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Die Übereinkunft

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Bibliothekar Cohen der Barbar Lord Havelock Vetinari Rincewind Tod Treibe-Mich-Selbst-In-Den-Ruin Schnapper
13.11.2005
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Die Übereinkunft






Damon war unzufrieden.
Mehr als unzufrieden.
Er war mit sich und seiner Umwelt unzufrieden.
Mehr mit seiner Umwelt als mit sich.

Das Resultat seiner Unzufriedenheit lag verwurzelt in den Lehren seines Mentors, der gleichzeitig auch als Hausdiener seiner Eltern fungierte.
Philostratus, der Lehrer und Diener des Hauses brachte Damon nicht nur Lesen und Schreiben bei, sondern auch Rechnen, bildende Kunst, Werkstoffkunde, Philosophie und ephebianische Götterkunde.

Wobei das Hauptaugenmerk immer wieder auf die Philosophie fiel.

Philosophie beinhaltet ein sehr weiträumiges Thema.

Es behandelt das `Sein´ und `Hier´ und warum wir hier sein müssen.
Es behandelt auch die Themen, wie wir unser `Hier sein´ etwas freundlicher gestalten könnten. Zum Beispiel mit neuen Ideen, die so alt sind wie die Geschichte selbst.

Mit neuen Regierungsformen.

Damon geisterte andauernd dieses eine Wort im Kopf herum, was er in den letzten Jahren Tag für Tag von Philostratus zu hören bekam: Demokratie!
"Demokratie ist eine feine Sache, Demokratie spricht für sich selbst, das Volk wählt einen Volksvertreter, das Volk entscheidet in einer Demokratie, durch seinen Volksvertreter!"

Damon wurde zwar in Ankh-Morpork geboren, doch wuchs er mehr oder weniger behütet auf. Seine Eltern achteten sehr darauf, dass er nicht all zuviel sozialen Kontakt zu seiner Umwelt hegte, da die hiesigen Individuen seinen Eltern nicht geheuer waren.

Sie selbst stammten aus Ephebe. Sie hatten sich entschlossen, in einer mehr oder weniger feindlichen Region Fuß zu fassen, um neue Handelswege zwischen Ephebe und Ankh-Morpork zu erschließen und wurden für ihr Handeln fürstlich belohnt. Dank der von ihnen eingeführten Gewürze und Waren erlangten sie zu Reichtum und Wohlstand (Einige Abnehmer wiederum kamen Dank der eingeführten Waren meist zu ungeahnten Knoblauchfahnen).

Sie gebaren einen Sohn - Damon, der irgendwann einmal die Geschäfte des Vaters übernehmen sollte.
Doch Filius dachte nicht im Traum daran, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Vielmehr wollte er etwas Großes bewegen. Etwas Wichtiges. Etwas Neues!

Bereits als Jugendlicher stellte er fest, dass die Stadt in der er lebte, nicht optimal mit seinen Mitbürgern umging. Zumal die Mitbürger über keinerlei Mitspracherecht verfügten. Seine nicht genehmigten Exkursionen aus dem Elternhaus wiesen ihn allerorts immer wieder darauf hin.

Die Stadt bestand aus einem Despoten und jeder Menge Gilden, wobei es ihm die Diebesgilde am meisten angetan hatte. Dessen Mitglieder sorgten bei Damon ständig für Blessuren und einer leeren Geldbörse, wenn er sich unbefugt auf dunklen Straßen befand.
Unbefugt schon deshalb, weil er sich beharrlich weigerte, seinen Diebesgildenmitgliedausweis, den seine Eltern bezahlten, mit sich zu führen.

Nachdem Damon erwachsen war, durfte er das elterliche Haus offiziell verlassen. Er trieb sich meist in der Lokalität namens `Geflickte Trommel´ herum, um eventuell Gleichgesinnte zu treffen.
Doch in der Kneipe traf er innerhalb eines Jahres nur auf zwei eventuell Gleichgesinnte, welche weniger von seinen Reden angetan waren, sondern der Hoffnung unterlagen, dass Damon wie immer die Zeche übernahm.  

"Undundund das muss ich euch sagen:", sagte Damon etwas lallig. Er glaubte auf vier offene Ohren zu stoßen: "Wenn der Patrizier nicht wär, dann wäre das Leben viieel angenehmer!"
"Nun halt Dich mal ein bisschen zurück. Die Wände haben hier Ohren!", murmelte sein Freund mit der Zaubererrobe und dem spitzen Hut, auf dem "Zaubberer" stand. "Ugh!", pflichtete das pelzige Etwas neben ihnen bei.

"Aber essiss doch so...", lallte Damon. "Gilden. Nimm mal ´ne Gilde. Diebesgilde. Früher hat man gesacht - wer nichts wird, wird Wirt!"
"He!" schrie der Wirt der `geflickten Trommel´ über den Tresen: "Pass auf was Du da sagst. Das habe ich genau gehört!"
"War nich´ so gemeint. Meine, warum bissn du nich inner Diebesgilde, hä?"
"Bin ich doch.", antwortete der Wirt. "Was glaubst du, wie ich die Konzession für diesen Laden erhalten habe?"
"Siehssu, was ich meine?" Rincewind und der Bibliothekar nickten beipflichtend. "Wer nichs wird, wird Dieb und kann dich beiläufig berauben. Da stimmt doch was nicht! Dann kann ja jeder Dieb werden. Muss nur inner Gilde eintreten. Kann nicht richtig sein!"

Alles drehte sich um Damon. "Muss nach Hause."

"Übernimmst du die Zeche?", fragte Rincewind hoffnungsvoll.
"N´klar! Bis ja mein Freund!"


*


Nachdem Damon die Zeche bezahlte, kam ihm seine Geldbörse ziemlich leer vor. Eigentlich war sie zu Beginn seines Besuches in der geflickten Trommel ziemlich voll. Doch nachdem sich der Wirt als Diebesgilden-Mitglied offenbarte, wurde Damon bewusst, warum er soviel Geld in der Kneipe lassen musste.
Auch vernahm sein umnebeltes Gehirn kurz vor dem elterlichen Haus einen Schlag auf dem Kopf, welcher für noch mehr Umnebelung und für eine noch leerere Geldbörse sorgte.

Nachdem er auf den Treppen zum Elternhaus wieder erwachte sah er, dass zu dieser späten Stunde immer noch Licht im Haus brannte. Irgendwie kam er auf die Beine und stakste die Treppen hinauf. Er öffnete die Haustür und sah sich seinen Eltern und seinem Lehrer Philostratus gegenüber konfrontiert. "Ah, der Herr Sohn.", sagte der Vater etwas konstatiert. "Wie ich sehe sind wir auch schon da."
Das Wort "Wir" traf den Nagel auf den Kopf: Damon sah seinen Vater - und zwar dreifach.

