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AMORE

von Frenzes
GeschichteLiebesgeschichte / P12 Slash
29.12.2004
29.12.2004
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4.723
 
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29.12.2004 4.723
 
Ich höre ein leises Schnarchen neben mir und spüre, wie mir jemand die Bettdecke wegzieht. Ich drehe mich verschlafen auf den Rücken und spähe nach rechts.

Da liegt sie.

Ana, meine Frau. Wie sie leibt und lebt. Doch jetzt schläft und schnarcht sie eher.

Ihr langes, blondes Haar liegt um ihre blasse Haut und ihre dunkelroten Lippen bewegen sich im Schlaf, doch ich kann nicht entziffern, was sie sagen will.

Vorsichtig streiche ich ihre eine Strähne aus dem Gesicht und sehe ihr zu, wie sie langsam und gleichmäßig atmet. Sie blinzelt und für einen Moment denke ich, sie wacht auf. Doch da grunzt sie zufrieden und rollt sich auf die Seite.

Ich kann eigentlich glücklich sein, mit Ana verheiratet zu sein. Sie ist eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe und ich liebte sie früher sehr. Doch dass war einmal ...

Mir wird plötzlich übel, als ich daran denke, was ich gemacht habe.

Ich stehe auf, decke Ana schnell zu und wanke zum Badezimmer. Ich schließe die Tür hinter mir ab und hänge mich über die Kloschüssel.

Als schließlich alles aus mir raus ist, lehne ich mich gegen die Wand und sinke langsam auf den Boden. Ich sitze auf dem Boden, schließe die Augen und denke nach. Und wieder kommen mir die Gedanken an ihn ...

An ihn, der an allem Schuld ist.

An ihn, der seit einer Ewigkeit mein Kumpel ist.

An ihn, den ich geküsst habe.

An ihn, den ich liebe.

Lauri.

Mir wird wieder schlecht und ich drücke mir die Hand auf den Mund. Ich muss meinen Magen beruhigen ...

Schließlich fühle ich mich wieder in der Lage, zu denken.

Und ich versuche mich zu erinnern, wie alles angefangen hat ...


~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~

Es war der sechsundzwanzigste November 2003, dass weiß ich ganz genau. Wir waren gerade mit dem Gig in Mannheim fertig und flüchteten in unseren Tourbus, bevor die Fans uns belagern konnten. Wir kamen auch gut aus der Halle und sprangen schnell in den Bus. Kurz darauf kamen auch schon die ersten Fans aus der Konzerthalle, doch wir fuhren schon weg.

"Boah, diese Fans sind vielleicht aufdringlich!", lachte Aki und ließ sich in das alte, aber bequeme Sofa in unserem kleinen Wohnzimmer fallen.

"Tja, du sagst es, Kumpel!", meinte Pauli und setzte sich neben Aki. "Aber wisst ihr worauf ich jetzt am Meisten Lust hätte?"

"Auf 'n heißen Dreier ...?", grinste ich und ließ mich in den Sessel neben dem Sofa fallen.
Pauli klappte der Mund auf und Aki sagte verdutzt: "Ich wusste gar nicht, dass du so versaut sein kannst!"

Ich zog eine Augenbraue hoch und antwortete: "Kann das nicht jeder Mann sein?"

Aki riss die Augen auf und für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann brachen wir in Lachen aus.

"Was ist denn hier los?", hörte ich plötzlich Lauri. Ich sah zur Tür und erblickte ihn.

Er hatte beide Hände auf jeweils eine Seite des Türrahmens gelegte, das rechte Bein locker weggeknickt und seine berühmt-berüchtigte Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Um seine Augen war das Kayal verschmiert und unter der Mütze blitzten ab und zu ein paar triefnasse Haare heraus. Sein Pullover klebte vor Schweiß an seinem Körper.

Mir verschlug es den Atem und ich spürte, wie mein Herz schon bei seinem bloßen Anblick zu rasen anfing.

Ich hatte das Glück, dass Aki zu reden anfing. Und wenn er redete, dann hörte er quasi gar nicht mehr auf, außer, man stopft ihn den Mund mit Essen oder Bier. So plapperte er munter drauf los und erzählte alles bis ins Detail genau.

