Licht und Schatten

GeschichteDrama, Angst / P18
Dr. Sydney Green Jarod Mr. Lyle Mr. Parker Ms. Parker OC (Own Character)
04.07.2004
22.12.2019
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Anmerkungen und Einstieg in die Geschichte

Titelbilder zu jedem Kapitel Achtung: Spoiler möglich.

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30.10.2000
USA, Ohio, Cleveland

Zwei starke Hände hielten meine Oberarme schmerzhaft umklammert. Ein bekanntes Gefühl für mich. Aber es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Entweder ich, oder der Junge und Jay sollte nie mehr in die Fänge des Centres geraten.

Mir war klar, was mich erwarten würde und ich hatte Angst davor. Nicht nur vor den Schmerzen, die mir Lyle ganz sicher zufügen würde, sondern auch vor dem Alleinsein, der Dunkelheit und der Kälte. Aber zu wissen, dass Jay in Sicherheit war würde mir da unten helfen.

Unsanft drückten sie mich auf den Rücksitz des Wagens. Lyle saß vorne und drehte sich nach hinten zu mir um.

„Hallo Jarod, wird Zeit, dass Du wieder nach Hause kommst.“


Delaware, Blue Cove, Centre,
SL26 -  Tag 1

Die Zelle kannte ich bereits. SL26 - ein Sublevel das eigentlich nicht mehr benutzt wurde. Er war baufällig. Wasser tropfte von den Wänden. Es roch muffig und die Luft schmeckte verbraucht. Die Lüftung fiel ab und zu aus und wenn sie funktionierte, hörte es sich an, als würde der Motor einer riesigen Turbine laufen. Ich kannte die Geräusche in der Nacht und wusste, dass Lyle bald hier auftauchen würde. Trotzdem huschte ein Lächeln über mein Gesicht. Lyle konnte mich niemals besiegen, denn ich war ein Pretender. Immerhin übte ich mit den Jahren lange genug, um schmerzhaften und angstmachenden Situationen zu entkommen. Im Kopf ging ich schon die Simulationen durch, die ich dafür ablaufen lassen würde. Da hörte ich Schritte und mein Körper versteifte sich etwas. Ruhig bleiben, rief ich mich zur Ordnung und schluckte.

„Hi, mein alter Freund“, begrüßte ich den Wunderknaben lächelnd. Meine zwei derzeitigen Sweeper - Mike und Frank  - begleiteten mich. Ich steckte meinen Arm durch das Gitter und warf Jarod ein Bündel Centre Kleidung vor die Füße. Ich wusste, dass er sie hasste und grinste ihn schmal an. „Anziehen!“ Mein Grinsen verschwand und mein Gesichtsausdruck wurde streng.

Widerstrebend zog ich meine schwarze Jacke aus und legte sie neben mich auf die Pritsche. Dann machte ich erst mal eine Pause. Diese ekelhaften Sachen musste ich noch lange genug tragen.

„Schneller!“ zischte ich ihn böse an.

Idiot! Ich seufzte genervt auf. Provozierend langsam faste ich an das obere Teil meines T-Shirts. Während ich es bedächtig über den Kopf zog, hörte ich, wie die Tür aufgeschlossen wurde. In der nächsten Sekunde lag ich schon auf dem Boden und spürte die schmerzenden Schuhspitzen der beiden Sweeper in meinem Magen. Während ich noch nach Luft rang, bekam ich grob Schuhe und Hosen ausgezogen und eine Nadel wurde in meinen Oberarm gejagt. Es ging alles so schnell, dass sie schon wieder draußen waren, ohne dass ich irgendeine Chance gehabt hätte, meine Pretender Fähigkeiten einzusetzen. Das irritierte mich.

„Was haben wir gelernt?“ fragte ich schulmeisterhaft. „Ich habe keine Lust mehr auf Deine Spielchen. Ich bin der Boss und Du akzeptierst das. Wenn ich sage spring, dann springst Du, klar?“

„Was... was haben die mir gespritzt?“ Ich war mir meiner Nacktheit sehr bewusst und zog hastig das schwarze, knopflose Hemd über.

Ich musste Grinsen, als ich Jarods Schüchternheit registrierte. „Du hast mir mal etwas erzählt, das mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.“ Ich lief vor der Zelle auf und ab, während Jarod den Rest anzog.

Es gab weder Unterhosen, noch Socken und so stand ich mit nackten Füßen da und spürte schon, wie die Kälte in mir hoch kroch.

„Du hast von einer Technik gesprochen, die dir bei unserer letzten gemeinsamen Zeit wohl sehr geholfen hat. Ja, ein Pretender genießt scheinbar einige Vorzüge, die wir normal Sterblichen auch gerne hätten.“

In seiner Stimme lag Spott.

„Ich habe lange überlegt, was ich wohl dagegen machen kann und ich habe mir so ziemlich jede DSA-Aufnahme aus Deinem jämmerlichen Leben angesehen.“

Vorsichtig setzte ich mich auf die Pritsche und hielt mir die schmerzenden Rippen. Er hatte doch nicht etwa... Ich ahnte was jetzt kommen würde und fühlte plötzlich einen Knoten im Hals. Noch hoffte ich, dass er von etwas anderem sprach.

„Wer hätte gedacht, dass es tatsächlich etwas gibt, das Dich sozusagen kampfunfähig macht.“ Ich grinste böse.

Oh, nein! Ich versuchte zu schlucken, aber mein Mund war zu trocken. Also, doch! Lyle sprach von Aufputschmitteln. Als Jugendlicher waren sie in einem Experiment an mir getestet worden. Eigentlich war das Ziel gewesen, meine Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Herausgekommen war allerdings, dass die Aufputschmittel ein Simulieren komplett verhinderten. Und jetzt wusste Lyle das auch....

„Gib Deine Kleidung raus!“ forderte ich ihn auf.

Im Moment wollte ich einer weiteren Konfrontation entgehen. Also hob ich wortlos meine Sachen auf und steckte sie durch die Gitterstäbe. Frank nahm sie mir ab. Bevor ich den Arm wieder zurücknehmen konnte, packte Lyle zu.

„Du kannst Dir viel Ärger ersparen, wenn Du mir gleich sagst, wo der Klon ist.“

Die Finger gruben sich förmlich in meine Haut und ich musste die Zähne zusammenpressen, um keinen Laut von mir zu geben.

„Aber, Du tust mir einen Gefallen, wenn Du noch etwas damit wartest.“ Mein Griff wurde noch eine Spur fester. „Nun, wie ist deine Entscheidung?“

„Warten“, presste ich zwischen den Lippen hervor.

„Okay, dann wechseln wir gleich den Raum.“ Ich nickte den Sweepern zu.

Frank schloss die Tür auf, nachdem er die Kleidung achtlos hinter sich auf den Boden warf. Mike hielt einen Stromstab hoch, um Jarod gleich klar zu machen, dass jede Gegenwehr sehr schmerzhaft werden konnte.

Hier unten hatte ich keine Chance. Vielleicht hätte ich sie überwältigen können. Zumindest jetzt, wo ich noch körperlich und geistig voll da war, aber sie waren zu dritt und bewaffnet und sie waren unglaublich schnell.

Mir fiel auf, dass Jarod grübelte, was mich grinsen ließ. Offenbar war ihm gerade klar geworden, dass er nichts gegen uns ausrichten konnte. „Spezialtraining. Sie waren sechs Wochen lang in Afrika und weißt Du, wer sie geschult hat? Dein alter Freund Alex.“ Sein überraschtes Gesicht sprach Bände. „Ja, Du hast richtig gehört. Der Mistkerl lebt und arbeitet für uns, wenn auch nicht ganz freiwillig.“ Was machte es schon, wenn er es jetzt wusste. Nach seinem Aufenthalt hier, würde das alles unwichtig für Jarod werden!

Alex? Er lebte? Ich dachte immer, er wäre bei unserer Flucht ums Leben gekommen. Aber diese Information half mir jetzt auch nicht weiter. Ich lief mit gesenktem Kopf in der Mitte der beiden Sweeper. Lyle folgte mir dicht. Ich konnte seinen Hass im Nacken spüren und eine gewisse Vorfreude. Das Mittel begann langsam zu wirken. Es besaß noch eine zweite Nebenwirkung, die allerdings nur ich selbst wusste, da ich es damals nicht mal Sydney erzählte – es zerstörte während der Wirkungsdauer meinen Schutzwall.
Als Kind gab es noch keinen Schutz, um mich gegen die Gefühle der Menschen abzuschirmen. Jede Simulation bedeutete für mich, dass ich die komplette Gefühlspalette nacherlebte. Den gleichen Effekt, machte ich bei „realen“ Menschen mit. Mich erreichten nicht nur die Gefühle von Personen, sondern ich übernahm sie teilweise und empfand das gleiche. Mit den Jahren lernte ich immer besser damit umzugehen und inzwischen war meine eigene „Firewall“ perfekt.
Langsam spürte ich, wie die Angst in mir hoch kroch, gleichzeitig empfand ich eine Übelkeit im Magen, die von Lyles Rachgier ausgelöst wurde und konnte ein Würgen nicht unterdrücken.

