Blauer Engel mit dunklen Schwingen

von Claudi
GeschichteRomanze / P16 Slash
Janos Audron Kain Raziel
16.11.2005
27.02.2011
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Disclaimer: Nichts mir. Außer der Idee. Teilweise Zitate aus LoK:Defiance übernommen, weil sie einfach passten. Wie bereits erwähnt: Slash und doch kein Slash. Neue Art der Fanfic - Umsetzung meinerseits.

Viel Spaß ^_^

~~;~~

Kapitel 1: Von Visionen und Tagträumern

'Raziel...'
Nacht für Nacht sucht mich diese Stimme heim...
'Raziel...'
Dazu das aufgeregte, nie zuvor gespürte Pochen meines toten Herzens...
'Raziel!'
Ich frage mich, ob das jemals enden wird...
"Raziel! Jetzt mach verdammt noch eins endlich die Tür auf! Kain ist schon stinkend sauer!"
Oh ja, Kain. Mein Schöpfer und Gebieter. Außerdem Herrscher über das langsam verrottende Nosgoth. Ich, Raziel, bin sein Erstgeborener und herrsche als erster der sechs Statthalter an seiner Seite. Meine fünf Brüder Turel, Dumah, Rahab, Zephon und Melchiah hingegen sitzen lediglich zur Zierde neben Kain's Thron, hören sich sein ewiges Gefasel über seine Weltherrschaftspläne an, grinsen blöde und spielen Karten. Oder gehen mir - wie gerade jetzt - tierisch auf die Nerven.

"Raziel - komm heraus oder ich muss Deine Tür einschlagen!"
"Aber Dumah - das Ganze kann man doch auch ohne Gewalt lösen!"
"Melchiah hat Recht, kleiner Bruder. Ich stehe nicht auf Pfählung durch mein eigenes Mobiliar.", gähnend streckte ich meinen Kopf durch einen Spalt in der Tür, "Was gibt es denn jetzt schon wieder so Dringendes, über das Kain so wütend ist?"
"Ehm... erkläre Du es ihm, Rahab.", Dumah schob den vierten Sohn Kains herein, der direkt nach ihm geschaffen worden war, "Du kannst besser, ähm, verhandeln."
"Wieso immer ich?", stöhnte der mit einer Sonnenallergie gestrafte Rahab, der entgegen aller vampirischer Gesetze das Wasser liebte, "Hättet ihr in der Schule besser aufgepasst-..."
"Jaja. Jetzt mach endlich!"
Ich sah meine Brüder mit erwartungsvollen Blicken an.
"Also, Raziel; großer Bruder... Es ist Folgendes...", Rahab rang mit seinen Händen, "Jemand hat vergessen, den Müll herauszubringen, und da dachten wir..."
"Ja, ihr dachtet, dass Raziel, der kleine Liebling des großen, grünen Herrschers von Nosgoth die Sache wieder ausbügeln kann, indem er Kain erklärt, dass er an der Reihe war und sich tausendfach entschuldigend trollt, den Müll heraus zu bringen.", ich trommelte nervös mit dem Fuß auf den Boden, "So ansatzweise korrekt?"
"Äh...", Rahab stieg eine sanfte Röte ins Gesicht, die zu seiner bläulich schimmernden Haut nicht so ganz passen wollte; ein Zeichen, dass ich ins Schwarze getroffen hatte, "So wollte ich es nicht formulieren..."
"Ich ziehe mich nur um und dann bin ich sofort da."
Meine Brüder nickten und verschwanden von meiner Tür. Ich warf mir das Banner mit meinem Clanzeichen um und seufzte. Womit hatte ich das Ganze - diese nervigen Brüder und diesen manischen Weltbeherrschungsfanatiker namens Kain - nur verdient...