* * *

Irgendwann hörte Aki dann mal auf, als Pauli ihm ein Bier in die Hand drückte. Ab da wurde dann nur noch gesoffen. Pauli und Aki schütteten das Bier nur so in sich hinein und sogar ich ließ mich überreden, wenigstens eine Flasche zu trinken.

Doch Lauri machte keine Anstalten, die Bier-Flasche, die vor ihm auf dem kniehohen Tisch stand, auch nur anzurühren.

Er saß auf einem weiteren Sessel am Fenster und blickte in die Dunkelheit. Der Mond hing als Sichel schief am finsteren Himmel, umrandet von ein paar schwachen Sternen, die versuchten, gegen die komplette Finsternis anzukämpfen.

"Hey Lauri!", lallte Aki und hielt sich an Pauli fest, um nicht umzukippen. "Willsu nix drinken?"

Lauri riss seinen Blick vom Himmel weg und sah müde zu Aki hinüber. Er schien gar nicht zu realisieren, das Aki ihn etwas gefragt hatte. Nur langsam bekam er seinen Mund auf.

"Nein, ich möchte nichts trinken."

Aki und Pauli sahen sich fragend an. Dann zuckten sie synchron die Schultern, schnappten sich ihre Flaschen, setzte sie an und tranken sie mit einem Satz aus. Sie sahen sich an und begannen glucksend und verblödet zu kichern.

Ich rollte die Augen und schielte wieder zu Lauri. Er sah inzwischen wieder aus dem Fenster.

Ich hätte mich an seinem Anblick festsaugen können; jeden Zentimeter seiner zarten Haut erkunden können. Alleine, wie er da saß; das linke Bein angewinkelt auf die Couch gelegt, das rechte Beine zum Boden ausgestreckt, den rechten Ellbogen auf das Rückenstück gedrückt und das Kinn in die rechte Handkuhle gelegt. Sein Blick ging in die Ferne, hinaus in die Weite, vorbei am dunklen Wald, vorbei an allen anderen Autos, hinaus in den Himmel.

Plötzlich sprang die Tür auf und wir schraken alle auf.

Henry, unser Co-Manager, stand in der Tür.

"Tja", meinte er und sagte noch einmal: "Tja."

"Wasch ,tja'?", hickste Aki und krallte sich wieder an Pauli fest, damit er auf der Couch sitzen blieb und nicht auf dem Boden landete. "Saaahaaag!"

Henry sah zu Aki und Pauli, zog eine Augenbraue hoch und grinste. Aki grinste schief zurück, hickste und verfiel mit Pauli wieder in verblödetes Kichern. Darauf zog Henry auch die andere seiner roten Augenbrauen hoch und fuhr sich mit der rechten Hand fachmännisch durch das strohige, hellrot-gefärbte, kinnlange Haar.

Er sah zu mir und sagte einfach nur: "Bier?"

Ich nickte. "Jepp."

Henry verdrehte die Augen und schlug sich mit der Hand an die Stirn. Dann besinnte er sich wieder, fuhr sich über das Kinn und schielte zu Lauri rüber. "Und der da?", fragte er mit einem Kopfnicken zu ihm.

"Ich hab' nichts getrunken", grummelte Lauri und stierte weiter in die Nacht.

Henrys Augenbrauen hatten sich gerade wieder kurz über die blauen Augen gelegt, da riss er sie auch schon wieder erschrocken hoch. Er stapfte unbeholfen durch unser Chaos, hüpfte hie und da über meine Yoga-Bücher, alte Klamotten und leere CD-Hüllen. Dabei stieß er an den Tisch, was eine offene Bierflasche bedächtlich zum Schwanken brachte. Schließlich fiel sie um, kurz, bevor Pauli sie schnappen und retten konnte. Aki quietschte auf, als das Bier über den Tisch bis auf den Boden floss. Doch ich dachte mir, dass er eher wegen des Bieres, als wegen des Teppichs traurig war.

Endlich erreichte Henry Lauri, setzte sich auf die Sessellehne und drückte im die Hand auf die Stirn.