"Nun lass ihn in Ruhe, siehst du nicht das Horn auf seinem Schädel?", fragte Mutter. "Hat man dir schon wieder auf den Kopf gehauen?"

"Das kommt davon, wenn man seinen Diebesgilden-Ausweis nicht parat hat!", sagte Damons Vater vorwurfsvoll: "Warum hast du ihn nie dabei? Wir haben viel Geld dafür bezahlt!"
"Ist so´ ne Privatsache. Möchte nicht darüber reden."

Damon war es zuwider, seinen Vater über die hiesigen Gepflogenheiten aufzuklären, insbesondere, dass ihn die hiesigen Gepflogenheiten der Stadt Ankh-Morpork gegen den Strich gingen.

"Warum seit ihr noch wach?"

"Wir haben einen Brief von deiner Schwester Herakliane erhalten - Sie wird heiraten!"
"Na Juchhe." Damon brummte der Kopf: "Und?"
"Sie will, dass du ihr Trauzeuge wirst!", freute sich die Mutter von Damon.

Damons Kopf brummte inzwischen energischer: "Wann wird sie heiraten?"

"Morgen Abend.", kam die entzückte Antwort von Damons Mutter.

Aus dem brummenden Kopf kristallisierte sich ein Gedanke: "Trauzeuge. Morgen Abend. Wie soll ich denn in Henkers Namen so schnell zu den Spitzhornbergen kommen?"

Damons Schwester hatte sich in einen Geschichtenerzähler verknallt. Jener kam aus den Spitzhornbergen. Er hatte sein Glück in Ankh-Morpork mit erfundenen Geschichten versucht, allerdings mit wenig Erfolg. Zumal seine märchenhaften Geschichten beiweiten nicht das reale Leben der Stadtbewohner übertraf. Also machte er sich in Richtung Heimat auf, um dort über das reale Leben der Ankh-Morporkianer zu berichten - und das mit wesentlich größeren Erfolg. Ihm wurde daraufhin viel Phantasie nachgesagt.

Im Schlepptau hatte er eine aus Ephebe stammende und überaus gut aussehende Frau mitgebracht - Damons Schwester, die seinen Geschichten unterlegen war. Nachdem er wieder in heimatlichen Gefilden ankam, erzählte er eine Geschichte nach der anderen - und die Leute hörten stets zu.
Sie hörten nicht nur zu, sondern bewunderten auch die Frau an seiner Seite. Dank ihr war er in jedem Dorf der Spitzhornberge inzwischen stets willkommen.

Auch Damons Eltern blickten gerne auf die Verbindung. Denn ein reisender Irrer, der Geschichten erzählt, kann nur von reichen Eltern unterstützt werden.
"Ihr wollt also allen Ernstes, dass ich zu den Spitzhornbergen eile, und dort meiner Schwester in diesem, diesem, Kaff als Trauzeuge fungiere."

Beide nickten fröhlich. "Genau!", kam es wie aus einem Mund.

"Ja, und wie soll ich bis morgen Abend dort sein?", fragte Damon.
"Die Kutsche ist schon bestellt. Brauchst nur morgen früh einsteigen!", erklärte Mama Damon: "Wenn einen nur Gutes wiederfährt, das ist doch einen Juchso wert, oder? Das wollen wir feiern!"

Damons Vater kramte vier kleine Gläser aus einer Vitrine hervor und füllte sie mit einem fast durchsichtigen Gesöff, welches Eisspuren aufwies: "Jammas!", schrie er und alle machten es ihm nach.

Zwölf Juchsos später war Damon wieder am Torkeln.

Eigentlich war sein Gehirn am Torkeln.
Und seine Beine auch.
Irgendwie brachte er sein Gehirn, seine Beine und seinen Torso in sein Schlafgemach. Liegend auf seinem Bett versuchte er die Lampe auszupusten. Irgendwo in seinem vernebelten Gehirn wurde ihm klar, dass er noch etwas erledigen wollte.

Ach ja, den Patrizier ermorden.

Stark angeglüht stand er wieder auf - sein Umfeld wirkte wie ein schlechtes Gemälde, entsprungen aus einem kranken Hirn. Irgendwo hatte er zum Apfelschälen einen Dolch herumliegen lassen. Es war eigentlich nur ein Kartoffelschälmesser. Seine Konzentration fiel auf jenen besagten Dolch und irgendwie schaffte er es, dieses Messer zu ergreifen.

Er verließ sein Zimmer, das Haus und bewegte sich in die Richtung des Patrizierpalastes.

*


"Was macht der da?", fragte der eine Palastwächter den anderen. "Keine Ahnung. Auf jeden Fall singt er."
"Das nennst du singen?"
"Klingt auf jeden Fall besser als in dem `Kaum Betucht´ Haus, die Mädels dort sind zwar schön, aber singen tun die, als hätte man einer Katze auf den Schwanz getreten!"
"Aber was macht er denn dort mit dem Kartoffelschälmesser?"
"Sieht so aus, als möchte er das Kopfsteinpflaster zweiteilen. Ist das verboten?"
"Soweit ich weiß, nicht! Aber ist das nicht Beschädigung öffentlichen Eigentums?"
"Ich glaube nicht, es sei denn, das Messer in seiner Hand ist öffentliches Eigentum."
"Hör mal, was er singt."

Beide Wächter horchten.

"Und jetzt hau isch mit dem Hämmerschen mein Sparschwein, mein Sparschwein kaPUTT!"

"Klingt das Revioliutionär?", fragte der eine Wächter den anderen.

"Du meinst wohl Revolutionär. Nein. Das passiert erst, wenn Worte wie `Demokratie´ oder so etwas Ähnliches verwendet werden. Nö, das ist immer noch im Rahmen der Toleranz."

"Nieder mit dem Patrizier! Tod der Diebesgilde. Tod der Assassinengilde - ist zwar ein Widerspruch an sich - aber trotzdem. Tod dem Patrizier - es lebe die Demokratie!"

"Ich glaube, jetzt hat er den Bogen überspannt.", sagte ein Wächter zu den anderen.
"Sehe ich genauso. Hey Bürschchen, wird Zeit, das wir dich in die Ausnüchterungszelle verfrachten!"
Ehe Damon sich versah, befand er sich in der Ausnüchterungszelle.

*



Die Ausnüchterungszelle war auch als Schlangengrube bekannt. Normalerweise diente sie als Hinrichtungsstätte für besonders unerwünschte Personen der Stadt, doch erfüllte sie noch einen weiteren Zweck. Sie machte extrem betrunkene Personen auf einen Schlag extrem nüchtern.

