Die Bestie von Quevillon

GeschichteDrama / P18
03.01.2006
21.11.2006
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Dieses Kapitel
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Disclaimer/Copyright:
'Das Phantom der Oper' haben wir nicht geschrieben, sondern Gaston Leroux. Allerdings gehören sämtliche Figuren der 'Bestie' - abgesehen von Leroux, der historischer Fakt ist, und Erik, Christine, den Girys und Direktoren sowie die übrigen Opernangestellten  - little_meg und sashayesha. Weiterverwertung dieser allerhöchstens nach Absprache mit den Autorinnen. Danke.

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Erstes Buch: Erik
Teil I: Kindheit


~~Kapitel 1~~


Willenlos und etwas überfordert lässt sich der große, leicht übergewichtige Mann in der Menschenmenge mittreiben. Die Sonne brennt nun schon seit Stunden wieder auf die Köpfe der Leute, doch die Wiese vor der Pariser Stadtgrenze ist noch immer eine von Pfützen übersäte Schlammgrube.
Gastons Finger krampfen sich um seinen Stift und sein ledernes Notizbuch, während er versucht, aus den Eindrücken, die von allen Seiten auf seine Sinne eindringen, einzelne herauszufiltern und für die Zeitung festzuhalten. Rechts von ihm, in einem großen, schmutzig-bunten Zelt, beginnt gerade ein Magier mit seiner Vorführung; schräg links vor ihm wirbelt ein Jongleur zahllose brennende Keulen durch die Luft; ein paar Buden weiter führt ein Schwertschlucker seine Kunststücke vor, während von einem Podest gegenüber ein Äffchen auf einer Drehorgel schreit. Gaston will stehenbleiben, um sich die Attraktionen etwas genauer anzusehen, doch trotz seiner Masse ist es ihm nicht möglich, sich gegen den Strom der Menschen zu stemmen. Eilig drängt er schließlich in eine Seitengasse zwischen dem Zelt einer Wahrsagerin und einem Schießstand. Er schnauft. Für diese Art von Arbeit wurde er nicht geschaffen, nein, ganz sicher nicht. Er gehört in ein zivilisiertes Umfeld mit niedrigen Außentemperaturen.
Für einen kurzen Augenblick verharrt er und wischt sich mit seinem Schnupftuch den Schweiß von der Stirn. Dann kramt er sein Notizbuch und den Bleistift, die er bei seiner Flucht aus der Masse sicher in seiner Tasche verstaut hat, wieder hervor. Er sollte für seinen Artikel eine grobe Skizze vom Aufbau dieses Platzes machen, ehe er gänzlich die Orientierung verliert. Kichernd und turtelnd betritt in diesem Moment ein junges Paar das Zelt der Wahrsagerin. Also zieht Gaston resigniert die Schultern hoch, presst sein Arbeitszeug fest an sich und tritt aus der Gasse, um nicht unfreiwillig Dinge zu hören, die ihn nichts angehen.
Stark nach vielerlei Kräutern und Gewürzen riechende Stände mit Heiltränken und Räucherwerk ziehen an ihm vorbei, Buden mit billigem Schmuck und gefälschten Edelsteinen, Amuletten, Hasenpfoten, Stricken von Gehängten und 'echt antiken' Schriftrollen aus fremden Ländern. Kaum hat er diese 'Strecke des Aberglaubens', wie er sie rasch in seinem Notizblock tituliert, hinter sich gelassen, dringt auch schon ein bestialischer Gestank zu ihm. 'Das Viertel der Missgeburten' kritzelt er eilig, dann presst er eine Hand auf den Mund und kämpft gegen eine kurz aufkommende Übelkeit an.
Käfige und Bühnen mit Zwergen, siamesichen Zwillingen, bärtigen Frauen, unnatürlich fettleibigen Kindern und unheimlich verformten, scheinbar nicht mehr menschlichen Kreaturen ziehen zuerst ebenso träge und zugleich überwältigend an ihm vorbei, wie der Rest des Jahrmarktes; doch an einem besonders großen und geheimnisvoll mit einem schwarzen Vorhang verhängten Käfig entsteht plötzlich ein Stau. Neugierig reckt Gaston den Hals, kann aber weder etwas Genaues erkennen, noch die Worte des drahtigen kleinen Mannes verstehen, der vor dem Käfig eine wahre Schau veranstaltet und seine Attraktion vollmundig anzupreisen scheint.
