10 Tips für Fanfic-Autoren

GeschichteAllgemein / P6
06.11.2005
06.11.2005
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1. Mach keine Geschichte, die das Setting nicht braucht!

Die Türen des Saloons schwangen auf, und Harry Potter trat ein. Seine Lederstiefel knarrten unheilverkündend auf den Holzdielen, und Colin Creevey, der am Klavier saß, vergriff sich vor Schreck im Akkord. Mit einem ekelhaften Mißton verklang die Musik, und fast im gleichen Moment erstarb jede Unterhaltung in der eben noch so lebhaften Stube. Ron zerrte Hermine entsetzt durch die Nebentüre hinaus, und am hintersten Tisch erhob sich langsam Draco.
"Potter."
"Malfoy."
Harry schwang seinen staubbedeckten Poncho zurück, so daß sein glitzernder 45er Colt Peacemaker sichtbar wurde.
"Es ist Zeit", sagte er.
Draco nickte. "Ja, das ist es", antwortete er. "Hier?"
Ein weiteres ruhiges Nicken von Harry. "Hier", sagte er und blickte sich unter den Gästen um. "Ich erschieße zwar keine Unschuldigen, aber hier drinnen ist sowieso niemand unschuldig."
"Wie du meinst", sagte Draco, und im selben Moment schwang er seinen langen Ledermantel zurück, so daß sein eigener Colt im Halfter freilag, und er riß ihn heraus, doch sofort hatte auch Harry seine Waffe ergriffen und gezogen, und aus zwei stählernen Läufen ergoß sich bleierner Tod durch den Saloon von Tombstone City.


Das obige Beispiel zeigt, was passiert, wenn man Fanfics schreibt, für die das Canon-Universum keine Rolle spielt. Eine Harry-Potter-Fanfic, die ohne einen einzigen Zauber abläuft, ist keine richtige Harry-Potter-Fanfic, egal wie die darin auftretenden Personen heißen. Duelle in der Zaubererwelt trägt man nun mal mit dem Zauberstab aus, und wenn man vorhat, eine Liebesromanze zu schreiben, dann ist es doch nicht so schwer, sich ein bißchen magisch unterstützte Romantik auszudenken.

Eine Fanfic, bei der man nicht mehr erkennen kann, in welches Universum sie gehört, wenn man die Namen der Charaktere ändert, ist keine Fanfic.


2. Verändere Deine Charaktere nur soweit, daß man sie noch irgendwo wiedererkennt!

"Hey, du verdammtes Mistschwein!" brüllte Dumbledore und drohte Snape mit der Faust. "Ich reiß dir den Kopf ab und benutz ihn als Klatscher, wenn du mich noch mal so dumm anmachst!"
"Uuuh, aber Dumbli", schnurrte Snape und zwinkerte verführerisch mit seinen getuschten Wimpern, während er sein knappes rosa Kleidchen anhob, daß darunter seine seidene Spitzenunterwäsche zum Vorschein kam. "Gestern abend warst du aber noch so zärtlich. Was hat sich denn zwischen uns geändert, Süßer?"


Außer dem Namen eines Charakters gibt es noch mehr Aspekte seiner Persönlichkeit, die ihn ausmachen, und selbst in einem Alternativen Universum, in dem die Guten böse und die Bösen gut sind, ist es nur wenig hilfreich, wenn von diesen Aspekten keine mehr wiederzuerkennen sind. Sexuelle Orientierung ist dabei gar nicht die Hauptsache; es spricht nichts gegen Slashfics, insofern die Charaktere dabei nicht auch noch alles andere verlieren, wodurch sie bisher definiert wurden. Ein Harry Potter, der seine Freunde total im Stich läßt, eine Hermine, der die Regeln vollkommen egal sind und ein Draco, der sich nicht zumindest einen Hauch Arroganz bewahrt, sind keine Träger guter Geschichten.


3. Brich den Canon, aber nicht den Stil!

"Yo", sagte Harry, als er in Dumbledores Büro trat, kickte lässig sein Skateboard in die Ecke und nahm die Kopfhörer aus den Ohren. "Was geht, Dumby?"
"Yo, Harry", sagte der Schulleiter und nahm die Füße vom Schreibtisch, obwohl sie in seinen brandneuen Nikes wirklich blendend aussahen. "Wird Zeit, daß wir uns langsam um Voldie kümmern, eh?"
"Endgeil", freute sich Harry. "Der alte Sack hat uns auch schon zu lange genervt. Wie machen wir's?"
"Wir ziehen ihm seine Horcruxe ab", sagte Dumbledore. "Drei, zwei, eins, meins, wenn du verstehst, was ich meine."
Harry grinste. "Krass", sagte er. "Da wird Voldie Augen machen."
"Yup", sagte Dumbledore. "Und dann macht er den Moses."
"Hm?"
"Er geht über den Jordan."


