Zuhause

von LeS Lenne
GeschichteRomanze / P12 Slash
31.03.2006
31.03.2006
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Widmung: Für mein herzallerliebstes Seme, denn es hat Geburtstag (02.04.2006), es ist furchtbar lieb und vor allem hat es dieses Geschenk verdient, ganz einfach, weil es das Seme gibt! ♥
   

Zuhause




Die Klamotten, kurz vor der Fertigstellung, über und über mit Nadeln und herausstehenden Fäden, lagen kreuz und quer im Raum verstreut. Sie würden heute nicht mehr aufgehoben werden. Morgen wahrscheinlich auch nicht. Wann war nicht einmal so fraglich, eher ob sie überhaupt je wieder angefasst werden würden.
Inmitten des Chaos saß Hugo, den Kopf auf den Knien; die Hosenbeine waren nass von den Tränen, die er geweint hatte. Inzwischen musste er nicht mehr daran glauben, dass Britta wirklich tot war, er wusste es. Die Leiche, die er gesehen hatte, war der Körper gewesen, in dem ihre Seele gewohnt hatte. Die, die er hatte heiraten wollen und bis ans Lebensende nicht mehr hergeben. Aber jetzt war sie tot und eine Heirat ausgeschlossen. Er war allein.

Das Ticken der Uhr und das Tropfen des Wasserhahns, was ihn beides sonst stets aufgeregt hatte, hörten sich beruhigend an. Hätte es doch nur geregnet, doch das war nicht der Fall. Die Sonne schien hell und tauchte Berlin in einen sanften orangefarbenen Schimmer. Die Menschen auf der Straße, sonst immer mit düsteren Mienen ausgestattet, wirkten erleichtert, fröhlich – kurzum: Einfach glücklicher, als sie es je geglaubt hätten sein zu können.
Nur Hugo teilte dieses Glück nicht. Er war allein, und wartete darauf, dass es bald Wochenende wäre, an dem die Bestattung Brittas sein würde. Noch ein paar Tage, dann würde der Priester, der sie hätte mit ihm verheiraten sollen, die hübsche junge Frau in die Erde einlassen. Hugo hatte sich standhaft gegen den Wunsch der Eltern Brittas gewehrt, dass sie verbrannt werden sollte. Er wollte keine Urne haben, er wollte einen Ort, nur für sie. Auch wenn sie nun tot war, so dachte er, hatte sie noch ein Recht auf eine Stelle, die nur ihr gehörte und an der er sie besuchen konnte. Er hatte über die Eltern gesiegt und seinen Willen bekommen. Britta würde nun an einer wunderschönen Stelle begraben werden.

Neben Hugo saß eine weitere Person, nicht ganz so verzweifelt wirkend, aber dennoch niedergeschlagen. Das modische Hemd, welches Hugo einst entworfen hatte, hing locker am Körper des Mannes, der ihm Gesellschaft leistete.
Es war David, der da saß und Hugo zusah, wie dieser weinte. Seit ihm von der verbitterten Gestalt die Tür geöffnet worden war, hatte Hugo kein einziges Mal mehr zu ihm aufgesehen. Gesprochen hatte er noch gar nicht mit ihm und auch David hatte es unterlassen, etwas zu sagen. Nur langsam hielt er es nicht mehr aus. Sein Mund klappte auf und er setzte dazu an, loszureden.
Hugo vermieste es ihm, die Stille zu brechen, und sagte noch vor ihm: „Danke, dass du da bist. Aber du hättest deine Reise wirklich nicht unterbrechen müssen. Ich weiß ja, dass es dir wegen Mariella auch noch nicht so gut geht.“
„Mariella hat mich aber nur verlassen. Britta ist...“
„Britta ist tot, ja“, kam ihm Hugo abermals zuvor. „Gerade deswegen. Es gibt ja keine Möglichkeit mehr, die Situation zu bessern, oder?“
„Nicht für sie, aber für dich“, erwiderte David in ruhigem Ton und legte Hugo vorsichtig einen Arm um die Schultern. Er hatte erwartet, dass diese freundschaftliche Geste von Hugo weggeschlagen würde, was aber nicht der Fall war. Sie saßen beide ruhig da und starrten die Falten der fröhlich-bunten Kleider an, die vor und unter ihnen lagen.