Unentschlossen macht Gaston einen Versuch, sich durch die stehende Menge zum Käfig vorzudrängen, doch das Murren und die unerfreuten Blicke der von ihm Angestoßenen lassen ihn wieder innehalten.
Also kopiert er bloß den unordentlichen Schriftzug auf dem Vorhang - 'Sehen Sie das Niedagewesene in Miguels Kuriositätenkabinett' - in sein Buch, bevor er den Blick wieder hebt. Angestrengt versucht er, die Satzfetzen, die hin und wieder von Miguel zu ihm dringen, zu entschlüsseln, doch erst als der Wind kurz dreht, kann er verstehen, was der Zigeuner sagt: "... Sie den Sohn des Leibhaftigen, den lebenden Leichnam! Meine Damen, holen Sie Ihr Riechsalz heraus, denn sein Anblick ist schrecklicher als alles, was Sie sich vorstellen können! Selbst gestandene Mannsbilder erbleichen bei seinem..." Enttäuscht stöhnt Gaston auf, als der Wind wiederum dreht.
'Wenigstens riecht es jetzt wieder nach Kräutern.' versucht er sich zu trösten.
In diesem Augenblick reißt Miguel den Vorhang bei Seite, und Gaston schnappt kurz nach Luft. Er kann die wie ein Gekreuzigter an die Gitterstäbe gebundene Kreatur nicht genau erkennen; doch die Menschen, die es können, weichen in einer durch die Menge laufenden Wellenbewegung vom Käfig zurück. Vereinzelt sind leise Rufe des Erstaunens oder Entsetzens zu hören, und hier und da bilden sich plötzliche Löcher in der Menge, wenn eine Frau ohnmächtig zusammenbricht.
Miguel ist mittlerweile wieder in den Kreis vor dem Käfig gesprungen und verkündet anscheinend neue Großtaten, die Gaston jedoch wieder nicht verstehen kann.
"Das Wetter ist gegen mich." brummt er leise.
Als plötzlich ein unbeschreiblich schöner Gesang zu ihm dringt, hebt er erstaunt den Kopf und schaut sich um. Es klingt, als habe sich ein Sänger der Opéra hierher verirrt. Unsinn. Gaston dreht sich einmal um sich selbst, dann mustert er die Menge vor sich. Wo eben noch eine ihre Aufregung und Furcht mühsam bändigende Horde gieriger Schaulustiger stand, sieht er nun ruhige, andächtig lauschende Menschen. Er runzelt die Stirn. Der Wind hat nicht gedreht, der Gesang kann einfach nicht vom Käfig kommen! Aber woher sonst?
'Nähere Informationen einholen!' schreibt er neben 'Miguels Kuriositätenkabinett'. Was nichts anderes heißen soll, als dass er verdammtnochmal wissen will, was es mit der Kreatur im Käfig auf sich hat. Vielleicht kann er abends, wenn sich der Sturm auf den Jahrmarkt etwas gelegt hat, noch einmal hierherkommen und die Kreatur und ihren Besitzer genauer unter die Lupe nehmen.

Gedankenverloren tippt er mit der Fingerspitze gegen seine Tasse, während er mit der anderen Hand durch sein Notizbuch blättert. Von Zeit zu Zeit unterstreicht er ein Wort, ergänzt oder streicht etwas weg. Soll er wirklich noch einmal auf diesen Jahrmarkt zurückkehren und mit dem Zigeuner reden? Er war so froh, als er den Platz vor Stunden endlich verlassen konnte. Weg von diesen merkwürdigen Menschen, der schwülen Hitze und dem Gestank. Und nun überlegt er tatsächlich, noch einmal zurückzugehen, nur um den Zigeuner zu fragen, wem diese Engelsstimme gehörte? Um sicher zu gehen, dass ihm das Wetter und seine Ohren einen Streich gespielt haben.
