Die Opéra Populaire - Ein Irrenhaus

von Beerchen
GeschichteParodie / P6
Carlotta Giudicelli Christine Daaé Confidante Erik - das Phantom der Oper Meg Giry Monsieur André Monsieur Firmin Monsieur Reyer Ubaldo Piangi Vicomte Raoul de Chagny
24.07.2004
24.07.2004
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-Märchenstunde-


Firmin wurde der Trubel in seinem -na gut!- und Andrés gemeinsamem Büro allmählich zuviel. Zwar war es bisher immer André gewesen, der bei zuviel Hektik und Lärm zu Migräneanfällen neigte, aber auch Richard Firmin hatte seine guten und seine schlechten Tage. Und dieser hier zählte ganz bestimmt zu den schlechteren.

Leise schlich er sich aus der Tür des Büros, in dem Christine und Meg noch immer in eine laute Debatte über Engel und ihre Eigenheiten verstrickt waren und André versuchte Ruhe in dieses Chaos zu bringen. Er hätte sich nicht bemühen müssen, leise zu sein, im Zweifel hätten sie ihn bei dem Lärm, den sie veranstalteten, sowieso nicht gehört. Nun konnte er sich wieder der himmlischen Ruhe widmen, die hoffentlich nicht wieder durch einen albernen Drohbrief von diesem Kasper, der sich Operngeist nannte, gestört werden würde.

Doch Firmin hatte nicht mit den fleissigen und allzeit bereiten Mitarbeitern der Oper gerechnet. Als er sich gerade in langsamen Schritten der Bühne näherte, kam ihm ein aufgeregt aussehender Monsieur Reyer entgegen, der ganz so aussah, als würde er eine Autorität suchen, bei der er sich beschweren könnte.

Wenn das schon zuviel für Firmins arme Nerven gewesen wäre, lies ihn der Anblick der beiden Personen, die hinter Reyer herstapften, verzweifelt aufstöhnen. Er hatte wirklich keine Lust, sich auch noch mit Carlotta und Piangi herumzustreiten und streitlustig sahen sie alle beide aus.

Nun kam aber erst einmal Reyer auf ihn zugehastet. "Monsieur Firmin, es ist ja so gut, dass sie hier sind!" Der sonst so zugeknöpfte und ziemlich eigenbrötlerische Mensch brach fast in Tränen aus.

Er hielt Firmin das Libretto der Oper, die er mit dem Ensemble gerade einstudierte, entgegen. Firmin schlug es leicht irritiert auf und sah die Bescherung: Das Libretto sah aus, als wäre es einem Kleinkind in die Hände gefallen.

"Monsieur Reyer, soll das ein Scherz sein? Ich dachte, sie haben keine Kinder...?", brauste Firmin auf. Reyer sah niedergeschlagen drein und meinte :" Das war kein Kleinkind, Monsieur. Schlagen Sie einmal die letzte Seite auf." Als Firmin das tat, erstarrte er. Auf die letzte Seite hatte jemand in krakeliger Kinderschrift geschrieben :

Das war nur eine kleine Warnung, Monsieur Reyer! Suchen Sie sich ein neues Stück, dass sie aufführen wollen, dieses hier gefällt mir nicht!

PdO


Schnell schlug Firmin das Buch wieder zu und gab es Reyer zurück. "Wir werden das nachher in Ruhe besprechen, Monsieur.", meinte er, "Kommen Sie doch in zwei Stunden in mein Büro."

Firmin atmete erleichtert auf, als Reyer nickte und wieder verschwand, aber dann standen auch schon Carlotta und Piangi vor ihm. Ohne dass er auch nur irgendetwas sagen konnte, kreischte Carlotta hysterisch los: "Monsieur, es ist eine Schande! So eine Frechheit habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht erlebt!" Firmin wünschte sich, dass sie so langsam zur Sache kommen könnte, denn ihr Tonfall behagte ihm nicht sehr.

"Stellen Sie sich vor, ich habe den heutigen Nachmittag ganz harmlos in meinem Haus verbracht und haben eben einige Gesangspartien geübt, obwohl ich das eigentlich nicht nötig hatte." Sie lächelte triumphierend.

"Kurz nachdem ich angefangen hatte zu singen, schmiss mir ein Verrückter ein paar Steine durch ein Fenster! Ich habe mich zu Tode erschrocken! An einem der Steine hing dieser Zettel..." Sie hielt Firmin nun einen grauen Zettel vor die Nase. Firmin rückte sich seinen Zwicker zurecht und begann zu lesen:

Das war jetzt das letzte mal, dass sie meine Ruhe mit ihrem Gekreische stören! Wenn sie nicht das nächste mal von einem Stein getroffen werden wollen, lassen Sie ihre Gesangsstunden lieber sein, Signora!

PdO


Firmin blieb nichts anderes übrig, als auch die aufgebrachte Carlotta in zwei Stunden in sein Büro zu bestellen. Resigniert seufzend wandte er sich Piangi zu, der die ganze Zeit geduldig gewartet hatte.

"Und welches Problem haben Sie, Signor?" Piangi zog es vor, erst einmal nichts zu sagen, sondern deutete nur vorwurfsvoll auf sein Kostüm, das er bereits anhatte. Als Firmin ihn erstaunt und verwirrt ansah, riss dem Tenor der Geduldsfaden.

"Sehen Sie nicht, dass das Kostüm kaputt ist? Nun müssen es die Schneider wieder nähen und es ist nicht sicher, ob es bis heute abend fertig ist! Das ist eine Katastrophe!" Natürlich hatte auch er ein kleines, nicht gerade höfliches Schreiben von 'PdO' bekommen und auch ihm riet Firmin, in zwei Stunden in sein Büro zu kommen.

Ziemlich fertig mit den Nerven begab sich Firmin nun auf die Bühne, um dort etwas Ruhe zu suchen. Aber sobald er die Bretter betrat, stand Buquet, der Mann, der für den Schnürboden, also für die Szenenwechsel verantwortlich war, vor ihm und fing an zu jammern. " Monsieur Firmin, ich werde in hier nicht länger arbeiten, wenn das so weitergeht! Ich bin ein sehr zurückgezogener, aber friedliebender Mensch, das wissen Sie, aber das geht zu weit! Man hat mir unsinnige Knoten in meine Seile geknüpft, es sieht fast so aus, als hätte irgendein Irrer Seemannsknoten geübt!

Mit solchen Seilen kann ich doch nicht arbeiten!" Bevor der Mann einen weiteren Schwall Gejammere loswerden konnte, wies ihn Firmin an, sich ebenfalls nachher in seinem Büro zu melden, man würde dann versuchen, das Problem zu klären. Firmin war nun schon ziemlich verwirrt und der Trubel und die Beschwerden schienen kein Ende zu nehmen, da tippte ihn jemand von hinten an.

Er erschrak fast zu Tode, aber hinter sich sah er zum Glück nur die Confidante ( Dresserin *g*), die ihm anklagend ihr Nadelkissen entgegenhielt. Auf das Nadelkissen hatte jemand mit grellbunten Farben viele Herzchen gestickt und um die Stickerei komplett zu machen, vervollständigte dieses Kunstwerk der Schriftzug 'PdO'.

Firmin wollte sich nicht länger mit der Frau herumstreiten, er gab ihr somit nur kurz die Anweisung, die er den anderen vieren vor ihr auch gegeben hatte und wollte sich nun endgültig aus der Gefahrenzone begeben, als ein Tänzer ihn aufhielt.

Es war der Mann, der im neuen Stück 'Hannibal' den Sklaventreiber spielen sollte. Eine Peitsche wurde deshalb anklagend vor Firmin herumgeschwenkt und er sah, dass sie mit albernen, rosaroten Schleifchen geschmückt war.

"Wer hat Ihnen denn erlaubt, ihre Requisiten zu verunstalten, Mann?!", brüllte Firmin, der nun schon nicht mehr so beherrscht war, den Mann an. Dieser zuckte merklich zusammen und meinte:" Aber das war ich nicht, das war..." Firmin unterbrach ihn:"...der Operngeist! Ist mir klar! Melden Sie sich in zwei Stunden in meinem Büro!"

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er diese Probleme somit keineswegs gelöst hatte, er hatte vielmehr in zwei Stunden einen Massenauflauf in seinem Büro angezettelt, aber er hatte nun nicht mehr die Kraft, weiter darüber nachzudenken. Mühsam schleppte er sich in den Zuschauerraum und lies sich dort auf einen Stuhl in einer Loge plumpsen.

Endlich Ruhe...diese Idylle währte allerdings wieder nicht lange, da plötzlich der Comte de Chagny, Raouls Bruder Philippe vor ihm stand. Firmin brachte nur noch ein klägliches : "Sie wünschen, Monsieur?", heraus.

Philippe hielt Fimin seine ehemals vollkommen weißen Handschuhe, die nun mit Strichmännchen "verziert" waren, vors Gesicht. "Wie erklären Sie sich das, Herr Direktor?" Als Firmin nur hilflos mit den Augen rollte und nicht weiter reagierte, hielt Philippe es für angebracht, ihm noch einen zweiten Gegenstand zu zeigen. Es war ein Opernglas, dessen Gläser allerdings mit schwarzer Farbe bestrichen waren, sodass es nun vollkommen unnütz geworden war.

"Diese beiden Sachen habe ich in meiner Loge gelassen und war der Meinung, dort würden sie sicher verwahrt werden. Was haben Sie denn dazu zu sagen, Monsieur Firmin?" - "Monsieur Firmin?"

Als der Angesprochene nicht reagierte, bemerkte Philippe erst, dass dieser in Ohnmacht gefallen war.

***
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