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Die Smaragdwölfin

GeschichteMystery / P18 / Gen
08.12.2005
08.12.2005
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Die Smaragdwölfin

EINS- Opfer
Sie sah ihn im abgedunkelten Raum des kleinen, schäbigen Clubs stehen. Vielleicht war er nur zu dumm. Viele Mädchen sahen ihn an, zogen ihn regelrecht mit seinen Blicken aus. Vielleicht waren auch sie dumm. Mit Sicherheit.
Ihre Augen leuchteten, ihre Pupillen wurden weiter, passten sich der Dunkelheit an. Heute Nacht war es soweit. Sie sah ihn an, wusste ganz genau, sah all seine Verbrechen in seinem Inneren, witterte sie, als wären sie ihm in die Stirn geritzt.
Heute Nacht würde sie niemand um ihre Jagd betrügen. Jetzt musste sie nur noch abwarten. Nicht mehr lange. Ihr Lockvogel war schon platziert.
Die Jagd begann...

Kalter Dampf drang aus der offenen Tür des Clubs, konstanter Lärm, der in ihren Ohren wehtat. Sie kam aus dem Club, ging ein Stück weiter, bog in eine Seitengasse ein und spitzte die Ohren. Ihr Atem war gut in der kalten Luft zu sehen, jeder Atemzug rasselte leise.
Eine Krähe flog kreischend über ihren Kopf hinweg. Ein metallenes Klacken störte die Ruhe, sie spannte ihren ganzen Körper an. Ein Schritt nach dem anderen auf die kleine Seitengasse zu. Sie rümpfte die Nase. Es stank nach Wyrm...

Der Gestank wurde stärker, als er vor ihr stand. Wurde unerträglich. Die Saat des Wyrm war tief in ihm. Er stand da, und sah in seiner unendlichen, widerlichen Arroganz auf sie herab. Der seidene Faden riss- dieser törichte, dumme Mensch wagte es, sie als etwas Niederes zu betrachten?

In ihrem Kopf brach alles zusammen, ein Gewirr von Farben und Formen entstand, eine Ekstase, eine süße Benommenheit, ein Verlust der Kontrolle über sich selbst. Sie gab sich der Raserei völlig hin, ließ sich vom Tier überwältigen. Der Gestank des Wyrm ging ihr ins Blut, ließ jeden Muskel verkrampfen, jeder Ader brannte vor Wut und Hass. Ihre kräftige, weibliche, schöne Gestalt verzerrte sich, ein dichtes, graues Fell überwuchs ihre helle Haut. Ihr Gesicht wurde zu einer langen, gefährlichen Schnauze, ihre Augen gelb und ihre Hände zu gewaltigen, todbringenden Pranken.
An ihrem Hals hing noch immer die Kette, das Zeichen der Erde, das Bodengerichtete Dreieck, durchstrichen im Inneren, das Symbol der Muttergöttin Gaia.
Eine große, zornige, rasende Wölfin stand vor ihm. Er konnte den Tod schon riechen...

Frisches Fleisch. Blut. Der wohltuende Klang von brechenden Knochen. Das Knacken von zerreißendem Muskelgewebe. Das Platzen von Haut. Ein so erhebendes Gefühl, so gut, so atemberaubend, so überwältigend. Der Schwur für das, woran man glaubt, zu streben, doch zu wissen, dass man stärker ist.
Sie leckte sich das Blut des Menschen von den Klauen, warf abgerissene Gliedmaßen in den Schatten der Seitenstraße. Dort irgendwo lagen die Überreste seiner Leiche. Sie schloss die Augen und ließ sich aus dem Crinos langsam zurück in die menschliche Gestalt gleiten, wickelte sich in den dafür vorgesehenen Mantel ein und rannte. Rannte zum Wald. Zu ihrer Klaive. Die Tänzer der schwarzen Spirale haben gespürt, dass ihre Saat gefallen war. Und nun schwärmten sie aus.

Zurück zum Rudel, Mara!  

Durch die überfüllten Straßen der Stadt, schnell, immer schneller, durch das letzte angrenzende Dorf, nun in der Gestalt eines Wolfes, auf allen Vieren, der Mantel am Boden, mit großen Sprüngen, zurück zum Caern.

Doch niemand empfing sie. Keiner mehr da. Der Caern zerstört, die Leichen ihrer Rudelmitglieder am Boden. Die Tänzer waren schon da gewesen. Überrascht haben sie den Caern, wahrscheinlich. Trauer erfüllte Mara, sie kämpfte gegen Tränen der Wut an. Schmerz durchzuckte sie. Auf einmal war sie so leer...

Von irgendwo tief im Wald kam ein Heulen in Richtung des Mondes. Mara sah ihn an, den Mond, Luna, die Energiequelle. Dreiviertelmond. Noch ein paar Nächte, dann würde ihr Mond wieder scheinen. Der Kriegermond. Dann würde sie wieder auf Jagd gehen, ihr Rudel rächen, die Kinder des Wyrm vernichten. Doch noch war die Zeit nicht gekommen. Noch nicht. Erstmal musste sie laufen.

Wieder ertönte ein Heulen aus dem Wald. Erst jetzt erkannte Mara es. Es war ein gutes Heulen, das Heulen eines Freundes. Sie lief auf diese Stimme zu, kam näher, erreichte sie schließlich. Ein Welpe des Caerns. Ein wölfischer Trickser. Sie lief auf ihn zu. Er lag verletzt am Boden, mit blutiger Schnauze und gebrochener Pfote. Sicherlich hatte er keinen Tänzer gerissen. Im Kampfgetümmel verletzt worden. Sie kam näher, auf ihn zu. Er schaute sie an, mit wehleidigen Augen, treudoof und fast unterdrückt wie ein Hund. Und etwas neben sich liegen. Die Klaive! Dank Gaia, das würde den Kampf leichter machen.
Mara deutete dem Welpen, aufzustehen. Mit Sicherheit war er ein Garou. Er wurde wahrscheinlich weggeschickt, um Nachricht zu geben. Sonst hätte er bis zum Tod gekämpft wie die anderen.

Durch den Wald zurück in die Stadt. Sie führte den verletzten Welpen. Sein Name war Cole, ein Menschling. Eine Notiz hatte er dabei. Eine Notiz vom toten Caern. In Menschenschrift. Die Nachricht war keine Gute.

"Der Spiralentänzerschwarm ist eingefallen. Es sind zu viele. Der Kampf ist verloren. Jetzt schon. Wir kämpfen bis zum letzten Mann. Heil Gaia."

Mara senkte den Blick. Gefallen. Gestorben. Geschlachtet. Geopfert. Für den Wyrm. Gedanklich erneuerte Mara ihren Schwur, kämpfend zu sterben, für Gaia und für ihre Brüder und Schwestern. Für die, welche die Erde lieben und beschützen. Gegen die Weberin und gegen den Wyrm.      

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A.d.R.: Die Begriffe Crinos, Caern, Klaive, Wyrm, Tänzer der schwarzen Spirale, Garou, Weberin und Menschling sind Begriffe aus der World of Darkness, die ich mir von White Wolf geliehen habe. Die Story, das Setting und die Charaktere sind von mir, ebenso wie die Handlung.



 
 
 
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