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Unter normalen Umständen

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Faith Yokas Maurice Boscorelli
06.07.2004
08.07.2004
1
5.097
 
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06.07.2004 5.097
 
Unter normalen Umständen



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Disclaimer: Klar, nix gehört mir...aber Bosco hätt ich trotzdem gern! :-D
Pairing: Bosco/Faith ; Faith's P.O.V
Rating: PG13, hauptsächlich wegen 9/11
Warnung: Faith ist ein wenig ooc. Sie ist in etwa so, wie ICH nach knapp fünfzehn Jahren Ehe mit Fred wäre. Wie ich diesen Typen hasse!
A/N: Schluss der Folge 3/60: "Panik"...jedenfalls, wenn ich was bei der Produktion zu sagen gehabt hätte.

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Natürlich habe ich diesen Test nicht bestanden, ich hatte nicht die geringste Chance. Versteht mich nicht falsch, die Fragen waren ziemlich einfach. Ich hatte ja auch wochenlang darauf gelernt und kannte den Stoff beinahe auswendig...unter normalen Umständen zumindest.
Aber wie soll man sich denn auch nur auf eine einzige Frage konzentrieren, wenn die Gedanken ganz wo anders sind? Meine zum Beispiel waren während des gesamten Tests mal wieder bei Bosco.
Er hat sich in den vergangenen Monaten so sehr verändert, ich erkenne ihn kaum noch wieder. In Gedanken sehe ich ihn noch immer vor mir. Auf dem Stuhl in Swersky Büro, nachdem er den verhafteten Bankräuber mitten ins Gesicht geschlagen hatte. Durch die Scheibe hindurch hatten wir kurz Blickkontakt aufgenommen und was ich gesehen habe, hat mir nicht gefallen. Sein sonst so schönes Gesicht war schmal geworden. Er ist so blass, wirkt müde und abwesend. Die dunklen Ringe unter seinen Augen sind tief schwarz und seine ganze Körperhaltung verrät seinen abgespannten Gemütszustand. Am Liebsten wäre ich zu ihm reinmarschiert, hätte Swersky k.o. geschlagen und ihn da rausgeholt. Aber das war natürlich nicht möglich, also hab ich das Zweitbeste getan und Blickkontakt hergestellt. Dabei habe ich versucht all meine Gefühle für ihn in diesen Blick zu legen. Meine Sorge um seinen derzeitigen Zustand, meine Erleichterung, dass er nicht verletzt ist, meine Freundschaft und meine Hoffnung, dass wir bald wieder zusammen auf Streife gehen können. Ich bin nicht sicher, ob er meinen Blick richtig deuten konnte, aber ich werde es ihm persönlich sagen, sobald ich ihn das nächste Mal sehe.

Müde öffne ich die Tür und betrete die Wohnung. Ich will nur noch ins Bett und endlich abschalten. Mir steckt noch immer diese Untersuchung in den Knochen. Sie war lang und nervenaufreibend gewesen und wie sich herausstellte, hatte der arme Steve mit großer Wahrscheinlichkeit einen Menschen erschossen. Und noch dazu einen Kollegen. Das wird er niemals verkraften, er ist doch noch ein halbes Kind. Nicht mal ich würde mit so einer Situation fertig werden und ich mach diesen Job schon viele Jahre.
Und dann war da natürlich noch Bosco gewesen. Ich hatte mir noch nie zuvor so große Sorgen um ihn gemacht wie in den vergangenen Monaten. Doch trotz all seiner Probleme hatte er für mich bei der Untersuchung gelogen und dabei seinen Hals riskiert. Er wollte mich aus dem Schussfeld bringen, mich beschützen.
Ist das nicht eigentlich mein Job? Ich habe es immer als meine persönliche Aufgabe betrachtet, seinen Rücken freizuhalten und ihn so gut es geht von allem Bösen dieser Welt fernzuhalten. Natürlich ist mir klar, dass er auch sehr gut auf sich selbst aufpassen kann, er ist schließlich einer der besten Cops die ich kenne. Doch ich kann nur sicher gehen, dass es ihm gut geht, wenn ich selbst dafür sorge, dass es ihm gut geht. Klingt das verrückt? Nicht in meinen Ohren.
Tief in Gedanken versunken betätige ich den Lichtschalter.