Weichei! Ich schubste Jarod vor mir her. „Heb Dir das für später auf! Wir haben noch nicht mal angefangen.“

Ich schluckte heftig und versuchte mich krampfhaft zusammenzureißen. Wenn Lyle erkennen würde, was die Aufputschmittel noch bewirkten, könnte er dies gegen mich einsetzen.
Wir hielten vor einem Raum, dessen Tür geschlossen war. Das Schließsystem war nachträglich eingebaut worden und benötigte eine Karte zum Öffnen. Lyle hatte hier wohl einiges Instand setzen lassen. Sein persönlicher Sublevel, wo er ungestört vom Rest des Centres machen konnte was er wollte! Die Übelkeit nahm zu. Ein neuer Raum, ein neuer Alptraum. Ich schloss die Augen und versuchte mich wegzudenken. Da spürte ich das längst verdrängte dumpfe Gefühl, als würden meine Gedanken gegen eine Wand laufen, so wie es damals bei dem Experiment gewesen war.

Ich fixierte Jarod, während Mike die Codekarte durch den Schlitz zog. Er versuchte eindeutig zu simulieren. Tja, Pech mein Lieber! „Es wirkt schon, oder?“

„Sie scheinen mich gut zu kennen“, gab ich zurück und versuchte meine Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen, aber ein Ansatz von Panik schwang bereits mit.

„Alles wird gut“, sagte ich grinsend und legte meine Hand auf Jarods Schulter.

Ich konnte es nicht verhindern, dass ich zusammenzuckte, als wäre die Hand kochend heiß. Ohne Schutz empfing ich durch die Berührung Lyles lüsterne Vorfreude.

Zufrieden musterte ich ihn. Es sah so aus, als würde Jarod endlich begreifen, wer hier an der Macht war.

Die Sweeper stießen Jarod in den dunklen Raum und schlossen dann die Tür.


SL26, Dunkler Raum

Überrascht starrte ich in die Dunkelheit. Eigentlich erwartete ich, dass Lyle mit seiner ausgiebigen Folter beginnen würde und schnaufte jetzt vor Erleichterung laut auf. Tastend erkundete ich den stockdunklen Raum. Er zählte etwa zehn Quadratmeter. Die Wände waren aus Beton, glatt und kalt, wie der Boden. Das Zimmer war leer. In der Mitte des Raumes war ein kleiner Abfluss  - das ließ nichts Gutes ahnen! Ich erinnerte mich nur ungern an den harten Wasserstrahl, den beim letzten Mal Sam mit Vergnügen auf mich richtete.

Ich lief an der Wand entlang, um mich etwas abzulenken. Eigentlich hätte ich jetzt sofort eine Simulation gestartet. Da ich das nicht konnte, war ich etwas unschlüssig, was ich sonst tun sollte. Mein ganzes Leben bestand daraus ständig jede Situation bis ins kleinste Detail auseinander zu zerpflücken. Sydneys Lehre! Wie man sich anders verhielt, wusste ich nicht. Ich spürte keine Müdigkeit und fragte mich, wie hoch die Dosis gewesen war. Wie lange würde ich wach bleiben? Wie sollte ich aus dieser Situation wieder heraus kommen? Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, und mühte mich angestrengt, etwas Sinnvolles in meinem Kopf entstehen zu lassen.

Jarod! Denk nach! trieb ich mich sich selbst an. Du bist doch nicht nur Pretender. Du musst doch auch ohne diese Fähigkeiten ein Problem lösen können. Verdammt! Was war bloß mit meinem Kopf los? Hoffentlich konnte Jay den Major finden. Wie hatte das nur passieren könne? Ich traf mich mit Jay und dem Major und war so froh gewesen, die beiden endlich wieder zu sehen. Aber dann waren die Sweeper aufgetaucht! Wie konnte sie nur von unserem Treffpunkt erfahren? Auf der Flucht verloren wir den Major aus den Augen und dann lenkte ich die Sweeper ab, um Jay zu schützen.

Ich wollte das Geschehene simulieren. Verdammt! Ging ja nicht. Was hatte Lyle nur vor? Seine Gefühle waren kaum auszuhalten. Auch Mikes Ausstrahlung war unerträglich. Es kam mir fast so vor, als hätte Mike ähnliches erlebt wie Lyle. Aber der hatte ja gesagt, dass die beiden in Afrika gewesen waren. Noch mehr Psychopathen, die das Centre schuf!

Nach einer Weile verlor ich jedes Zeitgefühl. Es war still und kalt und ich rieb mir die fröstelnden Arme. Mein Hals war trocken und ich wünschte mir dringend ein Glas Wasser. Wie lange sollte ich hier eingesperrt bleiben?

<Jarod?>

„Was?“ Ich hörte die Stimme ganz deutlich und tastete hektisch im Raum herum. Aber der war noch genau so leer, wie vorher.

<Jarod, warum hast du mich nicht gerettet?>

War das ein Trick von Lyle? Wollte er mich damit in den Wahnsinn treiben?

<Es hat soooo weh getan!>

Ich fuhr wieder herum. Aber die Stimmen schienen aus meinem Kopf zu kommen. Waren es vielleicht doch keine Aufputschmittel, sondern ein Psychopharmaka? Ich tastete mich in eine Ecke und rutschte die Wand mit dem Rücken herunter, bis ich in der Hocke saß.

< Du hättest uns retten könne, aber du wolltest nicht. Du bist schuld, dass wir tot sind!>

Jetzt wurde mir klar, wen ich da hörte! Die Opfer meiner Simulationen! Ich hob langsam die Arme und hielt mir die Ohren zu. Das wollte ich nicht hören. Ich wusste, dass viele Menschen gestorben waren, weil meine Simulationen verwendet wurden. Das fraß jeden einzelnen Tag an mir.

„Hörst Du sie schon?“

Lyle - eine Stimme, die ich kannte. Ich war fast erleichtert. Hier schien es einen Lautsprecher an der Decke zu geben.

„Ich habe in Sydneys Notizen einige interessante Dinge gefunden. Die Gefahr eines Pretenders besteht darin, dass er sich in seinen Simulationen verlieren könnte. Aber es gibt gewisse Maßnahmen, die das verhindern, ist es nicht so?“

Ja, verdammt, du Mistkerl! schrie es in mir.

„Und Deine supertolle Technik hat Dir auch dabei geholfen Abstand von den simulierten Menschen zu halten.“

Er hatte Recht – sie waren meine nächtlichen Dämonen! Tagsüber war ich beschäftigt, verbrachte meine Zeit damit, anderen Menschen zu helfen. Da hatten sie keine Chance, mich anzusprechen. Aber nachts, wenn mein Bewusstsein los ließ, verlor ich die Kontrolle über meine Dämonen. Es gab keine Nacht ohne Alptraum, aber daran gewöhnte ich mich inzwischen – oder ließ es zumindest klaglos über mich ergehen. Eben eine unvermeidbare Nebenwirkung des Simulierens. Aber was passierte, wenn ich nicht schlafen konnte?

„Viel Spaß!“

Lyle lachte und dann knackte es in der Leitung. Die Panik kroch in mir hoch.


Centre, SL 26, Lyles Büro

Ich saß in meinem Büro und blickte grinsend auf den Bildschirm. Die Infrarotkamera zeigte, wie Jarod in der Ecke hockte und sich die Augen zuhielt. Die Investitionen lohnten sich. Nachdem Jarod beim letzten Mal die Flucht aus dem Flugzeug gelang, blieb mir viel Zeit um mir SL26 so einzurichten wie ich wollte. Ich richtete mir hier auch eine komplette Wohnung ein und übernachtete heute nicht zum ersten Mal in ihr. Ich fühlte mich sicher in der Dunkelheit. Niemand kam hier herunter, niemand störte mich.

„Lasst mich in Ruhe!“ schrie Jarod ins Zimmer.

Genüsslich lehnte ich mich in meinem Sessel zurück. Es versprach ein interessanter Abend zu werden. Meine eigene private Vorstellung.


Centre, SL26, Dunkles Zimmer

Es nützte nichts, sich die Ohren zu zuhalten. Die Stimmen kamen von innen und es wurden immer mehr. Unerbittlich redeten sie auf mich ein. „Verschwindet!“ schrie ich die Stimmen an, sprang auf und stieß mir mein rechtes Knie an der Wand.

Ich war der Mörder von Marilyn Monroe. Schlich in ihr Haus und sah sie hilflos auf dem Bett liegen. Ich würde sie Töten!

„Nein!!!! Das bin ich nicht! Nein!!!!“ Meine Schreie klangen panisch.

Ich war der namenlose Entführer und Killer von Annie, holte sie aus ihrem Kinderzimmer und sperrte sie in einen Schuppen ein. Sie weinte und rief nach ihren Eltern. Ich schlug sie und brachte sie um. Es machte Spaß!

