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Verrat

OneshotDrama / P12 / Gen
Jesus Christus Judas Iskariot Petrus Simon Zealot
24.10.2005
24.10.2005
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3.379
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Autor: Morwen Eledhwen
Mail: MorwenEledhwen@gmx.de
Musik: Deep Purple
Disclaimer: Die Rechte an JCS liegen bei Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, und ich mache kein Geld mit dieser Geschichte.
Kommentar: Diese Geschichte ist ein Mix aus den Verfilmungen von 1972 und 1999 sowie einem rebellischen Eigenanteil. =)  Die Texte habe ich größtenteils einfach aus dem englischen Original übersetzt und ein paar Passagen verändert, so dass es halbwegs in einen Kontext passt; ich hoffe, man wird mir die Abwandlungen verzeihen...
Wem das Ganze zu sehr nach Slash aussieht, den möchte ich auf die Verfilmungen (besonders die von 1999) verweisen, in denen es nicht minder emotional zwischen Jesus und Judas zugeht. ;)   Gegenseitiger Respekt und Liebe müssen ja nicht auch zwangsläufig körperliche Liebe bedeuten - wer mit dem Begriff "platonische Liebe" etwas anfangen kann, versteht, was ich meine.
Ach ja, und Jeschua ist natürlich Jesus. Ich benutze nur diese Form seines Namens, weil sie mir irgendwie besser gefällt. ^^
Und nun - viel Spaß beim Lesen. =)



Verrat


In dieser Nacht würde alles ein Ende haben, dachte ich, als ich den Garten Gethsemane betrat.
Ich hatte lange darüber nachgedacht, bevor ich die Hohepriester aufgesucht hatte. Doch es gab einfach keinen anderen Weg mehr.
Es war die einzige Lösung.

Drei Jahre lang waren wir im Land umhergereist, hatten gepredigt, geheilt, Dämonen ausgetrieben - hatten versucht, den Menschen so gut es ging zu helfen. Jeschua war unser Anführer gewesen, der Mann, der sich mutig gegen die gängigen Ansichten und Gebräuche stellte. Er hatte immer Gottes Wort gepredigt und es gab nichts, was seinen Glauben jemals hätte erschüttern können.
Doch dann war die ganze Sache ausgeufert.
Unsere Gruppe, und ganz besonders Jeschua, gewann eine gewisse Popularität im Land, und die Menschen sahen in uns nicht nur die Helfer, die wir waren, sondern die Vorreiter im Kampf zur Befreiung von der Knechtschaft der Römer. Das Volk wollte nicht mehr länger nur Gottes Wort hören, es wollte Taten sehen. Und egal, wo wir hinkamen, immer öfter spürte ich die Unruhe der Menschen und hörte ihre aufrührerischen Reden von Waffengewalt und Revolution. Sogar die Jünger selbst fingen an, in diesen Bahnen zu denken, bis Simon es eines Tages Jeschua gegenüber äußerte.
"Du hast die Macht! Sie wurde dir gegeben, wieso setzt du sie nicht gegen unsere Unterdrücker, die Römer, ein?"
Jeschua hatte lange Zeit geschwiegen, und als er schließlich antwortete, war seine Stimme sehr leise.
"Weder du, Simon, noch die Unzähligen, die hier versammelt sind..." Sein Blick schweifte über die anwesende Menschenmenge, die zuvor seiner Predigt gelauscht hatte. "... weder die Römer, noch die Juden, weder Judas..." Seine Augen trafen die meinen und der Ausdruck in ihnen schmerzte mich so sehr, dass ich den Blick abwenden musste. "... noch die Zwölf, weder die Priester, noch die Schriftgelehrten, oder gar das verlorene Jerusalem selbst... verstehen, was Macht ist, verstehen, was Ruhm ist, verstehen das alles..."
Er wandte sich ab, seine Schultern sackten herab, ob unter der Müdigkeit oder der Last, die er zu tragen hatte, konnte ich nicht sagen.
