Sleeping Innocence

von Miki
GeschichteRomanze / P6
09.08.2004
09.08.2004
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Sleeping Innocence    


Ich gehe
euch voraus in den Frieden des Herren,
und erwarte euch zum ewigen Wiedersehen.
Gottes Wille ist geschehen.
In stiller Trauer nehmen wir Abschied von
John Guerin
              Seine Familie

Genauso, hatte uns meine Tante Isabel die Todesanzeige zugeschickt und erst so, hatten wir erfahren, dass mein Großvater gestorben war. Aber es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass daraufhin eine große Trauerwelle bei uns ausgebrochen wäre. Eigentlich hatte niemand ihn gemocht. Er war ein Einsiedler und Tyrann gewesen und ich hatte ihn nur einmal in meinem Leben gesehen. Damals war ich acht Jahre alt. Wir waren auf Besuch in England und man hatte mich gezwungen ein Kleidchen anzuziehen. Damals hatten wir ihn in seinem großen Stadthaus besucht. Er hatte mich nur geringschätzig gemustert und zu meiner Mutter gesagt: "Dein Kind sieht aus wie eine dumme Puppe!" Das war das Schlimmste, was er hatte sagen können. Ich war so wieso schon frustriert, weil ich dieses Kleidchen tragen musste. Also baute ich mich vor ihm auf und rief:
"Du bist doch nur ein alter griesgrämiger Nussknacker, Opa!"
Daraufhin waren meine Eltern vor Entsetzen erstarrt, schließlich wollten sie ihn ja beerben, aber ich hatte Opas Respekt.
An den Rest des Aufenthaltes habe ich eigentlich keine großen Erinnerungen mehr, was ich zu meiner eigenen Schande zugeben muss. Trotzdem war er der Grund, weswegen sich der Anwalt meines Großvaters bei mir meldete und warum ich - auf einmal seine Alleinerbin war. So dachte ich damals zumindest.
Auf einen Schlag war ich reich. Nun ja, sagen wir fast reich. Leider enthielt das Testament eine kleine Klausel. Bevor ich das Erbe antreten konnte, musste ich etwas kaufen.
Nur war das Ganze nicht so leicht. Es handelte sich um eine kleine Statue mit dem Namen "Sleeping Innocence". Mein Großvater hatte sie als Kunstliebhaber immer in seiner Sammlung haben wollen. Warum er sie nicht bekommen hatte, wusste ich nicht. Aber jetzt sollte ich sie kaufen, damit seine geliebte Sammlung einen krönenden Abschluss hatte. Das war sein letzter Wille gewesen. Schaffte ich es nicht, bekam nicht ich das Erbe, sondern es ging an das Britische Museum in London. Mein Opa hatte mir drei Monate gegeben, um die Statue zu finden und zu kaufen. Eigentlich eine ziemlich einfache Aufgabe, oder?

Das war der Grund, warum ich jetzt an diesem nebligen Abend im Februar  vor diesem alten Haus in London stand. Hier sollte der jetzige Besitzer leben. Nervös starrte ich die imposante Fassade an. Das Ganze war mir ein bisschen peinlich, weil ich ein ausgesprochener Kunstbanause war. Schließlich konnte ich mich aber überwinden, erklomm die Treppen zum Eingang und klingelte.
Ein Butler öffnete mir und starrte mich misstrauisch an. "Sie wünschen?" Er klang ziemlich unfreundlich. "Ähm, guten Abend.  Mein Name ist Amanda Silar und ich habe einen Termin bei Mr. Ravenscar." Ich versuchte zu lächeln und mein Selbstvertrauen zurückzugewinnen, das er mit seiner Antwort wieder zerstörte. "Lord Ravenscar." Er musterte mich geringschätzig. Ich spürte, wie ich rot wurde. Mein Gott, ich war Amerikanerin. Ich kam aus einem Land wo man Adel noch nicht einmal buchstabieren konnte! "Entschuldigung. Also ich habe einen Termin bei Lord Ravenscar." Ich musste diese dumme Statue bekommen. Mit ihr konnte ich mein Studium finanzieren. Seit mein Vater nämlich mit Frau Nr. 3 liiert war, war unser Verhältnis etwas gespannt und meine Mutter war mit einem Franzosen durchgebrannt. Ich wusste noch nicht mal wo sie steckte. Sie sehen also, ganz typische Familienverhältnisse und deswegen brauchte ich das Geld.
Der Butler ließ mich endlich hinein und führte mich durch eine imposante Eingangshalle in einen kleinen Salon.

