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Weil wir Freunde sind

von Morley
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
11.10.2004
11.10.2004
1
1.890
 
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Weil wir Freunde sind  

Teil 1

Dualität. Schon Galilei glaubte fest daran. Für alles gibt es einen Gegensatz. Alles ist in perfekter Symmetrie erschaffen worden. Positiv und Negativ. Licht und Dunkel. Materie und Antimaterie. Himmelsdrachen und Erddrachen...Verflucht, jetzt war er schon wieder dort gelandet. Das allgegenwärtige Thema. Das Thema, dass sein Leben bestimmte. Er versuchte nicht Problem oder Last zu denken (Es fielen ihm allerdings noch eine Menge anderer Bezeichnungen ein. Keine davon viel besser.). Nein, er bevorzugte Thema. Das war schön neutral. Konnte quasi alles bedeuten.
Jetzt führte also schon Galilei zum Thema. Und damit war seine relativ gute Laune (für seine Verhältnisse gute Laune, andere würden seine Gemütsverfassung als düster beschreiben) dahin. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Das Wetter war schön, die anderen hatten ihn in Ruhe gelassen, sogar der Unterricht hat Spaß gemacht...irgendwie. Galilei war ein interessantes Thema.


Keiichi konnte praktisch spüren wie das Barometer wieder sank. So ein Mist. Dabei hatte der Tag so gut angefangen.
Aber davon ließ er sich nicht beeindrucken. Hatte er noch nie. Wenn, hätte er Kamui vermutlich nie kennen gelernt. Na ja, kennen war zuviel gesagt. Er arbeitete dran. Und Arbeit war es in der Tat. Er hatte noch nie jemanden kennen gelernt, der so verschlossen war. Quasi ein wandelndes Geheimnis.
"...was meinen Sie, Segawa-kun?"
"Wie?"
Mit einem Schlag war er wieder in der Realität. In letzter Zeit passierte es zu oft. Er grübelte zu oft über Kamui nach. Das war gradezu eine Besessenheit. Kamui-besessen. Ob es das als offizielle Krankheit gab? Vielleicht konnte er sich damit in der Schule entschuldigen? Glücklicherweise ließen die fiesen Fragen seines Lehrers nicht zu, dass er diesen Gedankengang weiterverfolgte.
Nach Schulschluss  fiel ihm wieder das eigentliche Problem ein. Sinkendes Barometer. Er musste etwas unternehmen. Ungeduldig von einem Bein aufs andere tretend wartete er auf Kamui, der mit scheinbar unendlicher Langsamkeit seine Sachen zusammenpackte. Wenn er noch langsamer wird, geht er rückwärts, dachte Keiichi verärgert. Dann musste er über sich selber lachen. Gehen? Außerdem war es schließlich nicht Kamui's Schuld. Er schien nie damit zu rechen, dass Keiichi auf ihn wartete. Und genau das sagte er ihm auch immer wieder. "Du brauchst nicht zu warten." Genauso wie heute. In exakt diesem Tonfall. Mit exakt diesem ganz leicht verärgerten - angeärgert, hatte Keiichi es getauft - Gesichtsausdruck.
"Ich will aber." antwortete er fröhlich. Auf Kamui's unterschwellige Geh-weg-du-nervst-Signale reagierte er schon lange nicht mehr. Kamui schüttelte nur den Kopf und marschierte an ihm vorbei nach draußen. Keiichi joggte hinterher. Im ersten Augenblick blendete der grelle Sonnenschein ihn. Für Anfang Herbst war es noch richtig warm. Was ihn auch auf seine Idee gebracht hatte. Aktion Kamui-aufheitern-Start! Heute, spürte er, wird es ein Erfolg. An manchen Tagen hatten seine Bemühungen, egal wie sehr er sich anstrengte, keinen Erfolg. Dann konnte nichts und niemand ihn aus diesem abgrundtief schwarzen Loch holen. Aber nicht heute. Heute hatte er einen Plan. Erfolg lag in der Luft.