"Wenn du nur all das wüsstest, was ich weiß, mein armes Jerusalem...", fuhr er fort, leiser als  zuvor, dennoch vernahm jeder an diesem Ort seine Stimme klar und deutlich. "Du siehst die Wahrheit, doch du verschließt die Augen vor ihr. Während du lebst, plagen dich viele Sorgen, armes Jerusalem... Aber um den Tod zu besiegen, musst du nur sterben."
Die Menge schwieg bei diesen Worten. Niemand wusste, wovon er sprach, auch ich nicht, der ich so viele Jahre mit ihm zusammen verbracht hatte. Seine Traurigkeit in jenem Moment lastete schwer auf meiner Seele, doch er wirkte zugleich auch so entrückt, dass ich mich nicht traute, weiter danach zu fragen.
Trotz seiner Worte hörten das Rumoren und die Unzufriedenheit nicht auf. Mittlerweile wussten wir alle, dass es nicht länger so weitergehen konnte, dass das Volk mit Gottes Wort allein die Knechtschaft nicht abschütteln konnte. Die Menschen wollten einen starken Führer, der sie in den offenen Krieg führte, und in Jeschua sahen sie einen solchen.
Aber das war es nicht, was wir gewollt hatten. Wir hatten nur helfen wollen, die Schmerzen zu lindern, die die Menschen quälten. Doch wir waren zu wichtig geworden, und den Hohepriestern und Pharisäern ein Dorn im Auge.
So kam ich endlich zu dem Schluss, dass Jeschua aus der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verschwinden musste, jedenfalls für eine gewisse Weile, bis Gras über die Angelegenheit gewachsen war und wir unsere Sache weiter verfolgen konnten.
Und so machte ich mich auf den Weg zu den Priestern, die mir überraschend schnell ihre Unterstützung zusicherten. Einige Wochen oder vielleicht auch Monate in ihrer Gewahrsam, und Jeschua würde wieder der unbekannte Tischlersohn sein, der er einst war.
Gott, was war ich doch naiv in diesem Moment...
Voller Wut wies ich die vierzig Silberstücke zurück, die sie mir als Bezahlung für den Verrat an Jeschua gaben.
"Du könntest es den Armen geben", sagten sie, als wüssten sie genau, dass sie dabei einen empfindlichen Nerv bei mir trafen. Widerwillig nahm ich das Geld, doch ich konnte mich einfach nicht überwinden, es den Bedürftigen zu geben. Nicht dieses Geld, das ich für die Freiheit des Menschen erhalten hatte, der mir am wichtigsten von allen war...

Es war bereits später Nachmittag, als wir Jünger uns mit Jeschua im Garten Gethsemane trafen, um zusammen zu essen. Wir ließen uns unter den Ölbäumen nieder und verteilten Speisen und Getränke.
Doch bevor wir mit dem Mahl begannen, nahm Jeschua einen Kelch mit Wein und hielt ihn mit beiden Händen fest.
"Das Ende ist ein wenig schwerer, wenn es von Freunden herbeigeführt wird", sagte er leise und mir lief ein Schauer über den Rücken. Ahnte er, dass ich den Priestern seinen Aufenthaltsort verraten hatte? Dass ich IHN verraten hatte...? Manchmal schien es mir, als könnte Jeschua die geheimsten Gedanken eines Menschen sehen, und dies war einer dieser Augenblicke. Doch er sah nicht zu mir hinüber.
Stattdessen hielt er den Kelch mit Wein in die Höhe.
"Seht her, dieser Wein könnte mein Blut sein."
Dann stellte er ihn zu Seite und nahm einen Laib Brot, hielt ihn hoch und brach ihn dann mitten entzwei.
"Seht her, dieses Brot könnte mein Körper sein."
Ich sah, dass seine Hände zitterten, als er die beiden Hälften an die Jünger zu seiner Rechten und Linken weitergab. Doch er fing sich schnell wieder und sah uns alle nacheinander an.
