Totgeglaubt

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
06.07.2004
05.04.2019
18
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Kapitel 14 – Feanors Erbe


Genüsslich schaute Glorfindel in die Runde, jeden genau betrachtend, wie die Neugierde förmlich aus ihnen zu springen drohte. Innerlich grinste er spitzbübisch. Sein Blick blieb an der Karaffe Wein hängen. Für die anderen unendlich langsam erhob er sich, ging zu dem kleinen Tisch hinüber und schenkte sich ein Glas des köstlichen Weines ein. Er spürte jeden einzelnen Blick auf sich ruhen, als er ebenso langsam wieder zu seinem Platz ging. Insgeheim fragte er sich, wer der erste wäre, der seine Neugierde nicht länger ertragen würde, als er die Stimme der Dame des Hauses vernahm. Freundlich lächelnd schaute er sie an, so als wäre dies ein Abend wie viele zuvor.

„Wenn Ihr nun die Güte hättet uns endlich einzuweihen.“, meinte Celebrían freundlich, doch ihre Stimme verriet ihre fast unstillbare Neugierde.

Glorfindel nickte und atmete tief durch. „Elrond, erinnerst du dich noch, wie du mich nach Morwen gefragt hast?“, begann er leise.

„Natürlich, du hattest auch einiges erzählt, aber...“

„Aber über ihre Herkunft hatte ich geschwiegen.“, unterbrach er Elrond freundlich, der daraufhin nur nickte. „Letzte Nacht träumte ich wieder von ihr und sie gestattete mir, den Namen ihres Vaters preiszugeben.“, setzte Glorfindel an.

Neugierig schauten alle auf den Seneschall, als er zu erzählen begann. „Und?“ kam es unisono aus fast allen Mündern. Erestor hatte nun immer mehr Mühe seine Kontenance zu wahren.

Mit einem amüsierten Lächeln schaute Glorfindel in die Runde, ehe er weiter erzählte. „Morwen hatte sieben Halbbrüder und der letzte ihrer Familie väterlicherseits fiel im Krieg gegen Sauron im Jahre 1697 im Zweiten Zeitalter. In Gondolin fürchtete sie geächtet zu werden, würde man erfahren, wer ihr Vater war. Lange kämpfte sie mit sich es mir zu gestehen. Außer mir wussten es nur Turgon, später auch Gil-galad und Erestor. In Morwen lebt Feanors Linie weiter.“, gab er schließlich preis und hatte es halbwegs kurz gehalten. Ungläubig schauten ihn nun alle Anwesenden an. Sie konnten einfach nicht glauben, was sie soeben gehört hatten. Ehrfürchtiges Schweigen breitete sich für einen Augenblick aus.

Er konnte es einfach nicht glauben. „Das ist Unmöglich.“, gab Elladan verwirrt kund.

„Ich war ebenso überrascht.“, sagte Erestor lächelnd. „Aber glaubt ihm ruhig, warum sollte er nicht die Wahrheit sagen?“

„Nun ja irgendwie kann ich ja schon verstehen, dass Morwen ihren Vater verheimlichte, er hat ja nicht gerade Glück über die Elben gebracht, wenn ich so an Alqualonde oder die Kriege von Beleriand denke.“, warf Elrohir ein.

„Genau dieses Denken hatte Morwen einst dazu getrieben über ihre Abstammung zu schweigen. Damals gab es viele, die ihn nach der Reise über die Eis- und Schneeregionen der Helcaraxe, verfluchten. Schließlich hatte er uns keine andere Wahl gelassen, denn die wenigen Schiffe, die wir hatten, verbrannte er nach seiner Ankunft in Mittelerde. Viele ließen bei dieser Reise ihr Leben und wären lieber umgekehrt, doch es gab kein Zurück. Wir mussten den Weg weitergehen und ein neues Leben beginnen.“, meinte Glorfindel und erinnerte sich an diese höllische Reise und die damit einhergehende die Kälte und die Unwegsamkeiten.

