Tornados Ende

von jandrina
GeschichteAllgemein / P16
21.12.2004
21.12.2004
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Persönliche Bemerkung: Ich habe diese Geschichte eines Nachts geträumt, und am nächsten Tag aufgeschrieben. Da ich ein großer Pferdenarr bin, habe ich es als Alptraum empfunden, und das Aufschreiben war die Therapie. Es ist die erste Geschichte, die ich überhaupt poste, und ich widme sie einer Araberstute, die mich viele Jahre begleitet hat.  Ach ja: ich habe natürlich keinerlei Rechte an irgendwelchen Figuren hier und verdiene auch nix dran (oder wie auch immer das heissen müsste...)

Wer lieber hört als liest:
http://audiofic.jinjurly.com/tornados-ende-deutsch
[mp3, 17.2 MB, 25:07]

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Ich kniete an Tornados Seite und spürte, wie das Leben ihn langsam verließ. Der Schuss, der mir gegolten hatte, hatte ihn genau in die Brust getroffen. Er versuchte ein letztes mal, seinen Kopf zu heben und blickte mich aus seinen dunklen Augen verwundert an. Dann lag er still.

Mir rannen die Tränen die Backen herunter, und ich riss mich mit Gewalt von Tornados Seite los. Schon hörte ich die Soldaten herankommen. Ich musste weg, musste mein treues Pferd hier zurücklassen. Fast wie in Trance schwang ich mich auf einen Baum in der nähe und verharrte bewegungslos.

Fast sofort waren die Soldaten heran. DeSoto war diesmal mit von der Partie und entdeckte Tornado als erster: "Ha! Diesmal haben wir ihn. Schwärmt aus, er kann nicht weit sein."

Die Soldaten schwärmten in alle Richtungen aus und der Alcalde stieg vom Pferd. Er näherte sich vorsichtig dem toten Tier, um ihm probeweise in die Seite zu treten. Ich wusste, Tornado spürte das nicht mehr, aber es brachte mich in Rage, und ich sprang ohne nachzudenken hinter ihm vom Baum und zog meinen Degen. "Lasst Tornado in Ruhe," zischte ich ihn an.

Er fuhr herum und zog ebenfalls. "Oh, Senor Zorro. Habt Ihr Euer Pferd verloren? Das tut mir aber leid..." Er sagte es hämisch und ich sprang auf ihn zu, um ihn wild zu attackieren. Er hielt sich gerade so, meine Angriffe waren zu unsauber, um ihn zu entwaffnen. Mir war es egal, ich wollte nur etwas von dem Druck und meiner Wut loswerden.

"So ein treues Tier zu verlieren, und das nur wegen Euer Dummheit..." reizte er mich weiter. Das brachte mich zur Besinnung. Er hatte recht, ich war Schuld an Tornados Tod, aber deshalb durfte ich jetzt mein Leben nicht hinterher werfen. Ich blickte mich kurz um und bemerkte, dass einige Soldaten uns bemerkt hatten und näher kamen. Ich focht jetzt etwas besonnener und brachte DeSoto aus dem Gleichgewicht. Sofort wandte ich mich um und rannte zu seiner Stute, schwang mich hinauf und galoppierte in die Nacht hinein.

"Verfolgt ihn!" hörte ich es hinter mir herrufen, aber schon war ich um eine Biegung, zog die Stute in ein Dickicht und ritt in die entgegengesetzte Richtung weiter. Mit diesem Pferd hatte ich keine Chance in einem Rennen, ich musste die Soldaten austricksen. Nach einigen Biegungen sprang ich im Galopp ab und ließ die Stute weiterlaufen. Ich selber versteckte mich hinter einigen Felsen und wartete reglos ab. Nur eine Minute später kamen die Soldaten. Sie jagten an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Leise begann ich mich weiter vom Weg zu entfernen, falls sie zurückkommen sollten. Aber ich hörte und sah in dieser Nacht nichts mehr von ihnen.

