Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Action / Chimäre

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Chimäre

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
08.04.2006
10.04.2006
2
66.198
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08.04.2006 33.692
 
Definition :


Chimäre:  

1)die, -, griech. Mytho: griech. Chimaira, ein feuerschnaubendes Ungeheuer, nach Homer vorn Löwe, in der Mitte Ziege, hinten Schlange...

2) die,-/-n, Zoologie und Botanik: Bez. für Individuen, die aus genetisch unterschiedl. Teilen bestehen ... Bei Tieren können C. durch Kombination genetisch versch. Zellen ( z.B. durch Injektion einer oder mehrerer fremder Zellen in die Blastozyte eines Embryos) während der frühen Furchungsteilungen hergestellt werden oder durch Verpflanzung von Gewebeteilen entstehen, z.B. Molchzähne am Froschkopf. ...

Aus: Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bd. - 19. Auflage

- Prolog -

Das kleine Kapuzineräffchen war stinkwütend. Heute morgen hatte er in einer morschen Baumhöhle ein Dutzend Hirschhornkäferlarven entdeckt. Dick und weiß und knackig. Ihm war das Wasser im Maul zusammengelaufen. Am liebsten hätte er sofort die Raupen in sich hereingestopft - aber da war noch der Rest der Horde. Weil das Kapuzinermännchen noch sehr jung war, stand es weit unten in der Rangordnung. Die anderen Mitglieder der vielköpfigen Affenbande hätten sofort bemerkt, daß er die Leckereien entdeckt hatte, und er würde das Nachsehen haben. Aber so jung der Affe noch war, er war clever. Wie er es bereits bei anderen beobachtet hatte, tat er so, als habe er nur fauliges Wasser und Moos entdeckt, und wie zufällig warf er ein paar Blätter über das Loch. Heute abend würde er zurückkehren, wenn alle in die Kronen turnten, um in den Ästen die Nacht zu verbringen. Dann, ja, dann würde er alleine die fetten Raupen fressen ...
Leider hatte jedoch ein älteres Männchen Verdacht geschöpft. Gerade, als er auf die erste knackige Larve biß, daß die weiße Haut knackte und der leicht nussige Geschmack auf seiner Zunge lag, hatte ihn der Rivale von hinten angesprungen und vom Ast geschubst. Schnell hatte der sich dann eine Handvoll Hirschkäferbrut geschnappt und war freudig kreischend in Richtung Baumkrone verschwunden. Bevor der Rest der Affenhorde dem Krach folgte und der Chef der Sippe sein Privileg in Anspruch nahm, die restlichen Larven zu verspeisen, die die flinken Affenhände seiner Familie nicht bereits aus der Baumhöhle gefingert hatten.
Das kleine Kapuzinermännchen fühlte sich um seine Entdeckung betrogen. Nur eine einzige Raupe! Wutentbrannt und aus voller Kehle kreischend tobte er durchs Geäst und ließ seinen Ärger an den Zweigen aus. Waghalsiger als sonst sprang er von Ast zu Ast und entfernte sich ein gutes Stück von der Affenfamilie, die ihm gleichmütig zuschaute. Zornig schwang er sich auf einen breiten Ast und brach einen langen Zweig ab, um auf den Baum einzuschlagen, als er mitten in der Bewegung erstarrte. Zwei senkrecht geschlitzte bernsteingelbe Raubkatzenaugen blickten ihn aus nicht einmal einem Meter Entfernung an und fixierten ihn. Das Kapuzieneräffchen erschrak zu Tode, gleichzeitig fielen Urin und kleine Kotbällchen durchs Blätterwerk in die grüne, dampfende Tiefe. Der Zweig segelte torkelnd hinterher. Die Raubtieraugen blinzelten. Der überwältigende Geruch nach Katze und Mensch stieg dem stocksteifen Äffchen in die Nase. Innerhalb einer Sekunde prasselten viele Einzelheiten seiner Umgebung auf ihn ein: Das dämmrige grüne Licht, das durch das Laubdach fiel; die von Ferne herandringenden vertrauten Grunz- und Kreischlaute der Affenhorde. Der Geruch nach Moder und Fäulnis aus der unbekannten Tiefe des Waldbodens. Der Raubtier-Mensch-Geruch. Was war das wohl, was ihn da gleich fressen würde? Trotz der Augen und des Geruchs kein Jaguar. Es sah aus wie ein Menschenmännchen, oder jedenfalls fast. Ein ebenmäßiges, leicht indianisches Gesicht, Hände und Füße waren hell bronzefarben. Der restliche Körper, schlank und kräftig, reglos auf dem Ast ausgestreckt, war mit einem schwarz-goldbraunen Streifenmuster bedeckt, welches ihn im Geäst hervorragend tarnte. Schwarzes, dichtes Haar,
unsichtbar von einigen ebenfalls schwarzen Schnurrhaaren durchzogen, fiel ihm lang ins Gesicht und endete im Nacken in millimeterkurzen Stoppeln. Am unheimlichsten waren jedoch die langen, dolchartigen Eckzähne, die das Lächeln der Menschenkatze jetzt entblößte. Die goldenen Augen schlossen sich zu einem Lidschlag, und ein leises Grollen weckte den jungen Kapuzineraffen endlich aus seiner Erstarrung. Hals über Kopf, aus voller Kehle kreischend, floh er zu seiner Horde, die sofort in Panik durchs Geäst tobte.
Das Katzenwesen war auf Jagd - jedoch glücklicherweise heute nicht auf Kapuzineräffchen aus. Der junge Affenmann würde nie wieder so unvorsichtig sein. Begegnungen dieser Art hat man im Urwald fast immer nur einmal, seine Letzte. Als die Affenfamilie endlich wieder zur Ruhe gekommen war und alle auf ihren schwankenden Ruheplätzen vor sich hin dösten, gegenseitig das Fell nach Parasiten durchkämmten und schnatterten, war der Affe sehr glücklich, noch am Leben zu sein.

Der Katzenmensch lag weiterhin reglos auf seinem  Ast und belauerte etwas, das jenseits des Taleinschnitts als Gruppe von flachen Gebäuden rund um einen alten herrschaftlichen Grundbesitzerhof zu sehen war. Als die Dämmerung hereinbrach, verließ ein Wagen in Eile den Innenhof und fuhr auf der einzigen Straße in Richtung des winzigen Dorfes am Fuße der Hügelkette. Die Scheinwerfer leuchteten kurz auf und verschwanden dann im Gestrüpp entlang des Pfades. Bald wurde es dunkel, nur ein schmaler Rand des Mondes und Sternengefunkel erleuchtete die Tropennacht. Der Katzenmensch kramte in seinem Beutel, der an einem Ast hing, und zog einen klobigen Nachtfeldstecher hervor. In Abständen von einigen Minuten spähte er hindurch, bis kurz nach Mitternacht alles Licht in den Gebäuden verloschen war. Eine weitere Stunde später, nachdem die gründliche Betrachtung  durch das Fernglas bestätigt hatte, daß alles ruhig war, griff der Mann auf dem Baum nach einem kleinen Kästchen, welches an einer Schnur um seinen Hals baumelte. Seine Muskeln schmerzten vom langen Warten auf dem Ast. Vorsichtig reckte und streckte er die zitternden Arme und Beine. Bald würde er schnell laufen müssen, Krämpfe konnte er nicht gebrauchen.
Auf der abgewandten Seite des Hauses flammte ein Licht auf, ohne daß der Beobachter aus dem Dschungel es bemerken konnte. Kurz erschien ein helles Quadrat in der Nacht, verlosch jedoch sofort wieder. Nur wenig später verschwand auch das erste Licht, und zwei schwarze Gestalten trugen eine Dritte im Laufschritt durch die Dunkelheit auf einen Jeep zu, der hinter dem Haupthaus in einiger Entfernung nahe der Umgrenzungsmauer hinter dem Schuppen stand. Schnell wurde der schlaffe Körper auf die Rückbank gebettet, die beiden Anderen sprangen auf die Vordersitze und schlossen die Türen.
In diesem Moment strichen die Finger des Beobachters in den Ästen des Urwaldbaumes vorsichtig, fast zärtlich, über das schwarze Kästchen und fanden eine breite Erhebung. Er drückte mit Zeige- und Mittelfinger darauf, der Schalter überwand den Widerstand. Eine winzige rote Birne leuchtete auf und spiegelte sich kurz in den Bernsteinaugen, deren Pupillen jetzt riesengroß und rund waren. Einen Herzschlag später wurde auf der gegenüberliegenden Seite des Tales in den Gebäuden eine merkwürdige Veränderung sichtbar. Zuerst erschien in allen Fenstern fast gleichzeitig ein starkes gleißendes Licht, das sich sofort als rote Wolke ausbreitete, nachdem es die Fensterrahmen wie Staubflocken aus den Steinöffnungen gehustet hatte. Die Dächer der Häuser zitterten erst wie junge Hasen, die sich aus Furcht vor ihren Feinden tief an den Boden drücken, und machten dann einen kleinen, fast komischen Hüpfer auf ihren Fundamenten. Gleichzeitig erbebten die Wände, schwankten wie Fichten im Sturm. Dann, im Zeitlupentempo, lösten sich die Dächer von den Häusern und flogen in glühenden Fetzen als Sternschnuppen in den Himmel. Die Hitze ließ flammende Holzstückchen wie Silvesterraketen hoch zu den Sternen steigen, um die verglühte Asche sanft viele Meter entfernt zu Boden gleiten zu lassen. Die betrunken torkelnden Wände gaben ihre Durchhalteversuche nun ebenfalls auf und brachen wogend zusammen, wo sie gerade schwankten. Eine Staubwolke wurde vom Sog der Hitze emporgerissen und erstickte den glühenden Flitter der Holzstückchen und das Sternengefunkel gleichermaßen.
Jetzt endlich prallte der Schlag der Explosion mit Wucht in die Geschöpfe des Urwalds auf der anderen Seite des Tales, so laut, daß einige davon fast taub wurden. Alles, was Ohren und Beine hatte, rannte, rettete, floh. Wilde Panik breitete sich aus. Der Donnerschlag ebbte ab und hinterließ ein wildes Crescendo aus Tausenden von Tierkehlen, die kreischten, brüllten, schrien, fauchten.
Inmitten des Chaos lag der Katzenmann noch immer im Geäst. Die lodernden Flammen der Explosion ließen die Raubtieraugen grün aufleuchten. Speichel glitzerte auf den weißen Eckzähnen. Dann wandte sich die Chimäre ab und verschwand behende wie ein Affe im Durcheinander der wogenden Blätter.
Die Flammen zuckten noch eine ganze Weile immer wieder auf, bis die Morgendämmerung hereinbrach und die schwarzen Gerippe der Balken mit schmutzigem Schnee überzog.


-1-

Schwungvoll warf Rena Pherson einen riesigen Stapel Bücher auf Collins ohnehin überquellenden Schreibtisch. „Was wissen sie über Adolf Hitler und das Dritte Reich?“, fragte sie zur Begrüßung.
Unauffällig ließ Collin seinen Apfel in der Schreibtischschublade verschwinden und rettete mit einem Schubs die überhängenden Stapel mit Berichten vor dem Erdbeben. „Ähm, was man in der Schule lernt, und das, was man im Kino sieht.“, stammelt er. Hoffentlich war dieser Überfall der Beginn zu einem neuen Außeneinsatz. Er hatte zwar die Vierzig schon überschritten und war über James-Bond-Einlagen längst hinaus, aber die Aussicht auf einen Job unter Tarnung, und sei er auch noch so gefährlich, reizte ihn viel mehr als das Umwälzen von Aktenbergen von einem Schrank in den anderen.
„Schule? Kino?“, lachte seine Vorgesetzte und fuhr sich mit der Hand durch das kurzgeschnittene graue Haar. „Vergessen sie das! Ich habe ihnen anständige Unterlagen mitgebracht. Ich wünsche, daß sie das hier ...“, sie deutete auf den Bücherstapel, „... bis Ende nächster Woche durchgearbeitet haben.“
Collin grinste in sich hinein. Wunderbar. Adieu, Schreibtisch, Akten und Paragraphen, Aloá wirkliches Leben! „Worum geht es genau?“
Rena zog einen Umschlag zwischen den Büchern hervor und reichte ihm das Papier.
Collin las: „Streng vertraulich, an die Leiterin des Federal Bureau of Critical Affairs, Mrs. Rena Pherson - persönlich- ...“ Der Absender war die Adresse eines Informanten, der über den Satelliten Income mit ihnen Kontakt hielt.
In unregelmäßigen Abständern übermittelte er Informationen, in der Regel ging es jedoch um Rauschgiftgeschäfte und Militätputsche in südamerikanischen Ländern. Collin zog einen Bogen Papier aus dem Umschlag und überflog ihn: „... habe Information, daß sich am Oberlauf des Flusses, in der Nähe des Dorfes Bendinat, eine Gruppe befindet, die in Rauschgiftgeschäfte verwickelt ist und für erhebliche Unruhe sorgt. Es soll sich um eine Gruppe von Söldnern unter der Leitung eines ehemaligen KZ-Arztes und seines Sohnes handeln, die Geld für ein nicht näher bekanntes Projekt sammeln. Zusatz.“
Collin stutzte. „Was hat das mit uns zu tun? Sollen sich die von der Rauschgiftabteilung darum kümmern! Außerdem, was heißt denn „Zusatz“?“
Rena Pherson lächelte. Sie hatte ihn schon an der Angel. „Zusatz bedeutet, daß er mir über einen anderen, abhörsicheren Kanal etwas zukommen ließ.“
Collin rückte seinen Stuhl näher an sie heran und beugte sich interessiert vor: „Jetzt schießen sie schon los!“
„Die Deutschen heißen Hagen und Erich von Werink. Der Vater, Erich von Werink, hat unter Adolf Hitler an einer der vielberühmten Geheimwaffen geforscht. B-Kategorie.“
Collin stöhnte. „Biowaffen? Schon wieder irgendein Virus, ein Bakterienstamm?“
„Nein, Chimären.“
„Was?“ Collins Stuhl schrammte kratzend über den Boden. „Was zum Teufel soll das sein?“
„Hitler wollte perfekte Soldaten künstlich zeugen und aufziehen. Ein alter Traum aller Feldherren. Ihm schwebte da eine Mischung aus Mensch und Tier vor. Wolf, Bär, Hai, Hyäne, Raubkatzen.
Lange vor uns scheint dieser von Werink durch Menschenversuche in den Konzentrationslagen die Technik dazu entwickelt zu haben. Ihm fehlt jetzt nur noch das nötige Geld, um wieder neue Labors einzurichten.“
„Aber - das kann ich nicht glauben! So etwas gibt es nicht.“ Collin hielt es auf seinem Stuhl nicht mehr aus und begann, auf und ab zu laufen.
„Doch. Mein Informant sagt, daß es schon vier erwachsene Exemplare geben soll.“
Collin öffnete einen Schrank und schichtete säuberlich die Akten von seinem Schreibtisch in die Regale. Rena Pherson lächelte hinter seinem Rücken.
„Und wenn ihnen ihr Informant einen Bären - oder eine Chimäre- aufgebunden hat?“, fragte Collin.
„Das werden sie herausfinden. Wir haben ihnen eine Tarngeschichte fertiggemacht, mit allen Papieren und Hintergründen. Die von Werinks suchen laufend weitere Söldner für ihre Arbeit. Sie werden dorthin reisen, als Lehrer für Nahkampftechniken.“
Collin mußte lachen. „Glauben sie nicht, ich bin dafür schon zu alt?“
Rena lächelte zurück: „Sie sollen nicht im Alleingang die ganze Gruppe aufmischen und das Vaterland retten wie Rambo oder Supermann.“
„Sondern?“
„Wir hätten gerne eine von den Chimären. Vielleicht können sie eine stehlen. Oder, falls sie einigermaßen intelligent und menschenähnlich sind, davon überzeugen, zu uns überzulaufen. Auf jeden Fall möchten wir eins der Tiere untersuchen. Am besten bringen sie auch die gesamten Forschungsunterlagen mit, falls ihnen das gelingen sollte.“
„Wann geht es los?“ Ein weiterer Aktenstapel verschwand in den finsteren Schränken der Bürokratie. Das Büro war inzwischen so aufgeräumt, daß es fast kahl aussah. Auf dem Schreibtisch lagen nur noch Rena Phersons Bücher.
„In zwei Wochen!“ sagte seine Chefin und verließ das Büro, „Lesen sie die Bücher und kommen sie dann zu mir, ich erkläre ihnen alles weitere. Und treiben sie wieder etwas mehr Sport!“
Als sich die Türe geschlossen hatte, holte Collin den Apfel aus der Schublade und begann zu lesen.


-2-

Brief des Leiters der Projektgruppe „Erzengel“, Obersturmbannführer Erich von Werink, an das Führerhauptquartier vom 13.11.1944

Mein Führer!

Ich freue mich außerordentlich vermelden zu können, daß unsere Arbeit schon bald Früchte tragen wird. Heute ist es uns zum ersten Male gelungen, einen lebensfähigen Embryo zu erhalten. Er stammt aus unserem Versuch mit Wolfsgenen, die wir mit Hilfe von Viren in ein menschliches Spermium eingeschleust haben. Da wir jedoch relativ viele Anpassungen zwischen den nicht einmal entfernt verwandten Arten Wolf und Mensch vornehmen mußten, um das Endprodukt lebensfähig zu erhalten, wird das entstehende Lebewesen zu ca. 97% menschliches und zu 3% tierisches Erbmaterial enthalten. Die von Euch, mein Führer, so hoch geschätzten Eigenschaften des Wolfes wie Treue und Unterordnung werden sich in dieser Kreatur mit dem menschlichen Wesen verbinden. Wir werden die perfekten Soldaten erhalten, mit denen die arische Rasse den Planeten beherrschen wird.
Selbstverständlich sind wir alle hier begeistert von Eurem Vorschlag, auch Prototypen mit den Genen von Bär, Hyäne und Raubkatzen herzustellen.
Leider wird der Keimling mit Haierbmaterial nicht mit dem menschlichen Erbgut kombinierbar sein, alle dahingehenden Versuche waren erfolglos. Der Embryo Uriel stirbt in jedem Falle ab.
Wir werden uns daher vorerst auf die Säugetierchimären konzentrieren.
Natürlich werden wir, Eurem Wunsche folgend, auf ein angenehmes Äußeres der Geschöpfe achten, damit sie später auch als Ordonnanzen dienen können. Als Spermaspender haben wir nur gesunde, gutaussehende Arier verwandt. Eurem Vorschlag entsprechend werden die verbleibenden Prototypen nach vier von den  Erzengeln Michael, Gabriel, Raphael und Luciferens benannt werden.
Ich nehme mir hier jedoch die Freiheit anzumerken, daß die Verwendung von Erbmaterial der verschiedenen Raubkatzenarten für keine gute Idee halte. Raubkatzen sind, bis auf Löwen, keine Rudeltiere. Ihre unabhängige, schwer zu kontrollierende Wesensart könnte in Zukunft ein Problem darstellen. Aber der Wunsch meines Führers ist mir selbstverständlich Befehl, wenn ich so sagen darf.
Sollten sich die Prototypen der Erzengel als Erfolg erweisen, werden wir die Kreaturen auf die Vervielfältigungsmöglichkeit durch Klonen hin untersuchen. Wir erhalten dann erbgleiche Exemplare. Ich hatte bereits Erfolge mit der Verschmelzung von Erbgut in fremde, vorher geleerte Eizellen, aber diese Details werden den Führer, der die Geschicke des Deutschen Volkes lenkt, sicher nicht interessieren.
Jedenfalls werden die Embryonen auch von Untermenschinnen ausgetragen werden können, ohne Auswirkungen auf die Qualität der entstehenden Soldaten befürchten zu müssen. Einer späteren Massenbrut durch geeigneten Brutobjekte steht also nicht mehr viel entgegen.
Selbstverständlich werde ich jeden weiteren Fortschritt sofort vermelden.
Ich hoffe, der treue Blondi hat mir die Blutabnahme nicht übelgenommen. Mein Führer, ich verbleibe mit untertänigsten Grüßen, selbstverständlich auch an Fräulein Braun,

Sieg Heil,

Erich von Werink
Obersturmbannführer



Auszug aus einem weiteren Brief an die obengenannte Adresse, dort angekommen am 16.04.1945

... haben je einen Embryo mit Wolfs-, Bären- und Hyänengenen in flüssigem Stickstoff eingefroren. Mit Raubkatzenerbgut behandeltes Sperma wurde ebenfalls eingefroren, es kann im Bedarfsfall mit der Eizelle einer Spendermutter verschmolzen werden. Aufgrund der bevorstehenden Einnahme unseres Stützpunktes durch den Feind werde ich mit dem obigen Material untertauchen, um in Zukunft die Fahne des Nationalsozialismus hochzuhalten...


-3-

Eine langgezogene Staubwolke hinter sich herziehend rumpelte der Geländewagen die Urwaldstraße hinauf zur Villa der Deutschen. Collin wurde heftig hin- und hergeschüttelt und fragte sich, ob sie wohl bald dort sein würden. Oder jedenfalls, bevor ihm endgültig schlecht werden würde. Es war heiß wie in der Hölle, und ihm war schwindelig.
Endlich tauchte hinter einer Biegung eine hohe Mauer mit Stacheldrahtkrone auf, die ein altes herrschaftliches Herrenhaus aus dem vorigen Jahrhundert mit zahlreichen niedrigen Nebengebäuden umschloß. Sie rauschten durch das enorme Tor mitten auf einen geräumigen Innenhof. Der Fahrer hupte zweimal laut und sprang aus dem Wagen. Fast sofort füllte sich der Hof mit Neugierigen.
Es waren Männer jeglichen Alters und jeder Hautfarbe. Sie hatten nur eine Eigenschaft gemeinsam, nämlich daß man ihnen mit Sicherheit nicht in einer dunklen Nebenstraße begegnen mochte. Schwitzend hoffte Collin, daß seine Tarngeschichte gut genug war, um keinen Ärger zu bekommen.
Die Türe zum Herrenhaus öffnete sich, und ein ganz in Weiß gekleideter Mann, so um die vierzig Jahre alt, trat auf die Veranda: „Vater, er ist da!“, rief er über die Schulter und wandte sich zu Collin. „Guten Tag. Sie müssen Collin Summer sein. Mein Name ist Hagen von Werink.“ Der Händedruck des massigen Mannes war seltsam schlaff und fischig.
Ein alter Mann trat aus der Tür. Sofort ging ein Ruck durch die Männer, alle schienen unbewußt strammzustehen.
Der Greis war irgendwo zwischen fünfundsiebzig und neunzig, denn sein Gesicht war von unzähligen Falten zerfurcht; die Augen jedoch leuchteten unvermindert in hellem Blau. Er hielt sich preußisch gerade und ergriff Collins Hand: „Willkommen! Ich bin Erich von Werink, der Besitzer dieses Anwesens. Meinen Sohn Hagen haben sie ja schon begrüßt, wie ich sehe.“ Collin nickte.
Vier Männer hatten sich inzwischen ebenfalls auf der Veranda eingefunden, und Erich von Werink packte Collin mit überraschender Kraft am Arm. „Das werden ihre Schüler sein, Mr. Summer.“
Widerstrebend legte Collin seine Hand in die riesige Pranke eines mindestens zwei Meter zehn großen, blondgelockten Hünen und hoffte, sie unbeschädigt zurückzubekommen. Der Riese grinste auf Collin herab und drückte feste zu. Collin biß die Zähne zusammen. Netter Schüler! „Das ist Michael.“, dröhnte Hagen von Werinks Stimme an sein Ohr.
Raphael war etwas kleiner und nicht ganz so muskulös. Er nickte Collin nur stumm zu, als er vorgestellt wurde.
Gabriels Händedruck war angenehm, jedoch wichen die flinken Augen Collins Blicken aus.
Der letzte der Männer unterschied sich stark von den anderen. Obwohl er nicht klein war und gut trainiert aussah, reichte er Michael nur knapp bis zur Schulter und wurde auch von den beiden anderen um mindestens zwei Handbreit überragt. Er war weder blond noch blauäugig, und schwarzes Haar hing ihm lang in die Stirn. Am faszinierendsten jedoch waren die bernsteinfarbenen Augen mit den geschlitzten Pupillen in dem jungenhaften Gesicht. Ein Elternteil schien mit Bestimmtheit indianisch zu sein.
„Das ist Luciferens. Wir rufen ihn Lucifer. Passender Name, finden sie nicht?“, fragte Erich von Werink. Collin grinste und reichte dem Katzenäugigen die Hand. Ein abschätzender Blick zwischen den dichten schwarzen Wimpern. Der Händedruck war fest und angenehm.
„Sagen sie, Herr von Werink, ist es ein Zufall, daß sie wie diese Erzengel heißen?“, fragte Collin.
Die Umstehenden grinsten, anscheinend war er nicht der Erste, der diese Frage stellte.
„Nicht ganz...“, antwortete der alte Mann, fügte jedoch keine weitere Erklärung hinzu. Collin wollte nicht direkt am ersten Tag ins Fettnäpfchen treten und schwieg.
Der junge Herr von Werink klopfte ihm auf die Schulter. „Ich werde sie jetzt ein bißchen herumführen, und dann werden wir alle gemeinsam zu Abend essen. Wir haben da eine kleine Tradition ...“ Er blickte Collin prüfend an und versuchte anscheinend, ihn einzuschätzen. „Jeder Neue hier macht einen Probekampf mit einem der Erzengel. Nichts wildes, nur so zum Kennenlernen. Hier draußen gibt es für die Männer leider nicht viel Unterhaltung. Was meinen sie?“
Collin hielt gar nichts davon. Sein Magen schaukelte immer noch hin und her, und er war ziemlich müde und geschafft. Aber die Gesichter blickten ihn rundherum erwartungsvoll an. Lieber nicht kneifen und als Feigling dastehen. Beim Gedanken an den riesigen Michael wurde ihm ganz flau. „Alles klar. Nach dem Essen!“, sagte er und setzte ein Lächeln auf.

Das Essen war gut und reichlich. Collin saß am Tisch der von Werinks, die ihn höflich ausfragten.
Collin antwortete gemäß seiner Geschichte, und er fand, er machte seine Sache sehr gut. Die beiden Deutschen schienen zufrieden.
Die Erzengel, die etwas weiter unten am Tisch saßen, verdrückten geradezu gigantische Portionen, selbst der Kleinere. Allerdings nahm er nichts von der Schokoladencreme, die es zum Nachtisch gab. Collin dachte bei sich, daß die Erzengel, aus dem Kalorienverbrauch zu schließen, ein enormes Tagespensum absolvieren mußten, und schielte auf sein eigenes kleines Bäuchlein. Nun ja, solange er nicht auf seine Kondition angewiesen war, würde er schon einiges zeigen können. Trotz beginnendem Bierbauch.
Erich von Werink klatschte in die Hände. „In fünfzehn Minuten im Hof!“, rief er. Aufgeregt diskutierend strömten die Männer aus dem Eßsaal.
Als Collin sich umgezogen hatte und in der Abendsonne auf den Hof trat, wünschte er sich, er hätte nicht so viel gegessen. Oder warum hatte er dieses komische Gefühl im Bauch?
Die Männer standen in kleinen Grüppchen herum, saßen auf den Geländern der Veranda oder auf der Begrenzungsmauer. Vater und Sohn von Werink thronten auf der Veranda in breiten Korbsesseln. „Ah, da sind sie ja!“, begrüßte Hagen ihn und wuchtete sich hoch. „Schön!“ Mit einer Kopfbewegung winkte er die Erzengel heran. „Da sie neu bei uns sind, haben sie die Wahl. Welchen Gegner möchten sie haben?“
Collins Blicke schweiften über die Chimären. Die Blonden waren so entsetzlich groß. Der Dunkle andererseits erschien ihm viel fremdartiger. Tja, welcher denn nun? Die Männer rings herum starrten ihn gespannt an.
Michael grinste auffordernd zu ihm herüber, während er die riesigen Fäuste öffnete und schloß. Raphael und Gabriel grinsten ebenfalls provozierend zu ihm hin. Nur Luciferens schien desinteressiert, seine in der Mitte leicht hochgezogenen Augenbrauen verliehen dem Gesicht einen spöttischen Ausdruck.
Collin entschied sich gegen die Größe und zeigte auf Lucifer. „Der da!“
Grölendes Gelächter. Einige schlugen sich auf die Schenkel, und Geldscheine wechselten ihre Besitzer.
„Habe ich etwas Dummes gesagt?“, erkundigte sich Collin unsicher.
„Aber nein!“, entgegnete der alte von Werink lachend, „Den Fehler machen fast alle. Sie werden schon sehen!“
Raphael und Gabriel schienen enttäuscht, Michael geradezu beleidigt zu sein. Murrend setzten sie sich auf die Stufen der Veranda.
Luciferens seufzte und kletterte vom Geländer. Hagen faßte ihm beim Vorübergehen an die Schulter: „Zieh dein Hemd aus!“, befahl er.
Lucifer sah ihn überrascht an. Eine Sekunde lang wechselte er einen Blick mit seinem Herren und erinnerte Collin an James Dean, obwohl eigentlich keine besondere Ähnlichkeit vorhanden war. Widerwillig knöpfte Lucifer sein Hemd auf.
Collin hielt die Luft an. Ein goldbraun-schwarzes Tigermuster bedeckte Lucifers Oberkörper bis zum Hals und den Handgelenken und ließ ihn zusammen mit den Bernsteinaugen sehr fremdartig wirken.
Lucifer war sich dessen bewußt und runzelte mürrisch die Stirn. Ein finsterer Blick traf Hagen von Werink, der ihn schmunzelnd hinnahm.
In der Mitte des Hofes war ein weißer Kreidering in den Staub gemalt. Lucifer und Collin stellten sich einander gegenüber auf. Hagen von Werink hob die Hand: „Die Regeln sind einfach. Wer länger als zehn Sekunden liegenbleibt, ohne daß der andere ihn hält, hat verloren. Ebenso derjenige, der den Kreis verläßt. Alles klar?“ Collin nickte.
Die Gegner umkreisten sich langsam, versuchten, den anderen einzuschätzen. Collin setzte zwar bereits ein wenig Fett auf den Hüften an, und einen Marathon würde er ebenfalls nicht mehr gewinnen, aber er war sich sicher, noch ein paar gute Tricks auf Lager zu haben.
Der Andere bewegte sich leichtfüßig und anmutig wie ein Tänzer. Collin sah keine Anzeichen von Nervosität oder Selbstüberschätzung in den goldenen Augen, nur ruhiges Selbstvertrauen.
Collin startete einen Angriff. Mit anscheinend zeitlupenlangsamen Bewegungen wich Lucifer aus, doch der Schlag verfehlte ihn bei weitem. Collin schaltete einen Gang höher. Sein Gegner lächelte nur und zog sich mühelos zurück, ergriff jedoch selbst nicht die Initiative. Vorwärtsdrängen und Ausweichen. Tanzende Umkreisungen. Täuschungsmanöver, durchschaut und lächelnd vermieden. Aktion und Reaktion. Noch kein Anzeichen, daß der Andere überhaupt ins Schwitzen kam. Kein Wunder, denn er schien Collins Absichten bereits im voraus zu erahnen und wich ihnen mit sparsamen Bewegungen aus.
Collin erschrak. Im Oberkiefer blinkten zwei lange, spitze Eckzähne, die Lucifer bisher eingezogen hatte, und betonten dessen Katzenhaftigkeit.
Collin schauderte und war dankbar, daß er vorgewarnt worden war. Er beschloß, daß die Zeit für einige Lektionen an dieses Wesen gekommen war.
Zu seiner Überraschung schien jedoch nichts diesen Lucifer in Bedrängnis bringen zu können. Kein Schlag, kein Tritt, keine Finte. Collin keuchte und schwitzte. Jedoch auch Lucifers Bewegungen wurden endlich fast unmerklich langsamer, das schwarze Haar hing ihm feucht und wirr in die Stirn. Nur die Augen waren ruhig und unbewegt wie zuvor.
Da passierte es. Der Katzenmensch wich seitlich einem Schlag Collins aus und kam auf den kleinen Steinchen des Bodens ins Rutschen, verlor für einen Moment seine perfekte Balance. Collin erkannte sofort seine Chance und trat zu. Seine Fußspitze traf die hellen Tigerstreifen knapp unter den Rippen. Im letzten Sekundenbruchteil bremste Collin jedoch die Wucht des Trittes ab, um Lucifer nicht ernsthaft zu verletzen. Sollte ja schließlich nur eine Übung, eine Unterhaltungsveranstaltung sein, nicht wahr?
Lucifer überschlug sich zweimal und landete im Staub. Mühsam rappelte er sich hoch und hielt sich die schmerzende Seite. Ein kurzer, abschätzender Blick traf Collin, den dieser nicht einordnen konnte. Aber ihm blieb keine Zeit, darüber nachzugrübeln, denn nun endlich kam der erste ernsthafte Angriff des Katzenmannes.
Collin blieb keine Zeit zum Ausweichen, keine Zeit, überhaupt zu reagieren. Wie ein Blitz traf ihn ein Schlag, dann wurde er durch die Luft gewirbelt und fand sich wie ein Käfer auf dem Rücken liegend wieder. Lucifer kniete neben ihm. „Steh nicht auf!“, flüsterte er so leise, daß es niemand von den grölenden und jubelnden Zuschauern hören konnte.
Collin blieb liegen.