„Jarod, ich bin Jarod.“ Es war kein Sydney hier, der mir half, der mich zurückholte. Es gab keine Zuflucht. Mein Kopf war wie ein Sender, der alle Programme empfing, die in den vielen Jahren bei mir abgelaufen waren.

Ich tötete, quälte, zerstörte, log, hinterging, betrog, starb, litt...
 
Die Personen in meinem Kopf wechselten immer schneller. Ich wurde wie eine hilflose Puppe benutzt. Mein Körper war nur noch Gefäß für Menschen, die namenlos an mir vorbei zogen. Ich war Täter und Opfer. Ich erlebte Flugzeugabstürze, Autounfälle und Explosionen. Und es war kein Ende in Sicht. So viele simulierte Menschen und jeder einzelne von ihnen forderte jetzt sein Recht, mich zu besuchen.

Mitten in der Nacht wurde die Tür aufgerissen.

Ich lag auf dem Boden und blinzelte erschöpft in das Licht. Ich sah einen Schatten hereinhuschen und spürte kurz darauf wieder die Nadel in meinem Arm. „Nein, bitte nicht, nein...“, stammelte ich. Ich wollte nur schlafen, entkommen, weg von den Stimmen in meinem Kopf. Weg von den fremden Gefühlen. Aber es gab keine Gnade. Die Nacht der Stimmen ging weiter.


Centre, SL26, Tag 2

Am nächsten Morgen wurde die Tür geöffnet und ein glänzend gelaunter Lyle begrüßte Jarod.

„Guten Morgen. Na, gut geschlafen?“

Eine Taschenlampe suchte den Raum ab. Jarod saß in einer Ecke, die Beine umschlungen und wippte leicht vor uns zurück. Er hatte sein Oberteil ausgezogen und sah übernächtigt aus. Seine Haare standen wirr ab und an seinem Kopf klebte getrocknetes Blut. Lyle wußte, dass Jarod mehrmals mit dem Kopf gegen die Wand schlug, wahrscheinlich um die Stimmen zu stoppen. Lyle lächelte, denn das Gefühl kannte er gut. Das Hemd lag neben Jarod und man konnte sehen, dass er sich darauf übergeben hatte. Seine Hosen waren nass von Urin.

„Macht die Scheiße hier erst mal sauber“, forderte ich die Sweeper auf.

Jarod machte wieder Bekanntschaft mit dem Hochdruckstrahler.

Völlig erschöpft versuchte ich mich mit den Händen vor dem Gesicht etwas zu schützen. Der Aufprall des Wassers war so stark, dass ich gegen die Wand gedrückt wurde. Ich drehte ihnen den Rücken zu und das Wasser traf mich hart. Morgen würde ich sicher jede Menge blauer Flecken haben. Es dauerte einige Minuten, dann wurde das Wasser abgestellt und ich kauerte japsend auf dem Boden.

„Holt ihn da raus!“

Frank und Mike zogen Jarod auf die Beine. Sie schleiften ihn eher nach draußen, als dass er lief. Direkt vor Lyle blieben sie stehen und hielten Jarod fest.

Wie ein kalter Schauer trafen mich Lyles Gefühle und ich musste wieder würgen.

„Wenn Du meinen neuen Anzug voll kotzt, wirst Du ihn wieder sauber machen – mit Deinem Mund. Ist das klar?“

Haltlos musste ich husten und schluckte. Mein Hals tat weh, ich hatte rasende Kopfschmerzen, außerdem fror ich erbärmlich. Das eiskalte Wasser tropfte von meinem Körper.

Frank zog Jarods Kopf an den Haaren zurück.

„Ob das klar ist, hab ich gefragt?“ fragte ich eine Spur schärfer.

„Ja, Lyle.“

Die Faust traf Jarod hart zwischen den Rippen.

„Du wirst mich nur mit Sir anreden.“

„J.... Ja, Sir.“ Ich war so am Ende, dass mir alles egal war.

Zufrieden lächelte ich. Klang schon so, als wäre Jarod nicht mehr weit davon entfernt, endgültig zu brechen. „So, und jetzt hat der gute Sir ein nettes Angebot für dich. Du darfst duschen und dann in einem richtigen Bett ausschlafen. Natürlich bekommst Du auch was Anständiges zu Essen. Alles was ich dafür will, ist eine Ortsangabe. Wo ist der Klon?“ Ich glaubte nicht wirklich daran, dass Jarod mir so schnell den Aufenthaltsort des Klons verraten würde, aber eine Chance wollte ich ihm trotzdem lassen. Zudem war eine Antwort auch zweitrangig – gut, wenn ich den Klon auch noch bekommen würde, aber wenn nicht... immerhin fing ich das Original ein!

„Ich... ich weiß es nicht.“ Und das war nicht einmal gelogen.

Erneut rammte ich meine Faust in Jarods Magen.

Die Wucht riss mich fast von den Beinen, aber die Sweeper hielten mich eisern fest. Stöhnend blickte ich Lyle verängstigt an. Dann erinnerte ich mich daran, was er gesagt hatte. „Ich weiß es nicht, Sir“, verbesserte ich meine Antwort schnell.

„Schon besser.“ Ich knetete meine schmerzende Hand. Schlug wohl ein wenig zu fest zu. „Ist schon okay. Ich verstehe das sehr gut, mein Junge.“ Ich tätschelte Jarods Wange und er fuhr stöhnend zurück unter der Berührung. Was war denn das? Stirnrunzelnd nahm ich meine Hand weg. Jarod schien sich fast unmerklich etwas zu entspannen. Wieder legte ich meine Hand auf Jarods Wange und beobachtete interessiert dessen Reaktion. Ich wiederholte es ein drittes Mal.

Das war zuviel, und ich verlor endgültig die Beherrschung. „Bitte nicht“, jammerte ich erschöpft.

„Kannst du... kannst Du etwa meine Gefühle spüren?“ Ich wusste natürlich von Sydneys Aufzeichnungen, dass beim Simulieren das Nachfühlen ein Großteil der Simulation ausmachte. Aber ich las auch, dass Jarod mit den Jahren einen gewissen Abstand gewann und inzwischen perfekt damit umging. Wahrscheinlich war auch diese Fähigkeit mit dem Injizieren des Aufputschmittels verschwunden. In meinem Kopf wuchsen neue Ideen heran und ich grinste gemein. „Mal sehen, ob Du morgen früh auch noch so vergesslich bist.“ Ich nickte Frank zu.

Der zog wieder eine Spritze aus seiner Jackentasche.

Als ich die Spritze sah, wehrte ich mich heftig. Ich wollte nicht noch mehr von meinen Dämonen treffen. Ich wollte endlich schlafen, mich in die Sicherheit der Bewusstlosigkeit retten, ausruhen, nachdenken. Doch die Nadel bohrte sich unerbittlich in mein Fleisch. Gegen die zwei Sweeper hatte ich kaum eine Chance, schon gar nicht in meinem jetzigen Zustand. Als Pretender hätte ich ein Karate Kämpfer sein können, als Jarod war ich nur ein hilfloses Opfer. Sie schubsten mich zurück in die Dunkelheit. Ich warf mich sofort gegen die sich schließende Tür. „Nein! Nicht noch einen Tag! Bitte“ Aber es war zu spät. Ich war wieder alleine.

Resigniert ließ ich mich auf den Boden sinken. Trotz des Abflusses, stand immer noch jede Menge Wasser im Raum. Falsch geplant, dachte ich und merkte im selben Augenblick, wie egal das war. Wo waren eigentlich Sydney, Miss Parker, Angelo, Broots? Bisher war doch nichts unentdeckt geblieben und zumindest einem von den vier hätte doch etwas auffallen müssen. Meine ganze Hoffnung ruhte auf Angelo. Es gab eine besondere Verbindung zwischen uns beiden und er würde bestimmt fühlen, dass ich im Centre war und in welcher Verfassung ich mich befand. Ganz bestimmt würde er Sydney und Miss Parker darüber informieren. Ich hoffte darauf, dass sie mich holen kommen würden.

Aber was Jarod nicht wusste war, dass Lyle Angelo ebenfalls unter Drogen setzen ließ. Bei ihm handelte es sich allerdings um das Gegenteil, er bekam Beruhigungsmittel.

Centre, SL26, Dunkles Zimmer

Meine Glieder waren bleiern schwer. Ich war jetzt seit 24 Stunden wach. Bald würden die Halluzinationen beginnen. Ich erforschte Schlafentzug bei einer meiner Stimulationen im Centre und wusste genau, was noch auf mich zukommen würde. Lyle blieb seinen Prinzipien treu. Auch Schlafentzug war eine klassische Foltermethode, so wie alles, was er bisher an mir ausprobierte.

