Felicie

GeschichteDrama / P16
01.08.2005
12.09.2005
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Dieses Kapitel
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Diese Phic beruht auf Ereignissen von Susan Kay Phantom. Wir haben lediglich Eriks Krankheit/Tod und die Tatsache, dass Christine zu ihm zurückkehrt und ein Kind bekommt außer Acht gelassen.
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Kalt und weiß glitzert der Schnee im Mondlicht. Die Wolken seines Atems werden vom Wind davongetragen. Die stummen Grabsteine um ihn her strahlen einen sonderbaren Frieden aus. Denn Tod bedeutet Frieden. Frieden und keine Gedanken mehr.
Vielleicht ist er deshalb hierher gekommen. Um seinen Entschluss zu stärken. Seit Christine fort ist, hat sein Leben keinen Inhalt und kein Ziel mehr. Alles ist bedeutungslos ohne sie.
Ein plötzliches Geräusch reißt ihn aus seinen Gedanken. Ein lautes Seufzen und das Rascheln von Stoff.
Er fährt herum. Mitten auf dem Weg, vor einem kleinen, verwitterten Grabstein entdeckt er einen Haufen schäbiger, abgetragener Röcke, unter dem ein Paar durchgelaufener Stiefel hervorschaut.
Lange steht er nur da und starrt. Der Wind spielt mit den geflickten Kleidern, und hin und wieder bläst er eine Strähne langen, schwarzbraunen Haares auf. Dann, ohne es wirklich zu wollen, geht er zu dem Mädchen hinüber.
Sie muss lange auf demselben Fleck ausgeharrt haben, ehe sie zusammenbrach, denn der Wind und der Pulverschnee, den er von den Bäumen fegt, haben ihre Spuren verwischt. Zögernd beugt er sich über sie. Das schwarzbraune Haar umrahmt ein ausgemergeltes Gesicht mit großen Augen und hohen Wangenknochen. Ihre Lippen sind blaugefroren, das spitze Kinn darunter vom rauen Stoff ihres Schals gerötet. Ein halbes Kind.
Er schnaubt.
So dünn wie sie ist, liegt ihre letzte anständige Mahlzeit lange zurück.
Der Tod durch Erfrieren ist einer der Angenehmsten. Ab einem gewissen Punkt spürt man die Kälte nicht mehr. Der Geist beginnt, einem Wärme vorzugaukeln, wo keine ist. So murmelt er in Gedanken vor sich hin, während er sich aufrichtet, und in Richtung des nahen Friedhofstors davongeht.
Auf halbem Weg bleibt er stehen und dreht sich noch einmal nach ihr um.
Ein halbes Kind...
Ach was.
"Ach was!" er spricht es laut aus und seine Hände ballen sich zu Fäusten.
Wen sollte es schon kümmern, wenn sie hier erfriert, allein, auf dem Friedhof? Läge sie dort, wenn es einen Unterschied machte, ob sie lebt oder nicht? Macht überhaupt irgendetwas irgendeinen Unterschied? Das Leben ist nicht mehr eine endliche Folge von Illusionen und Enttäuschungen, und je eher es endet, desto besser ist es. Er tut ihr einen Gefallen, wenn er sie einfach dort liegen lässt. Tote haben keinen Hunger. Tote müssen nicht betteln. Außerdem soll man der Natur nicht ins Handwerk pfuschen.
Entschlossen wendet er sich ab und setzt seinen Weg fort. Doch schon nach wenigen Schritten bleibt er wieder stehen.
Wäre es denn ein solcher Aufwand, seine Pläne um ein paar Tage zu verschieben? Wie lange würde es schon dauern, sie aufzupäppeln? So jung wie sie ist, wird sie sich schnell erholen.
Er lacht bitter. Dann hätte er auch jemanden, dem er seinen Besitz vermachen könnte. Und wäre es nicht die trotzigste Ironie, wenn er, das Monster, der Mörder, im letzten Akt seines Lebens einem armen einsamen Mädchen ein Leben in Wohlstand schenkt?
Mit ihrem schwarzbraunen Haar sieht sie Christine nicht im Geringsten ähnlich...

