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Hilfe, ich hab meinen Weg verloren

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
03.10.2004
18.12.2005
50
102.761
4
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Dieses Kapitel
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03.10.2004 2.273
 
Kapitel 2

Schule ist ein bekloppter Ort, an dem sich bekloppte Leute treffen




"Wir gehen zur Schule!"
Der Lärm war unerträglich, meine zwei verbliebenen Geschwister schrieen und lachten schon die ganze Zeit. Ich wollte jetzt schon nicht mehr. Dabei war ich noch nicht einmal aufgestanden.
"Komm Kris, sonst kommt Mami und weckt dich mit kaltem Wasser", belehrte mich Finn und ich zog mir die Bettdecke über den Kopf. Es war ein stummer Protest gegen die Verschwörung meiner Familie.

"Kris, Mami hat schon einen Eimer gefüllt", warnte mich Annika lachend und zog die Decke weg.
Meiner Wärmequelle beraubt, blinzelte ich verschlafen und kämpfte mich aus dem Bett. "Ich komme schon", nuschelte ich und schleppte mich mit letzter Kraft ins Badezimmer. Der Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich genauso aussah wie ich mich fühlte. Meine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und meine Augen waren gerötet. So sah also ein Zombie vom Dienst aus!
"Guten Morgen mein Engel!" Mein Vater steckte den Kopf zur Tür herein. "Willst du so zur Schule gehen?"
"Ja", knurrte ich erbost und steckte meinen Schädel unter den Wasserhahn. Kurze Haare waren klar im Vorteil, denn sie brauchten keine Ewigkeit zum trocknen und auch sonst waren sie praktisch.
Nachdem ich meine Haare genug ertränkt hatte, warf ich mir ein Handtuch über den Kopf und tapste zurück in mein Zimmer, um mich mit meinem Kleiderschrank auseinander zusetzen. Viel Auswahl hatte ich nicht, wenn ich den Wunsch meiner Mutter nachkommen wollte und als halbwegs ansehnlich zur Schule gehen wollte. Aber wollte ich überhaupt? Mit Sicherheit nicht!

Als ich mich in Schale geworfen hatte, konnte ich mich sehen lassen.
Die Jeans war mit Edding verziert und wies einige Löcher auf. Mein T-Shirt zierte die Aufschrift 'Ich bin ein Rebell' und meine alten, ausgelatschten Turnschuhe hatten auch schon bessere Tage gesehen.
Meine Haare hatte ich mit Gel und Haarspray in ein wildes Durcheinander gebracht. Nur gegen die geröteten Augen fiel mir keine andere Lösung ein, als eine Sonnenbrille aufzusetzen. Aber es war eh Sommer.

In diesem Aufzug betrat ich die Küche und blieb mitten in der Tür stehen. Am Tisch saß doch tatsächlich mein werter Bruder, zuckersüß lächelnd. Ich konnte mich nicht erinnern, dass er zu Besuch kommen wollte. "Hallo Kris!"
"Du sitzt auf meinem Stuhl", bemerkte ich und steuerte auf meinen Platz zu. "Runter mit dir, du Ausgeburt der Hölle. Sonst mach ich dir Beine." Um meine Drohung zu unterstreichen, postierte ich mich neben ihm und schaute ihn bitterböse durch meine Brille an. "Wird's bald?"
"Dein Wunsch ist mir Befehl", entgegnete er und stand tatsächlich auf. "In deinem Kaffee ist schon Zucker. Ich war mal so frei, Schwesterlein."

Ich ließ mich wie ein nasser Sack auf den Stuhl plumpsen und umklammerte meine Tasse, als wenn sie mein Leben war. "Hast du dich verfahren oder wieso gehst du mir am frühen Morgen schon auf den Keks?", erkundigte ich mich und ignorierte den ärgerlichen Blick meiner Mutter gekonnt. "Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich dich niemals wieder sehen bräuchte."
"Ich hatte Sehnsucht nach meiner einzigen Schwester, die ein vorlautes Mundwerk hat. Außerdem wollte ich dir viel Glück für den ersten Schultag wünschen."
"Dann kannst du ja jetzt wieder fahren", erklärte ich gespielt liebenswürdig und deutete auf die Tür. Eigentlich hatten wir mal ein gutes Verhältnis gehabt. Doch dann war diese Casting Show in unserer Stadt gewesen und entgegen aller Meinungen hatte er es ins Finale geschafft. Das war die Geburtsstunde der 'Flowerboys' gewesen und das Ende unseres Verhältnisses.