„Und wenn mir nichts daran liegt, dass sich etwas für mich bessert?“
„Das glaube ich dir nicht. Ich kenne dich immerhin schon eine ganze Weile.“
„Wohl wahr...“, seufzte Hugo und sah, zum ersten Mal seit gut einer Woche, wieder jemandem direkt in die Augen.
„Ich kenne dich auch länger, als sie dich gekannt hat. Vertrau mir einfach. Lass uns etwas trinken gehen. Ab in die Tiki-Bar.“
„Lieber nicht, David“, flüsterte er, wandte den Blick wieder ab und schüttelte den Kopf. Einmal, zweimal, dreimal.
David tat es ihm gleich, sah zur Tür, packte Hugo resigniert fester an der Schulter, zog ihn in den Stand und zerrte ihn mit sich.
„Muss ich dir die Schuhe zumachen, oder schaffst du das selbst?“
„Ich sagte doch, dass ich lieber nicht...“
„Was du willst und was nicht, das ist jetzt mal nicht von Bedeutung. Du weißt doch, diese furchtbar schwer zu verkraftende Sache mit Mariella.“
Hugo zog skeptisch eine Augenbraue nach oben, setzte sich vor die Tür und zog seine Schuhe an.


~


„So, was soll’s denn sein für die beiden hübschen Herren hier?“
Eine recht ausgeflippte Bedienung stand mit verschränkten Armen vor dem Ecktisch an dem sich David und Hugo niedergelassen hatten. Sie war muskulös und wirkte einschüchternd, aber Hugo war zu apathisch, um das zu bemerken und David zu sehr an dem alkoholischen Getränk interessiert, das sie ihm hoffentlich bald bringen würde. Die schlechte Laune Hugos würde sonst bald auf ihn übergehen und einen depressiven zu trösten, wenn man es selbst war, ging zumeist in die Hose. Ausgenommen, man hieß Lisa Plenske und kannte das Wort Depression nur aus Wörterbüchern. Lisa Plenske war eine Frau, die höchstens einmal niedergeschlagen war, aber eine Depression?
Nie, dazu war der unverwüstliche Optimismus zu... nun, unverwüstlich.

„Hier, Drink ist fertig.“
Als die freundliche Frau Bedienung die Gläser auf den Tisch stellte, schwappte die Hälfte der eigentlich dort befindlichen Flüssigkeit heraus. David rutschte ein Stück zurück, um den Saft nicht auf der Hose zu haben, Hugo bekam alles ab. Unbeweglich saß er da, nur kurz senkte er den Kopf und betrachtete das Malheur. Dann schnappte er sich das Glas, nahm einen kräftigen Schluck und leerte es innerhalb weniger Sekunden vollständig.
„Du hast ja einen ganz schönen Zug drauf!“
Hugos Gesicht gab einen noch schwermütigeren Ausdruck preis und David wünschte sich, er hätte seinen Mund gehalten. Um nicht vollkommen wirr zu wirken, fuhr er fort: „Aber dass du mir ja nicht in irgendein Problem reinkommst.“
„Keine Sorge, ich bin nicht der Typ fürs Alkoholiker-Dasein. Davon wird man so hässlich und schlampig.“
„Man weiß nie. Das haben schon einige gesagt, und dann...“
„Du brauchst dir um mich keine weiteren Sorgen zu machen, es ist alles in bester Ordnung“, fuhr Hugo ihm über den Mund. Seine Stimme war fest und bestimmt und so ließ David das Thema fallen. Den Gesprächsfluss wieder zu unterbrechen kam aber gar nicht in Frage. Er überlegte, welches Thema passend war. Angemessen der Verfassung Hugos, die ja nun nicht gut war, kam ihm eine großartige Idee. Was lenkte einen Mann besser ab, als die Arbeit.