Nachdem er ein paar Biere getrunken und über den gutmütigen Spott mitgelacht hatte, den ihm seine Bruchlandung einbringen mußte, ging Collin zu Bett. Niemand schien es ihm übelzunehmen, daß er bereits beim ersten wirklichen Angriff von Lucifer zu Boden gegangen war, im Gegenteil! Man klopfte ihm auf die Schulter und meinte, er habe sich achtbar geschlagen. Collin hätte gerne ein paar anerkennende Worte mit seinem Gegner gewechselt, doch der war gleich nach dem Kampf verschwunden und den ganzen Abend über nicht wieder aufgetaucht. Collin beschloß, mit dem Einräumen seiner Sachen in die Hütte erst am nächsten Morgen zu beginnen und fiel wie ein Stein in die Kissen.

Noch vor dem Frühstück räumte Collin die Koffer aus. Sorgfältig glättete er die zerknautschten Hemden und stapelte sie in die Fächer. Für seinen Geschmack sah es beim Auspacken immer furchtbar unordentlich aus, und er war fest entschlossen, das Chaos so schnell wie möglich zu beseitigen. Er biß in einen Schokoladenriegel gegen den ersten Hunger und wandte sich seinen Hosen zu, als es klopfte.
„Herein.“, rief Collin über die Schulter, und Lucifer trat ein.
„Guten Morgen, Mr. Summer.“
„Guten Morgen, äh ... Tut mir leid, aber ich kenne nur ihren Vornamen. Herr von Werink hat sie nur als Luciferens vorgestellt.“
Ein spöttischer Ausdruck lief über das Jungengesicht und erinnerte Collin an einen Harlekin. „Ich heiße nur Lucifer.“
„Aber jeder hat doch einen Familiennamen!“
„Haben sie ein Haustier?“, fragte der Katzenmann zusammenhanglos.
Collin war irritiert. „Ja, ich hatte mal einen Hund. Buster hieß er.“
„Hatte Buster auch einen Familiennamen?“
„Ah, nein, selbstverständlich nicht, aber er ...“
„Sehen sie!“, unterbrach ihn Lucifer, immer noch spöttisch lächelnd, „Ich auch nicht.“ Als er Collins verwirrtes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Azazel steht in meinem Paß. Meine Mutter war nicht verheiratet. Sagen sie.“
Collin fühlte sich unbehaglich. „Nenn mich einfach Collin, und ich sage Lucifer.“
„In Ordnung.“
Collin nahm eine weitere Hose aus dem Koffer und hängte sie auf einen Bügel.
„Darf ich mich etwas umsehen?“, fragte Lucifer.
„Bitte.“
Der Katzenmann betrachtete interessiert Collins Bücher, seine Armbanduhr auf dem Tisch und die beiden Automatikwaffen. „Zwei?“, fragte er erstaunt.
„Klar. Wenn mir eine abgenommen wird, habe ich immer noch eine Überraschung im Ärmel!“, erklärte Collin hinter dem Kleiderschrank.
Lucifer hob anerkennend die Brauen. „Hört sich gut an. Werde ich mir merken.“ Er entdeckte den angebissenen Schokoladenriegel auf dem Bett. „Collin? Ißt du das noch?“ Seine Stimme klang aufgeregt wie die eines Kindes am Geburtstag.
„Nein. Nimm ihn nur. In meiner Jacke sind noch mehr. Hol sie dir ruhig!“
Lucifer saß auf dem Tisch und aß die Schokolade, während er mit den Beinen baumelte und Collin beim Aufräumen zusah. „Weshalb hast du gestern abend den Tritt nicht voll durchgezogen?“, fragte er unvermittelt.
Collin hielt inne und überlegte. „Ich wollte dir nicht wehtun. Und außerdem nicht direkt am ersten Tag einen Feind haben!“
Lucifer legte den Kopf leicht schräg und schwieg eine Weile. „Du bist klug!“, stellte er schließlich fest.
„Danke, aber es hält sich in Grenzen!“, lachte Collin und wurde gleich wieder ernst. „Aber du bist nicht ausgerutscht, oder?“
Lucifer schenkte ihm sein erstes wirkliches Lächeln. Collin fand es sehr warm und sympathisch. Fast konnte man die Augen und die Zähne darüber vergessen.
„Nein.“, antwortete der Katzenmensch. „Aber du warst der Erste, der nicht versucht hat, mir die Knochen zu brechen.“
„Warum gibst du jemanden überhaupt die Chance dazu?“, fragte Collin verständnislos. „Schließlich kann das ins Auge gehen!“
Lucifer warf das Schokoladenpapier in den Müllkorb und reichte Collin einen weiteren Kleiderbügel. „Ich weiß gerne, mit welcher Sorte Mensch ich es zu tun habe.“, sagte er.
Collin nickte.
Die Bretter auf der Veranda knarzten. Blitzschnell ließ Lucifer die beiden anderen Schokoriegel von Collin unter dem Hemd verschwinden und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Hagen von Werink öffnete die Tür.
„Raus hier!“, befahl er Lucifer schroff, der sich mit ausdruckslosem Gesicht an seinem Herrn vorbeidrückte und verschwand.
Hagen von Werink zog sich einen Stuhl heran, warf sich ungefragt darauf und legte die Füße auf den Tisch. Collin wollte protestieren, überlegte es sich aber anders.
„Haben sie sich schon bei uns eingelebt?“, fragte von Werink.
„Danke. Nette Leute haben sie!“
„Loyal. Gut ausgebildet. Das sind unsere Männer!“, meinte Hagen stolz und schnippte ein nicht vorhandenes Stäubchen von seinem Hemd. Dann zog er eine Rolle Pfefferminzbonbons aus der Hosentasche. Der Schlagstock an seinem Gürtel klapperte leise gegen das Holz des Stuhles. „Möchten sie auch ein Pfefferminz?“
„Nein.“, antwortete Collin knapp.
„Sie werden mit Raphael die Arbeit beginnen. Gleich um Neun, nach dem Frühstück. Wissen sie, nicht alle Chimären sind so schnell wie der schwarze Bastard.“
„In Ordnung, Herr von Werink.“ Collin wünschte, der Mann würde endlich gehen und ihn alleinlassen.
Als habe er diesen Gedanken gelesen, stand der Deutsche auf. „Gut, bis nachher dann!“, sagte er und warf das Pfefferminzpapier in den Abfalleimer. Dabei fiel sein Blick auf die Staniolhülle der Schokolade. „Haben sie die Lucifer gegeben?“, polterte von Werink plötzlich mit hochrotem Kopf.
„Ja. Warum? Ich weiß nicht ...?“ , meinte Collin erstaunt. Was sollte das wieder?
„Stimmt. Sie können das noch nicht wissen. Lucifer bekommt keinerlei Süßigkeiten, wegen seiner Zähne.
Mein Vater und ich sind zwar Ärzte, aber keine Zahnmediziner. Wie sollen wir aber einem Zahnarzt Lucifers Eckzähne erklären?“ Mit verzerrtem Gesicht schlug er vor die Tür des Kleiderschrankes. „Verdammt noch mal, der Bastard weiß das genau, aber er versucht es immer wieder!“ Er öffnete die Tür.
Collin fühlte sich befreit, als von Werink endlich ging, ließ es sich aber nicht anmerken. Gut so, denn Hagen drehte sich noch einmal um: „Noch etwas, Mr. Summer. Ein Befehl von mir ist ein BEFEHL! Ihm ist unbedingt Folge zu leisten, unter allen Umständen. Also - keine Schokolade mehr für Lucifer!“
Collin nickte hastig.
„Dasselbe gilt für Geld, Bücher, Kassetten, Videos, CD’s. Allein ich oder mein Vater wählen aus, was die Chimären dürfen und was ihnen verboten bleibt! Am besten sie fragen mich, bevor sie etwas falsch machen.“
Collin schluckte. „Natürlich.“ Gerne hätte er die Türe ins Schloß geknallt, aber er zog sie nur leise zu und stellte einen Stuhl unter die Klinke.

Lucifers blaues Auge wurde am Mittagstisch von niemandem kommentiert. Collin brannte eine Frage auf der Zunge, und er nutzte die Gelegenheit, als er den schwarzhaarigen Erzengel einen Moment allein auf dem Hof antraf: „Hast du Ärger wegen der Sache heute morgen bekommen?“, fragte Collin.
Lucifer zuckte mit den Schultern und wechselte das Thema.


-4-

Es war kurz nach 22 Uhr, als Collin aus dem Dorf zurückkehrte. Der Berg hinauf zur Villa der von Werinks erschien viel weniger steil, solange die heiße Tropensonne nicht auf die staubige Piste knallte. Er rechnete damit, das Tor schon verschlossen zu finden, was jedoch kein Problem sein dürfte. Erich von Werink erwartete ihn sowieso erst gegen Mitternacht zurück. Aber - was hat man von einem freien Tag, wenn es außer einigen schäbigen Hütten, dazwischen aufgespannter Wäsche und spielenden Kindern nichts gab, womit man sich im Dorf die Zeit vertreiben konnte? Er hatte eine Art selbstgebrannten Schnaps getrunken in einer Bretterbude, welche anscheinend die Gastronomie hier am Ende der Zivilisation repräsentierte. Der Fusel war so stark gewesen, daß selbst Collin die Tränen in die Augen traten, und er hatte es bei einem Glas belassen. Die dumpfen Gesichter der anderen Gäste hatten ihn nur mißmutig angestarrt und merken lassen, daß sie für einen vom Herrenhaus nichts übrig hatten.
Also hatte Collin noch etwas am Fluß gesessen und Steine übers Wasser hüpfen lassen, bis er sich schließlich auf den Weg hoch zur Villa machte.
Das Tor war nicht verschlossen. Die beiden Wachposten und Hagen von Werink standen dort und redeten auf Lucifer ein, der einen schuldbewußten Eindruck machte und den Kopf gesenkt hielt.
„Du weißt, zwei Stunden vor Mitternacht und keine Minute später! Ist es nicht so?“, dröhnte Hagen gerade.
Lucifer blickte zu Boden: „Ja, Herr.“
„Wie spät ist es denn jetzt?“, fragte Hagen betont freundlich und hielt ihm seine Uhr unter die Nase.
Lucifer schluckte. „Zehn Minuten nach 22 Uhr, Herr.“
Hagen grinste breit: „Und was bedeutet das?“
„Zehn Minuten zu spät, Herr.“, flüsterte Lucifer. Man sah deutlich, daß er sich zur Zeit weit weg wünschte.
Collin dachte an Lucifers blaues Auge und trat zu den Männern. „Guten Abend, Herr von Werink. Hallo, Jim, hallo, Takeda! Gibt es ein Problem?“
Hagen reichte ihm eine schlaffe Hand zum Gruß und deutete mit einem Kopfnicken auf den Katzenmenschen, der immer noch niemanden ansah. „Er ist zu spät gekommen. Pünktlichkeit ist eine der größten Tugenden des Deutschen Volkes. Ordnung. Sauberkeit. Und Disziplin, nicht zu vergessen! Nicht wahr, Lucifer?“
„Ja, Herr.“ Lucifers Tonfall war neutral, und nur Collin sah die ironisch hochgezogenen Augenbrauen, da Lucifer den Kopf gesenkt hielt.
Hagen von Werink grinste und bot Collin ein Pfefferminzbonbon an, welches er sich selbst in den Mund steckte, als Collin ablehnte. Der Pfefferminzgeruch übertünchte die Alkoholfahne, die von ihm ausging, nur unvollkommen. Dann brach Hagen einen langen, biegsamen Zweig von einem der Büsche direkt neben dem Tor und ließ ihn prüfend durch die Luft zischen. Luciferens zog die Schultern hoch.
„Wie viele waren es gleich?“, fragte der junge Herr von Werink.
„Zehn!“, antwortete der Wachposten, der Jim genannt wurde.
Hagen klopfte sich mit dem Stock an die Stiefel. „Deine Hand, Lucifer!“
Lucifer streckte die linke Hand aus, mit der Handfläche nach oben.
Collin schob sie weg und trat schnell zwischen die beiden. „Ich glaube, hier liegt ein Mißverständnis vor. Ich bin Schuld, daß Lucifer zu spät gekommen ist!“
Hagen ließ den Stock sinken und fragte steif: „Wie bitte darf ich das verstehen?“
Collin versuchte sich an einem leicht betrunkenen Gelächter. „Ich habe im Dorf zu viel von diesem Fusel getrunken und bin auf dem Heimweg von der Straße abgekommen. Wenn Lucifer mich nicht gehört hätte, wie ich durchs Unterholz gekracht bin, müßte ich heute Nacht da draußen schlafen ...“
Die beiden Wachposten lachten. Auch sie kannten die Wirkung des Selbstgebrannten aus der Dorfkneipe.
Hagen runzelte mißtrauisch die Stirn. „Aber Lucifer war vor ihnen da, Collin!“
„Er ist vorgelaufen. Er wußte, daß er spät dran war und wollte sie nicht verärgern. Ich bin nur nicht mehr so schnell wie er!“ Collin klopfte Hagen auf die Schulter. „Kommen sie, lassen sie den Kleinen in Ruhe. Ich habe noch einen recht guten Whisky mitgebracht. Jetzt brauche ich unbedingt etwas Anständiges nach diesem Gebräu da unten! Leisten sie mir Gesellschaft?“
Hagens Gesicht hellte sich auf. „Sie haben Recht, Collin. Lassen sie uns was trinken!“
Collin war gar nicht begeistert über die Aussicht auf den weiteren Abend, aber wenigstens war Lucifer für den Moment vergessen. „Verschwinde!“, zischte Collin ihm zu und zog Hagen von Werink mit sich zu seiner Hütte, indem er ihm kumpelhaft den Arm um die Schultern legte.
Lucifer tauchte wie ein Schatten zwischen die Hütten und verschwand aus Hagen von Werinks Blickfeld.

Am nächsten Morgen hatte Collin einen dicken Kopf, der kaum durch die Türe ins Badezimmer paßte. Beim Gedanken ans Frühstück wurde ihm übel. Hoffentlich konnte er wenigstens eine Tasse Kaffee herunterbringen. Sein Gesicht sah aus, als habe er die ganze Nacht darauf gesessen. Er warf ein paar Hände voll kaltes Wasser hinein und hoffte, die Falten würden sich glätten. Gegen die roten Kaninchenaugen konnte nur weiterer Schlaf helfen. Collin griff nach dem Rasierpinsel und schäumte sich das Kinn ein. Mit äußerster Konzentration zog er die Rasierklinge über den Stoppelbart.
Was für eine schreckliche Nacht. Bis früh in die Morgenstunden hatte Hagen von Werink auf der Veranda gesessen, seine letzte Flasche Whisky ausgetrunken und von der neuen Welt geschwatzt, die er mit Hilfe der Chimären erobern wollte. Collin hatte das Gefühl, einem Vortrag aus „Mein Kampf“ zuhören zu müssen. Glücklicherweise mußte er nur hin und wieder ein „Hmm“ einstreuen oder mit dem Kopf nicken, denn der Herrenmensch erwartete keine Antworten auf seinen Monolog, Gott sei Dank. Collin wurde es im Laufe der Nacht jedoch immer unheimlicher zu Mute. Was, wenn diese Verrückten tatsächlich genug Geld beschaffen konnten, um neue Labors einzurichten? Wenn sie einen der machtgierigen Generäle dieses oder eines benachbarten Landes mit diesen Soldaten versorgen konnten? Collin hoffte, bald genügend Informationen sammeln zu können, um hier so schnell wie möglich zu verschwinden.
Er unterdrückte ein Gähnen. Nur drei Stunden Schlaf. Und dazu dieser Kater. Der Whisky bis auf den letzten Tropfen vernichtet.
Und die reizende Gesellschaft! Fast bereute er, die Nacht für den schwarzen Erzengel geopfert zu haben.
Es klopfte leise an der Tür. Collin zuckte erschreckt zusammen und schnitt sich in den Hals. Ärgerlich griff er nach einem Handtuch und öffnete die Tür.
„Darf ich hereinkommen?“, fragte Luciferens mit sanftem Schnurren.
„Wenn’s denn sein muß!“, brummte Collin und ging wieder ins Bad. Der schwarze Erzengel folgte ihm bis zu dessen Eingang.
„Tut mir leid.“, sagte er, als Collin den Kratzer mit dem Handtuch abtupfte.
„Nicht deine Schuld. Passiert mir öfter.“
Lucifer lächelte schüchtern. „Mir kann das nicht passieren. Ich habe keinen Bart. Raphael auch nicht.“
Collin verzog prüfend das Gesicht. „Ich könnte auch gerne aufs Rasieren verzichten, besonders nach einer Nacht wie gestern.“ Er griff wieder zum Rasierpinsel und schäumte vorsichtig die Stelle neu ein. Lucifer lehnte schweigend am Türrahmen und schaute ihm zu.
Schließlich wusch sich Collin die Seife aus dem Gesicht und reinigte Rasierpinsel, Seifenschale und Klinge. Er holte eines der ordentlich gefalteten Oberhemden aus dem Schrank und zog es umständlich an. Jede Kopfbewegung löste Schwindelgefühle aus.
Lucifer nahm Collins Armbanduhr vom Tisch und betrachtete sie. „Meine Uhr ist stehengeblieben gestern.“, sagte er leise.
Collin mühte sich mit den Knöpfen ab, die heute viel zu groß für die Knopflöcher schienen. „Warum hast du es ihm nicht erklärt?“, fragte er zwischen den Zähnen hindurch.
„Erklärt?“ Lucifer lachte auf. „Von Werink hatte getrunken. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Es war mein Fehler. Ich muß besser aufpassen.“
Collin drehte sich zu ihm um: „Kannst du eine Krawatte binden?“
„Sicher. Einen Windsorknoten?“
„Wie immer du ihn nennen willst. Ich kriege heute morgen nichts auf die Reihe, was komplizierter ist als Luftholen.“
Lucifer nahm die Krawatte aus Collins Hand und band sie ihm geschickt um. Collin zog den Knoten zurecht und rückte den Kragen gerade. „Warum läßt du dir das eigentlich gefallen?“, fragte er.
Lucifer fuhr sich mit der Hand über die Augen und betrachtete wieder die Uhr. „Hast du einen besseren Vorschlag? Soll ich ihm vielleicht eins auf die Nase geben? Was glaubst du, was dann passiert?“
„Aber, du und die anderen Erzengel, ihr seid zusammen eine Macht! Ihr braucht euch von niemandem Befehle erteilen zu lassen wie kleine Kinder!“
Lucifer wirkte müde. „So einfach ist das nicht. Erich von Werink und sein Sohn sind unsere Herren, solange ich denken kann. Ich bin der Jüngste und Kleinste von uns Erzengeln, und außerdem bin ich nicht arisch wie die anderen. Wir sind keine Gruppe, kein Team. Jeder versucht, so gut klarzukommen, wie es eben geht. Ich habe einfach Pech, daß ich öfter anecke.“
Collin streifte sich die Weste über. Auch deren Knöpfe wehrten sich heute gegen seine Finger. „Du kannst die Uhr behalten. Ich besorge mir eine Neue.“
Die Menschenkatze schaute ihn überrascht an. Collin nickte, und Lucifer ließ die Uhr unter dem Hemd verschwinden. „Muß er nicht sehen ..“, meinte er.
Collin fuhr sich mit dem Kamm über die Haare. „Ich brauche jetzt einen schwarzen, heißen, superstarken Kaffee!“, sagte er und hielt Lucifer die Tür auf.

Luciferens erwähnte die Angelegenheit nicht wieder, und Collin wertete diesen frühmorgendlichen Besuch als Dank des schwarzen Erzengels und ließ die Sache erst einmal auf sich beruhen. Vielleicht könnte er Lucifer später dazu bewegen, mit ihm zu kommen und sich Collins Abteilung zur Verfügung zu stellen. Er wollte den Katzenmenschen jetzt noch nicht bedrängen, dazu kannte er ihn noch nicht gut genug. Aber Lucifer schien sich so seine Gedanken zu machen über die von Werinks, und Collin konnte abwarten.

Zwei Wochen später hatte Collin Geburtstag. Als er am Morgen aus seiner Hütte heraustrat, stand eine Flasche seines Lieblingswhikys auf der Schwelle. Um den Bauch der Flasche war eine Armbanduhr gebunden. Es war eine sehr schöne Uhr, ein Chronograph, der nicht nur die Tageszeit am Ort, sondern auch von zehn Hauptstädten der Welt anzeigen konnte sowie einige astronomische Daten.
Collin setzte sich neben Luciferens an den Frühstückstisch. „Danke!“, sagte er leise zu ihm.
Lucifer grinste jungenhaft und reichte einen Becher Kaffee herüber: „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“


-5-

Der landende Hubschrauber wirbelte Staub, Blätter und Unrat auf und trieb die schmutzigen Wolken über den Hof. Langsam verloren die Rotorblätter ihren Schwung und blieben schließlich zitternd stehen. Die Tür öffnete sich, und zwei Leibwächter mit kurzgeschorenen Haaren und massigem Kreuz sprangen heraus. Sie trugen verspiegelte Sonnenbrillen. Auch die maßgeschneiderten Anzüge konnten die Futterale ihrer Waffen nicht völlig verbergen.
Ein Patriarch mit silberweißen Haaren erschien an der Scheibe. Sofort sprangen seine Leibwächter herbei und halfen Don Pedro, dem Boß des Drogenkartells in dieser Region, aus dem Hubschrauber.
Hagen von Werink breitete die Arme aus. „Mein lieber Freund!“, rief er.
Don Pedro lächelte und zeigte seine teuren falschen Zähne. „Hagen, Junge, wo ist dein Vater?“ Noch immer lächelnd klopfte er sich den Staub aus dem Anzug, da noch immer einige Wirbel von den Rotoren über den Hof streiften. „Geht es ihm gut?“
Erich von Werink trat aus dem Haus. „Pedro!“, rief er. „Pünktlich wie immer! Das nenne ich eine wirkliche Tugend!“
Don Pedro umarmte Hagen und küßte ihn nach Landessitte auf beide Wangen. Hagen geleitete ihn zur Veranda des Herrenhauses.
Auf ein Fingerschnippen verschwanden Michael und Gabriel im Haus und kehrten kurz darauf mit kalten Getränken zurück. Luciferens und Raphael schleppten einen weiteren Sessel herbei.
Dann wurden die Erzengel mit einem gnädigen Kopfnicken entlassen, als sich die Dreiergruppe im kühlen Schatten der Veranda niederließ. Auch die beiden Leibwächter verschwanden auf ein Zeichen des Patriarchen im Haus.
„Erich! Es freut mich, dich bei so guter Gesundheit zu finden!“, sagte Don Pedro und lehnte sich entspannt in die Polster des Korbsessels zurück. „Du willst wohl hundert Jahre alt werden, du Rip van Winkel?“
Erich von Werink lachte ein keckerndes Greisenlachen. „Natürlich, Pedro, natürlich. Hagen und ich, wir haben noch vieles vor. Aber sag nur, wie geht es dir und deiner Frau? Was macht dein Sohn?“
Pedro hob die Hände. „Ausgezeichnet! Es geht uns allen blendend. Die Geschäfte laufen gut. Carlos wird demnächst eine neue Provinz übernehmen ...“
Die Deutschen lachten. „Ganz wie sein Vater! Er geht aufs Ganze.“, meinte Hagen und fächerte sich mit einer Serviette Luft zu.
„Ja, ich bin stolz auf ihn. Genauso, wie auch dein Vater stolz auf dich sein kann!“, sagte Don Pedro und klopfte ihm väterlich auf die Schulter.
„Ja, Familien müssen zusammenhalten.“, bestätigte Erich von Werink. „Mein Sohn wird unseren Kampf fortführen, wenn ich einmal nicht mehr bin. Mit deiner Hilfe, mein lieber Freund, werden wir uns zurückholen, was unser ist. Was uns von Rechts wegen zusteht!“
Don Pedro nickte zustimmend. „Dann laßt uns jetzt zum Geschäft kommen. Ich habe da nämlich ein kleines Problem mit den Leuten von Mendez. Ich hoffe, ihr beiden und eure Männer, könnt mir dabei helfen ...“


-6-

Hagen von Werink überprüfte noch einmal vor dem Spiegel den Sitz seines maßgefertigten eierschalenfarbenen Anzugs. Er kaschierte den beginnenden Hängebauch und die Rettungsringe auf der Hüfte nahezu ideal. Hagen fand, daß er sich für sein Alter noch recht gut gehalten hatte und drehte und wendete sich vor dem Spiegel. Dann fuhr er sich mit dem Kamm durch das schütter werdende, pommadeglänzende Haar und sagte zu seinem Vater: „Ich glaube, wir sollten diesen Collin Summer diesmal nicht mitnehmen. Ich traue ihm noch nicht ganz über den Weg.“
Erich von Werink schob sich die Brille höher auf die Nase und senkte das Buch, in dem er gelesen hatte. „Was meinst du damit, mein Junge? Auf mich macht er einen sehr tüchtigen Eindruck. Ich bin mit seiner Arbeit sehr zufrieden.“
Hagen wandte sich halb zur Seite, um dem Alten ins Gesicht zu blicken. „Es ist nicht seine Arbeit, die mir nicht gefällt. Ich bin ebenfalls einverstanden mit seiner Leistung. Auch ist er mir persönlich nicht einmal unsympathisch- er trinkt ganz ordentlichen Whisky. Aber irgend etwas stimmt nicht mit seiner Einstellung!“
Erich von Werink griff nach einem Lesezeichen und klappte den Gedichtband Baldur von Schirachs zu. „Kannst du da vielleicht etwas deutlicher werden?“
„Nein, eigentlich nicht, es ist nur so ein Gefühl. Ich glaube, er hängt etwas zu sehr an unserem schwarzen Bastard. Ich habe Lucifer erwischt, als er zu spät hier ankam, und Collin Summer hat die Schuld auf sich genommen. Aber, wenn ich es mir genau überlege, war er da noch lange nicht so betrunken, wie er sich gegeben hat.“ Hagen klebte die letzte widerspenstige Strähne an seinen Kopf und begutachtete sich noch einmal im Spiegel.
„Wenn du meinst, bleibt er vorerst hier, wenn wir unser Geld eintreiben. Aber du solltest ihn im Auge behalten.“, stimmte Erich von Werink zu und erhob sich steif. „Wir gehen jetzt hinüber. Es ist Zeit!“
Hagen sprang herbei und hielt seinem Vater die Tür auf.

Der große Konferenzsaal wurde nur von den unzähligen Kerzen erleuchtet, die in den riesigen Ständern zu beiden Seiten des massiven Schreibtischs am Kopfende des Raumes aufragten. Hinter dem Schreibtisch standen zwei hohe, kunstvoll geschnitzte Stühle, mit rotem Samt bezogen wie Thronsessel. Auf dem Schreibtisch lagen zwei Bücher, es waren die Bibel und Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Vor dem Schreibtisch waren etwa vier Meter Freiraum gelassen worden, bevor die Stuhlreihen begannen, die ungefähr fünfundzwanzig bis dreißig Personen Sitzgelegenheiten boten.
Als Lucifer eintrat, standen die Männer in kleinen Grüppchen herum und unterhielten sich. Nur einige wenige saßen bereits auf einem der Stühle, niemand davon in der ersten Reihe. Lucifers Augen suchten die Fensterbänke ab. Auf dem zweiten Sims lag ein kleines Paket, etwa so groß wie ein Taschenbuch und mit Zeitungspapier umwickelt. Lucifer schlenderte daran vorbei, tauschte mit den Umstehenden einige Scherze aus und blieb schließlich genau vor dem Fenster stehen. Niemand schenkte ihm jetzt Beachtung.
Die Menschenkatze drehte sich mit dem Rücken zum Fenstersims, zog sein Hemd hoch und steckte das Päckchen in den Hosenbund. Das weite Hemd flatterte lose und verbarg das Paket vor neugierigen Blicken. Dann drehte Lucifer sich wieder zum Fenster. Noch immer waren alle mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt und ins Gespräch vertieft. Lucifer betrachtete das traurige Veilchen, daß in dem ungewohnten Klima schlaff vor sich hindämmerte, nahm die Gießkanne und goß ein wenig Wasser auf die trockene Erde. Dabei schob er vorsichtig einen Fünfzigdollarschein zwischen den Terrakotta- und den Umtopf. Er rückte die Pflanze wieder zurecht, als Collin eintrat. Lucifer begrüßte ihn mit einem Nicken, als er auf ihn zuging.

