Gefangen

GeschichteAllgemein / P12
Lex Luthor
20.11.2005
20.11.2005
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Seit Stunden schon grinsten die kahlen Wände ihn an.
Machten sich über ihn lustig.
Verspotteten ihn.
Das kalte Weiß war voller Hohn.
Er begegnete seinem Spiegelbild.
Vor ihm stand ein Mensch, den das Schicksal besiegt hatte.
Das Gesicht eingefallen. Die Augen umringt von schwarzen Schatten.
Die Arme zur Bewegungslosigkeit verdammt in einer weißen Weste.
Nein!
Diese Person im Spiegel konnte nicht er sein.
So etwas wie hier, gehörte nicht zu den Dingen, die ihm passierten.
Das alles konnte nicht Wirklichkeit sein. Es war einfach nicht möglich, dass er HIER war.  
Doch weshalb waren dann seine Arme so taub?
Er konnte sie kaum noch spüren.
Die harten Fliessen unter seinen nackten Füßen und die Leere im Raum waren allzu deutlich, um sie ignorieren zu können.
Dann war da noch diese Stille.
Sie bedrohte ihn.
Wie damals auf der Insel.
Nichts fürchtete er so, wie die Einsamkeit.
Manchmal hörte er diese Stimmen, die ihm einredeten, dass  Einsamkeit etwas Gutes wäre, da es auf der Welt keinen Menschen gäbe, dem er trauen könne.
Hatten sie Recht?
Waren Liebe und Freundschaft nichts weiter als Illusionen, die es ihnen leichter machen sollte diese Welt zu ertragen?
Er versuchte sich gegen diesen Gedanken zu wehren.
Doch sprach nicht alles dafür?
Es gab nur wenige Menschen, die ihm etwas bedeuteten.
Jeder von ihnen hatte ihn hintergangen.
Der Machtkampf zwischen seinem Vater und ihm reichte schon bis in seine Kindheit zurück.
Die Frau, die er über alles geliebt hat, für die er fast bereit gewesen wäre zu töten, hatte mehrfach versucht ihn zu ermorden.
Und sein bester Freund verbarg irgendetwas vor ihm. Wie war es sonst zu erklären, dass Clark Morgan Edge kannte, der im Prinzip schuld an seiner gegenwärtigen Situation war. Wieso hatte er nicht einfach das Geld nehmen und verschwinden können?
Doch er hätte es besser wissen müssen.
Hätte auf die Stimmen hören sollen.
Er konnte niemandem trauen.  Das wusste er jetzt.
Er wurde beobachtet. Diese Gewissheit kam ganz plötzlich.
Stille. Leere. Einsamkeit.
Das waren an diesem Ort alles nur Trugbilder. Hier war man niemals allein.
Plötzlich erkannte er etwas, was er vorher nicht gesehen hatte.
Die Erlebnisse auf der Insel waren ein Geschenk gewesen! Ein Geschenk, welches er zurückgewiesen hatte. Und nun musste er mit den Konsequenzen leben.
Wütend starrte er den Spiegel an, als könnte er ihn allein durch die Kraft seiner Gedanken zum Zersplittern bringen.
Was wollte sein Vater?
Wieso hatte er nicht einfach einen Auftragskiller auf ihn angesetzt, so wie er das bei jedem machte, der ihm gefährlich wurde?
Weshalb das hier?
Hasste sein Vater ihn so sehr, dass er ihn auf langsame Art zugrunde richten wollte?
Er war sich sicher, dass der Tod besser war. Besser als all seiner Rechte beraubt an diesem Ort eingesperrt zu sein.
Irgendwo außerhalb seines Gefängnisses konnte er ein leises Wimmern hören.
Julien!
Er war sich sicher, dass es sein kleiner Bruder war, den er da hörte. Obwohl ein Teil seines Verstandes ganz genau wusste, dass er tot war.
Fast beneidete er ihn.
Darum, dass er diese Welt voller Hass und Kälte nicht kennenlernen musste.
Darum, dass er an einem besseren Ort war, als er. Vielleicht sogar bei seiner Mutter.
Ob sie wohl sehen konnte, was hier geschah?
Wäre sie enttäuscht von ihm?
Die Wände waren inzwischen zu gehässigen Fratzen geworden, die ihm ihre Verachtung entgegen spien.
Es gab keinen Ort, an dem er sich vor ihnen verstecken konnte, als sie ihm entgegenschrien, wie sinnlos und vergebens sein Leben sei. Verzweifelt kauerte er sich dicht neben der Tür zusammen. Hielt sich die Ohren zu. Sinnlos. Sie waren in seinem Kopf. Und es gab nichts, was sie zum verstummen brachte.
Hass. Verachtung. Tod.
Er wollte das nicht hören. Verzweifelt versuchte er sie zu verdrängen. Doch sie waren einfach zu laut. Fast schien es, als hätte sich die Welt um ihn herum im Nichts aufgelöst.
Es gab nur noch diese Stimmen, die sein Verderben wollten.
War er verrückt?
Nein. Das konnte einfach nicht sein. Das war einzig und allein die Wirkung der Drogen! An diese Gewissheit klammerte er sich, wenn die Grenze zwischen Realität und Einbildung sich -so wie jetzt - aufgelöst hatte.
Die Stimmen waren real, auch wenn niemand sonst sie hören konnte. Sie vibrierten in seinem Kopf, ergriffen von ihm Besitz, so dass er sich in ihnen verlor.
Existierte er noch? Oder hatten sie ihn bereits getötet?
Ihr schrilles Kreischen hatte sich inzwischen zu einem Donnern verwandelt.
Stirb. Stirb. Stirb.
Da war etwas.
Etwas in ihm wollte sich ihnen nicht ergeben.
Ihnen Macht über ihm zu gewähren, bedeutete seinen Vater siegen zu lassen. Er konnte fühlen, wie dieses Etwas bei diesem Gedanken stärker wurde. Mit voller Wucht brach es sich einen Weg aus seinem innersten hinaus an die Oberfläche, und entlud sich in einem lauten Schrei, der seine Kehle schmerzen ließ.
Er lebte! Genauso, wie sein Wille noch immer nicht tod war.
Er würde nicht zulassen, dass sie ihn töteten. Er würde hier rauskommen.
Frei sein.
Irgendwann.
Die Wahrheit würde nicht ewig verborgen bleiben.
Er empfand den Stich der Nadel, wie einen Dolchstoß direkt durch sein Herz. Fast glaubt er seinen Vater hinter den Wänden spüren zu können.
Nein. Die Wahrheit konnte nicht ewig verborgen bleiben. Irgendwann musste auch sein Vater ihr ins Gesicht sehen. Und es würde kein schönes Antlitz sein.
Er fühlte seine Glieder langsam erschlaffen. Das Gift tat wiedereinmal seine Wirkung. Es hatte keinen Zweck dagegen anzukämpfen.
Noch nicht!
Plötzlich fühlte er nichts mehr.
Kein Schmerz.
Kein Hass.
Nichts.
Vor ihm erschien das Bildnis einer Frau mit verbundenen Augen, die in einem überirdischem Glanz erstrahlte. Die Waage in ihren schlanken Händen befand sich im Gleichgewicht.
Sie lächelte.
Ein Gefühl des Friedens, wie er es schon lange nicht mehr verspürt hatte, stieg in ihm auf.
Widerstandslos ließ er sich in die Arme der Bewusstlosigkeit fallen.
Voller Vertrauen in sie.
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