Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Last Christmas, I gave you my heart

von Frenzes
GeschichteLiebesgeschichte / P12 Slash
29.12.2004
29.12.2004
1
1.616
 
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
29.12.2004 1.616
 
Ich sitze wie immer alleine auf dem Balkon, sehe auf die Lichter der Autos und das freudige Gewusel unter mir. Es schneit. Dicke, weiße Flocken fallen auf die Mäntel der vielen Menschen hinab. Kleine Kinder tanzen glücklich im weißen Regen und singen Weihnachtslieder.

Ich stütze meine Hände auf das Geländer. Aus dem Kaufhaus gegenüber dröhnt laute Weihnachtsmusik. Das Gebäude ist über und über mit Weihnachtsschmuck behängt, auf dem sich nun der Schnee ablagert. Ja, bald ist Weihnachten. Doch mein Herz ist auch an diesem Tag genauso leer wie an jedem Anderen. Seit er starb.

Langsam führe ich mir die Zigarette zum Mund und inhaliere den Qualm. Doch sie schmeckt mir nicht mehr. Ich drücke sie im Aschenbecher aus. Dann reiße ich mich vom Anblick der Straße los, verschwinde in der Wohnung.

Hier ist alles schwarz; aus Trauer, aus Selbstmitleid. Auf dem Schreibtisch steht ein Bilderrahmen mit seinem Foto, rechts und links davon zwei weiße Kerzen. Ich streiche vorsichtig über das Bild.

"Aki ...", flüstere ich und kämpfe wieder mit den Tränen. Er wirkt so fröhlich, lächelt glücklich in die Kamera. Wie immer hat er seine Brille auf, trägt ein grünes Käppi. Das Foto wurde nur wenige Tage vor seinem Tod geschossen. Damals wusste er noch nicht, dass ein Autounfall sein Leben beenden sollte.

Wieder spüre ich den Druck hinter meinen Augen und gebe ihm diesmal nach. Die salzige Flüssigkeit läuft mein Gesicht hinunter, verschmiert meine ganze Schminke. Ich spüre ein Ziehen in meiner linken Brust. Langsam und wie ein alter Mann setzte ich mich auf den Stuhl am Schreibtisch, kann den Blick nicht vom Foto abwenden. Dann bricht alles aus mir heraus und ich fange hemmungslos zu schluchzen an. Die Tränen rollen meine Wagen herab, die Schluchzer dringen aus meiner Kehle.

Bilder schießen durch meinen Kopf: Bilder von Aki und mir. Vom Weihnachten letztes Jahr, als wir uns so nah kamen. Es war eine private Party gewesen; nur er und ich. Wir feierten bis in die Nacht hinein, hatten viel Alkohol getrunken. Nachdem auch die letzte Flasche weg war, setzte ich mich aufs Sofa. Er kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und küsste mich. Wir küssten uns verlangend und leidenschaftlich und schliefen miteinander. In dieser Nacht hatte er mir mein Herz geraubt. Ich hatte ihn geliebt und tue es immer noch. Und dann wurde er aus dem Leben gerissen ...

Ich fühle mich ausgetrocknet, stehe unendlich langsam auf. Ich halte es nicht mehr in meinen vier Wänden aus, laufe aus der Wohnung. Noch während ich die Treppen hinunter eile ziehe ich mir meine Jacke an.

Inzwischen sind die Straßen leer. Die letzten Kaufhäuser haben geschlossen, alle Menschen sind nach Hause gegangen. Der Weg wird nur schwach von alten Laternen erleuchten. Es schneit noch immer, die weiße Decke knirscht unter meinen Schuhen. Die Kälte frisst sich in mich hinein und ich ziehe die Jacke enger um mich.

Unschlüssig, ohne Ziel, laufe ich einfach drauf los. Ich versuche nicht nachzudenken, doch meine Gedanken lassen sich nicht kontrollieren. Akis Gesicht taucht vor meinem inneren Auge auf, lächelnd, glücklich schauend. Die Tränen brennen hinter meinen Lidern, während ich an ihn denke. Und eine Welle von Gefühlen überrumpelt mich.

Angst.
Einsamkeit.
Trauer.
Der Wunsch, allein zu sein.
Der Wunsch, jemanden zu haben.

Doch allen voran fühle ich mich leer. Ohne Sinn im Leben, ohne Sinn im Fühlen. Kein Mensch interessiert sich für mich, niemand will etwas mit mir zu tun haben. Meine Freunde haben sich schon lange von mir abgewendet, an meine Verwandtschaft kann ich mich kaum erinnern. Manchmal denke ich daran, mit allem einfach Schluss zu machen, doch dann bin ich doch zu feige.

Die Welt um mich herum verwandelt sich in einen Albtraum und ich finde den Ausgang nicht ...

Oft habe ich Angst, aus dem Haus zu gehen. Vielleicht erinnert sich noch irgendjemand hier in Finnland an die glücklichen Zeiten von The Rasmus und erkennt mich. Aber ich bin inzwischen nicht mehr der, der ich mal war. Nicht mehr der Frontmann, nicht mehr der Sänger, nicht mehr der Teenie-Schwarm, nicht mehr ich. Ich bin ein einsamer, verbitterter Mann, der niemanden mehr traut. Vom Zug zur Freiheit abgesprungen. Aus dem Flugzeug des Lebens gestürzt.