Er hatte beobachtet, wie sie in das Haus betreten hatte. Endlich konnte das Spiel beginnen. Er drückte die Zigarette aus und ein gefährliches Lächeln umspielte seine Lippen.

Ich saß nun schon seit einer Stunde in diesem verdammten Salon. Niemand hatte sich blicken lassen. Mir war noch nicht einmal etwas zur Erfrischung angeboten worden. Wütend starrte ich wohl schon zum 100sten Mal auf meine Uhr und betrachtete die Gemälde im Raum.
Lord Ravenscar musste Kunstsammler sein. Alles sah unendlich erlesen und teuer aus. Endlich ging die Tür auf und  mein Freund der Butler trat ein. "Folgen Sie mir. Lord Ravenscar wird sie nun empfangen." Wir durchquerten eine riesige Galerie und blieben vor einer großen Doppeltür stehen. Das Ekel klopfte und öffnete die Tür. "Mylord, Miss Silar." Bitte diesen Worten ließ er mich eintreten. "Gut Geoffrey, Sie können gehen." Lord Ravenscar hatte eine dunkle irgendwie unangenehme Stimme. Neugierig sah ich mich um. Wo steckte er denn bloß?
"Setzen Sie sich." "Danke." Ich ließ mich auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder. "Was kann ich für Sie tun?" Wo steckte der Kerl, wie sollte ich denn Kaufverhandlungen führen, wenn ich ihn nicht einmal sehen konnte. Ich warf einen nervösen Blick aus dem Fenster. Draußen dämmerte es bereits. "Danke erst einmal, dass sie mich empfangen haben." Ich lächelte und suchte mit meinen Blicken den Raum ab. " Ich bin hier, weil ich mit ihnen über die "Sleeping Innocence" sprechen möchte." Inzwischen war es draußen komplett dunkel geworden. "Ich verstehe." Endlich trat er aus dem Schatten eines riesigen Bücherregals. Unwillkürlich rutschte ich tiefer in meinen Stuhl. Er sah eindeutig unsympathisch aus. Groß, sehr schlank, ein ziemlich kantiges Gesicht und tiefschwarzes Haar.
"Ähm." Ich musste mich erst einmal räuspern. Währenddessen hatte er hinter seinen Schreibtisch Platz genommen und sah mich an.
"Wissen Sie, ich möchte die Statue kaufen." Keine Regung in seinem Gesicht. Der Mann war selber eine lebende Statue.
"Sie möchten Sie kaufen? Entschuldigen Sie, ich möchte nicht impertinent erscheinen, aber Sie sehen nicht aus, als ob sie die entsprechenden liquiden Mittel dazu haben." Offenen Mundes starrte ich an. So etwas unverschämtes. Okay, noch hatte ich das Geld nicht, aber bald und was bildete er sich überhaupt ein!
"Natürlich habe genügend liquide Mittel." Meine Stimme schwankte vor Entrüstung.
"Das ist erfreulich für Sie. Aber die Statue ist unverkäuflich." Er sah mir in die Augen und seine Stimme klang leicht amüsiert. "Warum haben Sie mich dann überhaupt empfangen?" Langsam verlor ich die Geduld. "Um zu Sehen, wer der Erbe, ich sollte wohl lieber Erbin sagen, von James Guerin ist, und wenn er mir jetzt auf den Hals gejagt hat." Ich sprang auf. "Sie...." Doch er unterbrach mich bevor ich ihn beschimpfen konnte. "Sie sollten das hier lesen, Miss Silar." Er nahm ein Buch von seinem Schreibtisch und warf es mir zu. Automatisch fing ich es auf. "Wie bitte?" Doch er hatte sich schon abgewandt und zog an einer Klingel, woraufhin der Butler wieder erschien. "Bringen Sie Miss Silar zur Tür." Und bevor ich mich versah, stand ich wieder im Nebel  und wusste nicht, was ich von der ganzen Sache halten sollte.


