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Die einsame Entscheidung

GeschichteAbenteuer / P6 / Gen
14.01.2006
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DIE EINSAME ENTSCHEIDUNG
eine BattleTechstory
von
Georg Mackowiak

Schiessen, schiessen, schiessen!
Es gab keine andere Realitaet fuer mich als Hitze, Laser, Raketen und Partikelstrahlen. Mein Dunkelfalke war
schwer beschaedigt, aber immer noch gefechtsbereit. Ich zuendete die Sprungduesen, um meinem Gegner, einem Kampfschuetzen, hinter den Ruecken zu springen. Der gegnerische Mechkrieger bekam seinen Mech nicht schnell genug gedreht, moeglicherweise hatte er auch mein Manoever falsch beurteilt. Jedenfalls war sein kaum gepanzerter Ruecken fuer einen Augenblick ungeschuetzt. Mein Laser schnitt tief in den Leib des feindlichen Mechs, schuf Platz fuer die sogleich gestarteten
Kurzstreckenraketen, die Chaos und Vernichtung brachten.In einem atomaren
Glutball verging mein Gegner.Erneut wollte ich meine Sprungduesen zuenden, um diesem Ort des Terrors zu entkommen und meinen Auftrag weiterzufuehren. Es ging nicht! Wie wild hieb ich auf den Schalter ein. Nichts geschah. Der Mech hatte wegen Reaktorueberhitzung abgeschaltet. Zu oft hatte ich den Veto-Schalter betaetigt!DAS musste das Ende sein, wurde mir klar. Mitten im Gefecht stillgelegt zu werden war der Tod. Selbst wenn ich nun "aussteigen" wuerde, kaeme dies dem Tode gleich, knapp ein dutzend Meter von einem havarierten Fusionsreaktor entfernt, der harte Gamma-Strahlung von sich gab. Mein Sieg ueber den Kampfschuetzen war gleichzeitig mein Todesurteil.Dessen bewusst werdend, richtete ich mit der verbleibenden mechanischen Energie meinen Mech in eine aufrechte Stellung und hob den rechten Unterarm mit dem daran befindlichen Laser zu einem letzten Salut.Dann schlugen Hitze und Finsternis ueber mir zusammen.
"Willkommen, Tod!" war mein letzter Gedanke.

*

"Captain Thomass, Captain Thomass!" Wie durch Watte vernahm ich diese Worte, undeutlich und unklar. Ich war doch tot, gefallen im Gefecht von Maka Hannya, im Dienste der Leichten Eridani Reiterei, Zweites Bataillon,
Dritte Kompanie, Eigenname "Buskashi". Cpt. Thomass war in seinem Mech
verbrannt, rstickt, gestorben.Ich fuehlte, wie man mich beruehrte, und erneut vernahm ich "Captain! Captain Thomass!" War ich etwa gar nicht tot? Ich hoerte Worte, zwar undeutlich, aber doch.
Auch fuehlte ich! Ich schien in einem Bett zu liegen, kuehl umgaben mich
Bettlaken, es fuehlte sich weich an.Ich schlug die Augen auf.Ich lebte! Ein
MedTech stand an meinem Bett und ueberpruefte offenbar meine Koerperfunktionen.
Er hielt ein MedPad in den Haenden und starrte auf die Anzeigen. Als er
bemerkte, dass ich bei Bewusstsein war, laechelte er mich an. "Na, endlich,
Captain, sie haben es ueberstanden!"Ich versuchte, meine Gedanken zu rdnen.Meine letzte Erinnerung war, dass ich in meinem waidwund geschossenen Dunkelfalke ohnmaechtig geworden war, in der sicheren Erwartung des Todes.
Wie kam ich in dieses Krankenrevier? Wo war ich eigentlich? Mit noch etwas
schwacher Stimme fragte ich dies den MedTech. Dieser blieb bei seinem Laecheln und zuckte nur bedauernd mit den Schultern.
"Tut mir leid, Captain, aber man wird sich um sie kuemmern." Wer war "man"? Gerade wollte ich das fragen, als der Tech sich ueber mich beugte
und mit den Worten "sie muessen noch ein wenig ruhen" mir eine Spritze

verabreichte. Erneut schwanden mir die Sinne.