Nicht nur Schlangen beherbergte die Grube, sie war auch mit Skorpionen bespickt. Seltsamerweise brachten mehr oder weniger betrunkene Personen eine Art Tanz zustande, um den Bissen und Stacheln zu entgehen. Man munkelt, dass so der wahrscheinlich erste irische Volkstanz entstand.

*


Drumknott, der treue Sekretär betrat das Büro von Lord Vetinari. Er hatte ein Tablett in der Hand welches mit einer Tasse heißer Schokolade bestückt war. "Ah, Drumknott, ich danke dir."
Vorsichtig führte Lord Vetinari die Tasse an den Mund und nahm einen winzigen Schluck. "Köstlich wie immer.", resümierte er. "Wer befindet sich eigentlich in der Schlangengrube und tanzt wie ein irischer Stepptänzer?"

"So weit ich weiß, lautet sein Name Damon. Sohn reicher ephebianischer Einwanderer. Er wurde heute Nacht von der Palastwache aufgegriffen."

"Was wirft man ihm vor?"

"Ich glaube er wollte er dich töten. Und er hat das `Unwort´ benutzt."

"Das Unwort? Etwa das mit `D´ am Anfang?"

"Genau dieses Unwort mit `D´ am Anfang.", bestätigte Drumknott.

"Werfe ein Seil in die Schlangengrube. Ich möchte mich mit ihm unterhalten.

*

Damon wirkte im ersten Moment erleichtert. Nachdem ihm ein Seil zugeworfen wurde entkam er den Schlangen und Skorpionen, nur um sich einer wesentlich größeren Schlange mit menschlichen Zügen gegenüber zu sehen.

"Nun, du wolltest mich töten."

Die menschliche Schlange setzte ihren tödlichen rhetorischen Skorpionstachel ein.

"Nun ja, ja und oder nein.", druckste Damon. "Mehr oder weniger."

"Meine Stadtwachen haben mir die Tatwaffe überreicht."
Lord Vetinari legte das Kartoffelschälmesser auf den Schreibtisch, dessen Schneide arg verbogen war und einer Ziehharmonika ähnelte.

"Du weißt, was dich erwartet, wenn man den Patrizier ermorden will?"

"Die Schlangengrube?", fragte Damon hoffnungsvoll.

"Mitnichten. Wir haben einen sehr fähigen Henker. Sein Name lautet Daniel `ein Fall´ Truper. Normalerweise wird er seiner Anforderung mehr als gerecht. Doch in deinem Fall könnte ich mir vorstellen, dass ich `ein Fall´ zu `zehn Fällen´ überreden könnte."

Damon wurde bleich.

Ihm schoss sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Die Erinnerung verharkte sich wie eine Nadel auf einer lädierten Schallplatte an einem Punkt, den er noch erfüllen musste.
Unbändig wiederholte sich die Stelle, bis sie feste Konturen annahm.

"Herr, da gibt es noch etwas, was ich erledigen muss."

"Was gibt es wichtigeres, als zum Vergnügen anderer Leute herumzuhängen?"

"Nun ja, meine Schwester heiratet morgen. Ich soll ihr Trauzeuge sein."

"In welchem Tempel heiratet sie denn?"

"In einem Tempel in den Spitzhornbergen - Blödes Kaff."

Der Patrizier faltete die Hände: "Lass mich resümieren: Ich lasse dich laufen und du entfernst dich aus meiner Gewalt. Du setzt dich ab an einen Ort auf dem Gegenkontinent - in das achatene Reich auf nimmer Wiedersehen. Übrigens, das achatene Reich gibt es nicht!"

Damon überlegte fieberhaft. Ihm kam ein Geistesblitz: "Ich habe einen Freund. Der bleibt solange hier, bis ich wieder da bin. Könntest du mit dieser Vereinbarung leben?"

Der Patrizier dachte darüber nach. Er legte seine gefalteten Hände an die Lippen während er Damon nicht aus den Augen ließ: "Warum nicht. Bring mir deinen Freund. Doch wenn du in drei Tagen nicht wieder da bist, werden wir deinen Freund hängen. Sei dir darüber im Klaren. Er wird dann für dich sterben und du wärst von deiner Schuld erlöst. Übrigens, habe ich schon erwähnt, dass unser Henker sehr geübt ist, was auch die Hinauszögerung des Todes betrifft?"

"Du hast etwas Ähnliches bereits verlautbaren lassen."

"So sei es. Drumknott? Begleite diesen Herrn bitte vor die Tür."

Damon begab sich zu seinem einzigen und wahren Freund.

*



"Sag mal, hast du sie noch alle?"
Erbost stierte Rincewind Damon an.

"Ist doch nur für drei Tage." versuchte Damon zu beschwichtigen. "Ich bin Trauzeuge meiner Schwester und schwups - bin ich wieder da. Du kannst Dir einen faulen Lenz machen - mal so richtig entspannen!"
"In einer Todeszelle? Entspannen in einer Todeszelle? Was glaubst du wie entspannt man sich in einer Todeszelle fühlt, hm?"

Rincewinds Augäpfel traten aus den Höhlen: "Und überhaupt - warum ich?"

"Du wolltest doch auch, dass sich etwas ändert, oder? Denke an die Worte: Demokratie."

"Blödsinn! Ich wollte nur eine bezahlte Zeche. Und deine Ideen fand ich auch nicht sehr komisch! Eine Stadt wie Ankh-Morpork braucht einen Despoten. Stell dir mal diese Stadt ohne Diktator und mit Demokratie vor. Erst kommen die Zwerge und wollen dies und das durchgesetzt haben. Dann kommen die Trolle und wollen das Gegenteil. Dann kommen vielleicht die Vampire - sie wollen die Nacht - und zwar Tag und Nacht! Vielleicht fordert der Bund der Werwölfe, dass es nie wieder Vollmonde gibt. Andere Werwölfe fordern das Gegenteil. Ist dir eigentlich klar, was deine Demokratie auslösen würde, hä? Chaos! Reinstes Chaos würde deine Demokratie auslösen. Ha! Nee, nee - ist schon ganz gut so, wie es ist. Und so soll es auch bleiben."

Rincewind sprang erbost von der einen in die andere Ecke seiner Kammer, als ob heiße, brennende Teelichter im Boden eingelassen waren.

"Du willst mir also nicht helfen, oder?", fragte Damon.

"Ich? Niemals!", stellte Rincewind fest.

"Auch wenn ich den anderen in der Stadt erzähle, dass du gar nicht zaubern kannst?"
"Das weiß doch sowieso schon jeder. Damit kannst du mir keine Angst machen!", erwähnte Rincewind.
"Wirklich jeder?", fragte Damon mit Nachdruck.

Rincewind überlegte: "Jeder. Ja. Nun ja. Fast jeder."