Ich wandte mich einem wenig benutzen Pfad in Richtung der de la Vega Hazienda zu und machte mich auf den Heimweg. Immer wieder drängten sich die Bilder von Tornados letzten Minuten hoch, aber ich unterdrückte sie mit aller Gewalt. Ich durfte nicht darüber nachdenken, jetzt noch nicht. Erst musste ich sicher heim kommen, und später würde ich mir überlegen müssen, wie Zorro zu einem neuen Pferd kam. Aber im Moment konnte ich nur versuchen, einen halbwegs klaren Kopf zu bewahren und die Trauer und Verzweiflung weit hinten in meinem Gehirn zu vergraben.

Gegen Morgen kam ich erschöpft in der Höhle an. Teilnahmelos zog ich mich um, vermied dabei jeden Blick in die Ecke der Höhle, die bis heute Tornados zuhause gewesen war. Dabei fiel mir zum ersten mal Felipe ein. Er war für einige Wochen in Monterrey, um sich bei einem befreundeten Anwalt Einblicke in dessen Berufsalltag zu verschaffen. Ich hatte lange auf ihn einreden müssen, damit er ging. Es war wichtig für seine Zukunft. Aber er wusste auch, wie wichtig er für Zorro war, und hatte nicht gehen wollen. Schließlich hatte ich ihn überzeugt. Und jetzt war ich froh. Ich würde ihm später erzählen müssen, was passiert war, aber im Moment wollte ich keinen sehen, nur alleine sein.

Müde legte ich mich in mein Bett, aber ich konnte nicht schlafen. Ruhelos wälzte ich mich herum und durchlebte wieder und wieder die schrecklichen Erlebnisse der Nacht. Nach 2 Stunden klopfte es an meiner Tür. Ich reagierte nicht, in der Hoffung, wer immer es sei, möge mich allein lassen.

"Diego, steh auf, unser Besuch kommt!" Die energische Stimme meines Vaters schreckte mich auf. Schon riss er die Tür auf und brummte verärgert: "Du weißt doch, Don Fernando kommt heute mit seiner Frau. Ich hatte Dir gesagt, dass ich Dich heute einmal pünktlich zu Tisch erwarte!"

Zum Glück war mein Zimmer noch dunkel durch die Vorhänge, und er stürmte  wieder hinaus, um die ankommenden Gäste zu empfangen. Aber ich hatte keine Wahl. Wenn ich keinen Verdacht erregen wollte, musste ich mich zeigen. Schnell versuchte ich mich halbwegs präsentabel herzurichten. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir meine blutunterlaufenden Augen, aber ansonsten sah ich normal aus, auch wenn ich mich innerlich zerschlagen und elend fühlte.

Mit einem mühsamen Lächeln betrat ich das Empfangszimmer.

"Ah, da ist ja Diego. Ich freue mich, Dich wiederzusehen."

"Herzlich willkommen, Fernando. Die Freude ist ganz auf meiner Seite." Und zu seiner Frau gewandt fuhr ich mit einer Verbeugung fort: "Isabella, herzlich willkommen."

Mein Vater warf mir einen Blick mit mühsam verhaltenem Ärger zu und meinte dann: "Nachdem wir nun vollzählig sind, können wir ja zu Tisch gehen."

Beim Essen sprach ich kaum. Ich konnte spüren, wie die Stimmung immer angespannter wurde, aber ich brachte es nicht fertig, mehr als nur die nötigste Konversation zu betreiben. Um die Spannung zu lockern, begann Don Fernando, den neuesten Klatsch aus dem Pueblo zu erzählen. Ich hörte kaum hin, bis plötzlich Tornados Name fiel.

"...Tornado am Boden liegen sehen. Der Alcalde meinte, Zorro hätte ihn einfach im Stich gelassen und wäre auf seinem Pferd geflohen. Jedenfalls ist das Pferd jetzt tot, und DeSoto ist zuversichtlich, dass es nun ein Ende mit Zorro hat."

