Av hele sitt hjerte

von sjoe
GeschichteRomanze / P16
Björn Einar Romören Sigurd Pettersen
11.04.2006
30.05.2008
185
608114
10
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DISCLAIMER: das ist alles frei erfunden, Ähnlichkeinten mit real existierenden Personen sind rein zufällig. Den/die Skispringer gibt es wirklich, aber ich kenne sie nicht, sondern habe Personen zu den Namen erfunden!

Das erste Kapitel wurde im Dez. 2016 inhaltlich ein wenig überarbeitet und damit hoffentlich etwas realistischer.
Nach und nach werde ich die weiteren Kapitel überarbeiten, diese allerdings fast nur sprachlich.

Ich freue mich über Reviews!

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Das Telefon klingelte. Seufzend legte Emma die Sachen, die sie gerade in die Hand genommen hatte, beiseite.
„Emma Wegener, hallo?“

„Hi! Hier ist Tine! Was machst du gerade?“

„Ein wenig packen, ein wenig räumen. Nichts Richtiges. Warum?“

„Soll ich vorbeikommen und dir helfen?“

„Gerne!“ entgegnete Emma mehr als erfreut.

„Dann bis gleich!“


Emma war tatsächlich in ihrem Zimmer.
Sie lächelte, als sie Tine erblickte. Die beiden umarmten sich kurz.

„Hier sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld! Ich weiss einfach nicht, was ich mitnehmen soll und was nicht. Und ausserdem dachte ich, ich könnte die Gelegenheit nutzen und mal alle Sachen durchsortieren. Am Anfang hat das ja noch Spaß gemacht, aber jetzt…“ Emma deutete leicht verzweifelt auf das Chaos, das tatsächlich in ihrem Zimmer herrschte.

„Hast du schon etwas aussortiert?“

„Ja. Das hier,“ sie wies auf einen Stapel, „und hier den Kram auch.“

„Dann fangen wir damit an. Kommt das in den Müll?“

„Ja.“

Wenig später hatte Emma den Teil der Sachen, die weg sollten, zur Mülltonne gebracht. Nun war schon etwas mehr Platz.

„So. Dann räumen wir jetzt erst mal alles wieder auf seinen Platz“, schlug Tine vor. „Sagst du mir, was wohin kommt?“

„Klar!“

Gesagt getan. Etwa 20 Minuten später ließ sich von dem vorherigen Durcheinander nichts mehr erahnen.

„Und nun? Willst du noch packen oder wollen wir etwas anderes machen?“

Emma seufzte laut und warf ihrer besten Freundin einen halb verzweifelten, halb entnervten Blick zu: „Eigentlich habe ich keine Lust mehr, aber ich fliege nun mal in zwei Tagen. Vielleicht sollte ich also so langsam mal packen!“

„Ja, stimmt, das ist ja schon übermorgen! Ich darf gar nicht dran denken!“ Tine ließ den Kopf hängen.

Emma umarmte sie spontan: „Ach Süße. Es gibt doch Telefon und Internet. Ausserdem hast du doch fest versprochen, dass du mich mal in Norwegen besuchen kommst!“

„Ja, das mache ich auf jeden Fall. Ich weiss trotzdem nicht, wie ich es hier mindestens ein Jahr lang ohne dich aushalten soll.“

„Wieso mindestens? Für länger reicht mein Geld nie im Leben. Du weißt doch, wie teuer das ist! Und geplant ist auch nur ein Jahr.“

„Ja, ich weiss. Aber wahrscheinlich suchst du dir dort einen Job, oder?“

„Habe ich schon vor, ich will ja schließlich noch etwas vom Land sehen, nicht nur Oslo.“

„Siehst du! Und dann ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass du einen netten Norweger kennenlernst…“, Tine schüttelte mit düsterem Gesichtsausdruck den Kopf.  

„Ich gehe da hin, um zu studieren, nicht um irgendwelche Typen aufzureißen, Tine.“

„Ja, ich weiss ja. Aber die Möglichkeit besteht immerhin, oder?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Du weißt ja, wie aufgeschlossen ich gegenüber fremden männlichen Wesen bin!“ sagte Emma ironisch.

„Ja, aber ein Jahr ist lang…“

„Können wir bitte das Thema wechseln? Das führt doch zu nichts!“

„Ja, du hast ja Recht. Also, dann widmen wir uns dem Packen oder wie?“

„Wird wohl das Beste sein“, seufzte Emma.

***

Zwei Tage später stand Emma mit ihren Eltern, ihrem Bruder sowie ihren Freundinnen Tine, Lisa und Annaleen vor dem Fluggastbereich des Frankfurter Flughafens. Sie hatte noch 10 Minuten Zeit.

Sie unterhielten sich noch kurz, dann umarmte Emma ihre Freundinnen der Reihe nach.
Sogar ihr sonst so cooler, sechzehnjähriger Bruder Sören nahm sie in den Arm und hielt sie fest an sich gedrückt.

So lang, dass sie Zeit hatte, zu überlegen, ob und wann er das je zuvor gemacht hatte. Ihr fiel keine Gelegenheit ein.
Dann waren ihre Eltern an der Reihe.

Irgendwie war der Abschied ja schon traurig, aber andererseits war sie so aufgeregt, dass das alles noch nicht so ganz an sie herankam.

Erst als Tine ihr ein Geschenk mit den Worten: „Aber erst aufmachen, wenn du da bist!“ in die Hand drückte, musste sie schlucken.

„Emma, du musst los!“ ermahnte ihr Vater sie.

Also legte sie ihre Handtasche und ihre Jacke in die Schalen beim Sicherheitscheck und ging durch den Metalldetektor, der nichts anzeigte.
Nachdem sie ihre Sachen zurückbekommen hatte, drehte sie sich noch einmal um und winkte.

***

Gardermoen. Der Flughafen von Oslo. Sie war in Norwegen!

Der Flug war ganz nett gewesen, sie hatte eigentlich die ganze Zeit aus dem Fenster gesehen.
Die Welt von Oben war schon echt ein lohnenswerter Anblick, hatte sie zum wiederholten Male festgestellt.

Jetzt hieß es auf den Koffer warten. Und dabei das Norwegisch, das um sie herum gesprochen wurde, genießen. Wie hatte Emma das vermisst!
Klar, in den Uni-Kursen wurde auch Norwegisch gesprochen, man las norwegische Bücher und verfasste die Hausaufgaben auf Norwegisch, aber das war doch kein Vergleich!

