Interessante Zeiten

von Inrah
GeschichteHumor / P12
22.09.2005
22.09.2005
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Es war bis zu diesem Zeitpunkt ein wunderschöner Rondramorgen gewesen. In einer der noch unberührten Ecken des Mittelreiches wehte eine sanfte Brise über das wild wuchernde Gras, trieb einige Blütenblätter vor sich her, die sich von den reichlich gedeihenden Wildblumen gelöst hatten. Einige Rotpüschel hoppelten durch die Landschaft, hielten hier und da schnuppernd inne und setzten ihren Weg fort. Es war eine stille Idylle...
  Nein, das mit der Stille traf derzeit nicht ganz zu.
  Gerade schrie jemand.

  Aulaire Tryamon hatte sich eigentlich immer für eine Person gehalten, die nicht leicht aus dem Konzept zu bringen war. Nun, in der Zivilisation mochte das zutreffend sein, aber die Wildnis hielt einige Überraschungen parat, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Wie zum Beispiel Wurzeln. Und Schlammlöcher. Und Sturzregen. Und seltsame Tiere, die sie anstarrten.
  Sie schrie noch einmal, in der Hoffnung, das merkwürdige Wesen zu vertreiben, das mittlerweile auf einen Baum direkt vor ihr geklettert war und sie verwirrt anglotzte. Es sah aus wie eine Mischung aus Bär und Eichhörnchen, war etwa einen Schritt groß und hatte ziemlich scharfe Krallen - das war der Umstand, der Aulaire beunruhigte. Sie versuchte, sich hinter ihrer Laute zu verstecken, was jedoch kläglich scheiterte und vermutlich auch noch außergewöhnlich dumm aussah.
  Das Kletterwesen sah auf sie hinab, gab ein dumpfes Brummen von sich - vermutlich das Äquivalent eines resignierten Kopfschüttelns - und verschwand im höherliegenden Geäst. Einige Zweige prasselten auf die verzweifelte Bardin herab, dann war nichts mehr zu sehen. Seufzend ließ sie sich zu Boden sinken und hoffte, daß das Tier nicht auf die Idee kommen würde, sich auf sie fallen zu lassen. Von einem herabstürzenden Bären erschlagen zu werden, klang nicht gerade nach einem ruhmreichen Tod. Dennoch mußte sie unwillkürlich schmunzeln, als ihr ein nicht einmal sehr gutes Wortspiel in den Sinn kam: Bärenfallen - wenn Bären fallen. Sie schüttelte den Kopf, rappelte sich auf, klopfte etwas Dreck von ihrem langen grünen - und ziemlich wildnisuntauglichen - Kleid, hob die Laute auf und stapfte weiter. Immer der Nase nach. Irgendwann würde man schon irgendwo ankommen, und sie gab die Hoffnung nicht auf, daß "irgendwo" auch ein Kaminfeuer und eine warme Mahlzeit beinhalten würde.
  Warum hatte sie sich nur auf diese idiotische Wette eingelassen? Ihre Freundin Swafnild, ihres Zeichens Thorwaler Skaldin, hatte eines Tages behauptet, sie - Aulaire - sei nicht dazu imstande, auch nur eine Woche auf sich allein gestellt in der Wildnis zu überleben. Daraufhin hatte ein Wort das andere ergeben: "Eine Woche? Ich schaffe auch zwei! - Einen ganzen Monat! - Ja, und ohne Proviant!" Nun sah sie ja, wohin Selbstüberschätzung führte - in die abgelegensten Ecken des Mittelreichs, die noch nie ein Mensch, Zwerg oder Elf zuvor gesehen hatte. Vermutlich existierten hier sogar Spezies, von denen die Wissenschaftler Garetiens noch nie gehört hatten. Intelligente Steine, laufendes Moos oder Fallbären - ihr schauderte, und sie entfernte sich so schnell wie möglich aus der Reichweite aller Bäume.