~~;~~

Eine gute Viertelstunde später kannte ich die Antwort auf meine Fragen. Sie schaute mich aus zwei braunen Augen unschuldig an; dennoch wirkte das Wesen vor mir weder unschuldig noch wehrlos...
"Das, Raziel, mein erstgeborener Sohn, ist Janos Audron; der Begründer unserer vampirischen Rasse. Er ist der Größte von uns allen; der letzte Geflügelte und Schöpfer Voradors, der den Soul Reaver schmiedete.", Kain, wie immer auf seinem Thron sitzend, erhob sich und machte eine ausschweifende Geste, "Ich hoffe, Du weißt unseren Gast zu schätzen."
Ich schwieg während ich Janos einfach nur ansah und mich fragte, ob er mit den Schwingen auf seinem Rücken wirklich fliegen konnte. Und in einem banalen Augenblick gedanklichen Abschweifens fragte ich mich, ob er jemanden wie mich in der luftigen Höhe überhaupt mit sich tragen konnte und wie es war, fliegen zu können... Bis Janos' Stimme erklang und mich in das Jetzt zurückholte.
"Ich habe keine Bedenken, dass Raziel mich Willkommen heißt. Er ist etwas... Besonderes."
Janos schritt um mich herum, während ich stumm und reglos da stand. Hinter meinem Rücken blieb er stehen und mich überkam eine Gänsehaut; irgendetwas war hier nicht richtig... Dann zeichnete er mit einer seiner Klauen etwas zwischen meine Schultern. Ich konnte nicht erraten, was es war, aber es tat nicht weh, selbst wenn ich warmes Blut aus dieser Zeichnung sickern spürte. Dann trat Janos wieder zwischen Kain und mich, wobei er meinen Gebieter einige Sekunden stumm ansah. Kain nickte leicht und der Geflügelte wandte seinen Blick wieder zu mir.
"Dein Clan ist stolz, Raziel. Ich hoffe für den Erhalt der vampirischen Rasse, dass es auch so bleiben wird."
Ich nickte unterwürfig.
"Ziehe Dich nun zurück, Raziel. Es gibt einige Dinge, die ich mit Janos allein besprechen muss."
Ich gehorchte meinem Herrn. Alles, was ich bei meinem Abgang spürte waren die braunen Augen des Vampirvaters in meinem Rücken.