Das Erste was sie spürt, als sie erwacht, ist Wärme. Der stechende Schmerz in ihren Gliedern ist verschwunden und einem sehr angenehmen Gefühl gewichen. Ist es so, wenn man tot ist?
Vorsichtig öffnet die die Augen, verzieht das Gesicht und seufzt enttäuscht. Nein, sie kann nicht tot sein, kein Gott wäre so grausam, ihr diese Dunkelheit auch nach dem Sterben noch aufzuzwingen. Also...
Mit flinken Fingern erkundet sie ihre Umgebung, sie findet eine sehr weiche Matratze und eine Daunendecke, die unsagbar gut duftet. Sie kann sich nicht daran erinnern, wie lange es her ist, dass sie in einem richtigen Bett geschlafen hat - ganz allein.
Aber wo ist sie und warum ist sie nicht mehr auf dem Friedhof? Ihr Herzschlag beschleunigt sich plötzlich und pocht nun so heftig, dass ihr jeder einzelne Schlag im Kopf dröhnt. Vorsichtig richtet sie sich auf und lauscht. Seltsame, fremde Geräusche... Es klingt, als würde in einer großen Halle ein Feuer prasseln.
Und da ist noch etwas: Sie ist nicht allein. Sie ist nicht in ihrer Wohnung, sondern in einem fremden Haus und irgendjemand muss sie hierher gebracht haben.
Erschrocken fährt ihre Hand an ihre Brust. Aber sie ist noch vollkommen bekleidet.
Wer auch immer sich ihrer angenommen hat, er scheint ihr nichts Böses angetan zu haben... noch nicht.
Jemand seufzt... ein schweres Seufzen in dem eine tiefe Traurigkeit liegt.
Sie ist nicht so vermessen, zu glauben, dass derjenige sich Sorgen um sie macht. Niemand sorgt sich um Félicie, solange sie etwas zu Essen erbetteln kann.
Ihre rechte Hand findet ihren Stock, den sie nun wie eine Waffe mit beiden Händen umklammert hält. Beim Aufstehen spürt sie den kalten Fußboden... es müssen Steinplatten sein, denkt sie sich, als sie ihre steifen Beine zwingt, sich zu bewegen.
Sie muss wissen, wer sie vom Friedhof geholt hat und warum. Und sie muss wissen, wer im Nebenzimmer so voller Trauer ist.
Nach einer Weile entdeckt sie eine Tür und öffnet sie. Im selben Augenblick verstärken sich die Geräusche. Das Knistern des Feuers wird lauter, so dass sie fast schon glaubt, seine Wärme zu spüren. Und obwohl das Schluchzen verstummt ist, weiß sie, dass die Person sich nicht von ihrem Platz bewegt hat.
Leise räuspert sie sich, während ihr ganzer Körper vor Aufregung zu zittern beginnt.
"Wo bin ich?" ist die erste Frage die über ihre Lippen kommt.

Das leise Klappern von Holz gegen Holz lässt ihn zusammenzucken. Er braucht eine Sekunde, um sich zu erinnern... Ach ja, das Mädchen.
Hastig setzt er seine Maske ab und wischt sich das Gesicht trocken. Natürlich; das erste, was sich offenbart, sind die Fehler, die er gemacht hat. Er wird erst wieder gänzlich ungestört sein, wenn das Mädchen gesund und munter die Straßen von Paris hinunterhüpft! Obgleich ihm kein guter Grund einfällt, warum er sie nicht sofort wieder vor die Tür setzten sollte, wenn sie ihm zu lästig wird. Etwas anderes würde die Menschheit ohnehin nicht von ihm erwarten.
Knurrend erhebt sich Erik und geht zur Tür hinüber, um sich einem weiteren erschrockenen, fragenden oder neugierigen Starren auf seine Maske zu stellen.
"Sie sind in einem Haus, Mademoiselle." er gibt sich keine Mühe, freundlich zu klingen "Können Sie das nicht sehen?"
Wütend über seine Art mir ihr zu reden, versteifen sich Félicies Züge. Sie presst die Lippen fest aufeinander, bis nur noch eine dünne weiße Linie bleibt. Warum hat er sie überhaupt hierher gebracht, wenn er sie jetzt so behandelt? Sollte er auf die Idee kommen, ihr Gewalt anzutun, wird sie sich jedenfalls mit Händen und Füßen wehren! Auch wenn er, seiner Stimme nach zu urteilen, viel größer und stärker ist als sie.