Der Tag wurde noch schlimmer, als die vergangene Nacht. Ich hatte nicht mehr die Kraft, um mich gegen die Stimmen zu wehren und ließ alles wimmernd über mich ergehen. Durch die Dunkelheit im Raum, verlor ich völlig das Zeitgefühl. Nur durch Lyles Morgengruß wusste ich überhaupt, dass die Nacht vorbei gewesen war, falls er mich damit nicht noch mehr verwirren wollte.

Ich versuchte, mich in mich selbst zurück zu ziehen, aber das Aufputschmittel verhinderte auch dies. Der Druck auf mich wurde immer größer und ich wusste nur noch einen Ausweg, um mir etwas Erleichterung zu verschaffen. Im Schutz der Dunkelheit sammelte sich das Wasser in meinen Augen. Wäre es hell gewesen, hätte ich mich bestimmt noch länger zurückgehalten, um Lyle keine Befriedigung zu verschaffen.
Mein Weinen war erst stumm und wurde allmählich heftiger. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal in Freiheit weinte. Meine Gedanken wanderten zurück in meine Kindheit. Ich war wieder ein kleiner Junge, den man seinen Eltern wegnahm. Sydney verlangte Dinge von mir, die mir Angst machten. Ich wollte diese fruchtbaren Dinge nicht sehen, wollte ihnen nicht begegnen. Sie ließen mich niemals los, besuchten mich jede Nacht. Ich war so alleine. Niemand tröstete mich, wenn ich weinend in meinem Bett lag. Ich war klein, hilflos und hatte keine Chance gegen die Übermacht des Centres. Wenn ich mich verbissen gegen eine Simulation wehrte, schickten sie Raines. Seine Anwesenheit war für mich unerträglich gewesen. Ich konnte noch nicht mit den Gefühlen anderer Menschen umgehen und Raines war das schlimmste Gefühlschaos, das ich kannte. Mir blieb nur die Wahl zwischen zwei unangenehmen Dingen. Entweder simulieren oder Raines. Die Wahl fiel mir damals nicht schwer.

Wieder umschloss ich mit den Händen meine Beine, wippte vor und zurück und flüchtete mich in meine Kindheit und das einzige, was mir davon positiv in Erinnerung geblieben war. „Kri kra toad´s foot, geese walk barefoot.“ Die Kälte des Wassers zog in meinen Unterleib. Unablässig sang ich den Vers vor mich her.

„Hör auf damit!“

„Aaaaa!“ schrie ich erschrocken auf. Die unerwartet laute Stimme von Lyle riß mich zurück in die nackte Realität. Aber, das ist mein einziger Schutz, dachte ich verzweifelt. Ich muss es singen. Es wiegte mich in Sicherheit. Ich fühlte mich dann frei. Ich musste es singen! Nach der kleinen Pause fing ich wieder damit an. „Kri kra toad´s foot, geese walk barefoot.“

Nachdem Jarod es dreimal gesungen hatte, wurde die Tür aufgerissen. Frank und Mike stürmten herein. Wahllos schlugen sie auf Jarod ein. Ins Gesicht, in den Magen, auf Arme und Beine, auf den Rücken. Die Züchtigung schien endlos zu dauern. Als sich die Tür wieder schloss, lag Jarod halb betäubt vor Schmerz auf dem Boden und spuckte Blut aus dem Mund.

Jetzt packte mich eine unbeschreibliche Wut. Ich war ein Mensch und wollte wie ein Mensch behandelt werden. Ich benutzte die Wand als Hilfe, um aufzustehen und stand dann mit zitternden Beinen im Raum. Inzwischen war ich mir sicher, dass Lyle mich die ganze Zeit beobachtete. „Verdammt Lyle, was wollen Sie von mir?“ Eine dumme Frage, natürlich wusste ich, was Lyle wollte. Aber meine Wut machte mich vollkommen rasend. „Verdammter Psychopath! Lassen Sie Ihre Wut nicht an mir aus!“ Als sich die Tür wieder öffnete, äußerte ich noch immer laut meinen Zorn. „Kommt mir nicht zu nahe!“ schrie ich die Sweeper an. Ich war aus meiner Lethargie erwacht und das aufsteigende Adrenalin unterdrückte meine Schmerzen und die Erschöpfung. Ich brauchte kein Pretender zu sein, um mich an Dinge zu erinnern. Ich war bei F.B.I und C.I.A. gewesen und lernte dort einige Kampftechniken. Und auch wenn sie letztendlich wahrscheinlich trotzdem die Oberhand gewinnen würden, ein bisschen revanchieren konnte ich mich auf alle Fälle. Ich stürmte nach vorne wie ein wilder Stier, warf Mike zu Boden, setzte mich auf seinen Brustkorb und hämmerte mit den Fäusten auf ihn ein.

Frank riss Jarod an den Schultern zurück.

Mit einem Satz kam ich auf meine Beine und mein Fuß landete treffsicher an Franks Nase. Dass nur fahles Licht hereinfiel, erschwerte den Kampf für die Sweeper. Für mich stellte das kein Problem dar, denn ich spürte, wo sie waren und jeder meiner Schläge landete hart im Ziel. Tatsächlich schaffte ich es, dass beide keuchend auf dem Boden lagen und humpelte so schnell ich konnte aus dem Raum.


SL26

Hastig lief ich den Gang entlang und hielt mir die schmerzende Seite. Ob sie mir vorhin eine Rippe brachen? Jeder Schritt schien mein innerstes zerreißen zu wollen. Wo waren hier die Aufzüge? Ich versuchte mich zu konzentrieren und wieder einen kühlen Kopf zu bekommen. Schließlich fand ich sie. Aber auch hier war eine Chipkarte zum Öffnen erforderlich. Verdammt! Was jetzt? Ich drehte mich um und blickte in die giftigen Augen von Lyle. In der rechten Hand, hielt er den Stromstock fest umklammert.

„Der Ausflug ist beendet“, sagte ich böse und ließ als Zeichen, dass ich es ernst meinte, die Funken sprühen.

„Und du glaubst, das Ding da würde mich beeindrucken?“ fragte ich wütend. Mit einer raschen Bewegung sprang ich nach vorne und riss Lyle das Gerät aus den Händen. Ich brauchte keine Vermutungen anzustellen, ob Lyles Gesichtsausdruck Angst ausdrückte - ich spürte sie. Sie überflutete mich, wie ein Schwall heißes Wasser und für einen Moment strauchelte ich. Als Lyle diesen Moment ausnutzen wollte und nach vorne preschte, benutzte ich den Stromstab und er wand sich im nächsten Moment schreiend auf dem Boden.
Da kamen Frank und Mike um die Ecke gerannt. Sie sahen ziemlich wütend aus und ich fand, dass ich lieber noch ein bisschen rennen sollte. Es musste hier doch auch Treppen geben.
Ich lief in die andere Richtung, aber mein schmerzender Leib ließ nur eine mittlere Geschwindigkeit zu. Die Sweeper holten mich schnell ein und jetzt standen wir drei uns gegenüber wie Gladiatoren.

„Wenn Du gleich aufgibst, wird es weniger schmerzhaft werden“, sagte Mike ernst.

Angriff ist die beste Verteidigung, dachte ich und hielt ihnen den Stromstab entgegen.

Mike wich geschickt aus und Frank näherte sich von der Seite.

Hektisch schwang ich den Stab nach rechts und links.

Mike zog eine Pistole aus dem Halfter und entsicherte sie.

„Na kommt schon Jungs, ist das nicht etwas unfair? Ihr seid doch schon zu zweit.“

„Wo willst Du die Kugel hin haben?“ fragte Mike.

Während ich mich auf den Mann mit der Waffe konzentrierte, nutzte Frank den Augenblick und trat mir den Stromstab aus der Hand. Mike warf mich gegen die Wand, drückte mich dann mit dem Bauch auf den Boden und riss mir die Arme auf den Rücken. Als ich mich heftig dagegen wehren wollte, verpasste Frank mir einen Stromschlag in den Rücken. Dann klickten die Handschellen. „Ihr Schweine!“ schrie ich wütend. „Wie könnt ihr nur für Lyle arbeiten? Er ist ein Psychopath. Ein Killer!“

Mike lachte. „Wir auch. Und jetzt zurück in deine Zelle.“

Als ich keine Anstalten machte aufzustehen, traktierte Frank mich mit dem Stromstab. Ich schrie auf und kam hastig auf die Beine. Frank schien dieses Spiel zu gefallen und er trieb mich vor sich her, in dem er mir alle paar Sekunden einen Stromschlag verpasste. Schreiend und fluchend stolperte ich den Weg zurück und alle paar Meter fiel ich hin und musste mich mühsam hochrappeln, was mit den Händen auf dem Rücken schwierig war. Mike und Frank lachten über meine Bemühungen.

Ich gesellte mich zu ihnen. Innerlich war ich wütend, über Jarods Aktion, aber äußerlich strahlte ich eine unheimliche Ruhe aus. Er würde seine Strafe schon bekommen! Darauf konnte er sich verlassen!  „Okay, ich habe dir noch nicht alle Regeln gesagt, das halte ich dir zugute. Aber für die, die dir bekannt waren, muss ich dich leider bestrafen.“

Ich lachte bitter auf und ein weiterer Stromstoß zwang mich auf den Boden, so dass ich jetzt vor Lyle kniete.

