabt, als Sigurd sich so vehement geweigert hatte, ein solches Bild zu machen!!!
Das hatten sie jetzt davon! 100 Fotografen, die nur darauf lauerten, sie irgendwann und irgendwo bei einem Kuss oder dergleichen zu erwischen.
Na prima!! Das war echt das Letzte, was sie gebrauchen konnte!
Leider wusste sie genau, dass es kein Bild von Sigurd und ihr gab, das sie Eirik hätte schicken können. Von wann und wem auch?
Der einzige, der in Oberstdorf Fotos gemacht hatte, war Roar gewesen und der hatte doch nur welche von Tines und Tommys Haarfärbe-Aktion gemacht. Oder?
Sie würde Sigurd auf jeden Fall bitten, mal bei dem anderen nachzufragen, auch wenn sie sich da keine allzu großen Hoffnungen machte!
Sigurd… sollte sie ihm wirklich davon erzählen?
Würde ihn das nicht zusätzlich stressen?
Andererseits, so etwas musste er doch wissen, oder? Nein, das konnte sie ihm nicht vorenthalten!
Das wäre einfach nicht fair und außerdem würde es den wackligen Frieden, den sie gerade noch so errungen hatten, wieder massiv gefährden, wenn sie ihm erst im Nachhinein davon berichtete. Und vielleicht hatte Roar ja doch ein Bild von ihnen beiden?
Sie wollte schon nach ihrem Handy suchen und ihren Freund anrufen, als ihr einfiel, dass er sich bei ihr melden wollte, weil er nicht wusste, wie Mika den Tag geplant hatte.
Und das Letzte, was sie wollte, war, mal wieder mitten in einer Besprechung anzurufen und ihn damit in den Gewissenskonflikt zu stürzen, ob er nun dran gehen sollte oder nicht.
SO wichtig war die Sache nun auch wieder nicht, dass sie nicht noch ein paar Stunden Zeit hatte! Abgesehen davon, dass ihr Mobiltelefon sowieso immer noch bei Sigurd in der Wohnung lag.

Andererseits hätte sie gerade jetzt liebend gern mit ihm gesprochen. Sie fühlte sich so überfordert mit dem, was Eirik ihr mitgeteilt hatte. Eigentlich hatte sie sich eingebildet, sich zumindest einigermaßen seelisch und moralisch auf Sigurds Bekanntheit und die Folgen, die das für ihre Beziehung mit ihm hatte, eingestellt zu haben, aber da hatte sie sich wohl getäuscht!
Der Gedanke, dass bei jedem der nächsten Treffen, jeder Geste, jedem Kuss möglicher Weise ein Fotograf nur darauf lauerte, sie einzufangen, verursachte ihr ein flaues Gefühl im Magen.
Am liebsten würde sie sich jetzt von ihm in den Arm nehmen lassen, Wärme und Geborgenheit spüren und an nichts denken, andererseits war sie mehr als froh, dass er sich weit weg, in Finnland befand, und sie zumindest die nächsten paar Tage Ruhe hatte. Man, war das nicht paranoid?
Nach einer Weile des sinnlosen Grübelns riss sie sich zusammen und beantwortete die Mails der anderen. An Eirik schrieb sie erst einmal nichts, sie wollte abwarten, was Sigurd dazu sagte.
Eigentlich könnte sie ihm die Mail ja einfach weiterleiten, aber erstens wollte sie lieber mit ihm darüber sprechen und zweitens hatte sie seine Adresse gar nicht.
Bisher hatten sie entweder direkt oder eben per Telefon kommuniziert, auf die Idee, ihm eine Mail zu schreiben, war sie bis eben gerade noch gar nicht gekommen.
Als sie dann fertig war, verließ Emma noch müder als zuvor den Computerraum. Das war ja jetzt echt blöd, sie musste eigentlich noch einiges tun. Vielleicht sollte sie sich in der Kantine noch einen Latte Macchiato gönnen?
Nachdem sie beinahe eine der Stufen, die nach draußen führten, übersehen hätte und gestürzt wäre, beschloss sie für sich, dass ein Kaffee mehr als dringend nötig sei. Schließlich hatte sie vor, den Abend noch unbeschadet zu überstehen!
Sie schlug also wirklich den Weg zur Kantine ein und bestellte dort einen Latte Macchiato. Um die Zeit war nicht mehr allzu viel los und sie hatte die freie Tischauswahl. Da sie, wenn sie denn schon allein sein musste, wenigstens gern die anderen Leute beobachtete, setzte sie sich so, dass sie den Eingangsbereich im Blick hatte.
