Herbst

GeschichteRomanze / P6
Eowyn Faramir
01.12.2005
01.12.2005
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Vorbemerkung: Zu dieser Geschichte hat mich ein Minnelied von dem weniger bekannten Minnesänger Meinloh von Sevelingen inspiriert. Normalerweise besingen Minnelieder nur Frühling und Sommer als Zeit der Liebe oder den Winter als Zeit des Liebesleids. Was für eine Zeit aber ist der Herbst? Faramir findet es heraus.
(Die Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen stammt von mir, die Zeile aus der Geschichte, an die Faramir sich erinnert, ist aus einem deutschen Heldenepos.)
Warnung: AU



Sich hât verwandelet diu zît

Sich hât verwandelet diu zît, das verstên ich bî der vogel singen:
geswîgen sint diu nahtegal, si hânt gelân ir süezez klingen.
Und valwet oben der walt.

( Die Jahreszeit hat sich gewandelt, ich merke es am Singen der Vögel: Die Nachtigallen sind verstummt, ihre schönen Lieder klingen nicht mehr. Und der Wald verfärbt sich schon an seinen Wipfeln. )


Vögel zogen im Keil über den wolkenlos blauen Himmel über Minas Tirith, ein frischer Wind trug den würzigen Geruch kleiner Laubfeuer von den Pelennorfeldern herüber, und im fernen Grün der Wälder Ithiliens, die sich am Horizont dahinzogen, flammten bereits prächtige gelbe, orangene und rote Farben. Die Luft war klar und noch nicht kalt, die goldnen Sonnenstrahlen besaßen noch wärmende Kraft, aber alles gemahnte doch schon an den kommenden Winter, als Faramir aus dem Hause Hurin den Weg zum zweiten Zirkel hinunter nahm.
Es kam ihm in den Sinn, dass solche Reisen, wie er eine vorhatte, in den Geschichten seiner Kindheit immer nur im Frühling stattgefunden hatten, wenn die Bäume Blüten trugen, und die Helden, an deren Stelle er sich als Kind geträumt hatte, waren stets voller Freude und hochgemut ausgezogen. Und das Volk bestreute die Straßen mit Gras und Blumen.
Seine Wege würden mit Herbstlaub bestreut sein und obwohl er den Segen des Königs erhalten hatte und ihn die Unterstützung und guten Wünsche des Rates begleiteten und alles zur Zufriedenheit vorbereitet war, war ihm doch das Herz schwer. Ein letzter Weg lag noch vor ihm, der schwerste, für einen letzten Reisesegen; den, der ihm mehr bedeutete als jeder andere.

In den Häusern der Heilung angekommen, wies man ihm den Weg in den Garten, und er lächelte schmerzlich bei dem Gedanken daran, dass er sie ebendort zum ersten Mal getroffen hatte. Damals, in jenen Tagen im Frühling, die er für die letzten hielt und die ihm gleichzeitig Freude und Schmerz gebracht hatten, wie er es sich nie hätte vorstellen können.
Und als er sie dann dort an der Mauer stehen sah wie damals im Frühling, meinte er, dass sie noch nie schöner gewesen sei. Aber schließlich glaubte er das jedesmal, wenn er sie sah, aufs Neue.

Sie bemerkte ihn schon von weitem, bevor sie noch seine Schritte hatte hören können, drehte sich um und lächelte ihm entgegen.
Immer war sie so freundlich zu ihm, immer hatte sie ein Lächeln für ihn; sie sprach mit ihm, sie hörte ihm zu, sie nannte ihn einen Freund. Sie hatte sich nie von ihm abgewandt, obwohl das ihr gutes Recht gewesen wäre, nachdem er ihr sein Geständnis gemacht hatte, und erst recht, nachdem sie die Frau eines anderen geworden war; und das blieb sein Trost.
Er verbeugte sich höflich vor ihr. Sie nickte ihm zu und schien sehr erfreut.

"Wie schön, Euch zu sehen, Faramir! Wollt Ihr eine Weile mit mir an der Mauer stehen? Es ist vielleicht der letzte schöne Tag."
"Ja, sehr gern." Sein Blick schweifte durch den Garten, als würde er sich erst jetzt der Schönheit dieses Herbsttages bewusst. "Ihr habt recht. Es ist ein schöner Tag."
Vielleicht der letzte.
Eine Weile lang standen sie schweigend nebeneinander; er sah zu, wie sie mit geschlossenen Augen in tiefen Atemzügen lächelnd die klare Luft genoss und ein kleines Blatt, vom Wind getragen, sich in ihrem Haar verfing, und er fragte sich, wie er es jemals übers Herz bringen sollte, sie zu verlassen.