Hach, es war einfach gut, wieder hier zu sein. Und diesmal nicht nur für einen viel zu kurzen zweiwöchigen Urlaub, nein, sie hatte ein ganzes Jahr Zeit!

Vor der Zollkontrolle versuchte sie, ihr glückliches Lächeln etwas unter Kontrolle zu bekommen, nicht, dass die dachten, sie hätte etwas geraucht! Aber alles ging glatt, niemand behelligte sie.

Sie kaufte sich ein Ticket und fuhr mit dem Zug bis zum Hauptbahnhof, oder auch Sentralstasjon und stieg dann in die U-Bahn, T-Bane, bis Kringsjå.

Hier würde sie für ihr Jahr in Norwegen wohnen. Sie stieg aus und orientierte sich erst einmal.
Kringsjå war mehr als nur ein Studentenwohnheim, es war eher ein eigener kleiner Stadtteil mit Wohnheimen und Supermarkt, auf einem Hügel gelegen.

Mit dem schweren Koffer war das nicht ganz angenehm, den Hügel hinauf zu stapfen und Emma war ziemlich ausser Atem, als sie vor dem Hauptgebäude angekommen war.

Sie war froh, dass sie am Vormittag geflogen war, es war nun früher Nachmittag und noch hell, aber es würde bald dunkel werden. Es war eben Anfang Januar und hier im Norden verschwand das Tageslicht deutlich früher als in Mainz.  

Sie betrat das Hauptgebäude, ging zur Rezeption und zog die in Skandinavien übliche Nummer, den kølapp. Es war nicht viel los, so dass sie nicht allzu lange warten musste.

Sie nannte ihren Namen und ihr Anliegen, bekam einen Übersichtsplan über das Kringsjå studentby und drei Wohnungsschlüssel ausgehändigt.

Sie konnte sich tatsächlich eine Wohnung aussuchen? Wow!

Den schweren Koffer konnte sie zum Glück bis 17 Uhr in der Rezeption stehen lassen lassen, bis dahin musste sie ohnehin spätestens zurück sein, weil die Rezeption danach nicht mehr besetzt war.

Also nichts wie los!
Vor der Tür orientierte sie sich mit Hilfe des Übersichtsplanes.
Gebäude 8 und 10 waren offenbar die Hochhäuser.

Eigentlich wären ihr die wohnblockartigen Bauten lieber gewesen, aber in diesen waren leider keine Wohnungen mehr frei.

Das erste Zimmer war ganz gruselig, alles total verdreckt, vorallem Küche und Bad. Sie wollte ihren Aufenthalt hier sicher nicht mit einer Putzorgie starten müssen!

Das zweite war schon besser, im 8. Stock, mit ganz netter Aussicht, aber Emma wollte sich vor einer Entscheidung noch die dritte Möglichkeit ansehen.
Und die befand sich sogar im obersten 13. Stockwerk.

‚S. Bjørnstad’ stand an der Wohnungstür. Emma schloss auf. Mal wieder ein langer dunkler Flur, aber das kannte sie ja schon.

Oh, eine schöne Küche, sauber und freundlich dekoriert. Die Bewohnerin schien Stil zu haben!
Das Bad war auch sauber und das Zimmer… naja, möbliert, aber leer.

Die Aussicht aus dem Fenster war auf jeden Fall beeindruckend.
Wunderbar, hier würde sie einziehen!

Sie klopfte an das Zimmer ihrer Mitbewohnerin. Das S. draußen bedeutete offenbar ‚Solveig’, jedenfalls hing ein Schild mit dem Namen an der Tür. Es kam keine Reaktion, Solveig war offenbar nicht zu Hause.

Schade, sie hätte diese gern kennengelernt, ehe sie sich entgültig entschied, aber so musste sie eben darauf hoffen, dass sie miteinander klarkommen würden.

Emma machte sich wieder auf dem Weg zur Rezeption und besprach dort ein paar Details, unter anderem auch die Möglichkeit, sich in den nächsten zwei Tagen doch noch für das zweite Zimmer entsscheiden zu können, falls es mit Solveig gar nicht laufen sollte.

Das war definitiv eine Erleichterung.
Sie unterschrieb ein paar Dokumente und machte sich dann mit ihrem Koffer auf den Weg.  

In ihrem Domizil angekommen, untersuchte sie erst mal die Schränke. Leer und sauber.
Also begann sie, ihren Koffer auszupacken.

Kleidung in den Schrank, Schreibutensilien und Co. auf den Schreibtisch, Bücher ins Regal.
Dann fiel ihr das Geschenk von Tine wieder ein. Sie kramte es aus ihrem Rucksack hervor und packte es aus.
Ein schönes Foto von Tine und ihr in einem Rahmen.

Emma freute sich riesig und platzierte es gleich auf dem Schreibtisch.
Als sie den Koffer leergeräumt hatte, war der Rucksack dran.

Und dann war sie auch schon fertig. Sie sah sich um. Gut, es sah ein ganz klein wenig bewohnter aus, als zuvor, aber da musste sie noch einiges tun!

Bilder, Pflanzen und Vorhänge kaufen zum Beispiel. Sie würde wohl mal einen Ikea oder so etwas in der Art aufsuchen müssen.

Emma bemerkte, dass sie so langsam hungrig wurde.
Sie wusste, dass es hier einen Supermarkt gab, also nahm sie sich wieder den Kringsjå-Übersichtsplan vor.

Sie zog die Jacke über, bewaffnete sich mit einem Stoffbeutel und machte sich auf den Weg.
Sie fand den kleinen Spar auf Anhieb und versorgte sich erst mal mit dem Nötigsten. Ausserdem noch ein paar Fertiggerichte, sie wusste ja schließlich nicht, ob sie immer in der Mensa essen würde.

Emma räumte die Einkäufe in ein leeres Küchenregal und in den Kühlschrank. Solveig aß offenbar gern Joghurt, es standen zumindest ziemlich viele verschiedene Sorten im Kühlschrank. Das war ihr auf jeden Fall sympathisch.

Emma machte sich einen Tee und aß genüsslich ihren Kanelboller. Sie liebte diese Teile!

Als sie es fast aufgegessen hatte, wurde die Wohnungstür aufgeschlossen und Solveig stürmte herein. Emma nahm zumindest stark an, dass sie es war.