Fest griff ich in Jarods Haare und zog seinen Kopf in mein Blickfeld. Augenblicklich begann Jarod wieder zu würgen. „Was ist eigentlich schlimmer? Die Schläge, oder meine Anwesenheit?“ Ich grinste diabolisch und legte ihm jetzt auch meine zweite Hand auf den Kopf.

Verzweifelt schüttelte ich mich und würgte haltlos. Wenn ich nicht schon gestern Nacht meinen ganzen Mageninhalt ausgespuckt hätte, wäre auf Lyles Hose eine nette Überraschung gelandet. Ich hustete und schrie dann auf, weil Schmerzen mich beim Husten überfielen.

Seine Reaktion brachte mich zum Lachen. Es gefiel mir, dass meine bloße Anwesenheit so eine Reaktion bei Jarod auslöste. Befriedigt zog ich meine Hände zurück und schnauzte dann die Sweeper an: „Bringt ihn in Raum 3. Und über Euren Fehler vorhin, werden wir später sprechen.“

Frank und Mike nickten ergeben und zerrten Jarod auf die Beine.

Für mich bedeutete die Berührung durch die beiden Männer ein erneutes Martyrium. Eine Mischung aus großem Hass auf mich, Angst vor Lyle und Vorfreude auf die bevorstehende Bestrafung von... mir. Das war zu viel. Ich würgte und spuckte Galle auf den Boden.

Die Sweeper kümmerten sich nicht darum und zogen ihn achtlos weiter. Auch Raum drei besaß eine neue Tür. Mike öffnete und knipste das Licht an.


SL26, Raum 3

Wenigstens ist es hier hell, registrierte ich durch einen Nebel von widersprüchlichen Gefühlen. Aber gleich darauf entdeckte ich auch die Haken an der Decke. Diese Position war mir nicht unbekannt. So hatte ich meine ersten Erfahrungen mit der Elektrofolter gemacht. Äußerst unangenehm, aber erträglich, wenn man sich wegsimulieren konnte. Dieser Vorteil fehlte heute.

Schnell hängten ihn die beiden an den Haken auf.

Das Gefühl in den Schultern war fast nicht zu ertragen. Die Arme waren unnatürlich überdehnt und schon nach wenigen Momenten spürte ich schmerzhaft jeden einzelnen Muskel. Nur meine Zehenspitzen berührten den Boden. Mein ganzes Gewicht wurde von den Händen und Schultern getragen. Ich schaute mir das Zimmer genauer an, damit ich etwas vom Schmerz abgelenkt wurde.

Auch hier gab es einen Abfluss in der Mitte des Zimmers, was nichts Gutes vermuten ließ. In der linken Ecke war ein Waschbecken. Ein einziger Stuhl stand an der vorderen Wand. Was mich am meisten beunruhigte, war der kleinen Tisch direkt neben mir. Ich kannte das Gerät, das darauf stand. Frank stand am Waschbecken und füllte Wasser in einen Eimer. Mike bereitete die Elektroden vor. Mein Herz klopfte schnell. Ich glaubte, es müsse so laut sein, dass die beiden es hören konnten. Ich versuchte zu schlucken und schmeckte Blut, weil ich mir mehrmals auf die Zunge biss, bei den Stromattacken im Flur. Das hier versprach schlimmer zu werden!

Mit einer schnellen Bewegung leerte Frank den vollen Eimer Wasser über Jarod aus, damit der Strom auch gut überall hin geleitet werden konnte.

Es war eiskalt und ich prustete und schüttelte mit dem Kopf. Dadurch geriet ich leicht in Schwingung und stöhnte gequält wegen dem stärker werdenden Schmerz in den Schultern. Meine Hände fühlten sich bereits taub an.

Kurz darauf ging die Tür wieder auf und Lyle stolzierte herein.

„Wie ich sehe, alles bereit. Wunderbar. Okay, ich sprach von Regeln und diese Regeln werden wir dir jetzt... sozusagen einbrennen.“ Ich lachte über meinen Witz.

Mir war nicht zum Lachen zumute. Wieso war er so bestialisch zu mir? Ich war keine Asiatin und hatte ihm nie etwas getan. Ich verstand diesen unglaublichen Hass auf mich nicht.

Mit einer schnellen Bewegung zog ich mir den Stuhl heran und setzte mich Jarod gegenüber. Ohne weitere Erklärungen fing ich mit der Regelliste an. „Punkt Eins – du redest uns mit Sir an. Jede andere Bezeichnung ist dir verboten und wird bestraft.“ Ich nickte Mike zu, der die Strompaddel an Jarods Oberkörper setzte.

Die Berührung schien mich zu zerreißen. Die Funken sprühten und mein Schrei erfüllte den Raum. Es dauerte nur Sekunden, aber mein ganzer Körper wurde immer noch durchgeschüttelt und ich rang zitternd nach Luft. Der Schmerz in meinen Schultern loderte neu auf.

„Punkt zwei – du redest nur wenn du gefragt wirst.“

Zur Unterstreichung folgte der nächste Stromschlag.

Das Zittern zog über meinen ganzen Körper und mein Schrei klang schon heiser. Wie lange ist diese verdammte Liste? dachte ich und fühlte, dass all meine Kräfte verschwunden waren. Ich wollte schlafen, nur noch schlafen. Erschöpft schloss ich die Augen und hörte mir die dritte Regel an.

„Punkt drei – du hast hier niemanden anzufassen.

Da Jarod diesen Punkt heute mehr als ausgiebig überschritten hatte, ließ Mike die Paddel einige Sekunden lang auf Jarods Brust ruhen.

Die Schreie klangen erstickt und nachdem der Strom nicht mehr durch meinen Körper floss fiel mein Kopf auf die Brust und mein Atem ging schnell und abgehackt.

Ich stand auf und umrundete Jarod. Meine Augen erforschten jeden Zentimeter des noch immer zuckenden Körpers. Ich genoss die Vorstellung.

Lyles Gefühle brachen über mich herein. Ich riss den Kopf nach oben und versuchte alles, um den Abstand zwischen mir und Lyle so groß wie möglich zu halten. Bitte nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Aufhören!

„Vielleicht ist Strom gar nicht das richtige“, überlegte ich laut und sah, dass sich Jarod ängstlich auf die Lippen biss. Ich stellte mich direkt hinter ihn und sprach weiter. „Punkt vier – keine Fluchtversuche“, damit schlang ich von hinten meine Arme um den Brustkorb und drückte zu.

Meine Reaktion darauf war ähnlich dem, was der Strom bei mir bewirkte. Ich zuckte mit den Armen und ein weiterer Schrei entfuhr meinem Mund. „Neeeeeeeinn!!!!!!“ Ohnmacht! Ohnmacht! Bitte! Bitte! Ohnmacht! Ohnmacht schrie es in meinem Kopf. Aber... sie kam nicht.

Du bist mir. Du bist mein Spielzeug. Ich mache mit dir was ich will und Du wirst machen, was ich Dir sage.>

Heftig schüttelte ich mit dem Kopf und versuchte mich aus Lyles Umklammerung zu befreien. Seine Gefühle fraßen sich in meinen Körper. Er sagte nichts, aber ich konnte seine Gedanken erfassen. Wie war das möglich?

Du kannst gar nichts dagegen machen. Ich bin Dein Meister und Du mein Sklave. Du wirst tun was ich Dir sage!>

„Hören Sie auf!!!“ schrie ich schließlich verzweifelt.

Ich ließ Jarod los und ging wieder vor ihn. „Gleich gegen zwei Regeln verstoßen, das ist gar nicht gut. Aber das heben wir uns für später auf. Ich habe da eine nette kleine Überraschung für dich.“

Mein Kopf war wieder von Lyles Gedanken befreit und ich atmete erleichtert auf. Das war schlimmer gewesen, als jeder Stromstoß! „Bitte…“ Meine Stimme klang fremd. Ich hatte nicht betteln wollen, aber die Erschöpfung und der Schmerz waren unerträglich. „Ich weiß nicht… wo der Junge ist… Wir… wir haben uns dort getroffen… er…. Ich weiß es nicht.“

Überrascht blickte ich Jarod an. War er soweit? Waren das erste Anzeichen dafür, dass ich ihn gebrochen hatte? Endgültig besiegt? Gönnerhaft tätschelte ich seine Wange. „Es wird alles gut, mein Junge.“

Aufstöhnend fuhr ich zurück.

„Und jetzt zum letzten Punkt. Du wirst alles tun, was man Dir sagt und zwar auf der Stelle.“

Zum Abschluss durfte Mike noch mal mit seinem Stromgerät spielen und alle drei beobachteten fasziniert, wie das Schreien immer mehr in sich zusammen brach.