"Passen sie doch auf!", reißt es mich aus meinen Gedanken. Eine junge Frau steht vor mir und sieht mich vorwurfsvoll an, die Hände in die nackten Hüften gestemmt. Ihr Hemd reicht nur knapp über ihre Brüste und ihre Jeans beginnt auf den Oberschenkeln. "Sie hätten mich fast umgerannt!"

"Entschuldigung ...", murmle ich und sehe auf den Boden. Die Frau läuft hocherhobenen Kopfes und gerümpfter Nase an mir vorbei.

Mein Weg geht weiter. Er führt mich durch die leeren Straßen Helsinkis, irgendwo hin. Wieder überfallen mich Erinnerungen an alte Zeiten, an Früher.

Ohne es zu merken, trete ich auf eine Straße. Ich überquere sie zur Hälfte. Da bringt mich ein lautes Hupen zur Realität zurück. Überrascht bleibe ich in der Mitte stehen und sehe in die Richtung, aus der der Laut kommt. Zwei grelle Lichter kommen auf mich zu. Erst jetzt bemerke ich, dass es die Scheinwerfer von einem Auto sind. Der Schock fährt durch meine Glieder, doch ich kann mich nicht bewegen. Meine Augen schließen sich, ich spüre, wie der Wagen gegen mich prallt, wie ich auf dem Boden lande und die Reifen über mich rollen. Der Schmerz dringt in jeden Teil meines Körpers, zerreißt mich. Plötzlich wird alles um mich herum schwarz ...

Mir kommt es ewig vor, bis ich wieder etwas sehe und mich bewegen kann. Hastig stehe ich auf. Das Auto, dass mich umgefahren hat, ist gegen eine Laterne gefahren. Einige Notsanitäter stehen darum. Ein Krankenwagen ist auch schon vor Ort. Davor stehen zwei Tragen, eine ist leer, auf der Anderen liegt ein Körper, vollkommen überdeckt mit einem weißen Tuch. Auch das Gesicht ist nicht zu sehen.

Wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen laufe ich zu den Tragen. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich, als ich vor der mit dem Toten stehe. Langsam hebt sich meine Hand, greift einen Zipfel des Tuchs und deckt das Gesicht auf.

Ein Schrei entfährt meiner Kehle. Wie, als wäre ich geschlagen worden, torkle ich rückwärts. Ich. Dort liege ich. Blutüberschmiert und vor allem TOT.

Zwei Ärzte laufen an mir vorbei zur Trage und sehen auf meinen leblosen Körper. Der Eine schüttelt mitleidig den Kopf und murmelt etwas von "noch so jung". Dann füllt der Andere auf seinem Brettchen ein Formular aus und legt es auf das Tuch. Er deckt den Kopf wieder zu.

Das ist alles zu viel für mich. Ich falle auf die Knie und fange an zu schluchzen. Mein Körper wird geschüttelt, aber ich kann nicht weinen. Natürlich, schließlich bin ich ein Geist. Jemand kommt auf mich zu und läuft wortlos an mir vorbei. Keiner bemerkt mich, den Geist.

"Lauri ..."

Augenblicklich höre ich auf zu schluchzen und bin ganz still. Nein, das kann nicht sein ... Das geht nicht ...

"Lauri", flüstert es wieder hinter mir.

Ich springe auf und wirble herum. Und da steht er. Aki. Er trägt die gleichen Sachen wie am Tag seines Todes: sein grünes Käppi, seine Brille, ein graues Hemd, darüber eine schwarze Lederweste, eine schwarze Hose.

Er sieht mich liebevoll an und streckt mir die Hand entgegen. "Komm."

Vorsichtig hebe ich den Arm und umfasse mit meiner Hand seine. Unsere Finger verschlingen sich in einander und ich gebe Aki nach, als er mich zu sich zieht. Wir stehen uns gegenüber und sehen uns in die Augen. Ich kann nicht glauben, dass er bei mir ist.

"Aki, du bist tot ...", flüstere ich kaum hörbar.

Aki lächelt. "Du auch, Lauri."

Und komischer Weise macht es mir nichts mehr aus, tot zu sein. Ich lächle sogar zurück und flüstere: "Dann bin ich bei dir." Er nickt und ich schlinge meine Arme um ihn, drücke mein Gesicht an sein Hemd.

Auch Aki umarmt mich. Ich hebe den Kopf wieder und unsere Lippen berühren sich. Es fühlt sich so an, als verschmelzen wir miteinander. Unsere Körper drücken sich aneinander.

Als unsere Lippen sich lösen, flüstere ich: "Ich liebe dich, Aki."

"Ich liebe dich auch, Lauri", flüsterte er zurück.

"Wir bleiben doch beieinander, oder?"

"Ja, das werden wir. Für immer."

ENDE
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast