Rollen-Spiele

von Inrah
GeschichteParodie / P12
27.09.2005
27.09.2005
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Der Tag begann, wie üblich, mit Gezeter.
Rondrian, seines Zeichens Krieger, richtete sich ächzend auf und stützte beide Hände in den Rücken. Es knackte vernehmlich, als er seine Rückenmuskeln und Wirbelsäule dehnte.
"Diese Herberge ist die reinste Zumutung!" beschwerte er sich. "Es ist einfach unter meiner Würde, mit Gesindel in einer Kammer zu schlafen! Und überhaupt, wo bleibt das Frühstück?"
Neben ihm versuchte der Elf Saphiriel Sternenlied, seine ungewohnte Bettdecke zusammenzulegen. Nach einigen Versuchen lag ein wüstes Knäuel vor dem schief gezimmerten Holzbett. Saphiriel zuckte mit den Schultern und wandte sich Rondrian zu: "Daheim in den Wäldern mußt du nur warten, und das Frühstück kommt vorbeigelaufen."
Die Stirn des hünenhaften Kriegers legte sich in Falten, als er versuchte, sich dieses Szenario vorzustellen. Dann fragte er: "Ihr habt Teller mit Beinen?"
Seufzend entgegnete der blonde Elf: "Nein, tala. Aber im Gegensatz zu einigen Personen, die ungenannt bleiben sollen, wissen wir, wie man jagt."
Elayne, Magierin und die dritte im Bunde, sah von ihrem Schminkspiegel auf und strich sich eine weißblonde Strähne aus dem Gesicht. "Und im Gegensatz zu dir, mein lieber Ritter Rost von Klapperhausen, versuchen die Elfen nicht, Hasen mit dem Langschwert zu erschlagen. Und sie schlafen nicht in Rüstung."
Rondrian sah an sich hinunter. Das war also für das unangenehme Gefühl verantwortlich, das ihn seit dem Aufwachen plagte! Verwirrt sah er seine Gefährten an und hob die Schultern, bis Metall knirschte. "Weiß auch nicht, was in mich gefahren ist", murmelte er. "Das hätte mir eigentlich auffallen müssen. Vielleicht liegt's ja am Premer von gestern."
"Daß du das überlebt hast, wundert mich noch immer", warf Elayne ein. "Normalerweise hättest du tot unter dem Tisch liegen müssen. Oder zumindest einen ordentlichen Kater haben. Aber du bist ja quicklebendig."
Saphiriel sah mit mürrischem Gesichtsausdruck zu den beiden hinüber. "Warum müßt ihr Rosenohren überhaupt dieses stinkende Zeug trinken? Hach, wäre ich doch bloß wieder im Wald..." Er hob seine Handharfe, strich über die Saiten und stimmte ein seltsames Lied über Orks und Bäume an.
Elayne musterte ihn mit schiefgelegtem Kopf. Merkwürdige Worte sprangen auf ihre Zunge, zerrten an den Stimmbändern und forderten ungeduldig, ausgesprochen zu werden. Schließlich gab die Magierin dem Drang nach: "Saphiriel, du bist ein echter Klischeecharakter."
"Hm?!" machte der Elf verwirrt, in seinem Gesang unterbrochen.
"Öh", antwortete Elayne, nicht weniger irritiert. "Weiß nicht. Der Ausdruck kam mir plötzlich so in den Sinn."
Rondrian mischte sich ein. "Klischadings schön und gut, aber wir sollten langsam nach unten gehen und Lili suchen. Nicht daß sie wieder etwas anstellt."
"Wie ich sie kenne, hat sie schon die gesamte Stadtgarde auf dem Hals", spöttelte Elayne, warf einen letzten Blick in den Spiegel, rückte die blassen Locken zurecht und stieg die Treppe hinab. Ihr kostbar verzierter Umhang schleifte über den Boden, und Rondrian trat darauf. Er stolperte und fing sich mühsam, während Elayne zu keifen begann und Saphiriel seine übliche Litanei über die Vorteile von Wäldern anstimmte. Insgeheim fragte sich der Krieger, warum der hochgewachsene Elf den Wald überhaupt verlassen hatte.
Er sprach die Frage aus. Schweigen schloß sich an. Schließlich blinzelte Saphiriel und zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. Ich war dort, und jetzt bin ich hier..."
