Breaking out of ...

von annj
GeschichteDrama / P6
Max Guevara Zack
14.11.2004
14.11.2004
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Uhrzeit 0415.

Noch 15 Minuten.

Noch 15 Minuten in denen das Mädchen mit den großen braunen Augen etwas Ruhe und Privatsphäre genießen durfte. Soviel Privatsphäre wie man haben konnte in einem 25m² großen Raum, in dem 9 weitere junge Menschen die Nächte verbrachten.

Entlang der Wand standen 10 Pritschen.

Sie Betten zu nennen wäre zuviel verlangt.

X5-452 drehte ihren Kopf und warf einen Blick auf das Mädchen neben ihr. X5-673, auch Brin genannt, lag auf dem Rücken. Die Arme eng am Körper und über der Bettdecke. Selbst während der Ruhephase machte sie den Anschein jeden Moment den Angriff einer Armee russischer Freiheitsradikaler zu erwarten.

X5-452 wandte sich von ihrer Schwester ab und konzentrierte stattdessen ihre Pupillen auf das vergitterte Fenster. Das helle Mondlicht malte Quader aus Silber auf den sterilen Fußboden und die weißen Wände.

<Worauf dieses Mondlicht wohl noch alles scheint>

X5-452 stellte sich diese Frage öfter. Niemals aber anderen. Vor vielen Jahren hatte sie gefragt, woraus der Brei gemacht wurde, den sie tagtäglich zu essen bekamen.

Die Strafe bestand aus 10 Tagen Einzelhaft in einer Zelle so groß wie der Nachtschrank neben ihrem Bett.

X5-452 lernte aus ihren Fehlern.

Sie war dafür ausgebildet zu lernen.

Zu lernen, zu töten.

In den 19 Jahren ihres Lebens hatte sie nie etwas anderes gemacht.

Den ersten Mord beging sie mit 9 Jahren. Opfer war ein Mann, der seine Nase zu oft in Angelegenheiten anderer gesteckt hatte. Manticore wurde angeheuert ihn aus dem Weg zu schaffen.

Sturz aus dem Fenster im 13 Stockwerk.

Renfro war sehr stolz auf X5-452.

Ausbrechen? Nein! Das war nie eine Option gewesen. Zumindest soweit sich X5-452 erinnern konnte. Allerdings gab es da große Lücken in ihrem Gedächtnis.

Es war 0429 und ihre Brüder und Schwestern öffneten die Augen. Sie erhoben sich und strichen ihre Betten glatt.

Das dauerte 30 Sekunden.

Ein Schlüssel wurde in der Tür umgedreht und Madame X trat ein. Die 10 Jugendlichen der X5 Serie standen stramm vor ihren Betten und erwarteten die ersten Order des Tages.

"Guten Morgen, X5-Serie!"

"Guten Morgen!" kam die einstimmige Reaktion.

Die blonde Frau trat die Reihe entlang. Schließlich blieb sie vor X5-452 stehen und sah auf ihren Block, den sie immer mit sich herumtrug.

"452, ich habe eine Aufgabe für dich."

Sie sah an 452 vorbei zu dem jungen Mann, der daneben die Pritsche belegte.

"Ihr werdet etwas erledigen! Details erfahrt ihr unterwegs. Das ist keine Übung!"

Sie drehte sich um und trat in den Korridor.

"Enttäuscht mich nicht!"



Es war nicht das erste Mal, dass 452 die sicheren Wände Manticores verließ um einen Auftrag zu erledigen. In hohem Tempo schoss der Van den brüchigen Asphalt entlang. Verlassen und heruntergekommen wirkte die Umgebung. Halb abgerissene Häuser säumten hin und wieder den Straßenrand.

"Wir sind bald da!"

Zack wandte sich für einen Augenblick von der Straße vor ihm ab und sah seine Beifahrerin an.

"Bist du bereit?"

452 betrachtete für einen weiteren Moment die Space Needle, den großen Turm inmitten von Seattle. Wie ein imposanter Wächter sah er auf die trostlose Stadt. Einst stand er für ausgereifte Architektur und für all das, was der Mensch mit Hilfe von moderner Technik erreichen konnte.