Er zieht ein paar Münzen aus seiner Geldbörse und dreht sie in den Händen. Wenn er es nicht tut, wird er einen ganz normalen Bericht abgeben, wie ihn jeder kleine Klatschreporter schreibt. Niemand wird von ihm gesondert Notiz nehmen. Wenn er jedoch zurückgeht, wird er möglicherweise eine Geschichte erfahren, die seinen Durchbruch bedeutet. Vielleicht würde man in ihm endlich den Journalisten erkennen, den guten Schriftsteller, der er wirklich ist.
Nach einer weiteren Tasse Kaffe, winkt den Kellner an seinen Tisch. Keine zehn Minuten später nimmt er eine Kutsche zurück zum Jahrmarkt.

Miguel hebt den Kopf von seinem Abendessen, als er die schweren Schritte hört, die sich seinem Zelt nähern.
"Monsieur... Miguel?" Gaston bleibt vor dem offenen Zelt stehen und vermeidet es, tief einzuatmen. Der Gestank der Käfige dreht ihm noch immer den Magen um.
Miguels flinke schwarze Augen mustern sein Gegenüber. Beleibt, gekleidet in einen recht feinen Anzug, sauber geschnittener Bart in einem verschwitzten, müden Gesicht.
"Wer will das wissen?" fragt er mit betont rollendem 'r'.
"Gaston Leroux." stellt sich Gaston mit einer leichten Verbeugung vor. "Ich schreibe einen Artikel über diesen Jahrmarkt für 'L'Echo de Paris'."
"Und...?"
"Ich hätte noch einige Fragen zu Ihrem Kuriositätenkabinett."
Miguel schnaubt und schiebt sich einen weiteren Löffel seines versalzenen Eintopfs in dem Mund.
"Kommen Sie morgen wieder, wie alle anderen." schmatzt er dann.
"Ich müsste den Artikel morgen Nachmittag schon abgeben."
"Das ist wohl Pech, no es?"
"Es würde sich für Sie durchaus lohnen, schon heute mit mir zu reden." Gaston presst die Hand auf die Geldbörse in seiner Tasche.
Rau lachend beugt sich Miguel über seinen Teller.
"Señor Leroux, es ist Aberglaube, dass alle Zigeuner bestechlich sind."
"Jeder Mensch hat seinen Preis. Und ich bin mir sicher, dass Sie nicht oft die Gelegenheit bekommen werden, so leicht zwei Louis d'Or zu verdienen."
Unbeeindruckt spuckt Miguel ein Stück Knorpel auf den Zeltboden.
"Kommen Sie morgen wieder, wenn der Jahrmarkt geöffnet hat. Sie verderben mir meinen wohlverdienten Feierabend."
Gaston zuckt mit den Schultern.
"Drei Goldlouis. Mein letztes Angebot. Sonst werde ich mir einen Bericht über diesen Jahrmarkt aus den Fingern saugen, der Ihre Kreaturen mit keinem Wort erwähnt, und Sie gehen leer aus."
Miguel schweigt einen Moment, dann knurrt er: "Nun fragen Sie schon."
"Wer hat gesungen, als Sie vor dem letzten Käfig standen?"
"Als ich...? Das Teufelsbalg, wer sonst?" Miguel verengt die Augen zu Schlitzen. "Wollen Sie mich als Betrüger bezeichnen?"
Abwehrend hebt Gaston die Hände.
"Ich konnte kaum etwas hören... der Wind, wissen Sie. Diese Kreatur kann tatsächlich singen?"
"Wie ein Engel so schön, Señor."
"Wer hat sie ausgebildet?"
"Der Teufel persönlich!"
Gastons Augenbraue zuckt unbefriedigt. Er glaubt nicht an solche Märchen.
"Woher kommt die Kreatur?"
"Direkt aus den schwarzen Sümpfen am Ufer des Styx." Miguels Stimme klingt düster.
"Ich muss..." Gaston stockt. "Lassen Sie mich mit ihm reden?"
"Sie wollen mit dem Höllenvieh sprechen?" Miguel lehnt sich zurück und schiebt seinen leeren Teller von sich. "Das kostet extra."
Mit einem leisen Stöhnen zückt Gaston seine Geldbörse.
"Ich lege noch zwei Louis drauf."
"Gemacht."
"Und jetzt führen Sie mich zu ihm!"