Ein wichtiger Aspekt der Welt besteht in der Sprache, die die Charaktere untereinander verwenden. Harry, Ron und Hermine reden wie normale Teenager untereinander, aber Kanakisch ist kaum ihr übliches Idiom. Ebenso nennt niemand Dumbledore Dumby, Voldemort Voldie, und Schwarzenegger-Zitate, so cool sie auch sein mögen, haben ebenfalls nicht viel hier verloren.

Noch deutlicher wird der Aspekt des Stils, wenn man sich aus einer recht realitätsnahen Umgebung wie der Zaubererwelt Harry Potters entfernt und zum Beispiel Fanfics auf Tolkiens Mittelerde schreibt. Ein im normalen Gossenslang blubbernder Legolas oder ein König Aragorn, dessen Ansprachen eher von Eminem geschrieben sein könnten, taugen eher als Parodie oder als Sillyfic denn als ernst gemeinte Fanfiction.

Sillyfics sind übrigens die einzigen Fanfics, in denen von dieser Regel geradezu abgewichen werden muß.


4. Beta, Beta, Beta!

Harry, der sein Trikot in den Hausfarben von Grifunduhr trug, stieg auf seinen Limbus-3001-Besen und schwebte hoch in die Quittnich-Arena, wo seine Gegenspieler der Mannschaften Slifferien, Rävenkloh und Haffelpaff bereits auf ihn warteten. Nun war es nur eine Frage der Zeit, bis der Goldene Schmatz freigelassen wurde...

Im Prinzip ist jeder Autor sich selbst der schärfste Kritiker, doch alleine fällt es einem mitunter schwer, seine eigenen Schwächen zu erkennen. Sei es (wie im obigen Beispiel) mangelnde Kenntnis der Terminologie seiner Fanfic-Welt oder eine kleinere Schwäche beim logischen Aufbau von Szenen: ein Betaleser kann einem eine enorme Hilfe sein, seine eigene Fanfic von unnötigen Macken zu befreien.


5. Sprich den Leser im Text nicht direkt an!

"Nein", sagte Harry mit ernster Miene und drehte sich um. "Das muß ich alleine tun."
"Potter", sagte Dumbledore. "Tun Sie das nicht." (Ich weiß, Dumbledore nennt Harry sonst immer bei seinem Vornamen, aber in diesem Fall tut er es nicht, damit Harry merkt, wie ernst es ihm damit ist. Sonst nennen ihn ja immer nur alle anderen Lehrer Potter, vor allem Professor Gonagall, und der vertraut Harry ja vor allem wegen ihrer Gerechtigkeit, während er Dumbledore vor allem als väterlichen Freund sieht und seine Worte eher als Ratschläge und nicht als Anweisungen versteht. Hier will er es aber als Anweisung verstanden haben, und darum siezt er Harry. Ich hoffe, ihr versteht jetzt, warum ich das getan habe. ^_^)
Harry drehte sich um und blickte Dumbledore an. "Mir bleibt keine andere Wahl", sagte er.


Ebenso wie Emoticons hat auch die direkte Ansprache seiner Leser, insbesondere mit Erklärungen zu der momentanen Szene, nichts in einer Geschichte zu tun, und schon gar nicht in einer Fanfic. Wenn man die Sorge hat, die Leser könnten die Handlung falsch oder gar nicht verstehen, ist das eher ein Zeichen dafür, daß man den Rest der Szene undeutlich gestaltet hat und sie noch einmal überarbeiten sollte. Aber den Leser darum aus seinem Lesefluß herauszureißen, das darf man ihm einfach nicht antun.