"Und was ist mit dem Wirt?", wollte Damon wissen.

Der Wirt der `Geflickten Trommel´ hatte schon des öfteren Besuch von Zauberern erhalten. Jene pflegten in seinem Pub das eine oder andere Getränk zu sich zu nehmen, ohne dafür zu bezahlen. Und wenn der Wirt sie über ausstehende Rechnungen in Kenntnis setzte, bekam er stets die Antwort, dass der Quästor noch ein paar getrocknete Froschpillen brauchte und das es nicht viel Aufhebens benötigte, einen Wirt in einen Frosch zu verwandeln, dessen Leben an einer Wäscheleine mit frischer und trockener Luft ein jähes Ende finden könnte.

Auch Rincewind nutzte diese Drohung. Doch insgeheim führte der Wirt eine eng beschriebene Strichliste, wobei Rincewinds Strichliste inzwischen auf fünf Zetteln Platz fand. Würde der Wirt von Rincewinds Untalent Kenntnis erhalten, dann würde sich der Wirt sicherlich mehr als erkenntlich zeigen, was das Schuldeneintreiben anbetraf.  

"Das wagst du nicht!", bebte Rincewind voller Zorn.

"Gehst du jetzt von dannen, oder nicht?"

Rincewind erwägte seine Optionen. Er wusste von den Schergen des Wirtes. Unter anderen bezahlte jener einen Troll, der gerne Expanderübungen mit menschlichen Körpern vollführte. Auch war man wirklich nirgends vor dem steinernen Ungetüm sicher. Ein Wort des Wirtes genügte und der Troll begab sich stoisch auf die Suche nach seinem Opfer. Wie man hörte, fand der Troll mit traumwandelnder Sicherheit sein menschliches Trainingsgerät innerhalb kürzester Zeit.

Rincewind hatte zwei Möglichkeiten: Entweder ein sofortiger oder ein baldiger Tod. Zweite Möglichkeit schien die bessere Wahl zu sein.

Er resignierte: "Okay, du hast gewonnen. Doch wehe dir, du kommst nicht rechtzeitig zurück."

"Gut.", freute sich Damon: "Ich begleite dich noch bis zum Palast."

"Das ist wirklich nicht notwendig."

"Ich denke schon!"

*


Damon sah, wie Rincewind von den Palastwachen empfangen und unter Protest abgeführt wurde.
Damon dachte: `Okay Rincewind, du hilfst mir, dafür werde ich mein Versprechen einhalten´
Auf dem Hof seiner Eltern warteten nicht nur seine Eltern, sondern auch eine Kutsche, zwei Kutscher und vier unbändige Pferde auf ihn.

"Wo warst du bloß die ganze Nacht - wir haben uns Sorgen gemacht!", fragte die Mutter. Damon bestieg die Kutsche: "Das ist eine lange Geschichte. Ich bin bald wieder da. Und heute Abend habt ihr eine frisch vermählte Tochter." Mit diesen Worten stieg Damon in die Kutsche, schloss die Tür und wiegte sich durch das sanfte Rumpeln der Kutsche in den Schlaf.

*


Die Hochzeit verlief ohne Schwierigkeiten.
Nachdem die Kutsche die Damon verfrachtete, sicher am späten Nachmittag bei seiner Zielbestimmung ankam, wurde Damon freundlich empfangen.

Die Zeremonie wurde in einem hiesigen Tempel abgehalten.

Auch stand kein verschmähter Liebhaber auf, um diese Verbindung zu unterbinden.
Das Brautpaar konnte sich nach dem Ringtausch ohne Probleme küssen und wurde dafür von den anwesenden Personen bejubelt.

"Damon", sagte die Schwester von Damon: "Wir gehen gleich in der `Großen Halle´ feiern. Du wirst uns doch begleiten, oder?"

"Würde ich ja gerne", sagte Damon, "doch muss ich zuvor noch etwas erledigen."

"Was ist denn wichtiger, als meine Hochzeitsfeier?", fragte Herakliane ein wenig entrüstet.

`Mein Tod´, wollte Damon erwidern - doch behielt er diese Feststellung für sich  - zumal er das anschließende Fest mit dieser Aussage nicht stören wollte.
"Ich bin einem Freund verpflichtet bis übermorgen Abend wieder in Ankh-Morpork zu erscheinen. Und ich möchte nicht zu spät kommen."

"Schade.", sagte Damons Schwester.

Beide umarmten sich und Damon verspürte das erste Mal so etwas wie Angst. Eigentlich könnte er ja hier bleiben und bis in den Morgengrauen mitfeiern. Und wenn er dann aus dem komatösen Schlaf erwachte, wäre alles schon fast gelaufen. Er wäre am Leben - und Rincewind - nun ja, Rincewind würde auf dem "Hier gibt´s alles - Platz" ein wenig abhängen.

"Ich kann leider nicht hier bleiben. Ich habe wie gesagt - Verpflichtungen."  

Damon löste sich aus der Umarmung seiner Schwester, wünschte ihr noch viel Glück` `Toi, toi, toi´ und begab sich in Richtung der wartenden Kutsche. Sie winkte ihm zum Abschied zu: "Und grüße unsere werten Eltern."
Damon drehte sich ein letztes Mal um: "Das werde ich tun. Und du sei ein treues Weib. Gebäre deinem Gatten viele Kinder, und... ach du weißt schon, was ich meine -das übliche Geplänkel und so!"
Damon wurde sich bewusst, dass er seine Schwester womöglich nie wiedersehen würde. Jedenfalls nicht in diesen Leben.

Damon begab sich zur wartenden Kutsche.

*


Beide Kutscher lehnten an der Kutsche mit verschränkten Armen. Damon wollte gerade einsteigen.
"He, was wird denn das?", fragte der Kutscher, der auf den Namen Paul hörte.

Damon wirkte etwas überrascht: "Nun, ich steige in die Kutsche ein und ihr bringt mich nach Hause."

"Nee, nee - so wird das nichts.", sagte der zweite Kutscher mit Namen Lester, während er gedankenverloren anfing mit einem viel zu großen Messer seine Fingernägel zu reinigen. "Wir lassen uns von euch reichen Schnöseln nicht mehr herumkommandieren, denn wir sind in der Kutschergilde."

"Jawoll!", pflichtete Paul bei.

"Und was heißt das jetzt konkret?", wollte Damon wissen.

"Das heißt, dass uns jetzt eine achtundvierzigstündige Ruhepause zusteht!"

"Jawoll!", bestätigte Paul.

Damon begriff: "Ist es eine Frage des Geldes? Wie viel wollt ihr?"