„Lisa hat eine neue Vermarktungsidee.“
„Tatsächlich?“, horchte Hugo interessiert auf. David verkniff sich sein breites Grinsen nur sehr knapp. Er hatte ihn an der richtigen Stelle erwischt und freute sich, zumindest innerlich, wie ein Kind darüber. Jetzt musste er es nur noch weiterhin so gut hinbekommen. Aber er war sich sicher, wenn er sich nur ein wenig anstrengte und nicht zu verkrampft wirkte, dann würde auch das ganz wunderbar klappen.
„Ja! Und zwar dachte sie, dass es doch sicher gut und innovativ, nun, mehr oder weniger zumindest, wäre, wenn wir die neue Kollektion so zeigen, wie sie wirken soll.“
„Was hat Rokko gemeint? Irgendetwas von wegen ‚frisch, jung und schnell’?“
„Korrekt. Daher kam dann die Idee, dass man die Models ja in einem Vergnügungspark, auf den Achterbahnen, ablichten könnte.“
„Gar keine üble Idee“, murmelte Hugo, ganz in Gedanken versunken dank der Möglichkeiten, die diese großartige Idee bot. Der flatternde Stoff der Sommerkleider würde sich gut machen und für den nötigen erotischen Touch sorgen.

„Ich wusste, dass dir das gefallen würde.“ David nickte bestimmt und nahm noch einen Schluck von dem wild zusammengemixten Cocktail, den er sich bestellt hatte.
„Nun, wir brauchen ein wenig Sexappeal um anzukommen. Die Umgebung ist genau die richtige, wirkt aber auch nicht zu aufdringlich. Das könnte wirklich etwas werden, denke ich mal...“
„Schade, dass wir kein zurückhaltend erotisches Ausstellungsmodell mehr haben.“
Der bittere Blick auf Davids Gesicht verriet sofort, dass er an Mariella dachte, doch Hugo, der schon leicht angetrunken war, nahm das nicht mehr wahr.
„Wieso? Du siehst doch auch sexy aus“, gluckste er und stieß mit David an, der seinerseits verdutzt schaute.
„Meinst du? Ich weiß nicht. Ich glaube, Frauen sind da sowieso beliebter.“
„Ach, sind wir nicht alle ein bisschen bi?“
David räusperte sich; dass seine Wangen gerötet waren, merkte man in dem dusteren Ambiente der Bar nicht. Als Hugo ihm näher kam, fürchtete David allerdings, dass man es doch sehen könnte, denn er hatte das Gefühl, sein Kopf würde glühen wie eine Leuchtreklame, die zu lange in Betrieb gewesen war.

„Sag mal, hast du Fieber?“
„Den Anmachspruch fand ich noch nie gut“, murmelte David vor sich hin, wurde aber nicht wahrgenommen. Zumindest nicht von Hugo, dessen Kopf inzwischen an Davids Schulter lehnte.
„Du wärst ein tolles Model, ehrlich.“
Auch die aufkommende Gänsehaut Davids wurde nicht von Hugo bemerkt. Der Drink hatte ihm den sonst so klaren Sinn gründlich vernebelt. So hatte er sich die ganze Zeit über gefühlt, als Britta noch am Leben gewesen war. Betrunken und blind. Jetzt war er es wieder, wenn auch nur wegen dem Alkohol.
„Darf ich dich küssen?“, hauchte er David entgegen, der keine Antwort mehr geben konnte. Die Lippen der beiden hatten sich schon längst getroffen.
Ein erstauntes, unter dem Kuss ersticktes Einatmen seitens David, aber keine Gegenwehr folgte. Er schloss sogar die Augen. Das war das erste Mal, dass er einem Mann so nahe gekommen war und er musste sich eingestehen, dass er es gar nicht mal so übel fand. Hatte er sich sonst vor dem Gedanken geekelt, gingen ihm jetzt Fantasien durch den Kopf, die die FSK ohne Weiteres auf den Index gesetzt hätte.