"Ich bin dein Bruder."
"Nur auf dem Papier", knurrte ich. "Im wirklichen Leben habe ich mich an ein Leben ohne dich gewöhnt. Finn ist mein Bruder. Du bist nur ein verlogener Hund, eine Ausgeburt der Hölle."
"Kristina!", rief meine Mutter entsetzt und hielt in ihrer Arbeit inne. "Kenneth ist mein Sohn!"
"Mein Beileid", wünschte ich ihr und stand wieder von meinem Platz auf. "Ihr entschuldigt mich, ich muss zur Schule."
"Ich fahre dich, Engel", bot mein Vater an und sprang vom Stuhl empor.
Doch ich winkte lässig mit der Hand ab. "Ich nehme den Bus", erklärte ich und verschwand schnell aus dem Haus.


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Die Busfahrt verlief unspektakulär. An die Blicke hatte ich mich in den sechs Wochen meiner Sommerferien gewöhnt und so sah ich darüber hinweg, dass die Businsassen mich wie ein Zootier begafften.
Ich ärgerte mich immer noch über meinen Ausbruch am Küchentisch. Vier Jahre lang hatte ich Kenneth immer schief von der Seite an und ihm das Leben zur Hölle gemacht. Aber meine Gedanken hatte ich immer für mich behalten. Nun war es passiert, sie waren mir in Form von Worten über die Lippen gekommen.
Dafür hätte ich mich in der Kloschüssel ertränken können!

Voller Begeisterung betrat ich den Schulhof und wie schon im Bus galten die skeptischen, entsetzten und belustigten Blicke mir. Ich war zwar nicht Eins von den Sieben Weltwundern, aber so glotzten die Schüler mich an. Gekonnt ignorierte ich das Schild 'Rauchen verboten', fischte meine Zigarettenschachtel aus der Tasche und genehmigte mir die erste Zigarette des Tages. In all der Hektik hatte ich noch gar nicht an die Befriedigung meiner Sucht gedacht.

Während ich rauchend auf dem Schulhof stand, machte ich mir ein eigenes Bild über die Schule. Es war ein altes Gemäuer, mehr fiel mir spontan nicht zu der Hütte ein. Mit Türmen und altmodischen Fenstern.
Wo war ich hier gelandet? In der Hölle?
Es schien so und das Schlimmste war, dass es auf dieser Schule auch Leute gab, die ihr Taschengeld für irgendwelche Teenzeitschriften ausgaben. Von 'Girls', über 'Yang', bis hin zur 'Bravour' war alles vertreten und tatsächlich prangte auf dem Titelbild der 'Yang' ein Gruppenfoto von den 'Flowerboys'. Darunter prunkte die Überschrift 'So wohnt Ken mit seiner Familie', die ich mit Müh und Not entziffern konnte. Na herzlichen Glückwunsch.

Aber ich war neugierig geworden und begab mich zu den zwei Mädchen, die aufgeregt miteinander tuschelten. "Darf ich mal?", fragte ich und nahm ihnen die Zeitschrift aus der Hand. Wie lange war es her, dass ich so einen Bockmist in der Hand gehalten hatte? Zu lange, wie ich feststellen musste, denn diese Zeitschrift hatte sich dermaßen verändert, dass ich Startschwierigkeiten hatte.
"Du bist es wirklich, oder?"
"Häh?", erwiderte ich und blätterte beunruhigt die angegebene Seite auf. "Wer soll ich sein?"
"Seine Schwester", antwortete das eine Mädchen und deutete auf die aufgeschlagene Seite. Ich ließ meinen Blick über die Bilder fliegen und konnte einen Schrei unterdrücken. Dort war doch wirklich ein Foto meiner Familie abgedruckt. Alle waren sie vertreten. Kenneth, unsere Eltern, Birgit und die Zwillinge. Nur ich fehlte und ich erinnerte mich wage an den Fototermin.
Ich hatte den Tag keine Zeit gehabt, beziehungsweise hatte keine Zeit haben wollen. Doch Presseleute waren zur Not erfinderisch, denn ein fast aktuelles Foto von mir gab es auch zu bewundern. Darunter stand mein Name, mein Alter und meine Hobbys. Und ich sollte ein großer Fan von 'Flowerboys' sein!

"Kannst du mir ein Autogramm von Ken besorgen?"
Diese Frage holte mich in die Gegenwart zurück und ich gab dem Mädchen das Schundblatt zurück. "Mit Sicherheit werde ich das nicht", antwortete ich und schmiss die Zigarette weg. Mir war die Lust aufs Rauchen vergangen.
"Er ist doch aber dein Bruder", begehrte das eine Mädchen auf, "und für dich ist es eine Leichtigkeit."
Jawohl, auf dem Papier war er mein Bruder! "Geh mir nicht auf den Keks!", fauchte ich und zückte mein Handy. Just in dem Moment ertönte die Schulklingel und ich beschloss für mich, dass ich wirklich in der Hölle gelandet war. Diese Klingel hörte sich doch tatsächlich wie der Big Ben an.
Aber ich ließ mich nicht von meinem Plan abhalten und wählte die Handynummer von Kenneth.