Lester unterbrach sein Fingerreinigungsritual: "Das ist wieder mal so was von typisch! Kaum beharrt man auf seine Ruhezeiten, schon wird man vom kapitalistischen Regime aufgefordert, seine Lenkzeiten nicht einzuhalten. Ihr reichen Schnösel glaubt wirklich, mit Geld lässt sich alles bewerkstelligen, oder? Typisch! So was von typisch! War echt abzusehen!"

"Jawoll!"

"Aber wie soll ich denn rechtzeitig nach Hause kommen? Ich habe eine wichtige Bürgschaft einzulösen." Damons Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.

"Wie wäre es auf dem herkömmlichen Weg: Per Pedes! Zu Fuß! Ein Schritt nach dem anderen! Oder sind wir uns zu fein dafür, hm?", wollte Lester wissen.

Lesters Aussage bestätigte Damons Antipathie gegenüber Gilden und deren Mitglieder. "Dann eben nicht." Achselzuckend wandte er sich um, griff einen stabilen Ast der am Boden lag und begab sich zu Fuß in Richtung Heimat.

Lester widmete sich wieder seinen Fingernägeln.

Als Damon außer Hörweite war fragte Paul: "Hat er uns nun Geld geboten, oder nicht?"

"Ich glaube nicht.", stellte Lester fest.

"Was für ein Blödmann. Für ein paar Ankh-Morpork-Dollar hätten wir ihn sogar über den Rand der Welt kutschiert. Die Dummen sterben einfach nicht aus!"

"Jawoll!", bestätigte Lester.

Regen setzte ein.

*


Es regnete nicht, es saute! Der Engländer spricht von niederfallenden Katzen und Hunden. Damon kniff die Augen zusammen, um den Weg noch einigermaßen erkennen zu können.

Nach genau einem Tag erreichte er den "Fiesen Fluss", der seinen Namen alle Ehre machte. Dank des Regens staute sich das Wasser und ließ selbst kleinste Bäche über sämtliche Ufer treten. Auch der "Fiese Fluss" bildete keine Ausnahme.

Kaum wollte Damon einen Fuß auf die überquerende Brücke setzen, da kam es zu einer heftigen Überschwemmung, die die Brücke unter seinen Füßen mitriss.  Damon musste miterleben, wie die Brücke vor seinen Augen durch die strömenden Fluten zerstört wurde - die einzige, die weit und breit in die Heimat führte und Rincewind von seinem Schicksal abhielt.

"Na toll. So etwas kann auch nur mir passieren", murmelte Damon, während er die krachenden Bögen der Brücke unter der Last des Wassers beobachtete. Damon wich vor den tosenden Fluten zurück und suchte nach einem anderen Weg der Überquerung.

Möglicherweise gab es ja einen ansässigen Schiffer, der ihn über den Fluss bringen könnte. Doch je mehr er den Strand nach einem Schiffer absuchte, wurde ihm bewusst, dass es wohl keinen in dieser Region gab, zumal eine Brücke eine harte Konkurrenz für jeden Fährschiffer darstellte.

Je länger er am Ufer umherwanderte, umso trostloser wurde die Aussicht, den Fluss trockenen Fußes zu überqueren. Damon tat das, was er wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben tat: nämlich beten.

Er sank auf die Knie und dachte über die Lehren seines Hausdieners Philostratus nach. Philostratus hatte ihm sämtliche ephebianische Gottheiten näher gebracht.

Ihm war klar, dass er eigentlich nur eine Spielfigur auf dem großen Brett der Götter war.

Da gab es den Gott `Hochmut´, den Gott `Fall´, auch gab es die Götter `Hunger´ und `Satt´, `Richtig´ und `Falsch´ und `Schwarz´ auf `Weiß´.

Sämtliche Gottheiten haben Gegengötter.

Bis auf einen. Sein Name ist Zweifel. Zweifel trägt zwei Gottheiten in sich und wird öfters angebetet, als man es zu glauben vermochte.

Während Damon den drastisch ansteigenden Fluss beobachtete, kamen ihm Zweifel, jenen  überqueren zu können. Verzweifelt wand er sich an Zweifel, seine Zweifel zu über überwinden.
Die Hände zum Gebet erhoben sank er ans Ufers Strand und betete zu Zweifel.
Doch je mehr er betete, desto mehr entwickelte sich der Fluss zum Meer - kaum noch überwindbar. Verzweifelt warf sich Damon in die Fluten und erreichte nach langem Kampf und mit mächtigen Schwimmzügen - zweifelsfrei - das andere Ufer.

*


Inzwischen war es finstere Nacht und der Regen hatte inzwischen sein Regen eingestellt. Keuchend erreichte Damon das Ufer. Er gönnte sich nur eine kurze Pause zum Ausruhen, um dann seinen Weg fortzuführen.

Die nächste Etappe hatte es in sich. Sie führte durch einen Wald, der für seine Räuber bekannt war. Und die Räuber ließen nicht lange auf sich warten.

Ehe Damon sich versah, wurde er an seinem linken Knöchel gepackt und in die Lüfte gezogen. Eine Fackel leuchtete ihn ins Gesicht. Er befand sich fast auf Augenhöhe mit einer Person, die weder vertrauenserweckend, noch sehr schön anzublicken war. Jene Person offenbarte ihm ein Grinsen, welches mit diamantenen Zähnen unterstrichen wurde.

"Na, wen haben wir denn hier?", fragte Cohen, der Barbar.

"Trägt er Wertsachen bei sich?", fragte der finstere Fred hoffnungsvoll.

"Keine Ahnung." Cohen schüttelte energisch an Damons Bein: "Klingt nicht nach Reichtum!"
Weder klimperten Geldstücke aus Damons Taschen, noch offenbarten die Taschen Damons weitere wertvolle Gegenstände.

"Der hat nix!", stellte Cohen fest: "Was sollen wir mit ihm machen?"

"Wir könnten ihn ja die Kehle durchschneiden und zum Ausbluten an den Füßen aufhängen!", bemerkte der Junge Willie: "Dadurch wird seine Leber schön zart. Mit Hammeln klappt das immer!"

"Wasisn?", fragte der irre Polterer.

"WIR KÖNNTEN JA DEN GEFANGENEN ZUM AUSBLUTEN AN DEN FÜßEN AUFHÄNGEN.", erklärte der Junge Willie etwas lauter.

"Ah, aufhängen." Der irre Polterer schwelgte in Erinnerungen: "Wurde schon dreimal in meinem Leben aufgehängt. Schade um die schönen Stricke. Waren echte Handarbeit!"

"Da - da - darf ich auch etwas dazu sagen?", fragte Damon, dessen Welt um 180 Grad gedreht war.

"Was meint ihr?", fragte Cohen den Rest der Horde: "Soll ich ihn loslassen?"

