Drei Uhr Morgens

von Sil Sereg
GeschichteRomanze / P12 Slash
26.07.2004
21.08.2004
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"Du?"
"Hm?"
"Was würdest du tun, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe?"
Ich drehe mich zu dir um und versuche, aus deinen Augen zu lesen. In der Dunkelheit erkenne ich es. Zuerst müde, dann mit Augen wie ein einziges Flammenmeer schaust du mich an.
"Ich denke, ich würde lachen."
"Hm ... Ok."
Ich warte, wie sich die Ruhe wie ein Mantel um uns beide legt. Deine Atemzüge werden wieder flacher, ruhiger.
"Du?"
"Hm?"
"Warum?"
Du gibst etwas von dir, was mich an das Knurren eines Wolfes erinnert. Langsam rappelst du dich auf, setzt dich hin und funkelst mich an.
Pech für dich. Ich denke gar nicht daran, dich jetzt schlafen zu lassen. Nach so einer Antwort?
"Weil es albern ist" maulst du.
"Albern? Wenn ich dich liebe?"
Als Antwort gähnst du.
"Können wir das nicht morgen klären?"
Ich sehe dich an. Deutlicher kann ein vernichtender Blick nicht sein.
"Ich will es aber jetzt klären."
Doch. Es geht vernichtender. Du machst mir richtig Angst.
"Ich brauche aber meinen Schlaf" argumentierst du.
Ich weiß doch, dass du den ganzen Tag sauer auf mich sein wirst, wenn ich dich nicht schlafen lasse. Doch das Risiko ist es mir wert.
"Bitte!" flehe ich leise und ich setze meinen Dackelblick auf. Den, dem du nicht widerstehen kannst.
"Was ist eigentlich dein Problem?" fauchst du jetzt.
"Dass du über mich lachen würdest."
"Na und? Du denkst doch nicht wirklich, ich würde dir abnehmen, dass du dieses Gespräch ernst meinst ...?"
Du wirst langsam richtig wütend. Und zu allem Überfluss kann ich mir mein Grinsen nicht verkneifen.
"Natürlich nicht. Es geht auch ums Prinzip."
"Na schön. Ich würde lachen, weil du mich nicht lieben kannst."
"Kann ich nicht?"
"Nein!" Deine Stimme nimmt einen verzweifelten Klang an. Du bist zu müde für dieses Thema.
"Warum nicht?" frage ich weiter.
"Weil ich dein Bruder bin, du Idiot!" Du fauchst wie eine Katze.
"Hm" mache ich und beobachte dich weiter.
Du drehst dich um, greifst nach dem Digitalwecker und drückst den Knopf, der ihn beleuchtet. Ich muss blinzeln, so dicht hältst du die Anzeige an meine Augen.
"Es ist drei Uhr." Du willst mich anknurren, musst aber gähnen. Der Ton, den du hervorbringst, bringt mich zum Lachen.
"Drei Uhr morgens." Du ignorierst es einfach. "Ich will schlafen."
"Aber ..."
"Du bist ein großer Junge. Du kannst schlafen, ohne dass ich dir was vorlese. Oder deine Hand halte. Oder sonst irgendwas, wozu ich wach sein muss!"
Ich seufze und gebe schweren Herzens auf.
Du raschelst, kuschelst dich unter deine Decke und suchst eine gemütliche Lage. Ich weiß, dass du dich zusammenrollst und versuchst, deinen Traum, der so jäh von mir abgebrochen wurde, einzufangen.
Es kehrt wieder Ruhe ein und die Nacht legt sich wie ein Schleier über uns. Die Lichter eines vorbeifahrenden Autos malen helle Kreise an die Wände. Dann ist es wieder dunkel.
"Du?"
"Hm ...?" Ich kann aus deiner Stimme, aus diesem Ton heraushören, wie du leidest, also schweige ich.

Ich hatte Recht, natürlich. Als wir aufstehen, redest du nicht mehr mit mir. Im Bad drehst du mir den Rücken zu und am Frühstückstisch in der Küche, an dem wir gegenüber sitzen, siehst du aus dem Fenster anstatt zu mir.
Es tut mir Leid. Wirklich. Aber das willst du nicht hören.

Zum Glück verraucht deine Wut schnell.
Als du Feierabend hast und mich aus der Schule abholst, leihen wir uns einen Film aus und sitzen gemütlich auf dem Sofa. Ich nehme mir noch Popcorn, kuschle mich an dich und bin wahnsinnig froh, einen Bruder wie dich zu haben.

Es ist Zeit, um ins Bett zu gehen. Wieder einmal liege ich da und wundere mich, warum es so schwer ist, dich nachts anzusprechen.
"Kann ich bei dir schlafen?" habe ich dich gefragt. Warum habe ich noch ein eigenes Bett? Ich bin sowieso immer an deiner Seite. Ich fürchte sogar, ich kann nicht mehr einschlafen, wenn ich deine Wärme nicht spüren kann.
Ich warte ab, starre die Wand an und schaffe es einfach nicht, die Augen zu schließen.

"Du?"
"Hm?"
"Was würdest du tun, wenn ich dir sage, dass ich dich liebe?"
Ich kann hören, wie du dich ganz unter deine Decke verkriechst. Die Bettwäsche ist wie ein schützender Bau für dich, war es schon immer. Du hast meine Frage aber gehört. Ich weiß es und du weißt es auch. Du fluchst leise vor dich hin und ich kann deinen Blick förmlich spüren, deine Augen sehen, obwohl du dich versteckt.
"Ich denke, ich würde lachen" kommt es von dir.
Ich muss an deine Augen denken, dieses brennende Inferno. An die Wärme, die von ihnen ausgeht, die so tröstlich für mich ist, seit ich mich erinnern kann. Auch an die wütenden Funken, die sie sprühen, wenn ich dich ärgern will.
Mein großer Bruder.
"Ich liebe dich."
Ich habe es geflüstert, doch es ist ohrenbetäubend laut in der Stille des Zimmers.
Du liegst zusammengerollt unter deiner Decke, ich sehe deine Form, und dann, wie du bebst.
Leises Lachen dringt zu mir hervor. Stundenlang, wie es scheint, lachst du. Merkwürdig, es macht mir nichts aus. Ich freue mich nur, dass ich dich zum Lachen gebracht habe.
Lange Zeit ist es wieder so ruhig. Bist du eingeschlafen? Die Decke bewegt sich gleichmäßig auf und ab, getragen von deinem Brustkorb.
"Du?"
Ich halte die Luft an. Ich?
"Hm?"
Du kommst ein Stückchen unter der Decke hervor. Ich kann das Inferno sehen, dass das Zimmer erhellt. Deine Augen blitzen, belustigt und doch warm. Dann streckst du die Hand aus, willst mich zu dir in dein Versteck ziehen.
"Du."
Ich komme zu dir ins Dunkel. Das Einzige, was ich jetzt noch sehen kann, sind deine Augen. Ich komme nicht umhin, sie zu bewundern. Dich zu bewundern.
"Hm" mache ich wieder, diesmal mit einem großen dicken Punkt dahinter. Keine Fragen mehr. Ich will nur diese Augen sehen und in ihnen versinken. Wie Magma.
Deine Augen sprechen Bände.
"Ich liebe dich auch."
Ich atme aus, dann tief und kräftig ein. Ich habe nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte. Vor meinen Augen tanzen bunte Kringel.
"Ich liebe dich auch" wiederholst du.

Und endlich, endlich kann ich schlafen.
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