Schlagartig verstummten alle Gespräche, als Erich von Werink eintrat, gefolgt von seinem Sohn. Sofort bildete sich eine Gasse, durch die die beiden Deutschen schritten, um schließlich auf ihren Sesseln hinter dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Die Männer warteten schweigend, bis die von Werinks saßen, und hasteten auf ihre Stühle. Die vier Erzengel eilten nach vorne, in den freien Raum vor dem Schreibtisch, und setzten sich vor den Herrenmenschen auf den Boden, die Hände auf den Knien, die Köpfe gesenkt. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Erich von Werink überflog mit den Augen die Versammlung. Alle vollständig anwesend. „Sieg Heil!“, sagte er mit lauter Stimme.
„Sieg Heil!“, echote die Antwort ebenso lautstark.
Collin saß in der letzten Reihe und fröstelte.
„Es ist wieder so weit. Wir haben einen Einsatz.
Don Pedro hat uns mitgeteilt, daß eine rivalisierende Bande in einem Dorf in der Nähe seines Gebietes einen Stützpunkt unterhält. Von dort aus wickeln sie ihre Geschäfte ab und kommen unserem Partner ganz gehörig in die Quere. Wir werden selbstverständlich Don Pedro von diesen Blutsaugern befreien!“
Raunende Aufregung durchflutete den Saal, und Collin sank auf seinem Stuhl in sich zusammen, um nicht aufzufallen. Hagen von Werink schlug mit seinem Schlagstock dreimal sanft auf den Tisch, und das Gemurmel und Getuschel verebbte. „Liebe Kampfgefährten! Natürlich führen wir auch diesmal die Schädlingsbekämpfung nicht ohne unseren eigenen Vorteil durch. In diesem Dorf vermuten wir größere Bestände des Feindes an Rauschgift, und auch einiges Bargeld. Es wird von vier engen Vertrauten von Mendez in einer Hütte bewacht. Sie ist auf einem Plan des Dorfes genau eingezeichnet.“ Er hob den Kopf: „Lucifer, du übernimmst das!“
Der schwarze Erzengel rührte sich nicht. Collin konnte sein Gesicht nicht sehen.
„Ihr anderen ...“, Erich von Werink schloß Gabriel, Raphael und Michael in eine großzügige Handbewegung ein, „... kümmert euch um den Rest der Bande. Es bleibt niemand am Leben, ist das allen klar?“
Zustimmendes Gemurmel.
„Don Pedro gibt uns noch einmal fünfhunderttausend zusätzlich, sobald die Arbeit erledigt ist. Hagen wird euch gleich sagen, wer mitkommen darf, und erklärt jedem seine Befehle. Morgen Nacht geht es los!“
Die aufgeregte Unruhe legte sich sofort, als Hagen aufstand und eine Liste hervorholte. Collin betete, daß sein Name nicht auf dem Blatt stehen möge.
„Arish, Saddam.“, hallte Hagens Stimme durch den Raum. Ein kleiner bärtiger Araber erhob sich und ging nach vorne zum Schreibtisch. Er legte seine rechte Hand auf „Mein Kampf“ und sagte laut: „Für Führer, Volk und Vaterland!“ Nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Zum Teufel mit den Judenschweinen!“
Großes Gelächter, selbst Erich von Werink schmunzelte. „Das ist die richtige Einstellung!“
Jeder der Vorgelesenen trat nach vorne, legte die Hand auf das Buch und schwor. Collins Finger waren eiskalt.
„Smith, James.“, las Hagen vor, „Takeda, Subaru.“
Collin fiel vor Erleichterung fast vom Stuhl, überspielte es jedoch mit einem Hustenanfall. Sein Nachbar klopfte ihm mitfühlend auf den Rücken: „Ich bin auch enttäuscht, daß ich nicht dabeisein kann!“
„Das war alles!“ Hagen hob die Hand, um die Übergangenen zu beruhigen. „Die anderen bekommen einen Bonus und kommen beim nächsten Mal mit.“ Er nickte den Erzengeln zu: „Jetzt ihr!“
Gabriel erhob sich und sagte: „Für Führer, Volk und Vaterland. Sieg Heil!“, als er die Hand auf das Buch legte. Raphael folgte seinem Beispiel, dann auch Michael. Schließlich war nur noch Lucifer übrig, der als einziger noch vor dem Schreibtisch kniete. Hagen trat hinter ihn und legte ihm die Hände auf die Schultern. Seine Finger strichen sanft über den Nacken und fühlten, wie sich die Schultermuskeln spannten und die ausrasierten Haarstoppeln am Hals aufrichteten. Eine Ader direkt unter der Haut pochte in schnellem Rhythmus. „Was ist mit dir, Luciferens? Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“
„Ich will nicht mitkommen.“, sagte Lucifer mit gesenktem Kopf.
Hagen grinste und fuhr ihm mit gespreizten Fingern durchs Haar. „Das meinst du doch nicht im Ernst!“, lachte er.
Lucifer reagierte nicht.
Erich von Werink schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sieh mich an!“, donnerte er.
Lucifers Kopf zuckte hoch.
„Bist du krank? Oder verletzt?“
„Nein, Herr.“
„Was spricht sonst dagegen, daß du mitkommst?“
Lucifer öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Zwei, drei tiefe Atemzüge. Alle starrten ihn neugierig und erwartungsvoll an. Gespannte Stille.
Schließlich senkte er wieder die Augen. „Nichts, Herr.“
„Also?“
Lucifer erhob sich langsam und legte die Hand auf das Buch. „Für Führer, Volk und Vaterland. Sieg Heil!“, sagte er laut und deutlich.
Collin schloß die Augen.


-7-

Lucifers Herz schlug ihm bis zum Hals, und das Jagdfieber kitzelte ihn bis in die Fingerspitzen. Äußerlich völlig reglos lag er in einer Astgabel und blickte auf das Dorf, daß in der relativen Kühle des Morgens ruhig dalag. Nur ein kleiner Hund stöberte in Abfällen. Ein dicker Mann, unrasiert und in Tarnkleidung, drückte sein Maschinengewehr im Schlaf feste an sich und schnarchte. Leichter Wind strich über das Gras und trug die Gerüche des Dorfes an Lucifers Nase. Er schnupperte interessiert und fragte sich, wie es wohl für diejenigen sein müßte, die diesen kostbaren Sinn nicht besaßen. Der Geruch verriet ihm, ob sein Gegenüber männlich oder weiblich war, was er gegessen hatte, ob er rauchte oder trank, ja, sogar, ob er Angst hatte oder gelassen blieb. Ohne seinen Geruchsinn konnte sich Lucifer das Leben nur schwer vorstellen. Eigentlich waren die Menschen ja behindert, da sie diese Fähigkeit nicht hatten, aber es schien sie nicht im mindesten zu stören. Nun, nobody is perfect.
Lucifer wandte seine Aufmerksamkeit wieder Hagen von Werink zu, der nicht weit von ihm im Gebüsch kniete. Sein Herr hob die Hand, das Zeichen zum Angriff.
Lautlos glitt Lucifer vom Ast und rannte durch das hohe Gras auf den schlafenden Wachposten zu.
Die breiten Lippen des Dicken warfen sich bei jedem Schnarcher auf und spitzten sich, als wolle er jemanden küssen. Die riesigen Hände waren fest um die Waffe geschlossen, die auf den fetten Bauch und die breite Brust gepreßt wurde.
Lucifer tötete ungern einen schlafenden Menschen, aber er unterdrückte den Impuls, ihn zu wecken.
Wenn der Mann kein Trottel war - aber wer außer einem Vollidioten schlief schon auf Wache ein? - hätte er eventuell noch Zeit, einen Schuß abzugeben und die Dorfbewohner zu warnen. Lucifer schüttelte diesen ausgeflippten Gedanken ab und zog sein Messer. Ein schneller Schnitt, und Unmengen von Blut quollen aus der Kehle des Mannes. Er starb mit aufgerissenen Augen, ohne seinen Mörder auch nur gesehen zu haben.
Adrenalin schäumte durch Lucifers Adern und in jede Körperzelle. Er stand auf, drehte sich zum Waldrand um und nickte. Die drei Erzengel, Hagen von Werink und die anderen Söldner liefen auf das Dorf zu.
In der Hütte, deren Tür Lucifer eintrat, waren vier Männer. Durch die Schüsse geweckt, die nun wie Wutschreie durch den Morgen zischten und das Lager in ein flammendes Chaos stürzten, fuhren die Dorfbewohner hoch. Einer erfaßte sofort die Lage und griff nach seiner Waffe, die am Bettpfosten lehnte. Lucifers Messer schwirrte durch die Luft und blieb im Hals des Mannes stecken. Ungläubig griff er an seine Kehle. Doch der schwarze Erzengel hatte bereits ein weiteres Messer aus dem Futteral hinter dem Rücken gezogen. Gedankenschnell fuhr er herum und rammte es einem kleinen, gefährlich aussehenden Latino in den Bauch. Sofort bildete sich ein rostroter Fleck auf dem olivfarbenen Unterhemd. Der Mann kippte vornüber.
Lucifer wußte, daß nun mindestens einer der beiden anderen seine Waffe erreicht haben mußte, und sprang aus dem Stand rückwärts einen Flickflack auf seine Hände und dann wieder auf die Füße. Richtig, eine Salve von Maschinengewehrkugeln prasselte in das Holz der Hüttenwand an der Stelle, wo er sich vor Sekundenbruchteilen noch befunden hatte. In einer einzigen fließenden Bewegung landete Lucifer, zog seinem ersten Opfer in der Hütte das Messer aus der Kehle und sprang vorwärts. Die Klinge bohrte sich tief in das rechte Auge des Schützen. Lucifer packte den sterbenden Körper und schubste ihn auf den letzten der Männer zu, so daß er in dessen Kugelschatten blieb. Während die Leiche von mehreren Treffern geschüttelt nach vorne kippte, duckte sich Lucifer und zog eine kleine Waffe aus dem Hosenbund am Rücken. Gleichzeitig mit dem Toten rollte er über den Boden. Sein einziger Schuß traf den bärtigen und pockennarbigen Schwarzen auf die Nasenwurzel in die Mitte zwischen den Augenbrauen. Lucifer schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. Was war hier doch gleich wichtig gewesen, weshalb er nicht einfach eine Handgranate in den Raum werfen konnte? Ach ja, einen Koffer oder etwas ähnliches hatten die Männer bewacht. Lucifer schaute über das blutige Chaos. Bettfedern waren von den Maschinengewehrkugeln aus den Kissen gerissen worden und schwebten makaber wie Schneeflocken durch den verwüsteten Raum. Der Mann, dessen Kehle durch das Messer zerfetzt worden war, zuckte noch mit Armen und Beinen. Die Hand hinterließ blutige Schmierstreifen auf dem Holzfußboden. Ein Teil von Lucifer ließ ihm die Nackenhaare hochstehen, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken und würgte den Tee hoch, den er im Laufe der Nacht getrunken hatte. Der andere Lucifer stieg über die Leiche hinweg, schluckte das Gemisch aus Wasser, Kräutern, Zucker und Magensäure wieder herunter und begann, den Raum systematisch zu durchsuchen. Unter dem Bett des Schwarzen schließlich lag ein silbriger Metallkoffer, von roten Blutstropfen besprenkelt. Lucifer zog die Leiche davor zur Seite und holte den Behälter aus dem staubigen Dunkel. Dann wischte er sich die Finger, die von dem Blut ganz rutschig geworden waren, an der Hose ab und öffnete die Schnappschlösser. Der Deckel klappte zurück und enthüllte Päckchen mit weißem Pulver und dicke Geldbündel. Lucifer schnupperte. Kokain, wahrscheinlich ziemlich rein. Er widerstand der Versuchung, mit den Fingern über die Geldscheine zu fahren. Hagen von Werink würde über blutbefleckte Dollarbündel einen Wutanfall bekommen. Er klappte den Koffer wieder zu, warf ihn aufs Bett und holte seine Messer zurück. Das Blut daran wischte er an den zerfetzten Bettlaken ab. Die Klingen verschwanden wieder im Ärmel und unter dem schwarzen Hemd.
Von Werinks Stimme tönte an sein Ohr: „He, Bastard, wo steckst du? Wir sind noch nicht fertig!“
Lucifer sicherte die kleine Waffe und steckte sie wieder in den Hosenbund. Dann nahm er eins der Maschinengewehre, lud es nach und trat in den kühlen Wind vor der Hütte.
Metallgeruch und Rauch wehte herüber. Das Dorf hallte wieder von dem Geratter der Gewehre, den Schreien der Sterbenden und gebrüllten Befehlen.
Hagen von Werink funkelte Lucifer aus seinen dunkelblauen Augen böse an: „Verdammt, Lucifer, das dauert ja ewig bei dir! Hast du’s wenigstens gefunden?“
Lucifer blickte ihn nicht an, sondern nickte nur stumm.
„Wo?“
„Auf dem Bett, da drin. Kokain. Ungefähr eine Million. Geld. Dollar. Genau so viel.“
Von Werink schien erfreut. „Na, wenigstens etwas! Los, Bastard, ...“
Lucifer zuckte bei dieser verhaßten Anrede leicht zusammen und haßte sich dafür, weil von Werink es bemerken mußte und mit einem Grinsen quittierte.
„... da hinten am Waldrand ...“ fuhr Hagen fort, „.. die Hütte. Sieh nach, ob noch jemand darin ist. Wenn ja. murks sie ab. Und beeile dich gefälligst, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“
Lucifer packte das Maschinengewehr fester und rannte auf die Hütte zu.  Die Tür war nur angelehnt. Er griff nach einer Handgranate an seinem Gürtel, zog die Hand jedoch zurück. Wenn irgendwas Wertvolles in die Luft flog, ein weiterer Koffer mit Geld zum Beispiel, würde von Werink ihn dafür bezahlen lassen.
Er wählte also den risikoreicheren Weg, trat die Türe auf und feuerte eine Salve in den Raum. Nichts rührte sich. Er feuerte nochmals, in den Spalt unter die Betten, hinter den Eingang. Stille. Lucifer glitt herein und schnupperte mißtrauisch, als ein leises Quietschen ihn herumfahren ließ. Einen Sekundenbruchteil, bevor sein Gehirn eine Gewehrsalve in den Schrank schicken konnte, dessen Türe sich da knirschend öffnete, sah Lucifer die kleine Hand. Eine Kinderhand. Dann ein Gesicht, ein kleiner Junge, etwa vier Jahre alt, in den Armen seiner Mutter. Ihre Augen waren riesengroß und rund, das Gesicht zu einer Fratze der Angst verzerrt. Aber der Junge, der kleine Junge, starrte ihn nur stumm und interessiert an. Wie einen Fisch im Aquarium oder einen Artisten im Zirkus.
Lucifer konnte seinen Blick nicht abwenden von den Kinderaugen. Ein tiefliegender unbewußter Schutzinstinkt für alles Großäugige, Stubsnasige, Kindliche ließ ihn erstarren. Er versuchte zu schlucken, aber sein Mund war trocken wie Staub. Die Mutter hätte er erschossen, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden; er hatte bereits vorher Frauen getötet. Aber noch nie ein Kind. Noch nie.
Er hob die Waffe. Ein Befehl. Ein Befehl! Er versuchte abzudrücken und sah überrascht, daß seine rechte Hand heftig zitterte. Er konnte sie nicht unter Kontrolle bringen. Sie verweigerte.
Über die Schulter hinweg schaute er nach draußen. Niemand kümmerte sich im Moment um ihn oder die Hütte. Lucifer biß sich ohne es zu merken auf die Unterlippe, bis sie blutete. Der kleine Junge schniefte leise.
Lucifer schwang das Maschinengewehr am Riemen auf den Rücken, schubste die Mutter mit dem Jungen im Arm in den Schrank zurück und knallte die Tür zu. Dann drehte er sich auf dem Absatz um, warf die Hüttentür krachend ins Schloß und trat vor die Baracke.
Hagen von Werink blickte zu ihm herüber. „Was ist los?“, schrie er, „War da noch jemand?“
Lucifer nahm seinen ganzen Mut zusammen und blickte ihm ins Gesicht. „Nein, alle tot. Jetzt.“, sagte er.
Von Werink musterte ihn und winkte Lucifer dann zu den anderen herüber. „Los, komm, oder soll ich dir Beine machen, Bastard?“

Kurz darauf überflog der Hubschrauber mit von Werink, Lucifer und den anderen das verwüstete Dorf.

Nichts rührte sich mehr, nur einige schmale Rauchsäulen kräuselten in der Morgenbrise ins Nichts. Am Rande eines Abfallhaufens lag ein Hundekadaver, verstreut lagen einige Leichen im Gras. Die Männer im Helikopter unterhielten sich angeregt und prahlten mit ihren Heldentaten.
Nur Luciferens saß abseits und hatte das Gesicht in den Armen vergraben.
Hagen von Werink bewunderte die schlanke, kräftige Gestalt des schwarzen Erzengels mit dem hübschen Jungengesicht. Er hätte ihn gerne ... Mit Anstrengung riß er sich von diesem Gedanken los. Keinesfalls hier, vor den anderen  Männern. Außerdem, irgend etwas stimmte heute nicht mit dem goldäugigen Katzenmenschen, dem schwarzen Bastard. Sein Blick auf die Frage nach der Hütte hatte ihm nicht gefallen. Oder war es der Tonfall? Hatte Lucifer es etwa gewagt, ihn, seinen Herren, anzulügen? Unmöglich, undenkbar! Nein.
Von Werink unterdrückte den Drang, über Lucifers Rücken zu streicheln, die Muskeln zu fühlen, die sich durch das verschwitzte Hemd abmalten, und blickte aus dem Fenster. Gerade in dem Moment, in welchem die letzten Hütten aus dem Blickfeld drehten, entdeckte er eine Bewegung. Eine Person, der Kleidung nach eine Frau, mit einem Kind auf dem Arm. Lief von der Hütte - Lucifers Hütte! - auf den Waldrand zu.
Hagen von Werink lehnte sich zurück und lächelte. Lucifer hatte gelogen. Glatt gelogen. In das Gesicht eines Herrenmenschen. Sein Grinsen wurde breiter.


-8-

Kurz nach Sonnenuntergang zirpten die Zikaden wie verrückt. Collin dachte, daß sie niemals so laut waren wie zu dieser Stunde. Wie konnte nur ein so kleines Tier einen solchen Höllenlärm verursachen!
Lucifer saß auf der niedrigen Mauer und schnitzte an einer kleinen Holzfigur. Neben ihm lagen verschiedene Stemmeisen, Messer, Schmirgelpapier in unterschiedlichen Körnungen sowie ein Glas mit Wachs. Leise summte er eine Melodie vor sich hin. Seine Stimme klang fast wie das Schnurren einer Hauskatze, samtweich und tief aus dem Bauch heraus.
Langsam schälte sich eine springende Raubkatze aus dem Holz, die Maserung schien Tigerstreifen zu bilden. Es war nur eine kleine Arbeit, etwas länger als eine Hand etwa, aber perfekt ausgeführt. Auch waren keine Einzelheiten zu erkennen, jedoch das Raubtier war im Sprung gebannt wie gefroren. Ein Meisterwerk!
Collin schnaufte bewundernd und trat näher, zwei Gläser in der Hand. „Wo hast du das eigentlich gelernt?“
„Ein Inuit, ihr nennt sie Eskimos, hat es mir gezeigt. Er schnitzte aus Walroßelfenbein, wie seine Vorfahren. Wir waren drei Monate allein oben in der Station eingeschneit. Er war ein Lehrer, so wie du. Aber das Beste, was er mir je beigebracht hat, war das hier.“ Er hielt den kleinen Tiger prüfend hoch und glättete eine Kante.
„Was machst du damit, wenn es fertig ist?“
„Nichts. Ich verschenke sie. An die Kinder, unten im Dorf.“
Collin rollte mit den Augen. Was für eine Verschwendung!
Die Skluptur würde bei einem Kunsthändler bestimmt ein paar hundert Dollar bringen. „Du könntest sie verkaufen.“
„Blödsinn. Ist doch nur Spielzeug.“
„Nein, im Ernst. Du bist sehr gut darin!“
Luciferens lächelte schüchtern. „Nimm mich nicht auf den Arm, du alter Fuchs. Wer bezahlt schon für ein Stück Holz?“
„Ich, zum Beispiel. Wieviel willst du dafür?“
Der Katzenmann schien ehrlich überrascht. „Du spinnst! Du kannst mir doch nichts dafür geben! Außerdem, du weißt ja, von Werink würde einen Tobsuchtsanfall kriegen, wenn er Geld bei mir finden würde. Aber sobald der Tiger fertig ist, kannst du ihn gerne haben.“ Er schien ein bißchen stolz auf seine Arbeit, und Collin freute sich darüber.
Die Zikaden überzirpten mühelos das leise Klirren der Eiswürfel in den beiden Gläsern, die Collin neben die Whiskyflasche auf den Tisch stellte. Er füllte eines der Gläser zu etwa einem Drittel mit dem samtbraunen Getränk und hielt es hoch. „Komm schon, Luc, versuch doch mal. Es wird dir bestimmt schmecken!“
Lucifer legte die Schnitzerei aus der Hand und packte die Messer zusammen mit seinen anderen Werkzeugen in seinem Beutel. Dann pflückte er einen Grashalm, kaute gedankenverloren darauf herum und blickte über den Regenwald ins Tal. „Nein, danke. Ich vertrage das Zeug nicht. Als du mir das letzte Mal was aufgeschwatzt hast, dieses vergorene Gebräu, das sich Bier nennt, habe ich die ganze Nacht auf der Toilette zugebracht und gewürgt. Ich konnte gar nicht mehr damit aufhören. Aber der Hammer kam erst am nächsten Morgen, ich dachte, mein Kopf platzt! Nein, dieses Zeugs ist nichts für mich!“
„Ach, komm, du mußt einfach mal versuchen! Bist du ein Mann oder eine Memme?“
„Weder - noch, würde ich sagen.“ Lucifer nahm die Flasche und schnüffelte mißtrauisch daran. Angeekelt verzog er das Gesicht. „Riecht ja widerlich!“
Collin grinste. „Du weißt einfach nicht, was gut ist. Du bist ein richtiger Tugendbold - ein echter Engel!“ Beide lachten.
„Ich kann doch nichts dafür, daß die Dinge, die du die guten Sachen nennst, alle so scheußlich schmecken. Lucifer betrachtete die Schachtel mit Zigarillos auf dem Tisch wie einen besonders widerlichen Käfer. Dann grinste er plötzlich. „Ich nehme meinen letzten Satz zurück. Bis auf Mädchen nämlich. Die schmecken super!“ Wieder mußten sie lachen.
Collin kam eine Idee. „Einen Moment, du Engel. Ich werde dir einen Drink mixen. Das schmeckt dir bestimmt. Ich nenne ihn für dich „Señorita“.“ Er verschwand im Haus und kam nach wenigen Minuten mit einem Longdrinkglas wieder heraus. „Los, trink!“
Argwöhnisch betrachtete Lucifer das Getränk, schnupperte daran und nippte schließlich einen kleinen Schluck. Sein Gesicht hellte sich auf: „Hmm, lecker. Wirklich! Was ist das?“
„Wodka mit Fruchtsaft. Ich wußte, es wird dir schmecken!“
Lucifer hatte das Glas schon fast ausgetrunken, als Collin ihm in den Arm fiel: „He, nicht so hastig. Du verträgst doch nichts. Das Zeug schmeckt vielleicht besser, hat aber eine Menge Umdrehungen. Ich mache dir noch einen, aber trink gefälligst langsam!“ Collin mixte noch ein Glas und setzte sich wieder an den Tisch.
Die Füße auf die Mauer gelegt, betrachtete er Lucifers Profil vor dem dunkler werdenden Abendhimmel.
Lucifer hatte den Grashalm ausgespuckt und trank aus seinem Glas. „Wirklich gut. Schade, daß ich das nicht früher probiert habe.“ Er grinste fröhlich.
„Warte bis morgen, bis du mir dankst. Du verträgst weniger Alkohol als ein Baby!“
Tatsächlich wurden Lucifers Bewegungen bereits eckig und ungeschickt. Vorsichtig kletterte er von der niedrigen Mauer und setzte sich, mit dem Rücken an die Steine gelehnt, auf den Boden. Das Glas stellte er neben sich.
Die ersten Sterne begannen zu funkeln. Beide Männer schwiegen, hingen ihren Gedanken nach. Lucifers Gesicht wurde ernst und nahm einen abwesenden, verträumten Ausdruck an.  Die Zikaden zirpten lauter denn je. Das zweite Glas war fast leer.
„Sag, Collin, glaubst du an Gott?“ Lucifer sprach langsam und betont deutlich. Collin glaubte, daß die Chimäre erheblich weniger vertrug als ein Mensch und nahm sich vor, ihm keinen Alkohol mehr zu geben. „Wie kommst du darauf?“
„Ist doch egal. Sag schon, was glaubst du?“
Es war Lucifer völlig ernst damit. Collin dachte nach. „Ja, doch. Ich denke, es gibt einen Gott.“
„Wieso glaubst du das?“
„Na, schau dich doch mal um.“ Collin deutete auf den Urwald, der langsam im zunehmenden Dunkel verschwand, und auf den ultramarinblauen Abendhimmel, auf dem die Sterne wie Diamantsplitter Funken sprühten. „Das alles hier kann ja wohl kaum ein Zufall sein. Selbst wenn man vier Milliarden Jahre in der Ursuppe rührt, glaube ich nicht, daß dieses Menü Zufall sein kann!“
Lucifer starrte ihn gebannt an: „Warum nicht?“
„Weil es den Naturgesetzen widerspricht. Alles strebt zur Unordnung, zum Chaos. Ist Physik. Immer nur zum Chaos!“ Er lachte. „So wie meine Hütte zum Beispiel. Kaum aufgeräumt, schon wieder schlampig.“
Beide lachten, denn Collin war ausgesprochen ordentlich, fast pedantisch. Sehr praktisch, wenn man bei unangenehmen Überraschungen sofort, mit einem Griff und auch im Dunkeln, seine Sachen wiederfand.
Lucifer kaute auf seiner Unterlippe, verzog schmerzhaft das Gesicht und trank schließlich einen Schluck. Dann seufzte er: „Ich glaube, du hast Recht.“
Collin hob erstaunt die Augenbrauen. „Wieso ist das ein Grund um traurig zu sein?“
Lucifer betrachtete die Sterne, als stehe darin die Antwort geschrieben. Unruhig rutschte er hin und her, und seine Stimme wurde rauher. „Das Beste wäre, es gäbe Gott nicht.“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Na, dann wären wir einfach weg, wenn wir sterben. Vergessen. Ausgelöscht. Game over.“
„Ist aber keine nette Vorstellung!“
„Doch. Für mich schon.“
„Das mußt du mir erklären!“ Collin stupste Lucifer mit dem Fuß an. „Los, erzähl schon, was deinesgleichen so über Gott denkt.“
Lucifer starrte wieder in den dunkelblauen Abendhimmel. Die Bewegungen, mit denen er das Glas zum Mund führte, waren jetzt sehr unbeholfen. Fast warf er das Glas um. Seine Sprache wurde undeutlicher: „Also, wenn es Gott gibt, soll es ja auch Himmel und Hölle geben. Jetzt ist die Quizfrage: Haben solche Dinger wie ich eine unsterbliche Seele?“
„Natürlich hast du!“, schnaubte Collin und bereute, Lucifer den Wodka gegeben zu haben.
„Da bin ich mir nicht sicher. Du kennst vielleicht diese alten Geschichten von Meerjungfrauen oder Elfen. Sie hatten zwar einen Körper, aber keine Seele. Sie werden nach ihrem Tod zu Meerschaum oder einem Irrlicht oder sonstwas. Die hängen dann zwischen Himmel und Hölle, nicht Fisch, nicht Fleisch.“ Er schloß die Augen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Genauso wie ich. Nicht dies, nicht das.“
Collin beugte sich vor und legte die Hand auf Lucifers Schulter. „Unsinn. Du hast eindeutig eine Seele. Du bist vielleicht anders als wir. Aber du besitzt die Erkenntnis dessen, was gut und was böse ist. Wie auch die Engel - eine Seele, aber keinen Körper!“ Collin versuchte zu lachen, aber es klang falsch.
Lucifer blickte ihn an. Es war nicht zu übersehen, aber er war sturzbetrunken. „Um so schlimmer“, murmelte er undeutlich. „Dann lande ich also in der Hölle.“
Tun wir das nicht alle, dachte Collin und nahm Luc das leere Glas aus der Hand. „So ein Blödsinn. Warum solltest du? Du tust doch nur das, was man dir sagt.“, meinte er laut.
„Sechstes Gebot. Du sollst nicht töten. Punkt. Nicht „außer man sagt es dir“ oder „außer du hast einen guten Grund, oder einen, den du für gut hältst“ Einfach nur: Du sollst nicht töten. Basta.“
Collin wußte darauf nichts zu sagen. Lucifer hatte seiner Meinung nach völlig recht. Trotzdem hoffte Collin, daß Gott in dieser Hinsicht ein paar Ausnahmen machen würde. „Aber wenn du bereust, was du getan hast, dann wird dir doch vergeben ..“, sagte er leise.
„Ich bereue aber nichts!“ Lucifer war kaum noch zu verstehen. „Entweder meine Herren sind die Guten, und wir retten die Welt vor den Untermenschen, dann kann ich nicht bereuen, was ich tue und getan habe. Oder wir sind die Bösen, die Menschen, die ich getötet habe, waren alle unschuldig, und ich bin, ich bin ... Darüber möchte ich nicht weiter nachdenken.“ Unbeholfen versuchte er aufzustehen, fiel jedoch sofort wieder hin.
Collin faßte ihn unter die Arme und half ihm hoch. „Ich glaube, du schläfst heute Nacht bei mir!“


-9-

Hagen von Werink lief über den Hof, anscheinend auf der Suche nach jemandem. Er rief etwas den Männern zu, die im Schatten der Bäume saßen und auf das Mittagessen warteten. Die Angesprochenen schüttelten jedoch verneinend die Köpfe. Einer machte eine vage Geste hinüber zu den Waschräumen.
Lucifer zog schnell den Kopf ein und schloß die Tür. Hoffentlich wurde er nicht gesucht. Hagen von Werinks Benehmen in letzter Zeit war noch unberechenbarer geworden als früher. Lucifer wußte, daß sein Herr zu Jähzorn und Temperamentsausbrüchen neigte und konnte bisher damit ganz gut leben, indem er sich an die Regeln hielt, keine respektlosen Antworten gab und sich im übrigen nicht erwischen ließ. Jetzt jedoch schien diese Strategie zunehmend ihre Wirkung zu verlieren. Obwohl er seinem Herren so weit wie möglich aus dem Weg ging und sorgfältig jeden Fehler zu vermeiden suchte, fand von Werink ständig einen Grund zum Ausrasten. Dann wieder bedachte er die Menschenkatze mit langen Blicken, so daß sich Lucifer unangenehm zu fühlen begann und er einen Vorwand suchte zu verschwinden. Am schlimmsten war es beim Training. Hagens Starren irritierte ihn so sehr, daß er Fehler machte und sich oder seinen Trainingspartner schon ein paarmal fast verletzt hätte. Außerdem schien dem Herrenmenschen sein unbeherrschtes Verhalten oftmals am nächsten Tag leid zu tun. Er begegnete Lucifer mit übertriebener Freundlichkeit, legte den Arm um seine Schultern und gewährte irgendeine Vergünstigung, während seine Finger durch Lucs Haar oder über seine Arme strichen. Lucifer wurde jedesmal stocksteif, und diese Anfälle von Freundlichkeit erschreckten ihn noch viel mehr als die Wutausbrüche.
Lucifer zog das Hemd aus und wusch sich den Staub und den Schweiß herunter. Gleich war es Zeit zum Mittagessen. Lucifer gab es vor sich selbst nur ungern zu, aber er hatte inzwischen wirklich Angst vor Hagen von Werink. Wenn er schon mit ihm zusammen sein mußte, dann wenigstens nur, wenn auch noch andere anwesend waren. Das schien den Herren noch am wahrscheinlichsten zu bremsen. Lucifer trocknete sich das Gesicht ab und zog ein frisches Hemd an. Als er die Knöpfe schloß, öffnete sich knarzend die Tür.
„Hier also steckst du, Lucifer! Ich habe dich schon überall gesucht. Du versteckst dich doch nicht etwa vor mir?“, fragte Hagen von Werink fröhlich.
Lucifer schrak zusammen und senkte sofort den Kopf. Verflucht! „Nein, Herr. Natürlich nicht.“
„Komm, ich helfe dir.“ Hagen trat auf Lucifer zu und begann, am Hemd herumzufummeln. Lucifer fand, daß Hagen ihm eindeutig zu nahe gekommen war und die natürliche Fluchtdistanz, welche man im Umgang mit anderen automatisch einhielt, absichtlich unterschritt. Er schloß die Augen und schluckte trocken, wagte jedoch nicht, seinen Herren zurückzuweisen.
Endlich verschwanden die tastenden Hände, nicht ohne noch einmal über Schultern und Arme gestrichen zu haben. Lucifer atmete unhörbar auf.
„Sag mal, Chimäre, was hältst du eigentlich von diesem Collin Summer?“, fragte von Werink beiläufig und glättete vor dem Spiegel gedankenverloren sein Haar mit einem Kamm.
Böse Falle. Lucifer wußte, daß er schlecht log und Hagen ein feines Gespür dafür hatte.
Er versuchte es, wie meistens, mit einer Mischung aus Wahrheit und Weglassen. „Er ist ganz in Ordnung. Ein guter Lehrer.“
„Das weiß ich selbst!“, meinte Hagen ärgerlich, und Lucifer wandte den Blick ab, um ihn nicht zu provozieren. „Ich meine, was hältst du menschlich so von ihm?“
Lucifer suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, die Antwort zu umgehen. Sollte er etwa sagen, daß er Collin als Einzigem hier wirklich vertraute? Daß er ihn als Freund, oder sogar als eine Art älteren Bruder, vielleicht sogar Vater, betrachtete? Hagen würde sofort eifersüchtig werden, daß eines seiner Geschöpfe jemanden höher achtete als ihn, den Herrn. Lucifer riß sich zusammen. „Menschlich? Ich bin kein Mensch und verstehe davon nichts, Herr. Aber er tut niemandem absichtlich weh, und er ist freundlich zu mir. Also finde ich ihn in Ordnung.“ Hoffentlich verstand sein Herr das nicht als Anspielung und bekam einen Wutanfall.
Glücklicherweise bezog Hagen es nicht auf seine Person. „Gut denn, Lucifer, gut! Ich glaube ...“, sagte der Herrenmensch und klebte eine letzte Strähne des pomadigen Haares an, bevor er den Kamm wieder einsteckte, „...daß ich vielleicht in der letzten Zeit etwas hart zu dir war. Aber du könntest mir auch etwas entgegen kommen ...“
„Wie meint ihr das, Herr?“, fragte Lucifer und betete, der Koch möge endlich die Glocke zum Mittagessen läuten.
„Nun, du könntest netter zu mir sein. Nicht so distanziert, so abweisend und kühl.“
„Bitte?“
„Ich glaube, du verstehst mich wirklich nicht!“, seufzte von Werink und trat auf Lucifer zu, der einen Schritt zurückwich.
„Ich habe alles getan, Herr, was ihr befohlen habt. Was wollt ihr denn noch?“
Das Essen war fertig, und die kleine Glocke schrillte ihren Ruf über das ganze Anwesen. Lucifer wurden die Knie weich vor Erleichterung.
Ärgerlich blickte Hagen auf die Uhr und hielt Lucifer am Arm fest, als dieser sich eilig an ihm vorbeidrücken wollte. „Damit du weißt, daß ich dir nicht böse bin, gebe ich dir den Nachmittag frei. Ist das kein Angebot?“
„Danke, Herr.“, antwortete Lucifer mit ausdruckslosem Gesicht und quetschte sich an von Werink vorbei in den Hof.
Hagen blickte ihm nachdenklich nach.