~~;~~

"Janos Wer?", Zephon kratze sich verwirrt am Kopf, "Was ist an dem so besonders?"
"Wenn ich mich recht erinnere", begann Turel, "Ist er der Begründer der Vampirrasse. Also unser Vorfahre sozusagen."
"Hat er auch unseren Gebieter erschaffen?", fragte Melchiah, der gerade seine Standarte bügelte.
"Nein.", antwortete Rahab, der sich zwar immer mehr in Richtung Fisch entwickelte, aber trotzdem immer noch intelligenter war als Zephon, "Es sind zwar nur Gerüchte, aber Kain soll von Mortanius, dem Hüter der Säule des Todes, zum Vampir gemacht worden sein."
"Von einem Menschen?", es klang fast, als würde sich Dumah auf dem Perserteppich, auf dem er saß, übergeben als er das Wort "Mensch" aussprach, "Wie konnte das denn geschehen? Menschen können doch keine Vampire erschaffen!"
"Kain war einmal sterblich.", nun war ich derjenige, der seine Stimme erhob, und meine fünf Brüder sahen mich zunächst unverwandt an, bevor sie es wagten, sich wieder zu rühren (nicht zu vergessen, dass Melchiah's Standarte nun einen hässlichen Brandfleck hatte), "Mortanius war ein Nekromant, der durchaus in der Lage war, Kain zum Vampir zu machen. Kain ist als Hüter der Säule des Gleichgewichtes geboren worden, doch nachdem Vorador von Möbius getötet worden war, verweigerte er das Opfer und entschied sich für die Rasse der Vampire, war er doch somit der letzte seiner Art. Habt ihr niemals dieses grausige Weinen im Thronsaal vernommen, wenn es des Nachts still ist? Das ist Ariel, die einstige Hüterin der Säule des Gleichgewichts, die von Mortanius ermordet wurde. Als ihr Geliebter von ihrem Tod erfuhr - Nupraptor, der Hüter der Säule des Geistes - verfiel er dem Wahnsinn und steckte die anderen Hüter damit an. Der Zirkel der Neun begann zu verfallen. Kain hätte mit seinem Opfer das Gleichgewicht wiederherstellen können, aber stattdessen weigerte er sich und erbaute sein Reich zum Spott auf den Überresten der verfallenen Säulen. Und was glaubt ihr, auf welcher der Säulen sich sein Thron befindet?"
Meine Brüder schwiegen. Und selbst ich war über meine Worte ziemlich erstaunt - waren sie aus mir doch herausgesprudelt wie aus einem Wasserfall... Woher kam all dieses Wissen über Kain, meinen Gebieter? Konnte es sein, dass Janos...?
"Raziel?", Turel sah mich mit großen Augen an, "Er sitzt auf der Säule des Gleichgewichts, nicht wahr? Er verspottet sein nicht angetretenes Erbe, oder? Hat er das alles nur für uns - seine Söhne - getan? Und für unsere Rasse?"
"Es sieht zumindest so aus.", Melchiah sah durch das Brandloch zu uns herüber, "Stellt euch nur vor, was gewesen wäre, wenn wir ausgerottet worden wären!"
"Aber da ist ein Widerspruch, Raziel.", Rahab kratzte sich am Kinn, "Sagtest Du nicht, dass Vorador nebst Kain der letzte Vampir war? Was war mit Janos?"
Ich brauchte nicht lange nachzudenken, ehe ich ihm antwortete.
"Janos Audron wurde fünfhundertdreißig Jahre vor Null - also fünfhundertdreißig Jahre vor Kain's Erschaffung - seines Herzens beraubt; von einer Gruppe Sarafanenpriester... Wir schreiben nun das eintausendste Jahr nach Null, was bedeutet, dass Kain uns vor 500 Jahren erschaffen hat. Es ist durchaus möglich, dass jemand das Herz von Janos gefunden und es ihm zurückgegeben hat. Sonst wäre er kaum hier, oder?"
"Das leuchtet ein.", murmelte Zephon, wobei ich seine Worte mehr oder minder bezweifelte, aber nicht weiter darauf einging, "Allerdings frage ich mich, warum Janos nicht genauso zerknittert aussieht, wie unser Gebieter. Immerhin ist er ein paar Jahrhunderte älter - wenn ich mich nicht irre, sollte er nun das zarte Alter von 3.000 Jahren erreicht haben, wogegen Kain erst das 1.000ste hinter sich hat. Benutzt er eine besondere Anti-Falten-Creme?"
"Selbst wenn, würde sie Dir nichts nutzen, Bruder.", ich grinste, als Turel das Achseln zuckend anmerkte, "Aber vielleicht hast Du ja Glück und musst Dein Äußeres nicht Deinem Inneren anpassen - das wäre eine zu groteske Vorstellung."
Auch wenn Zephon nicht so wirklich verstand, was Turel meinte, zog er einen Schmollmund und wandte sich von ihm ab. Ich hingegen grübelte über mein neu entdecktes Wissen nach. Und was es bedeutete.

~~;~~

'Erlöser und Zerstörer...'
Ich erkenne diese Stimme zunächst nicht.
'Erlöser...'
Kann sie nicht zuordnen...
'Zerstörer...'
Was bedeutet das alles? Wer spricht da zu mir?
'Ich gab Dir das Zeichen. Es ist an Dir zu handeln.'
Auf einmal ergibt alles irgendwie einen Sinn - und nun erkenne ich auch die Stimme. Aber wie kann das nur sein?
'Erlöser und Zerstörer - Messias der Vampire. Die Zeichen wurden gesetzt und die Schachfiguren harren auf dem Brett ihrem ersten Zug.'
Janos...? Was ist der Grund für Dein plötzliches Erscheinen in meinem vampirischen... "Leben"?