Lauri riss seinen Blick vom Himmel los und starrte stattdessen nun Henry wie einen Verrückten an. Dieser kniff die Augen aber nur nachdenkend zusammen.

Schließlich nahm Henry wieder die Hand von Lauris Stirn, sah ihn wissend an und sagte schließlich trocken: "Hast Fieber."

Für einen Moment riss Lauri die Augen auf, dann breitete sich aber ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus.

"Henry, du hast sie nimmer alle."

"Tja", grinste Henry. Das alarmierte Aki wieder zum Plappern.

"Du wolltescht unsch doch wasch sagen!", nuschelte er schwerfällig.

"Ach ja!" Henry schlug sich an den Kopf. "Ich wollte euch mitteilen, dass wir heute Nacht in einem Hotel schlafen. Ihr könnt endlich wieder duschen!"

Ich seufzte erleichtert. Endlich wieder Wasser an die Haut bekommen ... In unserem Tourbus gab es nicht mal annähernd so etwas wie eine Dusche.

Henry redete weiter: "Ihr bekommt ausnahmsweise alle eigene Zimmer und könnt morgen so lang schlafen, wie ihr wollt. Proben müssen wir nicht mehr ... meint der Boss." Er verzog das Gesicht.

* * *

"We are the champions! We are the champions!"

Aki und Pauli saßen nebeneinander auf der Couch, hatten den Arm um die Schulter des jeweils Anderen gelegt, in der anderen Hand eine Flasche Bier und gröhlten sich die Seele aus dem Leib. Dabei schwankten sie so heftig, dass ich jederzeit bereit war, aufzuspringen, um einen von ihnen zu aufzufangen, falls er fallen würde.

Lauri saß da und sah die Beiden grinsend an.

"Singt doch mal: We are the Champingiongs'", grummelte ich.

Pauli und Aki hörten auf zu "singen", sahen sich an, zuckten die Schultern und gröhlten los: "We are the Champingiongs! We are the Champingnongs!"

Mir klappte der Mund auf und ich sah die Zwei wie Geisteskranke an. Ich war total baff, wie doof man mit Alkohol im Blut sein konnte.

Lauri krümmte sich inzwischen vor Lachen. Er schmiss sich längs auf den Sessel und lachte sich die Seele aus dem Leib. Ich sah ihn grinsend an. Es tat gut, ihn wieder Lachen zu hören. In letzter Zeit war er immer so verschlossen, traurig und müde gewesen.

Doch plötzlich machte es "KNALL!" und "RUMS!" und Lauri schrie kurz auf.

Er war auf dem Boden gelandet.

Für einen Moment herrschte Stille, dann fing Lauri aber laut zu lachen an. Aki und Pauli sprangen auf und fingen an, zur umgeschriebenen Version von "We are the Champions" Zaziki, oder wie auch immer dieser griechische Tanz hieß, zu tanzen. Sie gröhlten, verstreuten den Inhalt ihrer Bierflaschen auf dem Boden und stießen den Tisch fast um.

Und ich saß in diesem ganzen Chaos und fragte mich langsam, was ich mit diesen Gestörten am Hut hatte.

Plötzlich stürmte Henry herein, blieb aber sofort stehen, als er das Chaos sah. Er blickte vom lachenden Lauri zu den tanzenden und singenden Aki und Pauli und dann zu mir.

"Sag mal, Eero, bin ich in der Klapse gelandet?"

"So was ähnliches, ja."

Henry verschlug es die Sprache. Dann zuckte er die Schultern. "Okay, ich wollte euch nur schnell sagen, dass wir gleich im Hotel sind!"

Endlich hörten Aki und Pauli auf zu singen und auch Lauri beruhigte sich wieder.

"Ehrlich? Wir sind bald da?", fragte er und richtete sich auf. Er strich sich über seine Mütze und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.

Wieder hätte ich mich an seinem Anblick festsaugen können, die Welt nur noch für ihn und mich bestehen lassen. Doch ich wusste, dass diese Liebe viel zu kompliziert wäre. Über uns würden Schlagzeilen veröffentlich werden, wir würden unser Image verlieren und keiner dieser Kreischies würde mehr unsere CDs kaufen, da sie ja eh keine Chance mehr bei Lauri hätten.