Aufmerksam lauscht sie seinen Schritten, wie er ihr immer näher kommt. Sie hört sein Atmen und sie spürt überdeutlich, dass ihm ihre Anwesenheit ganz und gar nicht recht ist. Was sie wieder zu der Frage zurückbringt, warum er sie überhaupt mit sich genommen hat.
"Nein, das kann ich nicht sehen." Ihre Stimme klingt merkwürdigerweise viel stärker, als sie sich fühlt. "Warum haben Sie mich hierher gebracht?" ergänzt sie etwas leiser.
Irritiert verlangsamt Erik seine Schritte und bleibt schließlich ganz stehen.
Aus der Distanz beobachtet er, wie das Mädchen seinen Kopf schief legt, beinahe wie Ayesha, wenn sie aufmerksam lauscht. Und endlich versteht er.
Sie ist blind.
Interessant...
"Sie sind auf dem Friedhof ohnmächtig geworden. Hätte ich Sie liegen lassen, wären Sie erfroren." antwortet er kühl, während er sich wieder in Bewegung setzt. "Jetzt sagen Sie mir..." dicht vor ihr hält er wieder an und beugt sich leicht vor, um ihn ihre trüben Augen zu starren "... soll ich Sie zur Tür oder zu einem Frühstück führen?"
Sie spürt seine Nähe, er steht unmittelbar vor ihr - und diese Nähe ist ihr unheimlich, trotz seiner wunderschönen Stimme. Er scheint ein eindrucksvoller Mann zu sein, geht es ihr durch den Kopf. Und obwohl in seiner Stimme ablehnende Kälte liegt, muss er ein guter Mensch sein, denn immerhin hat ihr das Leben gerettet.
Sie atmet seinen Geruch ein. Ein Seifengeruch, aber nicht unangenehm, und er trägt ein neues Hemd, das noch niemals gewaschen wurde.
Ein vollkommen anderer Geruch, als der von den Hemden ihres Vaters. Ohne Zweifel ist er reich, und dem seltsamen Nachhall aller Geräusche nach zu urteilen, muss seine Wohnung riesig sein. Nur langsam kommt sie zur Besinnung und runzelt die Stirn.
"Bitte hören Sie auf mich so anzustarren, Monsieur! Meine toten Augen mögen für Sie interessant sein, aber ich mag das Gefühl nicht, beobachtet zu werden."
Ertappt richtet Erik sich auf und tritt einen Schritt zurück.
Gegen seinen Willen liegt ihm eine Entschuldigung auf der Zunge, doch er bleibt stumm. In seinem Haus wird er sich bei niemandem entschuldigen. Erst recht nicht bei einer halbverhungerten Straßengöre, die ohne sein Zutun längst beinhart gefroren wäre.
Ärgerlich faltet er die Arme vor der Brust und heftet seinen Blick auf die Hand des Mädchens, die den Blindenstock umklammert.
"Nun...?"
Sein unausgesetztes Unbehagen stört Félicie, aber sie beschließt, nicht weiter wegen ihres Hierseins nachzuhaken. Irgendwie ist sie sich sicher, dass es sehr unangenehm werden kann, wenn man die Geduld ihres Gastgebers übermäßig strapaziert...
"Nun sollte ich Ihnen wohl danken, dass Sie mich nicht haben erfrieren lassen." Der wiedergewonnene körperliche Abstand zu ihm, hat sie wieder entspannt.
Ein paar unsichere Schritte von ihm entfernt tastet sie mit den Fingerspitzen die Wand in ihrem Rücken ab. Stein... aber er fühlt sich nicht so hart und kalt an, wie die Steinwände, die sie bisher berührt hat. Jemand muss ihn mit viel Liebe bearbeitet haben. Und da hängt ein Wandteppich... Nun ist sie vollkommen überzeugt: ihr Retter ist ein reicher Mann. Vielleicht ein Graf oder etwas in der Art. Noch nie zuvor haben ihre Finger ein solch kostbares Gewebe berührt.
Plötzlich knurrt ihr Magen so laut, dass er es unmöglich überhören kann, und sie erinnert sich daran, dass sie seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen hat. Zögernd dreht sie sich zu ihm um.
"Das mit dem Frühstück, haben Sie das wirklich ernst gemeint?"
Erik schnaubt.
"Warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden wollen, kleinen Mädchen falsche Hoffnungen zu machen? Kommen Sie." Mit einem unzufriedenen Blick auf ihr schmutziges geflicktes Kleid geht er an ihr vorbei durch die Tür. Vielleicht sollte er sie doch erst baden lassen und ihr saubere Kleider geben? Er will gar nicht wissen, welche Parasiten sie mit sich herumträgt und nun in seinem sauberen Heim verteilt. Auch riecht sie recht aufdringlich, und ihr ganzer jämmerlicher Zustand erinnert ihn schmerzhaft an die Zeit, als er in diesem... diesem Käfig leben musste.
Das rhythmische Klappern ihres Blindenstocks sagt ihm, dass sie seinen betont lauten Schritten folgt. So dreht er sich nicht nach ihr um, als er erklärt: "Nach dem Frühstück werden Sie sich waschen und frische Kleider anziehen."
Félicie verkneift sich einen wütenden Kommentar, immerhin hat er ihr ein Frühstück versprochen. Aber lange wird sie sich das nicht gefallen lassen, soviel steht fest.
Kann sie sich zusammenreißen, bis sie gebadet hat? Der Gedanke an warmes, sauberes Wasser lockt genauso stark wie das Essen. Wann hat sie zuletzt richtig gebadet? Und er wird zweifelsohne ein großes Badezimmer haben.
Der Duft des Frühstücks lenkt ihre Gedanken wieder vom Baden fort. Dieser Hunger... Sie folgt den Schritten des Mannes, die vor ihr her den Raum verlassen, um einen nächsten zu betreten. Auch dieser Raum muss ein halber Palast sein, wenn sie nach dem Hall gehen darf. Und da ist noch ein anderes Geräusch, das sie erst nicht zuordnen kann. Noch jemand bewegt sich in diesem Raum.
Sie bleibt stehen, stützt sich auf ihren Stock und wartet. Es widerstrebt ihr, den Raum ohne das Einverständnis ihres Gastgebers zu erkunden, aber sie traut sich noch nicht, ihn um Erlaubnis zu bitten. Stattdessen lauscht sie auf seine Schritte, und das andere Geräusch. Dann lacht sie leise auf.
"Sie haben eine Katze!"
"Sie heißt Ayesha." antwortet Erik. Und im Vorbeigehen nimmt er seine krallenbewehrte Freundin auf den Arm. Zu deutlich ist ihm ihre Reaktion auf Christine im Gedächtnis geblieben.
Die Katze an seine Schulter gepresst, hebt er die Servierhauben von den Schüsseln auf dem Tisch.
"Sie können wählen zwischen Rührei mit Speck und Crêpes mit einer Sauce aus warmen Früchten." erklärt er, sich dem Mädchen wieder zuwendend. "An Getränken kann ich Ihnen Orangensaft, Milch und heiße Schokolade anbieten. Ich rate Ihnen, langsam zu essen, Ihr Körper ist nicht an große Mengen Nahrung gewöhnt, und Sie wollen sicher nicht gleich wieder alles von sich geben. Ich werde Ihnen nun ein Bad einlassen und Kleider für Sie bereitlegen. Warten Sie hier auf mich."
Damit verlässt er das Esszimmer wieder, bevor das Mädchen noch etwas sagen kann.

Als er fort ist, atmet sie erleichtert auf. Schade ist nur, dass er die Katze mitgenommen hat, bevor sie Gelegenheit hatte, ihn zu fragen, wie sie zu einem solch seltsamen Namen gekommen ist. Ayesha - sie hat diesen Namen noch nie gehört. Ob ihr Gastgeber wohl die Welt bereist hat? Sie kräuselt die Nase als ihr bewusst wird, dass sie ihn bisher nicht einmal nach seinem Namen gefragt hat. Dann zuckt sie gleichgültig mit den Schultern. Na und, er hat sich auch nicht für ihren interessiert.