"Das sind schlimme Neuigkeiten. Tornado und Zorro waren ein Team," antwortete mein Vater betroffen, und fuhr nach einem Augenblick fort. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sein Pferd im Stick gelassen hätte, wenn es noch eine Chance für ihn gegeben hätte."

Ich war erstarrt. Vor meinem Auge erschien wieder der letzte Blick Tornados, seine brechenden Augen. Ich konnte das Blut aus der Wunde strömen sehen und spürte es wieder über meine Hände fließen. Entsetzt sprang ich auf und warf dabei den Stuhl um. Der Knall holte mich aus den Erinnerungen zurück.

"Was soll das, Diego?" fuhr mein Vater mich an. Er hatte die Fäuste geballt und hatte einen roten Kopf vor Wut. Ich spürte, wie mir die Tränen unaufhaltsam hochstiegen. Ein Caballero bricht nicht plötzlich in Tränen aus, schon gar nicht vor Gästen. Also drehte ich mich zu Tür und stürmte mit einem gemurmelten: "Mit Eurer Erlaubnis...," hinaus und weiter bis in den Hof.

Dort wandte ich mich zum Brunnen, kühlte mir das Gesicht und wusch die Tränen ab, die mir die Backen hinunterströmten. Als sich mir ein Diener näherte, fasste ich mich dank langer Gewohnheit und wandte mich in Richtung Scheune, bevor er nah genug heran war, um mich genau in Augenschein nehmen zu können. Ich musste mich wieder in den Griff bekommen. Bewegung half, dass wusste ich aus Erfahrung. Also wanderte ich los, und kehrte erst nach vielen Stunden zur Hazienda zurück. Ich hatte es fürs erste wieder geschafft, den Schmerz zurückzudrängen.

Als erstes ging ich auf die Suche nach meinem Vater. Ich fand ihn in der Bibliothek, in der er wütend auf und ab ging. Als ich das Zimmer betrat, wandte er sich mir zu. Bevor er etwas sagen konnte, sagte ich leise: "Es tut mir sehr leid, Vater. Bitte verzeih mir. Ich weiß, ich habe ungebührlich gehandelt, und ich werde mich in aller Form bei unseren Gästen entschuldigen."

Er wartete einen Moment, ob ich noch mehr sagen würde, und fragte dann wütend: "Was ist nur in dich gefahren? Einfach so hinauszustürmen... Habe ich Dich nicht besseres Benimm gelehrt? Nicht nur, dass du dich nicht für die Belange unseres Pueblo einsetzt und dich weigerst, wie ein echter Caballero eine Waffe zu tragen, nein, jetzt vergisst du auch noch jede Erziehung. Deine Mutter wäre entsetzt."

Ich zuckte zusammen. Seine Worte taten mir weh, zumal ich mich selber schuldig fühlte, weil ich meine Gefühle nicht besser unter Kontrolle hatte.

"Nun, was ist? Ich warte immer noch auf Deine Erklärung."

Die konnte ich ihm natürlich nicht geben, also blieb ich stumm und blickte beschämt auf den Boden vor mir.

Er schnaufte wütend. "Wenn Du nichts weiter zu sagen hast, geh mir aus den Augen. Ich bin wirklich sehr enttäuscht von Dir."

Wortlos drehte ich mich um und ging auf mein Zimmer. Ich versuchte, die unschöne Szene und die schmerzenden Worte auszublenden, und zu lesen, aber ich konnte kein Wort aufnehmen. Endlich entschloss ich mich, mich hinzulegen. Seit 48 Stunden hatte ich nicht geschlafen und war körperlich und emotional völlig erschöpft.