"Überraschung!" schallt es mir entgegen und ich starre verwundert in die strahlenden Gesichter meiner Familie.

Ach ja, richtig. Die wissen ja noch gar nichts vom negativen Ausgang meiner Prüfung. Muss ich es ihnen überhaupt sagen? Sie gefallen mir alle viel besser, wenn sie lächeln und fröhlich sind. Ich ringe mir ein gezwungenes Lächeln ab und sehe von einem zum anderen. Charlie und Emily sind extra aufgeblieben, um mir zu gratulieren, obwohl sie längst im Bett sein sollten. Vielleicht sollte ich es ihnen erst morgen gestehen, um ihnen ihre Laune nicht zu verderben.

"Oh, sieh dir das an!" sage ich, dann entdecke ich sogar einen Kuchen auf dem Tisch, dekoriert mit einigen Kerzen. "Oh wow!"

"Und? Wie ist es gelaufen Mami? Erzähl!"

Verdammt, sieht nicht danach aus, als könnte ich es bis morgen verschweigen. Emily klingt wahnsinnig aufgeregt und ich komme nicht umher, mich zu fragen, wie unser Leben verlaufen würde, wenn ich diese Prüfung bestanden hätte. Ich hätte geregelte Arbeitszeiten und könnte bereits daheim sein, bevor meine Süßen im Bett sind. Mit dem zusätzlichen Geld könnten wir in ein kleines Häuschen ziehen und Fred hätte endlich Zeit, sich beruflich weiterzuentwickeln.
Aber will ich das überhaupt? Eigentlich gefällt mir der Streifendienst...mit Bosco zumindest. Ohne ihn hätte ich den Job wahrscheinlich längst geschmissen, oder hätte mich zumindest in den Innendienst versetzen lassen. Fred würde es nicht sonderlich gefallen, wenn er wüsste, was für einen großen Einfluss mein Partner auf mein Denken und Handeln hat. Da bin ich absolut sicher.

"Mit fliegenden Fahnen, du hast sie alle abgehängt, stimmt's?"

Okay, ich schätze, jetzt ist es soweit. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht versehentlich das Wort mit B ausspreche. Auf das reagiert Fred nämlich immer irgendwie allergisch.

"Na ja, ich weiß nicht" antworte ich wage und das Lächeln auf Freds Gesicht verschwindet.

"Du weißt es nicht?"

Ich beschließe, dass ich keine Lust auf eine Diskussion mit ihm habe und trete etwas näher zum Tisch.

"Oh Mann! Der Kuchen sieht ja vielleicht toll aus!"

Ein Schokoladenkuchen mit der Aufschrift "Sergeant Mommy". Wie passend.

"Haben wir selbst gebacken!" erklärt Charlie stolz und ich fühle mich plötzlich unglaublich mies, diesen Test nicht bestanden zu haben.

Meine Kinder hätten wahrlich ein besseres Leben verdient, aber mir gefällt mein Leben nun mal so wie es ist. Nicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich ein sehr egoistischer Mensch bin. Habe ich den Test etwa absichtlich nicht bestanden, um weiterhin mit Bosco Streife fahren zu dürfen?

"Mal im Ernst, Faith..." unterbricht Fred nun meine Gedanken. "Du hast kein gutes Gefühl?"

"Es war schwerer als ich dachte."

Ich kann es nicht fassen, ich habe ihm gerade mitten ins Gesicht gelogen. Nicht, dass es das erste Mal gewesen wäre oder so...