Sie seufzt. Das muss ein Traum sein. Das Essen duftet verführerischer, als alles was sie den letzten Jahren gerochen hat.
Vorsichtig nähert sie sich dem Tisch und fühlt sich mit einem Mal überglücklich. Es ist, als wäre sie im Himmel. Noch nie hat sie solche Köstlichkeiten vor sich stehen gehabt und durfte zwischen ihnen wählen. Sie kann sich nicht einmal erinnern, ob sie überhaupt jemals gewürztes Rührei mit Speck gegessen hat Das Wasser läuft ihr bei den vielen Gerüchen im Mund zusammen, als sie sich setzt. Ihre letzte warme Mahlzeit liegt noch viel länger zurück als das letzte vertrocknete Stück Brot. Und sie kann sich nicht daran erinnern, jemals zuvor solche Gewürze gerochen oder gar geschmeckt zu haben. Zuhause war selbst der Gebrauch von Salz und Pfeffer eine Verschwendung.
Unschlüssig schnüffelt sie.
"Crêpes oder Rührei... Rührei oder Crêpes...", summt sie leise, bis sie sich dazu entschließt, von jedem ein wenig zu versuchen. Wer weiß schon, wann sie das nächste Mal die Gelegenheit hat, so gutes Essen zu probieren.
Sie seufzte leise auf, als sie den ersten Bissen Ei in den Mund schiebt. Es schmeckt einfach göttlich.
Erst als ihr Magen so voll ist, dass sie das Gefühl hat, beim nächsten Bissen zu platzen, beginnt sie, sich über die lange Abwesenheit ihres Gastgebers zu wundern.
Sie lauscht in die Stille... auch die Katze ist nicht zurückgekommen. Ihre Hände legen sich zitternd auf die Tischplatte. Sie hasst es, allein gelassen zu werden.

Mit einem beinahe erschöpften Seufzen lässt er sich auf Christines Bett fallen.
Seine knochigen Hände kämmen durch Ayeshas Fell, bis das Tier entnervt nach seiner Hand schnappt und von seinem Schoß springt, um sich mit beleidigtem Ausdruck auf Christines Toilettentisch zu putzen. Sein Blick streift wenig erfreut Christines ehemals blütenweißes Kopfkissen, auf dem nun deutlich Schmutz vom Gesicht des Mädchens zu sehen ist.
Knurrend erhebt er sich, um frisches Bettzeug aus Christines Wäschetruhe gleich neben ihrem Schrank zu holen.
"Verflucht!" seine Faust trifft die Schranktür. Warum kann er nicht aufhören, an sie zu denken? Sie ist fort! Fort für immer! Und er wird auch bald fort sein! Für immer! "Du hättest es längst tun sollen." schimpft er leise mit sich selbst "Gleich nachdem sie gegangen ist. Stattdessen..." wütend zerrt er das schmutzige Laken von der Matratze "... stattdessen holst du dir aus einer Laune heraus ein verlaustes Mädchen von der Straße ins Haus!"
Als das Rauschen des Wasserhahns in Christines geräumigem Bad widerhallt, erlaubt er sich, laut zu werden.
"Du hast ja nicht einmal den Mut, nach ihrem Namen zu fragen! Was wirst du jetzt tun?... Hast du etwa gedacht, es würde dir besser gehen wegen ihr? Hast du gedacht, sie würde auch nur für einen Moment die Leere füllen? Hast du gedacht, dein Leben würde dir nicht mehr so verschwendet vorkommen, wenn sie dir für ihre Rettung dankbar ist?"
Wenn ihr Name auch nur mit C beginnt, wird er sie auf der Stelle vor die Tür setzen.
Seufzend nimmt er seine Maske ab und reibt sich die Augen.
"Gott, ich brauche meine Nadel..."

Mithilfe ihres Stockes gelangt sie aus dem Esszimmer in einen schmalen Gang. Sie presst die Lippen aufeinander, als sie aus dem Zimmer vor ihr seine Stimme und das Rauschen des Badewassers hört. Er scheint wütend zu sein, auch wenn sie seine Worte nicht verstehen kann. Ob sie der Grund dafür ist? Ob er es bereut, ihr geholfen zu haben?