Wieder ritt ich auf Tornado den Felsweg hinauf. Unter mir konnte ich die Soldaten erkennen. Sie sahen mich auch und riefen etwas. Ich ließ Tornado hoch steigen und grüßte. Da spürte ich plötzlich, wie ein Schlag durch mein treues Pferd ging. Er kam herunter, rannte einige Galoppsprünge und brach dann stöhnend unter mir zusammen. Ich rollte mich ab und stürzte auf ihn zu. "Tornado!" Sofort hatte ich die Wunde entdeckt. Ein Einschuss in die Brust, der sehr stark blutete. Ich versuchte sofort, das Blut zu stoppen, aber Tornado wehrte sich, als ich Druck auf die Wunde ausübte. Er versuchte auf die Beine zu kommen. "Tornado, ganz ruhig..., bleib liegen, Tornado, alles in Ordnung..." ich redete, um ihn zu beruhigen, aber ich wusste, es war nichts zu machen, die Wunde war tödlich. Er hob den Kopf zu einem letzen Blick. Schon hörte ich den Hufschlag der herankommenden Soldaten...

"Nein!" mein eigener Schrei hallte mir in den Ohren. Ich schreckte auf und blickte verwirrt um mich. Ich saß in meinem Bett, schweißgetränkt und mit nassen Wangen und schlug die Hände vor das Gesicht. Der Alptraum war so echt gewesen, und noch schlimmer war, dass er Wirklichkeit war.

Plötzlich spürte ich Arme um mich herum, und hörte die Stimme meines Vaters, leise und beruhigend: "Es ist ja gut, es war nur ein Traum..."

Für einen Moment lehnte ich mich dankbar an ihn, aber dann fiel mir unser Streit wieder ein, und dass ich ihm nach wie vor mein seltsames Benehmen nicht erklären konnte. Langsam zog ich mich zurück und murmelte: "Es geht schon wieder. Es war ein Alptraum..."

"Was hast du denn geträumt? Du hast ja das halbe Haus zusammengeschrieen."

Ich erschrak: "Was habe ich denn gesagt? Ich kann mich nicht mehr erinnern..."

Er musterte mich überrascht und überlegte einen Moment, bevor er antwortete: "Ich habe es nicht genau verstehen können. Komm, leg dich wieder hin und schlaf noch etwas, es ist noch mitten in der Nacht."

Gehorsam ließ ich mich auf die Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Ich konnte hören, wie er nach einem Moment den Raum verließ. Aber ich wagte  nicht mehr, weiter zu schlafen. Wenn ich im Traum geschrien hatte, dann bestimmt Tornados Namen. Ich durfte nicht riskieren, dass mein Vater oder sonst jemand mich in Zusammenhang mit Zorros Pferd brachte. Jetzt wünschte ich mir Felipe herbei. Er hätte mir helfen können, mich bei ersten Anzeichen dieses Traumes wecken können. Außerdem, ich spürte, wie es immer schwerer wurde, meinen Schmerz zurückzudrängen. Aber ich durfte mich keinem öffnen, ich musste allein damit fertig werden. Nur mit Felipe hätte ich ihn teilen können.

Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich zum Frühstück. Vater saß schon am Tisch. Als ich mich setzte, fragte er: "Wie war deine restliche Nacht? Ich hoffe, ohne Alpträume?"

"Ich hatte keine Alpträume mehr," bestätigte ich und starrte auf meinen Teller. Ich spürte, dass ich beim besten Willen nichts essen konnte, schob den Teller beiseite und trank einen Schluck Kakao.

"Was ist los, Diego? Du bist so anders, so... bedrückt." Seine Stimme klang unerwartet sanft.

Überrascht blickte ich ihn an und begann monoton: "Es ist nichts, Vater. Ich bin nur so beschäftigt mit meinen Studien..." Ich konnte sehen, dass er wütend und frustriert über meine Ausflüchte war. Aber er blieb ruhig: "Ich glaub dir nicht. Aber ich kann dich nicht zwingen, dich mir anzuvertrauen."