"Warum nicht."
"Mach ruhig."
"Gib ihn ´ne Chance."
"Wasisn?"

"Also gut." Cohen öffnete seine Hand und Damon plumpste dank der Schwerkraft auf die Erde. Er rieb sich mit einer Hand den schmerzenden Nacken.

"Was hast du nun zu sagen?", fragte Cohen.

Bleich vor Schmerzen erklärte Damon: "Wie ihr sicherlich schon festgestellt habt, habe ich nichts außer mein Leben. Komplizierte Geschichte. Auf jeden Fall muss ich morgen rechtzeitig in Ankh-Morpork sein, sonst wird ein Freund an meiner Stelle gehängt."

"Was sachta da?"

"ER SAGT, DASS ER NACH ANKH-MORPORK MUSS, SONST WIRD ER NICHT GEHÄNGT!"

"Gibt schlimmeres. Zum Beispiel gehängt zu werden.", entgegnete der Irre Polterer.

Cohen rieb sich grübelnd das Kinn: "Wenn ich dich richtig verstehe, musst du rechtzeitig in Ankh-Morpork auftauchen, ansonsten wird jemand Anderes statt Deiner hingerichtet. Doch wenn Du rechtzeitig da bist, wirst Du hingerichtet und der Freund kommt frei?"

"Du hast es auf den Punkt gebracht!", bestätigte Damon.

"Aber warum lässt du den anderen nicht sterben - du könntest frei sein..."

"Hast du jemals etwas von dem Begriff: `Ehre´ gehört? Ich habe etwas versprochen - und ich pflege meine Versprechen einzuhalten."

"Bist schon ein merkwürdiges Bürschchen. Hätte ich die Wahl, ich wäre schon längst im achatenen Reich abgetaucht. Übrigens, dort gibt es sehr schöne Vasen. Aber nein, du möchtest ja unbedingt sterben. Wie heißt denn dein Freund?"

"Rincewind."

"Rincewind? Etwa der Rincewind? Schmächtige Figur, trägt einen Hut mit dem Wort `Zaubberer´ eingestickt?"

"Wir reden über die gleiche Person."

"Rincewind hat uns schon oft geholfen - meist unbewusst. Wenn du ihn retten kannst, dann wollen wir dich nicht aufhalten." Cohen verneigte sich theatralisch vor Damon und ließ ihn von dannen ziehen. "Und wenn du ihn triffst", Cohen lächelte ein diamantenes Lächeln: "bestelle schöne Grüße von uns!"

"Wenn ich zu Wort komme, gerne."

"Und hüte dich vor diesen Wald. Er ist voller Räuber."

"Danke für den Tipp."

Damon folgte seinen Weg Richtung Ankh-Morpork

*


Kurz vor dem Morgengrauen entdeckte Damon eine sprudelnde Wasserquelle, an der er sich die brennenden Glieder wusch. Erfrischt setzte er seinen Weg fort.

Die Sonne ging auf.

Der Himmel befreite sich von der Geißel der schwarzen Nacht und eröffnete den Zenit mit einem strahlenden Azurblau. Vögel zwitscherten fröhlich in den Bäumen. Damon wusste, dass er nicht mehr sehr weit von Ankh-Morpork entfernt war, als zwei Wanderer ihm entgegenkamen. Beide waren in einem Gespräch vertieft: "...hat doch keine abschreckende Wirkung mehr, solch eine Hinrichtung."

"Das sehe ich genauso. Aus dem soziologischen Blickwinkel betrachtet ist eine Hinrichtung keine effektive Maßnahme, die Wirkung zeigt. Weißt du noch als wir der Hinrichtung des Taschendiebes beiwohnten? Während er vor uns aufgeknüpft wurde, wurde mir meine Geldbörse geklaut!"

"Stimmt. Auch verstehe ich nicht, warum sie diesen Knilch aufhängen. Sein Freund baut Mist und dafür muss dieser Zauberer sterben."

Damon wusste sofort, um wen es sich bei diesem Gespräch handelte.

Beunruhigt beschleunigte er seine Schritte.

Ein paar Stunden später sah er in der Ferne die Dächer von Ankh-Morpork, als ihm Philostratus - sein Lehrer entgegeneilte.

Der erkannte entsetzt seinen Schüler: "Zurück, du rettest Rincewind nicht mehr. Vetinari hat ihn arg zugesetzt, doch glaubte Rincewind fest daran, dass du zurückkommst. Aber nun ist es zu spät. Rincewind wird statt Deiner gehängt. Drum rette Dich wenigstens. Es macht doch kein Sinn, dass du auch noch dein Leben verlierst!"

Damon schluckte.

*


Rincewind war eines zuwider.
Menschenmassen.
Er hasste Menschenmassen.
Doch mehr als Menschenmassen hasste er Menschenmassen, die sich ausschließlich für ihn interessierten.

Daniel `ein Fall´ Truper hatte bereits einen Strick um Rincewinds Hals gelegt. Rincewind konnte von dem Podest aus einen emsigen Verkäufer mit einem Bauchladen beobachten, der Würstchen feilbot. Aus Erfahrung wusste er, dass die Würstchen nicht sonderlich nahrhaft und aus zweifelhaftem Material bestanden, doch hätte er jetzt sein letztes Hemd dafür gegeben, in der Menge zu stehen, T.m.s.i.d.R Schnapper zwei bis drei Würstchen abzukaufen und eventuell  an einer Magenvergiftung zu sterben.

Eventuell zu sterben gefiel ihm besser als mit Sicherheit zu sterben.

"Hast Du noch etwas zu sagen?", fragte Daniel `ein Fall´ Truper.

"Dürfte ich eventuell einem Schreiberling meine Memoiren mitteilen?", fragte Rincewind hoffnungsvoll. "Ich kenne da einen. Leistet phantastische Arbeit. Heißt Terry."

"Ich fürchte, daraus wird nichts.", sagte Daniel während er Rincewind auf die Falltür positionierte: "Im Übrigen: ich lasse dich nicht fallen."

"Das heißt, du wirst mich nicht hängen?", fragte Rincewind.

"Doch, hängen werde ich dich. Nur wirst du nicht fallen. Vetinari hat gesagt, ich soll dich nach oben ziehen. Du sollst lieber langsam ersticken, als einen schnellen Tod durch Genickbruch erleiden."

"Na wie beruhigend. Du wirst mir immer sympathischer!"

"Nun sei man nicht so. Schließlich bin ich nur ein ausführendes Organ."

"Wie gesagt, du wirst mir immer sympathischer!", murmelte Rincewind, während er verzweifelt* nach Damon Ausschau hielt.