Seufzend nähert sie sich der Tür, lauscht und klopft schließlich zaghaft.
"Monsieur? Ist alles in Ordnung?"

Als er das Bad verlässt, steht plötzlich das Mädchen vor ihm.
Mit einem erstickten Laut wendet er sich ab, um seine Maske wieder aufzusetzen. Sei ganzer Körper erwartet einen Schrei, ein Keuchen, Geräusche einer überhasteten Flucht vor ihm, dem Monster. Doch nichts geschieht. Erst als er sich zaghaft wieder zu ihr dreht, realisiert er, dass sie, wenn sie blind ist, auch sein Gesicht nicht sehen kann.
Erleichtert atmet er aus.
"Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen im Esszimmer warten?" fährt er dann das Mädchen an und steuert eilig auf die Tür zu. Er spürt seinen Hunger nagen. Morphinhunger.
Félicie runzelt die Stirn.
"Habe ich Sie erschreckt?" fragt sie leise. Sie legt den Kopf schief und lauscht auf die Geräusche, die sein Hemd bei jeder Bewegung macht. Er muss eine anmutige Art haben, zu gehen, denkt sie. Doch gleichzeitig macht sie sein rasches Atmen nervös. Vielleicht sollte sie sich besser vor ihm in Acht nehmen.
"Sie haben mich nicht erschreckt." knurrt er das Mädchen über seine Schulter an. "Die Wanne ist voll. Ein sauberes Kleid liegt für Sie auf dem Bett." Und schon schließt er die Tür zu Christines Zimmer hinter sich.

Morphium. Es ist erbärmlich, wenn ein Mann seines Kalibers wegen wenigen Milligramm einer Substanz den Kopf verliert. Oder wegen einer Berührung.
Christine. Dieser eine Kuss war pures Glück, das ihn wie ein Blitzschlag durchzuckte. Christine. Er kann immer noch ihre Lippen spüren, ihre Hände. Christine Daaé... Christine Chagny...
Als die Droge durch seine Adern zirkuliert, gleicht sich seine Gefühlslage etwas aus.
"Das Mädchen hat dein Gesicht nicht gesehen. Es hat sich nichts geändert." Langsam reibt er mit einer Hand über seinen Nacken. "Sie hat keine Angst vor deinem Gesicht. Sie wird immer noch mit dir sprechen, als wärest du genau so ein Mensch wie sie."
Mit einem Ruck erhebt er sich und tauscht seine Vollmaske gegen eine bequemere, die seinen Mund frei lässt.
Ihm ist nicht wohl, als er seine Zimmertür aufschließt und auf den Flur heraustritt. Doch er zwingt sich, vernünftig zu sein. Sie kann ihn nicht sehen. Sie ist blind!
"Sei nicht albern."
Und mit festen Schritten geht er ins Esszimmer hinüber, um die Reste ihres Frühstücks abzuräumen.

Wütend ballt sie die Hand zur Faust und schlägt damit gegen die geschlossene Tür vor sich. Warum lässt er sie jetzt schon wieder allein. Merkt er denn nicht dass sie seine Gesellschaft sucht? Dass sie mit ihm reden möchte? Ihm danken will?
Andererseits versteht sie selbst nicht, warum sie sein Gehen plötzlich so verärgert, wenn sie doch noch vor ein paar Minuten froh war, dass er ihr nicht zu nahe gekommen ist. Er ist ihr unheimlich. Wieder hört sie diese seltsamen Geräusche, ein Tröpfeln...
Sie schüttelt den Kopf und stößt mit dem Stock gegen die Tür vor sich. Sie ist wieder in dem Zimmer, in dem sie erwacht ist, aber der Geruch sagt ihr, dass etwas anders ist... Langsam tastet sie sich an der Wand entlang, schnüffelt... Ein Sekretär steht vor ihr... sein Holz fühlt sich weich und gepflegt an. Nicht zum ersten Mal fragt sie sich, ob sich der Mann ganz allein um diese große Wohnung kümmert. Sie hält inne... Blumen, irgendwo stehen Blumen. Sie kann sie genau riechen, es sind Rosen. Ihre Hand nähert sich zaghaft dem Gegenstand, der diesen Duft ausströmt. Doch obgleich sie die Vase nur sanft berührt hat, verliert sie - scheinbar vollkommen überladen - das Gleichgewicht und fällt laut scheppernd zu Boden. Félicie beißt sich auf die Lippen. Wenn diese Vase nun sehr kostbar war... Sie beginnt zu zittern.