Die Hand Hugos in seinem Nacken spürend, lehnte sich David nach vorn und seine Oberlippe verabschiedete sich von der Unterlippe.
Dass jeder in der Bar hätte sehen können, dass sich zwei der begabtesten Köpfe von Kerima leidenschaftlich küssten, wurde unter dem Alkoholeinfluss nichtig. Sophie von Brahmberg kam ohnehin nie einfach so und ganz alleine in die Tiki-Bar, von ihr hatten sie also nichts zu befürchten. Lisa hatte heute ein Rendezvous mit Rokko, auch sie würde wohl kaum herfinden.
Vielleicht kannten einige Leute hier ihr Gesicht, aber die meisten waren zu sehr mit sich selbst oder ihrem Partner beschäftigt, mit den Leuten, die sie heute für einen One-Night-Stand haben wollten, vielleicht auch für etwas längeres. Auf alle Fälle war ein schwules „Pärchen“ nicht sehr interessant.
Außer für diejenigen, die dieses „Pärchen“ bildeten, was sie ja eigentlich gar nicht waren. Obwohl...?

„Das war, wie soll ich sagen? Interessant?“, brachte David atemlos hervor. Hugo sah ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an. David lachte herzlich und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Vielleicht hast du ja Recht und wir sind wirklich alle ein bisschen bi?“
Nun war es David, der Hugo näher kam. Allerdings ließ Hugo es nicht zu, sondern schob David zur Seite, rückte einen guten halben Meter von ihm ab und setzte sich verkrampft wirkend gerade auf.
„Wir sollten vielleicht besser gehen. Du bist schon ganz betrunken... und ich scheine auch nicht mehr ganz da zu sein.“
„Ach, Hugo, jetzt sei doch kein Spielverderber“, ereiferte sich David, schon der Bedienung zuwinkend, um einen neuen Drink zu bestellen.
„Nein, wir gehen jetzt.“
Hugo packte ihn grob am weit in den Raum ausgestreckten Arm und zog ihn aus der Bar heraus, auf die Straße und kramte in seiner Jackentasche nach seinem Handy. Er fand es, dabei hatte er gedacht, er hätte es vergessen, und rief ihnen ein Taxi.
Nur, wohin sollte er mit David? Ihn jetzt allein zu lassen wäre nicht gut gewesen, nicht in diesem beschwipsten Zustand. Möglicherweise würde er sonst noch dem Fahrer einen Schrecken einjagen, oder ähnliches. Nein, er müsste ihn wohl zu sich mitnehmen, wenn er kein Risiko eingehen wollte. Immerhin war David sein bester Freund. Er wollte weder seine Ehre noch sein Leben in Gefahr bringen. Er hatte ja schon Britta verloren, David sollte nicht folgen.
Nach kurzem Überlegen stieg er mit dem glucksenden David in das Taxi, wies dem Fahrer an, wohin er zu fahren hatte, lehnte sich zurück und seinen Kopf gegen die Scheibe des Wagens. Erst da bemerkte er, dass es zu regnen begonnen hatte. Die Tropfen prasselten gleichmäßig an die Fensterscheibe und ergaben einen angenehm dumpfen Rhythmus, der ihn fast einnicken ließ. Aber nur beinahe. David redete wie ein Wasserfall – wenigstens über nichts besonders Außergewöhnliches, nur über Mode und Geld. Hin und wieder entwich David auch ein heiseres, kindlich klingendes Lachen. Er war betrunken, und wie, ganz klar.

