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Im selben Boot

von Inrah
GeschichteHumor / P12 / Gen
27.09.2005
27.09.2005
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Wie kann es passieren, daß drei Personen, die sich untereinander so spinnefeind sind, zusammen auf einem Holzfloß im tiefsten Regenwald hocken?
Nun, die drei hätten vermutlich auch keine Antwort gewußt. Irgendwie kam es dazu, daß sie sich auf diesem schwankenden Stück Holz wiederfanden, ohne sich zuvor auch nur vorgestellt zu haben - nicht vor das Holz, wie jetzt manch einer denken mag, sondern mit Namen.
Praiomar von Krayenstieg, der Praiote, war in seinem üblichen Auftrag unterwegs. Ein wenig predigen, ein wenig missionieren, und am Ende vielleicht bekehren. Als treuer Diener seines Gottes (und seiner Kirchenoberen) fragte er nicht groß nach, als er diesmal in die Dschungel Südaventuriens geschickt wurde. Er hätte es vielleicht besser getan. Denn dann hätte er eventuell erfahren, daß einige der Dschungelstämme ganz wild darauf sind, mit den Köpfen unbeliebter Prediger ihre Lager zu schmücken. Nur sein Lauftempo rettete Praiomar vor einem vergleichbaren Schicksal. Und das Floß, das einsam und verlassen auf dem Fluß herumdümpelte, der seine Flucht zu bremsen wagte - das war ihm wie ein Geschenk Praios' erschienen.
Ähnliche Gedanken hegte auch Nazirah saba Hamilkar, Adepta der Rashduler Magierakademie, begabte Dschinnenbeschwörerin mit besonderer Vorliebe für das feurige Element. Ihr Lehrmeister, Sultan Hasrabal ben Yakuban von Gorien, hatte sie zusammen mit zwei anderen Adepten in die Regenwälder geschickt, um ihm ein bestimmtes Artefakt zu besorgen. Wo die beiden anderen abgeblieben waren, wußten wohl nur die Götter - der Stamm der Mohaha, in deren Besitz sich das Artefakt befand, war jedenfalls nicht erfreut darüber, es hergeben zu sollen. Und so hatte sich ihr Weg mit dem Praiomars genau in dem Moment gekreuzt, als sie das Floß erspähte.
Szintazz, der (die?) Achaz und Priester der Großen Schlange H'Szint, hatte eigentlich nichts besonderes im Wald vor. Er (belassen wir es bei diesem Pronomen) war nur ein wenig umhergestreift, um im Sinne seiner Göttin Wissen zu sammeln. Dabei hatte er sich schlichtweg verlaufen. Auch er fand das Floß.
Richten wir unseren Blick wieder auf die Gegenwart.
Praiomar hat sich am Rande des Floßes zusammengekauert, und ein Zipfel seiner Robe baumelt ins Wasser. Er bemerkt es nicht, so beschäftigt ist er damit, sich selbst zu bedauern. Er kommt nicht einmal auf den Gedanken, es könne eine Prüfung seines Gottes sein. Ob es das ist? Nun... wer weiß das schon außer Praios dem Allmächtigen selbst? Der Priester zumindest kann froh sein, daß die Fische mit den messerscharfen Zähnen vor Langeweile weitergezogen sind, denn der grellfarbene Stoffzipfel hätte sie gewiß interessiert.
Nazirah flucht leise auf Tulamidya vor sich hin. Zuviel Wasser für ihren Geschmack. Warum hat sie sich auch auf diese unsägliche Mission eingelassen? Innerlich schäumt sie vor Zorn, als sie begreift, daß sie nicht einfach zurückkehren und Sultan Hasrabal zur Rede stellen kann. Ihre Beschwörerkunst kann ihr hier, auf dem Fluß im feuchten Regenwald, auch nicht viel weiterhelfen. Schließlich ist sie Feuerelementaristin und damit einem Element verschrieben, das dem Wasser konträr gegenübersteht.
