OSL If the love is blind

von KanshinX
GeschichteRomanze / P12
15.08.2004
15.08.2004
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Wie alt war ich, als ich verzweifelt versuchte, die wahre Definition des Wortes Liebe herauszufinden? War ich 12, war ich 13?! Ich weiß es nicht mehr so genau, erinnere mich allerdings noch an die zahllosen Schreiben, die ich verfasste, um diesem Problem auf den Grund zu gehen. Auch erinnere ich mich an die zahllosen Fragen, die ich meiner Mutter, meinen Freundinnen und Fremden stellte, um es endlich herauszufinden. Damals hatte ich es mir zum Lebensziel gemacht, herauszufinden, was die Liebe ist, von der alle Welt redet und die aller Welt so wichtig ist oder die sie alle verfluchen. Wollte erfahren, weshalb Menschen dafür leben und sterben, was dieses Gefühl ist, das den Zusammenhalt unserer Welt ermöglicht. Ich bin herumgerannt und fragte sie folgende Frage: "Was ist die Liebe eigentlich?!" Und glaubt irgendwer, ich hätte eine Antwort bekommen?! Nein, kein einziger von ihnen konnte diese kleine Frage beantworten, stattdessen kapitulierten sie oder versuchten, sich mit "wenn man liebt, könnte man die ganze Welt umarmen" u.Ä. aus der Affäre zu ziehen.

Anschließend fing ich an, Bücher mit Liebesgeschichten zu lesen und ärgerte mich, dass mir auch dort niemand die Liebe erklärte, verstand nicht, warum ein nettes Mädchen einem Angeber und Vollidioten hinterherlief und behauptete, sie würde ihn lieben. Brachte die Liebe Menschen etwa dazu, solch großrahmige Fehleinschätzungen vorzunehmen?! War sie so furchtbar, dass man am Ende Leute mochte, die mir in diesen Geschichten als so verabscheuungswürdig erschienen waren?! Zu der Zeit erschien mir es zumindest utopisch und ich vertraute stattdessen, erschrocken durch diese Geschichten und die Wahl meiner eigenen Mutter, mich nie in einen wirklichen Menschen zu verlieben. Nein, nie wollte ich den Fehler meiner Mutter mit ihrem arroganten und beinahe schon brutalen Partner begehen, nie so werden wie die Figuren in den Büchern über die Liebe! Zudem wollte ich nie den Weg meiner Freundinnen einschlagen, die plötzlich nur noch über Jungs und ähnliches redeten oder sich imaginäre Freunde zum angeben ausdachten. Beim besten Willen wollte ich nicht auch so sein, selbst, wenn sie mich nun als unreifes Kind und CD mit Sprung abtaten, die von nichts eine Ahnung hatte... aber hatten sie die Ahnung?! Wohl nicht...aber ich auch nicht, wie ich nicht viel später feststellen sollte...

Mit den Jungs, dem anderen Geschlecht, verband ich übrigens nie sehr viel und für mich waren es einfach allesamt Idioten, die nichts anderes im Sinn hatten, als mich bis in alle Ewigkeit zu nerven. Streitigkeiten um einen Jungen in der 5. Klasse, Probleme mit der Tatsache, neben jemand bestimmten bei einer Deutscharbeit zu sitzen... alles nur Einbildungen und unwichtige Dinge, die ich mir einst so eingeredet hatte und die mich zu der Überzeugung brachten, dass es womöglich kleine Ausnahmen gab. Vielleicht zumindest! Und mit aller Wahrscheinlichkeit sind und blieben diese ersten 14 Jahre meines Lebens die Jahre, in denen ich wissenschaftlich mit der Liebe umging und es schaffte, nicht mehr als zwei Gedanken am Tag an einen Jungen zu verschwenden. Unfassbar, wenn man es mit dem Jetzt und Heute verglich.

Stattdessen stehe ich jetzt hier und frage mich wirklich, an wen und was ich zu der Zeit gedacht hatte Tag für Tag. So angestrengt ich auch nachdachte, es kam mir nicht mehr in den Sinn, vielleicht war es ja so bedeutungslos gewesen, dass ich es mit dem Anfang des Endes alles verdrängt und vergessen hatte. Einzig und allein zwei kleine Tagebücher zeigten mir an was ich zu der Zeit gedacht hatte und im Grunde erschreckte es mich im Nachhinein durchaus: Manga und Schule!
An mehr hatte ich nie gedacht, hatte nur Tag für Tag die Schule verflucht und innerlich immer und immer wieder auf gute Noten (die zu der Zeit nicht vorhanden waren) gehofft und im Unterricht Zettel mit anderen geschrieben. Vermutlich hatte ich zu der Zeit keine große Bindung zur Schule, keinen Wunsch, gute Noten mit Anstrengung zu erlangen, nein, ich nahm es hin, dass es Fünfen und Sechsen hagelte und ich mit der Zeit in einem eigens erschaffenen Abgrund des inneren Stresses versank. Dachte Tag für Tag an Noten und das nächste Zeugnis, die Versetzung, tat andererseits kaum etwas dafür und lernte stattdessen immer im letzten Augenblick.