Ich spürte eine Feder, die meine bleiche Wange streichelte. Ich genoss dieses einzigartige Kribbeln meiner Haut mit geschlossenen Augen. Ein belebender (wenn das auch ein grotesker Ausdruck für einen Vampir ist) Duft stieg in meine sensible Nase und ich atmete sogleich tief ein, um ihn voll auszukosten. Ich weiß nicht genau warum, aber ich dachte sogleich an eine alte Sage meiner Mutter, die von einem Engel mit schwarzen Schwingen handelte. Ich wollte diese innere Harmonie, die ich gerade verspürte, nicht zerstören, indem ich meine Augen aufschlug; aber wenn ich nicht bald aufstand, würde Kain mich so elegant aus dem Bett treten, dass ich für immer im Land der Träume festsäße... Also öffnete ich widerwillig die Augen und musste feststellen, dass ich allein war. Seltsam... hatte ich das zarte Streichen über meine Wange tatsächlich nur geträumt? Andererseits - als ich neben mich schaute, erblickte ich ein diese Theorie widerlegendes Indiz: Eine schwarze Feder, so heilig und rein wie derjenige, dem sie gehört hatte. Er war *hier* gewesen, in diesem Raum.
'Der Größte von uns allen. Der Vater unserer Rasse.'
Warum hatte der große Janos Audron solch ein Interesse an mir...?
"Raziel!", die Tür zu meinen Gemächern flog auf und herein fiel ein außer Atem seiender Melchiah, der nur wankend wieder auf die Beine kam, "Sarafanen! Sie haben das Heiligtum der Clans umstellt! Du musst Dich beeilen - Kain wartet auf Dich!"
"Sarafanen!", rief ich aus, "Aber die sollten doch schon längst ausgerottet und ihre Führer in alle Winde verstreut sein!"
Schnell warf ich mein Banner über und folgte - meine Sinne nur noch auf diese Nachricht konzentrierend - Melchiah in den Saal unseres Gebieters.

Kain schaute grimmig drein, als wir den Thronsaal betraten und zum ersten Mal dachte ich nicht sofort daran, dass einer meiner Brüder oder gar ich der Grund für seine Miene waren. Kain hatte die Sarafanen ein Jahrhundert vor unserer Geburt aus Nosgoth getilgt, da war es nur nachvollziehbar, dass er sich Gedanken über diese plötzliche Wiederkehr des Feindes machte.
"Es sind viele.", Turel stand die Sorge ob der Anzahl unserer Angreifer buchstäblich ins Gesicht geschrieben, "Ich weiß nicht, ob meine jüngsten Turelim einen langen Kampf überdauern."
"Pah! Wenn ihr Memmen glaubt, solche Schwächlinge erschaffen zu haben, solltet ihr es lieber lassen!", Dumah, der vor Selbstüberschätzung fast platzte (neben den Nähten seiner lädierten Hose), stemmte die Hände in die Hüften, "Die Dumahim stehen meinem Gebieter jederzeit kampfbereit zur Verfügung. Die Sarafanen werden unser Heiligtum nicht schänden."
"Ich werde als Anführer meines Clans selbst dem Feind gegenübertreten.", Rahab, der im Gegensatz zu Dumah und Zephon nicht vom Selbsterhaltungstrieb besessen war, trat mutig vor, "Denn ich schwor Loyalität für meinen Gebieter und nicht meine Kinder."
Kain nickte. Anscheinend hatten ihn Rahab's Worte überzeugt, obwohl das, was dieser sagte, halsbrecherisch war. Trotzdem - er hatte Mut, das musste man ihm lassen.
"Ich schließe mich eher Dumah an, Gebieter.", Zephon, dessen Haare wieder einmal so schrecklich zu Berge standen, als wollten sie vor ihm fliehen, verneigte sich vor Kain, "Meine Truppen stehen Euch zur Verfügung."
Melchiah zitterte. Als jüngster und schwächster meiner Brüder hatte er natürlich auch am Wenigsten von Kain's Gaben bekommen und fühlte sich so anscheinend nicht stark genug, seinen älteren Brüdern zur Seite zu stehen. Hilfe suchend sah er mich an. Ich nickte nur und spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel.
"Dann bin auch ich bereit, meinem Schwur zu folgen, Gebieter."
Alle Augen waren nun auf mich gerichtet.
'Erlöser und Zerstörer.'
"Ich als Dein Erstgeborener werde ebenso wie Rahab ohne meinen Clan an Deiner Seite stehen. Immerhin sind die Sarafanen keine Amateure was das Töten von Vampiren angeht. Es wäre reine Verschwendung von Untertanen, die in ihrem Leben noch nie etwas Gefährlicheres getötet haben als einen um Gnade winselnden Mensch."
Dumah sah mich verständnislos an - anscheinend hatte er vom Ältesten der Brüder erwartet, dass er mit seiner Armee den Feind überrennt - aber dann wandte er seinen Blick von mir ab. Kain lächelte auf eine subtile Art und Weise, und das machte mir irgendwie Sorgen.
"Dann werden wir wohl unseren Gästen einen Willkommensgruß übermitteln, der sie für alle Zeit auslöschen wird.", Kain, der die ganze Zeit gesessen hatte, stand auf, umfasste den Griff seiner Klinge, als wolle er sie nie wieder loslassen und deutete in Richtung der Tür, "Ich hoffe nur, sie haben sich schon mit dem Tod angefreundet."
Turel, Dumah, Zephon und Melchiah riefen ihre vampirischen Kinder zu sich während Rahab und meine Wenigkeit als Kain's private Armee' an seiner Seite das Heiligtum verließen.