"Gehen wir Eis essen." schlug er vor. Gleichzeitig, um seinem Opfer gar nicht erst die Chance zu Flucht zu geben, packte er Kamui und schleifte ihn zur Eisdiele. Die war klugerweise (und strategisch günstig) gegenüber der Schule gelegen. Kein weiter Weg, nicht viele Chancen zur Flucht für Kamui. Interessiert studierte Keiichi die angebotenen Eissorten. Ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen. Eine schwierige Wahl. Über diese wichtige Entscheidung nachgrübelnd, hätte er Kamui beinahe vergessen. Jetzt drehte er sich schwungvoll zu ihm um.
"Und? Was möchtest du?" Erschrocken zuckte Kamui zusammen. "Hm? Was?"
War wohl wieder in Gedanken weit weg gewesen, vermutete Keiichi. Das passierte ihm oft. Also wiederholte er seine Frage.
"Welche Eissorte? Ich lad dich ein." Sofort protestierte Kamui.
"Unsinn, du musst mich doch nicht einladen. Ich kann.."
Keiichi unterbrach ihn einfach. "Ich will aber. Widerstand ist zwecklos. Also?"
"Vanille" gab Kamui achselzuckend auf.
"Nur Vanille?"
"Ja."
Nur Vanille? Aha.
Zehn Minuten später saßen sie zusammen auf einem sonnenbeschienen Stück Mauer, aßen ihr Eis und stritten sich über Galilei. Widerrufen oder nicht widerrufen, das war hier die Frage.
Und als Keiichi es auch noch schaffte Kamui zum Lachen zu bringen war der Tag gerettet. "Das ist ja alles schon und gut," hatte er gesagt, "aber hast du gewusst, dass Galilei zu den Illuminati gehört hat?" Daraufhin hatte Kamui ihn erst verblüfft angesehen und dann haltlos zu lachen angefangen. Er war überglücklich. Die Mission war noch erfolgreicher verlaufen als er es sich je vorgestellt hatte.
Zwei Sekunden später war der magische Augenblick vorbei. Jemand brüllte: "Kamui!!" , Kamui hörte sofort auf zu lachen und sah erschrocken hoch. Als wäre er bei etwas verbotenem ertappt worden dachte Keiichi unwillkürlich. Keuchend stand ein Oberschüler vor ihnen, den er noch nie gesehen hatte.
"Kamui, wo warst du? Wir dachten schon..." Der Blick des Fremden streifte Keiichi und er brach mitten ihm Satz ab. Stattdessen zog er Kamui von der Mauer und sagte: "Wir sollten gehen. Hinoto will dich sehen." Und schon waren sie weg.
Keiichi rieb sich verblüfft die Augen. War das eben wirklich passiert? Musste es wohl, denn Kamui war definitiv nicht mehr da. Und was sollte das? Entführung? Nein, wohl doch nicht. Dann fiel ihm auch wieder ein woher er den Oberschüler kannte. Das war einer von denen, mit denen Kamui morgens immer zur Schule kam. Die niedliche Mittelschülerin, eine Oberschülerin (glaubte er zumindest), der Typ von eben und Kamui. In der Tat eine seltsame Gruppe. Zumindest gab es keinen Grund sich Sorgen zu machen (hoffte er, über die Mittelschülerin hatte er seltsame Geschichten gehört. Redete mit Leuten, die gar nicht da sind und so).. Irgendwann, nahm er sich vor,  Kamui nach ihnen zu fragen. Vielleicht.
Jetzt aß er erstmals sein Eis auf und bedauerte, dass Kamui so schnell gehen musste.

