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Hilfe, ich hab meinen Weg verloren

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
03.10.2004
18.12.2005
50
102.761
4
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Dieses Kapitel
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03.10.2004 1.652
 
Kapitel 1

Meine Familie - Der Leidensweg beginnt




Hatte sich einer schon mal gefragt, wieso das Leben hinterhältig war?
Wieso Eltern über den Kopf ihrer Kinder entscheiden konnten und dafür auch noch ein Danke hören wollten?
Warum ältere Geschwister für ihre Schadenfreude an die Wand genagelt werden sollten?
Ich fühlte mich von meinen Eltern hintergangen und von meinen älteren Geschwistern verarscht!

Aber vielleicht sollte ich erst mal etwas über meine Familie und den Anfang meines Leidenswegs erzählen, bevor ich mit der eigentlichen Geschichte beginne.


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Also, meine Eltern sind in unserer Stadt recht angesehene Leute.
Mein Vater ist Autohändler und sitzt im Rat der Stadt. Meine Mutter mimt die perfekte Hausfrau und hilft ihrem Gatten bei seinem Bürokram.
Nichts Besonderes, ich weiß. Ich bilde mir auch nicht viel darauf ein.
Viel mehr finde ich es ätzend, dass wir als so perfekte Familie gelten. Meine ganzen Freunde beneiden mich darum und können nicht verstehen, dass ich es satt habe mit dieser Sippe zu leben. Aber die wissen auch nicht, wie es ist, wenn die ältere Schwester einen Schaden hat, die Eltern nur das Gute in einem sehen und der älteste Bruder ein Mitglied einer Boygroup ist.

Der weibliche Teil meiner Freunde findet meinen Bruder schnuckelig, süß und zum verlieben. Ich könnte kotzen, wenn ich auf ihn treffe. Der Typ heißt übrigens Kenneth, nennt sich aber aus boygrouptechnischen Gründen nur Ken.
Da sieht man doch, dass der mit Dreiundzwanzig nicht alle Tassen im Schrank hat.
Dann haben wir noch meine Schwester Birgit, die mal gerade vier Jahre älter ist und denkt, die Größte zu sein. Leider leben wir in einem Land, wo das Denken noch erlaubt ist.
Die ist nämlich blond auf die Welt gekommen.
Nicht das mich hier jetzt jemand falsch versteht, ich bin von Natur aus selber blond und habe eigentlich nichts gegen Blondinen. Aber Birgit oder Britt wie sie von ihren Freunden gerufen wird, erfüllt alle Klischees einer Blondine.
Zum Schluss kommen noch die Zwillinge, die mit acht Jahren die Jüngsten von uns Kindern sind.
Eigentlich mag ich die Zwillinge. Sie sind witzig und nicht auf den Kopf gefallen. Sie schwimmen auf meiner Wellenlänge.
Wenn ich gut drauf bin, behaupte ich sogar, dass ich Finn und Annika liebe. Aber wirklich nur, wenn meine Laune auf dem Höhepunkt ist und das kommt selten vor.

Zu meiner Person gibt es nicht viel zu sagen. Meine Eltern haben mich auf Kristina taufen lassen und vor der Geburt der Zwillinge galt ich als letzter Nachkomme der Familie Schulz.
Na ja, man kann ja nicht in die Zukunft blicken und als ich acht Jahre alt war, kamen die Nachzügler in Form von zwei Schreihälsen, die unser Haus ordentlich auf den Kopf stellten.
Das war meine Chance aus den mütterlichen Klauen zu entfliehen, denn mir wurde von dem Tag an nicht mehr sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Welch ein Segen!
Nun bin ich Sechzehn und soll in drei Jahren mein Abitur machen. Wie meine zwei älteren Geschwister vor mir.
Kein Thema, nur bin ich leider nicht so lernwillig wie die zwei Haschkekse vor mir. Ich kenne zig tausend Möglichkeiten um meine Freizeit ohne Bücher zu gestalten. Zum Beispiel mit meinen Freunden durch die Stadt ziehen, etwas Aufmerksamkeit erregen und dann im Park zu verschwinden.

Leider ist die Zeit nun vorbei!
Mein Vater ist es nämlich leid, sich ständig etwas über seine missratene Tochter auf den Stadtratssitzungen anzuhören.
Wir ziehen um!
In so ein Kuhdorf mit knapp zweihundert Seelen, die wahrscheinlich das Wort 'Großstadt' noch nicht mal buchstabieren können. Wo die Luft noch gesund ist und meine zwei Geschwister im Grünen aufwachsen können.
Diese Nachricht wurde mir eben übermittelt. Gerade als ich den Kartoffelauflauf meiner Mutter in mich hineingeschaufelt habe und die Zwillinge sich um das letzte Ei geprügelt haben. Der Kartoffelauflauf ist vor Schreck wieder aus dem Mund gesprungen, mitten auf Kenneths Teller. Der Aufschrei von Birgit war herrlich. Aber leider ist mir nicht nach Lachen zumute.

Ich, Kristina Schulz, soll auf ein Dorf ziehen? Fernab von der Zivilisation?
Vermutlich kennen die dort nicht mal das Wort 'Kabelfernsehen' in ihrem Vokabular, melken morgens um Sechs noch die Kühe und nehmen ihre Kinder an die Hand.
Nein! Niemals ziehe ich in so ein Nest! Und wenn doch, dann nur in einem Holzkoffer!