Nur durch einen Schleier merkte ich, wie sie mich vom Haken nahmen und weg zerrten. Unsanft warfen sie mich in meine Dunkelkammer und ich rollte mich auf dem Boden in Fötusstellung zusammen. Ich wollte nur noch schlafen, schlafen, schlafen... Im Traum erlebte ich noch einmal die letzten Stunden.


Centre, SL26, Tag 3

Als ich aufwachte, fühlte ich mich gerädert und erschöpft. Die Schulter schmerzte, in die man mir immer die Nadel jagte und ich vermutete eine erneute Injektion. Jeder einzelne Knochen strahlte seinen ganz persönlichen Schmerz aus. Die Kopfschmerzen waren inzwischen zu einem Dauerschmerz angeschwollen. Meine Zunge lag wie ein toter Wurm in meinem Mund und noch bevor ich die Augen öffnete, schnürte mir ein unbeschreibliches Gefühl die Luft ab. Woher...?

Sofort spürte ich, dass noch eine andere Person im Raum sein musste. Ich kroch auf dem Hintern durch den Raum, bis mich die Wand stoppte. Ich machte schon den Mund auf, um zu fragen wer da war, als mir einfiel, dass dies einen Regelverstoß bedeuten würde. Aber vielleicht konnte ich die Person erspüren. Ich fühlte in mich hinein und erwartete, ähnlich wie vorhin bei Lyle, die Gedanken der Person erfassen zu können. Oh Gott! schrie es in mir, als ein erneuter Gefühlsschwall mich übermannte.

<Du kleiner Drecksack, bist Du endlich wach? Ich werde Dir die Kehle durchschneiden und Dein Blut trinken. Das macht Spaß, solltest es mal versuchen. Am besten schmecken kleine Kinder. Ich sende Dir eine kleine Erinnerung, wie geil sich das anfühlt.>

Es gab kein Entkommen. Auf der anderen Seite musste ein Mann sitzen, der genau wusste, wie er mich am besten attackieren konnte. Denn da er sich genau auf mich zu konzentrieren schien und mir die Gefühle absichtlich übermittelte, war die Auswirkung selbst in diesem etwas größeren Abstand unerträglich intensiv. Ich fühlte die Gier, die der Mann beim Töten empfand und schmeckte förmlich das warme Blut,  auf meinen Lippen.

<Fühlt sich gut an, wie? Ich komme jetzt rüber, damit du es noch besser fühlst>

Ich verlor meine Beherrschung und scherte mich nicht mehr um Lyles Regeln. „Nein! Bitte nicht! Bleiben sie da! N... nicht näher kommen.“

<Ja, mach weiter. Das gefällt mir.>

Voller Panik drückte ich mich an der Wand nach oben und wich nach links aus. Die Gefühle wurden stärker. Ich riss die Augen weiter auf, in der Hoffnung, doch noch etwas zu sehen. Aber es war weiterhin stockdunkel.

<Gleich habe ich Dich!>

Völlig kopflos rannte ich einfach los, knallte gegen eine Wand, rappelte mich wieder auf und kroch auf allen Vieren weiter, bis ich an der Tür war. Da hämmerte ich mit den Fäusten dagegen. „Lyle! Lyle, Sir. Lassen Sie mich raus! Bitte. SIR!!!“

<Ruf doch nach Deiner Mama, kleiner Hosenscheißer. Ich breche Dir jeden Knochen einzeln. Weißt Du, mir gefällt das Geräusch. Knack – knack – knack.>

„Lyle!!!!“ Meine Stimme war voller Panik. Hektisch drehte ich mich im Kreis. Wo war er? Ich wollte mich wieder an der Wand entlang drücken, als ich gegen einen Körper stieß.

<Da ist er ja.> Der Mann vor Jarod trat gegen seine Beine und warf ihn so auf den Boden. Er drehte ihn auf den Bauch, setzte sich auf seinen Rücken und drückte seine Arme schmerzhaft nach hinten.

Erstickt hustete ich. „Nein, bitte.“ Meine Stimme klang Tränenerstickt. Seine Gefühle und Gedanken stachen auf mich ein wie Pfeile. Der Mann tat nichts, als auf meinem Rücken zu sitzen und mir unablässig schreckliche Gedanken zu schicken. Das genügte, um mich wahnsinnig zu machen. „NEIN!“ schrie ich immer lauter werdend. „LYLE!!!“ Ich hoffte, dass er seine Sweeper schicken würde, weil ich gegen Regeln verstieß. Aber den Gefallen tat er mir nicht. Ich weinte so heftig, dass mein ganzer Körper durchgeschüttelt wurde, so weit es das Gewicht auf meinem Rücken zuließ.

Bilder von zerstückelten Kinderleichen brannten sich in meinen Kopf. Ich wusste nicht mehr, welches meine Gefühle und Gedanken waren, und welche IHM gehörten. Ich konnte nicht mal wegdämmern, weil die Aufputschmittel mich festhielten. Ich spürte auch nicht, wie das Gewicht plötzlich von meinem Rücken genommen wurde und ein Lichtstreifen in die Zelle fiel.

„.....od, Jarod!“

Dumpf riss ich die Augen auf und fühlte eine kühle Hand im Nacken, die mich hochzog und an die Wand lehnte. Ich trug noch immer kein Oberteil und wischte mir deshalb mit den Händen über das tränennasse Gesicht.

„Du weißt, dass Du gegen Regeln verstoßen hast?“

War das eine Frage? „Ja, Sir“, sagte ich unsicher.

„Willst Du dafür eine Bestrafung?“

„Habe ich eine Wahl, Sir?“

Ich verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. „Keine Gegenfragen. Willst Du eine Bestrafung, oder Dich entschuldigen?“

„Ent... entschuldigen.“

„Dann knie Dich vor mich hin und entschuldige Dich.“

In meinem Kopf brodelte es, aber die Angst noch einmal mit diesem Mann in eine Zelle gesperrt zu werden, war größer. Schwerfällig ließ ich mich auf die Knie fallen. „Es... tut mir Leid, Sir.“

Großmütig tätschelte ich Jarods Kopf.

Verbissen zwang ich mich, den Kopf nicht wegzuziehen und schluckte die Übelkeit herunter.

„So ist es brav. Steh auf!“

Teilnahmslos quälte ich mich auf die Beine und schwankte leicht.

„Komm mit!“ forderte ich ihn auf und lief los.

Torkelnd Kam ich neben Lyle her.

„Soll ich Dich festhalten?“

NEIN! schrie es in mir. „Nein, danke, Sir.“

Ich grinste. Das gefiel mir außerordentlich. Offensichtlich hatte ich es endlich geschafft. Jarod war gebrochen. Und jetzt wollte ich diesen Zustand festigen!

Mir war egal, was mich als nächstes erwarten würde. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen.

„Hast Dich ganz gut gehalten, eben. Das war ein Serienkiller. Wenn die Polizei ihn bekommt, schmort er auf dem elektrischen Stuhl. Ab und zu kann ich ihn gut gebrauchen.“

Meine Augen weiteten sich, bei dem Gedanken daran, was Lyle damit wohl gemeint haben könnte...  ab und zu brauchen..... Wir hielten vor einer neuen Tür. Ich blieb stehen und zögerte weiter zu gehen.

Als ich merkte, dass er sich vor Angst fast in die Hosen machte zog ich verstohlen lächelnd meine Karte durch den Türschlitz. „Geh vor!“ forderte ich Jarod auf.

Es blieb mir nichts anderes übrig. Gehorsam ging ich durch die Tür. Was würde mich jetzt schreckliches erwarten?


SL26, Lyles Appartement

Mit offenem Mund blieb ich staunend stehen. Es war eine Wohnung. Wer machte sich in einem Sublevel so weit unter der Erde eine Wohnung, ohne Fenster?

„Gefällt Dir mein neues Zuhause?“

Blöde Frage, dachte ich und trottete Lyle hinterher, der sich umdrehte und mich scharf ansah. Was?.... „Ja, Sir. Ja“, beeilte ich mich schnell zu sagen.

„Zieh Dich aus!“ forderte ich ihn auf.

starrte ihn dümmlich an und Lyle schlug mir wieder fest ins Gesicht. Mein Kopf wurde zur Seite geschleudert und ich schmeckte Blut.

„Regel Nummer 5, vergessen?“

„Nein Sir“, beeilte ich mich zu antworten und hielt mir die glühende Wange. „Entschuldigung, Sir“, setzte ich hastig nach. Noch immer trug ich nur die schmutzigen Hosen die ich schnell auf den Boden fallen ließ und schließlich nackt vor Lyle stand. Am schlimmsten an der ganzen Sache war, dass man nie sicher sein konnte, was Lyle als nächstes vorhatte.

„Du stinkst wie ein Schwein. Dort ist das Bad. Geh Dich duschen. Die Tür bleibt offen.“

Ungläubig starrte ich ihn für eine Sekunde an und beeilte mich dann in die angegebene Richtung zu gehen, bevor er es sich noch mal überlegte.