Nachdem die Schritte des Herren sich ebenfalls entfernt hatten, öffnete Michael die Toilettentüre und schaute sich vorsichtig um. Richtig, alle beide waren gegangen. Wütend trat Michael vor die Türe, die scheppernd ins Schloß knallte.
Warum nur wurde diese schwarze Mißgeburt ständig vorgezogen? Warum schenkte der Herr seine Aufmerksamkeit diesem spöttischen Harlekin mit den Hexenaugen und nicht ihm, wo er doch den Idealen der Herrenmenschen in jeder Hinsicht entsprach?
Sein Spiegelbild zeigte einen blondgelockten gutaussehenden Riesen mit wahrhaftigen Bärenkräften. Was war an ihm nur auszusetzen? Er haßte Lucifer. Dieser Niggerbastard gab sich ja noch nicht einmal die Mühe, auch nur den Anschein von Respekt und Liebe zu seinem Herrn zu erwecken! Er haßte ihn, haßte ihn wirklich, den Bastard.

Lucifer wunderte sich, daß sein Bruder Michael so abweisend war und beim Essen kein einziges Wort mit ihm sprach. Auch in den nächsten Tagen wechselten die beiden nur das absolut Notwendigste miteinander. Der Katzenmensch überlegte, womit er Michael vielleicht beleidigt haben könnte. Weil Collin ihn am ersten Abend ausgesucht hatte? Aber das war doch nicht seine Schuld gewesen, er hätte gerne darauf verzichtet. Außerdem kannte Collin damals noch keinen der Erzengel näher. Lucifer nahm sich vor, Michael nach Möglichkeit ebenfalls zu ignorieren, sollte der Idiot doch selber sehen, was er davon hatte.


-10-

Nach dreieinhalb Stunden hielt Collin es nicht mehr aus, er mußte sich einfach bewegen! Vorsichtig streckte er sein Bein aus, dann drehte er langsam den Arm hin und her. Die steifen Gelenke knarzten und knirschten.
Lucifer funkelte ihn wütend aus den Katzenaugen an. „Mußt du dauernd herumhampeln?“, zischte er. „So wirst du nie etwas sehen!“
„Verdammt, Lucifer, ich sterbe gleich! Wie hältst du das nur aus?“, fragte Collin leise und versuchte, die schmerzenden Muskeln zu lockern. Seit einer Ewigkeit, schien ihm, lagen sie hier im Gebüsch auf der Lauer. Lucifer hatte ihm versprochen, daß der Jaguar hier an den Fluß kam, um zu trinken und zu jagen. Aber bisher hatte Collin außer den stets präsenten Insekten und ein paar kreischenden Papageien noch nichts entdecken können. Er seufzte lautlos und versuchte, das Kribbeln in Händen und Füßen zu vergessen.
Lucifer spähte wieder aus den fast geschlossenen goldenen Augen in das dämmrige Grün des Dschungels. Sein Atem ging so langsam, daß Collin schon genau hinsehen mußte, um die Bewegung der Rippen überhaupt wahrzunehmen. Manchmal glaubte er, Lucifer sei eingeschlafen, aber ein gelegentliches Blinzeln und Schnuppern zeigte, daß die Menschenkatze hellwach war. Die gestreifte Chimäre verschmolz so sehr mit dem Urwald, daß die Kette der Blattschneiderameisen über seinen linken Arm klettern konnte und die Schnipsel wie eine grüne Karawane ins Nest schleppte, ohne daß Lucifer sich dadurch auch nur im geringsten gestört fühlte. Seine Geduld schien endlos zu sein.
Nichts rührte sich. Es war feucht und heiß, fern kreischten ein paar Affen. Ein kleines Tier raschelte kurz im Unterholz, ließ sich aber nicht blicken. Feuchtigkeit tropfte auf den sonnengesprenkelten Waldboden. Sie warteten, warteten. Und warteten.
Vorsichtig berührte Lucifer Collins Arm. Schweigend deutete er auf einen Busch am anderen Ufer. Collin hob sein Fernglas und spähte hindurch. Grünes Gewirr, Blätter, Äste, Zweige. Licht und Schatten, Reflexe auf Baumrinde und Waldboden. Da - gut getarnt in dem Verwirrspiel ein geflecktes Fell. Eine breite Nase und runde Ohren umrahmten die gelben geschlitzten Augen. Der Jaguar war gekommen.
Lucifers Atem hatte sich kaum merklich beschleunigt. Collin sah, wie sich seine Muskeln spannten.
Der Jaguar sicherte, trat schließlich aus dem Gebüsch hervor. Geschmeidig glitt er ans Ufer um zu trinken.
Nur fünf Minuten konnten sie das wunderschöne Raubtier bewundern. Collin fiel auf, wie sehr der Jaguar in seinen Bewegungen Lucifer ähnelte. Dieselbe Leichtigkeit, die anmutigen, fast tänzerischen Schritte, samtweich und lautlos.
Leichtfüßig tauchte der Jaguar wieder in seinem Reich unter. Fasziniert und erstaunt über soviel Schönheit blieb Collin noch eine ganze Weile liegen, obwohl ihm Hände und Füße eingeschlafen waren und schmerzhaft prickelten.
Schließlich tippte ihm Lucifer auf die Schulter: „He, Mr. Ungeduld! Das war’s für heute. Er kommt nicht wieder.“ Er grinste Collin an, der mit knackenden Gelenken und zitternden Beinen auf die Füße kam. „Zum Teufel mit dir, du gestreifter Höllensohn! Macht dir denn diese Warterei überhaupt nichts aus?“
„Wieso?“, fragte Lucifer verständnislos. Geschmeidig stand er auf und half Collin über die verschlungenen Baumwurzeln. „Das war doch nicht lange!“
Collin stöhnte, als das Blut wieder durch seine Adern schoß und faßte sich an die Stirn: „Dann möchte ich nicht wissen, was du unter viel Zeit verstehst!“
Lucifer lachte nur. „War doch spannend. Hast du das Aguti gesehen?“
„Aguti? Welches Aguti? Ich habe außer ein paar Papageien und den Krabbelviechern nur den Jaguar gesehen, und selbst den erst, als du ihn mir gezeigt hast.“ Steifbeinig folgte Collin dem Katzenmenschen über den verschlungenen Urwaldpfad.
„Unsinn. Da waren massenweise Tiere. Das Aguti. Schlangen, eine Hundskopfphyton. Frösche, Vögel. Eine kleine Schleichkatze, dem Geruch nach ein Ozelot. Aber ich konnte ihn nur hören, nicht sehen. Chamäleons und Echsen. Das alles willst du nicht gesehen haben?“, fragte Lucifer erstaunt. „Blindfisch!“
„Ach, schweig stille, du Streifenhörnchen!“, schimpfte Collin, als sein Kreislauf wieder in Schwung kam und Tausende von Nadelstichen seine Hände und Füße durchsprudelten. Aber im Stillen gab er Lucifer recht. Im Vergleich mit der Chimäre schien er wirklich blind zu sein!


-11-

Der Koch saß im Schatten des riesigen Baumes, der seine üppigen dunkelgrünen Blätter bis weit herab zur Erde wölbte, und bereitete für alle das Abendessen vor. Dazu lagen hohe Stapel von verschiedenen Obst- und Gemüsesorten vor ihm, Koch- und Süßbananen, Maniokknollen, Tomaten, Bohnen, Karotten und Kartoffeln. Der Niederländer schälte einen Haufen Speisekartoffeln, während Lucifer neben ihm Möhren putzte und anschließend in kleine Stücke schnitt. Sie arbeiteten schnell und geschickt, und die Schüsseln füllten sich rasch mit den Beilagen.
„Michael Crichton, „Jurassic Park“ ist der Titel. Wenn du’s nicht in Englisch bekommst, dann nimm die deutsche Übersetzung. Da lautet der Titel „Dino Park“, glaube ich.“
Piet nickte und warf platschend eine Kartoffel ins Wasser. „Dreißig. In drei Wochen.“
„Gut. Dann noch Stephen Kings „Cujo“, bitte.“
„Geht klar. Als Taschenbuch?“
„Sicher, wie du es bekommen kannst.“ Karottenstücke rieselten ins Wasser, und Lucifer griff nach der letzten Wurzel.
Piet nahm eine neue Kartoffel von dem ebenfalls stark geschrumpften Haufen. „Warum fragst du von Werink nicht, ob du die Bücher haben darfst? Sie klingen für mich nach ganz normaler Unterhaltung. Nichts Ungewöhnliches oder gar Gefährliches, denke ich. Kann dich ja wohl kaum verderben!“
Lucifer schnaubte leise durch die Nase. „Wenn er mir die Bücher erlaubt hätte, müßte ich ja wohl mein Geld nicht für dich verschwenden, Küchenschabe!
Mein Herr, ich meine, Erich von Werink, hat gesagt, ich solle lieber was Deutsches lesen. Mit Kultur. Karl May zum Beispiel. Oder die Nibelungensage. Verdammt, ich bin erwachsen!“ Wütend bearbeitete er das Gemüse, daß unter dem Messer dünner und dünner wurde.
Der Koch lachte. „Also, ich kann an deinen Büchern wirklich nichts schlimmes finden. Es sind zwar nicht unbedingt Klassiker der Weltliteratur, die du da lesen möchtest, aber Karl May finde ich wirklich etwas zu viel verlangt.“ Eine Kartoffelschale ringelte sich anmutig unter seinen Händen. „Willst du sonst noch was?“
„Ja. Noch eins.“
„Was denn? Dein Ton klingt so beiläufig! Bitte nicht wieder Else Lasker-Schüler! Mir ist fast das Herz stehengeblieben, als ich herausfand, daß sie Jüdin war. Ich hätte dir glatt fünfhundert Dollar abgenommen, mindestens!“
Lucifer grinste etwas verlegen. „Schisser! Ich habe es ja auch nicht gewußt, bis ich das Vorwort gelesen habe. Mir hatten einfach die Gedichte gefallen.“ Er würfelte die Karotte in kleine Stücke, und Piet reichte ihm ein Küchentuch, damit er sich den Gemüsesaft abwischen konnte.
„He, Luc, versteh mich doch! Ich habe wirklich Angst. Stell dir vor, einer deiner Herren erwischt dich mit so was!“
„Ach, laß mich doch damit zufrieden! Ich bin schon vorsichtig. Außerdem weißt du, daß ich dich nicht verrate, sollte ich Probleme kriegen.“
„Darum geht es doch gar nicht, Lucifer, ...“
Lucifer wurde wütend. „Jetzt hör aber auf! Wenn du es nicht tust, dann suche ich mir eben einen anderen.“
„Ist ja schon gut, ich hör auf.“, sagte der Niederländer beschwichtigend. „Was wolltest du also noch?“
„Tracy Chapman. So viele CD’s, wie du von ihr kriegen kannst.“, meinte Lucifer ruhiger. „Sie hat eine sehr schöne Stimme, findest du nicht?“ Lucifer lächelte versöhnlich.
„Ja, ganz nett. Ich werde sehen, was sich machen läßt.“ Auch Piet warf die letzte Kartoffel ins Wasser. „Danke, Luc. Ich werde mich für deine Hilfe noch mal erkenntlich zeigen.“
Lucifer grinste. „Gern geschehen.“, sagte er und half dem Koch, die schweren Töpfe ins Haus zu tragen.

Kaum war Lucifer gegangen, steckte Collin Summer seinen Kopf zur Türe herein. „Hallo, Piet. Haben sie Lucifer gesehen?“
„Ja, er hat mir gerade beim Gemüseputzen geholfen.“, antwortete der Koch und winkte Collin herein. Dann spähte er aus der Küchentüre und schaute den Flur herab. Er war bis auf einen stehengebliebenen Besen vollständig leer. Piet schloß die Tür ab und lehnte sich mit dem Rücken daran, einen Fuß gegen das Holz gestemmt. „Collin, ich muß kurz mit ihnen reden!“
Collin angelte sich ein Möhrenstück aus dem Wasser und steckte es in den Mund. „Was ist los?“, fragte er kauend.
„Sie können Lucifer auch gut leiden, stimmt’s?“
„Natürlich. Er ist bei weitem der netteste der Chimären, wenn nicht überhaupt hier.“ Collin grinste. „Damit möchte ich nichts gegen anwesende Köche gesagt haben ...“
Piet lachte. „Ich nehm’s nicht persönlich!“
Er reichte Collin eine Tomate und deutete auf den Pfeffer- und Salzstreuer. „Da, wenn sie das Essen nicht erwarten können, futtern sie wenigstens nicht die Töpfe leer.“
Collin balancierte die Gewürze auf den Knien und setzte sich auf die Arbeitsfläche. Piet wurde wieder ernst. „Wie sehr mögen sie Luc?“
Collin biß in die Tomate, und rötliche Spritzer perlten aus dem saftigen Gemüse. „Ich vergesse meistens, daß er - nicht ganz zu uns gehört, wenn sie wissen, was ich meine ...“
Piet nickte. „Würden sie ihm helfen, wenn er in Schwierigkeiten wäre?“
Die Tomate blieb auf halbem Weg zum Mund hängen. „Ich weiß nicht, in welcher Sache ich Luc helfen sollte. So weit ich weiß, kann er sich ganz gut selbst helfen. Jedenfalls besser, als ich es könnte ...“ Ein Stück Tomate verschwand in Collins Mund.
„Ich weiß von der Sache neulich abends unten am Tor. Das war in Ordnung von ihnen. Ich denke, Lucifer nimmt den jungen von Werink nicht ernst genug.“
Collin schaute ihn verwundert an. „Wie soll ich das verstehen?“
Der Koch nahm einen Apfel aus dem Regal, rieb ihn mit dem Ärmel blank und legte ihn dann jedoch wieder zurück. „Hagen von Werink ist, wie man so sagt, vom anderen Ufer.“
„Na, und? Ich interessiere mich nicht dafür, was die Leute in ihrem Privatleben so treiben. Außerdem, was hat das mit Luc zu tun?“
„Leider einiges. Hagen findet Lucifer attraktiv, als Mensch, als Person, als Mann. Er steht auf ihn, und zwar schon seit einer ganzen Weile. Wenn der Alte davon wüßte, würde er Hagen den Kopf abreißen! Außerdem kann sich der junge Schnösel nicht selbst eingestehen, daß er gegen seine eigene Weltanschauung verstößt. Vergessen sie nicht, er hält Lucifer für ein Tier! Und die Frustration darüber, daß er Luc weder begehren noch kriegen kann, läßt er dann an ihm aus!“
Collin wurde einiges klar. Darum also fummelte Hagen so oft wie möglich an dem schwarzen Erzengel herum! „Was kann ich denn tun, Piet?“, fragte er.
Der Koch räusperte sich. „Ich verschwinde in ein paar Tagen von hier. Ich habe die Schnauze voll von den Nazispinnern und der ganzen Bande. Aber ich brauchte das Geld, deshalb bin ich fast drei Jahre hier geblieben.“ Er spreizte die Finger und betrachtete seine Hände. „Damit ist jetzt Schluß. Ich habe genug Geld für den Rest meines Lebens. Sie, Collin, sollten auch so bald wie möglich hier verschwinden, sonst werden sie noch genau wie diese Idioten hier! Glauben sie mir, es färbt ab, auf Dauer.“ Er lachte humorlos und beugte sich vor zu Collin. „Bitte, überreden sie ihn mitzukommen! Ich habe es selbst schon versucht, aber sobald ich ihn warnen will, wird er sofort wütend.“
„Und sie glauben, daß er auf mich hört?“, meinte Collin nachdenklich.
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber er muß hier weg, und zwar möglichst bald. Ich habe Angst, daß er sonst ernsthaft mit dem jungen Herrn von Werink aneinanderrasselt.“
Collin aß das letzte Stück Tomate und wischte sich die Hände mit dem Taschentuch ab, das er sauber zusammenfaltete und wieder in die Hosentasche steckte. „Hoffentlich haben sie recht, Piet, und Luc kommt mit!“
Der Koch stieß sich mit dem Fuß von der Türe ab und schloß wieder auf. Noch immer war auf dem Gang niemand zu sehen. „Unterschätzen sie Luc nicht wie die anderen Idioten hier. Ich besorge ab und zu ein paar verbotene Dinge für ihn, Bücher, CD’s, ihre Geburtstagsgeschenke zum Beispiel. Aber Luc achtet darauf, daß ich keine Schwierigkeiten kriege, falls es auffliegen sollte - wenn er es weiß, wenigstens. Aber ich bin mir sicher, daß er mit einer ganzen Reihe anderer Männer hier ebenfalls Geschäfte macht, Gott weiß, woher er das Geld hat. Und bei diesen Geschäften geht es um andere Dinge als Peanuts!“ Er klopfte Collin auf die Schulter und schob ihn zur Tür hinaus. „Bitte, versuchen sie es. Für Luc!“
Collin nickte. „Ich werde mein Bestes geben!“


-12-

Trotz der auch am späten Nachmittag noch brütenden Hitze war das Basketballspiel von beiden Seiten schwer umkämpft. In diesem Moment trickste Luciferens seinen Gegner Michael mit einer Täuschung nach links aus und spielte Collin Summer den Ball zu. Collin stieg hoch und erzielte das 63: 59 für seine Mannschaft. Michael kochte vor Wut und Anstrengung. Obwohl Lucifer ihm höchstens bis zur Schulter reichte und weit über einen Zentner leichter war, sah er gegen den Katzenmann ständig wie ein Tölpel aus. Wie ein Irrwisch umspielte der Schwarze seine Deckung, tauchte unter den rudernden Armen hindurch und ließ Michael hilflos hinter ihm herhetzen. Hagen von Werink grinste ihn bereits mitleidig an, und die gaffenden und rauchenden Männer am Rande des Spielfeldes pfiffen und johlten. Michael strich sich die langen blonden Locken aus dem Gesicht und beschloß, das zu ändern.
Als Luciferens ihn das nächste Mal hinter sich gelassen hatte und auf den Korb zu rannte, setzte der blonde Erzengel ihm nach und bekam das Sweatshirt seines Gegners am Kragen zu fassen. Mit einem kräftigen Ruck warf er seinen Gegner aus dem vollen Lauf nach hinten. Lucifer wurde waagerecht durch die Luft gerissen und landete mit dem Rücken auf dem staubigen Hof. Der Aufprall preßte alle Luft aus seinen Lungen, und einen unendlich langen Augenblick weigerten sich die Rippen, dem Atemreflex zu folgen. Fluchend rappelte er sich hoch: „Verdammt, Michael, was soll das?“.
„Entschuldige!“ antwortete Michael und hielt ihm die Hand hin. Nach kurzem Zögern ließ Lucifer sich hoch helfen und spielte weiter. Mißtrauisch sah er zu dem blonden Riesen herüber, aber Michaels Miene verriet nur angespannte Konzentration. Lucifer schüttelte den Kopf und holte sich den Ball zurück. Den nächsten Zweikampf hatte er bereits gegen Michael verloren, der höher hinaufstieg und den Ball im Korb versenkte, ohne daß Lucifer ihn erreichen konnte. Bei der Landung jedoch traf Michaels Ellenbogen ihn mit voller Wucht im Gesicht, und das Blut schoß ihm aus der Nase.
Michael heuchelte Betroffenheit: „Ist wohl nicht dein Glückstag heute, was?“
Lucifer sah in seinen Augen, daß der Schlag mit voller Absicht geführt worden war, sprang auf und schubste Michael zurück. “Was soll das, du Idiot? Das ist nur ein Spiel, weiter nichts!“
Michael packte das Shirt des schwarzen Erzengels und schüttelte ihn. „Was kann ich dafür, wenn du nicht aufpaßt, du Nigger?“
Sofort entstand eine wüste Schlägerei zwischen den beiden Kontrahenten. Niemand traute sich, dazwischenzugehen, um nicht selbst Prügel zu beziehen, und die beiden Körper wälzten sich im Staub. Collin ging zum Schuppen und schloß den Schlauch an. Das kalte Wasser ließ die beiden endlich auseinanderfahren. „Verlierer!“, fauchte Luciferens.
„Niggerbastard!“, schrie Michael mit drohend erhobener Faust. Hagen von Werink hob die Hand. „Genug jetzt! Wenn ihr miteinander kämpfen wollt, dann macht es anständig!“.
Die Männer witterten eine spannendere Abendunterhaltung als das Basketballspiel und johlten begeistert.
„In Ordnung!“, schnaubte Michael, „Ein Boxkampf!“.
Lachend tippte sich Lucifer an die Stirn. „Du hast sie wohl nicht mehr alle. Vielleicht gefällt dir mein Gesicht nicht besonders, aber ich habe nur dieses eine. Ich laß es mir doch nicht von dir zu Brei schlagen, Monsterberg!“. Lucifer grinste ihn provozierend an: „Wie wäre es den mit einem kleinen Wettlauf, du lahme Ente?“
Grölendes Gelächter von den Umstehenden. Michael wollte sich wieder auf seinen Gegner stürzen, aber Hagen hielt ihn zurück. „Hat jemand einen passenderen Vorschlag?“, fragte er in die Runde.
„Ja, ich!“, rief einer, „Wie in dem Film letzte Woche, in Robin Hood. Als Little John und Robin sich das erste Mal begegnet sind, der Stockkampf auf dem Balken über dem Bach!“. Jubelnd wurde dieser Vorschlag begrüßt. Da der nächste Bach erst in einiger Entfernung durch den Urwald rauschte, einigte man sich darauf, einen Balken über die Jauchegrube zu legen. Der Verlierer würde heute abend nicht mit den anderen zusammen am Tisch essen.
Bevor Lucifer auf den Rand der Mauer stieg, fragte er Collin aus den Mundwinkeln: „Wer hat eigentlich gewonnen in diesem Film?“ Collin überlegte kurz. „Robin, glaube ich.“
Lucifer grinste sein zahnigstes Lächeln. „Na, dann !“

Vorsichtig traten die beiden Männer mit den langen Stöcken in der Hand aufeinander zu.
Einander abschätzend wurden die ersten Schläge ausgetauscht, ohne jedoch den Gegner in ernsthafte Bedrängnis bringen zu können. Dann, urplötzlich, sauste ein Hagel von wuchtigen Schlägen auf Lucifer nieder, so daß dieser Schritt für Schritt zurückweichen mußte. Erst kurz vor dem Ende des Balkens gelang es ihm, dem Gegner einen Schlag in den Magen zu versetzen, der ihn zurückweichen ließ. Michael geriet ins Stolpern und wäre fast heruntergefallen, fing sich jedoch im letzten Augenblick. Ein zornig funkelnder Blick, und wieder sausten die Schläge auf Lucifer nieder. Seine Finger wurden getroffen, fast wäre ihm der Stock in die stinkende Brühe herabgefallen. Michael nutzte diese Deckungslücke sofort aus und landete einen Treffer am Kopf, zum Glück jedoch wurde die Augenbraue der Katze nur gestreift. Lucifer fuhr herum, und das andere Ende des Holzes schlug in seine Nieren. Er duckte sich und sprang aus dem Stand einen Salto rückwärts, balancierte kurz aus und stand wieder sicher, den Stab noch immer in der Hand. Sein Atem ging keuchend. Michael hob die mächtigen Arme, um ihn wieder anzugreifen.
Lucifers Stock schnellte schneller als ein Wimpernschlag vor und traf den blonden Erzengel in den Solarplexus. Mit ungläubigem Gesicht fiel er wie im Zeitlupentempo rückwärts, prallte auf den Balken und stürzte klatschend in die Jauche. Alles sprang zurück, um nicht selbst von einem Spritzer der übelriechenden Masse getroffen zu werden. Von grünlich-ockerfarbenem Schleim bedeckt, tauchte Michaels Gesicht wieder auf. Seine Augen trafen sich mit denen Lucifers.
Der schwarze Erzengel strich sich das feuchte Haar aus dem Gesicht und kletterte von der Mauer. Die Söldner jubelten ihm zu und klopften ihm auf die Schultern.
„Gratuliere!“, sagte Collin und zog ihn mit sich. „Hast du gut gemacht!“
Luciferens Miene war ernst. „Nein, ich glaube nicht, daß das eben klug war.“
„Warum hast du es dann getan?“, fragte Collin und runzelte die Brauen.
„Ich kann leider nicht schwimmen.“, antwortete Lucifer, drehte sich um und rannte in Richtung des Waldes. Collin sah ihm stumm nach.


-13-

Lucifer lag in der Hängematte und schaute hinauf in die funkelnden Sterne, als Collin auf die Veranda trat. Der Ältere holte ein knisterndes Päckchen aus der Hosentasche und warf es Lucifer zu, der es geschickt auffing. Erfreut wickelte der dunkle Erzengel die Schokolade aus dem Papier und biß hinein.
„Ich möchte mit dir reden.“, sagte Collin und zog einen Stuhl heran.
„Wie du willst, Collin.“, sagte Lucifer kauend.
Collin holte eine Packung Zigarillos aus der Brusttasche und zündete einen an. Die Menschenkatze runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
„Lucifer,...“, begann Collin, „...willst du, ich meine, hast du schon einmal darüber nachgedacht, von hier wegzugehen?“.
Lucifer leckte die Schokolade von den Fingern, und die Augen leuchteten unheimlich grün im Sternenlicht. „Wieso?“, fragte er leise.
„Du bist nicht wie die anderen hier.“ , meinte Collin.
„Ich bin wie niemand anderes irgendwo.“, stellte Lucifer sanft fest.
„Hör auf, du weißt genau, was ich meine! Du weißt, was Hagen und Erich von Werink wollen...“. Langsam wurde das Eis sehr dünn, auf dem er sich bewegte. Hoffentlich hatte er sich nicht in Lucifer getäuscht. „Diese Weltordnung der selbsternannten Herrenmenschen ist eine Farce, ein blutiger Witz. Niemand mit einigem Verstand kann an diese abstrusen Ideen glauben, schon gar nicht du!“
Lucifer grinste leise und schaute hinauf in die Milchstraße. „Was willst du mir damit sagen, Collin?“
„Ich will damit sagen: Komm mit mir. Wir gehen von hier fort, nach ... Amerika zum Beispiel.“
Der Katzenmensch hob die Brauen: „Zum „Federal Bureau of Critical Affairs“ meinst du doch nicht zufällig?“, schnurrte er.
Collin ließ vor Schreck sein Zigarillo fallen, doch die Katze fing es auf, bevor es den Boden berührte, und reichte es ihm zurück.
„Woher weißt du das? Wer weiß es noch? Woher ...?“.
„Egal. Aber mach dir keine Sorgen.“ Lucifer blinzelte schläfrig. „Nein, ich komme nicht mit. Nicht mit dir, nicht mit irgend jemand anderem. Du glaubst es mir nicht, aber deine Seite ist von diesen Nazis nicht ganz so weit entfernt, wie du denkst. Ihr wollt mich auch nur ausnutzen, eine neue Waffe schaffen, die ihr dann im Dienste für die Menschheit gegen eure Gegner einsetzen könnt.“ Die Hängematte schaukelte sachte hin und her. „Nein, wenn überhaupt, will ich frei sein! Für niemanden kämpfen, außer für mich.“
„Aber du kannst doch nicht etwa an dieses Geschwätz von der neuen Welt dieser von Werinks glauben?“, meinte Collin bestürzt.
„An die Thesen dieses Irren namens Hitler, der die kitschige Idee ausgebrütet hat, Chimären zu schaffen und sie dann nach den Erzengeln zu benennen? Wenn es nicht so grausig wäre, könnte man fast darüber lachen! Nein, ich halte nichts von diesem Schwachsinn.“
Collin faßte nach Luciferens Hand. „Dann geh doch irgendwo anders hin! Wenn du schon nicht für meine Seite bist, dann stehe wenigstens nicht auf ihrer. Ich möchte nicht einmal gegen dich entscheiden müssen!“
Lucifer entwand ihm sanft seinen Arm. „Wohin denn? Ich kann nichts, überhaupt nichts.
Wovon soll ich leben? Außerdem - von Werink wird mich niemals gehen lassen, wie du weißt!“
„Aber du kannst es versuchen!“, sagte Collin traurig.
Lucifer glitt aus der Hängematte. Seine Hand ruhte kurz auf  Collins Schulter.
„Danke.“, sagte Lucifer fast unhörbar und verschwand in der Nacht.