Als sie Emma erblickte, blieb sie abrupt stehen und starrte die Deutsche verdutzt an.

„Hei. Ich bin Emma. Deine neue Mitbewohnerin.“

„Oh, hei. Solveig. Tut mir leid, ich wusste nicht, dass heute wer kommt, sonst...“ sie brach ab und machte eine ausholende Handbewegung.

„Ach was, ist doch alles bestens!“ widersprach Emma, „Möchtest du auch einen Tee?“

„Oh ja, gern. Ist ganz schön kalt draußen!“

„Allerdings. Ich bin echt froh über meine warme Jacke!“

Solveig holte sich eine Tasse aus dem Regal und zeigte auf die Teekanne: „Darf ich?“

„Ja, natürlich!“

Sie goss sich ein und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kühlschrank, dann fragte sie: „Woher kommst du?“

„Aus Deutschland. Mainz, um genau zu sein.“

„Du kannst aber gut Norwegisch!“ war Solveig überrascht.

„Naja, ich studiere Nordistik und Norwegisch ist meine Hauptsprache.“

„Wow! Ich hatte ja mal Deutsch in der Schule, aber viel ist nicht hängengeblieben…!“ Solveig grinste.

„So geht’s mir mit Französisch!“

Solveig nickte und trank dann einen Schluck Tee.

Dann sagte sie: „Man sieht sich, ich muss noch was tun. Danke für den Tee!“

Damit verließ sie die Küche und wenig später schloss sich eine Tür.

Auch wenn das jetzt nur ein kurzer Auftritt gewesen war, war Emma froh.
Sie war sich sicher, dass sie mit Solveig klarkommen würde!

***

Allerdings sah sie in den nächsten Tagen nicht viel von der Norwegerin.

Emma konnte nicht sagen, ob es daran lag, dass sie selbst so viel zu tun hatte, oder ob die andere ihr vielleicht aus dem Weg ging.

Zeit, darüber nachzudenken, hatte sie nicht.

Sie musste sich bei der Uni und der Polizei anmelden, eine norwegische ID beantragen und natürlich an der Orientierungswoche für ausländische Studierende teilnehmen.

Ihre buddy-group bestand aus zwei Lettinnen, einem Franzosen und einer Japanerin, sowie ihrem norwegischen Betreuer Rune.

Die Lettinnen waren zwar sehr nett, schienen aber genug aneinander zu haben, während sie mit der sehr kühl und distanziert wirkenden, wenn auch immer ausnehmend höflichen Japanerin so gar nichts anfangen konnte.

Jean, der Franzose und auch Rune waren in Ordnung, aber die ab und an recht derben Männersprüche der beiden sorgten dafür, dass sie hier eher ein wenig auf Distanz ging.

Sie hoffte, dass sich das mit Semesterbeginn am 17. Januar ändern würde, denn immerhin hatte sie, im Gegensatz zu den anderen aus ihrer buddy-group den Vorteil, dass sie nicht allein auf englisch sprechende Leute angewiesen war.

Trotzdem kam sie meistens erst die wenigen Sekunden im Bett, ehe sie todmüde einschlief, dazu, ihre Freunde und Familie zu vermissen.

***

Emma wurde wach, weil irgendwer laut lachte. Verwirrt wischte sie sich über die Augen und blinzelte.
Wieder hörte sie Stimmen und gleich darauf Gelächter.

War das Studentenwohnheim derart hellhörig, dass sie die Party von nebenan mitbekam? Na, das konnte ja heiter werden!

Aber gut, wenn sie ohnehin schon wach war, konnte sie auch noch einen Schluck trinken, ihr Mund war ganz trocken.
Sie setzte sich im Bett auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und tapste zur Tür.

Wieder erklang Gelächter, welches jedoch sofort verstummte, als sie in die Küche trat.
Emma prallte zurück, als sie in sechs überraschte Gesichter blickte.

Solveigs Gäste, zwei junge Frauen und drei junge Männer, saßen um den Tisch verteilt und hatten Gläser und ein paar Snacks vor sich stehen.

„Haben wir dich geweckt? Unnskyld!“ fasste Solveig sich als erstes wieder.

Emma winkte ab. Sie wollte sich ja schließlich nicht gleich unbeliebt machen.
„Wollte nur etwas trinken…“, sagte sie deshalb.

„Damit können wir dienen!“ meinte der männliche Besucher, der quasi am nächsten zu ihrer Zimmertür saß und reichte ihr eines der gefüllten Gläser, die in der Mitte des Tisches standen.

Etwas unsicher nahm Emma es entgegen und fragte dann: „Was ist das?“

Dass es kein Wasser war, konnte sie sich aufgrund der allgemeinen Heiterkeit zwar denken, aber…

„Selbstgebrannter von meinem Vater. Keine Sorge, so stark, dass man davon blind wird, ist er nicht!“ erklärte ein anderer. „Wir sind schließlich der lebende Beweis!“

Die Norweger lachten.

„Ähm, ich weiß nicht…“

„Jetzt komm schon, sei nicht so!“

Derjenige, der ihr das Glas gegeben hatte, warf ihr einen aufmunternden Blick zu: „Der schmeckt besser, als man annehmen könnte, wirklich.“

Das überzeugte Emma zwar kein bisschen, denn sie trank außer einen Schluck Sekt zu runden Geburtstagen oder an Sylvester eigentlich keinen Alkohol, einfach, weil ihr dieser nicht schmeckte, aber alle Augen waren erwartungsvoll auf sie gerichtet.

Also holte sie tief Luft und nippte an dem Zeug.

Dummerweise brannte es wie Feuer und sie musste husten, was wieder für allgemeine Heiterkeit sorgte.

Derjenige, der ihr das Glas gereicht hatte, wandte sich an die Gastgeberin: „Hast du noch einen Stuhl?“

„Emma hat einen in ihrem Zimmer.“

„Darf ich?“ er sah sie fragend an und Emma, die immer noch mit dem Hustenreiz und dem überraschenden Feuerchen, welches in ihrem Magen zu lodern schien, zu kämpfen hatte, nickte nur.

Wenig später kam er mit ihrem Schreibtischstuhl zurück.

„Ich wollte nicht stören“, blieb sie immer noch zurückhaltend, Solveig dabei ansehend.