„David, benimm dich gefälligst.“
„Ja, Mama!“, erwiderte David schelmisch. „Wenn das Kind Hunger hat, stillst du es dann auch? Ja? Oh, ich habe ganz großen Durst, Mama!“
Der Taxifahrer sah skeptisch in den Rückspiegel, räusperte sich und, als David noch immer nicht reagierte, sondern nur verliebt Hugo anstarrte, der ihn dafür ignorierte, hustete heftig. Da sah Hugo endlich zu ihm.
„Wir wären dann da, mein Herr. Vierzig Euro, bitte.“
„Das ist ja Wucher!“
„Ihr Freundchen da zu ertragen auch. Schaffen sie den unerträglichen Kerl raus, aber dalli.“
„Schon gut, schon gut. Regen sie sich nicht auf“, meinte Hugo beschwichtigend, gab dem Fahrer das Geld, stieg aus, öffnete David die Tür und zerrte ihn heraus. Tänzelnd ging dieser auf eine Straßenlampe zu, umarmte und küsste sie. Derweil sang er: „I’m pretty and witty and -...“
„Untersteh dich, David!!!“, rief ihm Hugo zu, während er dem Taxi nachsah, das eilig um die Kurve fuhr. Der hat es gut, dachte Hugo flehentlich, ich würde jetzt auch lieber abhauen, als mit dem besoffenen Rabauken zusammen sein zu müssen.
„Komm, gehen wir nach oben.“
Hugo packte David und bugsierte ihn die Treppen nach oben in die Wohnung, wo er ihn erst einmal aufs Sofa verfrachtete. Deprimiert nahm er wahr, dass David keine Anstalten machte, sich hinzulegen, um den Rausch auszuschlafen. Ganz im Gegenteil: David sah Hugo breit lächelnd an und klopfte auf die Stelle neben sich.
„Hinsetzen, bitte... bitte, bitte!“
„David, ich denke, du solltest dich jetzt hinlegen und etwas schlafen. Ich werde dir eine Decke besorgen.“
„Ich mag aber nicht auf der Couch schlafen.“
„Wo willst du denn dann schlafen?“
„In deinem Bett!“
„Ich kann aber unmöglich auf der Couch schlafen, sonst bekomme ich verspannte Schultern und kann nicht richtig arbeiten.“
„Du schläfst ja auch in deinem Bett!“, gab David breit grinsend von sich.
„... ich habe noch ein paar freie Tage, da kann ich auch auf der Couch schlafen.“

Hugo hievte David hinunter auf den Boden, schubste ihn in Richtung Schlafzimmer und schloss hastig die Tür, als er sah, dass David sich auf das Bett gesetzt hatte. Er hoffte nur, dass die Sache damit gegessen wäre.
Doch aus dem inneren des Raums hörte er ein lauter werdendes Krakeelen: „Hugo, Hugo, der fliegende Holländer mit allen seinen Vögeln... sind wieder da, alle meine Hugos!“
Der Besungene schüttelte den Kopf über die wild zusammengewürfelten Kinderliedtexte. Wenigstens der Gesang war nicht gar so schlimm, wie der vor wenigen Minuten unten auf der Straße. Widerwillig öffnete er die Tür wieder, trat ein und ließ sich neben David auf das Bett sinken. Wütend starrte er ihn an.
„Na schön, was willst du denn noch? Ein Glas Wasser? Kannst du haben. Oder wenn du dir die Zähne putzen möchtest – Britta ist ja nie da zu gekommen, sie zu benutzen, du kannst also ihre nehmen“, brachte Hugo unter schwerem Schlucken hervor. Die Trauer über den Verlust von Britta übermannte ihn nun wieder. Aber nicht lange, denn David stieß lachend hervor: „Sag mal, die Britta... vor ihr hattest du doch sicher andere Beziehungen oder?“
„Ja, ich hatte vor ihr auch schon andere Beziehungen.“
„Nein, nee, ich meine ‚andere’ Beziehungen. Mit Männern... oder Jungs, ich weiß ja nicht, was du so magst.“
Hugo wurde blass und sein Mund öffnete sich vor Erstaunen so weit, dass man fürchten konnte, er wurde sich gleich das Kinn ausrenken.
„Das weißt du doch, David“, meinte Hugo beschwichtigend. „Und jetzt solltest du besser schlafen.“
„Bin ich dir zu alt oder zu jung oder was ist es? Vorhin hast du mich auch geküsst.“
Hugos Hals fühlte sich kratzig an, seine Zunge staubtrocken und seine Lippen taub. Ja, das vor einiger Zeit war ohne Weiteres ein Kuss gewesen.
„Wir sind beide betrunken. Da kann so was schon mal passieren.“
„Och, jetzt bin ich ganz traurig“, lallte David, sich in die Decke kuschelnd und das Gesicht zu einer Schnute verzogen.