Wohlstand und Reichtum Amerikas repräsentierend. Doch in den heutigen Zeiten stand er für nichts weiter als einen pathetischen Versuch der Menschen, über die allgegenwärtige Armut und Hoffnungslosigkeit hinwegzutäuschen.

Die Menschen sahen zu ihm hinauf als hätte er Antworten auf ihre ungestellten Fragen.

Seine Antwort bestand aus seiner Erscheinung. Arrogant und unverwundbar.

Und die ganze Welt lag ihm zu Füßen.

>Wie sie wohl von dort oben aussah?<

"Max? Bist du bereit?" wiederholte Zack seine Frage und zeigte dem Sicherheitsbeamten am Checkpoint die gefakten Ausweise.

"Alles klar!" antwortete 452.

Schwerbewaffnete Soldanten sicherten den Eingang der Stadt. Um in die Stadt zu gelangen brauchte man gültige Papiere. Und ohne Papiere keine Eintritt. Es gab schon genug Gesindel in der einst so reichen Metropole.

Es war später Abend und die teure Elektrizität war nicht für alle Stadtviertel bestimmt. Dieses hatte wohl weniger Glück.

Obdachlose Männer und Frauen standen dichtgezwängt um brennende Metalltonnen. Ihre wunden Hände über die wärmenden Flammen gehalten. Das Feuer sonderte schwarzen, beißenden und vermutlich hochgiftigen Qualm ab.

Doch offensichtlich zogen es die Menschen vor an einer Rauchvergiftung zu sterben anstatt jämmerlich zu erfrieren.

Der Müll an den Hauswänden reichte an manchen Stellen bis an die Dächer und zusammengekauerte Hausierer waren zwischen all dem Dreck kaum noch auszumachen.

<Die Menschen sind so was von am Arsch in dieser Welt> dachte Max und dachte an das lauwarme Essen Manticores.

<Aber zumindest haben wir überhaupt etwas zu essen>

Der Foggle Tower war bereits in Sicht, als Max schließlich in das Handschuhfach des Wagens griff. Sie holte eine geladene Smith & Wesson hervor und überprüfte die Anzahl der Kugeln.

"Rein, Auftrag erfüllen und wieder raus!"

Wiederholte Zack zum etwa 43ten Mal und parkte den Wagen am Straßenrand.

Der Foggle Tower war eines der wenigen Apartmenthäuser in dieser Stadt, die noch nicht zu 90% aus Graffiti bestanden. Es war bewohnt von den seltenen Neureichen der heutigen Zeit. Sogar eine uniformierter Wachmann saß am Eingang.

Er sah abwechselnd auf die Bildschirme der Kameras und die Übertragung eines uralten Baseballspiels der Seattle Lions.

Zack und Max traten näher. Die Gesichter zum Boden geneigt, damit man sie später nicht anhand von Sicherheitsaufnahmen erkennen konnte.

"Hey, was...!" waren die letzten Worte des leicht ergrauten Sicherheitsbeamten, bevor Zack mit einem Arm über den Tresen griff um mit einer einzigen Handbewegung das Genick des armen Mannes wie einen Strohhalm zu zerbrechen.

Sie gingen zielstrebig auf den Fahrstuhl zu. Die Türen glitten auseinander und sie traten ein.



Das Apartment ihres Zielobjektes befand sich im obersten Stockwerk.

<Der Kerl muss Knete wie Heu haben> bemerkte Max nicht ohne Verwunderung.
Die Eingangstür war trotz allem nicht gesondert gesichert und mit einem einzigen, kräftigen Ruck öffnete sich die Tür und führte in einen dunklen Flur.

Auf leisen Sohlen schlichen die beiden über den Parkettboden. Es quietschte leise und atemlos hielten die beiden an um zu lauschen. 10 Sekunden verstrichen ohne Reaktion und sie gingen weiter.

Die Wohnung war duster außer dem blauen Flimmern eines Computerbildschirmes im geräumigen Wohnzimmer.

Max warf einen Blick um die Ecke und erblickte einen Mann, der seine Finger in hoher Geschwindigkeit über die Tastatur flitzen ließ. Vollkommen konzentriert wie er war hätte eine Atombombe neben ihm detonieren können... seine Augen waren auf dem Bildschirm festgeklebt. Vorsichtig machte Max einen Schritt in den Raum hinein. Zack blieb im Flur um ihr im Notfall den Rücken freizuhalten.