Szintazz hat noch immer den langen, geschuppten Schwanz um die Füße geschlungen. Er ist irritiert von diesen Glatthäuten, die sich so sehr gegenseitig anfeinden und ihre H'Ranga um Aufmerksamkeit anbetteln. Wissen sie denn nicht, wohin so etwas führen kann? Aufmerksam würden die Gottwesen werden, und ihren Blick auf dem kleinen Floß belassen. Und ihm, Szintazz, würde es obliegen, das Interesse der H'Ranga wieder abzulenken. Falls das überhaupt ginge, bei den fremdartigen, so - er zischelt verächtlich - menschlich gewordenen Machtwesen. Menschlich unter Menschen, pah! (Wieder ein Zischeln.) Als wären es irgendwelche unsagbar fernen Verwandten, von denen man hofft, daß sie irgendwann einmal zum Kaffee vorbeikommen (er kennt diese Sitte nicht, der Sinn seiner Gedanken ist aber ähnlich), Geschenke mitbringen und interessante Geschichten zum Besten geben. Dabei sollten die Warmblütigen es doch selbst am besten wissen, daß unangekündigte Gäste immer länger bleiben, als man will, Nerven und Vermögen strapazieren und einen bei den Nachbarn in Verruf bringen. Szintazz gibt eine Art Schnauben von sich. So etwas würden seine Nestgeschwister nicht wagen!
"Und was nun?" fragt Nazirah unvermittelt. Sie hat sich ungeschickt umgedreht und der Floßmitte zugewandt. Ihr hübsches schmales Gesicht mit den dunklen Augen wirkt angespannt.
Der Praiote bewegt sich zuerst nicht, dann jedoch seufzt er und dreht sich ebenfalls um. Sein Robenzipfel, der gerade das Interesse einiger kleinerer Fische geweckt hatte, wird abrupt aus dem Wasser gezogen und patscht auf Deck. Wenn man es Deck nennen kann. "Ja, was nun? Mit... magischen Mitteln kommen wir hier wohl kaum fort."
"Und genauso wenig scheint der Götterfürst Interesse an unserer wundersamen Errettung zu haben." Der Tonfall der Magierin wird spöttisch. "Zu bedauerlich, daß er sich eine so brillante Gelegenheit entgehen läßt, uns armen Sterblichen seine göttliche Allmacht zu zeigen."
"Sei froh, daß er es nicht tut, Mensch", mischt sich der Echsenpriester ein. "Andernfalls läßt er sich vielleicht nicht mehr so schnell davon abbringen. Und dann haben wir ein Problem."
"Was, einen übereifrigen Gott?" Nazirah lacht auf, verstummt aber schnell wieder, als sie das verkniffene Gesicht Praiomars bemerkt.
"Wir bräuchten ein Ruder", murmelt der Praiote nach einigen Sekunden wortlosen Starrens. "Irgend etwas, um dieses Floß zu steuern. Sonst enden wir noch irgendwo im Ozean..."
Die Magierin runzelt die Stirn und blickt zu Szintazz. "He, Echse, kannst du nicht mit deinem Schwanz paddeln oder so etwas?"
Der Angesprochene zischt verärgert. "Damit ihn mir die Fische abbeißen? Nein, nein, wie dumm. Genausogut könnt ihr Glatthäute mit euren Armen rudern."
"Wenn sie mir ihre Arme gibt, dann rudere ich auch damit", knurrt Praiomar und sieht Nazirah absichtlich nicht an.
"Wenn Ihr mir Euren Kopf gebt, dann schaue ich nach, ob sich darin nicht doch ein Fitzelchen Verstand verbirgt", erwidert die Dschinnenbeschwörerin wütend, scheinbar an einen Baum am Ufer gerichtet.
Man könnte es eine Normalverteilung nennen: Fünf Minuten später befinden sich die drei zumindest immer noch in den selben Positionen auf dem Floß und werfen sich gegenseitig haßerfüllte (Praiomar und Nazirah) beziehungsweise irritierte (Szintazz den anderen) Blicke zu. Ab und zu setzt einer an, etwas zu sagen, bricht aber nach ein oder zwei Silben wieder ab und behauptet, es wolle ohnehin niemand hören. Natürlich könnte man es trotzdem aussprechen, aber wozu Zeit und Atemluft verschwenden? Man hat ja noch so viel Wichtiges zu tun, zum Beispiel... Hier spätestens beginnt man festzustellen, daß in der Theorie irgendwo ein Haken verborgen ist, und beschließt hastig, man müsse sich mit überaus wichtigen und tiefgründigen Gedanken über das Wesen der Welt und das persönliche Schicksal befassen. Und dazu gehöre stille Kontemplation und Selbstversenkung.
Irgendwann erklingt ein leises Knurren. Szintazz scheint nichts gehört zu haben, doch Praiomar blickt sich argwöhnisch um. "Was, bei Praios, war das?"
"Mein Magen", gesteht Nazirah nach kurzem Zögern ein.
Womit sich ein weiteres Problem aufgetan hätte.
 
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