„Du wohnst auch hier und wenn wir dich schon geweckt haben…“, zuckte diese mit den Schultern.

Weder die Aussage noch die Geste überzeugten Emma wirklich, aber derjenige, der ihr den Stuhl geholt hatte, schob ihn ihr hin und sagte dann mit einem kleinen Lächeln: „Setz dich! Ich bin übrigens Toril.“

„Emma.“

Da die anderen keine Anstalten machten, sich vorzustellen, übernahm Toril das ebenfalls.

„Liv, Kristian, Gunnar und Marianne.“

Entweder, er war so etwas wie der Sprecher der Gruppe oder einfach nur der offenste.

„Seit wann wohnst du hier? Solveig hat gar nichts erzählt!“ wollte diejenige wissen, die er als Liv vorgestellt hatte.

„Erst seit ein paar Tagen.“

„In denen ich nicht da war, deshalb hatte ich noch keine Gelegenheit dazu, davon zu erzählen“, ergänzte die Norwegerin.

Ah. Solveig war ihr also nicht aus dem Weg gegangen, sondernwirklich nicht da gewesen. Erleichterung machte sich in Emma breit.

„Ein totaler Frischling!“ grinste Gunnar. „Das schreit nach einem Willkommensdrink!“

Er griff nach dem Glas, welches Emma vor sich auf dem Tisch abgestellt hatte und füllte es, dann waren die Gläser der anderen an der Reihe.

Am liebsten hätte sie abgelehnt, aber das wäre mehr als unhöflich gewesen, also nahm sie ebenfalls das Glas, als Gunnar seines „auf Emma, den Frischling!“ hob.

„Du musst es auf einmal runterkippen, dann musst du nicht husten!“ raunte Toril ihr noch zu und sie versuchte, seinen Rat zu beherzigen.

Tatsächlich half das ein wenig und sie musste sich nur ein paar Mal räuspern.

Wenigstens kam jetzt das Gespräch wieder in Gang und da niemand zu erwarten schien, dass sie sich daran beteiligte, begann sie sich ein wenig zu entspannen.

Sie sprachen über das anstehende Semester, jemanden namens Terja und deren Freund, den wohl niemand am Tisch so richtig leiden konnte und kamen dann auf die Pläne für das nächste Wochenende zu sprechen.

„Da bin ich übrigens nicht da…“, erklärte Toril, was für allgemeine Verwunderung sorgte.

„Wo bist du denn?“ wollte Kristian dann wissen.

„Skifahren in Kvitfjell mit meiner Schwester und ihrem Mann, das hat sich relativ spontan ergeben, weil dessen Bruder, der eigentlich mitkommen wollte, jetzt doch nicht kann.“

„Glück muss man haben!“

„Man, wir waren schon viel zu lange nicht mehr zusammen Skifahren!“ seufzte Liv.

„Naja, am Wochenende ist es im Moment halt eher schlecht und unter der Woche können eben nicht alle!“ Marianne warf Kristian einen bezeichnenden Blick zu, der jedoch nur Augen für Liv zu haben schien.

„Kannst du Skifahren?“
Erst auf Grund von Torils fragendem Blick fiel Emma auf, dass sie gemeint war und sie blinzelte überrascht.

„Ähm, naja, geht so. Ich komme irgendwie den Berg runter, wenn es nicht zu steil ist“, erklärte sie dann.

„Gut!“

„Und was machen wir dann am Wochenende, wenn Toril nicht da ist?“ wollte Solveig wissen.

Emma war ein wenig verwundert, sie hätte die anderen jetzt nicht so eingeschätzt, dass sie nichts mit sich anzufangen wissen würden, nur weil einer aus der Clique nicht da war.

„Wir könnten Berit fragen…“, schlug Marianne vor.

„Ah, aber bei der ist es immer so… mh… anstrengend“, wandte Gunnar ein.

Einen Moment schwiegen alle, dann sagte Liv: „Und wenn wir es bei mir machen?“

„Warum nicht? Dein Fernseher ist zwar nicht so groß wie der von Toril oder Berit, aber wir hätten unsere Ruhe!“ nickte Solveig.

„Also gut, dann sehen wir uns alle am Samstag bei dir!“ Kristian sah sie lächelnd an. „Ich werde mich jetzt auf den Weg machen, schließlich muss ich morgen arbeiten.“

Damit erhob er sich.

Marianne und Liv schlossen sich ihm an, so dass wenig später nur noch Gunnar und Toril mit Solveig und Emma in der Küche saßen.
Emma gähnte.

„Das war dann wohl der allgemeine Rauswurf, wie?“ feixte Gunnar.

Emma schüttelte entsetzt den Kopf und beteuerte, dass das ganz sicher nicht so gemeint gewesen war.

„Nimm den bloß nicht so ernst!“ empfahl Toril ihr, worauf der andere ihn nachäffte.

Toril und Solveig lachten und auch Emma musste grinsen.

„Allerdings sollten wir uns jetzt auch auf den Weg machen, sonst verpassen wir die letzte Bahn! Oder ist bei dir im Bett noch ein Platz frei?“ Toril zwinkerte ihr zu, dennoch konnte Emma nicht anders, als ihn sprachlos anstarren.

Solveig sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an: „So viel Alkohol hattest du nun auch wieder nicht, dass das einen derartigen Spruch rechtfertigen würde, Fjeld!“

Gunnar kicherte.

„Da hast du wohl recht. Unnskyld Emma, das vergisst du bitte wieder ganz schnell!“ bat er sie mit eingezogenem Kopf.

„Schon gut!“ krächzte sie, immer noch dezent überfordert.

„Tja, dann sehen wir uns Samstag!“ Damit griff Gunnar nach seiner Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. „Du kommst doch auch, Emma?“

„Ich?? Ähhh…“ Sie warf Solveig einen hilflosen Blick zu, den diese aber nicht zu bemerken schien.

„Ach du willst nicht, weil Toril leider nicht da sein kann?“ hakte er sofort nach.

„Was? Nein, das hat doch nichts damit…“

Toril griff sich gespielt getroffen ans Herz: „Autsch!“

Nun wusste Emma endgültig nicht mehr, was sie dazu sagen sollte, aber niemand schien etwas von ihr zu erwarten.
Etwas unsicher begleitete sie die beiden zusammen mit Solveig bis zur Wohnungstür, wo Gunnar noch einmal grinsend wiederholte: „Bis Samstag!“

„Bis demnächst!“ schloss Toril sich ihm an.