„Feanor hat doch aber auch Großes geleistet und gilt als einer der Größten unter uns Noldor.“, versuchte nun Elladan Feanor ein wenig zu verteidigen.

„Du vergisst dabei, dass Feanor es war, der offen gegen die Valar sprach, gegen ihren Willen gehandelt und viele von uns nach Beleriand geführt hatte. Sein Handeln führte, wie Elrohir schon sagte, zum Sippenmord von Alqualonde, wo viele Telerin grundlos starben.“ Glorfindel klang bedrückt und beschämt. „Er hat viel Großes getan gewiss, aber brachte er auch viel Leid über uns. Auch ich folgte ihm und tat vieles, was ich später bereute, doch zumindest in Alqualonde war ich nicht aktiv gewesen. Morwen hat oft mitbekommen, wie viele Noldor Feanor verwünschten und so entschied sie sich, aus Angst man könnte ihr etwas antun, über ihren Vater zu schweigen. Aber tief in ihrem Herzen liebt sie ihn, obwohl sie ihn nicht einmal persönlich kannte.“

„Sie genoss Gil-galads Schutz. Wenn er ihr glaubte, so sollten auch wir ihr glauben und uns bemühen sie endlich zu finden.“, meinte Elrond. „Das erklärt natürlich, warum Gil-galad sie verbarg und sie selbst mit niemand sprach. Ich finde es nur Schade, dass selbst ich nie eine Möglichkeit hatte mit ihr zu reden. In Lindon war sie sehr scheu und zeigte sich niemanden außer Gil-galad.“

„Aber wie sollen wir sie jemals finden?“, warf nun Gildor ein, der sich auch noch wage an die Oberste Archivarin Gondolins erinnern konnte. Oft hatte er sie nicht gesehen, aber später auf Festen in Glorfindels Haus war sie immer zugegen gewesen.

„Sie lebt in einer Höhle aus der es keinen Weg zu geben scheint und die Valar, so sieht es zumindest aus, scheinen ihr ihren Schutz angedeihen zu lassen. Ihre Ahnin lebt in Valinor, wo sie im Haus Osses dient.“

„Dann müssen sowohl ihre Ahnin als auch Morwen etwas Besonderes sein. Denn nur wenige Elben stehen im Dienst der Ainur.“, vernahm man die zarte Stimme Celebríans.

„Das ist wohl wahr, aber dieses Geheimnis vermag ich euch nicht zu erzählen, denn ich weiß es selber nicht. Obwohl ich viel Zeit mit Morwens Mutter verbrachte, während ich in Valinor lebte und darauf wartete, nach Mittelerde zurückkehren zu dürfen, erzählte sie mir nie von ihrer Familie.“, sinnierte Glorfindel.

Lange noch sprach man an jenen Abend über Morwen und ihre Familie, als weiter nördlich ein schreckliches Verbrechen seinen Lauf nahm, das noch für großen Kummer in den Elbenreichen sorgen sollte.

* * *


Kleine Wellen kräuselten sich auf dem Meer und schlugen langsam in schäumenden Wellen an den einsamen Strand. So langsam wie das Meer sich auf dem Strand ausgebreitet hatte, so bedächtig zog es sich wieder in das Meer zurück und hinterließ dort, wo sich das Sonnenlicht im Wasser brach einen goldenen Schimmer. Die Sonne war noch nicht aus dem Meer empor gestiegen und tauchte die Welt bereits in ein warmes orange-goldenes Licht. Es war still, nur das Rauschen des Meeres war zu vernehmen und verwob sich gelegentlich mit dem einsamen Ruf einer Möwe, die über die See hinweg flogen.

In den Dünen raschelte durch die leichte Morgenbrise das Schilf, das sich im Wind sacht bewegte. Morwens Ahnin Glóredhel schritt leichten Fußes durch dieses Schilfmeer um ans Wasser zu gelangen, während ein warmer Wind sanft an ihren goldenen Haaren zerrte und es sachte in der Luft tanzen ließ. Für ein paar Tage war sie bei ihrer Tochter zu Besuch und genoss diese einsamen Stunden am Meer.