In Windeseile ist er in Christines Zimmer und starrt düster erst auf die Scherben und die Überschwemmung, dann auf das vor Angst blassen Mädchen.
"Würden Sie jetzt bitte einfach ins Badezimmer gehen und sich waschen." presst er mit kaum unterdrückter Wut hervor, die Hände zu Fäusten geballt.
Sein Tonfall und ihr Bauchgefühl sagen ihr, dass es eindeutig besser wäre, zu tun, was er von ihr verlangt. Dennoch ist sie nicht in der Lage, sich zu rühren. Ängstlich wendet sie den Kopf zu ihm und schluckt schwer.
"Verzeihen Sie Monsieur... ich wollte das wirklich nicht... ich... Ich kann das aufräumen...", stottert sie hilflos und beugt sich langsam nach unten, um nach den nassen Tonscherben zu greifen. "War das ein Erinnerungsstück?"
"Nein! Gehen Sie einfach ins Bad und werden Sie Ihr Ungeziefer los!" Unsanft fasst er das Mädchen am Oberarm, schiebt sie ins Bad und knallt die Tür hinter ihr zu.
Christine hat diese Vase geliebt. Sie hat sie aus ihrer eigenen Wohnung hierher gebracht, um sich heimischer zu fühlen. Sie war ein Hoffnungsschimmer, ein Symbol für Christines guten Willen. Und dieses unmögliche Straßengör hat sie zerbrochen!
Mit Mühe unterdrückt der den Drang, gegen die Tür zu schlagen. Stattdessen knurrt er: "Wenn Sie fertig sind, nehmen Sie das Kleid vom Bett und verschwinden!"
Seine Augen brennen, als er neben der immer größer werdenden Wasserlache auf die Knie sinkt und die Scherben aufsammelt. Ein ungeheures Verlustgefühl bemächtigt sich seiner, als hätte mit der Vase auch noch der letzte Hauch Christines sein Haus verlassen.

Hinter Félicies Augen und Schläfen beginnt es zu pochen. Sie ist schon oft beleidigt worden und es macht ihr nichts mehr aus, wenn man denkt sie habe Ungeziefer. Aber dass er sie so grob herumschubst, geht wirklich zu weit. Woher hätte sie den wissen sollen, dass diese verdammte Vase ein so wichtiger Gegenstand für ihn war! Sie hat schon früh gelernt, sich nicht an Besitztümer zu klammern, denn Besitz ist vergänglich und am Ende kann man froh sein, wenn einem die Kleider am Leib bleiben.
Sie presst die Lippen fest aufeinander und versucht, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
Für ein paar Minuten nur hat sie sich wirklich glücklich gefühlt, hat gedacht, ein guter Mensch habe sich ihrer angenommen und sie vorübergehend aus dem Elend erlöst. Aber nun sind da nur noch Wut und Angst. Das Bad ist ihr egal, das Kleid ist ihr egal. Es wird ohnehin viel zu kostbar sein, als dass sie es da draußen tragen könnte. Auf der Straße, wo sie hingehört. Ja, sie gehört auf die Straße, er hat ihr gezeigt dass auch er nichts anders in ihr sehen kann, als ein ungebildetes Straßenmädchen, das bedauerlicherweise auch noch blind ist.
Das Maunzen der Katze lässt sie innehalten. Scheinbar hat sie sich bei dem Sturz der Vase aus Angst hierher zurückgezogen. Langsam lässt sich Félicie auf die Knie sinken und tastet nach dem Tier. Sie spürt, dass es zögert, aber schließlich schmiegt es sich an sie.