"Du hattest doch gelernt" entgegnet er jetzt skeptisch und einzig die Anwesenheit meiner Kinder bewahrt mich davor, eine sarkastische Bemerkung abzulassen.

"Ja, schon, aber als ich drin saß, stand ich ein paar Mal auf dem Schlauch."

Was für eine Untertreibung, ich stand nicht einfach nur einige Male auf diesem Schlauch, ich hab dort förmlich übernachtet.

"Soll das heißen, du bist durchgefallen?" fragt er nun und seine gute Laune ist endgültig verschwunden.

Wär ja auch zu schön gewesen, wenn wir mal einen Abend ohne Streit überstanden hätten. Dann fällt mir ein, dass ich noch gar nicht auf seine Frage geantwortet habe und nicke schließlich schweigend.

"Aber du hast den Stoff doch rauf und runter beten können."

Langsam fängt er an, mich zu nerven.

"Ja, ich war nicht ganz bei der Sache" sage ich und versuche meine Stimme so ruhig wie möglich zu halten.

Charlie und Emily haben schon viel zu viele Streitereien zwischen uns mitbekommen, das will ich ihnen wenigstens am heutigen Abend ersparen. Wenn Fred wüsste, was ich noch so alles vor ihm verberge, würde er mich wahrscheinlich nur noch anschreien.

"Nicht bei der Sache?" krächzt er und ich weiß plötzlich, dass dieser Abend nicht gut enden wird.

Nervös streiche ich Emily durch die Haare, nur um meinen Mann nicht ansehen zu müssen.

"Na ja, ich bin vor dem Test noch kurz auf der Wache gewesen und...ähm...Bosco hat anscheinend irgendeinen Blödsinn gemacht und Schwierigkeiten bekommen---"

Oje, jetzt ist mir das böse Wort mit B doch rausgerutscht. Er rollt mit den Augen und schlägt entnervt die Hände vors Gesicht.

"Bosco!?... In euer Zimmer!"

Die Kinder und ich sehen ihn überrascht an.

"Was? Fred!"

"Wir kriegen keinen Kuchen?" fragt Charlie traurig und ich lächle ihn sanft an.

"Doch, wir essen Kuchen. In fünf Minuten gibt's den Kuchen, okay? Seid so gut und lasst uns fünf Minuten allein."

Irgendwie bezweifle ich, dass die Diskussion in diesen fünf Minuten zu einem Ende finden wird. Ich küsse beide auf die Stirn und sie gehen langsam zu ihrem Zimmer.

"Das ist nicht fair" mault Charlie noch und ich seufze.

Zu gern würde ich mit meinem Sohn tauschen und für eine Weile im Kinderzimmer verschwinden. Doch es sieht nicht so aus, als ob ich diese Möglichkeit hätte.

"Fünf Minuten... Der Kuchen ist toll! ...Dankeschön."

Dann drehe ich mich zu Fred um und sehe ihn erwartungsvoll an. Nicht, dass ich nicht weiß, worauf dieses Gespräch hinauslaufen wird, es endet immer gleich. Er macht Bosco für alle Probleme in unserer Ehe verantwortlich und geht schließlich, um sich irgendwo voll laufen zu lassen. Langsam wird's langweilig.

"Was soll das werden?"

Er winkt mich herrisch zu sich, eine Geste, die ich überhaupt nicht leiden kann. Was er wohl erst machen würde, wenn er wüsste, dass ich eigentlich gar kein Sergeant werden will?

"Komm mal her."

Ich gehorche widerwillig, senke jedoch den Blick, um interessiert meine Schuhe zu betrachten. Ich sollte sie mal wieder putzen, sie sehen irgendwie grau aus.

"Jetzt erklär mir bitte, wie Bosco dich davon abhalten konnte, diesen Test zu bestehen!"