Nun stand sie gedankenverloren am Strand und blickte auf das weite Meer hinaus, sodass sie nicht einmal merkte, wie sich ihre Tochter näherte. Von einer kleinen Anhöhe herab führte ein schmaler Pfad hinab zu den Dünen, wo er sich dann durch das dichtgewachsene Schilf hindurchschlängelte. Der Weg war nicht weit, doch im Schilf hatte man das Gefühl, als würde man durch einen dichtgewachsenen Wald spazieren. Würde man nicht das Meer rauschen hören, würde man nicht glauben, dass man auf dem Weg zur weiten See war. Erst nach einigen Metern, wenn man die letzte Kurve des gewundenen Pfades hinter sich gebracht hatte, gab das Schilf den Blick auf den feinsandigen Strand preis.

„Er war hier nicht wahr?“, erklang die sanfte Stimme Lindóriës.

Lächelnd drehte sich Glóredhel zu ihrer Tochter um. Sie hatte blaue Augen, wie alle Vanyar, doch ihre hatten eine besondere Färbung. Sie waren so blau, wie der tiefste Punkt des Meeres. Es waren seine Augen, in die sie blickte, wann immer sie ihre Tochter ansah.

„Ja, er war hier, doch er blieb nicht lange.“, sagte Glóredhel und schaute bedeutungsvoll nach Westen, wo in fast unerreichbarer Ferne Mittelerde lag.

Lindórië hatte eine Ahnung, was der Blick ihrer Mutter zu bedeuten hatte und war froh, das nun auch endlich ihre Tochter erfahren würde, welch besonderes Blut in ihren Adern floss. „Vater wird es ihr also endlich sagen.“

Nachdenklich schaute Glóredhel ihre Tochter an. „Ja, endlich wird er sich auch ihr offenbaren und damit das letzte Geheimnis ihrer Familie lüften. Und er wird ihr auch die Nachricht des Sieges über den Hexenkönig von Angmar überbringen, wenn sie es nicht schon im Traum erfahren haben sollte.“

* * *


Sichtlich überrascht blickte Morwen auf, als Ulmo in ihrer Höhle erschien, die mittlerweile recht behaglich eingerichtet war. In all den Jahrhunderten hatte er sie am wenigsten besucht. Meistens waren die Maiar, die in seinem Dienst standen, bei ihr. Ulmos Besuche, konnte Morwen an einer Hand abzählen.

Freundlich lächelnd schaute er sie an und blickte in dieselben Augen, in die er schaute, wenn er seine Tochter betrachtete und doch war das Erbe ihres Vaters unleugbar. Ihr Haar war von ebensolcher Schwärze, wie das Federkleid eines Raben und ihre Fähigkeiten sprachen für ihr edles noldorisches Erbe, das ihr Vater ihr mitgegeben hatte.

„Morwen, frohe Kunde kann ich dir bringen.“, verkündete Ulmo mit seiner tiefen Stimme.

„Glorfindel lebt.“, kam es sogleich freudig über ihre Lippen, obwohl sie es ja schon ahnte. Obgleich sie Glorfindel im Traum begegnete, soviel wusste sie, konnte sich Feanors Tochter einfach nicht genau erinnern, wenn sie morgens erwachte. Morwen war so glücklich, dass sie nicht anders konnte, als dem Valar um den Hals zu fallen. Für einen Moment vergaß sie, das Ulmo weit über ihr stand und ihr Verhalten eigentlich mehr als unschicklich war.

Ulmo schloss Morwen in seine Arme. Er bereute es in diesem Moment nicht, dass er Lórien überredet hatte, die Nachricht des Sieges zu Morwen tragen zu dürfen. Doch ebenso plötzlich, wie die junge Elbin den Valar umarmt hatte, löste sie sich auch wieder.

„Verzeiht.“, flüsterte sie verlegen und trat ehrfürchtig einige Schritte zurück, worauf Ulmo mild lächelte.