Dann rührte sie den Zucker in das warme Getränk und löffelte etwas von dem leckeren Milchschaum ab. Ja, das war definitiv eine gute Idee gewesen!
Als sie ihr Glas schon fast zur Hälfte geleert hatte, betrat Liv den Speisesaal und Emma winkte ihr erfreut zu. Sofort steuerte die Freundin den Tisch an: „Nanu? Auch noch hier?“
„Ja, ich musste mich endlich mal wieder um meine Mails kümmern. Und im Anschluss war ich derart müde, dass ich einfach noch einen Kaffee trinken musste!“
Als Antwort gähnte Liv und sagte dann hinterher grinsend: „Ich wollte eigentlich gerade sagen, dass es mir genauso geht, aber das hast du ja jetzt schon gesehen!“
„Ja, allerdings. War's bei dir auch so spät?“
„Mhm. Hab noch mit Bernar telefoniert, während der auf Sigurd gewartet hat.“
„Du hast…? Ah ja!“
„Jaa, ich weiß, so viel zum Thema Kontaktsperre, aber das hatte sich irgendwie so ergeben…“
Emma hob abwehrend die Hände: „Keine Panik, ich bin da sicher die Letzte, die irgendwas dagegen sagt. War’s denn o.k., also, das Telefonat meine ich?“
„Ja, klar. War es. Allerdings hat er mich wegen Lillehammer gefragt. Und dann ist mir aufgegangen, dass ich da echt ein Problem habe!“
„Lillehammer ist ein gutes Stichwort! Dazu muss ich dich auch gleich noch was fragen, aber erzähl erst mal, was da das Problem dran ist!“
„Naja, Bernar hat mich gefragt, ob ich komme und ich hab gesagt, dass ich das natürlich tun werde. Dann wollte er wissen, ob dann immer noch Kontaktsperre herrscht. Und da habe ich dann mein Problem! Ich meine, wie soll ich das schaffen, auf ein Springen gehen und dann keinen Kontakt zu ihm haben? Ihn einfach ignorieren? Ich glaube, das kann ich nicht!!!“
„Mh, ja, das stelle ich mir auch eher schwierig vor. Kommt Kristian eigentlich auch mit?“
„Ach du Kacke, da habe ich ja noch gar nicht dran gedacht! Also, normalerweise schon. Ich weiß nicht, wie das jetzt dann sein wird. Aber ich denke schon, weil er mich sicher nicht allein da hin lassen will, wenn Bernar doch auch dort ist. Es sei denn, ich hätte mich vorher entschieden.“
„Meinst du, das wird was?“
„Keine Ahnung! Woher soll ich das denn wissen?“
„Naja, aber dann gibt es doch gar nicht so viele Möglichkeiten! Entweder du entscheidest dich vorher, fährst nicht hin oder du hebst für die Zeit die Kontaktsperre auf.“
„Nicht viele, o.k., aber dafür welche, die es in sich haben! Wenn ich mir die beiden schon wieder auf einem Haufen vorstelle, uh oh!“
„Ja, da hast du Recht! Aber es hat ja auch niemand behauptet, dass es einfach wäre.“
Liv seufzte: „Nein, ich weiß ja! Aber ich weiß immer noch nicht, was ich wie machen soll!“
„Du hast doch gestern mit Bernar telefoniert, hat das diesbezüglich nichts gebracht?“
„Nein, ich denke nicht.“
„Oh man, Liv! Vielleicht solltest du ganz einfach alle beide in den Wind schießen, wenn das mit einer Entscheidung so schwierig ist!!!“
„Das ist ja eine super Lösung!“ gab die andere ironisch zurück.