Warum immer diese Diskussionen über Bosco? Er ist mein Partner. Er ist mein bester Freund... Und er ist noch soviel mehr, aber darum geht's hier im Moment nicht. Ich bin ja nicht lebensmüde, DAS jetzt anzusprechen.

"Kann sein, dass ich nen Aussetzer hatte" sage ich schließlich, und er sieht mich ungläubig an.

"Das ist doch Quatsch! Du hast keine Aussetzer. Du hättest diesen Test im Halbschlaf machen können und hättest ihn trotzdem bestanden!"

Ich hebe kurz den Blick. Er kennt mich zu gut. Unter normalen Umständen hätte ich diese Prüfung wirklich im Halbschlaf bestanden. Aber dies sind nun mal keine normalen Umstände.

"Hör mal Fred, es ist meine Karriere und wenn ich einen Fehler mache---"

"Nein, eben nicht!" unterbricht er und meine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.

Normalerweise wagt es absolut niemand, mich zu unterbrechen. Kein Gangster, kein Kollege, nicht mal Bosco und der fürchtet sich eigentlich vor nichts und niemandem... unter normalen Umständen zumindest. Womit wir wieder beim Thema wären, denn wie gesagt, dies sind keine normalen Umstände.

"Es ist unser Leben! Es geht um eine bessere Zukunft für dich selbst für deine Kinder und für mich...und du lässt zu, dass Bosco alles ruiniert!!"

Das war's. Keiner hackt ungestraft auf meinem Partner rum, vor allem wenn es ihm eh schon schlecht geht. Langsam sehe ich auf.

"Nein, Bosco ist nun wirklich nicht schuld daran, es lag an mir."

Sein Gesicht spricht Bände, er glaubt mir kein Wort.

"Ah ja, nimm ihn nur wieder in Schutz!"

Jetzt ist es gleich wieder soweit. Drei...zwei...eins...Wie aufs Kommando dreht er sich um, geht zur Tür und greift nach seiner Jacke. Und da soll noch mal einer sagen, ich würde meinen Mann nicht kennen. Gut, die meiste Zeit über habe ich überhaupt keine Ahnung, was er denkt. Aber er informiert mich ja ständig darüber, von daher sehe ich da eigentlich kein Problem.

"Komm hör auf, Fred, du... Fred! Ach komm, jetzt geh nicht weg!"

Auch das gehört zu unserem Ritual dazu. Ich versuche ihn zurückzuhalten, obwohl es mir eigentlich ziemlich egal ist. Manchmal gelingt es mir und die Diskussion wird fortgesetzt. Meistens aber geht er trotzdem und ich sehe ihn erst am nächsten Morgen wieder. Schnarchend und mit einer Alkoholfahne. Irgendwie kann ich heute auf beide Optionen verzichten.

"Warum? Ist dir doch sowieso egal."

Hm, stimmt eigentlich. Schlaues Kerlchen.

"Och bitte, Fred!"

Er mustert mich eindringlich.

"Ich muss an die Luft und diese ganzen blöden Ideen vom eigenen Haus und so weiter aus dem Kopf kriegen!"

Er versucht mir damit ein schlechtes Gewissen einzureden, scheitert jedoch kläglich. Ich habe nie gesagt, dass ich Sergeant werden und in ein eigenes Häuschen ziehen will...gut, ich HABE es gesagt, aber ich habe es nie wirklich so gemeint. Der Streifendienst ist nun mal mein Leben.

"Bitte bleib hier, Fred! ... Fred!"

Er geht und lässt die Tür ins Schloss fallen. Ich seufze und mein Blick fällt auf den Kuchen. Ich hätte nicht übel Lust, ihn aufzuessen, um meinen Frust etwas abzubauen. Aber meine Waage würde mich wahrscheinlich dafür morgen Früh lynchen.