Gut, bessere Noten erfreuten mich schon, aber da ich allgemein keinen Druck hatte und es für mich zu der Zeit wohl nicht so wichtig war, kam schließlich, was kommen musste. Eine Sache, die sich bereits zwei Jahre zuvor angekündigt hatte und die mich endgültig aus dem Sumpf der Notensachen und den Problemen mit der unbeantworteten Frage nach der Liebe zog. Ja, ich wurde endlich erwachsen und verließ all das, das mir zuvor die Frage nicht beantworten konnte und das mich im Grunde nie für voll genommen hatte. Spätestens seit der Sache mit den imaginären Freunden oder den beiden Spinnern, denen meine besten Freundinnen nun hinterher rannten, war es so gewesen und im Grunde war dieses Ende meine Rettung... meine Rettung vor einer Welt, die nicht zu mir passte und nie zu mir gepasst hatte.

Aber wusste ich von dem Glück?! Anfangs zumindest nicht, anfangs hatte ich mir ganz andere Sachen ausgemalt und hatte gehofft auf einer anderen Schule, einer anderen Schulform, da mich die Alte nicht mehr haben wollte, Leute zu finden, zu denen ich passte und die mich akzeptieren würden. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellen sollte! Es brauchte nur einen einzigen Schultag und ich war fest überzeugt, im Kindergarten oder im Modesalon gelandet zu sein (man beachte die Mädchen). Sie alle kamen mir vor, als hätten sie das Wort "Ernsthaftigkeit" nie vernommen (was sie wohl auch nicht hatten...ist immerhin ein Fremdwort!) und als würden sie legendlich in einer Spaß- und Spielwelt leben. Und ich hatte sofort folgendes verstanden: Das ist auch nicht der Ort, an den ich gehöre!

Auch jetzt, zwei Jahre später, war ich noch davon überzeugt, dass diese Schule nicht der Ort war, an den ich gehörte. Denn egal, was ich auch gelernt, gelitten und verstanden hatte, ich war dort fremd und gehörte nicht dazu, nein, ich würde niemals dazugehören! Vielleicht wollte ich es auch nicht oder es ist einfach unmöglich, eine wirkliche Heimat für mich zu finden. Zu Beginn verschaffte auch meine natürliche Arroganz, die mir nun erst mit der Zeit bewusst wurde, mir eine Ausgangsposition, aus der ich mich schwer hocharbeiten konnte. Andererseits wollte ich auch nicht unbedingt mit jenen arroganten und aufgeplusterten Mädchen etwas zu tun haben und die Einschätzung der Arroganz des Gegenübers beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Wahrscheinlich sogar eine berechtigte Einschätzung, selbst, wenn ich dies zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen wollte und/oder konnte.

Übrigens gibt es ja bekanntlich Personen, die die Menschheit an sich in "Checker" und "Loser" einteilen. Nun ja, verließ man sich in meinem Fall auf dieses primitive System der Einteilung, so gehörte ich eindeutig der zweiten Gruppe an. Unumstritten und ich hatte auch nie etwas unternommen, um diese Tatsache zu ändern. Nein, ich versuchte verzweifelt das Ideal einer Anti-Opportunistin zu vertreten und kämpfte somit einen aussichtlosen Kampf, vor allem an der Schule, an der ich jetzt gelandet war. Zudem gibt es Menschen, die andere nerven und Menschen, die von anderen genervt werden. Auch hier gehörte ich der zweiten Gruppe an und lernte bei diesen neuen Leuten ein neues Extrem von Nerven kennen! Nie hatte ich zuvor anderes erlebt als ein Typ, der alle paar Tage mal im Unterricht Beleidigungen mitteilte oder einen Schleimer, der versuchte, mit "allen" Mädchen etwas anzufangen, aber an mir scheiterte. Nein, das waren die bisherigen Extreme gewesen und das neue Extrem sprengte diese Grenzen. Denn nun durfte ich eine ganze Klasse und ihren Anführer als "nervige Objekte" betiteln und lernte, was für eine gute Angriffsfläche Dinge wie "ungewöhnlicher Nachname", "andere Kleidung", "Gymnasialvergangenheit" und "unterkühltes Verhalten" bieten.

Im Nachhinein haben sie mich wohl stark gemacht, indem sie mich nicht umgebracht haben, da Mord sogar an jener Schule ein Tabu zu sein schien. Selbst körperliche Übergriffe erlebte ich kaum und kam mit ein paar blauen Flecken, die von Verrückten und fliegenden Flaschen stammen mochten, davon. Die psychische Belastung hingegen lief auf Schreiattacken, beinahe Weinen (auf Grund von grober Ungerechtigkeit) und notorischen Kopfschmerzen hinaus. Klingt nicht so gut? War es wohl auch nicht, aber im Laufe der Zeit war es monoton, normal und unbedeutend für mich geworden. Stundenlange, mich beleidigende Diskussionen mit Lehrern und fliegende Stifte im Kunstunterricht lernte ich mit der Zeit einfach zu übersehen, denn es war normal, nichts weiter. Wie ich das geschafft habe? Nun ja...vielleicht ein wenig Selbstcourage...aber vermutlich war es unbestritten die verfluchte Liebe, die mich im Endeffekt vor Schlimmeren bewahrt hat. In Hinsicht darauf will ich mich noch einmal bedanken: "Danke dafür, dass ich jetzt weiß, was Liebe ist!" Wem ich danke?! Vielleicht mir selbst, vielleicht dem Schicksal oder einer Person, die etwas nicht Beabsichtigtes hervorgerufen hat...