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Splitter eines zerbrochenen Spiegels

GeschichteDrama / P16 Slash
Ashmael Vaysh
08.01.2006
01.02.2007
4
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08.01.2006 961
 
Die Luft des Spätsommers drang durch die geöffnete Balkontür herein und ließ Vaysh wohlig seufzen.
Endlich war er wieder allein. Allein in seinem Zimmer umhüllt von seiner geliebten Stille, die sich wie ein kühlender Schleier über seine gereizten Sinne legte.
Nur leise Drang die gedämpfte Musik des Festes, das der Tigron geben ließ, zu ihm herüber.  
Während Vaysh die Tür hinter sich schloss und mit einigen geschickten Bewegungen ein ganzes Meer von Teelichtern quer durch den Raum entzündete, verstummte die Musik.
Der Rothaarige nickte und lobte sich insgeheim selbst für diesen eigenen Sieg:
Er war nicht wieder kurz nach Beginn des Festes wie ein scheues Reh vor den vielen Hara geflüchtet.
Und obgleich es ihm immer noch schwer fiel, so unbeschwert wie alle anderen mit seinesgleichen umzugehen, so hatte er doch einen kleinen Sieg errungen.
In Gedanken versunken ließ er sich auf der Bettkante nieder und zog die weichen Schuhe aus, betrachtet seine mit Henna versehenen Knöchel.
Unzählige, filigrane Blätter und Blüten wuchsen über die makellose Haut, umschlangen seine Knöchel, wie in einer zarten Umarmung, ehe sie, züchtig geordnet, zu seinen Zehen herabwuchsen und in einer Blüte ausliefen.
Vaysh betrachtet die vergängliche Kunst, zog ein Bein an und strich darüber. Eine Strähne seiner roten Haarmähne fiel seitlich an seinem Gesicht herab, strich über die markanten Wangenknochen; Vaysh sah auf.
Die Wände des Raumes schienen im Schein der Teelichter zu tanzen. Das Orange der Flammen mischte sich mit den warmen Tönen der Möbel und des Bettes.
Vaysh erschauderte. Alles hier schien so warm, ein Ort der Geborgenheit, ein Ort an den man seinen Chesnari mitnehmen wollte um die Welt ringsum zu vergessen…
Es war alles so perfekt, alles.
Vaysh sah auf, während sich seine sonst so distanzierten Augen mit Tränen füllten.
Ja, alles war perfekt nur er nicht. Sein Körper…ja sein Körper war es – Thiede machte nie Fehler.
Sein Zimmer, sein Stand – alles perfekt!
Ein Schluchzen entrann seinen Lippen, Wut kämpfte in seinem Inneren mit der tiefen Verzweiflung die ihn so manches Mal schon in einem unentrinnbaren Sog zu verschlucken drohte.
Leicht wankend erhob sich der schlanke Har. Niemand wusste, was er war. Niemand würde je den Schmerz nachvollziehen können, der ihn zerfraß, ihn von innen aushölte, erst vor der perfekten Hülle stoppend, die ihn zu einem Statussymbol für den Aghama hatte machen sollen.
Die Flammen der Lichter tanzten schneller, bildeten einen mystisch scheinenden Reigen, als der Wind durch die Balkontür fegte und einige der kleinen Flammen erlöschen ließ.
Mit beiden Händen fuhr sich Vaysh durch das Haar, strich es bestimmt hinter die Schultern und warf einen Blick in den großen, ovalen Spiegel an der Wand.
Langsam ging er darauf zu, den rechten Arm weit ausgestreckt, als wolle er nach einem Geist tasten.
Gebannt sah er sich selbst in die Augen, die sich vor Erstaunen weiteten, als er die Kälte, die in ihnen lag bemerkte.
Als er sich tranceartig vorbeugte und um sich näher zu betrachten, fielen die Strähnen seines Haares über seine Schulter und umrahmten sanft sein Gesicht.
Langsam strichen seine Fingerspitzen über die feine und doch so kraftvoll wirkenden Mähne, deren rote Farbe durch den Kerzenschein wie ein tanzendes Flammenmeer wirkte.
„Es hat die Farbe des Lichtes“, flüsterte er seinem eigenen Spiegelbild zu.
„Nein…das haben sie nicht.“
Vaysh Züge gefroren und seine Augen weiteten sich ungläubig, als er aufsah und im Spiegel die so schmerzlich vertraute Gestalt des blonden Hars erkannte.
Leise war dessen Stimme und ein zärtlicher Ton schwang wie eine orange-warme Brise mit.
Vaysh wagte es nicht zu atmen. Die Illusion, wie er glaubte, schien so zerbrechlich als könne der bloße Luftzug seines Atems sie hinfort streichen.
Ashmael, der nun aus dem Halbschatten des Zimmers hervorgetreten und augenblicklich in den orange-roten Schleier der Lichter getaucht wurde, tat einen Schritt auf ihn zu.
Die sonst so strengen Züge des Hars waren nun weich, jedoch zugleich unergründlich, als er hinter seinen ehemaligen Chesnari trat, der nun wie ein junges Blatt im Wind erzitterte und leidend die Augen schloss.
Lange schwiegen beide.
Ashmael war Vaysh so nahe, dass dieser dessen warmen Atem auf seiner Haut spüren konnte.
„Als ich diese Haare kannte…“, er ließ seine Fingerspitzen durch das seidige, wie in tausend Farben und Schattierungen schimmernde Haar gleiten.
Zögernd sah Vaysh auf und in die Spiegelreflexion des anderen Hars.
„…als ich das Geschöpf, das sie trug kennen lernte, hatten sie die Farbe eines Rehs.“
Bedeutungsvoll sah Ashmael in das blasse Gesicht des Rothaarigen.
„Sag mir, Vaysh, ist dieser Har, für den ich mein Leben geben würde, noch hinter dem Wesen, das nichts von dem scheuen aber kraftvollen und lebensfrohen Reh mehr besitzt?!“, fragte er flüsternd, und jedes Wort, in welchem tiefste Sehnsucht  und Trauer mitschwang, war wie ein schmerzhafter Stich in den Bereich von Vayshs Herzen, der sich schon lange, durch die Ketten des Aghama gefesselt, damit abgefunden hatte, für immer still zu schweigen.
Vayshs Blick traf Ashmaels und lange hielt er ihn, in der Hoffnung, Ashmael könnte in seinen Augen lesen und verstehen, dass er selbst die Antwort nicht kannte.
„Ich weiß es nicht“, antwortete er kaum hörbar.
Und zu seiner großen Verwunderung blieb Ashmael bei ihm, schlang die Arme um den leicht zitternden harischen Körper und lehnte sein Gesicht an die rote Haarpracht.
„Dann lass mich ihn suchen…“, flüsterte er und begann, zärtlich Vayshs Wange hinabzuküssen.
Ein Schauer jagte durch diesen und sein Körper drohte, ebenso wie seine Seele, sich wieder hinter eine Mauer aus unnahbarem Eis zu verschanzen.
Mit einer schnellen Bewegung entwand er sich aus Ashmaels Umarmung, trat zwei Schritte zurück, noch immer dessen Blick haltend.


~*~
Das war der erste Teil. Ich hoffe, er hat euch gefallen und motiviert auch ein paar andere, denn ich finde, es git viel zu wenig deutschsprachige FFs zu diesen wunderbaren Büchern
Lg
Feuerstern
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