*

Eigentlich war es eine Routineaufgabe gewesen. Die dritte Kompanie des
zweiten Bataillons der Leichten Eridani Reiterei, die den stolzen Namen
"BUSKASHI" fuehrte, hatte einen Auftrag uebernommen.Es war ein typischer Auftrag fuer unsere Soeldnertruppe, die beruehmt war fuer schnelle und praezise Aktionen. Große Schlachten waren nicht unser Ding, vielmehr waren kleine, gezielte, quasi "chirurgische" Aktionen die Art von Kriegfuehrung, fuer die wir ausgebildet und ausgeruestet waren.Es ist ein Irrtum, zu glauben, Krieg sei einfach nur Gewalt. Intelligent gefuehrter Krieg war stets der Einsatz von KONTROLLIERTER Gewalt. Hier etwas Druck, dort etwas mehr, dort eventuell auch Vernichtung, ganz, wie es die Situation erfordert. Soeldnergruppen wie etwa die Wolfs Dragoner waren dafuer beruehmt, dass sie ganze Landstriche in Schutt und Asche legen konnten, mit ihren gewaltigen BattleMechs. Die Eridani-Reiterei hingegen nutzte nur leichte bis mittelschwere Mechs, was uns ungeheuer schnell und effektiv machte. Wir konnten auch durchaus gegen Mechlanzen bestehen, die schwere oder ueberschwere Mechs nutzten! Konzentriertes Feuer von zwei oder drei Wespen oder Heuschrecken, die staendig in Bewegung waren, konnten sehr wohl eine ernsthafte Bedrohung selbst fuer den schwersten Mech darstellen.Zumal die meisten Einheiten ohnehin schlecht ausgeruestet waren. Im Jahre 3020 war die Versorgungssituation verzweifelt! Da hatten Einheiten wie unsere ganz klare Vorteile, denn Schrott von schweren Mechs konnten wir meist noch fuer unsere Zwecke umbauen, unser Schrott hingegen war tatsaechlich nur noch Altmetall. Ich muss mich korrigieren, denn gerade in diesen Monaten des Jahres 3020 hatten wir damit begonnen, Waffen und Panzerungen von abgeschossenen Mechs auf Raupenfahrgestelle zu montieren, wir hatten die alten Panzer neu erfinden muessen. Natuerlich fehlte es an der Elektronik, Mikrochips wurden bitter fuer die Mechs gebraucht, weshalb die eschuetzfuehrung der Panzer allzuoft manuell funktionierte, ein Nachteil, den wir durch Feuerkraft auf zu wiegen versuchten. Dies fuehrte
aber dazu, dass Panzer zwar "grosse Loecher schossen", diese aber nicht
sonderlich praezise gesetzt wurden. Unsere Leichte Reiterei hatte
Probleme! Nun, wer hatte dies nicht. Die Zeiten, in denen HiTec-Produkte
auf dem Markt erhaeltlich waren, waren seit vielen Jahren vorbei. Wir
konnten nicht mehr tun, als alles wieder zu verwenden, was noch irgendwie
zu gebrauchen war. Der Krieg hatte zu lange gewuetet, zu viel war zerstoert worden.

Unseren Auftrag hatten wir dem Hause Kurita zu verdanken. Im Grenzgebiet
des Drachen hatten Piraten damit begonnen, marodierend ueber unbedeutende
Planeten her zu fallen. Es gab nichts wirklich Wertvolles zu holen, hier
eine Schiffsladung Erze, dort zwar teures, nicht jedoch wirklich
wertvolles Wasser. Diese Piraten waren laestig. Zu unwichtig, um regulaere
Kurita-Truppen los zu schicken, zu leicht bewaffnet fuer schwere
Soeldnertruppen (die ja auch entsprechend teuer waren!), also hatte der
Drache uns angeheuert. Wir patrouillierten im betroffenen Raumsektor auf
folgende Weise:
Unser Sprungschiff DJIHAD hatte in einem Sektor von zwanzig Lichtjahren