Also stelle ich ihn in den Kühlschrank und wandere in der Küche auf und ab. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen und wieder schleichen sich die Ereignisse der letzten Tage in meinen Kopf. Die Sorge um Bosco und seinen Gemütszustand. Die Schießerei bei der einer unserer Kollegen erschossen wurde. Die aufreibende Untersuchung und natürlich Bosco. Langsam macht es mir Angst, dass ich so häufig an ihn denke. Er ist öfter in meinem Kopf als Fred und der ist immerhin mein Mann. Natürlich haben wir nicht nur gute Zeiten, aber alles in allem führen wir doch eine glückliche Ehe. Oder? Ist es denn aber andererseits nicht verständlich, dass ich oft an Bosco denke? Er ist immerhin mein Partner, mein bester Freund...und... Ich weigere mich irgendwie den Gedanken zu Ende zu spinnen und lasse mich stattdessen auf einen Küchenstuhl fallen. Ich mag ihn sehr gern, da besteht kein Zweifel. Und im Moment mache ich mir einfach große Sorgen um ihn. Punkt.

Ich stehe auf, gehe zum Kühlschrank und öffne ihn.
"Sergeant Mommy" brumme ich und schüttle den Kopf.
Das könnte noch ein wenig dauern. Seufzend greife ich nach einem Messer, schneide zwei kleine Stücke ab und lege sie auf zwei Teller. Dann gehe ich zum Kinderzimmer und öffne leise die Tür. Meine Süßen schlafen schon und ich stelle die Teller etwas unsicher auf den Schreibtisch. Für einige Minuten betrachte ich sie und drücke ihnen schließlich einen Kuss auf die Stirn. Sie hätten wirklich ein besseres Leben verdient. Dann höre ich Schritte im Hausflur und seufze. Bestimmt Fred. Ich verlasse das Kinderzimmer und höre es klopfen. Er hat wohl in der Eile wieder seine Schlüssel vergessen. Also gehe ich zur Tür und öffne sie.

"Hallo..."

Ich breche ab und brauche ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass nicht mein Mann vor der Tür steht, sondern Bosco. Er sieht müde aus und ich frage mich, was ihn zu so später Stunde noch zu mir führt. Gut, dass Fred nicht da ist, dem würde dieser Besuch wohl überhaupt nicht gefallen. Apropos...

"Ich dachte, du wärst Fred. Er hat sich ausgesperrt." Bosco sieht mich schweigend an und ich kann mir schon denken, dass dies kein simpler Freundschaftsbesuch ist. "Geht's dir gut?"

"Können wir uns unterhalten?"

Nach all den Jahren sollte er eigentlich wissen, dass er IMMER zu mir kommen kann, wenn ihn etwas beschäftigt.

"Ja, komm rein."

Beinahe vorsichtig betritt er die Wohnung und ich sehe ihm hinterher. Er hat doch bestimmt mindestens vier Kilo abgenommen. Das gefällt mir ganz und gar nicht.
"Wie ist der Test gelaufen?" fragt er und ich wundere mich kurz, dass er sich bei all seinen eigenen Problemen überhaupt daran erinnert.

"Nicht so toll" antworte ich und er sieht mich ziemlich überrascht an.

"Nein?"

"Nein. Fred ist ziemlich sauer deswegen."

"Ich kann mir nicht denken, dass du ihn nicht bestanden hast."

"Sieht aber ganz so aus." Wir sehen uns schweigend an. "Bei dir alles okay? Hat dir Swersky den Marsch geblasen?"

"Eine Woche zwangsbeurlaubt, danach die Woche Schreibtischdienst. Und auf die Couch muss ich auch wieder."

Oje, das erklärt natürlich die schlechte Laune. Bosco hasst es, wenn er dazu gezwungen wird zu reden. Er frisst lieber alles in sich hinein und versucht seine Probleme allein zu bewältigen.

"Es hätte auch schlimmer kommen können, Bosco" entgegne ich aufmunternd und setze mich auf die Couch.

Wieder sieht er mich lange an.