Als Solveig die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, atmete Emma innerlich auf.

Die Norwegerin gähnte herzhaft und sagte: „Tja dann gute Nacht! Lass einfach stehen, ich räum das morgen früh weg!“

„Okay. Gute Nacht!“

Allerdings dauerte es noch eine ganze Weile, ehe Emma wieder einschlafen konnte.

***

Am nächsten Morgen trocknete Emma gerade das letzte Glas ab, als eine verschlafen aussehende Solveig in die Küche geschlurft kam.

„Ich hab doch gesagt, du sollst alles stehen lassen!“ schüttelte sie vorwurfsvoll den Kopf, als sie entdeckte, dass Emma das nicht getan hatte.

„Und hätte nur meinen Teller und die Tasse gespült? Tut mir leid, aber das fand ich albern!“

Solveig rieb sich mit der Hand über die Stirn: „Mh ja, okay. Danke!“

„Gern geschehen.“

„Ist noch Kaffee da?“

„Ja. In der Thermoskanne. “

„Perfekt!“ Solveig nahm sich eine Tasse aus dem Schrank und füllte diese.

Dann drückte sie zwei Tablette aus einer Blistierpackung und spülte sie mit einem großen Schluck des Heißgetränks hinunter.

Nach einem weiteren Schluck bekam Emma ein schiefes Lächeln: „Ich sollte mich wirklich nicht beschweren, wenn du meine Arbeit erledigst, obwohl es meine Gäste und ich waren, die dich aufgeweckt haben.“

Emma winkte ab: „Kein Problem.“

„Den Termin hatten wir schon länger ausgemacht und ehrlich gesagt hatte ich gar nicht mehr daran gedacht, dass ich nicht mehr allein hier wohne, als ich mit denen im Schlepptau aufgeschlagen bin.“

„Wirklich viel Zeit, um uns aneinander zu gewöhnen hatten wir ja auch noch nicht“, merkte Emma an.

„Richtig.“ Solveig leerte die Tasse und goß sich gleich noch einmal ein. „Gefällt es dir hier?“

„Wo hier? Hier in der Wohnung? Hier an der Uni? Hier in Norwegen?“

Solveig nickte einfach nur.

„Hier in der Wohnung gefällt es mir prinzipiell sehr, die Aussicht ist toll und es ist sauber, nur mein Zimmer ist noch ein wenig kahl, aber ich hatte bisher einfach noch keine Zeit, mich darum zu kümmern.
Zur Uni kann ich noch nicht viel sagen, das buddy-Programm ist ganz okay, zumindest weiß ich jetzt, was ich wo finde.
Und klar mag ich Norwegen, sonst wäre ich wohl kaum hergekommen!“

Wie allen Norwegern, die in der Regel sehr stolz auf ihr Land waren, gefiel Solveig diese Aussage offenbar, denn ihre Mundwinkel wanderten deutlich nach oben.

Sie trank noch einen großen Schluck, dann sagte sie: „Ich geh duschen. Sehen wir uns gleich noch?“

Emma warf einen Blick auf die Uhr und schüttelte den Kopf: „Ich fürchte, ich muss los. Buddy-group-Treffen.“

„Okay.“

***

Emma hatte den Einkauf für die nächste Woche im nächstgelegenen Rimi erledigt und verstaut und gerade beschlossen, mal bei Tine anzurufen, als es an ihrer Zimmertür klopfte.

„Ja?“ rief sie.

Solveig steckte den Kopf herein: „Hei.“

„Hei.“

„Ähm, bist du nachher dabei?“

„Nachher? Dabei?“ verstand Emma nur Bahnhof.

„Du hast gesagt, du kommst heute mit, erinnerst du dich?“

„Eigentlich hatte Gunnar gefragt, ob ich komme!“ stellte sie klar.

„Ja, und? Kommst du?“

„Das hatte er doch nicht ernst gemeint, oder? Ich meine, er war ja wohl nicht mehr ganz nüchtern…“

„Nein, das war niemand von uns, am allerwenigsten Toril. Aber doch, das hatte er wohl ernst gemeint, zumindest hat er Liv Bescheid gesagt, dass du auch kommst.“

„Oj.“

„Ich meine, wenn du schon etwas anderes vorhast...“

„Nein, das nicht...“

„Aber?“ hakte Solveig nach.

„Ich weiß nicht, kann ich da einfach mitgehen?“

„Deine Entscheidung! Um halb Zwei fährt die Bahn!“ Damit schloss sich ihre Zimmertür wieder.

Emma debattierte eine ganze Weile mich sich selbst, weil sie nicht wusste, was sie machen sollte.
Sie hatte keine Ahnung, ob es unhöflich wäre, nicht zu erscheinen oder aber aufdringlich, wenn sie tatsächlich einfach auftauchte.
Wobei Gunnar ja immerhin die Gastgeberin informiert hatte.

Um kurz vor halb Zwei wartete sie im Flur auf ihre Mitbewohnerin.
Diese schien weder überrascht noch entnervt zu sein, das half Emma also auch nicht bei ihrer Entscheidung.

„Was macht ihr überhaupt?“ wollte sie deshalb wissen.

Solveig sah sie irritiert an: „Wie, was wir machen?“

„Naja, ich weiß, dass ihr euch bei Liv trefft, weil Toril nicht da ist. Und es braucht einen Fernseher. Aber mehr auch nicht.“

Die Norwegerin begann zu lachen.

„Wir gucken Skispringen“, sagte sie dann.

„Skispringen?“ Emma riss die Augen auf. Die trafen sich, um gemeinsam Sport zu gucken? Das hatte sie nicht erwartet.

„Sag nicht, du weißt nicht, was das ist!“

„Doch, sicher.“

„Ja, also, dann los jetzt! Sonst verpassen wir die Bahn!“

Emma war immer noch so perplex, dass sie es Solveig gleichtat und ihre Jacke überstreifte.

Erst, als sich die Türen der T-Bane mit dem üblichen „Dørrene løkkes!“ schlossen, ging ihr auf, dass sie sich wohl entschieden hatte.



Liv öffnete ihnen die Tür und schien kein Problem damit zu haben, dass Emma da war.

Auch die anderen in Form von Marianne, Gunnar und Kristian begrüßten sie freundlich, ehe sie auch noch Terja und Berit, die an dem Abend bei Solveig nicht dabei gewesen waren, vorgestellt wurde.