vier Landungsschiffe der UNION-Klasse abgesetzt, um sich dann im

interstellaren Raum zu verbergen. Die Gefahr war zu groß, dass die Piraten
eventuell das Sprungschiff angreifen wuerden. Zwar wuerden weder regulaere
Einheiten noch Soeldner es wagen, eines der unersetzbaren Sprungschiffe
anzugreifen, aber Verbrechern wie diesen Piraten war eine solche
Ungeheuerlichkeit zu zu trauen.Die Landungsboote setzten ihre Lanzen aus, und ab dann hieß es ganz einfach - warten, bis die Piraten kommen, zuschlagen und vernichten!
Meine Einheit, FAISAL (das bedeutet "blitzendes Schwert"), lauerte auf dem

kleinen Planeten Maka Hannya. Wir brauchten nur wenige Tage zu warten, bis
unsere Ortungsinstrumente Alarm schlugen. Ein Sprungschiff war am
Nadirpunkt der Sonne Haramita aufgetaucht und hatte zwei Landungsboote
ausgesetzt. Unsere Navigatoren beobachteten den Flug der Boote genau, bis
endlich errechenbar war, wo sie auf Maka Hannya landen wuerden. Wir
setzten daraufhin unsere vier Lanzen in Marsch.
Die Piraten hatten keine Ahnung, dass sechzehn Mechs auf sie warteten!
Wir hatten strikte Order, die Landungsboote landen zu lassen. Gewiss waere
es militaerisch ratsamer gewesen, die Boote waehrend des Landeanfluges vom
Himmel zu schiessen. Aber sie stellten ein so wertvolles Reservoir an
HiTec dar, dass wir sie schonen mussten. Wir warteten, bis die
gegnerischen Mechs die Schiffe verliessen, um dann den Kampf aufzunehmen.
Natuerlich war das Ueberraschungsmoment auf unserer Seite.
Was soll ich ueber das Gefecht sagen! Wir waren sechzehn MechKrieger in

guten BattleMechs, der Gegner war zwar zahlenmaeßig und von der Tonnage
her ueberlegen, aber Disziplin, Schulung und Professionalitaet der
Leichten Eridani Reiterei erwiesen sich wieder einmal als ueberlegen
gegenueber einem Gegner, der nur auf Feuerkraft setzte. Profis, die wir
waren, gewannen wir das Gefecht, mit unseren leichten Mechs maehten wir
die Piratenmechs, die zwar gross, aber schlecht gefuehrt waren, nieder. Es
war keine Heldentat.
Ich weiss nicht, vielleicht ging es zu leicht, jedenfalls schenkte ich der
Hitzeskala meines Dunkelfalken zu wenig Beachtung. Die Schlacht tobte, ich
schoss, wurde getroffen, hektische Funksprueche kamen an, ich schoss und
schoss und schoss, wich aus, setzte alles ein, was mein geliebter
Dunkelfalke aufweisen konnte, selbst die titanische  linke Faust kam zum
Einsatz.
Endlich hatte sich mir ein ernst zu nehmender Gegner gestellt. Offenbar

der Kommandant der Piraten hatte sich mir in seinem Kampfschuetzen zum

Duell gestellt. Wuetend begann er, auf mich aus allen Rohren zu feuern,

wohl im Vertrauen auf seine Tonnage und Panzerung. Ich sprang ueber ihn,
schoss ihn ab - und mein Mech schaltete sich ab.

*

Erneut erwachte ich. Ich merkte, dass es mich schwerer erwischt haben musste, als ich angenommen hatte, kaum konnte ich mich ruehren. Immerhin, ich lebte.
Neugierig schaute ich mich im Zimmer um. Dass ich nicht bei meiner Legion
war, das war mir schon klar. Der Raum wirkte wie ein Krankenzimmer in
einer Klinik, nuechtern, sauber, hell. Mir war voellig unklar, sowohl wo
ich war, wie auch wie ich hierhin gekommen sein konnte! Nicht dass ich mich
beschweren wuerde; aus einem ueberhitzten Mech waehrend eines Gefechtes
gerettet zu werden und in einem weichen Bett aufzuwachen, war eine
akzeptable Alternative zum Geroestetwerden.
Die Tuer oeffnete sich und der selbe MedTech den ich bereits gesehen
hatte, betrat den Raum.
"Guten Morgen, Captain," begruesste er mich und laechelte mir freundlich

zu. "Guten Morgen," antwortete ich brav.
Meiner Frage, die mir wohl allzu deutlich im Gesicht geschrieben stand,
kam er zuvor:
"Bitte, Captain, strengen Sie sich nicht an, Sie brauchen noch etwas Ruhe.