„Ich könnte dich schon noch einmal küssen, aber-...“
„Aber!?!“ David horchte interessiert auf, und es dauerte keine zehn Sekunden, bis er wieder ganz aufrecht saß. Er wirkte auch ganz plötzlich weitaus nüchterner, klarer als eben noch. David musterte Hugo, der seinerseits den Atem angehalten hatte.
„Aber was? Komm schon, sag es mir. Ich vertrage das schon, Hugolein. Wir sind doch Freunde, schon vergessen?“
Hugo fing sich wieder.
„Ja, genau. Wir sind Freunde, schon seit einigen, langen Jahren. Keine Geliebten, oder so etwas in der Art.“
„Das ist wahr.“ David schien nachdenklich, kratzte sich am Kinn und besah sich die weiße Wand. „Aber mit Britta warst du zunächst auch nur befreundet, oder etwa nicht?“
„Stimmt, aber sie war eine Frau.“
„Oh, sind wir aber bieder!“ Inzwischen klang Davids Stimme genervt. Augenrollend wandte er sich an Hugo: „Wir sind betrunken und ein wenig Sex würde dich sicher aufmuntern. Sex ist dafür immer gut.“
Schon saß David auf Hugos Schoß, der nicht anders reagieren konnte, als sich zurückfallen zu lassen und David wütend anzustarren.
„Geh sofort von mir runter, leg dich hin und schlaf.“
„Erst, wenn wir hier fertig sind, mein Lieber.“
„Wann gedenkst du, dass das der Fall sein wird?“
„Wenn du dich endlich mal entspannt hast. Was ist zur Entspannung besser, als... als... na, was?“
„Sex“, antwortete Hugo nüchtern, die Augen starr auf Davids Hände gerichtet, die daran waren, das Seidenhemd zu öffnen, das Hugo heute morgen angezogen hatte. Es war schwarz, anlässlich der Trauer um Britta. Ansonsten zog er nie schwarze Sachen an. Sie passten nicht zu ihm und auch nicht zu dem Stil, der gerade angesagt war. Schwarz kam im Grunde überhaupt nicht in Frage.
Jetzt wurde er von dieser entsetzlichen Modesünde befreit und von einer anderen übermannt. Der Name der Sünde war David. Oder vielleicht auch Wollust. Um das zu unterscheiden, war er viel zu betrunken, so wie zu beschäftigt damit, den Angreifer von sich zu schieben, der inzwischen dabei war, Hugos Hals per Zunge näher zu inspizieren.

„Ich denke wirklich nicht, dass das eine gute Idee ist. Du bist betrunken, frustriert wegen Mariella und... und das ist einfach keine gute Idee!“, fügte Hugo bekräftigend hinzu, als David noch immer nicht von ihm ablassen wollte.
„Ich bin nicht mehr frustriert wegen Mariella. Na schön, vielleicht ein kleines wenig. Aber nicht so sehr, dass ich es nicht mit einem Freund tun könnte.“
„Du drückst dich heute mal wieder sehr nonchalant aus“, war Hugos schnippische Reaktion. „Übrigens: Dich interessiert es wohl gar nicht, was ich will? Vielleicht habe ich auch einfach keine Lust?!“
„Und ob du das hast.“
David deutete nach unten, er schwankte und der Fingerzeig stieß in Hugos Schoß. Dieser schrie auf, und auf den ersten entsetzten Schrei folgte gleich noch ein zweiter, wenn dieser auch leiser war.
„Siehst du! Du hast wohl Lust!“, gab David kichernd von sich. Hugo seufzte, lehnte sich zurück, rollte sich auf die Seite und ließ David damit von sich herunterplumpsen.
„Nicht mehr lange. Ich werde jetzt aus dem Zimmer gehen, eine Kopfschmerztablette nehmen und mich dann hinlegen. Im Wohnzimmer. Auf das Sofa. Verstanden?“
„Im Wohnzimmer. Auf das Sofa. Alles klar!“
David gab ein Glucksen von sich, ließ sich nach hinten fallen und war binnen Sekunden im Land der Träume angekommen. Er drückte das riesige Kissen fest an sich und Hugo konnte nur noch staunend betrachten, wie David sich in Embryonalstellung zusammenkauerte und friedlich schlief.