Das Wohnzimmer war geschmackvoll und doch praktisch eingerichtet.

Bücherregale standen an den Wänden. Der Schreibtisch war voll gestapelt mit technischem Equipment, Mikrophonen, Minidiscs und Unmengen von Kabeln.
Auf einem eleganten Sideboard stand die Figur einer griechischen Katzengöttin, die locker 10.000 Dollar einbringen würde.

Max' Blick blieb für einen Moment auf der Statue bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den jungen Mann lenkte.

Noch einen Schritt. Und noch einen mehr.

Nicht ein einziges Geräusch war zu hören. Lautlos wie eine Katze auf den verrußten Dächern der Stadt bewegte sie sich durch Raum. Vermutlich bewegte sich nicht einmal die Luft um sie herum. Anderthalb Meter hinter dem Mann blieb die stehen und beobachtete. Sie spürte Zacks drängenden Blick in ihrem Nacken.

Der Mann vor dem Computer hielt inne und drehte leicht den Kopf, ohne sich ganz umzudrehen. Er lauschte und hielt für einige Sekunden die Luft an.

Max bewegte sich nicht.

Schließlich nahm er die Hände von der Tastatur und senkte sie neben sich auf die Räder seines Rollstuhls. Max zuckte zusammen. Wieso hatte sie den Rollstuhl nicht bemerkt?

Ihre Augen waren so auf die Person gerichtet, dass ihr der Rollstuhl nicht aufgefallen war. Der Mann rollte einige Zentimeter nach hinten und manövrierte das Gefährt gekonnt um 180° herum, sodass sie sich gegenüber standen. Er erschrak noch nicht einmal. Seine Augen wanderten über ihren Körper. Angefangen von ihren schwarzen Sneakers, über ihren schwarzen Ledereinteiler.

Sie fühlte sich seltsam unbehaglich unter seinem durchdringenden Blick. Doch als ihre Augen sich trafen, sah sie nicht weg. Die Welt um sie herum begann sich plötzlich zu drehen und das einzige, was sich nicht bewegte waren die blauen Augen des Mannes. Sie schluckte und gab einen seltsamen Laut von sich. Der Mann starrte sie an und rührte sich nicht.

>Ich habe den Auftrag ihn zu töten< wanderte ihre Erinnerung zurück zu ihrem eigentlich Ziel und sie hob ihre rechte Hand. Kalt und angenehm schwer lag die metallene Smith & Wesson zwischen ihren feuchten Fingern.
"Ich wusste, dass es früher oder später so weit sein würde!"

Seine Stimme klang traurig und fast so, als hätte er tatsächlich schon immer darauf gewartet, dass mitten in der Nacht eine junge Frau in sein Apartment einbricht um ihn kaltblütig zu erschießen.

"Ich hatte gehofft, es wäre später!"

Er blinzelte und zum ersten Mal erkannte Max in seinen Augen so etwas wie Angst. Oder Trauer. Sie hob die Waffe und zielte zwischen seine Augen.

Sie schluckte und ihre Hand begann zu zittern.

<Was ist los mit mir?>

Sie hörte Zack im Hintergrund.

"Max!!!" zischte er leise drängelnd.

Der Mann rollte an ihr vorbei zum Fenster und starrte in die Dunkelheit. Max konnte sein Spiegelbild sehen. Hinter den Brillengläsern glaubte sie einen wässrigen Glanz zu entdecken.

"Max?" Der Mann im Rollstuhl drehte sich nicht um. "Ist das ihr Name?"

"Nein!" antwortete Max und warf Zack einen bösen Blick zu. Sie senkte ihren Arm.

"Ich habe keinen Namen. Keine Identität!"

Nervös wischte sie sich die feuchten Hand an ihrer Uniform ab.

<Verdammt noch mal!!> fluchte sie innerlich und trat hinter den Rollstuhl. Über seinen Kopf hinweg starrte sie auf die Stadt.

Die Space Needle war von hier aus zu sehen.

Der Mann drehte sich ruckartig um und Max hatte die absurde Vorstellung er würde im Rollstuhl versuchen zu flüchten. Reflexartig hob sie wieder ihre Waffe und zielte.

Doch stattdessen drehte sich der Mann zu ihr und streckte ihr eine Hand entgegen.