Beschämt blickte ich auf die Tasse in meinen Händen und biss mir auf die Lippen, um nicht in meiner Trauer und Verzweiflung mein Geheimnis preiszugeben. Seine ruhige verständnisvolle Art machte es mir sehr schwer. "Es tut mir leid. Ich kann es dir nicht erklären... Entschuldige mich bitte, ich... ich möchte ein wenig allein sein." Schon wieder stürmte ich davon. Das entwickelte sich langsam zu einer schlechten Angewohnheit, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen.

Die nächsten Tage vergingen nur langsam. Mein Vater ritt überraschend für 3 Tage weg, ohne zu sagen, wohin, und ich war zu sehr in meinen Problemen verhangen, um genau nachzufragen. Ich schlich über die Hazienda oder saß grübelnd in der Bibliothek. In die Höhle ging ich kein einziges mal. Die Erinnerungen dort waren zu heftig. Auch ins Pueblo ritt ich nicht. Es war das erste mal seit langem, dass ich Viktoria für mehrere Tage nicht sah, aber ich konnte mich nicht aufraffen, irgendein Pferd zu reiten oder einem Menschen zu begegnen.

Zum ersten mal seit meiner Rückkehr aus Madrid war es mir egal, ob Zorro im Pueblo gebraucht wurde. Ich konnte mir nicht vorstellen, je wieder als Zorro zu reiten. Und ohne Tornado waren meine Chnacen auf Erfolg auch viel geringer.

Die ganze Zeit versuchte ich, mich vor den Erinnerungen zu verschließen. Ich wusste, dass das auf Dauer nicht ging. Aber ich fand keinen Weg aus meinem selbsterschaffenen Kokon und je länger ich mich weigerte, mich mit meiner Trauer und meinen Schuldgefühlen auseinander zu setzen, desdo eingesperrter und hilfloser fühlte ich mich.

Die Nächte waren am schlimmsten. Wenn ich überhaupt einschlafen konnte, wachte ich schon nach kurzer Zeit aus dem immer wiederkehrenden Alptraum von Tornados Tod und meiner Unfähigkeit, ihm zu helfen, auf. Danach getraute ich mich meist nicht mehr, einzuschlafen, weil ich die traumatischen Ereignisse nicht noch einmal erleben wollte. Ich gab den Dienern frei. So war ich allein im Haus und konnte wenigstens niemandem mein Geheimnis verraten, wenn ich nachts im Traum immer wieder Tornados Namen rief.

Doch in der vierten Nacht war es anders. Wieder schreckte ich schweißgebadet hoch, setzte mich auf, zog die Knie an und legte die Hände und den Kopf darauf. Ich war so müde und so verzweifelt, ich wusste nicht mehr weiter. Wie eine Litanei murmelte ich immer wieder: "Ich ertrage es nicht mehr." Wie schon vor einigen Nächten war plötzlich mein Vater da und hielt mich in den Armen. Diesmal konnte ich mich nicht zurückhalten, sondern vergrub mein Gesicht an seiner Schulter und ließ den Tränen freien lauf. Er hielt mich nur und fragte nichts, offenbar spürte er, was ich nun am dringendsten brauchte: einen Menschen, der einfach nur für mich da war.

Nach einer Ewigkeit, wie es mir schien, bekam ich mich wieder in den Griff. Vorsichtig löste ich mich etwas von ihm und betrachtete ihn. Er hatte noch seine verstaubte Reisekleidung an, schien also gerade erst nach Hause gekommen zu sein. Besorgt musterte er mich, fragte aber nur: "Möchtest du, dass ich noch ein bisschen hier bleibe?"

"Vielen Dank, aber... nein, Vater. Du bist gerade erst nach hause gekommen und bestimmt müde. Es war nur ein Alptraum, der jetzt vorbei ist." Meine Antwort klang falsch, ich konnte es selber hören. Ich hätte ihn gerne noch weiter in meiner Nähe gehabt, aber dann hätte ich mich verpflichtet gefühlt, ihm zu erklären, was los war, und dazu war ich nicht bereit. Er sagte nichts dazu, sondern wünschte mir mit einem nachdenklichem Blick eine gute Nacht.