Am nächsten Morgen saß im Speisesaal des Lyon´s beim Frühstück und starrte missmutig auf das Essen. Eine schwarze dünne Suppe, die Kaffee seien sollte, ein triefender Buttertoast und verbrannter Frühstücksspeck mit Bohnen in Tomatensoße. Ich wusste nicht was schlimmer war, dieser dämliche Lord Ravenscar oder die englische Küche.
Plötzlich kam Brian hereingestürmt. Brian ist mein Studienkollege und bester Freund, deswegen war er mit mir in London. Er kam also auf mich zu und ließ sich auf einen Stuhl fallen. "Morgen." Er schien strahlend gute Laune zu haben. Er goss sich einen Kaffee ein und grinste mich an. Er schien, als ob er etwas zu erzählen hatte. Aber ich würde ihn mit Sicherheit nicht danach fragen. Ich aß seelenruhig weiter. Schließlich kannte ich ihn durch und durch, er würde schon von allein anfangen. Und ich hatte Recht. Es waren kaum fünf Minuten vergangen, da warf er seinen Toast auf seinen Teller und funkelte mich. "Man Manda! Du bringst sogar Ghandi um die Geduld. Aber nun gut..." Er räusperte sich bedeutungsschwanger. "Ich glaube ich bin hinter das Geheimnis von diesem Buch gekommen." Wie von Zauberhand holt er es unter dem Tisch hervor.
Gestern Abend war ich sofort ins Hotel zurückgekehrt und hatte es ihm gezeigt. Es war eine Art altes Tagebuch, nur es war leer.
Und jetzt saß Brian hier und behauptete, die Lösung zu kennen. Das konnte überhaupt nicht sein.
"Weißt du Manda, du kannst wirklich froh sein, dass mich meine Eltern dazu gezwungen haben, bei den Pfadfindern mitzumachen." Mit einer galanten Geste zog er ein Feuerzeug aus der Tasche.
Er schlug das Buch auf und hielt das Feuerzeug darunter! Wie von einer Hornisse gestochen sprang ich auf. "Spinnst du?" Ich versuchte ihm das Buch zu entreißen. Doch er hielt es eisern fest. "Immer mit der Ruhe. Du wirst gleich den Sinn dieser Aktion erkennen. Setz dich also wieder hin. Die andern Gäste starren uns schon an." "Das interessiert mich nicht. Was zum Teufel machst du da?" Ich schnappte wütend nach Luft. "Habe ich doch schon gesagt, ich löse das Geheimnis von diesem Teil. Sieh doch."  Irritiert sah ich auf das Buch und bemerkte, wie einzelne Buchstaben auftauchten und sich zu Wörtern, ja ganzen Sätzen formten.
"Zitronensaft!" Brian lachte. Ich umarmte ihn stürmisch und fing an zu lesen:

"23.2. 1901
Er ist wieder da. Gestern war ich mit meiner Mutter und Lucy im Theater. Das Stück war sehr langweilig und ermündend. Also sah ich mich ein bisschen im Publikum um und da sah ich ihn! Er saß nur zwei Reihen hinter uns und starrte mich an. Mutter wollte mir nicht glauben, und als sie sich umdrehte, war er weg. Doch ich weiß, dass er dort war. Er beobachtete mich und ich habe Angst. Vielleicht sollte ich mit Nicholas reden."