6. Erfinde keine Charaktere, die die alten unnötig machen!

"Und jetzt, Potter", lachte Voldemort, "stirbst du. AVADA KEDAVRA!"
Der grüne Blitz aus seinem Zauberstab raste auf Harry zu, und er riß entsetzt die Arme hoch, doch noch ehe er erreicht wurde, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein schwarzer Schatten auf, hielt zwischen ihm und dem tödlichen Zauber an und breitete die Arme aus.
"PROTEGO!"
Der Todesfluch prallte am Zauberstab von Stefanie Malfoy ab und traf Voldemort genau zwischen den Augen. Der dunkle Fürst stürzte rücklings zu Boden, und als er auftraf, wußte er, daß das sein Ende war. Jetzt würde er sterben. Zwar mit Verzögerung, denn sein eigener Fluch hätte Harry langsam töten sollen, doch es war unaufhaltsam.
"Wie", keuchte er, "wie hast du das nur geschafft?" keuchte er und blickte zu der strahlenden blonden Hexe auf.
"Es war ganz einfach", sagte sie und stieg von ihrem Feuerblitz Ultra ab. "Ich mußte in der Bibliothek nur alle 38 Bände von 'Große Dunkle Zauberer und ihre Taten' durchsuchen, um herauszufinden, daß Sie hier in Stonehenge Ihre Wiedergeburt planen würden. Der Verweis auf die alten Druiden brachte mich dann auf die Idee, den Trank der Wahren Hellsicht zu brauen - übrigens habe ich dieses lächerlich einfache Rezept in 8 Minuten fertig gehabt - und ihn dann dem Drachen zu servieren, den Sie als Wächter ihrer Horcruxe aufgestellt hatten. Er schlief ein, wie ich natürlich aus Hagrids Vorlesung in Pflege Magischer Geschöpfe wußte und hatte die Traumvision, wie Sie zu besiegen waren. Sein Ei nahm ich mit und brütete es gleich selbst aus, um mit Hilfe der Schuppe eines Babydrachen mir den einzigen Zauberstab zu bauen, der Ihren eigenen würde parieren können, wobei ich das Holz aus der Peitschenden Weide zum Bau nahm, deren lächerliche Versuche, mich zu treffen, für meinen Superbesen natürlich kein Problem waren. Und dann bin ich die 300 Kilometer von Hogwarts hierher in 6 Minuten geflogen, gerade noch rechtzeitig, Sie aufzuhalten. Denn ich bin Stefanie Malfoy, das Mädchen, das überlebt hat!" Und sie hob ihr Haar hoch und zeigte die Narbe auf ihrer Stirn.
"Verdammt", röchelte Voldemort und starb.


Es gibt einen Grund dafür, daß die Helden von Geschichten die Helden von Geschichten sind: Sie passen gut in diese Rollen. Wenn man für eine Fanfic neue Charaktere in ein bekanntes Universum einbaut, dann sollten diese Charaktere darin auch angemessene Rollen bekommen. Und das bedeutet, sie sollten die bereits bestehenden Charaktere nicht überflüssig machen. Wer die Kompetenz des gesamten Lehrpersonals von Hogwarts und den Mut und die Einsatzbereitschaft aller Helden der Harry-Potter-Bücher in einen einzigen neuen Charakter hineinschreibt, hat damit nur eins erzeugt: Langeweile.


7. Schreib kein Crossover zwischen zwei Fanfic-Universen, nur weil du beide cool findest!

Die Stimme von Agent Smith war schneidend kalt. "Willkommen zurück, Mr. Anderson", sagte er. "Wir haben Sie schon erwartet."
"Ich bin nicht Mr. Anderson", gab Elrond lächelnd zurück. "Aber ich mag Ihr Gesicht. Es hat etwas... Stattliches."
Und mit diesen Worten beugte er sich vor und drückte dem Agenten einen leidenschaftlichen Kuß auf den Mund.


Crossover sind eine sehr schöne Methode, eine Geschichte dadurch interessant zu machen, daß man zwei unterschiedliche Universen zusammenbringt und die Charaktere so aufeinander treffen und miteinander interagieren läßt. Aber wenn man gar keine richtige Story hat, die für beide Universen auch etwas Interessantes bedeutet, ist ein Crossover verschwendete Zeit und Mühe. Einfach nur die Tatsache, daß man beide Welten mag, sollte nie der alleinige Grund sein, ein Crossover zu machen.

Ein schönes Beispiel für ein gelungenes Crossover gab es vor einigen Jahren im Comicsektor mit dem "Amalgam-Universum", wo sich die Superhelden von Marvel und DC trafen und zusammen gegen gemeinsame Feinde antraten. Hier hatten beide Seiten gleiche Anteile, und es gab eine Handlung, die auch für beide Seiten interessant und wichtig war. Im Fanfic-Bereich kann man sicherlich sehr schöne Ideen finden, wenn man zwei Welten sucht, die einander ohnehin schon nahestehen. Es sollte beispielsweise leicht möglich sein, die Settings von "Fluch der Karibik" mit den Lestat-Chroniken von Anne Rice zu verschmelzen - beide überschneiden sich zeitlich und stimmungsmäßig sehr schön. Und auch im Fantasy-Bereich ist eine gemeinsame Ebene verhältnismäßig leicht zu finden. Es muß nicht immer Slash zwischen zwei Charakteren sein, die sich eigentlich unmöglich über den Weg laufen können, nur um sich dann sympathisch zu finden und miteinander im Bett zu landen...