Ich war zunehmend vom Verhalten meines Vaters irritiert. Anstatt ärgerlich oder enttäuscht auf mich zu regieren, wie ich es zu oft die letzen Jahre erlebt hatte, war er geduldig und mitfühlend. Ich fragte mich unruhig, ob er wohl erraten hatte, was mich bedrückte. Und damit von meinem Doppelleben wusste. Ich würde die nächste Zeit noch vorsichtiger werden müssen.

Vielleicht würde mir harte Arbeit helfen, besser zu schlafen und die Erinnerungen fern zu halten. Also stürzte ich mich am nächsten Tag auf alle Arbeiten, die nichts mit Pferden zu tun hatten. Ich hackte Holz und half beim Vieh, schleppte Wassereimer und vieles mehr. Die Arbeit betäubte mich und lenkte mich ab. Es tat mir gut. Nachmittags war ich sehr erschöpft und hatte die Hände voller Blasen, aber fühlte mich etwas besser. Die Vaqueros hatten erst mit Überraschung auf mein Verhalten reagiert, aber dann dankbar meine Hilfe angenommen. Sie waren gewohnt, dass wir mit anfassten, aber in diesem Mass war es unüblich. Noch verblüffter waren sie vermutlich, dass ich mich kein einziges mal dem Pferdestall näherte. Sonst war ich begeisterter Reiter und Pferdenarr, jeder hier wusste das. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir selber beschäftigt, um ihre Verblüffung oder die kleinen unauffälligen Hilfeleitsungen von ihnen zu bemerken, aber ich hatte mich an diesem Tag das erste mal seit dem Unglück wieder lebensfähig gefühlt, und dafür war ich dankbar.

Gegen abend kam mein Vater zu mir in die Scheune und sagte: "Viktoria ist zum Abendbrot gekommen, wir werden in einer halben Stunde essen. Die Zeit wird dir gerade noch reichen, Dich herzurichten." Er betrachtete mich schmunzelnd, und auch ich musste grinsen, als ich an mir heruntersah. Im Moment sah ich aus wie ein einfacher Bauer, voller Stroh und Dreck und nach Vieh und Schweiss stinkend. Mein Vater schlug mir noch leicht auf die Schulter und ging ins Haus zurück.

Viktoria. Ich hatte sie seit dem Ungllück nicht mehr gesehen, ja kaum an sie gedacht. Bestimmt hatte sie von Tornados Tod erfahren. Ich würde heute abend sehr auf der Hut sein müssen, das Thema kam bestimmt zur Sprache. Bevor ich den Speisesaal betrat, holte ich noch einmal tief Luft.

"Viktoria, schön dich zu sehen."

"Hola, Diego. Du warst lang nicht im Pueblo, was hat dich..." sie blickte mich eindringlich an und fuhr dann mit schärferer Stimme fort: "Du hast abgenommen und siehst schlecht aus. Was ist passiert?"

Fast gegen meinen Willen musste ich lächeln. Direkt war sie schon immer gewesen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass mein Vater interessiert zusah, aber offenbar nichts dazu sagen wollte. Hoffentlich würde er dabei bleiben. Ich konzentrierte mich wieder auf Viktoria: "Mir war nicht gut die letzten Tage. Vielleicht eine kleine Magenverstimmung..." Ein schneller Blick zu meinem Vater sagte mir, dass er sich weiterhin heraushalten würde. Ich konnte Belustigung in seinen Augen erkennen, und das beunruhigte und verwirrte mich.

Schnell wechselte ich das Thema: "Aber erzähl, was gibt es neues im Pueblo?"

Fast sofort wusste ich das dies ein Fehler war. Aber es war zu spät, Viktoria wandte sich halb ab und begann mit leiser Stimme: "Habt Ihr es schon gehört? Das Unglück mit Tornado..."