Für einen Moment breitete sich Schweigen aus. Ulmo betrachtete Morwen eingehend, sie wirkte nervös, wie sie unbewusst mit dem Saum ihrer Ärmel spielte und es schien ihr unangenehm zu sein, derart impulsiv reagiert zu haben.

Das Schweigen wurde ihr unangenehm, daher besann sie sich ihrer Pflichten als Gastgeberin. „Setzt euch doch.“, bat sie Ulmo, noch immer peinlich berührt. Wie hatte sie sich nur derart vergessen können, ging es ihr durch den Kopf. Doch schnell verdrängte sie ihr unschickliches Verhalten, denn hatte Ulmo ihr nicht soeben mitgeteilt, das Glorfindel lebte? Er hatte also auf ihre Warnung gehört und ihr letzter Traum war nicht nur Einbildung und Wunsch gewesen. Gewiss hatte er tapfer gekämpft und war bis an die Grenzen des Möglichen gegangen und so wie sie ihn kannte, hatte er sich auch dem Hexenkönig in den Weg gestellt. All die Gefahren, die sich Glorfindel mit Sicherheit ausgesetzt hatte, waren vergessen. Morwen hoffte auf einen langen Frieden, Frieden in dem ihr Liebster weiter nach dem Weg zu ihr suchen konnte, um sie dann zu befreien. Oh, wie sehr sehnte sie sich danach wieder seine Nähe zu spüren, seinen warmen Atem auf ihrer Haut zu spüren, zu sehen wie sein goldenes Haar sich mit ihrem schwarzen verwob und seine samtene Stimme, die ihr die schmeichelndsten Worte ins Ohr hauchte, zu hören. Ein Seufzer voller Sehnsucht entfloh ihren Lippen und vor ihrem geistigen Auge stand Glorfindel und streckte seine Hand nach ihr aus.

Ulmo beobachtete Morwen einen Moment und war sich sicher, dass ihre Gedanken bei Glorfindel waren und sah sich schmunzelnd in ihrer Höhle um, ehe er dann doch wieder das Wort an sie richtete.

„Es gibt nichts zu verzeihen Morwen. Ich freue mich mit dir, dass Glorfindel überlebt hat und gesund nach Imladris zurückkehrt ist.“, entgegnete er ihr und seine Stimme klang wie das beruhigende Rauschen der Brandung.

„Selten ward Ihr es, der mich besuchte, um mein Schicksal etwas erträglicher zu machen.“, sinnierte sie vor sich hin und wunderte sich ein wenig über die große Anteilnahme Ulmos an ihrer Freude.

„Und doch weilte ich jeden Tag an deiner Seite Morwen.“, entgegnete er ihr sanft und schaute sie eindringlich an. Lange hatte er gebraucht, sich seiner Tochter zu offenbaren und nun, wo er sich seiner Enkelin zu erkennen geben wollte, fehlten ihm einfach die Worte.

„Wie? Ich meine, ich habe Euch doch nie gesehen.“, stotterte sie verwunderte über die Worte des Valar. Einen Moment lang suchte Ulmo selbst nach Worten, um sich zu erklären, dann jedoch wechselte Morwen völlig überraschend das Thema, so als interessiere sie gar nicht, dass er ihr jeden Tag nah gewesen war.

Sie erinnerte sich, dass ein Krieg über Mittelerde gezogen war und es bestimmt viele Opfer zu beklagen gab, und sie gewiss die Listen für Mandos Hallen aktualisieren musste. „Schickt der Hüter der Totenhäuser die Liste der Gefallenen mit?“, erkundigte sie sich und hatte Mühe, die aufkeimende Trauer zu unterdrücken. Als man ihr vor Jahrhunderten die Führung der Liste der Seelen anvertraut hatte, war sie froh darüber gewesen, denn sie hatte eine Aufgabe, die ihr die erdrückende Langeweile ihrer Lage erleichterte. Damals hatte sie die Listen nur ordnen brauchen, doch in den letzten beiden Jahrhunderten, waren ständig neue Seelenbrief zu ihr gebracht worden, immer mehr Elben fanden den Tod durch Orks und andere Schattenkreaturen. Trauer erfüllte ihr Herz bei dem Gedanken, dass irgendwo eine Elbin saß und nun um ihren Liebsten trauerte. Irgendwo ein Kind war, das niemals seinen Vater wieder sehen würde. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hatte. „Wozu all dieses Blutvergießen? Warum kann es nicht Frieden geben in Mittelerde?“, fragte sie sich lautlos.