  Vielleicht würde sie eines Tages ein Lied über ihre Erlebnisse schreiben. Die Ballade von der kleinen Bardin und der großen weiten Welt oder: Wie ich mich fast mit meiner eigenen Falle umbrachte. Mißmutig betrachtete sie ihre schorfigen Handflächen. Wenn man anderen eine Grube grub, sollte man wirklich nicht selbst hineinfallen, vor allem, wenn man keine klettertauglichen Stiefel trug.
  Während sie durchs Unterholz stolperte, stoben rings um sie Vögel und kleine Tiere auf und ergriffen die Flucht. Genausogut hätte sie mit einem Streitwagen durch den lichten Wald fahren können - mehr Lärm hätte sie so auch nicht verursachen können. Und sie achtete nicht darauf, wohin sie ihre wundgelaufenen Füße setzte. Was sich bald als Fehler herausstellte.
  Ein zischendes Geräusch erklang, und sie spürte einen jähen Druck am Fußknöchel. Dann hing sie plötzlich einen halben Schritt über dem Boden. Nein, Moment einmal, Korrektur: Ihr Kopf befand sich einen halben Schritt über dem Boden. Der Rest hing bedeutend höher.
  Aulaire wußte nicht, wie ihr geschah, aber da sich Schreien bisher immer bewährt hatte, griff sie auch diesmal zu dieser Methode. Wer hätte es ihr verdenken können? Immerhin erlebte der durchschnittliche Mittelreicher es nicht jeden Tag, daß sich das eigene Gesicht erdnäher befand als die Beine - es sei denn, nach einer ausgelassenen Zechtour oder nachdem man sich mit dem falschen Magier angelegt hatte. Verzweifelt zappelte sie und versuchte, sich von der Fessel zu befreien - ihr Verstand mußte sich vor Angst verkrochen haben, ansonsten hätte sie begriffen, daß ein Sturz mit dem Kopf zuerst auf den Waldboden üble Folgen nach sich ziehen konnte.
  Vor lauter Geschrei und Zappeln bemerkte sie erst spät, daß sich Schritte näherten und schließlich neben ihr verharrten. Dann erklang ein Räuspern. Ein männliches Räuspern. Sie verstummte schlagartig.
  "Den Zwölfen zum Gruße, schöne Dame", erklang eine belustigte Stimme von... irgendwo oberhalb ihres Kopfes. Sie versuchte, selbigen zu drehen und in die Richtung der Stimme zu schauen, scheiterte aber an der Gravitation.
  "Was macht Ihr an einem so herrlichen Tage in einer Schlinge?" fuhr die Stimme fort, und Aulaire wünschte sich spontan, ihrem Urheber die Augen auskratzen zu können. "Wolltet Ihr die Aussicht genießen? Dann hängt Ihr aber mit dem falschen Körperteil nach oben."
  Die Bardin zischte verärgert: "Nein, wißt Ihr? Man wollte mich hängen, aber ich habe mich im letzten Moment umgedreht, und da wurde es dem Henker zu dumm und er ist gegangen."
  Schweigen von oben, dann ein Kichern. "Dafür, daß Ihr kopfüber an einem Baum hängt, seid Ihr ziemlich schlagfertig, werte Dame."
  Aulaire zögerte. Irgend etwas kratzte beharrlich am Rande ihres Bewußtseins. Sie konzentrierte sich. Es hatte mit ihrer aktuellen Lage zu tun - obwohl man kaum von einer Lage sprechen konnte, eher von einem Hang. Sie hatte den Hang, von Bäumen herabzuhängen... genau, das war es! Sie wurde blaß vor Entsetzen. "Bei den Göttern... Ich weiß, daß mein Kleid nach unten hängt, denn der Saum ist mir gerade ins Auge geraten. Und das bedeutet, Ihr könnt meinen Unterrock sehen!" Die Farbe ihrer Wangen wechselte von bleich zu puterrot.
  "Ähm... das stimmt gewissermaßen", erwiderte der rätselhafte Fremde.