„Ich weiß einfach nicht mehr, was ich dazu sagen soll!“
„Du brauchst nichts sagen, ich weiß selbst, dass es scheiße ist! Hat sich das bei Sigurd und dir denn wenigstens geklärt?“
„Ja, denk schon. War aber auch nicht ganz so einfach.“
„Ist es doch nie!“
„Stimmt…“
„Und was wolltest du wegen Lillehammer fragen?“
„Also, eigentlich geht es gar nicht um Lillehammer, sondern um Oslo. Wie das mit den Karten ist. Hast du die besorgt? Und wenn ja, auf welchem Weg? Normaler Vorverkauf oder über Sigurd? Kann man da eventuell noch welche bekommen?“
„Also, die für Toril, Solveig, Gunnar und Co. hab ich ganz normal im Vorverkauf besorgt, ja. Aber deine läuft zum Beispiel über Sigurd, weil du ja damals noch gar nicht hier warst. Und die offiziellen sind schon lange ausverkauft. Für wen brauchst du denn noch welche?“
„Ach, Lene hat eine. Sie wollte eigentlich zu Henning fahren, aber das macht sie jetzt natürlich nicht, sondern er kommt her. Deswegen wäre es nett, wenn er auch noch eine Karte bekäme. Und dann hat mich Margaret gefragt…“
„Moment, erst mal der Reihe nach! Lene ist die Langläuferin, die du über Toril und das Wochenende in Lillehammer kennst, oder?“
„Genau. Und Henning ist ihr Freund aus Trondheim.“
„Ja, stimmt, so war das. Und wer ist Margaret?“
„Meine Kollegin aus dem Sekretariat.“
„Die braucht auch noch Karten?“
„Ja, ihr Mann war wohl einen Tag zu spät dran, wenn ich sie richtig verstanden habe.“
„O.k., dann hat man für das Springen in Oslo natürlich keine Chance mehr! Also, ich kann da nicht viel machen, außer halt, wenn Kristian nicht mitkommen wollen würde, was ich nicht glaube. Und ich muss noch mal herausfinden, was jetzt mit Berit ist. Eigentlich habe ich ja echt keinen Bock, die mitzunehmen, aber ich muss zumindest mal nachfragen…“
Emma schluckte.
Der Gedanke, Berit zu begegnen, sei es überhaupt oder ausgerechnet während eines Springens, verursachte ihr Unbehagen.
Liv schien das nicht zu bemerken, sondern fuhr einfach fort: „Also möglicher Weise zwei Karten, die du über mich bekommen könntest, eher eine. Für alles andere musst du dich an Sigurd wenden. Vielleicht hat der über die VG noch Zugriff auf ein Kontingent!“
„Ja, o.k., danke, ich frage ihn.“
„Bernar hat mir heute Mittag eine SMS geschickt, dass sie gut gelandet sind.“
„Oh, gut zu wissen! Immerhin das! Sigurd hat gesagt, er meldet sich, aber bisher kam nichts.“
„Naja, erst einmal mussten sie ja von Helsinki nach Lahti fahren, das dauert schon eine Weile. Dann im Hotel einchecken. Außerdem hatte Mika sicher noch ein Schanzen-Training geplant.“
„Ja, das meinte Sigurd auch.“
„Naja und da heute bestimmt auch schon andere Nationen vor Ort sind und die eine Flutlichtanlage haben, kann es durchaus sein, dass die jetzt erst dran sind!“
„Jetzt? Puh!“
„Mh, stell ich mir auch alles andere als prickelnd vor, aber die Herren sind das ja gewöhnt.“
„Das wäre echt nichts für mich! Ich bin gerade so müde, ich könnte wahrscheinlich kaum die Anlaufspur treffen!“
Liv kicherte: „Och, Mika würde dich schon wach bekommen, ich bin mir sicher, dass er da eine ganze Reihe an astreinen Methoden auf Lager hat.“
„Vermutlich!“
„Hast du denn noch viel vor, heute?“
„Naja, ich muss noch einiges von dieser Woche nacharbeiten. Dadurch, dass ich bei Sigurd war, ist eigentlich so ziemlich alles liegen geblieben.“
„Das kann ich mir vorstellen!“
„Ja, jedenfalls hatte ich mir das für heute Abend vorgenommen. Aber so wie ich gerade drauf bin, glaube ich nicht, dass das viel Zweck hätte, mich an den Uni-Kram zu setzen! Dann muss das eben bis morgen warten, macht jetzt auch nicht so den Unterschied!“
„Ja, stimmt, gibt sich irgendwie nicht so viel. Naja, dann lass es doch einfach!“
„Mal sehen, wie ich mich fühle, wenn ich zu Hause bin.“
„Soll ich dich fahren?“
„Musst du nicht, ich hab doch mein Ticket!“
„Ich weiß. Aber ich bin doch eh mit dem Auto da und es liegt zwar nicht gerade auf dem Weg, aber es ist auch nicht der riesige Umweg. Und so hätten wir beide noch ein wenig Unterhaltung.“
„Ist ja gut, ich bin ja schon überredet!“
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