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Interessante Zeiten

von Inrah
GeschichteHumor / P12 / Gen
22.09.2005
22.09.2005
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Sie wanderten einige Stunden lang in eisigem Schweigen - so eisig, daß jegliche Konversation im Ansatz gefror. Es hätte kaum verwundert, wenn sie eine Schneespur hinterlassen hätten. Schließlich hielt Derian das Schweigen nicht länger aus: "Verratet mir doch bitte, warum Ihr so wütend auf mich seid. Ich habe wirklich nicht hingesehen, wie oft soll ich das noch wiederholen?"
"So oft es Euch Spaß macht", schnaube Aulaire. Sie hatte den Blick so fest auf ihre Stiefel gerichtet, als habe sie Angst, diese würden ohne sie fortlaufen.
Der ehemalige Soldat legte den Kopf schief und grinste. "Können diese Augen lügen?"
"Die Augen vielleicht nicht. Der Mund schon."
Er seufzte. "Frauen sind so etwas von kompliziert... Manchmal habe ich das Gefühl, sie würden uns Männern nur eine Gehirnhälfte zugestehen."
"Aber nein, Männer haben natürlich zwei Gehirnhälften."
Derian lächelte überrascht.
"Eine im Kopf und eine zwischen den Beinen."
Das Lächeln verblaßte. Der Jäger schüttelte resigniert den Kopf, seufzte erneut und stapfte weiter. Nach einer Weile blieb er so abrupt stehen, daß Aulaire fast in ihn hineingerannt wäre. "Was ist denn jetzt?!" zeterte die Bardin.
"Nichts Besonderes... ich kenne mich nur in diesem Teil des Waldes nicht besonders gut aus."
"Ihr habt Euch verlaufen!"
"Nein, es besteht nur eine kryptomere Diskrepanz zwischen unserem Destinationsort und der derographischen Position, an der wir uns de facto aufhalten."
Aulaire starrte ihn an. "Und das heißt im Klartext?"
Nach einem kleinen Zögern kam die Antwort: "Daß ich mich verlaufen habe."
"Sagte ich es nicht..." murrte die Bardin, ließ sich zu Boden sinken und machte keine Anstalten, sich wieder zu erheben.
Derian zuckte mit den Schultern und begann, unruhig im Kreis zu wandern und sich umzusehen. Als sein Blick auf einen großen Felsbrocken unbestimmbarer Form fiel, hellte sich seine Miene auf. "Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden."
Aulaire warf einen skeptischen Blick auf den Stein. "Wollt ihr das Ding etwa nach dem Weg fragen?"
Der Jäger nickte. "Genau das hatte ich vor." Bevor die Bardin einen Kommentar bezüglich der mangelnden Verstandes- und Kommunikationsfähigkeit von Steinen abgeben konnte, ganz zu schweigen von ihrem stationären Charakter, der größere Standortveränderungen deutlich erschwerte - ganz so hätte sie es vielleicht nicht ausgedrückt, eher wohl mit den Worten "Steine können nicht sprechen, Idiot!" - war der hochgewachsene Mann schon auf den Felsbrocken zugeschritten und klopfte daran. "Hallo? Stein?"
"Ja bitte?" erklang eine Stimme.
Aulaire zuckte zusammen und fixierte das Stück Gestein mit weit aufgerissenen Augen. "Was ist das?!"
"Das ist ein Stein", erklärte Derian überflüssigerweise. Er bemerkte das wütende Funkeln in der Augen der jungen Frau und fügte hinzu: "Stein war früher einmal ein Druide. Aber als er sich wegen irgend eines Rituals in einen Baum verwandeln wollte, verpatzte er den Zauber und wurde zum Stein. Leider weiß er nicht mehr, wie man sich zurückverwandelt; und er hat sich mittlerweile so an seine Existenzweise gewöhnt, daß er sich kaum noch daran erinnert, wie es ist, ein Mensch zu sein. Sprich: Er ist ein Stein, der sich für einen Stein hält."
Aulaires Mund stand weit offen. Sie hustete, als eine Fliege beschloß, diese interessante Höhlung mit den halbkreisförmig angeordneten weißen Tropfsteinen zu erkunden. Der plötzliche Windhauch beförderte das überraschte Insekt wieder ins Freie, wo es beschloß, sein Leben fortan dem Dienst an der großen Fliegengottheit Sss'ssmm zu widmen.