Lyles Appartement, Badezimmer

Als ich am Badezimmerspiegel vorbeikam, riskierte ich einen schnellen Blick und erschrak über mein Aussehen. Ich war nur noch ein Schatten meines Selbst. Unzählige Abschürfungen, Wunden und blaue Flecken bedeckten meinen Oberkörper. Als ich mich zur Dusche umdrehte konnte ich in dem spiegelnden Glas der Dusche den Badezimmerspiegel erkennen und meinen geschundenen Rücken. Falls ich hier je wieder wegkommen sollte, würden mir unzählige Narben als Andenken an diese Episode für immer bleiben.

Mein ganzer Körper brannte. Aber das Wasser war wie ein Geschenk des Himmels. Es spülte nicht nur Schweiß, Schmutz und Blut weg, sondern auch all die üblen Gedanken, die auf mich einwirkten. Nach einigen Minuten spürte ich einen Blick auf meinen Schultern und drehte mich panisch um. Lyle starrte mich mit leeren Augen an.

„Schluss jetzt!“ sagte ich herrisch und knallte ihm frische Centre Kleidung auf den Boden.

Da Lyle keine Anstalten machte das Badezimmer zu verlassen, musste ich mich unter seinen Blicken abtrocknen und anziehen. Mir war klar, was Lyle damit erreichen wollte. Schließlich studierte ich ausgiebig alle Arten der Folter und ihre Auswirkungen, nachdem ich Lyle zum ersten Mal begegnet war. Lyle wollte mir zeigen, dass er jederzeit präsent war und ich keinen einzigen Schritt mehr ohne ihn machen konnte.

Als Jarod fertig war ging ich vor und er blieb stehen, wie ein gut erzogener Hund. „Komm“, befahl ich und unterstrich damit dieses Verhalten.

Ich fühlte mich sehr viel besser, aber Lyles Anwesenheit machte mich nervös, obwohl ich die Gefühle, die zu mir durchdrangen, eher als wohlwollend bezeichnen konnte.


Lyles Appartement, Küche

Wir gingen in meine kleine Küche in deren Mitte ein Tisch und zwei Stühle standen. An der Spüle füllte ich ein Glas mit Wasser.

Jetzt erst erwachte mein Magen wieder. Gierig starrte ich auf das Wasser und leckte mir unbewusst die Lippen.

Wortlos stellte ich das Glas auf den Tisch und beobachtete Jarod, der sicher vor Durst fast umkam. Mit einem Ruck zog ich einen Stuhl zurück und setzte mich mit vor der Brust verschränkten Armen hin. Eine Weile ließ ich ihn einfach da stehen und Jarod sah mich fragend an. Klar! Er hielt sich an die Regeln und schwieg. Sehr gut! „Setz Dich!“ forderte ich ihn auf und Jarod kam meiner Anweisung sofort nach.

Vorsichtig setzte ich mich auf den Stuhl und der Schmerz im Oberkörper durchfuhr mich. Fast hätte ich aufgeschrieben, aber rechtzeitig unterdrückte ich einen Laut und biss mir auf die Lippen.

Auch das registrierte ich zufrieden. „Schön, schön. Du darfst trinken.“

Gierig nahm ich das Glas in beide Hände, sog hastig das Wasser ein, verschluckte mich und hustete. Darf ich husten? dachte er erschrocken. Aber Lyle schien es nicht als Verstoß zu werten, denn er stand auf, ohne mich weiter zu beachten. Ich war erleichtert. Erschrocken bemerkte ich meine verschrobenen Gedankengänge. Was war mit mir passiert?

Aus dem Kühlschrank nahm ich einen Teller heraus, auf dem die Reste einer Pizza lagen. Als ich Jarods Blick auf den Wasserhahn bemerkte, holte ich eine Flasche Orangensaft aus dem Schrank und stellte sie, zusammen mit dem Teller, auf den Tisch.

Mir lief das Wasser im Mund zusammen und mein Magen knurrte fordernd.

Bei dem Geräusch lachte ich auf. Klar! Er musste ein riesiges Loch in seinem Magen haben! Ich schob den Stuhl, auf dem ich vorher saß, an den Tisch und fixierte Jarod. Mal sehen, wie weit er wirklich war!

Die Situation im Raum veränderte sich. Mein Herz begann schneller zu klopfen. Lyles Gefühle wurden mit einem Male lauernd und giftig.

Langsam ging ich um den Tisch herum.

Lyle verschwand aus meinem Sichtfeld und blieb hinter mir Stehen. Mein Atem ging schneller. Vor mir stieg der Duft der Pizza in meine Nase und mein Magen knurrte ungeduldig. Hinter mir spürte ich dunkle Schatten auf mich zukommen und widerstand dem Drang, mich umzudrehen. Ich wusste, dass Lyle dies verärgern würde.

„Hunger?“

„Ja, Sir.“ Ich wusste, dass ich keinen Bissen herunterbekommen würde, solange Lyle hinter mir stand. Ich musste schon jetzt wieder ein Würgen unterdrücken.

„Wirst Du essen, während ich eine Hand auf Deine Schulter lege?"

Was wollte er darauf hören? Die Wahrheit? Schon bekam ich einen schmerzhaften Schlag gegen den Kopf. Es hatte wohl wieder zu lange gedauert. „Nein, Sir.“ Ich entschied mich für die Wahrheit.

„Doch, Du wirst es tun, weil ich es Dir sage.“

Besorgt schluckte ich die Angst herunter und mein Herz hämmerte rasend schnell gegen meine Brust. Meine Hände zitterten leicht, aber ich konnte nichts dagegen machen. Ich spürte Lyles Lachen auf meinem Hinterkopf und beide Hände legten sich fest auf meine Schultern. Ich sackte in mich zusammen. Lyle zog mich mühelos zurück. Ein weiteres Flehen lag mir auf der Zunge, aber Lyle hätte das als Regelverstoß gewertet.

„Iss“, forderte ich ihn schließlich auf. du wirst es tun, verlass dich drauf>

Widerstrebend zog ich den Teller zu mir und nahm eine Pizzastück in die Hand. Zögernd schwebte es vor meinem Mund. Lyles Griff wurde schmerzhafter und mein Kopf fiel nach vorne. Zitternd hob ich ihn wieder an und führte die Pizza an meinen Mund. Lyles Gedanken änderten sich in Sekundenbruchteilen und mir blieb kaum Zeit jedes einzelne Gefühl richtig zu erfassen. Es machte mich konfus und schwindelig im Kopf. Am schlimmsten war die Gier und das Machtgefühl. Auch eine wachsende Erregung war zu fühlen. Es machte Lyle an, mich so in der Hand zu haben. Mein Magen rebellierte und knurrte gleichzeitig. Ich konnte dieses Stück Pizza nicht essen. Der Griff verhärtete sich noch einmal, obwohl ich das nicht für möglich gehalten hätte.

Diir meine Faust gleich woanders hin!>

Schnell führte ich das Hefeteil an meinen Mund und biss eine kleine Spitze ab. Vorsichtig kaute ich und merkte schon, wie meine Magensäfte kämpften. Schließlich schluckte ich runter und mein Magen schlug Alarm. Ich würgte.

„Wenn Du mir auf den Tisch kotzt, wirst Du alles schön sauber wieder auflecken!

Lyles Stimme ließ keinen Zweifel darüber, dass er es ernst meinte. Die Pizza lag wie ein Stein in meinem leeren Magen. Ich nahm einen zweiten Bissen. Er wird mich doch nicht alle Teile essen lassen, dachte ich ängstlich und kaute auffällig lange.

„Schluck!“ forderte ich barsch.

Ich bemühte mich wirklich. Mein Hals war rau vom Schreien und das bisschen Wasser konnte meinen Durst nicht stillen. Aber da ich nicht ohne Aufforderung reden durfte, konnte ich nicht nach mehr Wasser fragen.

Als er meiner Aufforderung nachkam, lockerte ich den Griff etwas. Schön, schön.

Die Stelle an der Schulter pochte. Zu dem Machtgefühl und der Gier, kam nun auch noch die Genugtuung. Gegen die anderen Schwingungen von Lyle, war dies fast ein erleichterndes Gefühl und ich entspannte mich ein wenig.

„Du kannst etwas Saft trinken“, sagte ich gönnerhaft.

Nein, ich wollte keinen Saft. Ich wollte nur weg von Lyle. Dennoch legte ich artig die Pizza auf den Teller zurück und schenkte mir mit zitternden Händen Orangensaft in das Glas. Ich trank einen Schluck und verzog das Gesicht. Die Säure brannte auf den vielen kleinen Wunden, meiner verletzten Zunge, die ich mir während der Stromstöße fast abgebissen hätte. Auch meinem gereizten Hals gefiel das Getränk nicht sonderlich. Ob Lyle mir mit Absicht Saft hinstellte? Wieder änderte sich Lyles Gefühllage schlagartig und ich ließ vor Schreck das Glas aus der Hand fallen. Es ging nicht kaputt, fiel aber um und der Rest des Saftes tropfte auf den Boden.