„Dann werde ich jetzt wohl wirklich mal gehen.“
Insgeheim hatte Hugo doch gehofft, er würde nochmals aufgehalten werden, aber der Alkohol hatte David augenscheinlich den Rest gegeben – endlich, es hatte auch lange genug gedauert. Wäre es nur etwas früher passiert, dass David in diesen komatösen Schlaf fiel, hätte Hugo das Problem in seinem Schritt nicht zu lösen. Die Zeit war nicht gnädig gewesen und so zog er sich ins Bad zurück, wo er sich von dem Unglück befreite, während er eine heiße Dusche nahm.
„Warum nur immer ich“, murmelte er vor sich her, während er sich abtrocknete und im Spiegel betrachtete. Das Glas war angelaufen und er musste erst das vom Wasserdampf dort gelassene Wasser fortwischen, ehe er sich wirklich klar und deutlich erkennen konnte. Was er an seinem Hals entdeckte, machte ihn nicht glücklicher: Ein roter Fleck.
Er hatte nicht genau darauf geachtet, aber dass David so beschäftigt mit seinem Hals gewesen war, verwunderte ihn nun doch reichlich. Wie er so zur Beerdigung gehen sollte, war ihm schleierhaft. Vielleicht würde Schminke helfen...


~


Hugo hatte nicht gut geschlafen. Er hatte geradezu grauenhaft geschlafen. Sein Nacken tat weh, seine Schultern spannten und ihm war speiübel. Wäre er eine Frau gewesen, hätte er sich so schnell wie möglich einen Schwangerschaftstest besorgt, so wie es war, suchte er aber einfach nur nach einer Schmerztablette.
Als er sich vollends aufgerichtet hatte und an den Schrank getreten war, in dem er Medikamente, Pflaster und Bandagen verstaut hatte, hörte er ein Geräusch. Es kam aus der Küche und hörte sich nach kochendem Wasser an.
Hugo schluckte die Tablette und machte sich dann auf, zu untersuchen, wer da Wasser kochte und warum überhaupt. Kaffee und Kater, das passte nicht zusammen. Nicht für Hugo. Die Kaffeemaschine hatte er ohnehin nur wegen Britta besorgt, da sie so gern Kaffee trank. Er selbst mochte das Getränk nicht, es war ihm zu bitter.

In der Küche stand, nur mit Boxershorts bekleidet, David. Er betrachtete die Kaffeemaschine skeptisch, als ob er solch ein Gerät noch nie gesehen hätte, was natürlich nicht der Fall war, gab es doch sogar in seinem Büro genau die gleiche Version zu bestaunen, nur in einer anderen farblichen Nuance.
„Was tust du denn-... oh, ah ja, du warst ja betrunken.“ Hugo nickte sich selbst zu. Wirklich vergessen, was gestern passiert war, hatte er natürlich nicht, aber die immer noch nicht schwächeren Kopfschmerzen erstickten jeden klaren Gedankengang im Keim. Er fühlte sich, als ob er durch eine dicke Suppe waten würde, als er auf David zuging.
„Ich hab gut geschlafen“, murmelte David, „aber es wäre noch besser gegangen. Nur du wolltest ja nicht...“
Der geschockte Ausdruck auf Hugos Gesicht verriet David, dass dieser eigentlich erwartet hatte, dass er sich an nichts mehr erinnern könnte. Das war nicht der Fall. David konnte sich sehr gut daran erinnern und die Flecken an Hugos Hals betrachtete er mit einem Anflug von Stolz. Mariella hatte das nie mit sich machen lassen. Sie hatte ihm wohl, im Grunde ihres Herzens, noch nie gehören wollen. Sein bitterer Blick blieb nicht unbemerkt.
„Wenn du Kopfschmerzen hast, dann kannst du...“
„Hugo? Weich nicht aus.“
„Ich weiche nicht aus. Du nimmst dir jetzt eine Tablette und verschwindest dann.“
„Und der Kaffee!?“, hakte David bestürzt nach. Er hatte sich schon darauf gefreut, zu spüren, wie ihm der Koffein den Körper erwecken würde. Jetzt wurde er rausgeschmissen, von seinem besten Freund. Das machte er sich zunutze: „Ich kann so noch nicht alleine draußen rumlaufen.“
„Und ob du das kannst. Du wirst gehen. Von mir aus, trink deinen Kaffee noch. Wie auch immer. Ich hol dir erst mal ein Aspirin.“
„Von wegen ‚Ich weiche nicht aus’...“, gab David leise grummelnd von sich und wandte sich der piepsenden Kaffeemaschine zu. Er ließ das kochend heiße braune Getränk in die Tasse laufen und setzte sich dann an den Küchentisch, wo er auf Hugos Rückkehr wartete. Beim ersten Schluck verbrannte er sich die Zunge, worauf ihm wieder einfiel, wie es am gestrigen Abend gewesen war, Hugo zu küssen. Er schmunzelte und schüttelte den Kopf. Das würde er wohl nicht noch mal genießen können, wenn es nach Hugo ging.