"Weißt du, als ich dort ankam, ist das Flugzeug in den zweiten Turm gekracht---"

Wovon redet er? Welches Flugzeug?

"Was?"

"...Und ich sah, wie vom Nordturm Leute runter sprangen. Einer nach dem anderen. Ich hab zugesehen. Einfach nur zugesehen und ich konnte nichts tun."

Ich wusste nicht, dass ihn das noch so beschäftigt. Es macht mich wohl zu einer ziemlich schlechten Partnerin, nicht zu wissen, was in ihm vorgeht.

"Niemand von uns konnte was tun."

"Sie fielen einfach runter. Irrsinnig schnell und trotzdem kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Ich...ich weiß es nicht. Ich sah Paare, die sich an den Händen gehalten haben... Stell dir vor, ich hab Frauen gesehen, die mit beiden Händen ihr Kleid festhielten... Und dann dieses Geräusch. Als sie aufschlugen. Und ich stand einfach nur da. Weißt du, ich hab einfach nur dagestanden und nichts getan. Okay, hier und da hab ich den Wegweiser gemacht, aber sonst..."

Er setzt sich mir gegenüber auf den Couchtisch und starrt zu Boden.

"Ich konnte mich nicht rühren, ich war zur Salzsäule erstarrt. Wie betäubt. Ich konnte es selbst nicht glauben. Und dann...dann war da dieses tiefe Donnern. Ich hatte so was noch nie vorher gehört. So ein ohrenbetäubendes Geräusch. Da bin ich losgerannt... Ich bin weggerannt."

"Du musstest rennen, weil der Turm einstürzte" sage ich mit fester Stimme und muss mich dabei zurückhalten ihn nicht in meine Arme zu ziehen.

Wenn er eine Umarmung will, wird er zu mir kommen. Einmal mehr fällt mir auf, dass wir uns nie berühren. Woran liegt das?

"Ich rannte einfach weiter. Immer weiter. Ich weiß, ich bin irgendwann nur noch gerannt. Immer weiter... und dann...dann kam diese Staubwolke. Ich konnte nichts sehen, nicht das Geringste. Alles um mich war schwarz...aber ich bin weiter gerannt...Ich konnte..."

Seine Stimme versagt und er bricht in Tränen aus. Ich habe ihn schon vorher weinen gesehen, wenn auch nur selten. Doch heute ist es anders. Der Anblick schockiert mich förmlich und macht mich gleichzeitig so unendlich traurig, dass ich auch mit den  Tränen kämpfe.

"...Ich konnte nicht mehr atmen...ich dachte, das war's jetzt. Wahrscheinlich bin ich in irgendein Haus rein gelaufen, denn da kam ich wieder zu mir."

"Jeder ist weggerannt" sage ich, um ihn aufzumuntern und er sieht mich an.

"Ich bin nicht mehr zurückgegangen."

Natürlich erinnere ich mich an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Als ich beim World Trade Center ankam, herrschte absolutes Chaos, doch Maurice Boscorelli war mittendrin um zu helfen.

"Du warst da!"

"Ich hab auf der Straße gesessen und es ging nicht...ich konnte...ich konnte einfach nicht mehr zurück."

Was redet er denn da nur? Er allein hat mit Sicherheit zig Leben gerettet.

"Ich hab dich doch gesehen!"

Doch er scheint mich wieder nicht zu hören.

"Ich hatte einfach Angst!"

"Bosco, du hast den Leuten geholfen. Ich habe es selbst gesehen!"

Langsam werde ich ungeduldig. Er macht es sich nur unnötig schwer. Ich weiß, dass er alles in seiner Macht stehende getan hat. So wie immer. Er ist Polizist mit jeder Faser seines Körpers. Ihm bedeutet dieser Job fast noch mehr als mir.