~~;~~

Als wir ins Freie traten, fand ich Turel's Bezeichnung der Massen ein klein wenig untertrieben. Gut zweitausend Mann war diese Armee der Vampirschlächter groß, wenn nicht größer. Ich konnte nicht wirklich erkennen, was sich noch versteckt hielt und darauf wartete, sich zu zeigen. Ich spürte die Anspannungen in all meinen Brüdern. Einzig und allein Kain schien eine ruhige Kugel zu schieben und schätzte murmelnd die Fluchtchancen der Sarafanen ab, wenn ihre Zahl erst einmal bis auf ein Minimum reduziert worden war.
"Ergebt euch, Vampire! Dann versprechen wir euch einen schnellen Tod sowie eine reinigende Läuterung durch Feuer!"
Kann grinste höhnisch.
"Wir könnten euch das Selbe versprechen!", rief er, "Aber das wäre gelogen!"
Dann richtete er den Soul Reaver auf die Sarafanen; das Zeichen zum Angriff. Zuerst fegten die Truppen meiner Brüder über uns hinweg - bildeten die erste Angriffswelle. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie Rahab schluckte.
"Gehen wir es an.", sagte ich und wartete auch auf das Nicken meiner fünf Brüder, "Für den Gebieter!"
Und mit Lauten, die allein den finstersten Tiefen der Hölle entspringen konnten, stürzten wir uns auf unsere Angreifer, mit dem Ziel, keinen von ihnen zu verschonen.