Hier endete der Eintrag. Verwundert reichte ich Brian das Tagebuch. Er las den Eintrag und sprach das aus, was ich dachte. "Was soll das? Hat dieser komische Lord den Verstand verloren oder macht der sich über dich lustig?" " Ich weiß es nicht. Aber das werde ich herausfinden."
Wütend saß ich auf meinem Bett und las die wenigen Einträge, die ich mit Hilfe von Brians Feuerzeug zum Vorschein gebracht hatte. Sie stammten alle von einem jungen Frau namens Clarissa Atherton, die eindeutig unter Verfolgungswahn gelitten hatte. Sie schrieb immer von "Ihm", und dass sie Angst hatte. Außerdem schien sie eine ziemlich unglückliche Ehe gehabt zu haben, was wohl auch die Einträge mit Zitronensaft erklärte Aber nirgendwo war ein Wort über die "Sleeping Innocence" zu finden. Es war zum Mäuse melken. Nach dem 20. Mai hörten die Einträge abrupt auf. Frustriert lies ich mich zurückfallen. Wie es aussah, würde ich die Statue nie bekommen und damit auch nicht das Geld. Die Welt war so ungerecht!
Plötzlich klingelte mein Handy! "Hallo?" " Treffen Sie mich Morgen um fünf Uhr im Hyde Park." Kein Name, kein Grund, einfach nichts. Ich ließ das Handy sinken. Was hatte das alles zu bedeuten? Erst dieses komische Tagebuch, jetzt dieser seltsame Anruf. Ich wollte doch nur eine Statue kaufen!  Jetzt reichte es. Ich beschloss Lord Ravenscar erneut aufzusuchen.
Diesmal kam Brian mit. Zu unserer Verwunderung ließ man uns sogar ohne Probleme ein. Mein alter Freund der Butler führe uns wieder zu dem kleinen Salon und ließ uns allein. Aber diesmal brauchten wir nicht lange zu warten. Schon nach kurzer Zeit kam ein älterer Mann herein. "Guten Tag. Meine Name ist Ethan Holland. Ich mit der Sekretär von Lord Ravenscar. Er ist leider verhindert, aber er sagte mir, dass Sie kommen würden." Er starrt mich nervös an. "Allerdings dachte er, dass sie allein kämen." "Oh, das ist Brian Slater, ein Freund von mir." Brian grinste Mr. Holland wie ein Hai sein nächstes Opfer an. Er schien sich über den Mann sichtlich zu amüsieren.
"Nun gut. Mylord gab mir eine Nachricht für sie." Umständlich holte er ein Kuvert aus seiner Tasche und reichte es mir. Verwunderte starrte ich darauf. Es war sogar versiegelt. Das Siegeltier war entweder ein riesiger Rabe oder eine hässliche Fledermaus, da konnte ich mich nicht entscheiden und beides passte zu Lord Ravenscar.
"Mr. Holland, ich habe eine Frage an sie. Wenn Lord Ravenscar die "Sleeping Innocence" nicht verkaufen will, warum macht er dann so einen Aufwand?" Mr. Holland wirkte sichtlich verlegen. "Darauf kann ich ihnen leider keine Antwort geben, Miss Silar. Und nun müssen Sie mich leider entschuldigen." Fast fluchtartig verlies er den Raum.
Brian sah im grinsend hinterher. "Komischer Mann. Worauf wartest du eigentlich? Mach den Brief auf."
Ich brach das Siegel  und zog einen Zettel aus dem Umschlag:

Sehr geehrte Miss Silar,
sie wundern sich vermutlich über das Tagebuch, das ich Ihnen gestern gab. Aber die Ganze Angelegenheit ist von Grund auf einfach. Sagen wir, dass ich gestern Abend eine Entscheidung getroffen habe. Ich gebe Ihnen die Möglichkeit die "Sleeping Innocence" zu erwerben. Dafür müssen Sie nur eins tun, ihr Geheimnis lüften. Ein kleiner Tipp noch, Miss Atherton ist der Schlüssel.

Bis Bald
Ihr
Ergebener Diener
Damien Templestone
Lord of Ravenscar

Brian hatte über meine Schulter hinweg mitgelesen. Verwundert starrten wir uns an.
"Ein Spiel", bemerkte ich endlich.
Brian nahm den Umschlag und starrte auf das Siegel.
"Wie beim Schach und ich habe den Verdacht, dass Lord Ravenscar dich schachmatt setzen will!"

Nach diesem seltsamen Brief hatten Brian und ich uns zunächst eine Pause verdient. Wir verdrängten also alle Gedanken an die "Slepping Innocence" und spielten die typischen amerikanischen Touristen.  Wir nahmen an einer Rundfahrt teil, sahen uns den Tower an, schlenderten an der Themse entlang usw. Sie wissen schon, den typischen Touristenkram. So verging der Morgen ziemlich schnell und es wurde schnell später Nachmittag.  
Den Rest des Tages verbrachten wir weit von Sonne und frischer Luft entfernt im Stadtarchiv.
Wir wühlten uns durch staubige Aktenberge und alte Geburts- und Heiratsurkunden. Aber Fehlanzeige. Wir fanden absolut nichts!
Auch am nächsten Tag gab es keine Spur von Clarissa Atherton. Während unser Kaffeekonsum immer mehr stieg, sanken unseren Hoffnungen. Meine letzte Chance, schien nur noch diese geheimnisvolle Treffen im Park zu sein