Und er liebte mich nicht.

Damit musste ich leben. Auch wenn ich heulen könnte, wenn ich daran dachte. Mein Herz schrie nach ihm; ich wollte ihn. Ich liebte ihn. Ich konnte nicht ohne ihn.

Aber er liebte mich nicht.


"Eero?"

Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen.

Henry stand vor mir. "Kommst du? Wir sind da!"

Hatte ich wirklich so lange nachgedacht? Doch ich nickte nur.

Langsam erhob ich mich und folgte Henry aus dem Bus. Die Anderen standen schon draußen.

Auch Lauri.

Er hatte sich eine Kippe in den Mundwinkel gesteckt und hantierte mit seinem Feuerzeug herum. Mein Herz schlug wieder schneller, als ich ihn sah. Doch am Liebsten hätte ich mich dafür geschlagen, so zu denken. Am Liebsten hätte ich mich selber so richtig verprügelt.

Und wieder erschrak ich über meine eigenen Gedanken.


"Lauri! Mach die Kippe aus!", rief Henry. "Wir wollen rein!"

Lauri nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel und schnippte sie in den Gully. Dann gingen wir in das Hotel.

Eine kalte, unfreundliche Atmosphäre empfing uns. Der ganze Eingangsbereich war mit weißen Fließen ausgelegt und weiß gestrichen. Am Fahrstuhl stand eine Rezeption, hinter der eine gelangweilt aussehende Frau stand.

Wir gingen, Henry vorne weg, zur Rezeption.

Die Frau, auf deren Namensschild ich Frau Hammerbau lesen konnte, sagte irgendetwas auf Deutsch.

Darauf holte Henry irgend einen komischen Zettel heraus und hob ihn Frau Hammerbau vor die Nase. Sie riss die Augen auf und starrte uns erschrocken an. Dann nahm sie das Telefon, dass auf ihrem Rezeptionstischchen stand, hob den Hörer ab und plapperte irgendetwas auf Deutsch hinein.

Als sie fertig war, grinste sie uns dümmlich an und fing an, auf Englisch los zu reden. "Ihre Zimmer sind im Stock Fünf! Hier sind die Schlüssel!" Sie schob Henry sieben Schlüssel hin.

Henry nahm sie und meinte nur: "Okay." Dann ging er zu den Fahrstühlen und wir folgten.

Als der Fahrstuhl endlich da war und wir einstiegen, platze es aus Pauli, der wieder einigermaßen nüchtern war, heraus: "Wo is'n eigentlich unser Manager?"

"Der kommt noch mit dem Auto nach gefahren", meinte Henry. "Er bekommt das Zimmer neben mir." Er dachte kurz nach und redete dann weiter: "Ich hab' euch ja noch was Wichtiges gar nicht erzählt!" Er verdrehte die Augen. "Na ja, wir haben ein ganzes Stockwerk mit acht Zimmern für uns, auch, wenn wir nur sieben davon benutzen. Das Stockwerk wurde extra für Stars angelegt, da viele in der Nähe hier spielen - in Mannheim, Hockenheim, Heidelberg und Speyer.

Jedenfalls: es gibt nur einen großen Duschraum für euch Vier. Aber das werdet ihr wohl geregelt bekommen, oder?" Er grinste, und als wir nickten, fuhr er weiter: "Also, ich habe euch ja gesagt, dass hier ausschlafen könnt. Aber um spätestens dreizehn Uhr müssen wir in die nächste Stadt fahren!"

Wir nickten wieder und schwiegen.

Der Fahrstuhl hielt zischend an und wir quetschten uns alle fast gleichzeitig raus. Ich bekam Akis Ellbogen in die Seite, Paulis Arm ins Gesicht, trat aber selbst auf Henrys Fuß.

Plötzlich verlor Aki das Gleichgewicht, als er über Paulis Bein stolperte, hielt sich an mir fest und fiel - mit mir - krachend auf den Boden. Pauli, der versucht hatte, mich fest zu halten, flog nun ebenfalls und Lauri sprang zu ihm, um ihn aufzufangen. Doch Pauli packte ihn am Arm und beide knallten nun auf Aki und mich.