Ulmo erinnerte sich, dass Mandos ihm einen Auftrag gegeben hatte. Er überreichte ihr die Notizen des Hüters der Totenhäuser, die Morwen sogleich in ihre Schreibschatulle legte. Sie spürte, dass es noch etwas gab, was Ulmo ihr sagen wollte. So schwieg sie und die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war unangenehm.

Nervosität breitete sich aus. Morwen zwirbelte immer wieder nervös ihre Haarspitzen um den Finger, während Ulmo scheinbar völlig ruhig da saß und Morwen beobachtete. Doch in seinem Innersten tobte eine Unruhe, die rasch schier unerträgliche Ausmaße annahm. Seine Kräfte begannen für einen Moment seiner Kontrolle zu entgleiten, denn er spürte nur dieses gewaltige tosen in sich, wenn ein Sturm losbrach.

„Warum ward Ihr hier und habt Euch nie gezeigt?“, durchbrach Morwen irgendwann die Stille, nachdem diese fast unerträglich geworden war.

Der Angesprochene, hatte diese Frage gefürchtet, obwohl er doch eigentlich vorgehabt hatte, ihr endlich ihre Abstammung zu offenbaren. Im Grunde verstand er selbst nicht, weshalb es ihm so schwer fiel, ihr zu sagen, was er ihr sagen wollte. Schließlich hatte er selbst darauf bestanden, sich zu erkennen zu geben. Schon viel zu lange musste sie schließlich schon im Ungewissen leben. Wovor hatte er nur Angst? Seine Tochter hatte ihm keinerlei Vorwürfe gemacht, sie hatte sich gefreut endlich zu wissen, wer ihr Vater war.

„Weil du mir am Herzen liegst.“, war seine schlichte Antwort, die Morwen nur noch überraschter schauen ließ. „Ich kenne deine Ahnin seit ihrer Ankunft an den Gestaden von Belegaer. Als eine derer, die am Ufer des Cuiviénen zu Leben erwacht war, strahlte sie etwas fast magisches aus. Glóredhel zog mich in ihren Bann und noch lange nach ihrer Ankunft in den Unsterblichen Landen traf ich sie am Meer, wo sie oft stundenlang im Sand saß und sang, wie ich es nie zuvor hörte. Nicht oft nehme ich Gestalt an, doch ihre Stimme rührte mein Herz, ich verliebte mich in sie und zeigte mich ihr. Viele Stunden verbrachten wir miteinander und eines Tages legte sie mir deine Mutter in den Arm.“, erklärte er knapp.

Morwen traute ihren Ohren nicht, sollte es möglich sein dass... Ihr Geist spann unzählige Gedanken, die eigentlich unmöglich sein mussten. „Soll das heißen, dass...?“

„Ja, ich bin der Vater deiner Mutter. Ich bin dein Ahn. Es gab eine Zeit, da hätte ich es nie für möglich gehalten, einmal Vater zu werden und dann machte deine Ahnin mir dieses kostbare Geschenk. Deine Mutter und später auch dich aufwachsen zu sehen, war für mich die größte Freude in Arda.“

Morwen musste dieses Geständnis erst einmal verarbeiten. Unzählige Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Bei Ilúvatar, sie war mit einem Valar verwandt! Warum kam sie hier denn dann nicht heraus, wenn ihr Ahn Ulmo war? Wusste ihr Vater um die Herkunft ihrer Mutter? Wie würde wohl Glorfindel reagieren, wenn er dies erfahren würde? Diese und unzählige andere Gedanken wirbelten in ihrem Kopf umher und gaben ihr das Gefühl, jeden Augenblick vor Schwindel zusammen zu sacken. „Aber ich bin doch eine Elbin oder?“, fragte sie beinah ängstlich.