Es war schon kurz vor fünf. Es dämmerte bereits und der Park wurde langsam leerer. Ich beobachtete, wie ein alter Mann mit seinem Enkel die Enten fütterte und wartete. Ich hatte Brian nichts von diesem Treffen erzählt. Er hätte entweder einen Lachanfall bekommen oder hätte meinen Wachhund gespielt. Und das eine wäre so unerfreulich wie das andere gewesen.
So hatte ich ihn nach dem Aufenthalt im Stadtarchiv verlassen und behauptet, dass ich Kopfschmerzen hätte und ins Hotel zurückfahren wolle. Er hingegen hatte beschlossen, sich noch etwas London anzusehen.
So saß ich nun allein im Park und war mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen Sinn hatte.
Vielleicht sollte ich aufstehen und noch ein bisschen den Hauptweg entlang schlendern. Doch kaum war mir dieser Gedanke gekommen, da setzte sich eine ältere Dame neben mich.
"Verblüffend, Sie sehen fast so aus wie sie."
"Entschuldigung?" Ich sah sie irritiert an. Sie hatte ein freundliches Gesicht und irgendwie kam sie mir bekannt vor.
"Keine Bange, ich führe keine Selbstgespräche." Sie lächelte.
"Also haben Sie mich angerufen?" "Ja. Und ich bin hier um sie zu warnen." Ihr Ton wurde auf einmal schärfer. "Hören Sie auf zu suchen."
"Ich suche nichts. Ich will nur eine Statue kaufen." Die Frau sah mir direkt in die Augen. "Ich weiß, aber vergessen Sie das Geld. Er ist gefährlich und er wird Sie umbringen! ER ist..." Plötzlich knackte ein Zweig hinter uns. Die Frau sprang auf. "Ich muss gehen." Ich versuchte sie aufzuhalten. "Warten Sie, wie ist ihr Name?" "Das kann ich Ihnen nicht sagen. Leben Sie wohl." Sie riss sich los und floh praktisch Richtung Parkausgang. Ich starrte ihr noch hinterher und verabschiedete mich von meiner Hoffnung, da klingelte auf einmal mein Handy. "Hallo?" Ich erwartete schon fast wieder, die Stimme der Frau zu hören, aber es war nur Brian. "Hi Manda. Ich bin hier in einem kleinem Restaurant am Piccadelly Circus und wollte dich nur Fragen, ob du nicht Lust hast hier hin zu kommen. Ich habe ein paar echt nette Leute kennen gelernt." "Tut mir leid, aber ich fühle mich noch immer nicht gut, aber ich wünsche dir viel Spaß." Bevor er noch etwas sagen konnte, legte ich auf. Ich musste jetzt allein sein und mit meinen Gedanken ins Reine kommen.
Ich verstaute mein Handy wieder und als ich  hochsah stand Lord Ravenscar vor mir.
"Guten Abend, Miss Silar." Er sah aus wie der typische Mann von Welt, wirkte aber trotzdem irgendwie gefährlich. Aus irgendeinem Grund, erinnerte mich dieser Mann an ein Raubtier, auch wenn ich nicht wusste, warum. Es dauerte einem Moment bevor ich antworten konnte. "Guten Abend, Lord Ravenscar.  Was für eine Überraschung Sie hier zu treffen." "Ja, ein wirklich seltsamer Zufall." Er lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Ich hatte den Eindruck, als hätte er gewusst, dass ich hier im Park war.
"Und Miss Silar, sind Sie dem Geheimnis schon auf die Spur gekommen?" "Nein", antwortete ich nervös. "Das ist bedauerlich." Er klang amüsiert. "Was wollen sie eigentlich mit dem Geld machen?" Wusste den jeder von meiner Erbschaft? "Gegenfrage, woher wissen Sie davon?" "Oh, ich kenne James." Schweigend gingen wir nebeneinander her. "Sie meinen wohl `kannten`. Mein Großvater ist tot." "Sie haben Recht. Sagen wir, ich kannte James."  Es war empfindlich kalt geworden, und er schlug den Kragen seines Mantels hoch, als wolle er die Kälte aussperren. "Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet."
"Sie meinen, was ich mich dem Geld machen werde? Ich werde mein Studium zu Ende finanzieren und dann..." Ich überlegte kurz. " Dann werde ich eine Europareise machen und als freischaffende Journalistin arbeiten." Er lächelte erneut, aber diesmal wirkte es echt, so weit ich das bei dem sparsamen Licht der Parklampen beurteilen konnte.
"Eine Europareise..." Es klang fast so, als würde er mit sich selbst reden oder sich an etwas erinnern.
Endlich erreichten wir das Parktor.
"So ich muss zurück zu meinem Hotel." Ich wandte mich nach rechts, doch er hielt mich am Arm fest. Seine behandschuhte Hand streifte meine Wange. "Ich hoffe, dass sie das Geheimnis lüften." Seine Stimme klang schwer und eine seltsame Müdigkeit legte sich über mich. Es war, als würden meine Gedanken abschweifen und als ich wieder klar sehen konnte, war er verschwunden.