-14-

Schnell kletterte Lucifer in die Baumkrone, wechselte, versteckt vom dichten, wuchernden Grün des Urwaldes auf den übernächsten Baum und versteckte sich in den Blättern. Nichts rührte sich ringsum außer den Fröschen, Insekten und Nagetieren, die diesen Urwaldriesen bewohnten. Kein Mensch tauchte auf. Nach einer Viertelstunde angespannten Wartens kletterte die Menschenkatze  über die hängenden Äste zu einer riesigen Akazie, die aufgrund ihrer Stacheln von fast allen anderen Tieren gemieden wurde. Lucifer hielt jedoch einen Zugang über die Äste frei von den harten Dornen, so daß er schnell zu seinem Versteck gelangen konnte. Der mächtige Stamm war im oberen Teil, gute fünfundzwanzig Meter über dem Boden, hohl. Dichtes Laubwerk bedeckte den schmalen Eingang, der zu einer geräumigen Höhle führte. Lucifer musterte noch einmal prüfend die Umgebung und verschwand dann im halbdunkel des Verstecks. Es war recht eng hier oben, aber für seine Zwecke reichte es völlig aus. Lucifer löste die Schlaufe eines Strickes, der an einem Holzvorsprung festgeknotet war, und ein Jutesack rauschte aus dem oberen Hohlraum herab. Er fing ihn auf und öffnete den Sack. Zuerst nahm er eine Tafel Schokolade heraus und riß das Papier ab, überlegte es sich dann anders und wickelte die Hälfte wieder ein. Wenn er heute abend weniger aß, könnte es irgendeinem auffallen. Das restliche Papier warf er in eine kleine Plastiktüte mit anderen Resten. Wer Müll im Urwald verstreut, kann auch gleich ein Türschild anbringen. Anschließend öffnete er kauend eine kleine Ledertasche.
Dicke Bündel mit Geldscheinen lagen darin, hauptsächlich US-Dollar, aber auch Deutsche Mark, Yen und Schweizer Franken. Lucifer öffnete seinen Gürtel. Einige Scheine waren mit Klebeband an der Innenseite seiner Oberschenkel befestigt. Vorsichtig löste er den Klebstoffstreifen und strich die Scheine glatt. Der Rest aus dem Überfall auf das Dorf. Er hatte nur fünfhundert mitgehen lassen, da Hagen von Werink ihn diesmal so forschend angesehen hatte. Ob er Verdacht geschöpft hatte, daß Lucifer jedesmal kleinere Beträge aus den Koffern stahl? Bisher hatte Hagen jedoch niemals genau nachgezählt. Er schwor sich, in der nächsten Zeit besonders vorsichtig zu sein. Aber wenn Hagen etwas gemerkt hätte, wäre er bestimmt schon überall grün und blau. Nein, der Herrenmensch wußte nichts.
Immerhin, Lucifer besaß inzwischen den Gegenwert von fast einhunderttausend US-Dollar. Und eine Menge nützlicher Gegenstände. Ein Nachtfernglas. Fünf winzige Knöpfe, auch Wanzen genannt, in einer Plastikschachtel. Zehn Tafeln Schokolade, zur Abwehr hungriger Insekten doppelt in Plastikfolie verpackt. Ein Kassettenrecorder und ein Walkman. Lucifer kramte nach einer CD von Queen und stöpselte sich einen der Lautsprecher ins linke Ohr. Vergnügt wippte er bei den rockigen Rhythmen mit und bewunderte Freddy Mercurys Stimme. Friede seiner Asche. Er klappte die Ledertasche mit dem Geld wieder zu und verstaute den Sack im Dunkel des Baumes. Ein Blick auf die Uhr. Noch etwa eine Stunde Zeit, bis er vermißt werden würde. Also fünfzig Minuten Zeit für sich selbst. Lucifer schloß die Augen und ließ die „Killerqueen“ über seine Trommelfelle toben. Nichts gegen Klassik, aber die Neuzeit hatte auch einige nette Sachen zu bieten. Schade, daß die beiden von Werinks das überhaupt nicht zu schätzen wußten. Nicht, daß sie etwa auf Wagnermusik standen. Schlimmer. Auf volkstümliche Herz-Schmerz-Reime plattester Art. Noch nicht einmal echte Volksmusik. Auf Dauer unerträglich, besonders wenn Lucifer das Gejodel an mehreren Abenden über sich ergehen lassen mußte. Obwohl die Erlaubnis zur Anwesenheit im herrschaftlichen Wohnzimmer ein Gunstbeweis war und ihn daher eher selten traf. Armer Michael. Lucifer lachte leise in sich hinein und wiederholte „Princes of the Universe“ auf fast voller Lautstärke. Gleich würden ihm das Ohr klingeln, und heute abend konnte er bestimmt auf der linken Seite kaum etwas hören, aber was soll’s. Sein Blick fiel auf die schmalen Bücherregale, die er im Stamm festgenagelt hatte. Noch genug Zeit für ein oder zwei Kapitel. Lucifer steckte den Walkman in den Hosenbund und turnte hinauf, indem er sich mit Händen und Füßen an den Wänden abstützte. Welches denn? Die Bibel? Nein, heute nicht. Das „Tagebuch der Anne Frank“? Er schüttelte sich schaudernd. Nein, auf keinen Fall! Das konnte er nur an Tagen ertragen, an denen er besonders gut drauf war, genau wie „Schindlers Liste“ oder die „Edelweißpiraten“. Er wollte heute auf keinen Fall weiter darüber nachdenken. Das Gespräch mit Collin war ihm viel zu nahe gekommen. Verdammt, mußte Collin denn in diesem Wespennest herumstochern? Er konnte es ja nicht wissen, aber unter Luciferens glatter Oberfläche hatte Collin genau den Punkt getroffen, der dem schwarzen Erzengel schon seit langem zu schaffen machte. Lucifers Augen glitten weiter über die Buchrücken.
Ein schmaler Einband. Salman Rushdi, das „Meer der Geschichten“. Genau! Lucifer stellte auf der Armbanduhr einen Weckruf ein, steckte den Kopfhörer im linken Ohr nochmals fest und begann zu lesen.


-15-

Rena Pherson überflog Collins Bericht und lächelte. „Ich glaube, Mr. Summer wird erfolgreich sein.“, sagte sie zu dem Mann in ihrem Büro.
„Darf ich?“, fragte dieser und griff nach dem Papier. Rena Pherson reichte es ihm herüber und beobachtete Dr. Blair beim Lesen.
Der Arzt war noch recht jung, etwa Ende Dreißig, Anfang Vierzig, wenn man bedachte, daß er bereits einige durchaus ansprechende Arbeiten über die Genveränderungen für landwirtschaftliche Zwecke veröffentlicht hatte. Zum Beispiel war es ihm gelungen, künstlich ein Gen in bereits erwachsene Rinder einzuschleusen, die mit BSE-Erregern infiziert worden waren. Dieses Gen verhinderte den Ausbruch der Seuche zwar nicht, aber die Kühe, in denen sich der Virus bereits ausgebreitet hatte, bekamen nach drei Tagen einen schorfigen Hautausschlag und Fieber, so daß die erkrankten Tiere ausgesondert und vernichtet werden konnten, ohne den gesamten Bestand schlachten zu müssen. Die gesunden Tiere blieben von der Genveränderung völlig unbeeindruckt. Rena Pherson hoffte, Dr. Blair zur Auswertung der Daten und als Untersuchungsleiter für die „Operation Chimäre“ zu gewinnen. Falls Collin Summer erfolgreich war.
Dr. Blair fühlte, wie sein Blutdruck schlagartig anstieg, als er die Zeilen überflog: „ ... und daher glaube ich, in nächster Zukunft meine Kontaktperson, die Chimäre Lucifer, überreden zu können, mir beim Diebstahl der von Werinkschen Unterlagen aus dem Tresor zu helfen.
Er ist mit den Lebensgewohnheiten der Leute hier vertraut und wird sicher einen Weg finden, die Dokumente für mich zugänglich zu machen. Leider konnte ich ihn nicht davon überzeugen, die von Werinks zu verlassen, aber ich hoffe, daß die Forschungsunterlagen ausreichen werden ...“
Chimären aus der Retorte! Das wäre die Chance, als einer der bedeutendsten Wissenschaftler in die Geschichte einzugehen! Selbstverständlich würde ein Teil der Ergebnisse der Geheimhaltung unterliegen, aber selbst der Rest konnte genügen, ihm einen Platz im Olymp der Wissenschaftler zu sichern. Bei Paracelsus, Pasteur, Sauerbruch ... Er las nochmals den Text, und sein Gehirn schnurrte in Vorfreude auf seine Rolle als Projektleiter in diesem Team. Ob er vielleicht Dr. Susan Jones als Assistentin zugeteilt bekommen konnte? Schade, daß Collin Summer die Chimäre nicht mitbringen wollte. Dr. Blair wunderte sich allerdings, daß Summer von dem Tier so schrieb, als habe es tatsächlich einen eigenen Willen, den man respektieren müsse. Man stelle sich vor, einen Katzenhybriden, zugegeben mit Menschenanteil, als Person zu betrachten! Sentimentaler Spinner, dieser Collin. Aber trotzdem drückte Blair ihm die Daumen, daß er die Unterlagen der von Werinks beschaffen konnte. Er blickte auf.
Rena Pherson hielt ihm die ausgestreckte Hand hin. „Was ist nun?“
Er ergriff die Hand und schüttelte sie: „Ich bin dabei!“


-16-

„Ich dachte wir gehen herunter ins Dorf?“, sagte Lucifer und folgte Collin auf dem schmalen Trampelpfad durch das Unterholz. Collin trat ständig auf trockene Äste oder Wurzeln, die knackend unter seinen Füßen nachgaben. Das Laub der nachwachsenden Pflanzen raschelte vernehmlich. Lucifer dagegen folgte seinen Schritten völlig lautlos, und einige Male mußte Collin sich umdrehen, um nachzuschauen, ob Luc überhaupt noch hinter ihm war.
Collin schnaufte und blieb stehen. „Nein, wir gehen nicht ins Dorf. Wir gehen zum Fluß.“, keuchte er atemlos.
„Aber wir haben doch keine Angelrute dabei!“ Lucifer blieb ebenfalls stehen und schaute ihn ratlos an. „Was wollen wir also dort?“
„Du wirst schon sehen!“, meinte Collin und klopfte Lucifer auf die Schulter. „Vertrau mir.“
„Ich vertraue nur ungern ...“, murmelte Lucifer so leise, daß Collin es fast nicht verstehen konnte.
Er grinste. „Wir sind gleich da!“
Der Fluß führte nicht viel Wasser zu dieser Jahreszeit und floß ruhig dahin. Das Wasser war trübe und grünlich von den Algen und Schwebepartieln, die der Regen aus dem Waldboden wusch.
Aufatmend stellte Collin den Rucksack auf einen umgestürzten Baumstamm und streifte das khakifarbene Hemd über den Kopf. „Los, Erzengel, zieh dein Hemd aus. Die Hose kannst du anlassen, wenn du unbedingt willst.“ Collin schlüpfte aus seiner Hose. Darunter trug er einen Badeshorts.
Lucifer blieb am anderen Ende des Baumstammes stocksteif stehen. „Was soll das hier werden? Willst du schwimmen? Du kannst doch alleine gehen, hier sind keine Alligatoren.“
Collin lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, ich will nicht schwimmen. Du wirst es lernen!“
Lucifers Miene verschloß sich, und wieder einmal fühlte sich Collin an James Dean erinnert. „Nein, ich werde mein Hemd nicht ausziehen. Und ich will nicht schwimmen lernen! Warum muß mir eigentlich jeder hier sagen, was ich tun oder lassen soll? Jetzt fängst du auch noch damit an!“ Seine Stimme klang mehr als nur ein wenig verärgert.
Collin hörte jedoch noch etwas anderes darin und bohrte nach: „Dann laß das Hemd auch an, wenn du willst. Aber wieso willst du nicht schwimmen lernen? Hast du etwa Angst?“
Lucifer drehte ihm den Rücken zu und lehnte sich an einen Stamm. „Ja.“, gab er zu. „Ich habe Angst. Furchtbare Angst.“ Nach einer Pause: „Laß uns wieder gehen. Sofort.“
Collin faltete seine Kleider ordentlich zusammen und legte sie auf seine Schuhe. „Kommt nicht in Frage. Es gibt keinen Grund, vor Wasser Angst zu haben.“ Er ging herüber zu Lucifer und berührte ihn sanft am Arm. „Ist es - wegen diesem Katzenzeugs in dir?“
Lucifer sah ihn zwischen den dichten Wimpern hindurch unsicher an. „Nein, ich glaube nicht, daß es daran liegt. Viele Katzenarten schwimmen gerne und sehr gut. Ich ...“ Händeringend suchte er nach Worten, um Collin die Panik zu erklären, die jeden vernünftigen Gedanken erstickte, sobald das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug. „Ich fühle mich davon eingeschlossen, erstickt.
Es erwürgt mich, zieht mich hinunter, dringt mir in die Nase und in die Ohren. Ich kann es nicht fassen, nicht wegschubsen, nicht schlagen, nicht schreien. Es lauert nur darauf, mich anzuspringen und die Luft aus mir herauszupressen. Es ist überall, überall, und ich kann mich nirgendwo festhalten, weiß nicht, wo oben und unten ist, alles wird schwarz, und dann ist da nur noch die Kälte ...“ Er brach ab.
Collin sah, daß er weiß um die Nase geworden war und kleine Schweißperlen auf der Stirn und der Oberlippe glitzerten. Welcher Schwachkopf hatte wohl vorher versucht, Luc das Schwimmen beizubringen?
Collin legte beruhigend seine Hand auf Lucifers Schultern und fühlte das Zittern. „Es geht auch anders!“, sagte er sanft. „Vertraue mir, Lucifer. Du hast doch auch keine Angst vor dem Duschen!“
Lucifer wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und versuchte ein Lächeln. „Das ist doch etwas ganz anderes. Das Wasser ist warm, und es schließt mich nicht ein. Man kann es jederzeit abdrehen. Das ist gut.“
Collin kletterte die Böschung herab und watete bis zur Hüfte in das sanft schimmernde Wasser des Flusses. Er schlug mit der flachen Hand auf das Wasser, so daß ein Bogen funkelnder Tropfen über die Oberfläche schoß und den Boden vor Lucifer bespritzte. „Komm schon, Luc! Wir werden nicht sofort mit Tauchen anfangen. Ich verspreche es dir!“
Seufzend streifte Lucifer das Hemd über den Kopf und die Leinenschuhe von den Füßen. Vorsichtig watete er in das kühle Flußwasser, bis die Wellen die abgeschnittene Jeans oberhalb der Knie dunkel färbten. „Und was kommt jetzt?“, fragte er.

Am Abend war aus der Katzenchimäre zwar immer noch kein Rettungsschwimmer geworden, aber er konnte sich über Wasser halten. Langsam, ganz langsam, schien er seine Angst zu überwinden, wenn eine Welle zufällig über sein Gesicht spülte. Collin hielt sich nahe bei ihm und griff ihm unter die Arme, sobald Lucifer unterzugehen drohte und die Panik in seinen Augen hervorschreckte.
Schließlich überquerte Lucifer ganz alleine den schmalen Fluß und kämpfte gegen die sanfte Strömung. Auf dem Rückweg traf ihn ein treibendes Holzstück an der Schulter, und Lucifer ging kurz unter Wasser. Aber anstatt  wild um sich zu schlagen und Wasser zu schlucken, schob er das Treibholz beiseite und blinzelte das Wasser aus den Augen. Keuchend erreichte er das Ufer, am ihn sein Freund bereits erwartete.
Collin reichte dem Katzenmann sein Hemd zum Abtrocknen. „Alles klar?“, fragte er.
Luciferens lachte glücklich. „Ja, jetzt ist alles klar!“


-17-

Lucifer rannte durch einen surrealen Wald voller mannshoher Riesenpilze, purpurfarben und blauviolett, schwarz oder graubraun. Er erinnerte sich an den überwältigenden Geruch von Moder und Fäulnis, an im Dunkeln verwesendes Laub, in der bleiche und vielbeinige Heerscharen verborgen nagten, raubten und ihre Eier ablegten. Der Himmel war dunkel; fast schwefelgelbe Wolken und das elektrische Knistern seiner Haare zeigten Lucifer, daß bald ein Gewitter über sie niedergehen würde. Der Modergeruch wurde immer stärker und verdrängte in seiner Intensität fast alle anderen Sinneseindrücke.
Lucifer war aufgeregt. Er war auf der Jagd. Die noch unbekannte Beute raschelte vor ihm zwischen den Riesenpilzen versteckt in den toten Blättern. Jeder Muskel im Körper des Katzenmannes war bereit zu explodieren, jede Sehne gespannt. Das Blut schoß durch die Adern, rauschte in seinen Ohren, pulsierte heiß unter den Schläfen. Lucifer fühlte, daß er lebte, lebte, fühlte. Noch nie ging es ihm so gut wie jetzt, kurz bevor er und sein Opfer den ersten und letzten Blick tauschen würden wie einen Kuß, bis der Funke in den Augen des Anderen erlosch.
Es raschelte wieder zwischen den Riesenpilzen. Vorsichtig schlich Lucifer vorwärts, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Dort, eine Bewegung! Mit einem Fauchen setzte Lucifer zum Sprung an, prallte auf einen Körper. Er öffnete die Kiefer, um mit den Reißzähnen die Kehle des Opfers zu durchtrennen und es zu töten.
Der kleine Junge blickte ihn an. Aus großen Augen. Schniefte leise. „Warum tust du das?“, flüsterten die Pilze. „Was zur Hölle machst du da, Lucifer?“
Er fuhr zurück und rollte zur Seite. Mit Händen und Knien im feuchten Laub blieb er keuchend sitzen. „Hört auf! Laßt mich in Ruhe!“, schrie er. „Geht weg!“
Tausendfach kicherten die Pilze mit Hagen von Werinks Stimme, und ihr Echo mischte sich mit dem Platschen der ersten herabfallenden Regentropfen.
Das Kind lag noch immer da. Entsetzt starrte Lucifer ihn an. Der Junge verwandelte sich plötzlich, die Züge zerflossen. Es entstand ein schlafendes Gesicht mit gespitzten Lippen, aus denen kleine Schnarcher drangen. Dann erschien ein dunkles Gesicht, mit vor Angst aufgerissenen Augen, zwischen denen plötzlich ein rotes Loch klaffte. Immer schneller wechselten die Gesichter, und Pilzgelächter umspülte Lucifer wie ein Wasserfall. Er preßte die Hände auf die Ohren. „Das ist nicht meine Schuld!“, schrie er, „Ich hatte keine Wahl!“
„Es gibt immer eine Wahl!“, kicherten die Pilze hämisch.
Plötzlich lag der Knabenkörper mit Hagen von Werinks Kopf auf den Schultern vor ihm. „Gib es doch zu, du hast Spaß daran! Du tötest gerne. Gib es zu!“, grinste der Mund hinterhältig.
Lucifer vergrub den Kopf in den Armen und versuchte, die Stimme auszusperren, auszulöschen, für immer zu vergessen, doch sie bohrte sich unerbittlich in seinen Schädel. „Ich gebe es zu. Ich gebe es ja zu.“, schluchzte er, „Bitte hör auf. Sei doch endlich still. Laß mich aufhören mit dem Töten, Herr. Bitte! Laß mich doch endlich in Ruhe!“ Die letzten Worte waren nur noch ein heiseres Flüstern.
Das Wasser und der Modergestank umhüllten Lucifer, und die Pilze rückten zu braunvioletten Mauern zusammen.
„Du bleibst bei mir! Du gehörst mir, Geschöpf. Ich habe dich gemacht!“, donnerte Hagen aus den Wolken, und Blitze krachten aus den schwefelgelben Fetzen. Dort, wo der Junge gelegen hatte, verwehten Stapel von Geldscheinen und mischten sich mit den abgestorbenen Blättern. Regentropfen schlugen große Löcher in das weiße Pulver, daß in Häufchen um das Geld herum verteilt war.
„Nein!“, schrie Lucifer. „Nein. Nein. Nein!“

Das Bettzeug war klatschnaß. Ebenso seine Hose und sein T-Shirt. Sein Gesicht und die Haare waren glitschig von Schweiß und  Tränen. Zitternd stand Lucifer auf, um ein Glas Wasser zu trinken.


-18-

„Vater, du solltest nicht noch bis spät in die Nacht hinein arbeiten!“, sagte Hagen von Werink und steckte den Kopf ins Arbeitszimmer. „Komm, geh lieber zu Bett.“
„Du hast recht. Ich werde langsam zu alt für so was!“, meinte der Greis und rieb sich mit steifen Fingern den Nacken.
„Tut dir die Narbe weh?“, fragte Hagen sofort besorgt. „Liegt der Mikrochip nicht mehr richtig?“
„Nein, nein.“, winkte der alte Mann ab und erhob sich steifbeinig aus dem Sessel. „Es ist nur das Alter. Das lange Sitzen bekommt mir nicht. Ich sollte wieder etwas mehr Bewegung bekommen.“
Hagen lehnte sich an den Türrahmen. „Wenn du willst, kannst du wieder Raphael trainieren. Oder möchtest du lieber, daß Michael dich auf einem Ausritt begleitet?“
Erich von Werink nahm die Brille ab und verstaute sie in einem Etui. Dann begann er, die Papierstapel auf dem Tisch zu ordnen. „Ich glaube, ich werde einfach abends ein bißchen spazieren gehen. Ich möchte dir bei der Ausbildung der Chimären nicht hereinpfuschen, du hast da völlig freie Hand. Und reiten ist nichts mehr für mich, es strengt mich jetzt doch zu sehr an.“ Er tastete in der Tasche seiner schafwollenen Strickjacke nach dem Tresorschlüssel.
„Ach, laß die Unterlagen doch hier liegen. Ich schließe die Türe ab.“
Erich von Werink schüttelte den Kopf. „Nein, auf keinen Fall. Ich lege sie in den Safe, oder ich lasse sie keine Sekunde aus den Augen. Gestern erst habe ich sehr unruhig geschlafen, weil ich sie noch mit in mein Zimmer genommen hatte, um etwas zu korrigieren.“
„Dann bringe ich sie weg. Gib mir den Schlüssel.“ Hagen nahm die Blätter vom Tisch und half seinem Vater die Stufen zum Schlafzimmer hoch. „Gute Nacht, Vater.“
„Gute Nacht, Hagen. Und - danke dir!“ Schlurfend überquerte der alte Mann den Flur zu seinem Schlafzimmer, während Hagen die Kombination des Tresors eintippte und die Dokumente einschloß.

Luciferens spulte die Kassette zurück und spähte durch die Zweige der Akazie hinaus in die Nacht. Er sollte sich besser bald auf den Weg machen, damit er noch vor Morgengrauen wieder in seinem Bett lag. Lucifer stoppte den Rücklauf und drückte auf PLAY. „ ... ich sie weg. Gib mir den Schlüssel.“, sagte Hagens Stimme leicht verzerrt.
„Gute Nacht, Hagen. Und - danke dir!“, antwortete der Alte durch das Rauschen. Schlurfende Schritte, die Tür fiel ins Schloß.. Ein Schlüssel drehte sich quietschend. Stille.
Lucifer schaltete den Kassettenrecorder aus und verstaute ihn zusammen mit den Kopfhörern wieder im Jutesack, den er in den oberen Teil der Baumhöhle hochzog. Sein Herz klopfte heftig. Er kramte in der Hosentasche, zog ein Stück Kordel hervor, eine Büroklammer, einen weißen, glattgeschliffenen Kieselstein. Ein kleines Kästchen. Lucifer klappte es auf und nahm vorsichtig den Wachsabdruck des Tresorschlüssels heraus.


-19-

Lucifer mochte das Duschen nach dem Training. Er liebte es, wenn das heiße Wasser auf die verspannten, gezerrten Muskeln prasselte und das Zittern in den überanstrengten Gliedern aufhörte. Langsam entspannte er sich, hörte nur noch das Rauschen des Wassers auf den Fliesen. Heiß lief es über sein Gesicht, spülte den restlichen Seifenschaum aus den schwarzen Haaren. Schließlich konnte er es nicht länger hinauszögern und drehte das Wasser ab. Wie immer fröstelte er leicht in der nebligen Luft und trocknete sich schnell. Die Haare standen ihm in wilden Büscheln vom Kopf ab. Ungeduldig strich er die längeren Strähnen vorne aus dem Gesicht, schlüpfte ein seine Hose und zog die Leinenturnschuhe an. Ein leises Scharren drüben in der Umkleidekabine ließ ihn aufhorchen. Vorsichtig spähte er um die Ecke, jedoch nichts war zu sehen. Die einsame Glühbirne bemühte sich vergeblich, in dem fensterlosen Raum gegen die schwarzen Schatten der Spinde und Garderoben anzukämpfen, warf jedoch nur ein diffuses schmutziggelbes Licht in den leeren Raum. Rattenplage, dachte Lucifer und knüllte das nasse Handtuch zusammen. Leise vor sich hinsummend verließ er den Duschraum, suchte in der Umkleidekabine die verschwitzte Trainingskleidung zusammen und warf sie zum Handtuch auf die Bank.
Ein kalter Luftzug, das knirschende Kratzen der Eisentüre, die ins Schloß fiel, und Hagen von Werink stand lächelnd in der Tür. Mit der linken Hand drehte er ohne hinzusehen den Schlüssel im Schloß, welches schnappend einrastete.  
Noch immer breit lächelnd steckte er den Schlüssel in die Hosentasche und knöpfte langsam, wie beiläufig, sein Hemd auf, während er auf Lucifer zu trat: „Schon fertig?“, fragte er sanft, „Wie schade!“
Luc wünschte, er hätte sich ein Hemd oder einen Pullover mitgebracht. Langsam, ganz langsam, zog er sich an die Rückwand des Raumes zurück und lehnte sich mit dem Rücken an das kühle Metall der Spinde. „Was wollt ihr, Herr?“, fragte er.
„Warum denn so kühl?“ Hagens Grinsen wurde noch breiter. Mit eleganten Bewegungen schlüpfte er aus dem Hemd und ließ es achtlos auf den Boden fallen. „Ich dachte, ich könnte dir ein bißchen Gesellschaft leisten ...“
Luc versuchte, sich sein Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Er hatte Angst. „Ich will eure Gesellschaft nicht. Ich will allein sein. Verschwindet!“ Er versuchte, an von Werink vorbeizutreten, doch dieser drückte ihn wieder zurück an die Spinde. Die weißen Zähne des Herrenmenschen leuchteten im düsteren Licht, und die Augen glitzerten begehrlich. Mit dem rechten Arm direkt neben dem Hals der Chimäre und mit dem linken Bein versperrte er Luc den Weg. „Du solltest netter zu mir sein! Viel netter!“
Lucifer spürte den heißen, nach Pfefferminz riechenden Atem.
„Du würdest dir vieles hier leichter machen.“ Sanft, fast zärtlich strich Hagens Linke über Lucs Wange.
Lucifer wandte den Kopf zur Seite. „Hör auf, Hagen, solange wir beide das Gesicht wahren können. Ich will das nicht!“
Als Antwort drängte sich Hagen von Werink ganz nahe an Lucifer heran.
Sein weißer Bauch, von zuviel Alkohol und den Jahren bereits etwas gerundet und in der Mitte in einem Kreis um den Nabel von dunklem Haar bedeckt, berührte Lucifers hell bronzefarbenen, gestreiften Bauch. Lucifer spannte die Muskeln an und drückte sich so eng wie möglich an das Metall in seinem Rücken. Trotzdem spürte er von Werinks Erregung durch dessen Hose.
„Ach, komm, du willst es doch auch!“ Hagen warf sich plötzlich mit seinem ganzen Gewicht auf Lucifer, faßte ihn an der Kehle und im Haar und bog seinen Kopf in den Nacken. Dann küßte er ihn hart auf den Mund.
Eine Sekunde lang war Lucifer überrascht und entsetzt und rührte sich nicht. Dann drängte Hagens Zunge zwischen seine Zähne und er fühlte dessen Hand zwischen seinen Beinen. Zornig, ohne nachzudenken, biß Lucifer zu und stieß von Werink zurück. „Nein!“, fauchte er und schmeckte Hagens Blut in seinem Mund, „Das gehört mir! Mir allein!“
Mit einem Aufschrei war der Herrenmensch zurückgefahren und hielt sich den blutenden Mund. „Du Bastard!“, brüllte er hinter den Händen. „Du hast mich gebissen, du verfluchter Bastard! Das wirst du büßen!“ Erstaunlich behende sprang er auf Lucifer zu, der alle Regale und Schränke umwarf, während er versuchte, soviel Raum wie möglich zwischen ihn und den vor Wut und Schmerz rasenden Mann zu bringen. Fieberhaft überlegte Luc, wie er an den Schlüssel kommen könnte. Eine Latte war aus einer umgestürzten Bank gebrochen. Lucifer nahm sie und schlug damit nach der Glühbirne, verfehlte sie jedoch, da er sich unter einem Spind ducken mußte, den von Werink geworfen hatte. Dieser erkannte sofort Lucifers Absicht und stürmte durch die Trümmer auf ihn zu.
Nochmals schlug Lucifer nach der Glühbirne, und tiefe Dunkelheit fiel über den Raum. Sofort versuchte Lucifer, sich an die Wand zurückzuziehen, wurde jedoch am Hosenbund erwischt und fiel flach auf den Bauch. Schmerzhaft bohrte sich ein Nagel in seinen Oberschenkel, und mehrere zerbrochene Latten schrammten über seine Rippen. Bevor er sich hochstemmen konnte, landete von Werink mit seinem vollen Gewicht auf seinem Rücken. Der Aufprall preßte alle Luft aus Lucifers Lungen. Verzweifelt tastete er nach einer der Latten, irgend etwas, mit dem er schlagen könnte.
Hagen von Werink nutzte seine Masse aus und stemmte ein Knie in Lucifers Nieren, das andere Knie bohrte er zwischen dessen Schultern. Dann erwischte er in der Dunkelheit umhertastend zuerst den linken, dann auch den rechten Arm seines sich windenden Gegners und drehte sie ihm auf den Rücken.
Lucifer bekam noch immer kaum Luft in seine Lungen, er fühlte, wie ihm schwindelig wurde. Ein scharfer Schmerz, als von Werink seine Handgelenke bis fast zur Schulter hochzog. Er hörte das Klicken der Schnalle, als Hagen seinen Gürtel öffnete, herauszog und Lucifers Arme auf den Rücken fesselte.
Überdeutlich fühlte Luciferens den kalten Stein unter sich und hörte das Keuchen des schweren Mannes. Angst schnürte ihm fast die Kehle zu und die Schultergelenke der noch immer verdrehten Arme schmerzten so sehr, daß er glaubte, sie seien vielleicht schon ausgekugelt. Dann zog von Werink jedoch den Gürtel straff um die Handgelenke; der Zug daran ließ nach, und der Schmerz verebbte.
Hagen von Werink keuchte vor Anstrengung und Wut.
Er packte Lucifers Haar und bog ihm den Kopf soweit wie möglich nach hinten: „Du verdammter kleiner Hundesohn, dir werde ich’s zeigen! Du hättest es auf die sanfte Tour kriegen können, jetzt zeig` ich’s dir auf die Harte!“ Er öffnete seine Hose, und Lucifer fühlte eine tastende Hand an seinem Bauch. Er wand sich verzweifelt, jedoch die Hand fand schnell den obersten Knopf der Jeans. Ein Schlag zwischen die Schulterblätter.
„Ich dachte, Arier sind nicht schwul!“, preßte er mühsam heraus, während es sich von der tastenden Hand zu befreien versuchte. „Was würde wohl dein Vater dazu sagen, Herrenmensch?“
Hagen von Werink lachte: „Er wird es nie erfahren!“
„Oh, doch. Ich werde es ihm sagen! Oder glaubst du, er wird denken, ich hätte plötzlich meine Tage bekommen?“ Lucifer brachte ein krächzendes Lachen zustande.
Als Antwort schlug von Werink ihn ein paarmal mit dem Kopf auf den Boden, so daß Lucifer Sterne sah. „Das wagst du nicht!“, keuchte Hagen. Alle Knöpfe waren inzwischen geöffnet. Von Werink begann, Lucifers Hose herunter zu zerren.
„Du weißt genau, daß er mir glauben wird. Wäre ja nicht das erste Mal, daß du was mit einem Mann hast! Bisher warst du aber diskreter, hast es nicht direkt vor seiner Nase getrieben.“ Mit geschlossenen Augen wartete Lucifer auf den nächsten Schlag. Er blieb aus.
Von Werink war verunsichert. „Gar nichts wird er dir glauben!“
Seine Stimme verriet ihn. Lucifer faßte neuen Mut. „Laß mich los, und es gibt keine Beweise gegen dich.“ Lucifer lachte und hoffte, daß Hagen seine Angst nicht hören würde.
„Dein Vater wird dir ganz schön die Hölle heiß machen, wenn er davon erfährt, daß du auf die falschen Mädels stehst!“
Er hatte recht, und von Werink wußte das. Ein Moment des Schweigens entstand. Hagen von Werink knirschte leise mit den Zähnen. Lucifer zog zischend den Atem zwischen die eingequetschten Rippen. Ein Wasserhahn tropfte.
Dann packte er Lucifer bei den Haaren und schlug ihn mit der Stirn immer wieder auf den Steinfußboden. Gerade, als Lucifer dachte, beim nächsten Mal würde sein Schädel wohl platzen wie eine Wassermelone, zog der Herrenmensch ihn grob an den Haaren hoch und auf die Füße. Schubsend und stolpernd erreichten sie die Tür. Von Werink schloß auf und öffnete sie einen Spalt. Niemand war zu sehen, nur eine Ratte huschte über den verlassenen Hof. Lucifer stieß von Werink mit der Schulter an und drehte sich um. Der Gürtel verschwand, und Lucifer knöpfte erleichtert die Jeans zu. Als er aufblickte, sah er direkt in von Werinks Gesicht, nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Haßerfüllt starrten sich die Männer in die Augen.
„Das wirst du noch bereuen!“, sagte Hagen von Werink, jetzt wieder völlig beherrscht, mit leiser Stimme.
Lucifer spuckte ihm ins Gesicht.