Henry stand an die Wand gelehnt und konnte nicht mehr vor Lachen. Uns war hingegen nicht so zu Lachen zu Mute. Mir jedenfalls nicht.

Aki lag auf meinen Beinen und Pauli auf denen von Aki und über meinen Bauch. Lauri war quer über uns gefallen. Ich lag also ganz unten.

"Henry, hör auf zu Lachen und roll die von mir runter!", knurrte ich.

Henry lachte weiter.

Ich wandte mich zu den auf mir Liegenden. "Könntet ihr von mir runter gehen?"

"Wieso?", grinste Lauri. "Ist doch gemütlich hier!" Er drehte sich vom Bauch auf den Rücken.

"Auf dir liegt ja auch niemand!", ächzte ich.

Lauri gab sich geschlagen und rollte von uns runter. Dann konnte Pauli runter robben und auch Aki stand auf. Nun konnte auch ich mich erheben.

Henry hatte sich wieder einbekommen und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

"Wieso hast du denn gelacht?", fragte Aki eingeschnappt.

"Es sah einfach zu köstlich aus, wie ihr da umgefallen seit!", kicherte unser Co-Manager.

Wir vier verdrehten synchron die Augen, worauf Henry in unaufhörbares Kichern ausbrach. Er ging aber tapfer zu uns, drückte jedem einen Schlüssel in die Hand, zeigte auf eine Tür auf der etwas Deutsches stand und gluckste irgendwas von "Badezimmer". Dann verschwand er wieder im Fahrstuhl.

Wir sahen uns an und keiner schien was sagen zu wissen.

"Äh", machte Aki irgendwann. "Ich glaube, wir sollen in unsere Zimmer gehen!" Er sah uns an. "Oder?"

Pauli, Lauri und ich zuckten die Schultern. Schließlich erklärten wir uns aber doch bereit und suchten unsere Zimmer. Ich hatte Nummer 204, zwischen Pauli und Aki. Lauri hatte Zimmer Nummer 206, also das rechts neben Akis. Ich war ganz froh, nicht den Raum neben ihm zu haben. Der Gedanke, dass er so nah bei mir war, aber doch wieder so fern ... Das war unerträglich. Auch jetzt konnte ich nicht richtig atmen, da mein Herz wie wild pochte, wenn ich ihn nur von weitem sah. Wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er war ... Das alles machte mich völlig durcheinander und ließ meine Gefühle verrückt spielen.

Doch ich sollte mir nichts einbilden. Er war definitiv nicht schwul. Das hatte er uns mit seinen tausend Affären mit Frauen bewiesen.

* * *

Einige Zeit später saß ich auf dem Bett in meinem Zimmer und las ein Buch. Eine Hotelangestellte war vor ein paar Minuten gekommen, hatte meinen Koffer mit meinen Sachen hergebracht und gefragt, ob ich nicht irgendetwas Essen wollte. Doch ich hatte nur dankend abgelehnt. Da war die Angestellte etwas beleidigt wieder davon gestiefelt.

Jetzt machte sich bei mir langsam der Schweiß bemerkbar. Ich fühlte mich in meiner Haut nicht mehr wohl und entschloss mich, duschen zu gehen.

Ich holte mein Shampoo, ein großes Handtuch und frische Sachen aus meinem Reisekoffer und verließ mein Zimmer.

Der Gang mit den beige gestrichenen Wänden und dem rotem Teppich sah - im Vergleich zur Eingangshalle - richtig wohnlich aus. An den Wänden hangen Bilder bekannter Künstler. Zu jeder Seite des Fahrstuhls stand eine große Pflanze. Die Türen der Zimmer waren aus rotbraunem Holz und auf einem kleinen, goldenem Plättchen - das an den Türen angebracht war - war in schwarzen Lettern die Nummer des jeweiligen Zimmers geschrieben.

Ich ging den Gang von meinem Zimmer - dass das zweite Zimmer des Stocks war - den ganzen Gang bis zur Tür des Badezimmers. Dort öffnete ich die Tür, ging in den Raum und schloss die Tür wieder hinter mir.

