Im selben Boot

von Inrah
GeschichteHumor / P12
27.09.2005
27.09.2005
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Es gibt so Tage...
Tage, an denen einem das an der Wand zu befestigende Bild auf den Kopf fällt, während man sich gerade kräftig mit dem Hammer auf den Daumen schlägt. Tage, an denen man erst beim Zahlen feststellt, daß einem die Geldbörse gestohlen wurde, auch wenn niemand es glauben will. Tage, an denen man die eigene Identität am liebsten zum Pfandleiher bringen und gegen ein paar Stunden erholsamer Nonexistenz eintauschen würde.
Ja, solche Tage...

Durch die dichten Urwälder Südaventuriens schlängelt sich so mancher Fluß. Viele davon verdienen diese Bezeichnung nicht, aber da der Ausdruck "Längliche Bodenausbuchtung, die sich in Zeiten außergewöhnlich starken Regens etwa knöchelhoch mit Wasser füllt" schlicht und einfach zu sperrig ist, nennt man auch diese Rinnsale "Fluß".
Der Mysob ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Aus einer Quelle am Rande des Regengebirges entspringend, windet er sich wie eine träge Schlange südwestwärts und mündet schließlich bei Brabak, der am gleichnamigen Kap gelegenen Stadt, ins Südmeer. Auf seiner Reise zum Ozean bekommt der Mysob so manches zu sehen - Erheiterndes, Dramatisches, Tragisches. Vor allem aber die dichten Wälder, von Getier bevölkert, das manch ein unvorsichtiger Zweibeiner trotz seiner Farbenpracht erst bemerkt, wenn es schon zu spät ist.
Derzeit treibt ein kleines hölzernes Floß auf den Wassern des Stromes, der es ungerührt mit sich nimmt. Obwohl kaum eine Brise weht und der Mysob ruhig und gemächlich dahinfließt, schwankt es gefährlich von einer Seite zur anderen.
Drei Personen sitzen darauf.
Betrachten wir diese Personen aus der Nähe, so offenbaren sich einige Unterschiede. Zwar sind sie alle normalerweise aufrechtgehende Zweibeiner - auch wenn von Aufrechtgehen derzeit nicht die Rede sein kann -, doch ungefähr hier hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Einer von ihnen, ein hochgewachsener, dunkelblonder Mensch männlichen Geschlechts, fällt durch seine wildnisuntaugliche rotgoldene Robe und die etwas schief sitzende Filzmütze auf. Er steht so weit am Rand des Floßes, daß man befürchtet, er könne im nächsten Moment ins Wasser stürzen. Die zweite Person ist eine Frau - deutlich kleiner und sehr zierlich, mit braunen Haaren und Augen. Sie steht auf der diametral entgegengesetzten Seite und stützt sich mit einem schulterhohen Stab ab, um nicht das Schicksal zu erleiden, von dem eben schon die Rede war. Auch sie trägt eine recht unpraktische Robe, allerdings in Weiß und Rot gehalten, dazu eine Umhängetasche.
Das dritte Wesen auf dem Floß - das Wort "Person" wirkt in diesem Zusammenhang etwas irritierend - mag in seiner Größe zwischen den beiden liegen, was sich aber nicht genau erkennen läßt, da es sich in der Floßmitte hingehockt hat. Es ist unbekleidet. Kein Wunder, betrachtet man sein hellgrün und braungrün quergestreiftes Schuppenkleid, das den gesamten Körper bedeckt. Die gelben Augen sind ohne ein Zwinkern auf den Flußlauf gerichtet. Ob es sich um ein männliches oder weibliches Wesen handelt, ist nicht festzustellen.
Die beiden anderen scheinen jedenfalls Abstand von ihm (oder ihr) zu halten. Wie auch voneinander. Das führt dazu, daß sie sich beeindruckend regelmäßig auf dem kleinen Stück zusammengezimmerten Holzes verteilen. Ein gelegentliches Schwanken läßt sich dennoch nicht vermeiden, da sie immer wieder Versuche unternehmen, noch weiter voneinander abzurücken.
Der Mann mit der gelbroten Robe läßt sich auf die Knie sinken, was unfreiwillig komisch wirkt, da er sich dazu mit beiden Händen ausbalancieren muß und beinahe sein vergoldetes Sonnenszepter aus den Händen verliert. Mit einem hastigen Griff rettet er es davor, auf lange Zeit in den Fluten des Mysob zu versinken, und nur viel Glück bewahrt ihn selbst vor einem Bad.
Einige Fische passieren das seltsame Stück Holz und verlangsamen ihr Tempo. So etwas ist ihnen noch nicht untergekommen. Was ist das? denken sich die Tiere mit den rautenförmigen Leibern und den spitzen Zähnen, die aus ihren mißmutig wirkenden Mäulern ragen. Ein oder zwei wagen sich nah heran, stoßen vorsichtig dagegen, um zu sehen, ob es aggressiv ist. Greift nicht an! stellen sie zufrieden fest.
Der mutigste der Fische versenkt seine Zähne, die auch an einem Knochen nicht scheitern würden, in das Holz. Schmeckt nicht! Enttäuscht machen er und seine Artgenossen kehrt und folgen weiter dem Lauf des Mysob. Das seltsame Ding, das selbst die Ältesten von ihnen noch nie hier gesehen hatten, kämpft nicht und ist auch nicht eßbar. Also ist es uninteressant.
Der Berobte hat davon nichts mitbekommen - und hätte er, es wäre ihm vermutlich noch unwohler zumute. Fest umklammert er das beinahe verlorene Sonnenszepter und stimmt eine Litanei an, deren Tonfall man sofort anhört, daß er sie nicht zum ersten Male von sich gibt.
"Oh, hoher Herr Praios, oh Götterfürst, warum schlägst Du mich, Deinen treuen Diener und Verkünder Deines Wortes, mit einem solchen Schicksal? Beim Greifenkönig Garafan, weshalb..."
"Fragt doch lieber einmal, warum Euer Herr Praios uns mit Eurem Genörgel gestraft hat", erklingt eine bissige Frauenstimme von gegenüber. "Chal'awalla, es ist schon das zehnte Mal in dieser Stunde. Ihr wiederholt Euch."
Der Robenträger - ein Priester des Praios, wie spätestens jetzt offenbar wird - wirbelt zornig herum und verliert beinahe das Gleichgewicht. Mit Müh' und Not bleibt er auf den Füßen, was seine Laune nicht gerade bessert. Und sie sinkt gleich noch einmal, als er in die starren gelben Augen des Echsenwesens blickt.
"Warum machsssst du sssso viele Worte, Mensssch?" zischelt es und wirkt für einen Moment ebenso gereizt wie seine beiden unfreiwilligen Reisegefährten. (Um unnötige Mühe beim Lesen zu ersparen, wird die Aussprache der Echse im Folgenden ein wenig 'garethisiert'; sprich, das Gezischel kann man sich dazudenken.)
Entnervt funkelt der Praiote es aus seinen kühlen grauen Augen an, die aber zum derzeitigen Moment Funken zu sprühen scheinen. "Davon verstehst du nichts, Echs! Während du zu deinen alten Götzen betest, rufe ich meinen Herrn Praios um Beistand an, auf daß er mich ans sichere Ufer geleite!"
"Du rufst deinen H'Ranga, um dir zu helfen? Töricht! Töricht!" Das Echsenwesen wippt heftig mit dem Schwanz und bringt das Floß zum Schaukeln. "Stell' dir nur vor, er hört dich und wird auf uns aufmerksam! Wie willst du ihn dazu bringen, endlich wieder wegzusehen?"
"..." Dem Praioten fehlen die Worte. Dann fällt ihm die Frau ein, auf die er ja eigentlich wütend sein sollte, und so strengt er sich an, die Echse zu übersehen und seinen Blick auf die andere Floßseite zu richten. "Und du, Weib, was bist du noch hier? Warum bedienst du dich nicht deiner lästerlichen Schwarzzauberei und machst dich von hinnen?"
Die Frau schnaubt und wirft ihre langen braunen Haare in einer ruckartigen Bewegung zurück. "Erstens, Euer Gnaden, bin ich keine Schwarzmagierin, auch wenn Ihr das pauschal in einen Topf werfen mögt. Und zweitens bin ich Dschinnenbeschwörerin und auf Feuer ausgerichtet, aber hier - nur Wasser, und zu dem bin ich nun gar nicht affin!"
"Magier... Echsen..." murmelt der dunkelblonde Praiote und vergräbt sein Gesicht in den Händen.
"Pff... Echsen... Praiospfaffen..." kommt es verächtlich von der anderen Seite.
In der Mitte des Floßes windet das Echsenwesen den Schwanz um seine Füße und zischelt vor sich hin. "Glatthäute... Alle verrückt."