"Denkt immer an mich, wenn ihr esst und trinkt."
Schweigend, beinahe beschämt, griffen die Jünger nach Speisen und Getränken und fingen an zu essen.
Mir blieb vor Sprachlosigkeit der Mund offen stehen. Wieso sagte er so etwas nur? Wieso...?
Dann übermannte ihn plötzlich Zorn und er sprang auf.
"Ich muss verrückt sein zu denken, ihr würdet euch an mich erinnern; ich muss völlig den Verstand verloren haben!" Jeschua lief ruhelos hin und her, während er sprach. "Seht doch nur eure ahnungslosen Gesichter! Kaum zehn Minuten nach meinem Tod wird mein Name doch schon nicht mehr von Bedeutung sein!"
Die Jünger starrten ihn an, sie verstanden nicht, woher diese Raserei auf einmal kam, oder gar, wovon er sprach.
"Einer von euch wird mich verleugnen, und einer wird mich verraten!"
Er wusste es! Ich hatte keine Ahnung, woher, aber er wusste ganz genau, was passieren würde! Aber wieso nur sprach er von seinem Tod? Die Priester würden ihn doch lediglich gefangen nehmen...
Ich senkte schnell die Augen, als sein anklagender Blick auf mich fiel, doch die Jünger sprangen bereits protestierend auf und schenkten mir keine Beachtung.
"Das würden wir niemals tun!" rief Petrus und Johannis fügte hinzu: "Wie kannst du so etwas nur sagen?"
Jeschua fuhr herum und sein ausgestreckter Arm zeigte auf Petrus. "Petrus wird mich verleugnen, und das in nur wenigen Stunden!"
Der Angesprochene fuhr erschrocken zurück. Obwohl der große Mann nicht mein bester Freund war - keiner außer Jeschua war es je gewesen - tat mir Petrus in diesem Augenblick doch leid.
"Dreimal wirst du mich verleugnen!"
"Nein!" Petrus sank entsetzt auf die Knie und barg das Gesicht in den Händen.
"Und das ist nicht alles, was ich sehe", fuhr Jeschua fort und blieb vor mit stehen. "Einer von euch, der hier mit mir gespeist hat, einer von meinen zwölf Auserwählten wird uns bald verlassen, um mich zu verraten!"
Nun war es also so weit... Ich stand langsam auf, wobei ich meinen Blick kein einziges Mal von seinen Augen abwandte. Diese plötzlichen Beschuldigungen, die in meinen Augen kein bisschen gerechtfertigt war - sah man mal von der Sache mit meinem Verrat ab, von der er aber nichts hatte wissen können - weckten nun auch den Zorn in mir, so dass ich ihm nicht weniger heftig erwiderte:
"Lass das Theater! Du weißt ganz genau, wer es ist!"
Seine Augen verengten sich, doch dann huschte ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Enttäuschung vielleicht...?
"Wieso gehst du nicht, um es zu tun?"
WAS?
"Du WILLST, dass ich es tue?" Meine Stimme überschlug sich fast, als ich ihm die Frage entgegenschleuderte.
Was sollte das bedeuten? Er wusste nicht nur von dem Verrat, er wollte auch, dass es geschah? Doch seine nächsten Worte stießen mich nicht weniger vor den Kopf.
"Beeil dich, sie warten schon auf dich!"
Nein, so sollte es nicht sein! Er wusste doch nicht...
"Wenn du nur wüsstest, wieso ich es tue!" Ich stieß den Satz zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
"Es kümmert mich nicht, wieso du es tust!"
Verfluchter Narr! Wieso ich es tue? Weil du nicht siehst, was du mit deinen Worten und Taten in diesem Land angerichtet hast! Weil du eine Lawine ausgelöst hast, die du nicht mehr aufhalten kannst! Aber selbst, wenn dir diese Dinge gleich sind...
... bin ICH dir denn so egal?
"Falls ich dich jemals bewundert haben sollte - im Augenblick habe ich für dich nur Verachtung übrig!" zischte ich.