"Nein, das war später, als du mich gesehen hast. Ich hab da gesessen. Ich weiß nicht wie lange ich da...es war glaub ich ne Stunde. Ne Stunde hab ich einfach nur da gehockt...ich weiß es nicht genau...vielleicht waren es auch zwei Stunden."

"Du hast unter Schock gestanden!" sage ich schlicht und er sieht mich anklagend an.

"Faith! Ich bin weggerannt! ... Mein Gott, ich bin weggerannt."

Er vergräbt sein Gesicht in den Händen, beugt sich nach vorne und lehnt sich an mich.

"Bosco."

Ich kann es kaum glauben. Maurice Boscorelli - der mutigste und stärkste Mann den ich kenne - liegt in meinen Armen und weint wie wahrscheinlich noch nie zuvor in seinem Leben.

"Ich bin weggerannt!" schluchzt er und ich spreche beruhigend auf ihn ein, während ich gleichzeitig mit meinen Händen behutsam über seinen Rücken streiche.

"Ist ja gut...ist ja gut...Alles okay...ist ja schon gut...Ist gut...Alles wird gut..."

"Ich bin weggerannt!" flüstert er und ich begreife, dass das für ihn das Schlimmste war.

Schlimmer als der Tod seines Vorbildes, schlimmer als der Tod seines Partners. Schlimmer als der Vorfall mit der Farbbombe. Die Tatsache, dass er doch kein Gott, sondern nur ein normaler Mensch mit Ängsten ist, macht ihn fertig.
Zufällig blicke ich auf und sehe Fred im Türrahmen stehen. Ich habe ihn gar nicht reinkommen gehört. Er sieht uns schweigend an und ich starre zurück. Warte darauf, dass er etwas sagt. Ich möchte wissen, ob er auf Bosco wütend ist, weil er hier in meinen Armen liegt, oder ob er nur überrascht ist, ihn weinen zu sehen. Das geschieht wie gesagt nur äußerst selten und wenn es doch dazu kommt, bin nur ich in der Nähe. Sonst niemand. Er vertraut niemandem so sehr wie mir und das macht mich stolz. Ich komme nicht dazu, Fred zu fragen, denn er macht auf dem Absatz kehrt und schlägt die Tür hinter sich zu. Vom Lärm aufgeschreckt, sieht Bosco mich fragend an.

"Was war das?"

"Mach dir keine Sorgen" erwidere ich. "Es ist gar nichts."

Er sieht mich aus geschwollenen und geröteten Augen lange an und ich weiß genau, dass er gerade überlegt zu fliehen. Sich in sein Auto zu setzen, irgendwo hinzufahren und alleine zu sein. So macht er es immer. Doch das lasse ich nicht zu. Nicht heute. Stattdessen ziehe ich ihn zu mir auf die Couch, so dass wir nebeneinander liegen. Wieder fängt er an zu schluchzen und klammert sich mit aller Macht an mich. Als wäre ich das einzige Rettungsboot auf einer stürmischen See. Das kenne ich von Charlie. Manchmal ähneln sich die Beiden so sehr, dass ich mich frage, warum Fred noch nie den Verdacht hatte, Charlie könnte Boscos Sohn sein. Das ist natürlich Unsinn, wir sind ja nur Freunde. Okay, im Moment liegen wir eng umschlungen auf dem Sofa, aber das hat ja nichts weiter zu bedeuten...jedenfalls nicht für ihn. Für mich hingegen bedeutet es Alles.
Inständig hoffe ich, dass weder Fred noch die Kinder jetzt hereinplatzen. Zum einen, weil sie es absolut missverstehen würden und weil ich andererseits diesen Moment genieße. Ich weiß, das sollte ich nicht, schließlich geht es ihm gerade sehr schlecht. Aber - wie gesagt - wir berühren uns nur sehr selten. Das finde ich schade, fand ich schon immer.
Eine lange Zeit später verebben seine Schluchzer und er zieht die Nase hoch.

