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Shadowrun

von Jack
GeschichteAbenteuer / P18 / Gen
18.08.2004
18.08.2004
15
36.220
 
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18.08.2004 945
 
Gegen 16 Uhr setzte der Regen ein, und wurde rasch zu einem dichten Schleier. Es war Winter in Seattle, das bedeutete Regen, auch wenn es nicht wirklich kalt war. Kikuyo lag in dem Pool ihrer Wohnung und lies sich vom Wasser tragen. Den Blick starr in den dunklen Wolkenverhangenen Himmel gerichtet, sah sie zu, wie das Wasser über das Glasdach über ihr rann. Es war dunkel, nur die Lichter im Pool waren an, und warfen grazile, schimmernde silber -blaue Muster auf den Marmor. Kikuyo fühlte sich eigenartig, das Wasser umhüllte sie wie ein Kokon, der sie vor der Zeit außerhalb schützte, und ihr eine eigene Welt enthüllte. Nur ihre Lippen und die Nase waren nicht vom Wasser bedeckt. Sie sah die gewaltigen und aggressiven Ströme von Regen zwar, die gegen das Glas schlugen, doch konnte sie nichts hören. Das Wasser um sie herum hielt alle Geräusche von ihr fern, sogar das, was man vermeintlich hörte, wenn man allein ganz still in einem Zimmer saß. Es war eine andere Art der Stille, sehr viel angenehmer. Sogar die Zeit schien sich ihr anzupassen. Es gefiel Kikuyo, so konnte sie am Besten nachdenken. Sie hatte nicht diesen elenden Drang zu handeln, immer weiter zu müssen, in Bewegung bleiben zu müssen. Es ging ihr nichts verloren, nicht in dieser Stille, nicht in dieser Welt. Hier ging das Leben nicht ohne sie weiter. Irgendwann, bewegte sie sich schließlich doch, tauchte ein letztes mal ganz ab, und stieg schließlich aus dem Pool. Um halb sechs sollte ihre Beerdigung stattfinden, sie mußte sich noch zurecht machen. Um unerkannt zu bleiben hatte sie sich entschieden einen maßgeschneiderten Anzug von Fashion Island zu tragen, züchtiges Schwarz. Flache, schlichte Schuhe. Ein breitkrempiger schwarzer Hut, der den Regen abhalten würde, und darüber hinaus auch noch ihr Gesicht verdeckte. Kikuyo steckte sich die Haare hoch, so daß es den Anschein hatte, sie hätte einen kurzen Männerschnitt. Zum Schluss noch eine Sonnenbrille, mit allem technischen Schnickschnack den man hatte hineinarbeiten können, und einen weiten, schwarzen dennoch gut gepanzerten Mantel. Schwarz, keine andere Farbe, kein anderes Gefühl. Sie hatte sich entschieden ohne Waffen zu gehen, alles was sie bei sich trug, waren schwarze, elegant aussehende Handschuhe, und ihr Messer. Die Handschuhe waren optisch harmlos, doch schlug sie mit ihnen zu, würde ihr Opfer einen gehörigen Stromschlag verpasst kriegen, funktionierte auch bei Regen einwandfrei...
Ein Taxi brachte sie ohne Umwege zu dem Friedhof, kein Mensch war weit und breit zu sehen. Da der Wagen automatisch fuhr, brauchte sie nur den tatsächlichen Fahrpreis zu bezahlen. Kein Feilschen, kein Schweigegeld. Langsam ging sie über den Friedhof, die schmalen Wege waren teilweise stark überwuchert, an den wenigen Gräbern, wo echte Steine standen, prangte grünes Moos auf ihnen, und ließ die Inschriften unleserlich werden. Heute stellte man keine Steine mehr auf. Plastik, das war gut, und bestand größtenteils gegen den Zahn der Zeit. Rosensträucher die um diese Jahreszeit kahl und farblos waren, ließen ihre mit Dornen gespickten ranken über Wege und Durchgänge wuchern. Kikuyo brauchte eine ganze Weile, bis sie auf dem Feld ankam, auf welchem die Namenlosen lagen, oder zumindest ihre Plastiktafeln. Eine große Blautanne bot ihr Schutz, während sie die kleine Prozession beobachtete, die dort stand. Ein paar Polizisten, ein Journalist und ein Mann vom Friedhofspersonal. Die Tafel war neben unzähligen anderen, auf ihr prangte nicht mehr als eine bloße Nummer. Der Journalist war der Erste, der sich zum Gehen wandte, ihm folgten rasch die Polizisten und der Mann vom Personal. Nur einer blieb, trotz Regen. Wasser tropfte aus seinen Haaren, und von seiner Nasenspitze, er war der einzige in Zivil. Selbst wenn Kikuyo zu weit weg gestanden hätte, um sein Gesicht zu erkennen, so verriet ihn doch eine Geste. Seine Hand fuhr durch seine blonden Haare, während er mit der anderen ein Messer zog und in die Hocke ging. Schließlich, es mochten gut 20 weitere Minuten vergangen sein, war auch er verschwunden. Kikuyo wartete noch eine kleine Weile, dann trat sie vor. Unter der Nummer war deutlich noch etwas zu lesen "Kikuyo Kayama / Rest In Peace" Ruhe in Frieden.
Raschen Schrittes machte sie sich daran, den Weg zurück zu suchen. Der Kies knirschte plötzlich unangenehm laut unter ihren Schuhen, und die Dornen der Büsche schienen sie festhalten zu wollen. Einbildung, alles dumme Einbildung. Während Kikuyo noch versuchte sich zu orientieren stellte sie fest, daß der Weg nicht mehr dem glich, dem sie zu Anfang gefolgt war. Verwildert  war noch ein netter Ausdruck, für den Sektor des Friedhofs, in dem sie sich nun befand. Sie blieb stehen und sah sich um. Büsche, Sträucher, Hecken, Bäume... sonst nichts. Allmählich beruhigte sie sich wieder. Was sollte es? Dann würde sie eben etwas suchen müssen, um den Ausgang zu finden. Ihr machte das nichts aus. Die Atmosphäre, die diesen Ort umgab, gefiel ihr. Sie hatte Zeit.
Was Kikuyo nicht wissen konnte, war, daß sie in der Tat beobachtet wurde. Der Beobachter stellte keine Gefahr für sie dar, noch nicht, weshalb sie seine Anwesenheit auch nicht sofort bemerkte.
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