  "Gewissermaßen?" fauchte Aulaire gereizt.
  "Wenn Ihr es wirklich wissen wollt... ja, ich sehe Euren Unterrock." Pause. Räuspern. "Er hängt ebenfalls nach unten."
  Der Aufschrei der Bardin ließ im Umkreis von hundert Schritt verdutzte Bären von den Bäumen fallen. Im nächstgelegenen Dorf versteckten sich die Bewohner unter den Tischen, weil sie ein Erdbeben befürchteten, doch nach dem ersten Erdstoß, der nicht nur die ungeliebte Vase der Schwiegermutter aus dem Regal fallen ließ, sondern auch so manchen Langschläfer aus dem Bett, blieb alles ruhig.
  "Ihr wolltet es ja unbedingt wissen", murmelte es vorwurfsvoll neben ihr. "Aber ich denke, ich werde Euch wohl besser herunterlassen..." Ein Rascheln und Schaben folgte diesen Worten. Dann bemerkte Aulaire, wie sie sich langsam dem Erdboden näherte. Sie fing sich mit den Armen ab und ließ sich in einer Mischung aus Rückwärtsrolle und Gleichgewichtsverlust zu Boden sinken.
  Das Erste, was sie sah, nachdem sie wieder wagte, die Augen zu öffnen, war ein verschmitzt blickendes blaues Augenpaar unter einem dunkelblonden Haarschopf. In dem Gesicht, das die Augen umgab, stand mühsam beherrschter Ernst geschrieben. Ruckartig kam sie wieder auf die Beine. "Ihr, was denkt Ihr Euch eigentlich?" fuhr sie den Fremden an, der jetzt eher erschrocken als erheitert wirkte. Er war fast zwei Schritt groß und überragte sie deutlich, was ihr aber derzeit nichts ausmachte. "Was sollte das eben? Ich finde das gar nicht lustig! Geht zum Lachen gefälligst in den Keller, wenn Ihr hier einen findet!"
  Die blauen Augen brachten nichts als verletzte Unschuld zum Ausdruck. "Es tut mir ja leid, was passiert ist, aber hätte ich ahnen können, daß Ihr in meine Wildfalle lauft? Immerhin habe ich Euch heruntergelassen, ich hätte Euch genauso gut noch baumeln lassen können. Und das hätte ich getan, wenn ich nicht so ein höflicher Mensch wäre."
  "Höflich? Ha!" Der Bardin fiel nichts mehr ein, und so beschränkte sie sich auf ein durchdringendes Starren. So nahm sie auch zum ersten Mal mehr von ihrem "Finder" wahr. Er war sicherlich 195 Halbfinger groß und doppelt so breit wie sie - alles Muskeln. Seine blonden Haare fielen ihm offen und etwas zerzaust bis auf die Schultern. Er trug ein Lederwams und eine Hose aus dem gleichen Material, an seiner Seite baumelten ein Säbel und ein schwerer Dolch. Er mochte noch keine dreißig Götterläufe alt sein und besaß einen gewissen jugendlichen Charme. Rahja, und dieser Mann hatte ihr unter den Rock geschaut? Sie lief spontan wieder rot an.
  "Was habt Ihr?" erkundigte sich der Fremde, und als Aulaire beharrlich schwieg, seufzte er leise. "Ich habe nicht wirklich hingeschaut, wenn Ihr das meint. So etwas gehört sich einfach nicht, und so ein bißchen Benehmen habe ich mir schon bewahrt. Glaube ich", fügte er hinzu und grinste.
  Aulaire schnitt eine verärgerte Grimasse. "Wenn Ihr wirklich überhaupt nicht hingeschaut habt, dann... dann bin ich die heilige Canyzeth!"
  "Oh, bei Hesinde, warum wandelt Ihr wieder unter den Menschen?" rief der Fremde in gespielter Ehrfurcht aus. "Nun im Ernst: Ich habe nicht hingeschaut. Praios sei mein Zeuge."