Gelangweilt malte Keiichi Kringel auf seinen Collegeblock und starrte gleichzeitig aus dem Fenster. Glücklicherweise konnte man von seiner Klasse (und seinem Platz) aus das Schultor wunderbar beobachten. Noch keine Spur von Kamui. Einen Augenblick erwog er draußen am Tor zu warten, dann verwarf er die Idee wieder. Der strahlende Sonnenschein von gestern war einem nervigem Nieselregen gewichen. Er wollte nicht nass werden. Falls man von Nieselregen überhaupt nass werden konnte. Aber egal wie man den Zustand nennen wollte, er mochte ihn nicht. Die Aussicht vom Klassenzimmer war genauso gut, definitiv.
Na endlich, da kam Kamui ja. In dem Haufen Schüler am Tor hatte er ihn beinahe übersehen. Und tatsächlich, der Typ von gestern neben ihm. Er hatte sich also nicht geirrt. Super. Und die zwei Mädchen waren auch dabei. Der Detektiv in ihm erwachte. Interessiert beobachtete er die Gruppe. Sie blieben einen Moment stehen, unterhielten sich, dann ging Kamui in die andere Richtung davon. Wo will er denn hin? Der Schuleingang liegt in der entgegengesetzten Richtung. Vielleicht eine Rauchen? Unsinn, Kamui raucht nicht. Keiichi fielen noch einige andere Erklärungen ein. Eine unsinniger und unrealistischer als die andere. Als er bei Möglichkeit Nr. 33, Kamui rettet noch kurz vor der Schule die Welt, angelangt war, zwang er sich sich wieder hinzusetzten und an was ganz anderes zu denken. Zum Beispiel an seine nichtgemachten English Hausaufgaben.
Endlich, kurz vor Lehrer kam Kamui endlich als letzter in die Klasse geschlüpft. Für Keiichi's Fragen blieb keine Zeit. Er musste sich bis zur Pause gedulden.
Schließlich und endlich war es soweit. Der Moment der Wahrheit. Hier und jetzt, dachte Keiichi vergnügt, in dieser Pausenhalle. Fehlt nur noch die passende Musik. Sie saßen in der Halle (inzwischen regnete es richtig) und betrieben wie üblich Frühstückstausch.
"Ich hoffe es war nichts Schlimmes."
"Was? Wovon redest du?"
"Na von gestern. Du musstest doch so schnell weg."
"Ach das." Schon bevor Kamui wirklich antwortete wusste Keiichi das er keine erschöpfende Antwort oder gar Erklärung erhalten würde.
"War nicht wichtig. Mach dir keine Gedanken."
Na also. Was hatte er gesagt? Aber Weiterfragen würde nichts nützen. Das wusste er inzwischen. Kamui würde einfach nicht antworten. Punkt.

Den Fehler hatte er einmal gemacht. Nach dem Sportunterricht. Sie waren die Letzten gewesen, hatten noch mit dem Lehrer abgebaut. Keiichi war schon länger neugierig gewesen. Ihm schien der richtige Augenblick gekommen. Vorsichtig fuhr er mit der Fingerspitze über die blass-rote Narbe an Kamui's Schulter.
"Was ist passiert?"
Kamui's Reaktion war ebenso überraschend wie erschreckend. Blitzschnell schlug er Keiichi's Hand weg und sprang nach hinten. Erschrocken über diese heftige Reaktion machte Keiichi ebenfalls einen Schritt nach hinten. Für einen Augenblick glaubte er Panik ihn Kamui's Augen aufflackern zu sehen. Während Keiichi noch überlegte was er tun sollte, schien er sich wieder beruhigt zu haben, zog schnell sein Hemd über und sagte:
"Entschuldige. Ich rede nicht darüber."
Keiichi nickte und schwieg einen Augenblick, dann fragte er:
"Die Narben an deinen Händen. Stammen sie von demselben Unfall?"
"Ich sagte, ich rede nicht darüber." Kamui's Tonfall klang entschieden schärfer.
"Sorry, aber du kannst..." Keiichi brach mitten im Satz ab, als Kamui seine Sachen wortlos packte und sich umdrehte.
"Shiro-kun, warte..." rief er. Mit einem Krachen fiel die Tür zur Umkleide ins Schloß.
Am nächsten Tag benahmen sich beide als wäre nichts gewesen. Aber Keiichi hatte verstanden.

Deshalb fragte er auch jetzt nicht weiter. Wie gesagt, Kamui war praktisch ein Geheimnis auf zwei Beinen. Auch wenn Keiichi die, zugegebenermaßen, unrealistische Hoffnung hegte, dass Kamui ihm vielleicht eines Tages soweit vertrauen würde, um wenigstens die einfachen Fragen zu beantworten. Irgendwann. In ferner Zukunft. Und bis es soweit war, würde er weiter versuchen Kamui zum lachen zu bringen.


Fortsetzung folgt...

Juchu, endlich habe ich es geschafft. Eine Geschichte mit meinem absoluten Lieblingscharakter  Keiichi Segawa in der Hauptrolle. Teil 2 kommt so schnell ich tippen kann.

P.S Vielen Dank an alle, die meine andere Story  "Begegnung"  gelesen (und reviewt) haben. *knuddel*
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