Mein erstes Opfer war eine Frau. Waren die Sarafanen denn so verzweifelt, dass sie sogar Frauen ausbilden mussten? Mit ein paar gekonnten Hieben riss ich tiefe Wunden in ihr Fleisch und trank ihr Blut, als sie zu schwach wurde, auf den Beinen zu stehen. Mitleid hatte ich mit diesen Menschen keines, denn sie hatten ihr Schicksal selbst gewählt. Vielleicht war der Tod durch unsere Hand einfach zu gnädig für diese geblendeten Schwächlinge. Ich riskierte hin und wieder Blicke zu meinen Brüdern und den Heerscharen von Turel, Dumah, Zephon und Melchiah. Entgegen dem, was Turel gesagt hatte, schlug sich sein Clan wirklich gut. Die Dumahim walzten alles, was ihnen unter die Füße kam, gnadenlos platt; sie brachen Knochen und entfesselten ein Crescendo des Schmerzes. Zephonim und Melchiahim hatten durch die Vorarbeit der beiden anderen Clans nicht so viel Arbeit, aber auch sie schlugen sich für die schwächsten Glieder erstaunlich tapfer. Ich versuchte, nachdem ein weiterer Sarafan mich attackiert und ich ihn niedergestreckt hatte, einen Blick auf Rahab zu erblicken; aber ein Geräusch, das es mir kalt den Rücken hinab laufen ließ, unterbrach meine Suche zunächst: Das Geräusch des Schwertes, das Kain mit sich trug - der Soul Reaver. Die Klinge weidete sich an den Seelen derer, die sie niederstreckte und der Ausdruck auf Kain's Gesicht, wie er die Massen von Sarafanen abschlachtete, war selbst für furchtlose Kreaturen wie uns Vampire ein Anblick, den wir nie vergessen würden. Weder meine Brüder noch ich wollten durch den Reaver sterben und auf ewig als Seelen durch die Klinge streifen; keiner wusste, wie viele dieses Schicksal bereits ereilt hatte.
"Vae victus!"
Kain genoss seine Arbeit zusehends. Einerseits verstand ich es, denn immerhin waren die Sarafanen diejenigen gewesen, die Vorador, den letzten Vampir neben Kain und Janos, seinerzeit aufs Schafott geführt hatten. Selbst wenn Kain nicht gerade selbstlos war - der letzte seiner Art zu sein war niemals eine gute Sache. Vielleicht war das seine Art Rache' für diese Behandlung der vampirischen Rasse, und ich ließ ihm seinen Spaß; zumal ich bezweifelte, dass ich viel hätte tun können... Auf einmal erblickte ich Rahab. Und der Anblick dessen, was sich bei ihm abspielte, ließ meinen Magen eine schmerzhafte Drehung vollführen: Vier Sarafanen hatten ihn mit ihren Lanzen an den Boden gepfählt, während ein Fünfter nun auf das Herz meines Bruders zielte. So schnell wie es mir meine übermenschlichen Kräfte erlaubten, hastete ich meinem jüngeren Bruder zu Hilfe. In meiner Hast entriss ich einem niedergestreckten Sarafan seine Lanze und streckte sie von mir - genau in Richtung des Beinahe-Brudermörders. Mit der Kraft eines einfachen Menschen wäre die Klinge der Lanze vermutlich nicht einmal in der Lage gewesen, dem Harnisch des Sarafans einen Kratzer zuzufügen, aber in den Händen eines Vampirs konnte sie sogar Eisen schneiden. Ich erhaschte einen kurzen Blick auf die Gesichter seiner Verbündeten und das von Rahab. Die Ersteren schienen nicht mit mir gerechnet zu haben und starrten mich reglos an, während Letzterer mir stumm für meine Unterstützung dankte. Der Sarafankrieger am Ende der Lanze war jedoch nicht so dankbar dafür, dass ich ihn von seinem jämmerlichen Leben erlöst hatte und ließ wüste Flüche auf mich hernieder regnen, bevor er endlich starb. Dann wandte ich mich den anderen vier zu, indem ich die Lanze mit dem toten Sarafan einmal im Kreis wirbelte und sie somit zu Boden riss. In der Zeit, die sie zum Aufstehen brauchten, löste ich Rahab aus seinem Gefängnis'. Zusammen zahlten wir den Feinden mit gleicher Münze zurück, was sie schon unseren Vorfahren angetan hatten: Wir pfählten sie mit ihren eigenen Waffen.
"Das war knapp.", Rahab lächelte unsicher, "Danke, großer Bruder."
Ich zuckte sein Lächeln erwidernd mit den Achseln.
"Kein Problem. Ich kann es nicht verantworten, dass einer meiner Brüder von diesen Wilden getötet wird, die uns als Bestien beschimpfen."