Seltsam betäubt ging ich durch die belebten Straßen. Ich wusste nicht was ich von Lord Ravenscar halten sollte und ich spürte noch immer seine Berührung.
Endlich sah ich mich um und stellte fest, dass ich mich hoffnungslos verlaufen hatte. Das kam von der Entscheidung zu Fuß zum Hotel zurück zu kehren. Verdammt noch mal! Ich war vollkommen orientierungslos, also beschloss ich nach einem Taxi zu winken. Auf einmal fühlte ich mich beobachtet. Ich sah mich um, konnte aber niemanden entdecken. Trotzdem wollte das Gefühl nicht verschwinden. Mich eine Närrin schimpfend bog ich in eine kleine Nebenstraße ein und drückte mich gegen eine Hauswand.
"Miss Silar?" Ich wirbelte herum und fühlte nur noch den dumpfen Schmerz des Schlages, bevor ich das Bewusstsein verlor.
*
Ich erwachte in einem dunklen und feuchten Kellerraum. Ich lag auf einer alten Decke, aber ich war nicht allein. Einen Meter neben mir konnte ich einen Umriss ausmachen. Tastend beugte ich mich vor und schreckte zurück. Es war die Frau aus dem Park und sie war tot.

Endlich hatte er sie, jetzt würde auch er bald kommen.