"Mein Name ist Logan Cale!" lachte er verbittert und nahm mit einem Schulterzucken seine Hand wieder runter als Max keine Anstalten machte die angebotene Hand zu nehmen.

"Ich hasse Anonymität!" erklärte er.

"Und deswegen haben sie Eyes Only ins Leben gerufen?" fragte Max leicht amüsiert.

"Hätte ich es nicht anonym gemacht, dann wäre ich schon lange nicht mehr am Leben!"

"Was ist der Unterschied?"

Logan sah sie an. Er musterte sie und schließlich lächelte er traurig.
"Der Unterschied sind die Leben der Menschen die durch Eyes Only wieder ruhiger schlafen können!"

"Ruhig schlafen?!"

Ihr sarkastischer Tonfall zauberte ein amüsiertes Funkeln in seine leuchtend blauen Augen.

"Die Welt ist ein Schrottplatz! Die Menschen schleppen sich von einer wärmenden Tonne zur nächsten und hoffen auf ein Wunder, das niemals kommen wird. Was macht den Unterschied ob man lebt oder stirbt?"

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Schließlich rollte Logan zu einem Regal und griff in eine Schublade.

Erneut schnellte Max' Arm in die Höhe. Doch Logan hob beschwichtigend seine Hände und holte aus der Lade einige Fotos.
Bevor er sie an Max weiterreichte, sah er die Fotos an und schien in Erinnerungen zu schwelgen.

"Das ist mein Patenkind!"

Ein kleines Mädchen mit dunkler Hautfarbe und bunten Haarspangen in den geflochtenen Zöpfen lächelte sie an. Die beiden Vorderzähne fehlten und Max konnte sich ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. Doch der Moment war schnell vorbei.

"Reizend! Und?" fragte sie sarkastisch und hoffte gelangweilt zu klingen.

"DAS ist der Unterschied!"

Er warf einen Blick auf das Foto.

"Es werden noch immer Kinder in diese grausame Welt geboren. Und niemand fühlt sich verantwortlich dafür, dass sie in Schulen gehen können. Auf Spielplätzen spielen können, ohne dass schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte daneben stehen und jeden erschießen der mit Kieseln auf Ratten zielt."

Er seufzte.

"Wie heißt es so schön: Selbst eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt! Und ich bin diesen Schritt gegangen. Nach mir werden andere die Reise fortsetzen!"

"Sie sind naiv!" bemerkte Max und sah nervös auf die Uhr. Sie wollten schon lange auf dem Rückweg sein. Logan sah sie an und zuckte mit den Schultern.

"Schon möglich! Aber hey, haben sie schon einmal Pasta Tricolor gegessen."

"Nein!"

"Kein Wunder dass sie nicht naiv sind! Sie hatten wahrscheinlich nie etwas für dass es sich zu leben lohnt!"

Er sah sie wieder mit diesem durchdringenden Blick an. Max hob die Waffe und zielte auf die Stelle zwischen seinen Augen.

"Ich lebe für Manticore. Für meine Familie!"

Sie drückte ab.

Trotz Schalldämpfer klang der Schuss ungewöhnlich laut in Max' Ohren. Die Wucht der Kugel riss Logan aus seinem Rollstuhl und er war tot bevor er auf dem Boden lag. Max' trat näher, senkte die Waffe und sah auf den Mann. Seine glasigen Augen waren weit geöffnet. Das blaue Schimmern für immer erloschen und doch eingebrannt in Max' Gedächtnis. Sie würde diese Augen nie vergessen, diese Augen.

Eyes Only, wie im Leben so im Tod!

"Wir müssen weg!"

Zacks Stimme hallte wie aus weiter Ferne und schreckte Max aus ihrer Melancholie. Sie straffte sich und entfernte sich von dem Leichnam. Langsam ließ sie ihren Blick nochmals durch das Apartment schweifen und erneut blieb ihr Blick auf der Statue der Katzengöttin haften. Sie griff danach und hielt sie in den Händen.

"Ich komme!"

Es würde wie ein Einbruch aussehen, dachte Max.

"Was willst du damit?" fragte Zack und betrachtete misstrauisch die Statue in den Händen seiner Schwester.

"Etwas wofür es sich zu leben lohnt!" lachte sie traurig und folgte Zack aus dem dunklen Apartment!
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