"Aber sofort." Ein breites gewinnendes Lächeln auf dem Gesicht, streckt Miguel seine Hand aus.
Gaston verdreht die Augen und lässt fünf Münzen in die Hand des Zigeuners fallen.
"Also, bitte..."
"Einen Moment noch." Flink prüft Miguel die Echtheit der Goldmünzen mit seinem einen verbliebenen Eckzahn, dann lässt er das Geld in seine Tasche gleiten. "Bitte hier entlang, Señor."
Wenige Meter von Miguels Zelt stehen drei verhängte Käfige, der große mit dem Teufelsbalg in der Mitte. Aus dem rechten klingt eine tiefe, heisere Frauenstimme, die leise in einer fremden Sprache spricht. Darauf hört man eine angenehme männliche Stimme aus dem mittleren Käfig: "Jimena möchte nicht darüber reden."
Einen Augenblick herrscht Schweigen, ehe das verzerrte Quäken eines Zwerges aus dem linken Käfig tönt: "Sag ihr, sie soll nicht so verdammt zimperlich sein!"
"Ruhe!" unterbricht Miguel das Gespräch und nimmt die Peitsche von seinem Gürtel, um sie einmal drohend knallen zu lassen. Er bindet eine Ecke des Vorhangs über dem mittleren Käfig beiseite, dann stiert er in den drückend heißen Raum dahinter. "Komm her, ein Mann von der Zeitung will mit dir sprechen."
Langsam tritt Gaston neben Miguel. Irgendwo in der Dunkelheit des abgehängten Käfigs kann er eine Bewegung ausmachen. Er klappt sein Notizbuch auf und notiert: 'Kreatur spricht mindestens eine Fremdsprache.'
Eine Reihe abgehackter Schleifgeräusche ist zu hören; schließlich taucht ein hinter einer schmutzigen Stoffmaske verstecktes Gesicht am Gitter auf. Merkwürdige gelbe Augen mustern erst Leroux, dann Miguel. Die Kreatur schnaubt.
"No hablaré."
"Und wie du sprechen wirst!"
"No."
"Sí, diablo. Sí, sí, sí! Sonst bekommst du die Peitsche zu schmecken, so wahr ich hier stehe!"
Die Kreatur durchbohrt Miguel mit einem giftigen Blick, dann lässt sie ergeben den Kopf sinken und schweigt.
"Aquí, Señor. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde." Und mit einer leichten Verneigung zieht sich Miguel zu einem weiteren Teller versalzenen Eintopfes zurück.
Nervös tritt Gaston von einem Bein aufs andere.
"Guten Abend." Er räuspert sich. "Mein Name ist Gaston Leroux. Ich bin Journalist."
Missmutig bewegt sich die Kreatur auf ihrem Platz.
"Guten Abend." antwortet sie schließlich.
Gaston seufzt erleichtert. Er hatte schon befürchtet, das Wesen würde fortfahren, in dieser anderen Sprache zu reden.
"Ich hätte einige Fragen."
"Die da wären?"
"Wie heißen Sie?"
Die Kreatur legt den Kopf schief.
"Sie können mich Erik nennen."
"Erik." wiederholt Gaston und notiert den Namen in seinem Buch. "Sie haben heute Nachmittag gesungen?"
"Ja."
"Wer hat Sie ausgebildet?"
Erik verzieht unter seiner Maske spöttisch das Gesicht.
"Mein Vater, der Satan persönlich."
"Wer hat sie wirklich ausgebildet?" brummt Gaston entnervt.
"Ich bin Autodidakt."
'Gebraucht Fremdworte.' Gaston hebt den Blick von seinen Notizen.
"Wo wurden Sie geboren?"
"Quevillon."
"Wie sind Sie hierher gekommen?"
Erik kreuzt ablehnend die Arme vor der Brust und heftet seinen Blick auf Leroux' Hände.
"Ich will ein Blatt Papier für jede weitere Antwort."
Stirnrunzelnd betrachtet Gaston das Lederbuch. Wenn er für jede Frage eine Seite herausreißt, wird er am Ende nur noch eine leere Hülle mit ein paar losen Blättern haben.
"Wofür brauchen Sie Papier?"
"Zum Zeichnen. Also?"
"Sie zeichnen?"
"Ja." antwortet Erik ungeduldig.