*Auch Rincewind glaubte in diesem Moment an den Gott `Zweifel´

*


Damon schrie: "Nein, so haben wir nicht gewettet. Wenn Vetinari Rincewind hängt, dann soll er auch mich hängen! Ich werde meine Pflicht nicht brechen. Soll er uns beide doch umbringen. Dann lernt er wenigstens, was Pflicht und Treue bedeuten."

Philostratus versuchte Damon festzuhalten. Jener riss sich energisch los und rannte auf die Stadt zu.

*


Rincewinds blieb die Luft weg, als der Henker ihn in die Höhe zog. Seine Augen quellten hervor, während er nach Atem rang und blau anlief. Er vernahm noch das Grölen der Menge als ihm Schwarz vor Augen wurde.

Aus der Schwärze entstand ein Raum, in dem Rincewind sich befand. Der Raum war wie eine große Seifenblase, die sich über der Menge befand. Rund, wässrig und schwebend. Er konnte aus der Seifenblase verschwommen den Marktplatz, die Menschenmenge und sich selbst am Galgen sehen.

Jemand befand sich hinter ihm.

Rincewind drehte sich um und sah ein großes Skelett, welches einen schwarzen Umhang und eine mächtig scharfe Sense trug. Eine knöchrige Hand hielt eine Sanduhr.

"Ist es jetzt soweit?", seufzte Rincewind.

BEI DIR WEIß MAN DAS NIE SO GENAU, entgegnete Tod.

"Was sagt denn die Sanduhr?", fragte Rincewind.

NUN JA, DAS IST DAS PROBLEM. BEI DEINER SANDUHR GIBT ES KEINE SCHWERKRAFT. DER SAND FLIEßT DAHIN, WOHIN ER MÖCHTE. UND DAS TUT ER IM MOMENT IMMER NOCH. ICH KANN DIR LEIDER KEIN ENTGÜLTIGES URTEIL MITTEILEN

"Was behaupten wir Sterblichen immer? Die Hoffnung stirbt zuletzt.", sagte Rincewind.

JA, entgegnete Tod, DAVON HABE ICH AUCH SCHON GEHÖRT - ZIEMLICH OFT SOGAR!

*


Außer Atem erreichte Damon den `Hier gibt´s Alles´ Platz. Er betrachtete keuchend die gaffende und johlende Menge, die freudig den Tod eines Menschen in Kauf nahm. Er sah Väter, die ihre Kinder auf die Schulter genommen hatten, damit sie einen besseren Blick auf den zappelnden Rincewind werfen konnten.

Damon sammelte seine letzten Reserven, holte tief Luft und schrie: "Lass ihn los, Henker. Hier bin ich, für den er gebürgt hat!"

Diverse Köpfe drehten sich ihm zu. Ein Raunen ging durch die Menge. Daniel `ein Fall´  Truper schaute erstaunt in Damons Richtung und ließ daraufhin den Strick los. Rincewind plumpste auf das Podest und schrie mit puterrotem Gesicht im gleichen Moment nach Luft.

Die Menge teilte sich, als Damon auf das Podest zueilte. Er rannte die Stufen hinauf, die Arme ausgebreitet, um Rincewind zu umarmen.

*


Rincewind vernahm mit brennenden Lungen und hinter einem roten Nebelschleier, dass Damon auf ihn zueilte. Auch er hob die Arme. Doch beabsichtigte er keinesfalls, die Liebkosung Damons zu erwidern. Vielmehr griffen seine Hände um Damons Hals.

Er entwickelte trotz der vorangegangenen Tortour eine immense Kraft, als er zudrückte.

Mit Befriedigung stellte er fest, dass Damon blau anlief und gurgelnde Geräusche von sich gab. "Wo...warst...du?", zischte Rincewind unter Kraftanstrengung.

"He!", schrie Daniel `ein Fall´ Truper entrüstet: "Das ist mein Job!"

Er packte Rincewind am Kragen und riss ihn von den halb bewusstlosen Damon weg.
Rincewind hatte keine Chance gegen den kräftigen Henker, doch versuchte er sich erneut auf Damon zu stürzen:

"LASS...MICH...LOS...ICH...WILL...IHN...NUR...ER...WÜR...GEN...NUR...EIN...KLEI...NES...BISS...CHEN...!!!..."

Ein Stadtwächter begab sich auf das Podest: "Hier wird heute niemand mehr erwürgt. Der Patrizier wünscht die Beiden zu sehen." Ans Publikum gerichtet schrie er: "Leute geht nach Hause. Die Vorstellung ist vorbei - jedenfalls für heute."

Ein Murren ging durch die Menschenmasse. Hier und da ertönten einige Buhrufe.

Die Menge lichtete sich, bis auf ein paar Gesellen, die sich eine Weiterführung der Veranstaltung erhofften.
Rincewind und Damon wurden in den Patrizierpalast geführt, wo sie vom Patrizier empfangen wurden.

*


"Ah, Rincewind und Damon.", sagte Lord Vetinari: "Schön euch zu sehen."
Er hatte seine gefalteten Hände an seine Lippen gelegt und schaute die Beiden etwas erstaunt, aber auch amüsiert an. Beide hatten ein puterrotes Gesicht und rote Striemen um die Halsgegend.

"Damon, mit deinem Erscheinen hätte ich beileibe nicht gerechnet. Doch wie heißt es so schön: Wunder gibt es immer wieder. Ich an deiner Stelle hätte mich abgesetzt. Zum Beispiel in das achatene Reich. Übrigens, das achatene Reich gibt es..."

"Nicht wirklich.", krächzte Damon: "Auch werden dort keine wunderschönen Vasen hergestellt."

"Wie ich sehe lernst du schnell.", stellte Lord Vetinari fest: "Und dank deiner Lernfähigkeit sehe ich davon ab, dich anstelle von Rincewind hängen zu lassen. Ihr beide seit frei."

Etwas betreten aber auch erleichtert schauten Damon und Rincewind auf ihre Schuhspitzen.

"Es gibt nur wenige Menschen, die mich noch verblüffen können, aber du gehörst zu jenem elitären Kreis, Damon.", resümierte der Despot: "Doch sei gewarnt: Sollte ich noch einmal das Unwort mit `D´ am Anfang über deine Lippen kommen hören, dann wirst nicht nur du sondern auch dein Lehrer zur Rechenschaft gezogen. Haben wir uns verstanden?"

"Ja, Herr.", krächzte Damon, ohne von seinem Schuhwerk aufzublicken.

"Dann ist ja alles geklärt. Meine Herren, verlasst mich bitte jetzt. Meine Zeit ist knapp bemessen. Drumknott wird euch zur Tür begleiten.

Damon und Rincewind gingen Richtung Tür des Saales und Drumknott trottete ihnen würdig hinterher.
Lord Vetinari lauschte noch ein wenig der Diskussion von Rincewind und Damon.