"Hast du dich vielleicht mit deiner salasandra zerstritten?" erkundigte sich Elayne, während sie sich im selben Moment fragte, woher sie den elfischen Ausdruck für Sippe kannte. Spielerwissen, flüsterte es hinter ihrer Stirn.
Sie fanden Lili in der Schankstube, die für die frühen Morgenstunden erstaunlich voll war. Die zierliche Diebin hatte sich am Tresen eingereiht und schien auf etwas zu warten.
"Guten Morgen, Lili", sagte Rondrian laut. Die Angesprochene zuckte zusammen und zog ihre Hand aus der Tasche einer beleibten Bürgerin. "Ich habe nichts gemacht", verkündete sie und sah sich aus den Augenwinkeln nach einem Fluchtweg um.
Elayne stellte fest, daß die Diebin sich aus den Augenwinkeln nach einem Fluchtweg umsah. "Hör' auf, dich aus den Augenwinkeln nach einem Fluchtweg umzusehen", forderte sie. "Wir wollen dich nicht vierteilen, sondern einfach nur gemütlich frühstücken."
"Wollen wir?" fragte Saphiriel verwundert. Ein Funkeln aus Elaynes rötlichen Augen brachte ihn zum Verstummen.
Rondrian bahnte sich einen Weg durch die Wartenden und bestellte viermal Frühstück, während die anderen am einzigen freien Tisch, direkt neben der Tür, Platz nahmen. Wenig später trudelte auch der Krieger ein, gefolgt von zwei tief dekolletierten Schankmaiden mit Tabletts, die sich unnötig weit vorbeugten, als sie das Essen auf den Tisch stellten.
"Liederliches Menschenvolk", beklagte sich Saphiriel.
Lili grinste den Waldelfen breit an. "Wir stehen eben nicht alle auf Bäume."
Saphiriel schnaubte und schwieg.
In der Schankstube wurde es allmählich laut. Einige frühe Zecher schwenkten ihre Krüge und stimmten schief einen Gassenhauer an. Niemand schien sich daran zu stören, daß Rondrian voll gerüstet und bewaffnet am Tisch saß, neben einem Elfen mit Bogen und Harfe und einer Albinomagierin in einer Robe, deren Stoff ausreichte, um ein kleines Zimmer zu tapezieren.
In diesem Moment schwang die Tür mit einem leisen Knarren auf - Lili runzelte verwirrt die Stirn, denn eben hatte sie noch nicht geknarrt -, und eine Person betrat die Taverne. Seltsamerweise schien der Fremde mit seinem völlig alltäglichen schwarzen, symbolverzierten Kapuzenumhang und dem ebenso gewöhnlichen Stab mit der silbernen Spitze und dem eingefaßten Kristall niemandem besonders aufzufallen. Er sah sich um, murmelte etwas und steuerte dann zielstrebig auf den Tisch der vier Gefährten zu.
"Den Zwölfen zum Gruße", sagte er mit leiser Stimme. "Darf ich mich setzen?"
Rondrian ließ den Blick durch den Raum schweifen und stellte fest, daß alle anderen Plätze besetzt waren. Wo kommen bloß die ganzen Leute her? fragte er sich. Dann seufzte er und deutete höflich auf den letzten freien Stuhl. "Setzt Euch."
Der Fremde musterte die vier unter seiner Kapuze hervor, dann bemerkte er unvermittelt: "Ihr seht abenteuerlustig aus, oder täusche ich mich da?"
"Lustig sind wir immer", grinste Lili. "Worum geht's?"
Der Kapuzenträger senkte die Stimme noch weiter, so daß er kaum mehr zu verstehen war. "Ich suche einige mutige Helden, die mir ein Kleinod zurückbringen, das mir vor wenigen Tagen gestohlen wurde."
"Oh, Ihr wart das?" murmelte Lili schuldbewußt. "Naja, die Taschenuhr sah einfach zu schön aus, mittlerweile habe ich sie leider weiterverkauft, und was die drei Ringe angeht..."
Verwirrt musterte der Fremde sie. "Es geht mir nicht um eine Taschenuhr."