Ich sah, wie er zusammenzuckte, und es erfüllte mich mit Genugtuung. Immer hatte ich ihn beschützt, immer war ich an seiner Seite gewesen, wenn er mich brauchte, doch jetzt war es endgültig vorbei. Meine Worte verletzten ihn und zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung wollte ich ihm auch wehtun! Damit er endlich aufwachte und EINSAH...!
Die Jünger hatten einen Kreis um uns gebildet, doch sie trauten sich nicht, einzugreifen. Ich sah das Entsetzen auf ihren Gesichtern, als ich so zu Jeschua sprach, und das ließ mich grimmig lächeln. All diese Worte lagen mir schon seit langem auf der Zunge, und ich war immer der einzige von ihnen gewesen, der sich jemals getraut hatte, ehrlich zu Jeschua zu sprechen. Das war einer der Gründe, weshalb ich sie immer so verachtet hatte...
"Du Lügner!" flüsterte Jeschua. "Du Judas!"
All diese Jahre... Jeschua hatte mir immer bedingungslos vertraut und er war einer der wenigen Menschen in meinem Leben gewesen, die mich als Freund bezeichnet hatten. Mich jetzt von ihm Lügner nennen lassen zu müssen tat so weh...
"Du willst, dass ich es tue..." Ich schüttelte fassungslos den Kopf, dann kochte wieder der Zorn in mir empor. Wieso nur musste er auf diese Art alles kaputtmachen, was uns Jahre lang verbunden hatte?
Dann durchzuckte mich plötzlich ein anderer Gedanke - hatte er das alles etwa geplant? Ein unglaublicher Gedanke, doch wenn man bedachte, wer sein Vater war...
"Was wäre, wenn ich einfach hier bleiben und damit deine Absichten untergraben würde? Du hättest es verdient, Christus!"
Ich schrie jetzt beinahe - ob aus Wut oder Verzweiflung wusste ich allerdings nicht zu sagen... Jetzt war alles zu Ende, das war mir nun jedoch klar. Es würde nie wieder so zwischen uns sein, wie zuvor.
"Beeil dich, du Narr, beeil dich und geh endlich!"
Jeschuas zu Fäusten geballte Hände zitterten, dann riss er ruckartig einen Arm hoch und deutete zum Ausgang des Gartens.
"Spar mir deine Reden, ich will sie nicht länger hören! GEH!"
Ich konnte nicht mehr. Ich konnte den Anblick seiner mit Wut und Abscheu erfüllten Augen nicht mehr ertragen und so taumelte ich zurück und aus dem Kreis der Jünger, weg von ihm und dem Ort, an dem wir gespeist hatten.
Ich zitterte am ganzen Körper, denn mit diesem Streit war meine Welt, so wie sie bisher bestanden hatte, auseinander gebrochen. Und mir wurde plötzlich klar, dass Jeschua der Teil gewesen war, der sie zusammengehalten hatte...
Schluchzend sank ich zu Boden und senkte den Kopf. Tränen rannen über meine Wangen, doch ich machte keine Anstalten, sie wegzuwischen. Zu sehr übermannte mich die Trauer, als ich zu der Erkenntnis kam, dass ich den einzigen Menschen, den ich jemals Freund genannt hatte, endgültig verloren hatte...
So dauerte es eine Weile, bis ich bemerkte, dass sich eine Hand auf meine Schulter gelegt hatte. Langsam hob ich wieder den Kopf und blickte auf.
Jeschua stand neben mir und sah auf mich herab. Seine Augen, die vorhin noch mit Hass auf mich geblickt hatten, waren nun von einem Ausdruck des Grams und innerer Seelenqual erfüllt. Ich sah das Leid in seinen Augen und es brach mir fast das Herz. Doch es war zu spät, für alles war es nun zu spät.
Ich stand auf, wobei ich seine Hand abstreifte und trat ein paar Schritte zurück.
