Von der sechsten Goldenen Eintrittskarte wusste niemand

von Aelea
GeschichteMystery / P12
20.08.2005
20.11.2005
12
17403
5
Alle Kapitel
48 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Ich warne hiermit ausdrücklich davor, diese Geschichte zu lesen, wenn keine Süßigkeiten im Haus sind.

Fließbänder erstreckten sich in jede Richtung. Es war ein Ort, wie ihn sich Kinder erträumten, weit von dem entfernt, was die gewaltige Fabrik tatsächlich verbarg und jede einzelne ihrer süßen Vorstellungen übertraf, und doch ausreichend, um jedes von ihnen danach die Packung einer Tafel Schokolade aufzureißen und hineinbeißen zu lassen.
Sie verliefen parallel, scheinbar endlose schwarze Fließbänder zwischen fast steril metallgrauen Wänden, von denen jedes eine eigene Sorte Schokolade führte. Wunder-Weichcreme. Knusper-Krümel-Krokant. Sonnen-Honig-Marzipan. Sahne-Nougat. Überraschungs-Nuss. Weihnachts-Zimt. Gestreifte-Augenschmaus-Erdbeercreme. Butter-Karamell. Schneeball-Vollmilch-Kokos.
Zwischen den Bändern Wunder-Weichcreme und Knusper-Krümel-Krokant schritt eilig eine seltsame Gestalt den langen Fertigungsweg der besten Schokolade der Welt ab; in den perlgrauen Handschuhen, die als einzige aus dem burgunterroten Mantel hervorragten, hielt sie eine Handvoll bedruckter goldener Folien. Prüfend betrachtete sie die frisch gegossene Schokolade, in der sich das kalte Licht widerspiegelte. Zu flüssig.
Er verfolgte sie und sah zu, wie sie einige Dutzend Schritte später, nun ausgehärtet, in glänzende Silberfolie verpackt wurde. Zu fest.
Rückwärts näherte er sich der Hälfte des zurückgelegten Weges und drehte sich zu dem langen Förderband um. In der Mitte der mit Wunder-Weichcreme gefüllten Schokoladentafel glänzte der braune Quader noch feucht, während die Ecken bereits getrocknet waren. Hervorragend.
Vorsichtig platzierten die perlgrauen Handschuhe eine goldene Eintrittskarte auf der flüssigen Schokolade, die sofort über die Ränder zu quellen begann und die goldene Schrift verschluckte.
Unzufrieden schüttelte die Gestalt den Kopf und nahm die gesamte Schokoladentafel vom Band. Nur beste Qualität verließ Willy Wonkas Schokoladenfabrik.
Er folgte dem Fließband einige Schritte und legte eine weitere Eintrittskarte auf eine vorbeifahrende Tafel. Vorsichtig drückte er die Goldfolie an der schon fast getrockneten Flüssigkeit fest und sah zufrieden zu, wie sie weiter zu der Verpackungsmaschine fuhr.
In Gedanken zählte er achtzig vorbeifahrende Tafeln, bis er die nächste Eintrittskarte platzierte, die in einem neuen Karton in ein anderes Land gelangen sollte.
Zufrieden sah er wiederum zu, wie die Schokoladentafel davonfuhr und beglückwünschte sich zu seiner grandiosen Idee. Kinder würden seine Fabrik besichtigen, sein Plan würde aufgehen. Kinder, die seine Schokolade zu schätzen wussten und die nicht an Karies und Zahnweh dachten, die all die Wunder erkennen würden, die für Erwachsene nur Süßigkeiten waren.
In seine Erinnerung versunken sah er nicht auf seine Hände, die die einundachtzigste Tafel Schokolade mit einer goldenen Eintrittskarte versahen.
Diesmal sah er nicht zu, wie sie davonfuhr und in Silberfolie eingeschlagen wurde.
Er riss sich aus seinem Tagtraum los und beschloss, die letzten drei der fünf Eintrittskarten in den Knusper-Krümel-Krokant-Tafeln zu verstecken.
Beschwingt machte er sich an die Arbeit.
Review schreiben