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Okay, das mit dem Holzkoffer hat nicht geklappt. Meine Eltern haben die scharfen, spitzen und sogar stumpfen Gegenstände vor mir in Sicherheit gebracht. Auch Stricke jeglicher Art haben sie vor mir versteckt.
Ich durfte nur noch die Klasse beenden und dann mein Habe in Kartons verpacken. Das Haus ist verkauft, mein Bruder ist eine WG gezogen und Birgit ist ins Studentenwohnheim umzogen.
Jetzt lungere ich in diesem Kuhdorf rum.
Leider sind noch Ferien und vor lauter Langeweile habe ich die Einwohner gezählt. Bin doch auf Hundertneunundachtzig gekommen. Davon sind Drei in meinem Alter. Herzlichen Glückwunsch!

Das Dorf bietet nicht viele Highlights. Einen Kinderspielplatz, eine Kneipe die nie geöffnet hat, eine Feuerwehr, ein Neubaugebiet, eine Partei, die Landfrauen und eine Bushaltestelle. So gibt es wenigstens die Möglichkeit die Schule zu besuchen. Hatte irgendwie schon Angst bekommen, dass ich mit dem Traktor zur Schule gebracht werde.
Mein Vater ist gleich in die Partei eingetreten und meine Mutter lernt bei den Landfrauen fortwährend neue Rezepte kennen. Auch plant sie die Wiese hinter unserem Haus in einen Acker zu verwandeln. Meinen Segen hat sie, solange ich nicht in der Erde buddeln muss. Habe heute doch tatsächlich Leute gesehen, die mit Vorliebe im Dreck wühlen.

Ja, ich wage mich aus dem Haus. Aber nur um die Bevölkerung mit meiner Person zu schocken. Ich habe mir nämlich die Haare extra vor dem Umzug noch mal gefärbt und neue Klamotten zugelegt. Will doch meinem alten Image treu blieben und das geht halt nur mit meinem Aufzug. Wer denkt, dass ich mit diesen Hinterwäldern spreche, der hat sich aber geschnitten. Reicht schon, dass ich mich der frischen Luft aussetze.
Übrigens gibt es in dem Dorf keine Kühe. Also werden die Viecher auch nicht um Sechs gemolken. Dafür gibt es aber Schweine, Hühner und in meiner Nachbarschaft kräht morgens um Fünf so ein bekloppter Hahn. Ich würde ihn sofort umbringen, aber meine Mutter wacht über dieses Vieh, als wenn es zu unserer Familie gehört.

Kenneth und Birgit rufen alle zwei Tage an und erkundigen sich nach unserem Wohlbefinden und ob ich schon etwas ruhiger geworden bin. Ich hasse diese Geschwister!
Aber ich muss sie enttäuschen, ich ändere mich nicht für dieses Dorf. Sollen die Nachbarn doch denken was sie wollen und mich mit ihrer Meinung verschonen.
Frau Keller, eine ältere Dame, ist bei meinem ersten Anblick beinah in Ohnmacht gefallen. In ihrer Zeit hat es so etwas nicht gegeben. Gott sei Dank ist ihre Zeit längst vorbei.
Familie Eggers sieht meinen Auftritt eher mit Humor. Ihr Sohnemann Thorsten ist in meinem Alter und auch auf dem Gymnasium in dem sechs Kilometer entfernten Städtchen. Wir kommen in eine Klasse. Darauf freue ich mich jetzt schon, denn er ist ein Langweiler.
Auch die anderen zwei Altersgenossen schwimmen nicht auf meiner Wellenlänge.
Petra schwärmt für 'Flowerboys' und findet ausgerechnet Ken gut. Soll ich ihr mal sagen, dass sie absolut nicht der Typ von meinem Bruder ist? Sie ist voll ein Mauerblümchen und versteckt sich hinter einer Brille, die einem Blinden das Sehen ermöglicht. Vielleicht muss ich ihr mal unter die Arme greifen und aus diesem unscheinbaren Wesen ein Paradiesvogel machen.
Bleibt nur Felix, der ein Ass in Sport ist und den liebenlangen Tag auf dem Feld verbringt. Sein Vater ist der einzige Bauer in dem Dorf und er muss in den Ferien helfen. Das hat zur Folge, dass er braun gebräunt ist. Ich dagegen sehe wie das Leiden Christi aus. Und Muskeln hat der, die selbst Kenneth vor Neid erblassen lassen würden.

Fazit: Ich will wieder in meine geliebte Großstadt! Aber nein, ich bin erst Sechzehn und darf aus gesetzlichen Gründen noch nicht alleine in einer Wohnung hausen. Doch diese zwei Jahre krieg ich schnell herum und dann packe ich mein Habe wieder in Kartons. Das schwöre ich, Kristina Schulz, mit meinem Leben!




A/N: Dieses Kapitel ist in der Gegenwart geschrieben und andere Personen werden nur am Rande erwähnt. Sie haben also kein Mitspracherecht. Aber ab dem Nächsten wird sich das ändern, denn Kapitel 1 soll eigentlich nur zeigen, was für ein Mensch die Kristina Schulz ist.
Falls sich Dörfler jetzt auf den Schlips getreten fühlen... Tief durchatmen. *grins* Komme selber vom Dorf. Aber ohne Kühe und Schweine. Der einzige Hahn der um Fünf gekräht hat, war das Vieh in unserem Stahl. Jetzt guckt er sich die Radieschen von unten an.

Ich würde mich über Anregungen, Lob (???) und ernst gemeinte Kritik freuen! Also hinterlasst doch ein Review oder schreibt mir eine Mail.
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