A 1000 words have never been spoken

von KanshinX
GeschichteRomanze / P6
15.08.2004
15.08.2004
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Geschichten, die ein endgültiges Ende haben, sind es schöne Geschichten? "Endgültiges Ende", es bedeutet, dass jemand oder alle sterben, denn ohne Tod ist nichts endgültig. Beim Happyend bleibt die Zukunft offen, niemand weiß, ob sich die Liebenden womöglich trennen oder ob sie verfallen an Drogen oder Ähnlichem. Doch wenn einer stirbt, ist der Andere gezwungen, sich bis in alle Ewigkeit zu erinnern, einem bis in alle Ewigkeit nachzutrauern oder/und gar zu lieben... Ist das keine schöne Vorstellung? Sterben, sein Lebensziel erreicht zu haben und somit ewige Liebe zu behalten? Ist es nicht so? Oder...

Regen, ich denke, es fällt immer Regen, wenn etwas Trauriges geschieht oder auf Beerdigungen, auf Beerdigungen muss es regnen. Vielleicht regnete es auch aus diesem Grund heute... oder es regnete, weil deine Eltern vor der Festlegung dieses Termins den Wetterdienst studiert hatten und Regen für das korrekte Ambiente bei einer Beerdigung hielten. Was hättest du aber dazu gesagt? Ich weiß, dass du den Regen geliebt hast, meintest einmal zu mir, er würde Sorgen verschwinden lassen, dich frei machen von allen Leiden, dich wieder zum lachen bringen, wenn du traurig warst vorm Regen. Ich bin nicht so und kann jetzt nicht lachen, auch, wenn der Himmel sich unglaublich anzustrengen scheint, all die Sorgen und Leiden mit diesem subtropischen Regen fort zu waschen. Bei mir funktioniert es nicht, zum Glück? Bestimmt wäre es traurig, könnte dieses Wetter jetzt mein Unglück, meine Trauer verschwinden lassen...

Und du, du hast zu mir gesagt, ich solle nicht so traurig sein, solle doch daran denken, wie glücklich du im Moment deines Todes seiest. Wie schön es doch sei, dass du dein Lebensziel erreicht hattest, bevor der Tod vor deiner Tür stand. Ich erinnere mich, wie du vor mir standest und lachtest, meintest, dass du dankbar bist für all die schönen Tage und für das Leben, das dir nicht wie verschwendet vorkam.
Du hast meine Tränen nicht beachtet, hast mir nicht zugehört, als ich dich anflehte, doch operieren zu lassen. Hast abgewehrt und gesagt, du wollest auf keinen Fall im Rollstuhl sitzen und mich nicht mehr wahrnehmen können. Ich glaube, es wäre das Schlimmste für dich gewesen, all das, was war, zu vergessen und weiterzuleben. Vermutlich grausamer als der Tod, der dich jetzt eingeholt hat. Eingeholt, nachdem wir ein letztes Mal fortgefahren sind und eine Woche lang das Glück der Erde gesucht und gefunden haben.

Überhaupt warst du sehr glücklich in den letzten Wochen, hattest endlich einmal keine Zukunftssorgen und solche Dinge mehr, konntest endlich einmal unbeschwert lachen und deinen Spaß haben, ohne an irgendwelche Folgen zu denken. Macht der bevorstehende Tod Menschen glücklich? Nein! Aber sorgenfrei, einen Moment lang unbeschwert und er zeigt ihnen, dass -wenn es so ist- sie doch sehr viel Glück im Leben haben. Er hat mir gezeigt, was es bedeutet, dich heut noch zu sehen und zu wissen, dass es morgen vielleicht nicht mehr so sein wird.
Der letzte Abend, genau, an diesem Abend saßest du allein auf der Couch und starrtest hinüber zum leeren Bildschirm. Ob ich mir vorstellen könnte, wie es ist, zu wissen, dass man morgen den Fernseher nicht mehr sehen wird, hast du gefragt. Ich antwortete mit ja, meinte, dass ich es sehr gut verstehen und wissen würde. Immerhin würde ich dich morgen ja auch nicht mehr wieder sehen. Du verneintest, standest auf und holtest deine Sofortbildkamera. Dann machtest du ein Bild von mir und batest mich darum ein Bild von dir selbst zu machen. Ich erkundigte mich bei dir, was du mit dem Bild dann machen wolltest und du erwidertest, dass du es mit in dein Grab nehmen wolltest, zur Erinnerung und um mich immer vor Augen zu haben.

Ich glaube, in dem Moment hast du den nahenden Tod verdrängt und wolltest doch zu gerne entfliehen. Und nachts, nachts wolltest du dann wissen, ob ich dich auch bis in alle Ewigkeit lieben würde. Mit ja antwortete ich und versprach, dich bis in alle Ewigkeit nicht zu vergessen und dich zu lieben. Du meintest danke und schliefst sofort ein. Warst so müde, zu müde, um noch einmal aufzustehen und mir noch einmal zuzulachen. Stattdessen bist du eingeschlafen und bist nicht mehr aufgewacht.
Wie unfair und gemein du doch warst, dachte ich später und stellte fest, dass ich dir noch das Eine oder andere hätte sagen wollen.

Zu spät wurde es mir bewusst, jetzt, wo ich auf deiner Trauerfeier stehe und leise das Lied singe, von dem du wolltest, dass ich es singen sollte:

"It's no right to leave..."

Ja, das Recht hattest du nicht, hast es dennoch getan. Bist gegangen, der Grund, weshalb ich vor deinem Grab stehe, es regnet und ich die Grabschrift kaum lesen kann.

"Crying might be the answer..."

Vielleicht ist es auch so, genau, ich kann sie nicht lesen, weil die Tränen meinen Augen die Sehkraft nehmen. Was hast du bloß getan? Sag es mir doch... Hörst du mich?

"Wherever you are, suspending on shining wings..."

Wie dem auch sei... Jedenfalls antwortest du nicht, sofern du mich hörst. Ich holte wieder tief Luft, sang die letzte Zeile und kam endlich dazu, die Inschrift zu entziffern, von der du mal meintest, sie wäre eine letzte Botschaft von dir an mich. So sehe ich das auch, eine Botschaft, die den jeweils anderen nie erreicht hat:

" 1000 words have never been spoken..."
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