Schließlich öffente sie die Augen und wandte ihm wieder ihr schönes Gesicht zu.
"Welchem Grund verdanke ich eigentlich Euren Besuch?", fragte sie lächelnd.
"Ich möchte mich von Euch verabschieden", antwortete er leise, "Und bin gekommen, um Euch um Euren Reisesegen zu bitten."
"Dann habt Ihr eine Reise vor? Schon bald?" Ihre Fröhlichkeit verschwand.
"Noch heute.", nickte er. "Es ist alles vorbereitet."
"Wann kommt Ihr denn wieder?" Klang ihre Frage beunruhigt?
"Das weiß ich noch nicht genau. Vielleicht erst im Winter."
"Dann... versprecht mir, Euch zu beeilen! Es wird mir sonst langweilig werden ohne Euch!", versuchte sie zu scherzen. Aber der scherzhafte Ton wollte nicht recht gelingen.
"Was ist denn der Grund Eurer Reise?", fragte sie dann ernst. "Schickt Euch Elessar?"
"Das auch." Er holte tief Luft. "Ich gehe nach DolAmroth."
"So weit...!"
Er schloss die Augen und hoffte, dass ihr die nächsten Worte nicht wehtun mochten, und wünschte gleichzeitig tief in seiner Seele, dass sie ihr wehtäten, sehr weh - je mehr, je besser.
"Mein Onkel wird mir dort eine Braut aussuchen, die ich dann nach Ithilien heimführen kann."

Sie erstarrte. Dann wandte sie sich ab, so dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte und sagte lange nichts.
Schließlich brachte sie leise heraus: "Ich freue mich für Euch. Es ist gut, verheiratet zu sein."
Nichts weiter. Es klang kühl und förmlich. Dann verstummte sie wieder und auch er stand schweigend. Ein Windstoß fuhr durch die Bäume des Gartens und prachtvoll gefärbtes Laub rieselte zierlich zu Boden. Es war so still, dass man das Rascheln der fallenden Blätter hören konnte, und Faramir sagte sich, dass dies nun das Ende sei. Solange der Sommer währte, hatte er, auch wenn er es sich nicht eingestand, doch immer noch eine vage Hoffnung in sich getragen, auf was, wusste er freilich selbst nicht recht; nun aber war der Herbst gekommen und nahm seine Hoffnung mit sich fort wie ein sterbendes Blatt.

Schließlich setzte er traurig zum Abschied an. Was nützte es, ihn noch weiter hinauszuschieben?
"Ich bat Euch um Euren Reisesegen. Wollt Ihr ihn mir jetzt gewähren?"
Er senkte demütig den Kopf, wie es sich gehörte, schloss die Augen und erwartete die kühle Berührung ihrer Hand an seiner Stirn. Ihre letzte Berührung, die er, so schwor er sich, in seinem Herzen tragen wollte, solange er lebte. Ebenso wie ihre erste, damals, an der Zeitenwende der Welt, als sie sich schutzsuchend an ihn lehnte und ihn glauben gemacht hatte, keine Dunkelheit könne für immer währen.
Er wartete, aber nichts geschah.
Er schaute auf. Noch immer stand sie von ihm abgewandt und unbeweglich.

"Eowyn?" Sie gab keine Antwort.
"Ihr wollt mir keinen Segen für meine Reise geben?" Sie rührte sich nicht, außer dass sie ein wenig mit den Schultern zuckte.
"Eowyn, seht mich an!"
Er machte einen Schritt auf sie zu und legte seine Hand an ihre Schulter. Da riss sie sich los und schlug die Hände vors Gesicht.
"Nein! Nein, nein..." Sie schluchzte. Und da erst begriff er, dass sie weinte, die ganze Zeit schon geweint hatte.
"Nein?"
"Ich will nicht, dass Ihr geht! Ich will nicht, dass Ihr heiratet! Ich will..." Es klang ganz verzweifelt.

Und da verstand er auf einmal. Und er wagte es und sprach für sie zuende:
"Ihr wollt, dass ich hierbleibe. Dass ich keine andere heirate.
Dass ich Euch geheiratet hätte."
Sie sah ihn erschrocken an und schlug schließlich die Augen nieder.
"Ja."
Ihre Stimme war sehr leise und zitterte, als sie das sagte. Dann begann sie wieder zu weinen. Ihre Tränen tropften ins Gras.
Eine große Zärtlichkeit stieg in ihm auf, und er nahm ihre Hände, die sie selbst einmal "unsaft" genannt hatte und die ihm doch sanfter und lieber waren als alle anderen, in seine und versprach ihr etwas.
"Auch wenn ich verheiratet sein werde, wird das zwischen uns beiden doch nichts ändern."
Die Worte kamen ganz von selbst, ohne dass er darüber nachgedacht hätte. "Nichts, gar nichts - mein Schatz."
Da schlang sie ihre Arme um seinen Hals und schmiegte sich schluchzend an ihn, und er hielt sie fest und wiegte sie tröstend an seiner Brust.
"Nichts, mein Schatz. Nichts. Nie."

Und obwohl er nicht wusste, ob er dieses Versprechen würde halten können, obwohl sie, die ihm der größte Schatz auf der Welt war, in seinen Armen weinte, obwohl er wusste, dass es keine Zukunft geben konnte, wie er sie sich erträumte; trotz alledem überkam ihn auf einmal ganz unverhofft eine wilde, unbändige, heiße, unstillbare Freude darüber, dass sie ihn liebte.

Doch stêt mîn herze in îr gewalt,
der ich den sumer gedienet hân.

(Mein Herz aber gehört immer noch derjenigen, der ich den Sommer über gedient habe.)

ENDE.


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