Mir kam ein warmer Nebel entgegen der mir sagte, dass gerade jemand geduscht hatte oder ... Ich blieb sofort stehen. Und wenn Lauri gerade duschte?

Ich wollte mich gerade umdrehen und zur Tür rausstürmen, da hörte ich eine mir bekannte Stimme. "Hey, ist da wer?"

Nein, Gott!, betete ich. Verschone mich!

Doch es war seine Stimme. Verdammt. Lauri. Nein.

"Eero, bist du das?", rief er. "Komm schon, ist was?"

Mein Körper zwang mich, etwas zu sagen, auch wenn mein Herz es nicht wollte. "Ja, ich bin es!"

Langsam und schwerfällig machte ich mich auf den Weg durch den Gang zur Tür, der mich noch vom Duschraum trennte. Die Tür war zwar geschlossen, doch trotzdem drang mir der Nebel entgegen.

Wie in Zeitlupe legte sich meine Hand auf die Klinke und drückt sie hinunter. Ich öffnete die Tür und stand ihm gegenüber.

Lauri hatte sich ein Handtuch um die Hüfte gebunden und hatte anscheinend noch nicht geduscht, denn sein Haar war noch nicht nass.

Er grinste mich an und legte den Kopf schief. "Ist was, oder warum starrst du mich so an?"

Ich schüttelte schnell den Kopf und hängte mein Handtuch an einen der Haken, die an der Wand angebracht waren. "Nichts, gar nichts."

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er den Kopf belustigt schüttelte. Er wusste nicht, wie sehr er mich damit verrückt machte. Einfach nur damit, dass er da war.

Langsam drehte ich mich um. Lauri machte sich inzwischen an einer der sechs Duschen zu schaffen. Er fluchte, weil er sie nicht anbekam. Schließlich klappte es doch und er drehte sich zu mich um.

"Willst du nicht duschen?", fragte er verwundert.

"D-Doch, doch!", stotterte ich. "Klar!"

Er legte wieder den Kopf schief. Ich drehte mich von ihm weg, so dass er nur meinen Rücken sah, und tat so, als würde ich irgendetwas an meinem Handtuch machen. In Wirklichkeit wartete ich aber darauf, dass mein Ständer verschwand.

Ich hörte seine Schritte auf dem kalten Boden, hörte, wie er näher kam.

Nein, dachte ich, lass mich in Ruhe. Lass mich ... Ich will nicht, dass du siehst, was mit mir ist.

Da spürte ich seine Hand auf meiner Schulter und wie er mich mit sanfter Gewalt dazu brachte, dass ich mich umdrehte.

"Hey, Alter, ich merk' doch, dass was nicht stimmt!", sagte er ruhig und eindringlich. "Stress mit Ana? Oder mit wem anders?"

Dort, wo seine Hand lag, schien sie den Stoff meines Hemdes zu durchbrennen und meine Haut zu verkohlen. Ich drehte meinen Kopf weg. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Er wurde merken, was los war.

"Eero, hör' auf mit dem Scheiß, ja?", meinte Lauri jetzt schon lauter.

Ich hätte am Liebsten geheult und mich losgerissen. Doch das wäre wahrscheinlich noch viel schlimmer gewesen als das, was ich sagte.

"Lass mich", flüsterte ich. "Ich glaube, ich brauche eine Auszeit. Es ist zu viel für mich. Ich ..." Ich konnte nicht mehr weiter reden. Mir schien es die Lunge zuzuschnüren.

"Eero, was redest du für'n Mist? Moment ... Es ist wegen Ana und dem Kind, nicht? Du kommst nicht damit klar, dass du Vater wirst, ist es nicht so?"

"Nein", brachte ich heraus. "Nein, das ist es nicht."

"Verdammt, Eero! Sieh mich an!" Er legte seine Hand an meinen Kopf und brachte mich dazu, diesen zu ihm zu drehen. "So, und jetzt sag' mir, was los ist!"

Seine Hände verbrannten meine Haut. Seine Rechte auf meiner linken Schulter und seine Linke an meiner rechten Gesichtshälfte. Er sollte mich loslassen. Ich würde zu Asche zerfallen ...