"Du armer Mann", sagte ich heiser. "Du armseliger Mann! Sieh nur, wohin du uns geführt hast! Alle unsere Ideale sterben, und das nur wegen dir!"
Ich dachte an den Anfang zurück, an unser einfaches Leben als wir noch wie Tagelöhner umhergereist waren und er zu den Menschen gesprochen und Gottes Liebe und Güte gepredigt hatte, lange bevor Jeschuas Name in Israel bekannt wurde... Es schien eine Ewigkeit her zu sein.
"Und das Traurigste dabei ist", fuhr ich fort, "dass dich erst jemand anzeigen muss - wie einen gewöhnlichen Kriminellen! Dabei bist du doch schon längst erschöpft und ausgebrannt..."
Ich wusste, dass es die Wahrheit war, und er wusste es auch.
Seine dunklen Augen füllten sich mit Tränen, als er mich ansah.
"Geh endlich!" flüsterte er, und es lag ein Flehen in seiner Stimme. "Sie warten...!"
Doch entgegen seiner Worte streckte er die Hand aus, und ich ergriff sie und hielt sie sicher in meinen Händen, wie ich es in der letzten Zeit oft getan hatte, wenn ihn Unmut und Zweifel fast überwältigt hatten. Diese vertraute Berührung weckte wieder die Erinnerungen und ich konnte vor Kummer kein Wort herausbringen.
Stumm standen wir einander gegenüber und sahen uns an, als könnten wir uns dadurch gegenseitig Trost spenden. Doch dann entriss er mir seine Hand, als könnte er die Berührung nicht mehr länger ertragen.
"Geh!" rief er. "Sie warten auf dich!"
Oh, wie sehr es doch schmerzte...
"Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, kann ich nicht begreifen, wie dir das alles so sehr aus der Hand gleiten konnte." Ich sah festen Blickes in seine dunklen Augen. "Du hättest mehr Erfolg gehabt, wenn du es besser geplant hättest..."
Er erwiderte meinen Blick, entgegnete aber nichts.
Wieso widersprichst du mir nicht? dachte ich. Wieso widersprichst du mir nicht, wie du es all die Jahre zuvor auch getan hast?
Zum ersten Mal in meinem Leben gab es nichts, was ich mir sehnlicher wünschte...
Doch er schwieg.
"Dann soll es also so sein", flüsterte ich und wandte mich ruckartig um, um mich auf den Weg zu machen.
Die Tempeldiener warteten schon auf mich.

Es war spät in der Nacht, als ich an der Spitze einer kleinen Schar bewaffneter Männer zum Garten Gethsemane zurückkehrte. Ich war anfangs gegen die Waffen gewesen, doch sie würden die Jünger einschüchtern, wenn sie Jeschua zu Hilfe kommen würden, woran ich nicht zweifelte.
"Derjenige, den ich küsse, der wird es sein."
Das hatte ich mit den Tempeldienern ausgemacht, damit sie Jeschua als den Richtigen erkannten.
Als wir uns der Lichtung näherten, blieben die Männer zurück und ich ging allein weiter. Mein Herz klopfte schnell in meiner Brust und ich begann vor Aufregung zu zittern.
Dies würde also der Augenblick sein...
Ich wusste, dass ich für diesen Verrat niemals Vergebung finden würde, doch es war das Beste für uns alle - das Beste für Jeschua.
Ich klammerte mich an diesen Gedanken fest, als ich mich den Jüngern näherte. Wie erwartet schliefen sie bereits. Ich betrachtete ihre entspannten, ahnungslosen Gesichter. Diese Narren...
Immer nur waren sie Jeschua bedingungslos nachgefolgt, wie die Schafe dem Hirten. Sie hatten andächtig seinen Geschichten gelauscht, aber sie hatten lediglich akzeptiert, und nicht wirklich BEGRIFFEN. Wie sonst wäre Simon auf die Idee gekommen, seine unselige Frage zu stellen?