Sie waren in Ihrem total ueberhitzten BattleMech dem Tode sehr nahe.

Unsere Leute haben Sie im letzten Moment retten koennen."
Ich stutzte! "Unsere Leute", wer war denn das? Und was war eigentlich mit
der Eridani-Reiterei. Ich fragte.
Er seufzte. "Captain, Sie werden noch alles Wichtige erfahren. Ich darf

Ihnen aber schon jetzt mitteilen, dass Ihre Einheit Sie nicht sucht. Sie

gelten offiziell als gefallen. Ihr Dunkelfalke explodierte nur Sekunden
nach Ihrer Rettung."
DAS musste ich erst einmal verdauen.
Gewissermaßen las ich gerade meine eigene Todesanzeige, nicht gerade ein

besonders aufheiternder Gedanke.
Nun, unter Feinden war ich nicht, man kuemmerte sich um mich. Ich wurde
medizinisch versorgt, erhielt gutes Essen. Der MedTech war freundlich zu
mir, wenn er auch nicht mit der Sprache herausruecken wollte, wo ich
eigentlich war. Ich beschloss, einfach das zu tun, was man mir vorschlug,
naemlich erst einmal wieder fit zu werden.
Einen Tag spaeter war ich wieder so weit hergestellt, dass ich das Bett

verlassen konnte. Mittlerweile hatte ich Zeit zum Nachdenken gefunden. Das

Zimmer wies keinerlei Insignien auf. Das war auffaellig! Selbst das
Besteck, das ich zum Essen erhielt, war voellig neutral. Da ich gewiss
nicht bei Onkel Bill in Kansas war, sondern in irgendeiner militaerischen
Umgebung, war das Fehlen jedes Zeichens sehr ungewoehnlich. Dies, sowie
die Tatsache, dass mein freundlicher Pfleger mir seinen Namen nicht
genannt hatte, liess mich darauf schliessen, dass ich es mit einer
vorzueglich organisierten Geheimdienststelle zu tun hatte. Ich wartete ab!

*

Mein Pfleger, jener namenlose MedTech, hatte mir meine tadellos
gesaeuberte Uniform gebracht. Ich hatte geduscht, mich rasiert, die
zweckmaeßige Eridani-Uniform angelegt und war bereit, meinen Rettern zu
begegnen. Ich hatte aufgehoert, mich zu wundern! Dass ich gerettet worden
war, lag auf der Hand, dass meine Retter aber daran gedacht hatten, auch
meine Uniform, die zusammengefaltet hinter meinem Pilotensitz gelegen
hatte, zu bergen, ueberraschte mich. Nun, wie auch immer, ich trug die
olivfarbene Hose, adrett in wadenhohe Schnuerstiefel gesteckt, mein
gruenes Uniformhemd, darueber einen ebenfalls olivfarbenen Pullover, an
Schultern und Ellbogen lederbesetzt. Die Abzeichen am linken und rechten
Aermel wiesen mich als Captain der Leichten Eridani Reiterei aus. Auf
meinem Blondschopf saß schraeg das gruene Eridani-Barett, das neusilberne
Emblem vorn am Barett, ein stilisierter Pferdekopf, der auf die
Eridani-Tradition hinwies, war frisch poliert. Mein Waffengurt mit der
schweren Henderley-Automatik fehlte ebenso wie die 22er Taruff, die ich
gern unter der linken Achsel fuehrte. Mein Stiefelmesser steckte jedoch an
Ort und Stelle, ganz wie gewohnt. Bis auf die Schusswaffen hatte man mir
meinen ganzen Kram, den ich in meinem Mech mitgefuehrt hatte, zurueck
gegeben. Offensichtlich respektierte man mein Soldatentum!
Gut, man hatte mir die Schusswaffen genommen, warum auch immer. Mein

Messer hatte man mir jedoch gelassen, was bedeutete, dass ich im Umkreis

von drei Metern fuer jeden Gegner eine toedliche Gefahr darstellte.
Allerdings nahm ich nicht an, tatsaechlich eine Waffe zu benutzen, mein
Interesse war eher beruflicher Natur. Soldaten achten auf solche Dinge.Ich
vermutete, dass eine andere Soeldnerorganisation sich meiner angenommen
hatte, oder aber, wie bereits angedeutet, eine geheime Organisation des
Hauses Steiner oder Davion. Da man mich auf einem Planeten des Hauses
Kurita geborgen hatte, konnte ich eine gewisse Heimlichkeit sehr wohl nach
vollziehen. Der Drache konnte sehr empfindlich reagieren, wenn man ihm auf
die Tatzen trat. Ich rechnete damit, dass man mich auf faire Weise
verhoeren wuerde, mich aber am naechst gelegenen Planeten gehen ließ,
wenn meine Retter nicht sogar so großzuegig waren, Kontakt zur Reiterei
auf zu nehmen. Ich nahm mir jedenfalls vor, keine Fragen darueber zu
stellen, was die Leute auf Maka Hannya zu tun gehabt hatten.

Mit leisem Zischen oeffnete sich die Tuer meines Raumes, und mein Pfleger

stand vor mir. Nun, ich war an seinen Kittel und seine medizinische

Ausstattung gewohnt, insofern ueberraschte es mich schon ein wenig , ihn
in Uniform zu sehen. Schaftstiefel, schwarze enge Hose, schwarzer
Uniformrock, hochgeschlossen, das konnte alles bedeuten. An den Schultern
des Rockes fanden sich nur rote Kreuze auf weissem Grund.
Ungewohnterweise gruesste er militaerisch und redete mich ebenso an:
"Sir, Sie werden gebeten, sich zum Kommandanten zu begeben."
Er blieb in Hab-Acht-Stellung stehen. Vergebens suchte ich nach

Rangabzeichen an seiner Uniform, er trug nur das Rote-Kreuz Symbol, stand
also ausserhalb jeder militaerischen Befehlskette. In Gedanken nickte ich!
Solche Leute setzten ihr Leben aufs Spiel, um Verwundete zu retten. Im
Bedarfsfall hatte sich jeder General oder Feldmarschall ihrem Kommando zu
fuegen, das Rote Kreuz stand oberhalb jeder Befehlskette. Ein
Rot-Kreuz-Soldat konnte zur Rettung eines Verwundeten tatsaechlich Befehle
erteilen! Solange er sich nicht in das taktische Geschehen einmischte, war
der Rot-Kreuz-Soldat ein uebermaechtiges Wesen vom anderen Stern.
Ansonsten tat er seinen Dienst, wobei er den offiziellen Dienstrang eines
Sergeant (Feldwebel) hatte, somit auch im normalen Dienstbetrieb
Weisungsbefugnis ueber Mannschaftsdienstgrade hatte.
Daran erinnerte ich mich, als ich seinen Gruß erwiderte.
"Sergeant, bitte leiten Sie mich zum Kommandanten."
Er drehte militaerisch exakt auf dem Absatz und ging voraus, ohne sich
nach mir um zu schauen. Wir verliessen den Raum, durch einen kurzen
Korridor ging es zu einer Tuer, die sich automatisch oeffnete. Ein Lift!
Wir betraten ihn, und ohne dass ein Kommando gesagt wurde oder irgendeine
Taste gedrueckt wurde, setzte sich der Lift in Bewegung. Er musste mit
einer eigenen Schwerkraft versorgt sein, denn ich spuerte keinen Ruck,
merkte auch nicht, ob es hoch oder herunter ging. Das war ein
ungewoehnlicher Luxus!
Der Lift hielt, die Tuer oeffnete sich und vor uns lag ein kurzer Gang.

Links und rechts befanden sich Tueren, aber wir gingen die paar Meter bis

zum Ende des Ganges. Vor uns befand sich eine Tuer. Der Rot-Kreuz-Soldat
naeherte sein Gesicht einem Mikro neben der Tuer und sprach leise ein paar
Worte, die ich nicht verstehen konnte. Die Tuer schwang fauchend auf.

*

Damit hatte ich nicht gerechnet!
Der Raum war nicht besonders gross, er machte auf mich den Eindruck eines
typischen Bueros eines Fuehrungsoffizieres. Ausser einem modernen Schreib-
tisch mit diversen elektronischen Kommunikationseinrichtungen war er leer.
Hinter dem Schreibtisch sass ein Mann, um die fuenfzig. Pechschwarzes
Haar, glattrasiert, in schwarzer Uniform.
Ich holte tief Luft! Es war ein Japaner, und es bedurfte gar nicht erst

des Drachen-Insigniums auf seiner Uniform um mich begreifen zu lassen,

dass meine Spekulationen weit daneben gelegen hatten. Ich befand mich in
den Haenden des Drachen!
Jetzt fielen mir die Ordensschleifen auf der Brust meines Gegenuebers auf;

Donnerwetter, der alte Mann musste frueher einmal ein grossartiger

Mechkrieger gewesen sein. Er trug praktisch jeden wichtigen Orden, den ein
Mechkrieger im Draconis-Kombinat erringen konnte.
Ich riss mich zusammen. Gut, ich stand vor einem ehemals gefuerchteten
Mechkrieger des Drachen, ich hatte keine Ahnung, was eigentlich los war.
Aber ich war auch Soldat. Die Rangabzeichen wiesen mein Gegenueber als
Tai-Sho aus, als General. In keiner Armee der Sphaere wird jemandem solch
ein Rang nach geworfen, erst recht nicht beim Drachen. Ausserdem hatte man
mich freundlich behandelt.
Ich nahm Haltung an und salutierte nach Eridani-Art militaerisch exakt.
"Sir, Captain Thomass von der Leichten Eridani Reiterei, Dienstnummer
72356. Sie hatten mich zu sich gebeten?" Letzteres war etwas provozierend,
nun, ich bin Soldat, kein Politiker.
Der General sass hinter seinem Schreibtisch, verzog keine Miene und
schaute mich an. Der Rot-Kreuz-Soldat hatte den Raum verlassen. Wir waren
allein. Eine Sitzgelegenheit fuer mich gab es nicht.
Der alte Soldat blickte mich an. Sekunden lang schaute er mir in die

Augen. Seine Augen blickten ernst, jedoch nicht gnadenlos. Er hatte braune
Augen, einen strengen Gesichtsausdruck, aber ich nahm auch die
Lachfaeltchen in seinem Gesicht wahr.
Ich fragte mich unwillkuerlich, ob er Familie hatte, eine Frau, Kinder,
eventuell Enkel.
Ich wartete.
Was fuer ein Unfug ging mir durch den Kopf! Ich stellte mir den alten