"Ist er zu dir auch so schrecklich gemein?" fragt sie leise. Die Katze schnurrt wohlig und reibt den Kopf an Félicies Bein. "Was habe ich denn gemacht? Es war doch nur eine dumme Vase, und wahrscheinlich war sie auch noch hässlich, habe ich Recht?" Nun steigen ihr doch noch Tränen in die Augen, und sie kann den Klos in ihrem Hals nicht mehr bekämpfen.
Mit klopfendem Herzen erhebt sie sich, wischt sich trotzig über das Gesicht.
"Nun, Ayesha, es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen. Du scheinst die einzig Vernünftige in diesem Haus zu sein. Aber ich bleibe hier nicht einmal mehr, um mir mein Ungeziefer abzuwaschen!" Die letzten Worte sagt sie betont laut, in der Hoffnung dass er sie hört.
Mit einem Ruck öffnet sie die Tür.
"Ich danke Ihnen für das Essen, Monsieur, aber ich werde keine Minute länger hier bleiben. Sie hätten mich einfach sterben lassen sollen als sie die Möglichkeit dazu hatten."
Trotzig verlässt sie das Bad. Sie hört, dass Ayesha ihr folgt und spürt wie sie sich weiter an ihrem Bein reibt. Sie legt den Kopf schief und kann sich ein trauriges Lächeln nicht mehr verkneifen, doch dann wird sie schnell wieder ernst.
Einen Großteil der Scherben in der Hand schaut Erik einen Moment lang ruhig auf das Mienenspiel seines Gastes.
Sie hat den letzten Gegenstand zerstört, der auf dieser Welt noch einen Wert für ihn hatte, den letzten unanzweifelbaren Beweis dafür, dass Christine einmal Teil seines Lebens war. Doch auch jetzt, da er seine Trauer als manifesten körperlichen Schmerz fühlen kann, liegt die totale Kapitulation noch außerhalb seiner Reichweite. Kein Tod für ihn, kein Frieden, keine Stille. Er hat Angst, aufzugeben.
In einer Geste schierer Frustration lässt er die Scherben fallen und seufzt.
"Ich beneide Sie um die Leichtfertigkeit, mit der Sie von Ihrem eigenen Tod sprechen, Mademoiselle." Beim Klang seiner Stimme löst sich Ayesha von dem Mädchen, stolziert zu ihrem Herrn herüber und steigt auf sein Knie, um ihren Kopf heftig schnurrend an seiner Schulter zu reiben. "Doch ich werde Sie nicht gehen lassen, damit Sie sich wieder irgendwo in den Schnee legen und all dies..." er stößt mit dem Finger in den Scherbenhaufen "... umsonst gewesen ist. Ich habe Sie gefunden und Ihr Leben gerettet, Mademoiselle, und ob es Ihnen gefällt oder nicht: Ich bin jetzt für Sie verantwortlich." Müde erhebt er sich vom Boden und schmiegt seine maskierte Wange an Ayeshas warmen Körper, während er weiterspricht. "Sie werden sich nicht umbringen und Sie werden nicht in Ihre Armut zurückkehren. Entscheiden Sie selbst, ob Sie jetzt schreien und toben oder ein warmes Bad nehmen wollen." Damit macht er sich auf den Weg zur Tür.
Empört schürzt Félicie die Lippen.
"Sie können mir nicht verbieten zu gehen, wenn ich das will." stößt sie aus. Plötzlich vermisst sie die Nähe der Katze. Ihr Magen zieht sich zusammen und sie presst eine Hand auf den Bauch. "Noch vor ein paar Minuten wollten Sie dass ich sofort verschwinde. Sie haben mir deutlich gezeigt wie egal ich Ihnen bin. Den Teufel sind Sie für mich. Ich will jetzt sofort gehen!" ruft sie aus. Dabei hat sie nach allem, was sie von ihm bereits erlebt hat, schreckliche Angst, ihm so trotzig gegenüber zu treten. Der Mann neigt zu Gewalt, wahrscheinlich ist sie längst seine Gefangene. Sie hätte auf ihr ungutes Gefühl beim Erwachen hören sollen.
Betont langsam dreht sich Erik nach dem Mädchen um, und als er spricht, liegt in seiner Stimme eine Mischung aus Kälte und bitterem Spott.
"Wenn Sie die Tür finden können, dürfen Sie gerne gehen."
Dann verlässt er das Zimmer.