„Viel zu langsam! Das ganze noch einmal, und zwar ein bißchen schneller.“ Grinsend stand Hagen von Werink im Schatten der Veranda, hielt einen eisgekühlten Drink in den Händen und wippte selbstzufrieden auf den Fußspitzen. Vor ihm stand Lucifer in der Mittagssonne, staubig und völlig verschwitzt.
Die Platzwunde auf seiner Stirn, irgendwann zwischen gestern und heute aufgetaucht, war dreckverschmiert. Er hatte gerade zum achten Mal den Trainingsparcours hinter sich mit den abwechselnden Übungen Laufen, Klettern, Hangeln, auf dem Bauch Robben, wieder Laufen, und so weiter. Collin übte oft zusammen mit Lucifer dort, um sich fit zu halten. Auch wenn man davon absah, daß er nicht mehr der Jüngste war, Collin wußte, daß der Parcours sehr anstrengend und in der Tropensonne die reinste Hölle war. Er reichte seinem Freund die Wasserflasche, die dieser mit einem dankbaren Blick annahm und gierig austrank, bis auf den letzten Tropfen.
Collin wunderte sich. Normalerweise standen vier Durchgänge auf dem Plan, allesamt am frühen Morgen, wenn es noch verhältnismäßig kühl war. Doch heute hatte Hagen von Werink dem schwarzen Erzengel Strafrunden machen lassen mit der Begründung, Lucifer sei zu langsam.
Lucifer war so schnell wie immer, schneller als die anderen Erzengel, schneller als jeder. Jetzt jedoch, nach der achten Runde, war er ausgepumpt, durstig, müde und verschwitzt. Und tatsächlich viel langsamer.
Lucifer und von Werink tauschten einen langen Blick.
Dann drehte sich Lucifer plötzlich um und durchquerte das Gelände zum neunten Mal. Collin sah, daß er alle Kräfte dazu aufbot, und stoppte die Zeit mit der Armbanduhr. Nach vierzehn Minuten zweiundvierzig Sekunden war Lucifer wieder da, dreiundzwanzig Sekunden unter seiner üblichen Zeit. Er stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, und rang nach Atem. Collin sah, daß Arme und Beine von der Anstrengung zitterten.
Hagen von Werink stellte seinen nächsten Drink auf einen kleinen Tisch. Die Eiswürfel klirrten leise. „Noch immer zu langsam. Voran, noch eine Runde!“ Grinsend wippte er auf den Schuhspitzen. Er war von Kopf bis Fuß in makelloses Weiß gekleidet, ohne ein Stäubchen auf dem Hemd.
Lucifer hob den Kopf. Sein Hemd klebte an seinem Körper, er war von oben bis unten voller Staub, das Gesicht vom Schweiß und von der Erde völlig verschmiert. Die Hose war an einigen Stellen im Stacheldrahtteil zerrissen, das Hemd ebenfalls. Collin sah puren Haß in seinem Blick.
Wie Fliegen von frischen Kuhfladen angezogen werden, so wirkte die sich anbahnende Szene auf von Werinks Leute. Es war so öde hier draußen, ohne Frauen, ohne Spieltische, daß ein Streit zwischen Lucifer und von Werink eine spannende Abwechslung zu werden versprach. Man war gespannt auf den Ausgang des Kräftemessens und näherte sich unauffällig dem Schauplatz des Duells.
„Ich war nicht zu langsam. Ich war schnell, schneller als sonst!“, sagte Luciferens laut.
Von Werink grinste genüßlich: „Du gibst dir zu wenig Mühe, Bastard.“ Er nahm das Glas vom Tisch und ließ das Eis klirren. „Los, noch mal!“ Er setzte sich wieder in den Schatten.
„Ich war nicht zu langsam. Frag Collin. Er hat mitgestoppt. Frag ihn!“ Lucifer fauchte fast.
Collin zog den Kopf ein und wünschte sich in ein Mauseloch. Es war nicht gut, zwischen die Fronten zu geraten.
Mit einem lauten Tock stellte von Werink das Glas ab und sprang auf: „Bastard, wirst du wohl gehorchen! Los, eine neue Runde!“ Sein Gesicht lief rot an.
Lucifer hatte das Kinn trotzig erhoben. „Nein, du lügst! Ich war nicht zu langsam. Ich bin schneller als jeder hier, besonders als du, Fettsack!“
Collin blieb fast das Herz stehen. Die Männer hielten den Atem an.
„Komm runter und laß dich von mir überholen, du Memme, du Schlappschwanz!“
Wieder ein haßerfüllter, schweigender Blickwechsel. Collin fragte sich flüchtig, was zwischen den beiden wohl vorgefallen war. Von Werink schien vor Wut fast zu platzen. Er holte den Schlagstock aus seinem Hosenbund und trat damit drohend auf Lucifer zu. „Du wagst es, einem Befehl nicht zu gehorchen?“
Die Türe zum Haus öffnete sich, und der Alte, Erich von Werink, trat heraus. „Was ist hier los?“, fragte er herrisch.
Hagen drehte sich um. „Luciferens verweigert gerade einen Befehl!“, sagte er, den Stock noch immer zum Schlag erhoben.
„Stimmt das?“, fragte der Alte.
Inzwischen waren alle Männer, die ihre Anwesenheit entfernt begründen konnten, gespannte Zuhörer. Collin sah den Kampf in Lucifers Gesicht und wünschte sich sehnlichst, sein Freund würde nachgeben.
„Nein. Er lügt. Ich war nicht zu langsam!“ Lucifer hatte die Hände zu Fäusten geballt.
„Dann hast du wohl in dem Dorf auch die Frau und das Kind getötet, so, wie ich es dir befohlen hatte?“ Hagen grinste höhnisch.
Die Überraschung verriet Lucifer. Er öffnete die Hände, ballte sie dann wieder zu Fäusten. „Nein, ich habe sie nicht umgebracht.“ Er drehte sich um zu den gaffenden Zuhörern und den anderen Erzengeln.
„Es war nur ein Kind - nur ein Kind, versteht ihr? Warum hätten er und seine Mutter sterben sollen?“
„Weil dein Herr es dir befohlen hat!“, sagte der Alte ruhig.
Lucifer kochte jetzt ebenfalls vor Wut. „Das ist mir scheißegal! Eure Befehle sind mir scheißegal! Ich kann selber denken!“
„Wir sind deine Herren, Chimäre. Du bist ein Nichts, weniger als ein Nichts. Du bist ein Tier. Deine Mutter war eine Indioschlampe, noch nicht einmal eine Arierin, wie bei den anderen Erzengeln.“, zischte Erich von Werink, und Lucifer zuckte bei der Erwähnung seiner Mutter sichtlich zusammen.
„Wer auch immer ich bin, und von wem ich auch abstamme, euren Herrenrassenquatsch könnt ihr diesen Schwachköpfen erzählen, mit denen ihr euch trefft! Ihr wollt Herrenmenschen sein, wo dieser Schlappschwanz ...“, er zeigte auf Hagen, der dem ganzen Wortgefecht ungläubig zugehört hatte, „... mir in jeder, aber auch jeder Hinsicht unterlegen ist? Ich bin besser als ihr alle, ihr Arier!“ Lucifer fauchte wie eine Raubkatze, und Collin betrachtete furchtsam seinen Freund. Diese Seite kannte er bisher nicht, wollte er auch nicht kennen.
Hagen von Werink löste sich aus seiner Erstarrung, trat hinter Lucifer und schlug ihm mit dem Stock in die Nieren.
Stöhnend ging Lucifer in die Knie.
Collin sah, daß der Erzengel Michael das Geländer der Veranda umklammerte, mit Fingerknöcheln, weiß wie aus Gips.
„Ihr seid Mörder. Judenmörder. Kindermörder, Massenmörder!“, stieß Lucifer hervor. Ein zweiter Schlag, und er wand sich im Staub vor der Veranda.
„Deine Mutter war eine billige Nutte, und wir haben sie umgebracht, als du entwöhnt warst. Ja, wenn man es genau betrachtet, hast du sie dadurch umgebracht, daß du ohne sie leben konntest.“ Erich von Werinks Stimme klirrte kühl wie Eis. „Ihre Überreste liegen irgendwo im Urwald, jedenfalls das, was die Ratten nicht gefressen haben.“
Lucifer und Erich von Werink starrten sich an. „Du wirst jetzt sofort tun, was mein Sohn dir sagt!“
Lucifer rappelte sich auf aus dem Staub und blickte zu Michael, dann zu Raphael und Gabriel. Michael erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Gabriel und Raphael senkten ihre Augen.
Wortlos drehte Lucifer sich um und begann den Parcours zum zehnten Mal.

Es war schon fast dunkel, als Collin Lucifer fand. Er saß zusammengekauert unter dem heißen Wasser der Dusche, noch vollständig angezogen. Den Kopf hatte er in den Armen verborgen. Die Luft war fast undurchsichtig vor Feuchtigkeit. Collin nahm ein Handtuch vom Haken und drehte das Wasser ab. Dann tippte er Lucifer vorsichtig auf die Schulter. Er reagierte nicht.
Collin faßte ihn am Ellenbogen. „Komm, steh auf. Du ersäufst sonst noch.“ Mühsam und schwer wie Blei erhob sich Lucifer mit Collins Hilfe. Widerstandslos ließ er sich die nassen, schmutzigen und zerrissenen Sachen ausziehen und saubere überstreifen. Collin nahm Lucifer mit zu seiner Hütte und setzte ihn auf die Holzbank. Dann ging er hinein, um etwas zum Abendessen zu holen. Als er nach einer Minute mit Brot, Käse und Milch zurückkam, war Lucifer fest eingeschlafen.
Collin brachte das Essen wieder ins Haus und holte statt dessen eine Decke, um Lucifer vor der Kälte der Nacht zu schützen, die hereingebrochen war.

Am nächsten Morgen war Lucifer verschwunden. Niemand fand eine Spur.


-20-

„Habt ihr ihn gefunden?“
„Nein.“ Müde warf Hagen von Werink seinen Hut auf den Boden, goß sich einen Whisky ein und legte die Füße auf den Tisch. „Nein.“, wiederholte er. „Spurlos verschwunden. Wir haben alles abgesucht. Jedes Blatt umgedreht im Umkreis von zehn Kilometern. Jeden Tattergreis und jedes Baby befragt. Nichts.“ Frustriert nahm er einen großen Schluck.
„Verdammt!“ Erich von Werink schob den Stuhl hinter dem Schreibtisch zurück und begann, nervös auf und ab zu laufen. „Wir hätten besser aufpassen sollen. Inzwischen kann er über alle Berge sein!“
„Wenn er genug Geld hätte, bestimmt.“
„Er hat.“
„Hagen fuhr auf. „Was? Er hat Geld? Wie das denn?“
„Gestohlen. Aus dem Safe. Etwa eine Million, aus dem Geschäft mit Pedro.“ Erich von Werink öffnete eine Schublade, holte einen kleinen Gegenstand heraus und warf ihn seinem Sohn zu. „Eine Überwachungskamera. Haben wir heute Nachmittag gefunden. Er hat gesehen, wie wir den Code eingegeben haben.“
„Scheiße! Verfluchter Nigger!“ Hagen betrachtete fassungslos die Kamera. „Hatte er noch andere Überraschungen versteckt?“
„Na, sicher! Eine Wanze in jedem Telefon. Je eine Kamera in deinem und meinem Arbeitszimmer. Eine im Konferenzraum.“
Hagen kaute an seiner Lippe. „Er hat es geplant, der verfluchte Bastard. Er wollte schon länger aussteigen. Die Sache von gestern war nur der Anlaß, nicht die Ursache!“
„Damit triffst du den Kern, mein Junge - warum? Hast du eine Erklärung?“ Forschend blickte der Alte seinen Sohn an.
„Keine Ahnung.“ Hagen betrachtete eingehend die Eiswürfel in seinem Glas.
„Ich glaube doch!“ Erichs Stimme klang scharf. „Was ist in diesem Dorf passiert?“
„Genau das, was ich gesagt habe. Lucifer sollte die Hütte überprüfen. Er sagte, alle seien tot. Später sah ich aus dem Hubschrauber, wie eine Frau mit ihrem Kind aus der Hütte kam und in den Wald rannte.“
„Und wenn Lucifer sie übersehen hatte?“
„Hagen hob spöttisch eine Augenbraue. „Und Schweine können fliegen ...“
Schweigen entstand, und Hagen von Werink goß sich ein weiteres Glas ein.
„Warum hast du es mir nicht sofort berichtet?“, fragte der Alte in die Stille hinein.
Gute Frage. Leider konnte Hagen darauf schlecht antworten, daß er gedachte, Lucifer damit unter Druck zu setzen. Daß er, wenn sich Lucifer weiter seinen Wünschen widersetzt hätte, drohen wollte, seinem Vater davon zu erzählen. Leider eine schlechte Begründung.
„Ich hielt es nicht - für so wichtig. Ich wollte diese Sache selbst mit ihm regeln.“
Sein Vater lachte trocken. „Das ist dir ja phänomenal gut gelungen. Nicht nur, daß er angefangen hat, Befehle zu verweigern. Er hat uns auch noch bespitzelt und bestohlen. Nur Gott weiß, welche Informationen er über unsere Geschäfte hat, vom Geld ganz zu schweigen.“
Hagen bekam Sodbrennen. Wütend goß er den Rest des Alkohols in das Kaminfeuer, das kurz und heftig aufloderte. „Ich werde ihn finden, und dann breche ich ihm jeden einzelnen Knochen, bevor ich ihn umbringe!“
„Das wirst du nicht tun.“ Der alte Mann trat hinter seinen Sohn und legte ihm beruhigend die Hände auf die Schultern. „Wir sind noch etliche Millionen Dollar davon entfernt, ein Labor einzurichten, wie es unser Führer damals für die Operation „Erzengel“ getan hat. Die Spezialgeräte sind leider immer noch unglaublich teuer.“ Er ging um den Tisch herum und setzte sich wieder in seinen Sessel. „Lucifers Erbmaterial eignet sich als einziges der Chimären auch zum Klonen. Sobald wir den Laser in einigen Wochen eingeflogen bekommen, können wir anfangen, neue Retorten mit Soldaten zu ziehen.“ Er grinste bei dem Gedanken, wurde jedoch sofort wieder ernst. „Aber wir müssen bei den neuen Chimären mehr auf dieses Disziplinproblem achten!“
Sein Sohn nickte zustimmend. „Vor allem brauchen wir ein paar Stückchen von Lucifer, um an die Erbinformation zu kommen. Haben wir denn keine Gewebeproben von ihm tiefgefroren?“
„Nein, leider nicht. Ich hielt es nicht für notwendig. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, daß Lucifer es wagen würde, sich mir zu widersetzen! Außerdem ist die Zellkernverpflanzung nur erfolgreich, wenn die Zellen noch frisch sind, daß heißt, sie dürfen nicht eingefroren werden. Wir können leider auch keine Zellen aus der Petrischale nehmen, weil die Kerne nach der Entnahme aus dem Körper innerhalb von zwei Stunden degenerieren und ihre Omnipotenz verlieren. Dann kollabieren sie und teilen sich nur noch unvollkommen.
Bisher habe ich für dieses Problem noch keine Lösung gefunden, ich arbeite noch daran. Es führt also kein Weg daran vorbei - wir brauchen ihn lebend. Noch.“
Hagen runzelte die Stirn. „Vater, ich glaube, es ist trotzdem keine gute Idee, ihn am Leben zu lassen. Die anderen Chimären könnten seinem Beispiel folgen. Laß uns lieber warten, bis wir wieder ein vollständiges Labor haben und ganz andere Chimären zeugen können. Diese Katzenvariante gefällt mir nicht. Zu eigensinnig!“
„Ich kann selber denken, sagte er, nicht wahr?“, meinte der Alte und betrachtete seine faltigen Hände. „Ich habe damals schon den Führer gewarnt, daß Katzen nicht geeignet sind. Aber ...“, er hob den Blick von den fleckigen, knotigen Fingerknöcheln, „... ich bin alt. Ich will mein Werk noch vollenden, bevor ich sterbe. Ich will nicht, daß du alles neu aufbauen mußt, wenn ich tot bin. Du sollst schon auf etwas zurückgreifen können, wenn du und unsere Nachkommenschaft die Welt zurückerobern!“
Hagen durchzuckte ein Gedanke, und er fuhr hoch. „Deine Notizen! Hat er ...?“ Seine Hand fuhr zum Nacken.
„Nein, nein, bewahre! Zum Glück hatte ich sie in meinem Zimmer.“, beruhigte er seinen Sohn. „Aber ab sofort werden sie im Tresor liegen. Wir ändern auf der Stelle täglich die Kombination. Die Schlösser werden ausgetauscht, niemand außer uns darf auch nur die Schlüssel des Tresors sehen. Alle Räume werden einmal in der Woche von einem Team komplett durchsucht. Niemand hintergeht einen von Werink!“
Magensäure flutete in Hagens Speiseröhre hoch, als er an die schwarze Chimäre dachte. „Lucifer muß dafür bezahlen!“
„Und ob er das wird! Damit alle anderen - auch unsere Leute - wissen, daß wir nicht mit uns spaßen lassen, wird er vor uns niederknien. Vor allen Männern. Und den anderen drei Erzengeln. Wir müssen seinen Stolz brechen.“
Hagen stellte sich diese Szene vor, und das Sodbrennen ließ merklich nach. „Aber wie? Schließlich dürfen wir ihn ja nicht totprügeln ...“
„Das weiß ich auch noch nicht. Aber wir müssen seine Grenzen finden, seinen schwachen Punkt. Den hat jeder, auch Lucifer. Wir werden diese Schwäche finden, und dann nageln wir ihn fest!“
„Du hast wie immer recht, Vater.“
„Aber zuerst müssen wir den kleinen Bastard finden!“, meinte Erich von Werink und blickte seinen Sohn an. „Die Hunde?“
„Genau.“, sagte dieser und griff auf den Boden nach seinem Hut.

-21-

Keine fünfhundert Meter davon entfernt saß Lucifer in seinem Versteck in der Baumhöhle. Jeder Muskel, jeder Knochen, jede Sehne tat ihm weh, und er wünschte sich nichts sehnlicher als zu schlafen. Endlos zu schlafen. Aber noch hatten sie nicht mit den Hunden gesucht. Lucifer wußte, daß er für die feinen Nasen eindeutig zu entdecken war. Obwohl er, nachdem er den Stacheldraht der Außenmauer überwunden hatte und von dort auf einen Ast
geklettert war, den Boden nicht wieder berührte. Aber die Hundenasen könnten ihn trotzdem verraten. Zur Sicherheit hatte er einen kleinen bunten Papagei gefangen und ihm den Hals umgedreht. Der Kadaver lag nun am Fuß der Akazie und wartete auf einen hungrigen Urwaldräuber. Oder auf einen neugierigen Hund. Hoffentlich würden sie annehmen, daß der Hund den toten Vogel aufgespürt hatte, um ihn zu fressen, und nicht seine eigentliche Beute. Falls doch - er würde nicht mehr zu den von Werinks zurückkehren. Um keinen Preis.
Eine fette Spinne krabbelte hurtig über die knotige Rinde des Eingangs. Lucifer fing sie mit einer schnellen Bewegung ein und steckte sie in den Mund. Seine Vorräte reichten fast drei Tage, aber wer weiß, wie lange sie ihn suchen würden? Er beschloß, sobald die Luft wieder rein war, dem Fluß zur nächsten größeren Stadt zu folgen, und von dort aus bis zum großen Hafen an der Mündung. Dann vielleicht mit dem Schiff? Wohin? Europa? Lucifer sprach Deutsch wie die von Werinks, Englisch wie die Söldner im Herrenhaus und Spanisch wie die Leute im Dorf. Dazu ein paar Brocken Französisch und Arabisch. Ganz gute Auswahl.
Er hatte ja jetzt genug Zeit, darüber nachzugrübeln, was er anfangen sollte. Aber nicht hier. Nicht jetzt. Seufzend streckte er den Arm mit dem fürchterlichsten Muskelkater seines Lebens und griff nach dem Fernglas.


-22-

Michaels enttäuschtes Gesicht zeigte schon von weitem, daß er nicht fündig geworden war, und Collins Erleichterung wuchs. Zu zehn Leuten hatten sie zwei Tage lang die Hafenstadt durchkämmt. Michael hatte dabei die Hotels übernommen.
„Nichts. Absolut nichts. Ich habe sein Bild in jedem Hotel, jeder Pension und jeder Absteige herumgezeigt. Ich habe eine großzügige Belohnung angeboten, wenn mir jemand etwas über Lucifer sagen würde, aber - nichts!“ Er warf sich auf den Stuhl des Straßencafes, so daß dieser fast unter dem Anprall zusammenbrach.
„Blödmann.“, murmelte Jim Smith so leise, daß nur Collin es hören konnte. „Welcher Idiot schleppt soviel Geld mit sich herum und übernachtet dann nicht im Hotel?“
Collin grinste dem rotgesichtigen Mann verschwörerisch zu und flüsterte zurück: „Niemand, wenn du mich fragst. Lucifer ist nicht hier, und er war es auch nicht. Wie ich gesagt habe - er ist irgendwo im Urwald untergetaucht. Wir rennen uns ganz umsonst in dieser Hitze die Hacken ab.“ Jim feixte eine zustimmende Grimasse und nuckelte an seinem Getränk.
Collin hatte nicht mit Michaels scharfen Ohren gerechnet. Der Bärenmann drehte sich zu ihm um und packte ihn beim Kragen: „Hör zu, du Schwachkopf! Lucifer war hier, ich bin mir sicher! Wir haben den kleinen Nigger nur noch nicht gefunden, weil er zu schlau war, mit der Kohle um sich zu werfen. Vielleicht steckst du ja mit ihm unter einer Decke?“
Collin wollte gerade zu einer ehrlich entrüsteten Antwort ansetzen, als Hagen von Werink um die Ecke bog. Sein Gesicht strahlte geradezu wie die aufgehende Sonne. „Er war hier, Leute!“, rief er und winkte den Kellner heran. „Eine Runde für alle hier. Was auch immer jeder will!“
Freundliches Kopfnicken und dankbares Gemurmel und dankbares Kopfnicken folgten seinem Versprechen. Hagen warf seinen Hut auf den Tisch und setzte sich neben Michael, der Collin inzwischen losgelassen hatte. Collin rückte seinen Kragen zurecht und funkelte Michael und seinen Herren böse an, blickte jedoch sofort zur Seite, als Hagen zu sprechen begann: „Du hast recht gehabt, Michael. Er war hier. Ich bin sehr stolz auf dich.“
Michael schien unter dem Lob noch größer und breiter zu werden. „Wie habt ihr ihn gefunden, Herr?“, fragte er.
Das war eine Frage, die auch Collin interessierte. Was hatte Lucifer wohl übersehen?
Hagen lachte dröhnend und tippte sich an die Stirn. „Mit Köpfchen! Unser Freund hat nämlich ein Problem - seine Augen. Er kann tagsüber nicht durch die Straßen laufen und die Leute mit seinen Katzenaugen zu Tode erschrecken. Er braucht eine Sonnenbrille, oder besser noch, dunkle Kontaktlinsen. Ich habe alle Optikgeschäfte abgeklappert, und er hat vor zwei Wochen eine Brille und zwei Paar Linsen gekauft!“
Zwei Wochen Vorsprung. Klang nicht schlecht für Collin. „Das hilft uns aber auch nicht wesentlich weiter.“, bremste er von Werink, innerlich grinsend. „Wir wissen trotzdem nicht, wo er von hier aus hin ist. Nicht einmal wie!“
Michael fuhr sich durch die blonden Locken. „Doch, ich glaube schon. Ich weiß, daß er die Berge liebt. Er hat mir mal gesagt, daß er beim Klettern am Besten nachdenken kann. Das muß er jetzt - nachdenken.“
Das wußte Collin nicht, aber es könnte durchaus stimmen.
„Berge gibt es auf allen Kontinenten, sogar am Südpol.“, sagte Jim und gähnte.
„So ist es.“, meinte Hagen, plötzlich nachdenklich geworden. „Aber nicht überall können mein Vater und ich ihm ohne weiteres folgen ...“ Er sah Michaels fragenden Blick. „Na, zum Beispiel kann ich nicht als Hagen von Werink nach Israel fliegen, um den Berg Golgatha oder die Golanhöhen zu besteigen.“
Michael schüttelte den Kopf. „Nein, nicht solche Berge. Ich dachte an die Rocky Mountains, oder die Fjells in Norwegen. Das ist mehr sein Stil.“
„Was du nicht sagst!“, antwortete Hagen, und ein breites Lächeln überzog sein Gesicht.


-23-

Jetzt endlich, nach drei endlosen Tagen, machte das Stampfen und Rollen des Frachters Luciferens nicht mehr so viel aus. Sie befanden sich bereits weit auf hoher See, und der Horizont tauchte immer wieder und wieder hinter der Reling ab, um gleich darauf wieder zu erscheinen. Das Käsebrot, daß der Schiffskoch, ein freundlicher Filipino, ihm in die Hand gedrückt hatte, schmeckte wunderbar und blieb zu seiner Überraschung unten, ebenso wie der Tee. Ein böiger, scharfer Wind trieb Gischtspritzer über das Deck und jagte Wolkenfetzen über den trübgrauen Himmel. In sechs Wochen würde der Bananenfrachter in Rotterdam anlegen. Lucifer pickte die letzten Krümel von seinem Teller und starrte durch das Bullauge der Kombüse in die aufgewühlte See. Der Filipino stellte eine weitere dampfende Tasse Tee vor ihn und legte ein Sandwich, diesmal mit Thunfisch belegt, auf Lucifers Teller. „Du brauchst ein bißchen was in die Rippen, mein Junge!“
„Muchas gracias, Jaime.“
„De nada, Luca. Möchtest du sonst noch was?“
Lucifer schüttelte den Kopf. Lieber erst einmal nicht so viel in den leeren Magen stopfen. Mit dem Tee und den Broten fühlte er sich gleich besser, heute würde der Bootsmann nichts an seiner Arbeit auszusetzen haben. Daß er keinen Schimmer von Seefahrt hatte, war niemandem aufgefallen. Die Mannschaft war ein wild zusammengewürfelter Haufen von Männern aus den Entwicklungsländern, die ihre Zulassung, genau wie Lucifer, irgendwo gegen Bestechungsgeld gekauft hatten, um ihre Familien zu ernähren.

Das Schiff fuhr unter liberianischer Flagge, der Kapitän war ein Panamese, und wer weiß, wo der Eigner der schwimmenden Blechschüssel sich befand. Lucifer war sicher, daß die von Werinks alle Flughäfen abgesucht hatten, ebenso die Taxistände, Bahnhöfe, Autoverleihs. Lucifer hatte sich von öffentlichen Plätzen ferngehalten, so weit es ging, und im Freien übernachtet. Auf Bäumen, in Schuppen und Scheunen, unter Brücken, sogar auf einer Parkbank in der Nähe des Hafens. Ein Hotelzimmer konnte zu leicht gefunden werden, und dann saß er in der Falle.
Lucifer streichelte gedankenverloren Tomcat, die Schiffskatze, die sich schurrend an sein Bein drückte und darüber ihre Aufgabe als Rattenschreck an Bord vernachlässigte. Der Koch lächelte und stellte eine hochwandige Schüssel mit Milch auf den Boden. Der Kater rieb noch einmal seinen Kopf an Lucifers Knöchel und steckte dann seine Schnauze in die Milch.
Lucifer rieb sich vorsichtig die Augen. Er war es noch nicht gewohnt, die Kontaktlinsen den ganzen Tag zu tragen, und seine Augen brannten höllisch. Aber die geschlitzten Pupillen waren zu auffällig, und daher hatte er eine Sonnenbrille und zwei Paare getönte Kontaktlinsen gekauft.
Tomcat leckte sich die Milch aus dem Bart, machte einen kurzen Buckel, um die Muskeln zu strecken, und sprang dann auf ein Regal, von wo aus er die gesamte Kombüse beobachten konnte.
Jaime drohte der Katze scherzhaft mit dem Zeigefinger, als die auf dem Bord abgestellten Dosen bedenklich schwankten, dann jedoch stehen blieben. Der Koch begann, einen enormen Berg Kartoffeln zu schälen. Lucifer langte nach einem Küchenmesser. „Puedo ajudar?“
„Si!“ Der Filipino lächelte und schob Lucifer einige Knollen herüber. Luc rieb sich noch einmal vorsichtig die brennenden Augen und schälte die erste Kartoffel.


-24-

„Er ist auf dem Weg nach Europa. Der Typ in der Hafenmeisterei erinnert sich an ihn, weil er trotz der Hitze ein langärmeliges schwarzes Sweatshirt getragen hat. Er sagt, Lucifer habe auf einem Bananenfrachter angeheuert, wahrscheinlich auf der „Rej“ oder der „Sagunt“. Beide Schiffe sind auf dem Weg nach Rotterdam, vielleicht sogar schon dort angekommen.“, sagte Hagen zu seinem Vater und strich sich über den Bauch.
„Gute Arbeit, mein Junge, wirklich klug von dir!“, meinte der Alte nachdenklich. Wo konnte die Chimäre von Rotterdam aus hingehen? Der Führer hätte damals wirklich auf ihn hören sollen, aber zu spät war nun einmal zu spät. Wenigstens Michael hatte volle Loyalität seinen Herren gegenüber bewiesen, Raphael und Gabriel schienen eher desinteressiert. Aber Michael unterstützte Hagen nach Kräften. Was für ein Soldat! Schade eigentlich, daß er kein Mensch war. Tatsächlich schienen sich die Gene von Blondi, des Führers treuem Schäferhund, in der Bärenchimäre als Ergänzung überaus bewährt zu haben.
Erich von Werink betrachtete seinen Sohn Hagen mit Stolz. Er war ein wahrhaft nordischer, mutiger und intelligenter Mann geworden, ohne auch nur einen Tadel. Hagen schien Lucifers Ungehorsam geradezu persönlich zu nehmen und setzte alles daran, das Biest zu finden. Seine gelegentlichen Unbeherrschtheiten verzieh er ihm gerne, denn Hagen erwies sich als das Paradebeispiel der Überlegenheit der Herrenrasse über die Kreatur. Bald würden sie Lucifer eingeholt haben, und sobald der Katzenhybride seinen Zweck erfüllt haben würde,
konnte man dieses mißglückte Ergebnis beseitigen. Traurig, daß sich Michaels Erbgut nicht zum Klonen eignete, aber bald, sehr bald schon konnten die neuen Labors Wirklichkeit werden und Hagen die Nachfolge des Führers antreten. Man stelle sich vor, sein eigenes Fleisch und Blut, Nachfolger des größten Mannes aller Zeiten! Er verlor sich in Träumen der glorreichen Zukunft seiner Nachkommen.
Hagen rieb sich die kleine Narbe in seinem Nacken und setzte sich auf das breite Sofa. Aus dem CD-Player posaunten die Wildbacher Kreuzbuben, daß Schatzilein nicht traurig sein müsse. Er freute sich über das Lob seines Vaters, denn von Kindheit an wollte er nichts mehr, als seinem Vater gefallen. Nach dem Tod seiner Mutter in den letzten Kriegstagen und der Geburt der Chimären hatte er sich oft einsam gefühlt, zumal er immer glaubte, mit den Geschöpfen seines Vaters in Konkurrenz treten zu müssen. Aber sein Vater vertraute ihm völlig. Zu Recht. Lucifer hatte ihn behext, Gefühle geweckt, die nicht sein konnten, nicht sein durften. Es war allein Schuld dieser verfluchten Kreatur, daß er sich hatte dazu verleiten lassen, sich selbst und die Aufgabe zu vergessen. Jetzt konnte er sogar nachvollziehen, daß sich Arier dazu hatten hinreißen lassen, Juden zu heiraten, denn sie waren auch verhext worden von deren wilder, abgrundtief verdorbener Schönheit. Aber diese Krankheit war ein für alle Mal überwunden, so hoffte er. Wenn der Bastard nur nicht diesen goldenen Zauberblick hätte, der ihn fast wahnsinnig machen konnte ...
„An was denkst du?“, fragte Erich in die Stille hinein, und Hagen zuckte ertappt zusammen.
„Ich dachte daran, daß ich morgen nach Holland fliegen werde.“, meinte der Sohn eilig.
„Aber Vater, ich denke, du bleibst besser hier. Nach all der Zeit könnte dich trotzdem noch jemand auf der Straße erkennen! Es ist zu gefährlich.“
„Das stimmt, mein Sohn, es wäre ein Risiko. Aber du solltest nicht allein gehen. Wen willst du mitnehmen?“
„Michael. Dazu Jim und Frank. Ich denke, das wird reichen, um den Teufel aufzuspüren.“
„Was ist mit Collin? Er kennt Lucifer gut und der Bastard vertraute ihm!“
„Nein, auf keinen Fall!“, sagte Hagen entschieden. „So weit traue ich diesem Summer nicht über den Weg. Ich habe keine Lust, daß er im entscheidenden Augenblick die Fronten wechselt.“
„Wie du meinst, Junge. Ich vertraue dir da völlig.“, stimmte der Alte zu und versank wieder in seinen Träumen vom Vierten Reich.