Plötzlich ging die Tür auf und ein Mann kam herein. Schnell stellte ich mich bewusstlos. Er schleppte jemanden mit sich. Er warf ihn auf den Boden und ging wieder heraus. Ich kroch zu der Person herüber und schreckte zum zweiten Mal zurück. Es war Brian und er hatte ein blutende Wunde am Kopf. Aber er lebte. Ich zog ein Taschentuch aus der Tasche und presste es auf die Wunde. In diesem Moment ging die Tür erneut auf. Der Mann starrte mich an. "Kommen sie mit Miss Silar. Widerstand ist zwecklos."  Vorsichtig tupfte ich noch einmal, dann stand ich schweigend auf. Er griff grob nach meinem Arm und schob mich eine enge Treppe hoch in ein prunkvoll eingerichtetes Wohnzimmer.
Ich sah nur den hageren Rücken eines alten Mannes, doch dann drehte er sich um. Im ersten Moment glaubte ich ein Gespenst zu sehen, aber er war echt. Es war wirklich mein Großvater und er war höchst lebendig.
Er war hager und sah gebrechlich aus, doch in seinen Augen war ein gefährliches Leuchten.
"Freut mich dich zu sehen Amanda." Er lächle diabolisch und ich hatte das Gefühl einem Wahnsinnigen gegenüber zu stehen. Fluchtinstinkte regten sich in mir, doch der andere Mann hielt mich noch immer fest und drückte mir seine Pistole in die Seite. "Du lebst? Aber dein Anwalt?" Entsetzen kroch in mir hoch.
"Oh nein. Ich lebe noch. Der Tod bedeutet nicht für jeden dasselbe" Er war wirklich wahnsinnig.
"Aber, Großvater!" "Hör mit diesem Großvater- Getue auf. Deine Familie und du, ihr konntet mich nie leiden. Du bist erst nach London wiedergekommen, als du dachtest, dass du meine Erbin bist." Auf einmal bekam ich Schuldgefühle, denn was er sagte stimmte, aber... "Du warst auch nie sonderlich freundlich zu uns oder hast uns geholfen." Ich bemerkte selber das Zittern in meiner Stimme. Er stieß ein hohes Lachen aus.
"Heute Abend wirst du mir helfen. Er wird hierher kommen und ich werde ihn vernichten."
"Wer wird kommen? Und was hast du mit Brian gemacht! Was willst du überhaupt." Ich schrie schon fast.
"Hast du es noch immer nicht verstanden? Ich rede von Lord Ravenscar. Und was deinen Freund angeht, so mussten wir ihn ausschalten, damit dein Verschwinden nicht so schnell auffiel."
"Was? Bist du komplett wahnsinnig?  Du hast Brian fast umgebracht und warum soll Lord Ravenscar hierher kommen?"
Mein Großvater lächelte erneut gefährlich. "Du hast wirklich keine Ahnung. Also werde ich dir eine kleine Geschichte erzählen.
Es begann alles im Jahre 1898. Damals lebte in London ein junges Mädchen mit dem Namen Clarissa Atherton. Vermutlich hat er dir ihr Tagebuch gegeben. Sie war mit einem jungen Lieutnant verlobt. Er hieß Nichols Guerin und die beiden waren ein sehr glückliches Paar. Doch da tauchte auf einmal ein geheimnisvoller Fremder auf. Er gab sich als Künstler aus und fertigte eine kleine Statue von Clarissa an. Die Sleeping Innocence. Nicholas Guerin spürte die Gefahr, die von diesem Mann ausging. Und nachdem ihm seine Verlobte gestand, dass der Fremde sie überall hin verfolgte, wusste er, dass er handeln musste. Er stellte den Mann zu Rede und der Fremde zog sich zurück. Nicholas heiratete Clarissa. Schon bald wurde Clarissa schwanger und die beiden bekamen einen kleinen Sohn. Alles sah nach einer glücklich Zukunft aus und es vergingen mehrere Jahre. Doch dann kam er wieder. Wieder verfolgte er Clarissa.
Und eines Abends, als Nicholas  nach Hause kam, fand er Clarissa und bei ihr war der Fremde. Er saß neben ihrem leblosen Körper. Er hatte sie umgebracht. Bevor Nicholas den Fremden aufhalten konnte, verschwand er.
Niemand glaubte Nicholas, dass der Fremde Clarissa umgebracht hatte, weil es keine Zeugen gab. Also wurde es zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Sohn wuchs bei Verwandten auf und als er alt genug war, nahm Nicholas ihm das Versprechen ab, den Fremden zu vernichten. Der Sohn gab sein Ehrenwort und dieser Sohn bin ich." Entsetzt starrte ich ihn an. "Ja Amanda, Clarissa Atherton ist deine Urgroßmutter. Und als du und deine Eltern mich vor Jahren besuchten, sah ich schon die Ähnlichkeit, die du mit ihr hattest und ich wusste, dass ich mit dir mein Wort halten konnte. Ich wartete und endlich warst du so weit. Ich arrangierte mein eigenes Ableben und lockte dich damit nach London. Endlich ist die Zeit gekommen um meine Eltern zu rächen. Du wirst ihn hier herlocken und ich werde ihn vernichten. Lord Ravenscar wird heute endlich sterben."
"Wie?  Aber der Mörder muss doch schon lange tot sein. Der heutige Lord Ravenscar ist doch höchstens 30", versuchte ich es vorsichtig, vielleicht konnte ich diesen Wahnsinnigen, der mein Großvater seien sollte, überzeugen.