Ich schritt an den Schlafenden vorbei, aber ich konnte Jeschua nicht unter ihnen entdecken. Ob er den Garten verlassen hatte...? Doch dann sah ich im Schein des Mondes sein weißes Leinengewand ein Stück entfernt durch die Bäume schimmern.
Leise setzte ich einen Fuß vor den anderen und näherte mich ihm. Er kniete auf dem Boden, die Hände wie im Gebet vor der Brust gefaltet, und hatte das Gesicht dem Himmel zugewandt, wobei seine Augen geschlossen waren. Ich sah, dass sich seine Lippen leicht bewegten und stumme Worte formten. Er schien zu beten.
Andächtig blieb ich stehen und sah ihn an. Das Mondlicht wurde von seinem hellen Gewand zurückgeworfen, so dass es aussah, als würde es leuchten. Silbernes Licht schimmerte auf seinem dunklen Haar und es schien, als würde er einen Kranz aus Licht tragen.
Ich traute mich nicht, näher zu treten und dieses Bild zu zerstören, doch dann schob sich eine Wolke vor den Mond und der Zauber verging.
Als würde er wissen, dass ich da war, stand Jeschua auf einmal auf und wandte sich mir zu.
"Judas...", sagte er leise und die Art, wie er meinen Namen aussprach, hätte mich fast den ganzen Plan aufgeben und vor ihm auf die Knie fallen und um Vergebung flehen lassen. Ich musste mich zusammenreißen, als ich langsam näher trat.
"Herr", entgegnete ich heiser.
Jeschua trat vor und legte sacht die Hände auf meine Schultern.
"Tu, weshalb du gekommen bist", flüsterte er.
Wieso bloß wehrte er sich nicht? Ich wünschte, er würde es wenigstens versuchen...
Meine Kehle war wie ausgetrocknet, als ich sein Gesicht sanft in meine Hände nahm und sich unsere Lippen näherten.
Es ist das Beste für ihn, sagte ich mir immer wieder. Das Beste...
Ich küsste ihn.
Unsere Lippen berührten sich für einen süßen Moment lang; ich spürte seine warmen Lippen an meinen, spürte, wie sie meinen Namen formten...
Dann löste er sich von mir, doch nur langsam, fast widerwillig.
"So verrätst du mich also mit einem Kuss, Judas..."
Es war keine Frage, es war eine Feststellung. So als hätte er schon immer gewusst, dass es so kommen würde... Er lächelte bei diesen Worten.
Wenn nur nicht dieser schreckliche Schmerz in seinen Augen gewesen wäre, der sein Lächeln zunichte machte...
Ich zog ihn in meine Arme und vergrub das Gesicht in seinen langen, lockigen Haaren, und auch er schlang die Arme um mich, während er sein Gesicht an meiner Brust barg.
Ich spürte die Feuchtigkeit, als seine Tränen mein Gewand benetzten, und auch ich weinte.
"Es tut mir leid, Herr", flüsterte ich immer wieder. "Es tut mir leid, bitte vergib mir..."
Das Beste für ihn...
Dann spürte ich, wie uns die Tempeldiener ergriffen und auseinander rissen.
"Judas!" Ich sah die Angst auf seinem Gesicht, als sie ihn fortführten. Oh, er hatte so unglaubliche Angst...
Er streckte die Arme nach mir aus, wie auch ich nach ihm, doch so sehr ich mich auch wehrte, die Diener waren stärker. Sie hielten mich mit eisernem Griff fest, während ich mich wie wild in ihren Armen wand.
"Nein!" schrie ich, doch sie zogen Jeschua unbarmherzig mit sich.
Dann zwangen mich die Tempeldiener zu Boden und er verschwand aus meinem Blickfeld. Als hätte sein Anblick alleine mich angetrieben, verließ mich auf einmal meine Kraft und ich sank zurück auf den grasbewachsenen Boden.
"Vergib mir, Herr..."
Ich presste die Wange an die dunkle Erde und weinte.


Ende


Über Kritik jeglicher Art würde ich mich sehr freuen. =)
 
 
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