-25-

Bedauernd schulterte Lucifer seinen Seesack und streichelte Tomcat über das Fell, daß etwas von seinem Seidenglanz verloren hatte in den letzten Tagen. Der Kater kuschelte sich kurz in seine Hand und stakste dann wieder in den Pappkarton, den Jaime ihm mit Holzwolle und Papierschnippseln ausgepolstert hatte. Es schien dem Kater nicht wohl zu sein, denn er hatte seine Milch und das Fressen nicht angerührt, sondern nur den Trinknapf bis zum letzten Tropfen ausgeleckt. Lucifer bückte sich und füllte neues Wasser ein.
„Du kümmerst dich um ihn?“, fragte er den Koch.
„Seguro, chico. Willst du wirklich nicht weiter mit uns fahren? Ich glaube, man war zufrieden mit deiner Arbeit.“
„Nein, Jaime, wirklich nicht. Das Schiff schwankt mir zu sehr, und das viele Wasser macht mir Angst. Ich suche mir hier drüben eine andere Arbeit.“
„Ich werde deine Hilfe vermissen, Kleiner. Wer soll mich denn in Zukunft beim Gemüseputzen unterstützen? Aus dir könnte ein ganz passabler Koch werden!“
„Danke, Jaime, aber nicht auf einem Schiff.“, lachte Lucifer und strich noch einmal über das Fell des Katers. Dann reichte er dem Koch die Hand. „Auf Wiedersehen, mach’s gut.“
„Auf Wiedersehen, Luca. Vaja con dios.“
„Danke.“ Ein wenig traurig schloß Lucifer die Kombüsentür und lief über das sanft schaukelnde Deck. Manchmal verspürte er immer noch Übelkeit. Die Überfahrt war anstrengend, aber lehrreich gewesen.
Zum ersten Mal hatte er selbst sein Geld verdient, ohne etwas Unrechtes getan zu haben. Ein gutes, sehr gutes Gefühl. Er fühlte sich stark und selbstsicherer als zu Anfang der Reise. Niemand hatte etwas gemerkt, obwohl man sich zwangsläufig ständig begegnete und nur wenige Rückzugsmöglichkeiten blieben. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß Piet und Collin nicht die Ausnahme zu sein schienen, und langsam faßte er etwas Vertrauen in die Menschen. Natürlich war es zu einigen Reibereien in der Mannschaft gekommen, aber im Großen und Ganzen verhielten sich die Leute höflich, freundlich und manchmal sogar richtig nett. Wie Jaime zum Beispiel. Diese Menschen waren einigermaßen berechenbar, und Lucifer stellte erleichtert fest, daß er nicht ständig auf der Hut sein mußte, um nichts falsch zu machen. Ein Fehler war hier nicht so schlimm. Lucifer dachte, daß die Menschen im Allgemeinen vielleicht doch nicht so schlecht sein konnten, wie er gedacht hatte.
Endlich hatte er wieder festen Boden unter den Füßen. Er würde herüber nach Deutschland fahren. Nach Süden, in die Berge. Die von Werinks würden es nicht wagen, ihm dorthin zu folgen, selbst wenn sie ihn dort vermuteten. Er wollte eine Zeit lang wandern, laufen, bis sich seine Gedanken hoch oben über dem Chaos der Städte von allein klärten. Er konnte schon immer gut nachdenken in der Einsamkeit der Felsen.

Jaime bedauerte, daß der Chico gegangen war. Netter junger Mann, trotz dieser komischen Streifen. Eine eigentümliche Tätowierung, in der Tat unterschied sie sich beträchtlich von den üblichen Ankern und Fabeltieren und Herzen mit Frauennamen, die sonst die Seeleute manchmal trugen.
Jaime hatte Luca nicht verraten, daß er die Türen verwechselt und das Streifenmuster entdeckt hatte, als der Mann sich den Schmutz und das Öl herunterwusch. Leise hatte er die Türe geschlossen und sich nur gewundert. Außerdem waren da die ungewöhnlich spitzen Zähne im Oberkiefer, die ihn manchmal an Tomcats Gähnen erinnerten. Jaime wischte sich die Hände an der Schürze ab und beugte sich zu der schlafenden Katze herunter. Schade, daß Luca nicht mehr hier war.

Ein Jet überquerte den Atlantik.


-26-

Als die ersten Sonnenstrahlen dieses Spätsommermorgens die höchsten Alpengipfel in die goldenen Burgen des Zwergenkönigs Alberich verwandelten, war Isabelle mit dem Melken ihrer beiden Kühe fertig. Sie klopfte der kaffeebraunen Lisa auf das breite Hinterteil und nahm eine flache Holzschale vom Regal, um etwas von der warmen Milch zu trinken. Beim Abschöpfen achtete sie darauf, möglichst wenig von dem obenschwimmenden Fett zu erwischen, um keinen Durchfall zu bekommen. Sie wunderte sich, denn in der letzten Woche hatten beide Kühe fast einen Liter Milch weniger gegeben als sonst, obwohl sie völlig gesund zu sein schienen. Ihr Fell glänzte, die sanften Augen hatten einen samtenen Schimmer, der Schwanz wedelte beständig, um die auch in dieser Höhe noch lästigen Fliegen fernzuhalten. Isabelle wischte sich den Milchrand vom Mund und schaute prüfend in den Eimer. Wieder mehr Milch, genausoviel wie vor einer Woche. Wohl doch alles in Ordnung mit den beiden, Gott sei Dank. Zärtlich kraulte sie Lisa zwischen den Hörnern und hinter den Ohren, dann öffnete sie die Stalltür. Langsam trotteten die Kühe auf die Hochalm hinaus, um an den Kräutern zu knabbern.
Isabelle ging in die Hütte und nahm frische Unterwäsche und ein Handtuch aus dem Schrank. Während sie hinunter zum See ging - eigentlich war es mehr ein Tümpel aus eisiger Gletscherschmelze - freute sie sich, daß sie noch mehr als vier Wochen hier oben verbringen konnte, bis sie wieder zurück nach München mußte.
Dann würde der Hubschrauber sie und die beiden Kühe nacheinander wieder ins Tal schweben lassen, die Rinder in einem Hängegeschirr unter der Maschine festgeschnallt. Der andere Weg ins Tal war für Kühe nicht mehr gangbar, seit eine Lawine einen ganzen Felssturz in die Tiefe gerissen hatte. So war die Hochalm seit einigen Jahren nur noch  über einen gefährlichen und schwierigen Aufstieg durch Felsen und Gletscherzungen zu erreichen. Isabelle war darüber sehr froh, so wurde ihre dringend benötigte Ruhepause jedes Jahr nur durch einige wenige Kletterer gestört. Die Sonnenstrahlen erleuchteten jetzt bereits die Wiesen, und die junge Frau roch den würzigen Duft nach Kräutern und Kuhdung, jener Geruch, der sie immer unweigerlich in das Alter von vier Jahren zurückversetzte, als sie den Sommer bei ihrem Großvater hier auf der Hütte verbracht hatte. Auch all die vielen Tage in den folgenden Sommern, Hitze, Gewitter, Schneestürme im Juli, das Geläut der Kuhglocken, das Pfeifen des Windes, erschien ihr wie eine paradiesische Insel im sturmgepeitschten Ozean ihres Lebens. Und im Gedanken war sie immer vier, und sie saß neben Opa. Die Luft war warm vom Föhnwind, der von Süden über die Berge strich, und es würde ein schöner Spätsommertag werden.
Am See angekommen streifte sie ihre Kleider ab, löste den roten Zopf und rannte prustend und spritzend ins eisige Wasser. Wie immer war es eine kolossale Überwindung, sich schließlich in das glasklare Wasser zu werfen, denn die Gletscherschmelze erwärmte sich auch nach den heißesten Sommern kaum. Aber wenn man sich nicht mit einem Ruck ins Wasser warf, tat man es gar nicht mehr.
Die glasige Kälte schnürte ihr fast die Luft ab, doch sie tauchte ein weites Stück und kam erst am gegenüberliegenden Ufer wieder an die Oberfläche. Zurück schwamm sie mit einigen langen und ruhigen Zügen. Ihr wurde langsam etwas wärmer. Ihre Haut hatte beschlossen, die Oberfläche so klein wie möglich zu halten und zog sich zusammen wie Gummi. Schnell griff sie nach der einfachen Kernseife und wusch sich. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte und wieder in ihre Kleider geschlüpft war, begannen die Poren zu prickeln und zu brennen, und ihr wurde wohlig warm. Glücklich vor sich hinsummend flocht sie ihre Haare wieder zu einem Zopf, als sie den Berg hinauf zur Hütte stieg. Ihr Magen knurrte, und Isabelle freute sich aufs Frühstück und eine Tasse Kaffee mit frischer Kuhmilch.
Die bernsteinfarbenen Augen am gegenüberliegenden Hang hätte sie auch dann nicht bemerkt, wenn sie fast über ihren Besitzer gestolpert wäre.


-27-

Fieber glühte durch Lucifers Körper, und er warf sich heftig von einer Seite auf die andere. Er träumte. Von den Tagen vor ungefähr drei Monaten. Sie hatten einen Auftrag für Erich von Werink in Rom gehabt, die Übergabe eines Koffers mit unbekanntem Inhalt. In einem Anflug von Großzügigkeit hatte der alte Mann Collin Summer erlaubt, noch einen Tag dort zu bleiben und mit Luciferens zusammen die Stadt anzusehen. Lucifer war begeistert. Es war warm und sonnig, die Menschen schwatzten und lachten und aßen Eis, alles war fröhlich und bunt. Gegen Nachmittag setzten sie sich in ein kleines Restaurant und bestellten Pizza. Collin war müde und wollte am liebsten den ganzen Nachmittag dort sitzenbleiben, aber Lucifer war viel zu aufgedreht. Sie einigten sich schließlich darauf, daß Lucifer zwei Stunden alleine gehen sollte, von Werink brauchte ja nichts davon zu erfahren.
Eine Kirchentür stand offen. Die Bänke waren leer. Kühle, nach Weihrauch duftende Luft quoll heraus, und Lucifer ging hinein. Niemand sonst war anwesend. Lucifer betrachtete neugierig die prächtigen Bilder und Gerätschaften und fragte sich flüchtig, wie viele arme Leute man damit wohl satt machen könnte. Besonders die Schnitzereien bewunderte er, die goldenen Verzierungen und die Pracht der Edelsteine berührten ihn kaum. Er war so in die Betrachtung der fremden Kirchenschätze versunken, daß er erst hochschrak, als knapp hinter ihm ein Geräusch zu vernehmen war.
Ein Mann faßte nach seiner Schulter. Überrascht und erschrocken fauchte Lucifer und fuhr herum. Der Mann hatte in einem Reflex sein Hemd fest gepackt.
Die Knöpfe sprangen ab und das Hemd riß auseinander. Das Streifenmuster auf seiner Schulter und der Brust wurde sichtbar, und die Eckzähne blinkten gefährlich im Licht der Andachtskerzen.
Lucifer und der andere Mann waren beide zu Tode erschrocken. Der Katzenmann riß das Hemd an sich und versuchte, die Streifen wieder zu verstecken. Der Fremde war totenbleich geworden. In Panik stürzte er zum Weihwasserbecken und versuchte, Lucifer damit zu bespritzen. Irritiert sprang Lucifer zurück, mit einer Hand das Hemd festhaltend. Das schien dem Anderen Mut zu machen, er rannte hinüber zum Altar und riß das Kreuz und die Bibel herunter. Unverständliche Worte drangen drohend in einem unheimlichen Singsang aus seinem Mund. Lucifer verstand davon nur soviel, daß „Apage, Satanis!“ darin vorkam. Hektisch blickte er sich um. Wo war nur der nächste Ausgang? Die Kirche schien plötzlich sehr klein und bedrohlich, die hölzernen Heiligen mit ihren stacheligen Heiligenscheinen lächelten höhnisch von ihren Altären. Lucifer begann, langsam durch den Hauptgang zum Portal zurückzuweichen. Der Andere hatte nun das Altarkreuz hoch über sein Haupt erhoben. Das Gesicht, von Angst und Wut verzerrt, kam auf Lucifer zu, immer näher, schneller. Wie in einem mittelalterlichen Tanz bewegten sie sich durch den Mittelgang, der fremde Kirchenmann tanzte vorwärts, Lucifer rückwärts. Plötzlich stolperte Lucifer und fiel hin. Der Kreuzträger erkannte seine Chance und warf die dicke Bibel nach Lucifer und verfehlte ihn nur knapp. Lucifer schrie auf und erwachte auf dem Felsboden.
Er fror entsetzlich, obwohl ihm der Schweiß in Strömen über das Gesicht lief und sein Sweatshirt schon völlig durchweicht war.
Der Schüttelfrost ließ seine Zähne unkontrolliert aufeinanderschlagen, und er hatte Mühe, überhaupt etwas klar zu sehen. Er wußte, daß er hohes Fieber hatte, und es würde im Laufe des Tages noch steigen. Mehr Sorgen machte ihm jedoch der Wasserkanister, denn er war bereits mehr als dreiviertel leer. Heute würde es noch ausreichen, aber spätestens morgen früh mußte er hinunter zum See und neues Wasser holen. Ohne ausreichende Flüssigkeit würde er schnell austrocknen, und das Fieber könnte ihn wohlmöglich umbringen. Er grinste flüchtig bei dem Gedanken, daß die von Werinks ihn ganz umsonst suchen würden, irgendeine winziger Einzeller oder ein Virus hätte ihre Arbeit bereits erledigt. Lucifer trank einen Teil des Wassers, ehe er sich aus den verschwitzten Kleidern schälte und trockene Sachen aus dem Rucksack holte. Die letzten sauberen Hosen, das letzte Sweatshirt ohne Flecken und Risse. Gerne würde er die Sachen mit hinunter zu dem klaren See nehmen und waschen, aber er konnte froh sein, wenn er den Kanister mit den sechs Litern Wasser überhaupt wieder hoch zur Höhle schleppen konnte. Zitternd streifte er Wollsocken und die Daunenjacke über und zog den Reißverschluß des Schlafsackes bis zum Kinn hoch. Ein Feuer konnte er nicht machen, der getrocknete Kuhdung war ebenfalls aufgebraucht. Außerdem hätte man den abziehenden Rauch an diesem klaren Tag von weitem gesehen. Also keinen heißen Tee und weiter frieren. Lucifer wurde es von der Anstrengung schwindelig. Er rutschte mit dem Schlafsack über den Boden, bis er seine Beine an einen Felsen legen konnte und der Kopf den tiefsten Punkt seines Körpers bildete. Langsam kehrte das Blut ins Gehirn zurück, und er unterdrückte die aufsteigende Übelkeit.
Das Wasser war wohl zu kalt gewesen für seinen Magen. Er mußte weniger, dafür öfter trinken. Morgen, vor Sonnenaufgang, nahm er sich vor zum See herabzusteigen und den Kanister aufzufüllen. Bei Tag würde er in der Hitze nicht weit kommen, ohne umzukippen. Außerdem konnte die Frau von der Hütte ihn sehen. Nachts wäre es selbst für seine Augen bei Neumond zu dunkel für einen sicheren Abstieg über das bröckelige Gestein, ein gebrochener Fuß mit Sicherheit sein Ende. Die Morgendämmerung, noch bevor die Frau zum Baden kam, müßte die beste Zeit sein. Lucifer fiel in einen traumgeschüttelten, fiebrigen Schlaf.


-28-

Isabelle band sich gerade die Schnürsenkel der Wanderschuhe, die sie hier oben fast ununterbrochen trug, zusammen, als sie am gegenüberliegenden Ufer ein weißes Plastikgefäß im Gras liegen sah. Was für eine Schweinerei, dachte sie, können diese Trottel ihren Müll nicht wieder mit ins Tal nehmen? Wütend stampfte sie um den See herum, um den Kanister und den anderen Müll, den die Camper sicherlich auch noch zurückgelassen hatten, aufzusammeln. Tatsächlich, ein paar Meter weiter und fast von einem Felsblock verborgen, lag noch ein blauer Stoffetzen und eine Art Zeltplane zwischen den Steinen. Den Abfallkanister in der Hand kletterte Isabelle über die flechtenbewachsenen Felsen. Nein, das war kein Stück Zeltplane, es war eine Jacke, eine rote Daunenjacke. Dort lag ein Mann zwischen den Gesteinstrümmern, augenscheinlich bewußtlos! Sofort ließ sie den Kanister fallen und bückte sich. Der Puls an der Halsschlagader ging rasend schnell, die Atmung war flach. Seine Haut glühte. Das Rückrat schien unverletzt, daher entschloß sie sich, den Bewußtlosen sofort in die stabile Seitenlage zu bringen. Er war zwar nicht besonders groß, aber ziemlich muskulös und daher schwer, so daß Isabelle kräftig rucken und ziehen mußte, um ihn zur Seite zu drehen. Vorsichtig zog sie seinen Kopf in den Nacken und legte seine linke Hand unter die rechte Wange. Den rechten Arm, auf dem er lag, bog sie etwas nach hinten, damit er sich nicht in seiner Ohnmacht von selbst auf den Rücken rollte und an seiner Zunge oder Erbrochenem erstickte. Seine Stirn, über die eine noch nicht lange verheilte Narbe verlief, war sehr heiß.
Isabelle hob vorsichtig ein Augenlid, um die Pupillenreaktion zu prüfen. Sie fuhr erschrocken zurück. Die Augen waren hellbraun, eigentlich fast gelb, mit schmalen, geschlitzten Pupillen. Katzenaugen. Dumme Ziege, schalt sie sich, du neigst doch sonst nicht zu Einbildungen! Vorsichtig hob sie das andere Augenlid, aber, sie konnte es kaum glauben, auch dort ein senkrechter Pupillenspalt. Isabelle riß sich zusammen. Katzenaugen hin oder her, er konnte hier nicht liegenbleiben. Vorsichtig tastete sie seine Glieder ab um festzustellen, ob etwas gebrochen war. Als sie den linken Fußknöchel erreichte, sah sie eine leichte Bewegung auf seinem Gesicht, die jedoch sofort wieder verschwand. Der Knöchel war bereits angeschwollen. Isabelle zog den Schuh aus und tauchte den dünneren der beiden übereinandergezogenen Wollsocken in das eiskalte Wasser des Sees. Dann band sie den nassen Strumpf locker um das verletzte Gelenk und zog zum besseren Halt den anderen Socken darüber. Dann kletterte sie den Berg hinauf zum Stall, um für Lisa ein Zuggestell zu improvisieren, mit dem sie den Verletzten hinauf zur Hütte schaffen konnte.

Es war schon später Vormittag, als der Mann endlich auf dem Bett in der Hütte lag. Isabelle setzte Teewasser auf und schob Holzscheite in den gußeisernen Ofen, um die Kochstelle anzuheizen. Sie selbst konnte auch eine Stärkung vertragen. Es war sehr anstrengend gewesen, die Trage den Berg hinauf zu bekommen, zumal die Kuh zuerst überhaupt nicht wußte, was von ihr verlangt wurde. Schließlich stampfte sie jedoch gehorsam bergan, und Isabelle mußte sie nur noch um die großen Steine herumlotsen, damit das nachschleifende Gestell nicht umkippte. Trotz des unsanften Transportes regte sich der Verletzte nicht.
Isabelle strich sich eine Strähne der roten Locken aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf gelöst hatte, und begann, das verschwitzte Sweatshirt des Mannes auszuziehen und es gegen einen alten Pullover ihres Großvaters auszutauschen. Der Mann hatte noch immer das Bewußtsein nicht wiedererlangt, ob durch den Sturz oder das Fieber, wer weiß? Als sie das Sweatshirt hochzog - wieder eine Überraschung. Seine Haut war schwarz- goldbraun gestreift, am Bauch bleichte das Braun zu einem hellen Ockerton bis fast zum Weiß hin aus. Tigerstreifen.
Isabelle erschrak. Was war das nur für eine Krankheit? Hoffentlich nicht ansteckend! Sie fuhr zurück, sagte sich dann aber, das sie sich so oder so schon angesteckt hätte, wenn es denn so bestimmt war. Sie konnte ihm die Hilfe nicht verweigern, nur weil sie Angst hatte.
Als sie die Hosenbeine hochschob, um mit Wadenwickeln das Fieber zu senken, so wie es ihre Mutter früher mit ihr gemacht hatte, sah sie, daß auch seine Beine das Tigermuster trugen. Der Knöchel war inzwischen stark angeschwollen. Als sie die kalten Tücher darumwand, bewegte sich der fremde unruhig hin und her, wachte aber nicht auf.
Der Teekessel pfiff, und Isabelle goß einen Kräutertee auf. Als er durchgezogen und etwas abgekühlt war, nahm sie den Kopf des Mannes in den Arm und gab mit den Fingerspitzen einige Tropfen auf die vom Fieber rissigen Lippen.
Der Fremde blinzelte, fuhr mit der Zunge über die Lippen und versuchte, sich aufzusetzen.
Vorsichtig wurde er von Isabelle gestützt, und sie setzte den Becher an seinen Mund. Er öffnete die Augen und blickte sie an. Durstig trank er den Becher aus, ein wenig Flüssigkeit rann über sein Kinn den Hals herab. Als Isabelle den Arm hinter dem Kopf wegzog und ihn wieder in die Kissen sinken ließ, griff er nach ihrer Hand. Seine Hände waren ebenso heiß wie seine Stirn, und der Griff hatte kaum Kraft. „Bitte.“, krächzte er heiser. „Mehr!“
Beim zweiten Becher bemerkte sie, daß seine Eckzähne ungewöhnlich spitz und lang waren, jedoch als der Rand seine Zähne berührte, waren sie so gleichmäßig wie die anderen. Aber sehr spitz.
Isabelle schauderte. Diese Zahnveränderungen konnten eindeutig nicht infektionsbedingt sein. Sie durchzuckte der Impuls, zurückzuspringen und sofort aus der Hütte zu rennen, hinunter ins Tal, weg von dem Ding hier in ihrem Bett. Aber dann fiel ihr Blick auf das Gesicht des Fremden. Er war sofort wieder eingeschlafen, die Züge entspannt und friedlich. Isabelle fand, daß er ein außerordentlich attraktiver Mann wäre, wenn ... Seufzend zog sie die Decke wieder hoch, die an der Seite heruntergeglitten war. Was sollte sie jetzt tun mit diesem Alien, diesem Ding - nein, Mann - hier? Heute abend ab acht Uhr saß Antonio am Funkgerät, sie meldete sich einmal täglich bei ihm, daß es ihr gut ging und ob sie etwas brauchte. Sie brauchte nie etwas, außer heute. Einen guten Rat. Traurig dachte sie, daß ihr Großvater jetzt bestimmt gewußt hätte, was zu tun war. Nur war der leider schon seit sieben Jahren tot. Isabelle nippte an ihrem Tee und zwirbelte die störrische Haarsträhne zwischen den Fingern. Wenn sie nun Antonio bitten würde, den Mann mit dem Helikopter ins Krankenhaus zu bringen?
Sicherlich konnte man dort die Ursache des Fiebers feststellen und gleichzeitig den Knöchel versorgen. Andererseits - der Fremde wurde unruhig, bewegte sich im Schlaf und legte schließlich den Arm auf die Bettdecke. Der Pulli rutschte bis zum Ellenbogen hoch und ließ das Streifenmuster sehen - andererseits, was, wenn ihm das nicht recht wäre? Schließlich war es gut möglich, daß er seine seltsamen Eigenschaften aus gutem Grund vor anderen Menschen verborgen hielt. Jedenfalls war er trotz des Fiebers nicht zu ihr gekommen und hatte um Hilfe gebeten. Wer weiß, welche Erfahrungen aufgrund seines Andersseins er schon gemacht hatte! Und - woher kam er überhaupt? Er war ja wohl nicht vom Himmel gefallen oder wie ein Troll aus dem Berg gestiegen. Dabei fiel ihr die kleine Höhle ein, in der sie als Kind manchmal gespielt hatte. Vielleicht hatte der Fremde dort Schutz gesucht? Isabelle beschloß, das Risiko einzugehen und erst einmal abzuwarten. Antonio vorerst nichts zu sagen. Vielleicht würde das Fieber sinken. Oder jemand nach ihm suchen. Oder sonst was passieren. Sie jedenfalls hatte Zeit, viel Zeit.

Sie gab ihm alle zwei Stunden etwas von dem Tee und schlief auf dem Boden vor dem Herd. Gegen Morgen schien das Fieber zu sinken, er warf sich nicht mehr in Alpträumen hin und her. Die Atemzüge wurden ruhiger, auch der Puls ging langsamer, kräftiger. Isabelle atmete auf. Nachdem sie die Kühe versorgt hatte, rollte sie sich sofort wieder auf ihrem improvisierten Lager zusammen und schlief endlich fest ein.


-29-

Ein Geräusch weckte sie, und Isabelle fuhr hoch. Der Fremde saß auf dem Bettrand und versuchte, den Bergschuh über den verletzten Fuß zu ziehen. Sein Gesicht verzerrte sich, aber er gab nicht auf, bis er endlich erfolgreich war. Er hob den Kopf und sah sie an.
Isabelle strich sich übers Haar, daß ihr wirr um den Kopf stand. Leider war ihre Morgentoilette ja heute ausgefallen. „Guten Morgen!“, sagte sie.
Sein ernstes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. „Guten Morgen!“ Er begann, die Schuhbänder festzuziehen.
„Sie können nirgendwo hingehen!“, sagte Isabelle. „Sie haben Fieber, und mit dem Knöchel stimmt etwas nicht.“
„Ich muß.“, antwortete er und stand auf. Sofort gab das Bein unter ihm nach, und er fiel auf die Knie.
Isabelle stand auf und half dem Fremden zurück auf die Bettkante. „Soviel dazu. Sie müssen noch mindestens zwei Wochen hierbleiben und sich ausruhen. Wenn ich nicht den Helikopter rufen soll, damit er sie ins Tal zu einem Arzt bringt!“
Erschrocken starrte er sie an. „Wem haben sie erzählt, daß ich hier bin?“, fragte er. In seiner rauhen Stimme schwang eine leise Drohung mit.
„Niemandem. Jedenfalls noch nicht!“, beeilte sie sich zu sagen. „Ich wollte erst abwarten, ob es ihnen besser geht.“ Sie wandte sich um zum Herd und legte neues Holz in die Glut. Sie war ärgerlich, weil er es geschafft hatte, ihr Angst einzujagen.
„Entschuldigung. Ich habe es nicht so gemeint.“
Der Fremde saß noch immer auf dem Bett und betrachtete eingehen die alten Bodendielen. „Aber es ist wichtig für mich, daß mich niemand findet.“ Er hob den Kopf und lächelte traurig. „Sie werden ja inzwischen wissen, warum.“ Seine Hände zupften an den Bündchen des Pullovers, der ihm ein wenig zu kurz war.
„Allerdings!“, antwortete sie versöhnlich und holte Brot, Butter, Marmelade und Käse aus der Anrichte. „Wenn sie die Schuhe wieder ausziehen und hierher zum Tisch hüpfen, können wir zusammen frühstücken. Ich heiße übrigens Isabelle.“
„Mein Name ist - Peter.“, sagte er.
Die winzige Pause vor dem Namen verriet ihr, daß er durchaus nicht Peter hieß, aber sie beließ es dabei. „Also dann, Peter.“ Sie legte seinen linken Arm um ihre Schulter, um ihm zum Tisch zu helfen. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie seine Ohren rot wurden. „Danke!“, murmelte er verlegen.
Auch Isabelle fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß, denn sie fand ihn anziehender, als sie es vor sich selbst zugeben wollte. Wie ein Teenie, ärgerte sie sich, und dann auch noch rot werden. Resolut verscheuchte sie diese Gedanken und reichte ihm ein Stück Brot. „Wo kommst du her, Peter?“, fragte sie.
Er machte eine wage Geste hin zu den Gipfeln im Süden, die man durch das kleine Fenster hindurch in der Ferne blinken sah, und biß in das Brot. Schlucken schien ihm noch Schwierigkeiten zu bereiten.
Nein, wie aufschlußreich, dachte Isabelle ironisch. Na, das wollen wir doch mal sehen! „Ich komme aus München.“, sagte sie laut.
„Schöne Stadt.“
„Ja, wirklich. Aus welcher Stadt stammst du? Ich kann deinen Dialekt nicht einordnen.“
Das brachte ihn sichtlich aus dem Tritt. „Ähm, aus Köln.“
„Oh, das ist ja toll. Ich liebe Köln. Aus welchem Stadtteil?“
„Aus - Mitte.“ Er sah sie dabei nicht an.
Dann kennen sie bestimmt die St. Suitbertus-Kirche! Ist sie schon fertig renoviert?“, fragte sie.
„Ich kenne mich nicht aus mit Kirchen. Kann ich etwas Tee haben, bitte?“
Lächelnd reichte sie ihm einen Becher. „Ach komm, Peter, sicher kennst du sie. Der ganze Domlatz ist abgesperrt, und der Verkehr staut sich fürchterlich. Sag schon, ist sie fertig? Ich möchte nämlich gerne noch mal nach Klön und sie mir ansehen.“
Noch immer lächelnd bot sie ihm den Käse an.
Er nahm ein kleines Stück. „Ach, diese Kirche meinst du. Nein, ich glaube, sie ist noch nicht fertig.“, antwortete er und sah sie unbewegt an.
Isabelle lächelte strahlend. „Es gibt gar keine St. Suitbertus-Kirche in Köln. Und du heißt nicht Peter!“
Sein Arm zuckte herüber und packte sie am Handgelenk. Der Griff war fest, aber nicht zu sehr. Anscheinend ging es ihm wirklich besser. Als sie jedoch aufblickte, bereute sie, ihn aufs Glatteis geführt zu haben. Seine Augen waren sehr ernst, obwohl sein Mund lächelte. Wieder lag eine leise Drohung darin, und noch etwas anderes. Angst vielleicht?
„Hör mir zu, Isabelle! Ich bin dir sehr dankbar, daß du mich da draußen aufgesammelt und hierher gebracht hast. Ich bin dir auch wirklich dankbar, daß du nicht die Meute auf mich gehetzt hast, als ich schlief. Aber wir beide werden wohl noch ein paar Tage zusammen verbringen müssen, ehe ich von hier weg kann. Also bitte hör auf, mir Fragen zu stellen, damit ich aufhören kann, dich zu belügen!“ Er ließ ihren Arm los.
„Entschuldige.“, sagte sie, und sie meinte es auch so. Welches Recht hatte sie denn, in seinem Leben herumzustochern? Ein Mann wie er hatte bestimmt durch sein fremdartiges Aussehen genug Probleme. „Ich möchte trotzdem gerne wissen, wie du wirklich heißt.“
„Mein Name ist Luciferens.“ Er fing ihren Blick auf. „Ja, genau wie der Teufel, der Satan. Der gefallene Erzengel.“ Irgend etwas daran schien ihn zu amüsieren, denn er grinste kurz. Diesen Kommentar seines Namens hatte er wohl schon zu oft zu hören bekommen. Vielleicht war er seiner Mutter bei der Geburt passend erschienen für so ein Geschöpf, aber ein anderer Name hätte ihm bestimmt besser gefallen.
„Nein.“, sagte sie laut. „Daran dachte ich eigentlich nicht.. Luciferens bedeutet übersetzt: Lichtträger.“
Er sah sie überrascht an. „Stimmt das? Das hat mir noch nie jemand gesagt!“
Sie nickte, und er lächelte sie an. „Danke!“
Freundschaftlich knuffte sie ihm in den Arm. „Hör auf, dich ständig zu bedanken. Hüpf’ lieber wieder ins Bett, damit ich hier Ordnung machen kann!“

Er verschlief noch fast den ganzen Tag und die nächste Nacht, aber am Abend danach bestand er darauf, daß Isabelle wieder in ihrem Bett schlief. Nach heftiger Diskussion darüber gab sie nach, und er rollte sich auf der Decke vor dem Ofen zusammen.
Isabelle lag jedoch trotzdem lange wach und lauschte auf die regelmäßigen Atemzüge. Trotz seines fremdartigen Aussehens fühlte sie sich sehr zu ihm hingezogen. Ruhelos warf sie sich im Bett umher, bis es Zeit für die Kühe war.