Sie brach ab. Ich war zusammengezuckt und umklammerte mein Glas. Ich konnte meiner Stimme nicht trauen, würde ihr nicht antworten können.

Überraschend begann mein Vater: "Wir haben davon gehört, Viktoria. Es ist ein schreckliches Unglück, ganz besonders für Zorro. Ich fürchte, er macht sich schreckliche Vorwürfe." Verblüfft warf ich ihm einen Blick zu.

Er fuhr unbeirrt fort, an Viktoria gewandt: "Es ist nie leicht, den Tod eines geliebten Lebewesens zu erleben. Schon gar nicht den gewaltsamen Tod. Aber so wie ich die Geschichte erzählt bekommen habe, kann Zorro nichts für den Tod des Pferdes. Er konnte nicht wissen, dass ein Schuss auf diese Entfernung treffen würde, sonst hätte er sicher niemals Tornado zum steigen gebracht."

Offenbar hatte er sich gut über die Ergeinisse der Nacht informiert. Ich wollte mir einerseits die Ohren zuhalten, andererseits half mir, was er sagte. Nach wie vor blickte er nicht in meine Richtung, und auch Viktoria schien mich nicht wahrzunehmen. Das war ein Segen, denn ich war totenblas geworden und musste immer wieder aufstegende Tränen zurükblinzeln.

"Ich habe mir Tornado angesehen. Die Kugel war fast sofort tödlich. Er hat kaum gelitten." Das Glas in meiner Hand zersplitterte. Erschrocken blickte Viktoria zu mir hin. Mein Vater war sofort neben mir, nahm mir die Splitter aus der Hand und sah nach, ob ich mich geschnitten hatte. Bevor ich mit einer Entschuldigung aus dem Zimmer entfliehen konnte, und ohne sich um die Scherben auf dem Tisch zu kümmern, fuhr er noch stehend fort: "Ich mache mir große Sorgen, ob Zorro je wieder reiten wird. Zum einen braucht er ein neues Pferd. Tornado war unvergleichlich, Zorro kann und wird sich kaum mit einem weniger guten Pferd zufrieden geben. Und zum anderen: wenn er nicht bald mit seiner Trauer und den Schuldgefühlen fertig wird, kann es sein, dass er seine Rolle als Reiter für die Gerechtigkeit aufgibt. Ich hoffe sehr, dass ich mich täusche, denn wir brauchen Zorro noch."

"Ja..." flüsterte Viktoria. Sie sah unglücklich aus, aber nicht übermässig überrascht. Veilleicht hatte sie sich schon ähnliche Gedanken gemacht.

Ich selber war wie versteinert. Mein Vater hatte meine Situation sehr klar beschrieben. Es half mir, zu wissen, dass diese beiden mir so wichtigen Menschen Verständnis für meine - Zorros - Lage hatten. Nur war ich im Moment so aufgewühlt, dass ich nichts sagen oder tun konnte, ohne mich sofort zu verraten. Und wieder war es mein Vater, der mir zur Hilfe kam: "Diego, schick doch bitte Consuela herein, damit sie hier Ordnung machen kann."

Ohne ein Wort oder einen Blick zu einem der beiden ergiff ich die Gelegenheit und verlies das Zimmer. Noch bevor ich mich wieder in der Gewalt hatte und Consuela suchen konnte, hörte ich, wie mein Vater Viktoria zur Tür begleitete und sie sich auf den Heimweg machte. Offenbar war das Abendbrot beendet, bevor es richtig angefangen hatte. Mir war das sehr recht, und ich machte mich rasch auf den Weg zu meinem Zimmer.

Aber nicht rasch genug. Noch bevor ich die Tür erreicht hatte, hörte ich hinter mir Vater: "Diego, bitte komm einen Moment her."