"Schulz?"
"Hier auch!", schrie ich aufgebracht ins Handy und drehte mich von den zwei Grachten weg. "Hast du eigentlich noch so etwas wie ein Gehirn?"
"Bleib ruhig, Schwesterlein", versuchte er mich zu besänftigen. "Wo ist dein Problem?"
Mein Problem? "Wenn ich nach der Schule das Haus betrete und du deinen Arsch nicht zurück in die WG geschwungen hast, bringe ich dich um. So wahr ich Kristina Schulz heiße, Kenneth. Und frag nicht wieso. Lies die 'Yang' und stell diese verdammte Scheiße richtig", verlangte ich von ihm. "Anders hat die Zeitschrift, dein Management und deine Person ein großes Problem."
Ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten, beendete ich das Gespräch, machte das Handy aus und verstaute es in einer meiner Hosentaschen. Ich hasste diesen Tag jetzt schon, dabei hatte ich erst noch sechs Stunden vor mir. Mein Leben war doch echt eine einzige Hölle!


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Mit zehn Minuten Verspätung stürmte ich in den Klassenraum. In meinem Wahn hatte ich es doch nicht geschafft, den richtigen Raum zu finden und war in zwei anderen Unterrichten hineingeplatzt. Diesmal war ich richtig, den ich entdeckte Thorsten und atmete auf. "Guten Morgen!"
"Kristina Schulz?"
Ich nickte und wich dem strengen Blick nicht aus. "So steht es auf meiner Geburtsurkunde, Frau Stute", erklärte ich und konnte einige Leute kichern hören. Was daran witzig war, verstand ich nicht. "Wo kann ich parken?"
"Neben Petra ist noch ein Platz frei", antwortete die Lehrerin und deutete auf einen leeren Stuhl in der letzten Reihe. War mir ganz recht. "Können Sie mir erklären, woher Sie jetzt kommen?"
"Von draußen", antwortete ich süffisant und schlurfte in die letzte Reihe, ließ meine Tasche auf den Boden fallen und mich auf den Stuhl plumpsen. "Ich hatte leichte Koordinationsprobleme."
"Dann stellen Sie sich doch mal vor, Kristina", forderte Frau Stute und ließ sich auf dem Lehrerpult nieder. "Sie sind jetzt schon eine kleine Berühmtheit auf dieser Schule."
Innerlich stöhnte ich auf, denn das wollte ich ja gar nicht sein. Mein Bruder war der Sänger, ich war nur ein Anhängsel der Familie. "Ich heiße Kristina Schulz, bin sechzehn Jahre alt und komme aus der Großstadt. Auf meiner alten Schule hörte sich die Schulglocke normal an und die Räume waren nummeriert. Mehr gibt es zu meiner Person nicht zu sagen."

Den Rest der Zeit verbrachte ich mit Rachegelüsten und Mordgedanken. Gelüste gegenüber meinen Eltern, Gedanken für meinen Bruder.
Beide Fraktionen hatten mein Leben auf den Kopf gestellt und ich hatte sie nicht aufhalten können. Sie hatten die Macht gehabt, während ich hilflos hatte zusehen müssen. Den Zwillingen war es vielleicht egal und auch Birgit ging mit ihrem Desinteresse ihren eigentlichen Weg. Doch ich hatte meinen Pfad immerzu ändern müssen, um ein halbwegs eigenes Leben haben zu können.
Gott, wie ich diesen Zustand hasste!



A/N: Das alles ist nur meinem Hirn entsprungen. Ähnlichkeiten mit bekannten Dingen kann, muss es aber nicht geben. Auch die Personen sollte es eigentlich nicht geben. Falls doch, dann lasst es mich wissen! *grins*

Nachdem ich nun einen Tag und eine Nacht durchgeschrieben habe und gerade beim vierten Kapitel bin, möchte ich meiner Inspiration danken. Also Alina, auch wenn du noch ein bisschen zu klein bist um diese Zeilen zu lesen, möchte ich mich bei dir bedanken! Ohne deine Existenz wäre das Leben mit unserer Familie nur halb so schön.
Danke mein Engel. Dafür, dass du mich zum Lachen bringst und mir so das Leben vereinfachst.

Ich würde mich über Anregungen, Lob (???) und ernst gemeinte Kritik freuen! Also, hinterlasst doch ein Review oder schreibt mir eine Mail.
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