Daraufhin kamen die Unterschiede zwischen Deutschland und Norwegen zur Sprache, bis Berit dann irgendwann von ihr wissen wollte, ob sie gern Skispringen schaute.
Puh, wie drückte sie sich jetzt am diplomatischsten vor einer Antwort?

„Ähm, naja, geht so.“

„Also nicht!“ sah Gunnar sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.  

„Erwischt! Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt!“

„Na sowas, ich dachte, alle Mädels in Deutschland wären verrückt danach!“ meinte Kristian verwundert.

„Nein, ganz sicher nicht alle! In meinem Freundeskreis gibt es jedenfalls niemanden“, widersprach Emma ihm.
„Na, dann müssen wir dir das eben erklären!“ sah Solveig das ganz pragmatisch.

Kristian erleuterte ihr, immer wieder durch Kommentare der anderen ergänzt, erst einmal die Grundlagen der Sportart, während im Fernsehen noch Langlauf lief.

Wenig später ging es dann tatsächlich los und Emma schaute ihr erstes Skispringen. Durch die Erklärungen und Kommentare der anderen war es viel lustiger, als erwartet.

Sie wussten zu fast jedem der Springer irgendwelche Geschichten, die ausführlichsten natürlich zu den Norwegern.
Die wurden aber immer erst nach einem Sprung zum Besten gegeben, denn während ein Norweger in der Luft war, herrschte gespannte Stille, die dann entweder in Jubel, Enttäuschung oder Ärger mündete.

Emma fand dieses extreme Mitfiebern total amüsant.
Über einen der norwegischen Springer, einen Sigurd Pettersen, wusste Liv besonders viel zu erzählen.

„Du bist wohl ein riesen Fan von ihm?“ wollte Emma dann auch prompt wissen.

Liv winkte ab: „Ach wo, der Kerl ist mein Cousin! Bjørn Einar finde ich viel interessanter!“

„Dein Cousin? Echt?“ riss Emma die Augen auf. „Du bist mit so einem Verrückten, der sich da runter stürzt, verwandt?“

„Ja, bin ich.“

„Abgefahren! Und welcher ist dieser Bjørn Einar? Oder habe ich den schon verpasst?“

„Nein, der springt heute nicht. Leider.“

Ein Österreicher gewann den Wettkampf, der beste Norweger lag auf Platz 6, Livs Cousin Sigurd auf Rang 9.
Anschließend gab es noch Kaffee und Kuchen, den Liv gebacken hatte.

Sie unterhielten sich über alles Mögliche, von Uni bis Lieblingsrezepte und Emma fühlte sich sehr wohl.
Sogar mit Gunnar und Kristian riss sie einige Witze und das obwohl sie sonst männlichen Wesen gegenüber eher zurückhaltend war.

***

Lautes Fluchen aus der Küche rief Emma, deren Zimmertür nur angelehnt war, auf den Plan.
Solveig stand am Herd und schimpfte inzwischen etwas leiser vor sich hin.

„Alles okay?“ wollte die Deutsche wissen.

„Naja. Nein.“

Emma trat einen Schritt näher.

„Kann ich was helfen?“

Solveig schnaubte, drehte sich aber nicht herum, sondern stocherte weiterhin wütend in der Pfanne herum.

„Nur, falls du mir Sahne herzaubern kannst!“ knurrte sie dann. „Ich habe welche, aber die ist sauer, obwohl das Verfallsdatum noch nicht annähernd erreicht ist! Gut, dass der beschissene Spar hier um diese Zeit auch nicht mehr offen hat und ich das Essen jetzt eigentlich in die Tonne kloppen kann!“

Wortlos trat Emma an den Schrank, in dem sich ihre Vorräte befanden und zog ein Tetrapack mit H-Sahne hervor.

„Tut es die hier?“ hielt sie ihn Solveig hin.

„Die was?“ Doch dann fiel ihr Blick auf das rechteckige Päckchen: „Woah, echt jetzt?“

„Na, ich brauche die jetzt nicht akut und wenn das dein Essen rettet…“

„Tut es! Tusen takk!“ strahlte die andere, jetzt sichtlich wieder obenauf.

„Kein Ding!“

Als Emma am nächsten Tag nach Hause kam, fand sich nicht nur eine Packung H-Sahne an dem Platz am Küchentisch, an dem sie üblicher Weise saß, sondern auch eine  Tafel Kvikk Lunsj-Schokolade, an der ein Post-it mit der Aufschrift „tusen takk enda en gang!“ klebte.

Emma lächelte in sich hinein.

***

Am darauf folgenden Wochenende fragte Solveig sie, ob sie wieder Skispringen mitgucken wolle.

Emma, die kein bisschen damit gerechnet hatte, war unsicher: „Ich weiß nicht…“

„Wieso nicht? Ich hatte den Eindruck, dass du ganz gut klarkamst!“

„Schon.“

„Aber?“

„Naja, war das nicht komisch, dass ich dabei war?“

„Es hat sich niemand bei mir beschwert! Außerdem hat Gunnar dein Erscheinen schon bei Toril angekündigt.“

„Okay…“, machte Emma ein wenig gedehnt. Schon wieder Gunnar?

„Wahrscheinlich nur, um ihn aufzuziehen, darin ist Gunnar groß.“

„Ja, er ist ein Witzbold!“

„Eher ein großer Kindskopf, aber man kommt meist nicht umhin, ihn trotzdem zu mögen.“

„Und du denkst, das ist okay für Toril?“ wollte Emma wissen.

„Für Toril? Sicher!“

Also ließ sich Emma nicht länger bitten.  

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie gleich als erstes einer Prüfung unterzogen werden würde.  

„Na, dann wollen wir mal sehen, was du dir gemerkt hast!“ sagte Kristian grinsend und begann, Emma Fragen übers Skispringen zu stellen.

Zu ihrer eigenen Überraschung konnte sie die meisten beantworten.

„Nicht schlecht! Und das nach einem Mal gucken! Du wirst sehen, wir machen noch einen richtigen Fan aus dir!“ lobte Marianne sie.

„Und zwar einen echt norwegischen!“ stimmte Terja ihr zu.

Emma verdrehte die Augen.
Sie musste zwar zugeben, dass diese Sportart gar nicht so langweilig war, wie sie bisher gedacht hatte und diese mit den richtigen Leuten zu schauen, war auch durchaus amüsant, aber ein Fan?