"Dann vielleicht das? Oder dies?" Ebenso verwirrt wie ihr uneingeladener Tischgast sahen Elayne, Saphiriel und Rondrian zu, wie die Diebin nacheinander ein Perlencollier, ein Kurzschwert in goldglänzender Scheide, ein Krönchen und den magischen Rubin aus dem Hort des Drachen Baraganidur aus der Tasche zog.
"Ne-ein", seufzte der Fremde. "Es geht um ein kostbares magisches Buch, von dem in ganz Aventurien nur noch drei Exemplare existieren. Ein mißgünstiger Schwarzmagier hat es mir geraubt und höchstwahrscheinlich in seinem Turm eingeschlossen. Seid Ihr wagemutig genug, es mir zurückbringen? Ich zahle einen hohen Preis dafür!"
Die vier Gefährten steckten die Köpfe zusammen und tuschelten.
"Das klingt alles viel zu riskant. Schwarzmagier und so, du weißt schon."
"Ich finde, es klingt nach einer Herausforderung."
"Rondra zur Ehr'!"
"Was hat die damit zu tun?"
"Naja, ich dachte, sie hat vielleicht auch etwas gegen Schwarzmagier, die Bücher stehlen."
"Wäre das nicht eher Hesindes Sache?"
"Vielleicht... ach, ist doch egal. Ich hätte mal wieder Lust auf einen ordentlichen Kampf."
"Und ich will zurück in meinen..."
"Wald. Wissen wir."
"Na, und was machen wir jetzt?"
"Ich finde, wir nehmen den Auftrag an."
Sechs Augen starrten Lili an. Sie starrte zurück und hob dann abwehrend die Hände. "War doch nur ein Vorschlag."
"Und warum sollen wir deiner Meinung nach den Auftrag annehmen?" fragte Elayne scharf.
"Also, wir..." Lili hielt inne und grübelte. "Weil wir sonst keine Ah-Peeh kriegen oder so."
"Ah-Peeh?" wiederholte Rondrian. "Was soll das sein?"
Lili kaute an ihren Fingernägeln. "Das fiel mir plötzlich ein. Keine Ahnung, warum. Vielleicht ist es eine neue Währung. Oder ich meinte Dukaten. Kann doch mal passieren."
"Daß du an etwas anderes denkst als Dukaten, ist wirklich neu", stichelte Elayne. "Aber du hast recht. Ich habe ebenfalls das dumpfe Gefühl, wir sollten es machen."
Einmütig, wenn auch nicht wirklich überzeugt, nickten die anderen.
Rondrian wandte sich wieder dem Fremden zu, der die ganze Zeit über mit unbewegter Miene den Ausgang der Beratung abgewartet hatte. "Gut, wir werden für Euch diesen Schwarzmagier verprügeln und das Buch zurückholen", verkündete er. "Ach, mein Herr, wie ist eigentlich Euer Name?"
"Der ist nicht von Bedeutung", antwortete sein rätselhaftes Gegenüber rätselhaft.
Saphiriel feixte. "Sollen wir Euch dann den Namenlosen nennen?"
"Du... Blümchenknuddler, wie kannst du?!" Elayne preßte dem Elfen schockiert eine beringte Hand auf den Mund.
"Hmmpf", sagte Saphiriel und biß ihr in den Finger.
Die Albina sprang auf und stieß einen Schmerzensschrei aus. Niemand schien davon Notiz zu nehmen. Auch der Fremde mißachtete sie sträflich und sprach wieder mit dem Krieger: "Seid in drei Tagen wieder hier, dann werde auch ich im Gasthof sein. Hier ist eine Karte", er warf ein zerfleddertes Stück Pergament auf den Tisch, "und hier die Anzahlung." Ein kleiner, klimpernder Beutel fiel daneben. Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.
Die vier Gefährten blickten ihm hinterher, dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geldbeutel und die Landkarte. Elayne steckte beides mit einem wichtigtuerischen Gesichtsausdruck ein.
Lili schmunzelte und legte einen weiteren Gegenstand auf den Tisch - die Geldbörse des Fremden.
"Du bist doch verrückt!" stieß Rondrian aus, während Saphiriel halb unter dem Tisch hing und sich das Schienbein rieb, gegen das ihn Elayne getreten hatte.
"Wir sind schlimme Schurken", murmelte Lili grinsend. "Trinkt aus, Piraten, joho..."