Gaston beißt die Zähne zusammen und reißt schließlich ein Blatt aus dem Buch, das er durch die Gitter zu Erik schiebt.
"Haben Sie sich das auch selbst beigebracht?"
"Nein." Erik lässt das Papier unter seinem löchrigen Hemd verschwinden, dann zieht er sein schlimmes Bein an, um es vorsichtig zu betasten.
Nachdenklich betrachtet Gaston das lange dürre Schienbein, das aussieht, als wäre es mehr als gebrochen gewesen und danach schlecht verheilt. Hastig wendet er den Blick ab.
"Wo haben Sie es gelernt?" Er rupft eine weitere Seite aus seinem Buch und reicht sie in den Käfig.
"Jimena hat es mir beigebracht."
"Die Wolfsfrau?" Gaston deutet mit dem Bleistift auf den Käfig nebenan.
"So ist es."
Er notiert die Antwort, und noch während er schreibt, murmelt er: "Also, wie sind Sie nun hierher gekommen?"
"Was glauben Sie?" Erik schnippt mit einem Finger gegen die Eisenstange neben seinem Kopf, ehe er ein weiteres Blatt entgegennimmt.
"Irgendwie haben die Zigeuner Sie gefunden? Wie?"
"Good guess." macht Erik breit. "Ein... Jäger hat mich 'erlegt' und an Miguel verkauft."
Gaston hält die Luft an.
"Ein Jäger?"
Erik zuckt mit den Schultern.
Kopfschüttelt reißt Gaston eine weitere Seite aus seinem Notizbuch.
"Was ist mit Ihrer Familie?"
"Tot."
"Keine Geschwister?"
"Tot." wiederholt Erik mit bitterem Nachdruck.
Gaston schluckt und reicht ihm das nächste Blatt. Dieser Mann hat etwas zu erzählen, das den Rahmen des Artikels sprengen wird. Und er spürt, dass es eine Geschichte ist, die es wert ist, aufgeschrieben zu werden.
"Würden Sie mir von sich erzählen? Von Ihrer Kindheit und dem Leben bevor Sie hierher... gekommen sind?"
"Sie haben eine halbe Stunde."
"Ich bin mir sicher, dass ich etwas arrangieren könnte. Vielleicht morgen."
"Tut mir leid, morgen bin ich zu einer Soirée eingeladen."
Gaston lacht freudlos.
"Ich könnte Ihnen einen ganzen Stapel Papier und Kohle mitbringen." schlägt er schließlich vor, während er sich wieder mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupft.
"Es ist nicht an mir, so etwas zu entscheiden, Mann! Ich bin nur ein Tier in einem Käfig! Bezahlen Sie meinen Besitzer, dann werde ich reden, damit er mit nicht noch einmal das Bein bricht."
"Also werden Sie mir Ihre Geschichte erzählen, wenn ich morgen wiederkomme?"
"Ich habe wohl keine andere Wahl, als das zu tun."
Gaston zuckt mit den Schultern und wendet sich zum Gehen.
"Kann ich Ihnen irgend etwas mitbringen?" fragt er noch aus Gewohnheit.
"Zwei oder drei Haarnadeln."
"Ich dachte eher an Dinge, die Sie für Ihre Zeichnungen gebrauchen könnten und für die mir ihr 'Besitzer' nicht den Kopf abreißt."
"Malkreiden."
Nickend wendet sich Gaston ab.
"Ich werde sehen, was ich tun kann. Bis morgen."
"Bis morgen..."

Abermals lässt sich Miguel mit drei Louisdor bestechen, und so steht Gaston am nächsten Abend wieder am Gitter des großen Käfigs.
"Bonsoir, Erik." ruft er in die Dunkelheit. "Ich habe Ihnen die versprochenen Kreiden mitgebracht."
"Danke." Eine dürre, langfingrige Hand schießt zwischen den Gitterstäben hervor und schnappt den flachen Karton.
"Ich habe außerdem ein neues Notizbuch mitgebracht. Also, erzählen Sie mir jetzt Ihre Geschichte?" Gaston reibt sich über sein gerötetes Gesicht.
"Was bleibt mir anderes übrig."