Mir viel keine glaubwürdige Ausrede ein, also ging ich zu seinem Zimmer und lehnte mich müde an den Türrahmen. Er kramte kurz auf seinem Schreibtisch, und ich hatte Zeit, ihn zu beobachten und mir meine Gedanken zu machen. Auch er sah erschöpft und abgespannt aus, und ich machte mir plötzlich Vorwürfe, dass mir das erst jetzt auffiel. Aber immer noch wirkte er stark und zuverlässig, und mehr denn je wünschte ich mir, ihm alles zu erzählen. Ich dachte an die Ereignisse vor wenigen Minuten zurück und überlegte einmal mehr, ob er mein Geheimnis kannte. Er hatte mir im Speisesaal gerade mehrfach sehr geholfen, aber ich war nicht sicher, ob es Absicht oder Zufall gewesen war. Es gab keine Möglichkeit für mich, das herauszufinden, ohne mich zu verraten. Also musste ich abwarten und sehen, wie sich die Lage entwickeln würde.

Als er endlich aufblickte, erkannte ich auch bei ihm etwas von der Nervosität, die ich fühlte. Das half mir etwas, und ich trat zögernd einen Schritt in das Zimmer. Er blickte mich nachdenklich an und schien zu einer Entscheidung gekommen zu sein. "Bitte, begleite mich in den Stall. Ich will Dir etwas zeigen."

"Jetzt, Vater?" etwas von meinem Schrecken war in meiner Stimme zu hören.

Sehr bestimmt aber freundlich antwortete er: "Ja, jetzt. Komm mit." Ergeben folgte ich ihm. Was konnte er nur wollen? Fast gegen meinen Willen war ich neugierig.

Er ging nicht zum Hauptstall, wie ich erwartet hatte, sondern zu einem kleinen Nebengebäude, was kaum genutzt wurde. Leise öffnete er die Tür und entzündete eine Laterne. Dann ging er mit ruhigen Schritten zu der großen Box. Ich folgte ihm, und plötzlich erschien aus dem Dunkel ein schwarzer Pferdekopf. Ich keuchte auf: "Tornado! Das kann nicht sein..."

"Nein, es ist nicht Tornado. Aber vielleicht sein Sohn oder ein Bruder. Er hat das gleiche Feuer in sich wie Tornado, und ich bin sicher, mit entsprechendem Training wird er ein würdiger Nachfolger."

Der Hengst war wunderschön und sah Tornado sehr ähnlich. Ich versuchte spontan, mich ihm zu nähern, aber er wich nervös zurück.

"Er ist noch nicht zahm. Ich möchte, dass Du ihn trainierst. Zorro soll wieder ein Pferd haben, was seiner würdig ist."

Ohne nachzudenken flüsterte ich: "Ich danke Dir, aber ich weiss nicht, ob ich das annehmen..." Plötzlich wurde mir klar, was ich gesagt hatte, und erschrocken fuhr ich zu ihm herum. Er blickte mich ruhig an.

"Du weisst..."

"Ja, Diego. Ich weiss, dass Du Zorro bist. In der ersten Nacht nach dem Unglück hast Du Tornados Namen so laut geschrieen, dass ich hätte blind und taub sein müssen, um es nicht endlich zu begreifen. Mir wurde so vieles klar.. und es tut mir leid, all die Ungerechtigkeiten, die ich dir gesagt habe, all die harten Worte..."

"Nein, Vater, es tut mir leid. Ich habe dich hintergangen, um Dich zu schützen. Es war das schwerste, was ich je tun musste, und ich bitte Dich um Verzeihung..."

Wir umarmten uns lange. Und in dieser Nacht sassen wir noch Stunden vor dem Kamin und ich erzählte, wie Zorro geboren worden war. In dieser Nacht konnte ich das erste mal wieder ohne Alpträume schlafen. Ich wusste, ich würde noch lange über den Tod des geliebten Hengstes trauern, aber ich hatte nun eine neue stärkere Bindung zu meinem Vater, die mir sehr dabei half.
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