Da diesmal ein Teamwettbewerb stattfand, der ganz anders lief, als das letzte Springen, welches sie gesehen hatte, bekam sie vorab wieder einige Erklärungen.

Dann wurde die komplette Schanze mit samt dem Auslauf eingeblendet und Emma dachte bei diesem Anblick nur: „Verrückt sind die, alle verrückt!“

Doch trotz dieser Gedanken oder vielleicht auch gerade deshalb, ertappte sie sich während des Springens dabei, dass sie bei den Norwegern die Luft anhielt und hoffte, dass der Sprung gelang und auch weit ging.

Während einer kurzen technischen Pause, die immer dann gemacht wurde, wenn einer der vier Springer von allen antretenden Teams gesprungen war, zeigte das Bild die Zuschauer und Emma konnte einige der Plakate lesen.
Diese waren auf Deutsch und sowas von daneben!

Emma fragte sich wirklich, wie die Leute bloß solches Zeug schreiben und auch noch so anbringen konnten, dass es für alle anderen lesbar war, ohne rot zu werden?!

Toril hatte ihre Reaktion gesehen und sagte: „In Willingen ist es immer besonders schlimm!“

„Du kannst das lesen?“ war sie erstaunt.

„Ja, so einigermaßen, ich war ganz gut in Deutsch.“

„Oh man, das denen das nicht zu peinlich ist!“

„Es gibt Leute, denen ist einfach gar nichts peinlich“, meinte Marianne ganz pragmatisch.

„Offenbar gibt es die!“ stimmte Emma zu und schämte sich richtig, Deutsche zu sein.



Der Wettkampf zog sich hin, da die Windbedingungen stark wechselten und immer wieder Pausen gemacht werden mussten.

Als dann ein deutscher Springer stürzte und sich verletzte, war die Stimmung im Raum gedrückt.

Auch Emma sah ihre Gedanken bezüglich des Geisteszustandes der Springer bestätigt. Man musste definitiv verrückt sein, um sich da hinunter zu stürzen, obwohl man die Gefahren kannte!

Am Ende lagen die Norweger nur auf Rang 9.

„Boah, so schlecht waren wir schon lang nicht mehr! Neunter im Team!“ murrte Gunnar.

„Waren ja auch scheiss Bedingungen!“ wandte Berit ein.

„Ich denke auch nicht, dass du dieses Ergebnis als Aussagekräftig betrachten kannst!“ stimmte Toril ihr zu.

Es dauerte einen Moment, aber dann hatte sich die Stimmung wieder gefangen und sie saßen noch eine ganze Weile gemütlich zusammen.

Emma unterhielt sich vorallem mit Kristian und Liv und amüsierte sich im Stillen darüber, wie die beiden sich gegenseitig anschmachteten, aber sich offensichtlich nicht mehr trauten.

„Als ob DU dich so viel anders verhalten würdest!“ konnte sie Tine dazu fast live sagen hören.

Später beim Abschied sah Toril Emma pointiert an, als er sagte: „Bis morgen dann!“

***

Toril lächelte erfreut, als er die Tür öffnete.

„Schön, dass du wieder mitgekommen bist!“ sagte er zu Emma, nachdem er Solveig kurz umarmt hatte. Emma wurde rot.

Als Toril das sah, wurde sein Lächeln noch eine Spur breiter und er zwinkerte ihr zu, bevor er sich umdrehte und ins Wohnzimmer ging. Emma zog langsam ihre Jacke aus und schaute sich im Flur um.

Sie musste sich erst mal wieder beruhigen. Bereits am Abend zuvor hatte sie sich gefragt, warum Toril so viel Wert darauf legte, dass sie dabei war und jetzt ging es schon wieder genauso weiter?

Das verunsicherte sie und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.  

Sie betrachtete die Bilder, die an der Wand hingen. Vergrößerte, gerahmte Fotos, Landschaften.
Selbst gemacht, aber schön. Wer auch immer sie gemacht hatte, hatte einen Blick dafür.

Dummerweise war das die falsche Taktik gewesen, denn Toril kam zurück.

„Wo bleibst du denn? Ach, du guckst dir meine Fotos an.“

„DU hast die gemacht?“

„Ja, wieso nicht?“

„Die sind schön!“

„Danke. Und jetzt komm, das Springen fängt gleich an!“ damit legte er ihr den Arm um die Schultern und zog sie mit.

Emma hätte seinen Arm am liebsten abgeschüttelt, traute sich aber nicht. Was zum Henker sollte das alles? Wollte der was von ihr? Oder war das hier so üblich?

Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen, denn in der Regel waren Norweger eher zurückhaltend, aber gut, es gab ja immer Ausnahmen.

Zum Glück bemerkte keiner etwas, nicht, dass die auf dumme Gedanken kamen. Aber die Blicke der anderen waren allein auf den Fernseher gerichtet, denn das Springen hatte bereits begonnen.

Sie setzten sich auf die letzten freien Plätze, die dummerweise nebeneinander lagen.

Emma fühlte sich total unwohl und konnte sich kaum auf das Springen konzentrieren, dabei saß Toril einfach nur neben ihr und war ganz in den Wettbewerb vertieft.

In der Pause gab es etwas zu essen und Getränke.

„Alles klar bei Dir?“ wollte Liv wissen.

„Ja, wieso?“ entgegnete Emma etwas verwundert.

„Weiss nicht, du wirkst irgendwie… angespannt? Fieberst du so sehr mit?“ Darüber musste Emma nun doch lachen, auch wenn Liv natürlich recht hatte. Nur war der Grund ein ganz anderer.

„Öhm, naja, geht so.“

Nachdem sie dann einen Platz zwischen Marianne und Solveig ergattert hatte, konnte sie den zweiten Durchgang doch noch verfolgen.

Nicht, dass es sich für die Norweger sonderlich gelohnt hätte. Roar Ljoekelsoj auf Rang 17 war der beste, Sigurd wurde 20.

Aber der Rekordsprung von Janne Ahonen war allemal sehenswert gewesen.

„Du meine Güte, hoffentlich wird das diese Saison noch mal besser!“ Terja schüttelte betrübt den Kopf.

„Ach klar, nächste Woche ist Skifliegen, da sieht die Sache schon wieder anders aus, wirst sehen!“ war Gunnar sich sicher.