"Danke" flüstert er, so leise, dass ich das Wort mehr erahne als höre und küsst mich sanft auf die Stirn, bevor er sich erhebt und über mich hinwegsteigt. "Ich glaube, ich sollte jetzt gehen" sagt er dann und ich springe auf.

"Das kommt ja gar nicht in Frage! Du wirst die Nacht natürlich hier verbringen!"

Im Moment stört es mich nicht mal, dass ich mich mal wieder wie eine Mutter benehme. Dabei war ich noch nie soweit entfernt, seine Mutter sein zu wollen. Aber die Hauptsache ist, dass er heute Nacht nicht allein ist. Er rollt genervt mit den Augen und ich sehe es als verdammt gutes Zeichen an, dass er schon wieder genervt sein kann. Also setze ich noch einen drauf.

"Du schläfst auf der Couch. Leg dich schon mal hin, ich bringe dir eine Decke."

Wieder ein Augenrollen.

"Na schön" sagt er und lässt sich seufzend auf das Sofa fallen.

Er weiß genau, dass er keine Chance hat, mir zu widersprechen. Eine knappe Minute später kehre ich mit einer Decke und einem Kissen bewaffnet ins Wohnzimmer zurück. Er hat bereits Schuhe und Socken ausgezogen und legt gerade seine Jacke ab.

"Die kannst du mir geben" sage ich, nehme sie und hänge sie an einen Garderobenhaken.

In diesem Moment würde ich alles dafür geben, ihn ohne Shirt zu sehen. Natürlich nur, um zu überprüfen, ob er wirklich so viel abgenommen hat, wie ich anfangs vermutet habe.
'Ja, red dir das nur ein!' höhnt eine Stimme in meinem Kopf - die sich verflucht nach Fred anhört - und ich verscheuche sie genervt.

Als ich zurückkomme, liegt er bereits auf der Couch und ist zugedeckt. Langsam trete ich an seine Seite und gehe neben ihm in die Hocke.

"Brauchst du noch irgendwas?" flüstere ich und er schließt die Augen.

Das gibt mir ein paar Sekunden Zeit, sein Gesicht zu betrachten. Die Augenpartie ist noch immer etwas gerötet und geschwollen, doch sonst scheint er sich beruhigt zu haben. Wieder einmal fällt mir auf, wie schön er doch eigentlich ist. Er ist so schön, dass ich ihn am Liebsten berühren möchte, doch ich halte mich wohlweislich zurück. Das würde nur Probleme geben.

"Nein, Mami" wispert er mit einem Hauch von Sarkasmus in der Stimme und zieht sich die Decke bis zum Kinn hoch.

Noch bevor der rationale Teil in mir einschreiten kann, beuge ich mich über ihn und küsse ihn kurz auf die Lippen.

"Gute Nacht, mein Sohn."

Dann erhebe ich mich und gehe ins Schlafzimmer. Natürlich spüre ich seinen überraschten Blick auf mir, doch ich drehe mich nicht um. Leise schließe ich die Tür und krieche unter die Bettdecke.

"Was habe ich mir nur dabei gedacht?" murmele ich und schließe die Augen. "Das hätte ich unter normalen Umständen niemals gewagt!"

Als ich meine Lippen befeuchten möchte, erhascht meine Zunge seinen Geschmack auf ihnen. Er schmeckt so anders als Fred. So viel besser.
Beim Gedanken an meinen Mann beginne ich zu seufzen. Hoffentlich bemerkt er Bosco nicht, wenn er heimkommt. Der Streit könnte böse enden.

Auch wenn ich nicht weiß, was der morgige Tag bringt, schlafe ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Und ich träume von einem Kuss.
Doch diesmal ist er nicht nur meiner Phantasie entsprungen, sondern entspricht zum ersten Mal der Realität.
Scheiß auf die normalen Umstände, auf diesen Moment habe ich mehr als zehn Jahre lang gewartet!!!


~*~*~ENDE~*~*~
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