„Ja, ebenso deine Mutter. Ich hatte die Wahl deine Mutter zu mir zu nehmen, dann wäre sie eine Maia niedersten Ranges geworden, doch dies hätte meiner Geliebten das Herz gebrochen. Sie hätte niemals ihre Tochter hergegeben, also ließ ich Lindórië bei ihrer Mutter und besiegelte ihr Schicksal eine Elbin zu sein. Ich bereue es nicht, denn wäre es anders gekommen, hätte meine Tochter dir nie das Leben geschenkt. Und außerdem ob Elbin oder Maia, ihr seid unsterblich, also was macht es im Grunde für einen Unterschied?“

Ulmo konnte förmlich spüren, wie sich Erleichterung in Morwen ausbreitete, was ihn schmunzeln ließ, denn viele hätten gewiss gern zum Volk der Maiar gezählt. „Du bist erleichtert eine Elbin zu sein.“, stellte er amüsiert fest.

„Ja, es reicht doch schon, dass ich Feanors Tochter bin. Ich kenne genügend Elben, die mich wahrscheinlich ebenso gern verfluchen würden, wie meinen Vater, nachdem sein Eid soviel Leid über die Noldor gebracht hatte, die ihm gefolgt waren.“, meinte sie trocken, doch dann brach sie in schallendes Lachen aus. Auch Ulmo stimmte in dieses ein. Als sich Morwen wieder beruhigt hatte, wollte sie jedoch noch eine Frage beantwortet wissen.

„Wie hatte eigentlich meine Mutter diese Nachricht aufgenommen?“, erkundigte sich Morwen neugierig. Auch wenn ihre Mutter es sich nie hatte anmerken lassen, wie sehr es sie gegrämt hatte, nicht zu wissen, wer ihr Vater ist, so hatte Morwen doch gespürt, das ihre Mutter nur zu gerne gewusst hätte, wer ihr Vater war.

Ein Schmunzeln umspielte Ulmos Mund, als er Morwens Frage vernahm und er sich daran erinnerte, wie Lindórië reagiert hatte.

* * *


Es war ein warmer Sommertag. Lindórië war mit ihrer Mutter in Alqualonde, um ein paar schöne Tage am Meer zu verbringen. Beide gingen sie nun die warme Meeresbrise genießend am weißen Strand entlang. Ihre Mutter hatte irgendetwas vor, das spürte Lindórië, eigentlich hatten sie keine Geheimnisse voreinander, außer eines: ihren Vater.

Schweigend gingen die beiden Elbinnen nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach. Glóredhel hatte alles genau geplant, sie würden gegen Mittag auf ein abgelegenes Haus in Strandnähe stoßen und dort würde Lindórië endlich die ganze Wahrheit erfahren.

Als die beiden Elbinnen das Haus am Mittag erreichten, wartete Ulmo bereits auf sie. Die beiden traten ein und zumindest Lindórië erstarrte, denn vor ihr stand einer der Valar. Huldvoll verneigte sie sich, während sie bemerkte, das ihre Mutter Ulmo freundlich zunickte und ihn seltsam anlächelte, beinah verliebt, kam es ihr in den Sinn.

Ulmo war nervös, sogar sehr nervös. Man sah es ihm nicht an, äußerlich war er die Ruhe selbst, doch in ihm, da tobte dieses Gefühl der Unruhe, der Aufregung nicht wissend, was geschehen würde. Allein seine Augen spiegelten seine Unruhe wieder.

Lindórië schaute den Valar an und kam nicht umhin in seine aufgewühlten Augen zu blicken. Sie glichen der aufgewühlten See nach einem heftigen Sturm. Schon oft hatte er seine Tochter gesehen, schließlich stand sie, wie ihre Mutter in den Diensten seiner Maiar und doch war diesmal alles anders.

Ulmo hatte sich alles genau überlegt, sie würden gemeinsam essen und dann bei einem guten Glas Wein, würde er Lindórië schonend beibringen, dass er ihr Vater war. So hatte er es zumindest geplant. Er merkte, dass seine Tochter ihn noch immer neugierig musterte.