Stein hätte seinen Blick vermutlich der Bardin zugewandt, wenn er Augen besessen hätte. Statt dessen gab er eine Art Brummen von sich und wiederholte seine Frage: "Ja bitte?"
Derian räusperte sich: "Ähm... ehrlich gesagt, wir haben uns verlaufen."
"Er hat sich verlaufen", zischte Aulaire hinter ihm, aber er ignorierte sie und fuhr fort: "Wir suchen den Weg nach Niederorklingen, aber alles, was ich weiß, ist, daß der Ort irgendwo am Waldrand liegt. Und da dachte ich mir, frage ich doch den guten alten Stein, der weiß bestimmt einen Rat."
Stein brummte erneut, was sich anhörte, als würde jemand mit einem Steinmesser auf Metall schaben. Dann antwortete er mit einer tiefen Stimme: "Knapp einen Tagesmarsch nach Norden, bis zu der großen, vom Blitz gespaltenen Eiche. Dort wendet euch nach Osten, und binnen weniger Stunden solltet ihr Niederorklingen erreichen. Aber paßt auf die Bäume auf, sie sind derzeit recht merkwürdig gestimmt."
"Warum merkwürdig?" wollte Aulaire wissen.
"Nun, es ist wieder Paarungszeit. Und die männlichen Bäume stürzen sich auf alles, was ein Astloch hat. Tstss..." Stein produzierte das lautliche Gegenstück eines mißbilligenden Kopfschüttelns.
Diesmal klappte Aulaire den Mund rechtzeitig zu, bevor sich Tiere hineinverirren konnten. "Aber... ich meine, es sind Bäume! Die paaren sich doch nicht wie... wie Menschen!"
Stein schien auf unbestimmte Weise amüsiert. "Ja, und was dachtest du, wo die kleinen Schößlinge herkommen?"
Die Bardin starrte ihn an und beschloß zu schweigen.
Derian verabschiedete sich höflich von Stein und zog weiter Richtung Norden, eine verwirrte und ungewöhnlich wenig streitlustige Aulaire im Schlepptau. Diese sah sich immer wieder mißtrauisch nach den Bäumen um. Konnte es tatsächlich sein, daß all ihre unschuldigen Vorstellungen von der Natur in Wirklichkeit Hirngespinste waren? Daß Pflanzen nicht nur Geschöpfe der Fruchtbarkeitsgöttin Peraine waren, sondern auch ihrer ekstatischen Schwester Rahja? Zumindest vom Wein sagte man, er sei von Rahja geschaffen... Sie unterdrückte ein Schaudern und biß sich auf die Lippen. Vermutlich würde sie nie wieder ohne merkwürdige Hintergedanken Wein trinken können.
Ihr Gedankengang wurde unterbrochen, als ihr jemand auf die Schulter klopfte. Derian ging noch immer vor ihr, wie sie rasch feststellte, also drehte sie sich langsam um. Hinter ihr war niemand. Sie sah nur...
Bäume.
Oh verdammt.
Einer der Bäume - es handelte sich um eine prächtige, hochgewachsene Rotbuche - neigte sich leicht zu ihr und raunte: "Entschuldige bitte - du bist kein Baum, oder?"
"Siehst du etwa irgendwo Astlöcher an mir?" fauchte Aulaire gereizt.
"Nein? Oh, wie schade." Der Baum ließ einige seiner Äste hängen.
Derian war hinter die Bardin getreten und hatte seinen Säbel gezogen. "Laß' meine Begleiterin in Ruhe, du perverser... Baum, oder ich mache Brennholz aus dir!"
"Ist ja schon gut, man wird ja wohl mal fragen dürfen..." murrte die Rotbuche und wurde tatsächlich etwas rot.
Der Jäger faßte Aulaire sanft an der Schulter. "Mach' dir nichts daraus, manche Bäume sind eben dumm wie Selemer Sauerbrot. Aber mit Feuer kann man sie sich gut vom Leib halten."
Die junge Frau war inzwischen völlig perplex und ließ sich von Derian mitziehen, ohne auch nur im entferntesten zu protestieren.
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