"Du hast immer noch nicht verstanden. Warum hast du ihn wohl immer nur gesehen wenn es dunkel war. Dieser dreckige Hund ist ein blutsaugendes Monster, ein Geschöpf der  Nacht. Er ist ein Vampir." Mein Großvater ließ sich keuchend auf einem Stuhl nieder.
Ich war sprachlos. "Ein Vampir", bemerkte ich schließlich. Der Mann war komplett durchgedreht. "Du bist wahnsinnig." "Nein, er sagt die Wahrheit." Wir alle wirbelten zur Tür herum. Dort stand Lord Ravenscar. "Ich bin ein Vampir."  Seine Stimme war gefährlich ruhig. "Aber,.." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war in einem Raum voller Irrer. Mein Opa war inzwischen aufgesprungen und zielte mit einem Revolver auf Lord Ravenscar.
"Du kannst mich nicht erschießen, James. Hat dir dein Vater das nicht erzählt." "Oh, er ist mit Silberkugeln geladen und ich  werde auf dein Herz schießen. Das Silber wird dich betäuben, so dass ich dir deinen dreckigen Kopf abschlagen kann. Genauso hat mein Vater es mir erklärt" Mein Großvater zittert vor Wut und Hass. Lord Ravenscar sah ihn nur mitleidig an und sagte mit einem Hauch von Sarkasmus "James, du gehst nun wirklich zu weit. Ich habe dich all´ die Jahre agieren lassen, weil ich Schuldgefühle wegen deiner Mutter hatte. Aber sie starb, weil sie es so wollte. Eigentlich hatte ich ihr angeboten, sie zu meiner Gefährtin zu machen, doch sie zog den Tod vor." Lord Ravenscar strahlte förmlich Gefahr aus. "Du elender Bastard." Mein Großvater starrte ihn hasserfüllt an.
"Na, na. Ich habe schließlich nicht meine Sekretärin umbringen lassen, nur weil sie meine Enkelin warnen wollte. Und...", Lord Ravenscar machte eine kurze Pause,   "Ich habe Clarissa geliebt." "Du Lügner!" Mein Großvater stürzte sich auf Lord Ravenscar. Der wich aus und bevor ich wusste was geschah, packte er meinen Großvater im Nacken. Er sah ihn auf einmal mit traurigen Augen an. "Es tut mir leid James." Es gab ein hässliches Knacken und mein Großvater brach zusammen. Er hatte ihm das Genick gebrochen!  Schockiert und fassungslos starrte ich ihn an. Der Mann hinter mir, hatte mich inzwischen losgelassen und schoss auf Lord Ravenscar, dem das aber nichts ausmachte. Er ging bedrohlich auf ihn zu, während der Mann panisch zurückwich. Es gab zum zweiten Mal dieses hässliche Knacken und auch er brach zusammen. Wie erstarrt stand ich da und starrte auf  meinen toten Großvater. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. "Es tut mir leid, dass du das alles sehen musstest, aber es ging nicht anders." Panisch riss ich mich los und schrie: "Sie Monster!" Er sah mich mit einem rätselhaften Ausdruck an. "Vielleicht bin ich das." Dann zog er mich an sich. Ich trat und schlug nach ihm, doch wie vor ein paar Stunden im Park, befiel mich wieder diese eigenartige Lethargie und ich spürte nur seine kalten Lippen an meinem Hals und den pochenden Schmerz. Dann verlor ich das Bewusstsein.
Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch als ich erwachte war es draußen schon hell. Seltsam schlaf und kraftlos rappelte ich mich auf und dachte ich hätte einen schlimmen Alptraum gehabt. Doch dann sah ich wieder die Leiche meines Großvaters und spürte das Blut an meinem Hals. Es war alles wirklich passiert. Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich aus dem Raum.
Nachdem ich aus dem Raum gestürmt war, befreite ich Brian aus dem Keller. Auch er hatte sich inzwischen einigermaßen erholt. Wir flüchten aus dem Haus  und erst jetzt war ich in der Lage, ihm das Ganze zu erzählen. Zunächst glaubte er mir nicht, aber dann sah er die Spuren an meinem Hals. Wir kehrten zurück in unser Hotel und packten unsere Sachen. Ich wollte England so schnell wie möglich verlassen. Doch die Sache mit meinem Großvater musste geklärt werden. Schließlich beschlossen wir der Polizei einen anonymen Hinweis zu geben.
Dann fuhren wir zum Flughafen und bestiegen einen Flieger nach Hause.
Ungefähr zwei Wochen später erhielt ich ein kleines Packet. Mit einem mulmigen Gefühl öffnete ich es. Es enthielt eine kleine, wunderschöne Statue, die Sleeping Innocence. Daneben lag ein Brief.

Behalten Sie die Statue als Wiedergutmachung. Vielleicht freut es sie zu hören, dass die Polizei die Untersuchungen wegen dem Mord an ihrem Grovater eingestellt hat.
Wir werden uns bald wieder sehen.

In ewiger Liebe
Ihr Damien

Und ich weiß, dass er kommen wird.
Und Sie wissen es auch, oder?
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