Rincewind krächzte: "Wo warst du? Schöner Freund bist du, lässt mich einfach so hängen."

"Das ist eine lange Geschichte.", erwiderte Damon krächzend.

"Dir ist klar, dass du mir noch etwas schuldest?", krächzte Rincewind. "Als erstes wirst du meinen Zettel in der geflickten Trommel begleichen."

"Geht klar."

"Und in Zukunft übernimmst du meine Zeche."

"Geht klar."

"Bis an mein Lebensende."

"Geht klar."

"Und die vom Bibliothekar auch."

"Geht klar."

"Wollen wir in die geflickte Trommel? Ich habe einen trockenen Hals!"

"Ich auch.", krächzte Damon.

Als sie den Raum verließen und die Tür hinter sich schlossen widmete sich Lord Vetinari kopfschüttelnd wieder seinem Schreibtisch zu.

Er hatte noch eine Menge Arbeit vor sich. Unter anderen verfasste er gerade einen Brief über eine Bestellung von diversen wunderschönen Vasen.

*


Drumknott betrat das Büro von Lord Vetinari. Er hatte ein Tablett in der Hand welches mit einer Tasse heißer Schokolade bestückt war. "Ah, Drumknott, ich danke dir."

Vorsichtig führte Lord Vetinari die Tasse an den Mund und nahm einen winzigen Schluck. "Köstlich wie immer.", sagte er. Vorsichtig stellte er die Tasse auf den Schreibtisch und schaute gedankenverloren auf ein Schriftstück.

Drumknott hüstelte: "Herr?"

Vetinari schaute auf: "Was gibt es denn noch, Drumknott?"

"Ich wollte Dich etwas fragen, Herr."

"Nur zu. Frag, Drumknott."

"Nun ja, war all dieses Theater nötig, nur um einen jungen Mann auf den rechten Pfad der Tugend zu führen?"

Vetinari legte das Schriftstück beiseite, nahm einen Schluck aus der Tasse und beantwortete dann Drumknotts Frage: "Nach reiflichen Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dieses `Theater´, wie du es nanntest, tatsächlich von Nöten war."

Drumknott runzelte die Stirn.

"Anhand deines Stirnrunzelns entnehme ich, dass du mir nicht glaubst."

"Herr, ich würde nie einer deiner Handlungen in Zweifel..."

Vetinari unterbrach Drumknott: "Sei´s drum. Lasse es mich dir erklären. Damon hätte über kurz oder lang zu einer Gefahr werden können. Irgendwann hätte es Zuhörer gegeben, die sich eventuell für seine Ideen interessiert, wenn nicht sogar begeistert hätten. Meine Spione berichteten mir von der Aktivität Damons in der geflickten Trommel. Zwar hatte er sich nur mit Rincewind und dem Orang Utan unterhalten, doch hörten sie einige Besucher an den Nachbartischen, die den Lehren der D..., der D..., nun ja dem Unwort beiläufig zustimmten. Das hätte zu einem Flächenbrand führen können. Darum kam es mir auch zupass, als Damon sein unziemliches Verhalten vor den Toren des Palastes vollführte."

"Aber du hättest ihn einfach hinrichten lassen können, Herr.", entgegnete Drumknott: "Schließlich trachtete er nach deinem Leben."

"Siehe es mal so mein lieber Drumknott: Die Beweislast war nicht unbedingt erdrückend. Damon lag sternhagelvoll vor dem Palast und bearbeitete mit einem Kartoffelschälmesser das Kopfsteinpflaster. Fragen wären aufgekommen. Wie zum Beispiel, wäre Damon überhaupt an den Palastgarden vorbei in den Palast gekommen? Mitnichten. Hätte er mich wirklich mit diesem Messer töten können? Diese Frage erübrigt sich, da Damon ohnehin nicht in den Palast gekommen wäre. Außerdem ist sein Vater der mit Abstand wichtigste Repräsentant des ephebianischen Reiches in unserer Stadt. Er ist reich. Er hat Macht. Mit ihm einen Disput anzuzetteln wäre mehr als töricht. Auch schätze ich die ephebianische Küche, obwohl man nach deren Genuss stets einen Pfefferminzbonbon bei sich führen sollte."

"Und wie kam Rincewind ins Spiel?", fragte Drumknott.

"Nun, in diesen Punkt war selbst ich etwas überrascht. Doch legte ich mir daraufhin einen Plan zurecht. Ich konnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Beziehungen zu Damons Vater trotz des `Anschlages´ aufrechterhalten und Damon die Flausen der D..., der D..., na du weißt schon auszutreiben."

"Die Bestechung der Kutscher war ein Geniestreich.", bemerkte Drumknott.

"Da gebe ich dir Recht. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob sie nicht doch schwach geworden wären, hätte Damon ihnen genügend Geld für die Rückfahrt angeboten. Aber zum Glück war das nicht der Fall und Damon musste sich die Rückkehr zu Fuß erkämpfen, immer mit der Zeit im Nacken."

Der Rest war Drumknott bekannt. Gemäß dem Fall, Damon wäre zu spät oder aber überhaupt nicht zurückgekommen, dann hätte Daniel der Henker Rincewind durch die Falltür sausen lassen. Darin hatte Daniel Übung - so wurde bereits der Tod des späteren Postministers Feucht von Lipwig inszeniert. In diesem Fall hätte Vetinari Rincewind vorgeschlagen, sich ein friedliches Plätzchen weit weg von Ankh-Morpork zu suchen und niemals wieder zurück zu kehren.

Aber durch ein ausgeklügeltes System signalisierten die Spione Vetinaris dem Henker, dass Damon das Haupttor Ankh-Morporks passiert hatte. So konnte Daniel die Zeit richtig abpassen und Rincewind in die Höhe ziehen, ohne das Rincewind tatsächlich die finale Luft wegblieb. Wie gesagt - er hatte viel Übung in solchen Dingen.

"Kann ich sonst noch etwas für dich tun, Drumknott?", fragte Vetinari.

"Nein Herr, das wäre dann alles."

"Gut." Vetinari schaute wieder auf das Schriftstück, während Drumknott den Raum verließ.

Drumknott war voller Bewunderung für seinen Herrn. Wie meisterhaft er doch als Puppenspieler fungierte, während er die Fäden zog. Und was noch erstaunlicher war: Das alle Menschen wie Marionetten nach seinem
Willen tanzten. Drumknott war sich sicher: Auch in einer Demokratie hätte Vetinari sämtliche Fäden in der Hand.

Während er sich an seinem Schreibtisch setzte, kam ihn dieser Gedanke irgendwie beruhigend vor.


Ende





   

 

 




 







 





   


 

 
     


 
 

 

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