„Lindórië, ich bin dein Vater.“, hörte er sich plötzlich sagen.

Lindórië erstarrte, die Worte des Valar hallten in ihr nach und bildeten ein hundertfaches Echo in ihr. Das konnte nicht wahr sein, das war unmöglich. „Nein! Ihr sprecht unwahr, das ist unmöglich.“, rief sie aus und sank kraftlos auf den Stuhl nieder, der neben ihr stand. Sie war sprachlos, fassungslos. Diese Enthüllung musste sie erst einmal verarbeiten. Ungläubig blickte sie zu ihrer Mutter und dann zu Ulmo, schüttelte dabei ihren Kopf, als wäre es nicht wahr, was sie soeben gehört hatte. Schließlich erhob sie sich und verließ hastig das Haus.

Fragend schaute Ulmo seine Liebste an, wollte dann jedoch zu seiner Tochter gehen. Glóredhel hielt ihn jedoch zurück, sie ahnte, das Lindórië erst einmal Zeit für sich brauchte.

„Nicht. Ich denke es ist besser, wenn Lindórië etwas Zeit bekommt, dein Bekenntnis zu verarbeiten.“, meinte sie und setzte sich seufzend in den Sessel. „Weißt du, wenn sie allein war, hat sie immer überlegt, wer ihr Vater sein könnte. Lindórië hat es nie verstanden, warum ich ihr nie seinen Namen verraten habe. Und wenn sie nachts weinend in ihrem Bett lag, dann nur deshalb, weil sie dich nicht kannte.“, sagte Glóredhel leise. „Sie hatte sich immer nach einem Vater gesehnt, hat ihn jedoch nie gehabt.“

Ulmo musste sich setzen. Warum war ihm nur nie aufgefallen, dass sie sich so sehr danach gesehnt hatte, genau dies zu erfahren? Oft hatte er seine kleine Familie besucht oder war einfach nur in ihrer Nähe gewesen. Warum also war ihm dies nie aufgefallen? Er machte sich Vorwürfe, dass er sich nicht schon früher offenbart hatte, doch Glóredhel tröstete ihn.

„Keine Sorge, sie wird dir nicht böse sein, doch hat sie immer damit gerechnet, dass ein Elb ihr Vater sei. Niemals hätte sie gedacht, dass du ihr Vater bist, egal wie aufopferungsvoll sich deine Maiar um uns gekümmert haben oder wie oft du uns besuchtest.“

„Ich muss mit ihr reden.“, meinte er gedankenverloren und erhob sich. Diesmal wurde er nicht von seiner Liebsten zurückgehalten.

„Dann geh. Lindórië wartet gewiss.“, sagte sie ihm und schaute ihm nach, wie er durch das Schilfmeer zum Strand hinunter ging, wo ihre Tochter allein am Wasser stand. Ihre Füße wurden von der schäumenden Gicht umspült, die ihr Kleid längst durchnässt hatten, doch das schien sie nicht zu stören.

Soviel ging ihr durch den Kopf. Ihr Vater war ein Valar. Warum war sie nicht selber darauf gekommen? Nun wurde ihr klar, weshalb Ulmo sooft bei ihnen gewesen war und warum sich auch seine obersten Maiar Osse und Uinen um sie gekümmert hatten. Aber wenn ihr Vater ein Valar war, warum befreite er seine Enkelin denn dann nicht aus ihrer eisigen Höhle?

„Du weißt warum ich Morwen nicht befreien kann.“, erklang Ulmos sanfte Stimme hinter ihr.

Erschrocken drehte sie sich um. „Woher weißt du, dass... ?“

„Manchmal, wenn du dich nicht verschließt, kann ich in deinen Gedanken lesen.“, erklärte er ihr und setzte sich neben ihr in den warmen Strand. „Ich hätte es dir früher sagen sollen.“, entschuldigte er sich und ließ den warmen Sand durch seine Finger rieseln, so dass er in verschlungenen Mustern auf den Boden fiel.