Langsam näherte sich das Ende der blutigen Schlacht. Kain zog manisch lachend und "Vae victus!" rufend über die letzten Widerstände her, während meine Brüder und ich begannen, unsere Wunden zu schließen, indem wir sie mit dem Blut unserer Feinde heilten. Ich hatte nur einige Kratzer davongetragen, wogegen Dumah, der für Frontalangriffe immer zu haben war, mit so vielen Pfeilen gespickt war, dass er glatt als Kleiderhaken hätte durchgehen können. Oder mobile Vogelstange - wozu auch immer die Fantasie einen anstachelte. Zephon hatte laut Erzählung selbst nur knapp einer Pfählung entgehen können und Melchiah saß letzten Endes erschöpft und zusammengekauert auf dem Boden wie ein verängstigtes Tier, das jedoch angriffsbereit war, sobald es attackiert wurde. Triumph heischend erzählte Dumah davon, wie *er* die Schlacht zu unseren Gunsten entschieden hatte, während Zephon und Turel ihm die Pfeile aus dem Leib zogen. Ich meinerseits saß einfach stumm da, erfreute mich an Kain's (mehr oder weniger) gesundem Wahnsinn und fragte mich, woher die ganzen Sarafanen gekommen waren. Schließlich sollte besagte Vampirtilger- Vereinigung längst in der Hölle schmoren...
"VAE VICTUS! MUAHAHAHA!"
Ich seufzte und fragte mich wieder einmal, womit ich das verdient hatte... Bis Rahab sich zu mir setzte und einige Minuten schweigend den durchgedrehten Kain beobachtete, bevor er zu mir sprach.
"Die Sonne.", murmelte er, "Die verdammte Sonne hat für einen Augenblick hinter den Wolken hervorgeschaut und mich geblendet. Daraufhin haben mich diese fünf Irren übermannt. Nicht auszudenken, was sie den Rahabim angetan hätten..."
"Ich frage mich schon lange, warum Du so anfällig gegen die Sonne bist. Keiner von uns hat solch eine enorme Schwäche gegen sie wie Du. Dafür verträgst Du im Gegensatz zu uns Wasser. Allerdings...", ich schielte unauffällig zu Dumah herüber, der noch nicht ganz ent-Pfeil-t war und schüttelte den Kopf, "Dumah ist auch stark wie eine Dampfwalze und hat den Intelligenzquotienten von eines Einzellers (wobei ich dem armen Tierchen womöglich noch Unrecht tat) - anscheinend hat es in Kain's Gabenvererbung Stärken und die dazugehörigen Schwächen gegeben."
"Mag sein.", Rahab zuckte mit den Achseln, "Aber bist Du als sein Erstgeborener auch von irgendeiner Stärke beseelt, die ihr Gegenstück in Deinen Schwächen findet?"
"Bisher nicht.", antwortete ich ihm ehrlich, "Und so schnell will ich sie auch nicht kennen lernen wenn ich ehrlich bin. Der Vampirismus ist kein Fluch sondern ein Segen, Rahab; wir werden mit jeder Metamorphose immer mehr Göttern gleich. Das einzig Störende ist der Blutdurst, wegen dem wir jeden Tag auf die Jagd gehen müssen. Aber wenn wir für die Macht, die wir haben, auf ein paar Schwächen achten müssen, dann werde ich das auf mich nehmen. Gegen Deine Schwäche finden wir etwas, Rahab, und wenn der Irre, der sich unser Gebieter und Herrscher über das langsam verfallende Nosgoth nennt, Dir eine seiner berühmten Erfindungen kreieren muss."
"Hey, wo sind die ganzen Sarafanen?", rief besagter Gebieter und Herrscher enttäuscht zu uns herüber, "War's das etwa schon?!"
Warum hatte ich nur so ein schlechtes Gewissen, Rahab den Projekten unseres großen und einfallsreichen Gebieters zu überlassen...?

~~;~~

"Sarafanen!", Kain stapfte wütend auf und ab, während meine Brüder sich aus Angst vor verbalen Ausbrüchen des Gebieters hinter seinem Thron versteckten, "Wenn ich sie damals nicht selbst bis auf den letzten Mann gejagt hätte, wäre ich jetzt nicht so verdammt sauer! Andererseits... war es mal wieder ein netter Zeitvertreib. Aber das ändert nichts daran, dass jemand versucht, uns zu vernichten!"
Ich wusste nicht womit ich ihn hätte beruhigen können. Also stand ich einfach nur da und zählte die Flecken auf den Clanstandarten. Eins... zwei... drei Millionen... Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was schlimmer an der ganzen Situation war: Festzustellen, dass meine Füße eingeschlafen waren, dass meine Standarte mehr Flecken und Löcher aufwies als Kain's Küchenschürze oder dass meine Brüder erbärmliche Feiglinge waren. Negativ betrachtet war alles so ziemlich gleich schlimm; einmal abgesehen von den Zukunftsvisionen meines Gebieters, in denen er einen riesigen Tintenfisch besiegte, der an einem Rad (DEM Rad? Klapse?) drehte und ein widerlich gluckerndes Lachen von sich gab (Sadist?). Vielleicht sollte der große grüne Herrscher von Nosgoth weniger in den Vortex starren und den Homeshopping- Kanal abschaffen. So löblich seine Erfindungen auch sind - Kanäle, in denen die Kinder meiner Brüder jeden Ramsch unters gemeine Volk bringen, den man in der Besenkammer findet, grenzen doch eher an menschliche Debilität...
"...el!"
Andererseits, wenn ich zwei meiner fünf Brüder so ansah, war so etwas ja zu erwarten gewesen. Dumah und Zephon zählten nun einmal zu der Sorte Brüder, die man am Besten in den Vortex tritt und wartet, bis dieser sie vor Ekel wieder ausspuckt.
"RAZIEL!"
Kain's Stimme dröhnte durch meine Gehörgänge; es war anscheinend nur meinem glücklichen Zustand von Untot' zu verdanken, dass ich nicht taub war...
"Gebieter?", fragte ich und ignorierte den widerlichen Piepton, der durch meinen Kopf dröhnte.
"Nimm Deine Brüder und kehrt in eure Domänen zurück. Ich muss herausfinden, wer hinter dem Angriff auf uns steckt.", Kain hob bedrohlich den Soul Reaver und kratzte sich am Kopf, "Und dabei brauche ich ABSOLUTE Ruhe!"
Bis auf den stummen Protest, dass keiner von uns bisher auch nur einen Ton gesagt hatte, gehorchten wir und verließen unseren Gebieter. Ich weiß nicht, wie es meinen Brüdern ging, aber ich merkte, dass Kain nicht allein darüber nachdenken wollte. Es gab nur einen, der in Frage kam. Und im selben Moment wünschte ich mir, dass dieser Eine sich auch die Zeit nahm, mir einige Fragen zu beantworten.