8. Erzähl die Originalhandlung nicht einfach nach!

"Oh mein Gott", keuchte Harry. "Voldemort!"
Voldemort lächelte Harry aus dem Hinterkopf von Professor Annoyance böse an. "Das hättest du nicht gedacht", sagte er, "daß ich mich hier verborgen habe, direkt vor Dumbledores Augen, oder? Warum dachtest du, trägt Professor Annoyance immer ein Kopftuch?"
"Aber er war der Lehrer vor Verteidigung gegen die Dunklen Künste!" rief Harry. "Wie hätte ich ahnen können, daß er böse ist?"
Mit schallendem Lachen quittierte Voldemort den Protest. "Ja, der harmlose, stotternde Professor Annoyance, nicht wahr? Und nun zeig mir, wo der Stein der Weisen ist. Hier unten ist nur dieser seltsame Spiegel Negnalrev..."


Ja, die Originalgeschichten sind mit Sicherheit den meisten Fanfics deutlich überlegen. Nein, das ist kein Grund, die Handlung daraus eins zu eins abzuschreiben und nur ein paar wenige Details zu verändern, so daß daraus eine "eigene" Geschichte wird. Der Disclaimer am Anfang berechtigt nicht zum Ideenklau!

Und wo wir gerade dabei sind: Songfics, bei denen der Anteil von Liedtext den Anteil eigener Worte übertrifft, sind auch nicht sehr viel mehr als Diebstahl.


9. Schreib Geschichten, keine Drehbücher!

Harry betrat Dracos Schlafzimmer.
Harry: Draco!
Draco: Harry! Was...
Harry: Sag kein Wort.
Draco: Harry...
Harry: Draco...
Draco: Harry!
Harry: Draco!
Draco: Oh Harry!
Harry: Oh Draco!
Die beiden fielen sich in die Arme.
Draco: Harry *schluchz*
Harry: *gg* Hast du mich vermißt?


Drehbuchstil ist schlechter Stil. Fanfictions sollten Erzählungen sein, und Erzählungen binden den Dialog in die Handlung ein. Ja, es ist verführerisch, einfach so runterzuschreiben, was einem bei einer Szene zwischen zwei Charakteren in den Sinn kommt, aber es wirkt nicht nur laienhaft, sondern auch noch schlicht faul, wenn man sich einfach um jedes Wort zuviel drückt.


10. Fang nicht zu schreiben an, wenn du noch keine Idee hast!

Eines Tages betrat Harry den Schlafsaal der Griffindors und fand dort Ron und Hermine vor.
"Hallo Ron, hallo Hermine", sagte Harry.
"Hallo Harry", sagten Ron und Hermine.
"Was macht ihr?" fragte Harry.
"Nichts", sagte Ron.
"Nichts", sagte Hermine.
"Ich auch nicht", sagte Harry. "Habt ihr eine Idee, was wir machen könnten?"
"Nein", sagte Ron.
"Nein", sagte Hermine.
"Ich auch nicht", sagte Harry. "He, wir wär's, retten wir Hogwarts vor den Todessern?"
"Au ja", sagten Ron und Hermine. Und dann retteten sie Hogwarts vor den Todessern.
"Und was machen wir jetzt?" fragte Hermine.
"Weiß nicht", sagte Harry. "Vielleicht finden wir Hufflepuffs Kelch?"
"Au ja", sagte Ron. Und dann fanden sie Hufflepuffs Kelch.
"Und was machen wir jetzt?" fragte Ron?


"Schreiben ist ganz einfach", sagte einmal Douglas Adams. "Man muß nur so lange auf ein leeres Blatt Papier starren, bis einem die Stirn blutet." In diesem Sinne ist es doch keine schlechte Idee, einfach mal mit einer Fanfic anzufangen, auch wenn man noch gar nicht weiß, worauf man eigentlich hinaus will, oder?

Leider falsch. Zwar hindert niemand einen Autor daran, vor dem Schreiben einer Geschichte sich erst mal ein paar hundert Seiten Notizen zu seinen möglichen Handlungsfäden zu machen, aber von eben diesem Prozeß des Ideenfindens sollte man hinterher in der Geschichte nichts mehr merken. Und das passiert leider, wenn man einfach so drauflosschreibt - man kommt dauernd zu neuen Themen, findet keine einheitliche Leitlinie, und wenn einem dann auch noch die Leser im Nacken sitzen, schreibt man ganze Kapitel, in denen gar nichts passiert.

Fazit: Erst die Idee, dann die Geschichte.
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