Lindórië seufzte kaum hörbar und setzte sich ebenfalls in den Sand. „Es hätte nichts geändert.“, sagte sie und begann mit ihrem Fuß im feuchten Sand verschlungene Zeichen zu zeichnen.

Die Sonne verschwand bereits hinter den Bergen, doch Ulmo und seine Tochter saßen noch immer im Sand und redeten miteinander. Von Zeit zu Zeit drang das fröhliche Lachen der beiden an Glóredhels Ohr. Die Sterne waren bereits aufgegangen, als Ulmo und Lindórië zurückkamen.

* * *


„Mittlerweile sehe ich Lindórië beinah jeden Tag, sofern ich nicht meinen Aufgaben nachgehe oder wie jetzt hier bei dir bin.“

„Ich weiß, wie sich Mama, gefühlt hat. Obwohl ich von Anbeginn wusste, wer mein Vater ist, wuchsen wir beide ohne Vater auf. Mama weil sie dich nicht kannte und ich weil mein Vater im Kampf fiel. Doch wenigstens kann Mama dich sehen. Ich kann meinen Vater nicht sehen, mich ihm nicht anvertrauen oder seinen Rat suchen.“, meinte sie leise und kämpfte mit ihren Tränen.

„Und dennoch viel entging mir im Leben meiner Tochter, weil ich mich ihr nicht früher offenbarte.“, sagte er und der Klang seiner Stimme verriet, wie sehr es ihn schmerzte. „Dein Vater hatte keine Möglichkeit bei dir zu sein, weil er gefallen ist.“, tröstete Ulmo seine Enkelin und strich ihr zärtlich übers Haar. ‚Er hätte bei dir sein können, hätte er sich nicht gegen uns aufgelehnt’, ging es Ulmo durch den Kopf, aber diesen Gedanken würde er Morwen gegenüber niemals äußern.

„Aber dennoch wundert es mich, dass du...“, sie hielt inne, es war einfach noch zu ungewöhnlich einen Valar so persönlich anzusprechen. „ ... dich nie gezeigt hast, wo du doch mein Ahn bist.“

„Weil ich es bis heute nicht ertragen kann, dass ich dich nicht erlösen kann von deinem Schicksal. Ich bin selber wie auch alle anderen Valar an einen Ratsbeschluss gebunden, den selbst ich nicht umgehen kann und darf. Doch bin ich mir sicher, dass Glorfindel bald den richtigen Weg zu dir findet. Er gibt sich alle Mühe, den Weg zu dir zu finden, er leidet unter eurer Trennung ebenso sehr wie du, glaube mir. Leider dürfen wir ihm auch nicht sagen, wo er dich genau finden kann.“, meinte Ulmo tröstend und sah vor seinem geistigen Auge das Bild Glorfindels, wie er sich todesmutig in den Kampf um Gondolin stürzte.

„Dein Herz konnte keinen besseren Elben erwählen, Morwen. Er hat deine Liebe wahrhaftig verdient. Selbst nach all den Jahrtausenden ist seine Liebe für dich ungebrochen, er ist dir Treu ergeben und verteidigt dich, wann immer es sein muss. Allerdings finde ich, könnte er sich beeilen, dich hier zu finden.“, sinnierte Ulmo und gedachte nach seinem Besuch bei Morwen, auch einmal Glorfindel unbemerkt zu besuchen. Die Magie des Wasser, sollte es gewiss vermögen in ihm Bilder zu erwecken, die es ihm ermöglichen sollten den Weg zu Morwen zu finden.

Morwen nickte ein wenig traurig, auch wenn sie lieber gleich hier raus gekommen wäre, so sah sie doch ein, dass sie sich ihrem Schicksal beugen musste. Sie hatte es schon über achthundert Jahre in dieser Höhle ausgehalten, da würde es auf ein paar weitere wohl nicht ankommen, solange sie nur die Gewissheit hatte, eines Tages wieder mit Glorfindel und ihrer Familie vereint zu sein.
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