~~;~~

Während Kain seine "Ruhe" benötigte, machten wir uns auf, die Überreste des Kampfes zu beseitigen. Alle Leichen wurden in den südlich des Heiligtums liegenden Vortex - auch "See der brennenden Toten" genannt -  geworfen. Was danach mit ihnen passiert, vermag keiner von uns auch nur zu vermuten...

Nach getaner Arbeit zog sich jeder in seine Domäne zurück, um zu ruhen und Nachricht von Kain zu warten. Umgeben von meinen Kindern harrte ich auf meinem Thron und schlug die Zeit mit Nachgrübeln tot. Bis sich ein seltsames Ziepen zwischen meinen Schultern zu Wort meldete. Ich versuchte die Stelle am Rücken zu berühren, was aber aufgrund meiner eingeschränkten Beweglichkeit scheiterte. Wir waren den Menschen vielleicht körperlich überlegen, aber das beinhaltete nicht, dass wir uns beliebig verrenken konnten.
"Raziel."
Mit düsterer Vorahnung sah ich auf. Janos stand vor mir und musterte mich mit einem streng-väterlichen Gesichtsausdruck, den Kain immer aufgesetzt hatte, wenn wir mit unseren Opfern spielten, statt unserem Blutdurst direkt nachzugeben.
"Du wolltest Antworten, Raziel.", sagte er und verschränkte die Arme, "Aber kennst Du auch die Fragen zu ihnen? Obwohl Du den mächtigsten Clan unter Kain's Statthaltern führst, kann ich Dir Deine gesuchten Antworten nicht geben. Es ist zu früh."
Ich spürte ein leichtes Aufflackern von Zorn in mir.
"Und wann wird die Zeit da sein, mir endlich zu sagen, warum gerade Du - Janos Audron, der Vater unserer Rasse - solch ein Interesse am ersten Statthalter Kains hast? Wenn es *zu spät* ist - wann immer das auch sein wird?"
Janos schwieg. Er sah mich einfach nur an, als sollte ich erraten, was er dachte. Bis er letztendlich die Arme aus ihrer Verschränkung löste und mir seine rechte, zur Faust geballte Hand hinstreckte. Ich wollte zu einer Frage ansetzen, als er schon handelte: Er öffnete die Hand und gab eine weitere schwarze Feder preis, die in seiner Handfläche ruhte. Verständnislos sah ich ihn an.
"Janos - was...?"
"Nicht sprechen. Nehmen und konzentrieren."
Ich nahm die Feder, weigerte mich aber zunächst, seinen zweiten Befehl auszuführen. Der Geflügelte sah mich einige Sekunden ein wenig aus der Fassung gekommen an, bevor er mir seine Hände auf die Schultern legte. Ein unangenehmes Gefühl - als würde mein Körper von Etwas fortgezogen - zerrte an mir raubte mir mein Bewusstsein...
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