Es dauerte nicht lange, da wurden die Medikamente auch schon geliefert. Hugo schüttelte die Tabletten aus der Packung auf den Tisch und setzte sich dann gegenüber David auf einen der Gartenstühle. Er hatte mit Britta neue, richtige besorgen wollen. Eigentlich.
David schnappte sich zwei der Pillen und warf sie ein. Dass man dazu eigentlich kein koffeinhaltiges Getränk einnehmen sollte, wusste er sehr gut, doch seine Kopfschmerzen machten diese Belehrung der Gebrauchsanweisung unbedeutend. Hauptsache, es wirkte. Ob ihm davon übel werden würde, war ihm recht egal. Schlecht war ihm ohnehin schon, viel schlimmer konnte es nicht mehr werden.
„Trink aus“, forderte Hugo ihn auf. Sein Blick war kalt und streng.
„Warum bist du eigentlich so verärgert?“
„Oh, David. Tu nicht so, als ob du keine Ahnung hättest...“
„Nur wegen...“, begann er, doch Hugo fuhr ihm über den Mund.
„Ja, nur deswegen. Falls du es vergessen hast: Meine Verlobte hatte einen tödlichen Unfall und ich trauere, dieses Wochenende ist die Beerdigung und du hast nichts besseres im Sinn!? So stelle ich mir einen besten Freund nicht vor.“
David sah betroffen den inzwischen unter der dünnen Schicht Kaffee sichtbaren Boden der Tasse an.
„Tut mir Leid. Wahrscheinlich sollte ich doch gehen.“
Damit nahm er den letzten Schluck, ließ die geleerte Tasse an Ort und Stelle stehen, stand auf und suchte im Wohnzimmer seine Jacke. Er wusste noch, dass er sie irgendwo abgelegt hatte; auf dem Sofa fand er sie.

Hugo lief ihm den ganzen Weg bis zur Tür nach, die Arme vor der Brust verschränkt und bitterböse dreinschauend, auch wenn er längst nicht mehr so wütend auf David war, wie er es hätte sein müssen.
Hugo öffnete die Tür und ließ David hinausschlüpfen. Einen Moment lang sahen sie sich an, dann starrte David die Treppe an, die nach unten, draußen, führte. Er öffnete den Mund, als ob er noch etwas sagen wollte, schloss ihn dann aber wieder. Noch einmal sah er Hugo an. Kritik, sowie auch etwas Enttäuschung lag in seinem Blick.
„Man sieht sich dann bei der Arbeit“, meinte David kurz angebunden, dann war er auch schon fort.
„Man sieht sich dann... ja...“, seufzte Hugo, während er die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ. Er hasste sich dafür, aber der Gedanke, David einen Abschiedskuss geben zu wollen, war schmerzlich in ihm aufgeflammt, als er ihm noch einmal in die Augen gesehen hatte.
Wenige Minuten später klingelte das Telefon. Abwesend nahm Hugo ab. Es war das Bestattungsinstitut, das nachfragte, ob es denn auch den richtigen Sarg bestellt hätte und ob auf den Grabstein tatsächlich ein Kreuz sollte, oder ob eine Rose bestellt worden war. Hugo legte den Hörer wieder auf die Gabel, ohne eine Antwort zu geben. Er verbarg das Gesicht in seinen Händen, lehnte sich an die Wohnungstür, aus der David eben entschwunden war, und rutschte langsam hinunter auf den kalten Boden.



´Cause I can't make you love me
If you don't
You can't make your heart feel
Something it won't





©Sat.1
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