Soldaten als faehigen Mechkrieger in den Dreissigern vor, wie er in

regulaeren Kurita-Mechs seine Siege errang, von denen seine Orden redeten.
Unter so vielen Orden fiel mir der Orden des Lodernden Feuers auf, ein
Orden, den nur solche Mechkrieger im Dienste des Drachen erhielten, die im
offenen Gefecht mehrfach erfolgreich gegen den Alptraum eines Mechkriegers
fochten: gegen einen Feuerstarter, jenen fuerchterlichen Mech, dessen
Bewaffnung ausschliesslich aus Feuerwerfern und Infernoraketen bestand.
Der Soldat vor mir hatte die Hoelle erlebt!
"Captain, Sie wissen, dass wir Sie gerettet haben," stellte er fest.
Ich nickte.
"Sir," fragte ich, "ich verstehe das Ganze nicht.
"Er schaute mich an. "Junger Mann, ich darf Ihnen im Namen des Hauses
Kurita ein aussergewoehnliches Angebot machen."
Augenblicklich schrillten bei mir saemtliche Alarmglocken! Wenn der Drache
ein Angebot machte, hatte das bestimmt mehr als nur einen Haken.
"Sir," erwiderte ich, "ich waere Ihnen dankbar, wenn Sie meine Einheit
verstaendigen -"
Er unterbrach mich mit einer herrischen Bewegung.
"Fuer Ihre Einheit gelten Sie laengst als tot."
Ich schluckte, und er fuhr fort:
"Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass diese belanglosen kleinen Gefechte
da draussen," dabei wies er mit dem Daumen irgendwo hinter sich, "von
irgendwelcher Wichtigkeit waeren?"
Belanglose Gefechte? Mir stockte der Atem. Menschen waren gefallen! Ich
selbst hatte dabei mindestens einen Gegner getoetet, waere dabei fast
selbst ungekommen. Belanglose Gefechte! Ich war empoert und gab mit
grosser Lautstaerke und Wut meinen Gefuehlen Ausdruck.
Er wartete meinen Wutanfall ab und redete dann, als wenn nichts geschehen
waere, weiter.
"Captain Thomass, wir bereiten uns auf einen Krieg vor. Nein, sagen Sie
nichts, es ist so. Dazu suchen wir gute Mechkrieger. WIRKLICH gute Mech-
krieger! Um den Spreu vom Weizen zu trennen, arrangieren wir diese
kleinen, gewissermassen sportlichen Zusammentreffen von Mechlanzen."
Was hatte der gesagt? Gewissermassen sportliche Zusammentreffen?? Das war
ein klarer Vernichtungsauftrag gewesen! Bezahlt vom Haus Kurita, um
Piraten zu vernichten, halt- mir kam ein boeser Verdacht.
Offensichtlich sah der General mir das an, denn er meinte:
"Richtig, junger Mann, wir haben nicht nur Ihre Einheit, sondern auch die
Piraten bezahlt. Sehen Sie, wir suchen gute Mechkrieger, und die findet
man nur in der Schlacht. Also arrangieren wir Schlachten, schauen uns an,
wie die Piloten kaempfen, und machen den besten ein klares Angebot."
Wie vom Donner geruehrt stand ich da.
Unser ganzer Auftrag war nur ein Spiel des Drachen gewesen, um ein paar
gute Piloten zu finden?
Aber mein Mech  war doch explodiert, fiel mir ein. Ich warf das ein.
"Ach," meinte er geringschaetzig, " das lag nur an Ihrem minderwertigen
Mech. Der Zustand Ihres Dunkelfalken war uns bekannt, weshalb auch unsere
Rettungseinheiten bereit standen. Mit einem gut gewarteten Mech waere
Ihnen das nicht passiert."
Ich begann zu ahnen, was man von mir wollte.
Das Haus Kurita war dafuer geachtet, dass es persoenlichen Mut von
Mechpiloten sehr hoch einschaetzte. Selbst an sich verachtete Soeldner
wurden geachtet, wenn sie ehrenhaft und mutig kaempften.
"Sir," fragte ich, " darf ich Ihre Andeutungen dahin gehend verstehen,
dass Sie mir anbieten wollen, die Leichte Eridani Reiterei zu verlassen
und in den Sold von Kurita ein zu treten?"
Seine Antwort war ein einfaches "Hai." Das verstand sogar ich.
"Sir, ich weiss, dass Soeldner im Hause Kurita nicht immer sehr geachtet
werden."
"Hai, so desu," sagte er und fuhr fort:
"Wir denken weniger an eine Anheuerung als Soeldner. Vielmehr moechten wir Sie
fuer unsere regulaeren Truppen verpflichten."
Mir stockte der Atem!
Mit blickloser Miene starrte der General mich an.
Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Ich moechte an dieser Stelle nicht anfuehren, was alles zu meiner
Entscheidung gefuehrt hatte. Man hatte mich jedenfalls zu keinem Zeitpunkt
unter Druck gesetzt, und meine Entscheidung war absolut freiwillig.
Ich war stets von ganzem Herzen Mechpilot gewesen. Ich war immer ein
stolzes Mitglied der Eridani - Reiterei gewesen. Mechkampf war das, wofuer
ich lebte. Hier bot sich mir die einmalige Chance, das Soeldnerdasein zu
verlassen, ein regulaerer Soldat zu werden, und dies im Hause Kurita.
Gewiss wuerde dies kein Zuckerschlecken werden, aber allein die Aussicht
auf stets tadellos gewartete Mechs liess mein Herz jubeln.
Ich weiss wirklich nicht, wie lange ich vor dem General gestanden hatte,
um nach zu denken, vielleicht zehn Sekunden, vielleicht zehn Minuten.
Dann blickte ich ihn an: "Sir, mit Stolz und Freude nehme ich Ihr Angebot
an."
Ploetzlich legte der alte Mann seine strenge Miene ab, grinste voller
Freude, stand auf und schlug mir geradezu kumpelhaft auf die Schulter.
"Ich hatte gehofft, Captain Thomass, dass Sie zu uns kommen!" Er reichte
mir die Hand und lachte mich froehlich an. "Jetzt gehen wir Sake trinken!"

*

Tja, lieber Leser, so begann meine Laufbahn als Mechpilot im Hause Kurita.
Vielleicht erzaehle ich ja spaeter, wie es weiter ging.

-Fortsetzung folgt
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