'Sie könnten die Kreiden einstecken und schweigen.' Aber das denkt sich Leroux nur und zuckt mit den Schultern.
"Wie lange sind Sie schon hier eingesperrt?"
"Fünf Jahre, vielleicht sechs." Erik beginnt wieder, sein schlimmes Bein zu massieren und dann mit den Händen seinen Fuß zu bewegen.
"Miguel bricht Ihnen die Beine, damit Sie nicht weglaufen." vermutet Gaston leise mit Blick auf Eriks Hände.
"Sie sollten ein eigenes Zelt eröffnen. Als Hellseher."
"Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen." Gaston kratzt sich mit dem Bleistift hinter dem Ohr. "Also?"
Erik seufzt ergeben.
"Wieviel Zeit haben Sie von Miguel erkauft?" fragt er schließlich.
"Die Zeit ist kein Problem. Wahrscheinlich könnte ich noch einige Stunden oder auch Tage gewinnen, wenn ich ihm ein paar Louis mehr gebe."
"Wieviel hat Ihnen Ihr Redakteur für meine Geschichte in Aussicht gestellt?"
"Er weiß noch nichts davon." Gaston runzelt die Stirn. "Ich schreibe offiziell nur einen Bericht über diesen Jahrmarkt."
Erik zieht unter seiner Maske eine kahle Augenbraue hoch.
"Bin ich Objekt Ihrer persönlichen Neugier oder Ihres Geschäftsinnes?"
"Im Augenblick interessiert mich persönlich Ihre Geschichte."
"Wie alt sind Sie?"
"Zweiundzwanzig. Wie alt sind Sie?"
"Mitte dreißig."
"Wann wurden Sie geboren?"
"Im Winter 1857."
Gaston spielt mit dem Taschentuch in seiner Hand.
"Dann sind Sie jetzt dreiunddreißig Jahre alt."
"Oh." Erik nickt langsam. "Gut." Er wirft Gaston einen prüfenden Blick zu, während er mit seiner Hand eine theatralische kleine Geste ausführt. "Ich habe nachgedacht." Er legt den Kopf schief. "Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen werde... wenn Sie dafür eine bestimmte Person ausfindig machen und zu mir bringen. Als zusätzlichen Anreiz biete ich an, Ihnen Ihre Uhr..." Er lässt die Taschenuhr aus seiner vorher scheinbar leeren Linken in seine Rechte fallen. "... zurückzugeben..."
Verwirrt tastet Gaston seine Taschen ab, ohne dabei Eriks Hand aus dem Augen zu lassen.
"Wie haben Sie das gemacht, ohne dass ich es gemerkt habe?"
Erik lacht leise und lässt die Uhr ein paar Mal auftauchen und wieder verschwinden.
"Ich warte, Monsieur. Werden Sie eine Person für mich ausfindig machen, oder werde ich fortan auf die Sekunde genau wissen, wie lange Miguel mich ausstellt?"
"Um wen handelt es sich?"
Erik schließt die Augen.
"Noelle Marchant. Sie wurde 1867 in Quevillon geboren. Heute müsste sie immer noch in der näheren Umgebung dieses Dorfes leben. Oder hier in Paris."
"Was wollen Sie von dieser Frau?"
Erik zuckt mit den Schultern.
"Ich will sie sehen."
Stirnrunzelnd notiert sich Gaston den Namen der Frau in seinem Buch und kringelt 'Quevillon/Paris' ein.
"Warum?"
Für einen Moment bewegt Erik seine Lippen unter der Maske, formt ein paar Worte, die er nicht ausspricht.
"Das werden Sie noch früh genug erfahren." entgegnet er schließlich steif.
Kopfschüttelnd lehnt sich Gaston an die Gitterstäbe. Dann seufzt er.
"Gut, ich werde versuchen, diese Dame für Sie zu finden. Und nun erzählen Sie."
"Noelle Marchant..." Erik öffnet die Augen wieder. "Wo soll ich beginnen?"
"Wo Sie möchten." Gaston wischt sich mit dem Taschentuch über die erhitzte Stirn. "Bei Ihrer Kindheit?"
"Dann werde ich Ihnen von Anne und Monsieur Tolbert erzählen."
Gaston nickt und versucht, es sich etwas bequemer zu machen.
"Nur zu."
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