Ich sah in Lauris Augen. Sie sahen mich eindringlich, fast bittend, an. Doch sein Blick veränderte sich langsam. Seine Hand glitt über mein Gesicht und sein Daum fuhr über meine Lippen.

Was hatte er vor?

Vorsicht kam er mir mit seinem Gesicht näher. Dann berührten sich unsere Lippen.

In mir schien es zu explodieren. Dass, was ich mir so lange gewünscht hatte, wurde war.

Seine Zunge stieß an meine Lippen und ich ließ sie hinein. Unsere Zungen spielten mit einander, umkreisten sich. Lauris Hand glitt von meinem Gesicht meinen Hals entlang, über meine Schulter und den Arm entlang. Auch seine rechte Hand tat nun das. Sie fuhren an meiner Seite entlang, über meinen Bauch und blieben auf meiner Brust liegen. Langsam knöpften sie mein Hemd auf und mir wurde heiß und kalt als seine Hände meine nackten Haut berührten. Das Hemd glitt an meinen Armen entlang und fiel auf den Boden.

Nun ergriff auch ich die Initiative.

Meine Hände wanderten seine Seiten entlang und über seinen Rücken, drückten ihn näher an mich. Dann blieben sie in seinem Nacken und kraulten ihn dort.

Lauris Hände fuhren nun auch weiter. Sie glitten zu meinem Hosenbund und öffneten meine Hose. Sie leistete meinem Hemd Gesellschaft.

Jetzt stand ich nur noch in Boxershorts und er mit seinem Handtuch um die Hüfte.

Mein Körper verlangte nach ihm. Es war so ein komisches Gefühl, kaum zu beschreiben. Ein Wunsch, der nach langer Zeit in Erfüllung ging ...

Und plötzlich war alles zu Ende.

Lauri beendete den Kuss und torkelte rückwärts. Er sah mich verstört an und murmelte: "Entschuldigung, Eero, es tut mir Leid." Dann rannte er aus den Duschen.

Überrascht sah ich ihm nach. Dann entledigte ich mich meiner Shorts und stellte mich unter die Dusche. Ich lehnte mich an die Kachelwand und dachte nach.

Was war das gewesen? Wieso hatte er das getan? Und warum liebte ich ihn?


Irgendwann verließ ich die Dusche. Irgendwie fand ich auf mein Zimmer. Irgendetwas sagte mir, dass alles zu Ende war.

* * *

Den Rest der Tour sah mich Lauri nicht an. Die Atmosphäre in der Band war demnach gespannt. Alle schienen froh zu sein, dass wir frei hatten. Auch ich. Denn ich hielt es nicht mehr aus, dass Lauri mich wie Luft behandelte.

~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ * ~ *

Langsam öffne ich meine Augen wieder. Ja, dass war die Geschichte. Ich weiß noch immer nicht, wieso ich Lauri noch liebe, wo er mir doch so ein Leid zufügt.

Doch dann fasse ich einen Entschluss, der völlig verrückt ist. Aber ich kann nicht mehr mit einer Lüge leben.

Ich stehe auf und verlasse das Badezimmer. Ich habe Kopfschmerzen und wenn ich an ihn denke, wird mir wieder schlecht und ich will mich übergeben. Woher diese Beschwerden kommen? Ich weiß es nicht. Vielleicht werde ich krank.

Ana ist wach. Sie sitzt im Esszimmer und sieht mich erschrocken an, als ich reinkomme.

"Eero!", ruft sie. "Du bist ja ganz blass! Ist was?"

Sie will aufstehen, doch ich drücken sie auf den Stuhl zurück. Dann setzte ich mich ihr gegenüber.

"Ana, ich muss dir etwas Wichtiges sagen."

Dann fange ich an, ihr alles zu erzählen. Die ganze Geschichte. Dass ich Lauri liebe und sie nicht. Dass ich so nicht mehr leben kann. Alles eben.

Als ich geendet habe, springt sie auf und schreit mich an. Sie sagt etwas von wegen Kind und Scheidung und dass sie zu ihrer Mutter zurückzieht.

Doch ich höre ihr gar nicht mehr zu. Morgen werde ich zu Lauri gehen und ihm meine Liebe gestehen. Ja, das werde ich.

Ende
 
 
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