  "Was, der Götterfürst hat mir auch unter den Rock geschaut?" Aulaire wußte nicht warum, aber sie brach in fast hysterisches Gelächter aus. "Gut, wenn Ihr es denn bei Praios bezeugt, dann will ich Euch Glauben schenken. Niemand lügt ungestraft im Namen des Himmlischen Richters."
  Der Fremde schmunzelte und streckte dann die Hand aus. "Um mich einmal vorzustellen, mein Name ist Derian Zimmerer, ehemaliger Soldat und jetzt Jäger. Und ich wünschte, wir wären uns unter erfreulicheren Umständen begegnet."
  Aulaire starrte so auf die Hand hinab, als sei diese eine giftige Schlange. Dann ergriff sie sie zögerlich und drückte sie. "Aulaire Tryamon, reisende Dichterin und Bardin. Und ich wünschte, Ihr würdet keine Fallen bauen."
  Derian grinste und zuckte mit den Schultern. "Ich muß aber etwas essen, und da ich keine Lust habe, Bäume anzunagen - hätte ich ahnen sollen, daß sich hübsche junge Frauen in meinen Schlingen verfangen können? Wenn ich das geahnt hätte..." er machte eine Pause, und in seinen Augen blitzte der Schalk, "dann hätte ich schon viel früher mit dem Fallenstellen angefangen."
  Die Bardin starrte ihn empört an. Hinter ihr fiel ein Bär vom Baum, der Gefallen an diesem neuen Konzept gefunden hatte. Aulaire wirbelte herum, verharrte dann und schlug die Hände vors Gesicht. "Schlingen, Fallbären und Männer, die mir... nicht unter den Rock schauen. Wo bin ich hier nur gelandet? Ich will zurück in die Zivilisation!"
  "Warum hat es Euch dann überhaupt hierher verschlagen? Ich meine... Ihr wirkt nicht wie die typische Wildnisabenteurerin, wenn Ihr mir den Kommentar verzeiht."
"Möglich." Aulaire schnaubte. "Es liegt alles an dieser blöden Wette. Ich habe behauptet, ich könnte allein im Wald überleben - Hesinde, warum hast du mich verlassen?" Sie rang die Hände und blickte in mehr als nur gespielter Verzweiflung zum Himmel.
"Vermutlich dachte sie, Ihr würdet auch allein zurechtkommen", erwiderte Derian verschmitzt, um sich beim Anblick der zornfunkelnden Augen der jungen Frau gleich wieder zu entschuldigen und seine Hilfe auf dem Weg zurück in die kultivierte Gesellschaft anzubieten.
Aulaire überlegte. Was hatte sie schon zu verlieren, außer ihrem Stolz? Und der war ohnehin auf ein Minimum zusammengeschrumpft, seit... Er hat mir unter den Rock geschaut! Na und? dachte sie trotzig. Ich kann es nicht mehr ändern, es ist eben passiert. Ja, aber er hat mir unter den Rock geschaut! "Ich weiß, verflucht!" schnaubte sie und erntete einen verwirrten Blick von Derian. Für einen Moment war sie versucht, ihm ihren Ausbruch zu erklären; aber es machte wenig Sinn, ihm zu erläutern, daß ihr Verstand sich geradewegs in südlichere Gefilde verdrückt zu haben schien und nur einen Stellvertreter dagelassen hatte, der nichts anderes tat, als immer wieder den selben Satz zu wiederholen...
"Ach, schon gut", murmelte sie schließlich. "Ich habe nur laut gedacht." Sie hob ihre Laute auf, die den unerwarteten Sturz gut überstanden hatte, und sah den jungen Mann stirnrunzelnd an. "Also gut, wenn Ihr mich unbeschadet hier herausbringen könnt, dann fände ich das... sehr nett."
"Es ist mir eine Ehre." Derian verbeugte sich tief und zwinkerte ihr zu.
"Pff", machte die Bardin und gab sich größte Mühe, ihn nicht anzusehen.