„Skifliegen? Was ist das denn nun wieder?“ Emma verstand nur Bahnhof.

„Na ja, eigentlich das Gleiche. Nur größere Schanzen und weitere Sprünge, die dann eben Flüge heißen. Über 200 Meter.“ erklärte Kristian.

„Noch größere Schanzen? Über 200 Meter weit? Und was passiert, wenn da einer stürzt? Dieser Deutsche hat ja schon einen Kreuzbandriss und das war nicht so weit!“ Emma war fassungslos.

„Gefährlicher ist es auf jeden Fall. Aber die Jungs wissen, was sie tun“, meinte Solveig.  

„Sigurd sagt immer, dass da dann nur diejenigen springen dürfen, die auch wirklich fit genug dazu sind. Und das das Gefühl noch geiler ist.“

Gefühl? Geiler? Emma konnte und wollte das nicht verstehen.

Zum Glück kam Toril in diesem Moment mit einem Tablett aus der Küche, auf dem kleine gefüllte Gläser standen.

„Was wird das denn?“ wollte Berit wissen.

„Och, ich habe noch ein paar angebrochene Flaschen da, ich dachte, wir sparen uns die Kneipe und leeren die hier“, grinste Toril.

Jeder nahm sich ein Glas. Emma roch vorsichtig an ihrem. Hochprozentig.

„Skål!“ rief Toril und alle kippten das Zeug runter.

Alle außer Emma. Sie hatte nur einen kleinen Schluck genommen und musste husten.

Toril klopfte ihr auf den Rücken: „Nanana! Hast du schon wieder vergessen, dass man so etwas am besten auf Ex trinkt, weil es dann nicht so schlimm ist?“

Sie warf ihm einen bösen Blick zu.

„Am besten, man trinkt das gar nicht!“ sagte sie, als sie wieder normal atmen konnte.

„Was denn? Du kannst doch nicht ein Jahr hier bleiben und keinen Alkohol trinken!“ Gunnar war entsetzt.

„Warum nicht?“

„Wir sind in Norwegen. Das gehört einfach dazu!“ mischte sich nun auch Terja ein.

„Allerdings!“ Kristian war der gleichen Meinung.

Emma seufzte ergeben und kippte den Rest tatsächlich auf Ex runter. Und siehe da, sie musste nicht husten.
Als es nach dem dritten Wodka immer noch nicht nach einem Ende aussah, wollte Emma nicht mehr.

„Wieso denn nicht?“ wollte Solveig reichlich verständnislos wissen.

„Mensch, morgen geht das Semester los, das weißt du doch!“

„Sicher. Ein Grund mehr, um weiter zu machen!“ fand Gunnar.

„Und du meinst, das ist vorteilhaft, als Ausländer am ersten Tag mit Kater zu erscheinen?“ schüttelte Emma den Kopf, auch wenn sie Gunnar natürlich nicht ernst nahm.

„Ja, denn so fällst du garantiert nicht auf!“

Das kam dann aber von Toril und Emma starrte ihn an: „Du meinst…?“

Alle nickten bedeutungsvoll.

„Die spinnen, die Norweger!“

„Eyyy!“ kam der Protest im Chor.

***

Am nächsten Abend telefonierte Emma mit Tine. Sie berichtete von ihrem ersten Uni-Tag, der hauptsächlich mit Informationen vollgestopft gewesen war.

Und davon, dass tatsächlich die meisten Norweger etwas zerknautscht aus der Wäsche geschaut hatten.

„Ich bin also überhaupt nicht weiter aufgefallen“, sagte sie.

„Wie meinst du das?“ wollte Tine wissen.

„Naja, wir haben gestern nach dem Skispringen bei Toril noch Wodka getrunken.“

„Wodka? Du? Spreche ich auch wirklich mit Emma Wegener?“

„Haha, sehr witzig! Ja, Wodka. Aber das ist doch noch gar nichts im Vergleich zu… ach, shit!“ Eigentlich hatte sie Tine nicht davon erzählen wollen.

„Nichts im Vergleich zu was? EMMA?“

Diese schloss die Augen, atmete tief ein und zählte bis zehn.

Dann sagte sie: „Ich hab mit allen Brüderschaft getrunken. Auch mit den Jungs.“

„Du hast also drei mehr oder weniger wildfremde Jungs geküsst?“

„Mhm.“

„Das klingt, als ob das noch nicht alles war!“

„Naja, also…ich… Toril… ähm… also, das war irgendwie mehr als ein Brüderschafts-Kuß“, bekannte Emma.

„Ihr habt rumgeknutscht?“

Emma konnte sich Tines fassungsloses Gesicht haargenau vorstellen. Schließlich kam das dem, wie sie sich seitdem fühlte, ziemlich nah.

„Irgendwie schon“, musste sie zugeben. „Ich hatte schon den ganzen Abend das Gefühl, dass er mich anbaggert. Und als…“

„Und du hast ihn einfach machen lassen? Die Emma, die ich kenne, hätte ihm eine runtergehauen!“

„Also erstens hatte ich schon ziemlich viel Wodka getrunken…“, verteidigte sie sich.

„Und zweitens?“

„Nichts zweitens!“

„Emmaaaa!“ ließ ihre beste Freundin nicht locker.

Emma schluckte.

„Naja, er küsst verdammt gut!“ das kam schon fast geflüstert.

„Ich fass es nicht! Du bist gerade mal eine Woche da und schon hast du einen Typen an der Angel! Emma, Emma. Und wer hat mir hier noch hoch und heilig versichert, dass das garantiert nicht passieren wird, hm?“

„Ich hab ihn nicht an der Angel. Das war, weil…“, widersprach sie.

„Komm schon, du merkst doch selbst, dass du Schwachsinn redest. Der will was von dir. Du hast doch selber gesagt, dass er dich angebaggert hat!“

„Ja, schon. Aber…“

„Und was ist mit dir?“

„Mit mir?“ kiekste Emma.

„Willst du was von ihm?“

„Von Toril? Ich, … ich weiss nicht, ich…“

„Was ist mit mir?“ fragte da eine männliche Stimme von der Tür her. Emma wirbelte herum.

Toril stand im Türrahmen und grinste breit.

„Toril!“ rief sie entsetzt.
Oh, shit, wie lange stand der denn schon da? Sie starrte ihn entsetzt an.
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