Am nächsten Morgen fragte er sie beim Frühstück: „Kennst du die Höhle auf der anderen Seite des Sees? Sie ist ein gutes Stück oberhalb in den Felsen.“
„Ja.“, antwortete sie.
„Da sind meine Sachen. Ich hätte gerne etwas davon.“
„Kein Problem. Was ist es denn?“
„Nur eine kleine Schachtel, in der linken Seitentasche des Rucksacks. Etwas so groß.“ Er hielt die Finger etwa zehn Zentimeter auseinander.
„Sicher. Ich gehe gleich nach dem Frühstück hinauf.“ Die Neugier zwickte sie, und daher fragte sie weiter: „Was ist denn darin?“
Zu ihrer Überraschung wurde er nicht wütend, sondern seine Ohren färbten sich rot wie am zweiten Tag, als sie ihren Arm um ihn gelegt hatte. „Kontaktlinsen.“, murmelte er.
„Und warum wirst du dann rot?“, fragte sie neckend. „Es ist doch keine Schande, wenn man kurzsichtig ist.“
„Meine Augen sind prima, ich bin nicht kurzsichtig.“ Eine Pause zeigte ihr, daß er mit sich kämpfte, ihr den Grund zu nennen. Verlegen zupfte er an der Tischdecke. „Meine Augen - ich habe Katzenaugen. Die meisten Menschen ...“, er stockte, sprach dann jedoch weiter. „Die meisten Menschen finden sie unheimlich. Sie haben Angst vor mir. Die Kontaktlinsen sind dunkelbraun getönt, ich sehen dann ganz normal aus.“ Er schluckte und setzte sehr leise hinzu: „Ich möchte nicht, daß du mich abstoßend findest!“
Mitfühlend legte sie ihre Hand auf seine. Ihr war bereits aufgefallen, daß er sorgfältig darauf achtete, daß Streifenmuster seiner Haut vor ihr zu verbergen, obwohl er wußte, daß sie es gesehen hatte. Außerdem - wenn er lächelte oder sprach, zeigte er niemals die langen Eckzähne. Sie waren während des Fiebers häufig zu sehen gewesen, besonders, wenn er träumte.
„Deine Augen sind gut so, wie sie sind.“, sagte sie sanft. „Du brauchst hier keine Kontaktlinsen.“
Schüchtern lächelte er sie an und faßte nach einer Strähne ihres roten Haares. „Du bist so - schön!“, flüsterte er. „Dein Haar ist wie Feuer!“ Als Isabelle den Mund öffnete, um ihm zu antworten, zuckte er zurück. „Entschuldige!“, meinte er tiefrot und senkte   die Augen.
Isabelle stand auf, ging um den Tisch herum und setzte sich neben ihn. Er starrte auf die Tischplatte. Als sie den Arm um seine Schultern legte, spürte sie, wie angespannt seine Muskeln waren. „Das war ein sehr schönes Kompliment!“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Sag mir bitte noch mehr von diesen schönen  Dingen!“
Unsicher sah er sie an, sofort zum Rückzug bereit. „Ich - ich weiß, es klingt kitschig, aber als ich hier bei dir aufgewacht bin und dich auf dem Boden schlafen sah, da dachte ich, ich sei gestorben. Und aus irgendeinem Grund bei den Engeln gelandet.“ Vorsichtig streichelte er ihre Wange. „Du bist so hübsch, so freundlich. Vielleicht bin ich ja doch tot. Oder ich träume.“
Isabelle küßte ihn auf den Mund. Sie spürte seine Überraschung, die er jedoch sofort überwand und ihren Kuß erwiderte. Als sie ihre Zunge zwischen seine Zähne schob und die spitzen Eckzähne spürte, wurden seine Schultermuskeln hart und er versuchte, den Kopf zurückzuziehen, doch Isabelle hielt ihn fest. Langsam entspannte er sich wieder. Als sie den Kuß, nach Atem ringend, lösten, faßte er nach ihrer Hand und schob den Pullover von seinem Unterarm. Forschend blickte er ihr in die Augen. „Du findest das nicht abstoßend und häßlich?“
„Nein.“, sagte sie zärtlich. „Es ist schön.“
„Und meine Augen?“
„Es sind goldene Augen. Sie sind auch wunderschön. Bevor du weiterfragst - auch die Zähne stören mich nicht!“ Sanft zog sie ihn von der Bank hinunter auf die Decke, die immer noch vor dem Herd ausgebreitet war, und fuhr mit den Händen unter seinen Pullover. „Zieh das aus!“, sagte sie.


-30-

Als Isabelle von ihrem morgendlichen Bad zurückkam und die Tür der Hütte öffnete, schlug ihr köstlicher Kaffeeduft entgegen. Der Tisch war gedeckt und in einem Kaffeebecher stand ein Strauß mit Wiesenblumen, die rund um das Holzhaus herum in wilder Fülle blühten. Lucifer beugte sich gerade über einen Holzzuber, in dem heißes Seifenwasser dampfte. Sein frischgewaschenes schwarzes Haar stand ihm in wirren Büscheln um den Kopf. Als er das Geräusch der Tür hörte, richtete er sich auf, ein tropfnasses Sweatshirt in den Händen. „Oh, Isabelle, du bist schon da? Der Kaffee steht auf dem Ofen!“
Ungeschickt rollte er den Pullover zusammen und versuchte, das Wasser herauszuwringen. Dabei hielt er die Hände parallel zu einander, und ein kleiner Bach floß heraus.
„Männer!“, neckte Isabelle, „Macht ihr heute noch immer nicht eure Wäsche selbst?“ Sie entwirrte das dicke Knäuel und drehte den Ärmel mit entgegengesetzten Händen zusammen. Ein breiter Schwall Wasser tropfte in den Zuber. „So geht das!“
Lucifer wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm ihr das Shirt aus der Hand. „Nein, das habe ich bis jetzt nie gemacht. Danke dir.“ Er wrang das Wasser aus, zupfte den Pullover gerade und hängte ihn über die Stuhllehne zum Trocknen. „Ich möchte dir deine Sachen zurückgeben. Eigentlich wollte ich all meine Kleider waschen, bevor das Fieber mich erwischt hat.“
Isabelle goß Kaffee in die Becher. „Du kannst die Klamotten behalten. Sie gehörten meinem Großvater und sind mir sowieso viel zu groß. Komm her, ich habe einen Bärenhunger.“
Lucifer grinste und setzte sich.
„Schöne Blumen hast du da gepflückt. Das da vorne ist meine Lieblingsart.“ Sie tippte mit der Fingerspitze auf eine tiefgelbe glänzende Blüte, deren Blütenblätter eine dicke Kugel formten. „Das ist eine Trollblume. Ein Hahnenfußgewächs. Sie gedeiht auf leicht sumpfigen Böden, wie hinten in der Senke.“
Lucifer lächelte. „Ich finde blaue Blumen am schönsten. Rittersporn. Vergißmeinnicht. Schwertlilien. Die besonders. Sie wachsen auch an sumpfigen Stellen. Blau ist meine Lieblingsfarbe.“
Isabelle strich Honig auf ihr Brot. „Meine Lieblingsfarbe ist Gelb. Wo wir gerade dabei sind - welche Musik hörst du am liebsten?“
Er überlegte einen Moment. „Moderne Sachen. Queen zum Beispiel. Oder Marillion. Beatles. Rolling Stones finde ich schrecklich. Techno, Metall - da gibt’s auch ein paar gute Stücke. Was magst du?“
Isabelle zwirbelte ihr Haar zwischen den Fingerspitzen. „Ich finde eher ruhige Musik schön. Irish Folk Songs. Oder die Musik aus der Flower-Power-Zeit. Tracy Chapman. Aber auch Klassik. Die Peer-Gynt-Suite von Grieg ist toll.“
„Magst du Norwegen?“, fragte Lucifer. „Ich finde, es ist das schönste Land der Welt. Im Süden, in der Telemark, ist es ein bißchen so wie hier oben.“
Isabelle schenkte ihm über den Kaffeebecher hinweg ein Lächeln. „Ich war noch nie in Norwegen. Vielleicht fahre ich mal hin. Du bist wohl schon viel gereist, oder?“
Ein Schatten flog über sein Gesicht, und er runzelte die Stirn. „Ja.“, sagte er knapp.
Isabelle fand, daß sie besser nicht weiterbohren sollte, und wechselte das Thema. „Liest du gerne?“
Lucifer grinste jungenhaft. „Klar. Sehr gerne sogar. Du auch?“
„Ja. Was ist dein Lieblingsbuch?“
„Aber nicht lachen! Das Dschungelbuch von Kipling.“
„Das habe ich auch gelesen. Ich finde, es ist eigentlich kein Kinderbuch, wie die meisten Leute denken. Mein bestes Buch war „Der Name der Rose“. Kennst du das?“
„Ich fand es ziemlich schwierig zu lesen. Die vielen lateinischen Texte dazwischen. Aber es war trotzdem sehr interessant. Obwohl ich glaube, daß ich viele Themen darin nicht verstanden habe. Ich bin nicht sehr klug.“
Isabelle lachte. „Das glaube ich dir nicht!“
„Doch. Ich kann gerade mal lesen und schreiben. Das war’s schon. Meine Schulbildung ist gleich Null.“
„Das macht überhaupt nichts. Man muß nicht unbedingt viel wissen, um ein netter Mensch zu sein.“
Lucifer streichelte vorsichtig ihre Wange. „Ich bin nicht nett. Aber trotzdem lieb von dir, das zu sagen.“ Er nahm eine Trollblume aus dem Strauß und steckte sie in das lockige rote Haar. „Du bist sehr schön.“
Isabelle wurde rot. „Laß das. Ich hasse es, rot zu werden. Dann fühle ich mich wieder wie mit vierzehn!“
Sanft küßte er sie auf die Nase. „Ich finde das sehr liebenswert an dir.“
„Du machst mich ganz verlegen ...“ Hastig nahm Isabelle einen Schluck Kaffee und Lucifer grinste.
„Was machen wir heute. Das Wetter ist wieder wunderschön. Schade, daß ich noch nicht richtig laufen kann. Wäre ein toller Tag zum Klettern.“
„Ja, das wäre wirklich schön. Man kann heute ganz weit sehen, bis in die Schweiz hinein.“
Lucifers Blick streifte durch das offene Fenster über die schneebedeckten, nur schemenhaft zu erkennenden Gipfel am Horizont. „Hier oben erscheint mir immer alles so weit entfernt. Alles wird klar, nichts ist so wichtig, wie man gestern noch dachte. Es ist so - friedlich hier.“ Verträumt versank er in den blauschimmernden Eisriesen. Isabelle lehnte sich an seine Schulter.
Eine späte Biene schoß durchs Fenster und durchsummte die Hütte. Lucifer zuckte zusammen. „Schade, daß ich wieder gehen muß!“, flüsterte er traurig.
„Ja.“, sagte sie leise. „Schade.“



-31-

Am Nachmittag lagen sie nebeneinander im Gras und ließen sich die noch immer warme Septembersonne ins Gesicht scheinen. Das Gras duftete nach heißer Wiese und Sommertagen, Bienen summten umher, um den letzten Honig einzusammeln. Von Ferne her klang das Geläut der Kuhglocken, und der Wind zauste ein paar stoppelige Grasbüschel am Rande der Mulde.
Lucifer sah hinauf in den Himmel und zu den schweigenden Gletschern der Berge. Isabelles Kopf lag in seiner Schulterbeuge, und sie döste faul vor sich hin.
„Ich kann mich nicht in dich verlieben.“, erklärte er einem schwarzen Kohlröschen, das direkt neben ihm seinen Vanillegeruch verströmte. „Du bedeutest mir nichts. Und ich bin dir gleichgültig.“ Die kleine Orchidee nickte verständnisvoll im Wind.
„Das ist Quatsch. Du weißt das.“, murmelte Isabelle und streichelte die kleine Senke zwischen den Schlüsselbeinknochen.
„Nein.“, erklärte er der Blume. „Es geht nicht. Unmöglich.“ Ungerührt blühte die kleine Pflanze weiter vor sich hin.
Isabelle setzte sich auf, und er blinzelte sie gegen die Sonne an.
„Du wolltest mich doch nicht anlügen, hast du gesagt.“
Lucifer grinste schief. „Ja, das habe ich wohl. Es stimmt, ich mag dich sehr. Aber ich kann, ich darf mich nicht in dich verlieben.“
„Warum nicht? Ich bin jedenfalls richtig in dich verschossen. So mit Herzklopfen und allem! Du hast mich voll erwischt!“
Von einem unsichtbaren Pfeil getroffen sank sie zu Boden, und sie rollten sich lachend durch das Gras. Schließlich hielt er sie fest und küßte sie. „Mich hat noch niemand geliebt.“, sagte er ernst.
„Nichtmal deine Mutter?“, fragte sie, bevor sie nachdenken konnte.
Wieder huschte ein Schatten über seine Augen. „Ich kannte sie nicht.“
„Aber dein Vater?“ Isabelle bereute ihre verflixte Neugier, aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß irgend jemand auf dieser Welt überhaupt nicht geliebt wurde.
Lucifer lächelte wieder, und ganz kurz blitzten die Eckzähne hervor. „Welcher?“
Er sah ihr betroffenes Gesicht und beeilte sich: „Ich weiß auch nicht, wer mein Vater ist.“
Isabelle öffnete den Mund, aber er legte ihr die Hand auf die Lippen. „Bitte, frage mich nichts. Du möchtest die Antworten nicht hören, glaub’ mir.“
„Aber ich weiß überhaupt nichts von dir!“, protestierte sie. „Es interessiert mich, was du so machst, wo du lebst, was du arbeitest ...“
Er schüttelte den Kopf und sagte leise: „Wenn du wüßtest, was ich wirklich bin, wolltest du Nicht mit mir in einer Stadt leben, geschweige denn in der Hütte. Bitte, Isabelle, laß es gut sein! In einer Woche muß ich von hier fort, sobald mein Knöchel den Abstieg erlaubt. Laß uns diese Woche einfach genießen.“
Sie strich ihm die langen haare aus den Augen und küßte ihn auf die Stirn. „Was immer du sagst!“
„Kannst du überhaupt Kühe melken?“, fragte Isabelle herausfordernd.
„Nun ja, ich ...“, begann Lucifer, und Isabelle zog ihn zum Stall.
„Ist schon klar. Komm, ich zeig’s dir.“
Als sie mit Lisa fertig war, ging sie herüber zu Loni und schaute auf Lucifer herab, der sich noch immer mit dem Eimer abmühte. „Oh, schon fast voll. Du bist sehr gut für einen Anfänger.“
Lucifer zog die Schultern hoch und konzentrierte sich auf die Kuh, die an einem Heuballen rupfte. Isabelle kraulte sie hinter dem Ohr.
„Ich dachte schon, sie wären krank. Kurz bevor ich dich gefunden habe.“
Krachend zermalmte Loni das Heu.
„Deinen Kühen fehlt überhaupt nichts.“, sagte Lucifer und stand auf. „Ihre Milch war sehr gut, nach all den Seewasser, das ich sonst trinken mußte!“
„Du - was?“ Isabelle drohte ihm spielerisch mit der Faust. „Paß auf, wenn ich dich erwische, du Milchdieb!“
Lucifer hob die Hände. „Ich gestehe.“
„Oh, du - Lügner.“ Isabelle holte mit dem Stallbesen aus, doch Lucifer wich geschickt vor ihr zurück. „Bitte, euer Ehren, Gnade. Ich mache es wieder gut!“
Isabelle stutzte sich auf den Besen und setzte eine grimmige Miene auf. „Gut denn, Räuber. Ich verurteile euch dazu, das Abendessen zu kochen!“
Tatsächlich stand nach Sonnenuntergang eine dampfende Kasserolle auf dem Tisch, als sie zur Tür eintrat. „Hmm, duftet ja köstlich!“ Nachdem sie bereits die Hälfte ihrer Portion gegessen hatte, kaute sie plötzlich langsamer. „Da ist doch Fleisch drin!“, sagte sie.
„Oh! Ich wußte nicht, daß du keines ißt.“, entschuldigte er sich.
„nein, nein. Ich esse schon manchmal Fleisch. Nur - hier oben gibt es keines, außer das, was drüben im Stall steht und wiederkäut. Und das kann ja nicht hier auf meinem Teller liegen!“
„Schmeckt es dir nicht?“
„Doch, im Gegenteil, es ist sehr gut. Aber - was esse ich da gerade?“
„Murmeltier.“
Die Gabel fiel klappernd auf den Teller. „Du nimmst mich auf den Arm, nicht wahr?“
Lucifer sah sie erstaunt an. „Nein. Wieso?“
„Weil du noch immer kaum laufen kannst. Wie willst du da ein Murmeltier erwischen?“
„Das ist einfach. Einen Stock anspitzen und in einen Baueingang eingraben. Warten, bis eins der Murmeltiere in der Nähe frißt. Dann springt man auf, der Wächter pfeift, alles rettet sich in den Bau. Eines rennt in deinen Stock. Abgang Murmeltier, Zugang Abendessen.“
Isabelle nahm die Gabel und stocherte auf dem Teller herum. „Ich kann das nicht essen. Die sind so niedlich.“
„Kühe sind auch niedlich. Und Ferkelchen. Die ißt du doch auch?“
„Ja, schon, aber ...“ Isabelle schüttelte sich.
Lucifer zuckte die Achseln. „Ich verstehe die Menschen nicht.“ Er schob sich ihre Portion auf seinen Teller.
„Hast du das gegessen, als du oben in der Höhle warst?“, fragte sie.
„Ja. Oder Eidechse. Und Eichhörnchen. Käfer und Larven. Eine Krähe. Was immer ich erwischen konnte.“ Er fing ihren Blick auf. „Ich konnte ja schlecht den halben Supermarkt hier herauf schleppen.“
„Nein, wahrscheinlich nicht.“
Lucifer aß schweigend weiter. Isabelle spielte mit ihrem Glas.
„Ich gehe morgen früh, bei Sonnenaufgang.“, sagte er in die Stille hinein.
Isabelle fuhr auf. „Aber dein Bein ...“
„... ist viel besser geworden. Ich muß gehen.“ Er nahm ihre Hände in seine. „Ich bin schon viel zu lange hier. Ich bringe dich in Gefahr.“
Isabelle schluckte. Sie fühlte, wie ihr Tränen in die Augen schossen und blinzelte. „Bleibe hier!“, bat sie ihn.
Lucifer griff in die Tasche seiner Jeans, holte etwas hervor und drückte es ihr in die Hände.
Isabelle sah herab. Es war eine kleine Holzstatue, eine Frau. Die einzelnen Züge nur grob herausgearbeitet, aber eindeutig. Die kleine Figur war sie selbst. Es verschlug ihr die Sprache.
„Ich habe es für dich gemacht. Es ist so ziemlich das einzige, was ich kann.“
Sie war noch immer sprachlos. „Wie wunderschön!“, hauchte sie.
Lucifer lächelte glücklich. „Bitte, verrate niemandem, daß sie von mir ist. Sag, du hättest sie geerbt. Oder vom Trödelmarkt.“
„So etwas gibt’s nicht auf dem Trödel!“
„Bitte, Isabelle ...“ Etwas in seiner Stimme ließ sie aufblicken. „Niemand darf wissen, daß du mich je gesehen hast! Niemand! Versprich mir das!“
„Aber ...“
„Versprich es mir!“
Angst schwang darin mit, deshalb sagte sie: „Ja. Ich verspreche es.“
Er lächelte erleichtert und nahm sie in den Arm. „Ich wollte, daß du dich an mich erinnerst.
Haben wir eigentlich nichts Besseres in unserer letzten Nacht vor, als hier herumzusitzen?“


-32-

Ein Knirschen. Stein auf Stein. Direkt neben der Hütte. Lucifer war sofort hellwach. Vorsichtig nahm er Isabelles Arm von seinem Bauch. Wie schön sie war, sogar im bleichen Mondlicht, dachte er. Bedauernd schlüpfte er aus dem Bett und zog Hosen und Schuhe an. In einer Schublade fand er ein großes Küchenmesser. Lucifer verwünschte seine Nachlässigkeit, den Rucksack mit der Waffe in der Höhle gelassen zu haben, aber jetzt war es sowieso zu spät für solche Gedanken. Es war höchste Zeit, den verstand wiederzufinden und von hier zu verschwinden. Schnell streifte er ein Sweatshirt über, bevor er leise aus der Hütte trat.
Die Berge warteten schwarz und schweigend im funkelnden Mondlicht. Die Gletscher dagegen strahlten silbern in die Nacht. Eine der Kühe muhte leise, und ihre Glocke erklang. Sonst blieb alles ruhig.
Die Felsen warfen schwarze Schatten. Lucifers Augen reflektierten das Licht grünlich, für ihn war es fast taghell. Niemand zu sehen rund um die Hütte. Aber ein Geruch hing in der Luft. Nach anderen Menschen. Er blieb stehen und schnupperte. Ja, eindeutig, irgend jemand war in der Nähe. Wahrscheinlich im Stall, denn der Geruch der Kühe überdeckte fast alles andere. Außerdem hatte eine geblökt. Lucifer verfluchte wieder seine Dummheit, die Waffe zurückgelassen zu haben. Er glaubte nicht, daß zu dieser Nachtzeit noch irgendwelche Wanderer durch die Felsen stolperten. Vorsichtig öffnete er die Stalltür, die sich leise quietschend bewegte.
Ein grelles Licht flammte ohne Vorwarnung auf. Geblendet schloß Lucifer die Augen und riß im Reflex die Hände hoch. Ein kaltes Stück Stahl bohrte sich in seinen Hals, und Hagen von Werink sagte: „Willkommen, Bastard!“
Der Katzenmann konnte nichts sehen, seine Augen brannten. Blitzschnell fuhr die Hand mit dem Küchenmesser in die Richtung, aus der Hagens Stimme gekommen war, jedoch der Stoß ging vorbei. Das Messer an seinem Hals hinterließ einen kleinen Schnitt, als von Werink zurücksprang, Lucifers Hand packte und auf den Rücken drehte. Gleichzeitig stürzten zwei Männer aus der gleißenden Helle auf ihn zu, und gemeinsam rissen sie ihn zu Boden. Hagen zwang ihn, die Finger zu öffnen und das Messer loszulassen.
Der Herrenmensch erhob sich schnaufend, als seine Männer ein Stück Stacheldraht von der Rolle für die Zäune abschnitten und Lucifer damit die Hände auf den Rücken banden. Von Werink wartete ab, bis sie den Katzenmann auf die Knie hochgezogen hatten, und trat ihm in den Bauch.
Lucifer fiel nach vorne, hustete und würgte.
Hagen grinste. „Weißt du denn nie, wann du den Kürzeren ziehst? Ich hätte dir die Kehle durchschneiden können!“
„Warum hast du’s dann nicht getan?“, stieß Lucifer keuchend hervor.
Hagen packte ihn beim Schopf und zwang Lucifer, ihn anzusehen. „Ja, das hättest du wohl gerne, Bastard! Aber so läuft das hier nicht!“ Er ließ Lucifer los und setzte sich auf die Tür zu Lonis Box. Die Kuh blickte den Herren nur verständnislos über die nächtliche Störung an und legte den Kopf aufs Stroh.
Hagen zog seinen Schlagstock, den er wie immer und überall bei sich trug, aus dem Hosenbund und begann, damit auf seine Stiefel zu trommeln.
Lucifers Augen hatten sich inzwischen an das Licht gewöhnt. Ein großer, fast kahlköpfiger Mann hielt ihn an der linken Schulter fest; ein kleinerer, rotgesichtiger mit vielen Narben stand rechts. Lucifer kannte sie. Mit jedem einzeln hätte er es aufnehmen können, mit drei Männern gleichzeitig, die Hände auf dem Rücken - niemals.
Aus der Box von Lisa tauchte Michaels Kopf auf. „Luciferens!“, sagte er und nickte ihm zu.
Der Katzenmann funkelte ihn böse an. Hagen von Werink lachte. „Ja, Michael hat dich gefunden. Ich muß zugeben, ohne ihn hätten wir es nicht geschafft. Collin meinte, du wärst wahrscheinlich irgendwo im Urwald untergetaucht, aber Michael kennt dich besser. Er meinte, du würdest einen Ort in den Bergen aufsuchen, wo du zum Nachdenken allein sein kannst. Wo wir uns nicht hinwagen vielleicht. Also deutsch-österreichische Alpenregion. Der Rest war nur noch ein Geduldsspiel. Wenn du nur etwas eher abgehauen wärst, hätten wir dich nicht geschnappt! Traurig, nicht wahr?“
Lucifer starrte auf den Boden und schwieg.
„was ist mit der Frau?“, fragte Hagen freundlich.
„Was soll mit ihr sein. Sie macht hier Ferien. Sie hat mir geholfen, als ich krank war.“ Lucifer sah von Werink ins Gesicht. „Laß sie gehen. Sie hat keine Ahnung, sie weiß nichts.“ Er hoffte, von Werink würde seine Angst nicht bemerken. Seine Stimme hatte jedenfalls ruhig, fast gleichgültig geklungen.
Michael trat auf den Knienden zu und sog die Luft durch die Nase ein. „Er hat Angst!“, sagte er zu Hagen. Der hob nur eine Braue. „Kein Wunder!“
„Nein.“, meinte Michael entschieden. „Da muß noch etwas anderes sein.“
Von Werink hörte auf zu trommeln. „Die Frau?“
„Vielleicht.“
„Hol sie her!“
Michaels riesige Gestalt glitt lautlos aus dem Stall.
Lucifer drehte sich der Magen um, nur mit Mühe konnte er verhindern, sich zu übergeben.
„Du bist ja ganz blaß, ist dir nicht gut?“, höhnte Hagen.
„Laß sie da raus! Sie hat nichts mit uns zu tun!“, fauchte Lucifer und verfluchte Michael, Hagen von Werink und vor allem seine eigene Dummheit. Hagen lachte leise, und der Stock klatschte wieder auf seine Stiefel. Lucifer wünschte, er würde endlich damit aufhören. Sein Magen war klumpig wie ein Stein, die Knie schmerzten vom harten Stallboden, und der Draht schnitt tief in seine Handgelenke. Sorgfältig vermied er jede Armbewegung. Der rotgesichtige, Jim oder so ähnlich hieß er, nahm die Hand von seiner Schulter, packte ihn jedoch sofort wieder, als er den Blick des selbsternannten Herrenmenschen auffing.
Die Tür öffnete sich, und Michael stieß Isabelle in den Raum. Sie trug nur einen Pullover, eine Hose und Holzpantinen. Erschrocken wollte sie auf Lucifer zulaufen, als sie seinen warnenden Blick bemerkte. Als hätte sie nichts anderes vorgehabt, baute sie sich vor von Werink auf, der lässig auf sie herabblickte.
„Wer sind sie, was wollen sie, und warum scheren sie sich nicht zum Teufel?“
Hagen lachte belustigt in sich hinein. „Mein Name ist Hagen von Werink. Ich bin der Eigentümer dieses Dings hier und möchte unser schwarzes Schaf heim zur Herde holen.“
„Was faseln sie da? Ich glaube ihnen kein Wort! Verschwinden sie!“
„Ihr Wunsch ist mir Befehl, junge Dame.“ Er sprang herab zu ihr. „Allerdings werde ich mitnehmen, was mir gehört.“ Beiläufig schlug er Lucifer mit dem Stock in die Nieren. Isabelle fuhr zusammen, beherrschte sich aber. „Hören sie, von Werink! Ich weiß nicht, was sie alle miteinander zu schaffen haben, aber hauen sie endlich ab!“ Sie drehte sich um und wollte zur Tür hinausstürmen, aber Michael hielt sie fest.
Der blonde Erzengel und sein Herr wechselten einen langen Blick. Dann zog Michael sein Messer und setzte es ihr an den Hals. Isabelle erstarrte.
Lucifer sah nur auf den Stallboden. Die Steine verschwammen vor seinen Augen, und das Herz schlug ihm bis zum Hals.
Michael schnupperte. „Die Frau!“, sagte er erfreut.
Hagen von Werink grinste breit. Er legte den Schlagstock unter Lucifers Kinn und zwang ihn hochzublicken. „Was ist sie dir wert, Bastard?“, fragte er freundlich.
„Nichts!“, sagte Isabelle.
„Alles!“, flüsterte Lucifer.
Fröhlich klatschte der Stock wieder auf die Stiefel, und Lucifer glaubte, von diesem Geräusch gleich den Verstand zu verlieren.
„Was ist sie dir wert?“, fragte Hagen sanft in Lucifers Ohr. „Dein Leben?“
„Ja.“
„Du kommst zu uns zurück und unterwirfst dich unseren Befehlen?“
Ein kurzes Zögern. „Ja.“
Hagen von Werink beugte sich ganz nah hinunter zu Lucifer. Der Pfefferminzgestank aus dessen Mund würgte den schwarzen Erzengel. Leise, so daß niemand anderes es hören konnte, fragte Hagen: „Du tust ALLES, was ich dir sage?“
Lucifer fuhr hoch und sah in das breite Grinsen. Michael drückte mit unbewegter Miene die Klinge fester in die Haut. Isabelle hielt die Luft an. Ein dünnes rotes Rinnsal floß in ihren Kragen. Eine der Kühe schnaubte in die Stille. Auch die Männer wagten nicht zu atmen.
„Ja.“, sagte Lucifer endlich.
Triumphierend richtete Hagen von Werink sich auf und zog seine Hose zurecht. „Ihr geht mit der Frau hinüber in die Hütte. Sie soll euch einen Kaffee kochen. Luciferens ...“, er warf ihm ein siegessicheres Lächeln zu, „ ...und ich kommen dann nach!“
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