Blitzschnell kam ich auf die Seite, packte Jarod jetzt von vorne an den Schultern und drehte ihn so heftig zusammen mit seinem Stuhl zu mir, dass der Tisch zur Seite rutschte. „Und jetzt will ich sofort wissen, wo der Klon ist!“

„Ich weiß es e... ehrlich n... nicht.“ Vor lauter Angst vergaß ich das Sir und bekam erneut eine sehr heftige Ohrfeige.

„Wag Dich nicht dahin zu fassen, ohne meine Erlaubnis“, schrie ich ihn an, als ich sah, dass Jarod die Hand hob, um sich die schmerzende Wange zu reiben.

Mir drehte es den Magen um. Bei den giftigen Pfeilen, die Lyle gedanklich auf mich abschoss, hatte ich keine Chance mehr mich zu beherrschen und mit einem würgenden Laut übergab ich mich auf Lyles Hose. Pizza, Orangensaft und Wasser kamen unverdaut wieder zurück.

Rasch machte ich einen Satz zurück. „Verdammt! Was habe ich Dir gesagt?“

Völlig am Ende sah ich ihn aus müden Augen an. Lyles Gesicht war verzerrt, die Stimme überschlug sich und ich erkannte, dass da weder Mr. Lyle noch Bobby vor mir standen, sondern Bobbys Stiefvater. Lyle packte mich und zog mich vom Stuhl auf den Boden.

„Du wirst alles sauber machen, wie ich es dir angedroht habe, mein Freundchen.“

Lyles erneute Berührung ließ mich auf dem Boden zusammenklappen. Ich rollte mich zur Seite, kam auf die Knie und versuchte vor Lyle wegzukrabbeln. Aber Lyle war gleich hinter mir, riss mich auf den Rücken und zerrte mich über den Boden. „Lassen sie mich los!“ jammerte ich und spürte einen erneuten Schwall von Übelkeit in mir hoch steigen. „Ich... ich kann das nicht ertragen!“

„So? Du wirst es ertragen müssen, mein Junge, verlass Dich drauf.“

Lyle und Jarod hatten in etwa die gleiche Masse. Aber Lyle zog ihn dennoch fast mühelos zur Haustür. Seine Wut spendete ihm weitere Kraftreserven. Als er vor seiner Wohnung stand rief er nach Mike und Frank.

„Zurück in sein Loch mit ihm und verpasst ihm noch eine Spritze!“ Ich ging zurück um zu duschen, und um meinen freien Mitarbeiter anzurufen – den Serienkiller.


Dunkler Raum

Mike und Frank zogen Jarod über den Boden bis in seine Zelle und stießen ihn hinein.

Bewegungslos blieb ich einfach liegen. Ich kam mir gedemütigt vor, genau wie Lyle es wohl plante. Wieder versuchte ich verzweifelt zu simulieren, obwohl ich wusste, dass ich weiterhin keine Chance dazu bekommen sollte. Also lag ich einfach nur da und starrte in die Dunkelheit. In meinem Kopf sang ich mein Lied und stellte mir meine Mutter vor, die mich sanft wiegte.

Da öffnete sich die Tür. Reflexartig kroch ich zur Wand hinter mir. Sofort spürte ich wieder das übermächtige Gefühl von Hass, Wut und Zerstörungslust. Es war der Serienkiller. Mein schlimmster Alptraum! Es gab keinen Ausweg. Als ich IHN neben mir spürte, begann er wieder zu schreien. „Bitte Nein, ich... ich mach alles, Sir. Nein!!!!“

Die stinkenden Gefühle von IHM wurden auf Jarod ausgespuckt und gruben sich in jede Pore seines Körpers.

„Sydney! Sydney! Sydney!“ Warum kam er nicht? Warum half mir keiner?

„Dein Sydney interessiert sich nicht für Dich. Der einzige, der Dich von Deinem Leid befreien kann, bin ich!“

„Bitte Sir, bitte Sir!“ schrie ich immer panischer werdend. Der Gedankenreichtum von grausamen Tötungsarten, schien bei IHM unerschöpflich zu sein.

„So lange Du gegen die Regeln verstößt, kann ich nichts für Dich tun, Jarod.“

Ein gemeines Lachen kam hinterher.

Ich lag hilflos auf dem Bauch. ER saß auf meinem Rücken und hielt mich eisern fest. Keine Bewegung war möglich. Keine schützenden Hände, für die rasenden Gedanken in meinem Kopf. Es tat weh. Es zeriss jede Zelle. Ich konnte nicht aufhören zu schreien, obwohl ich es wollte.

„Sydney, Miss Parker, Broots, niemand will etwas mit Dir zu tun haben, denn Du hältst keine Regeln ein!“



„Gut gemacht Jarod.“

ER stand auf. ER ging aus dem Raum.



Die Tür wurde aufgerissen.

Panisch rutschte ich noch enger an die Wand. „Nein! Bitte, Sir. Nein, das wollte ich nicht! Sir!“

Mike und Frank kamen herein gestürmt. Mike hatte den Stromstab dabei. Wenn er nicht den Strom durch Jarods Körper jagte, schlug er ihm hart auf die Oberschenkel.

Ich schrie meinen körperlichen Scherz laut heraus.

„Ich kann Dich davon erlösen, wenn Du Dich an die Regeln hältst!“




Centre, SL26, Tag 4

Ich erwachte schreiend aus einem Alptraum und schlug mir sofort die Hand vor den Mund. Nicht schreien!

Die Tür öffnete sich.

Ich hielt mir die Hände schützend über den Kopf und spürte den Schmerz in meiner linken Hand. Vage erinnerte ich mich daran, dass ich mir auf die Hand gebissen hatte, um nicht zu schreien.

„Komm raus!“

Es ist der Sir, brüllte es erleichtert in mir und sofort wollte ich aufstehen.

„Siehst Du, wenn Du schön brav bist, darfst Du auch raus kommen. Los geht´s!“ Ich ging schnell voran.

Ich mühte mich schnell hinterher zu humpeln. Schließlich knickten mir die Beine weg und ich fiel schmerzhaft auf die Knie. „Au!“ rutschte mir ein Laut versehentlich aus dem Mund.

Ich drehte mich um, fasste ihn aber nicht an. Ich war immerhin sein Retter!

Der Schlag kam von hinten. Mike hatte ihm mit dem Stromstab auf die Schultern geschlagen, die ebenfalls wie Feuer brannten.

Krampfhaft biss ich mir auf die Zunge. Blut lief mir das Kinn herunter, aber ich gab keinen Laut von mir.

„So ist es brav, mein Junge. Los, steh auf.“

Mit zitternden Beinen kam ich wieder zum Stehen und folgte Lyle mit einem verbissenen Gesichtsausdruck.

Wir gingen wieder in sein Appartement und ich durfte duschen. Mich verließ die Kraft und so duschte ich im Sitzen weiter. Lyle ließ mich dabei nicht aus den Augen. Auf dem Boden lag wieder frische Kleidung. Ich hoffte, endlich auch Schuhe zu bekommen, aber wagte nichts zu sagen. Als ich fertig angezogen war sah ich aufmerksam zu Lyle.

„Komm." Meine Befehle kamen kurz und auf den Punkt.

Sofort setzte ich mich in Bewegung.

Als wir wieder im Flur der Wohnung waren blieb ich abrupt stehen. Jarod stoppte sofort neben mir. „Setz Dich da hin!" Ich deutete auf den Boden neben der Tür zum Wohnzimmer.

Schnell ging ich in die Knie und setzte mich dann. Mein Rücken war dicht an der Wand, aber ich wusste nicht, ob ich mich anlehnen durfte.

In der Küche ließ ich Wasser in einen Eimer laufen.

Immer noch in der gleichen Position sitzend vergrub ich meine Hände in die Ärmel, schloss die Augen und lauschte den Geräuschen meiner Umgebung.

Als ich zurückkam, blieb ich vor Jarod stehen. In der linken Hand hielt ich den Eimer voll Wasser. Dann ging ich in die Hocke und sah Jarod direkt ins Gesicht.

Erschrocken fuhr ich zusammen.

„Du bist hier ganz allein", sagte ich leise.

Verzweifelt versuchte ich dem Blick auszuweichen und senkte meine Augen.

"Schau mich an, wenn ich mit Dir rede!" donnerte meine Stimme.

Sofort riss ich meinen Blick hoch und spürte, wie die Panik in mir hochkam. Meine Lippen zitterten leicht.

"Niemand kann Dir helfen, nur ich!“

Niemand? Nur er!

"Ich kann IHN von dir fern halten. Nur ich habe die Macht über ihn!“



Wortlos stellte ich den Eimer neben Jarod ab. Es war mir klar, dass er einen unsäglichen Durst haben musste.

Ich erlaubte mir nicht, dem Eimer einen Blick zu schenken und fixierte ihn auf Lyle. Solange Lyle sprach, hatte ich ihn anzusehen. Dann war ich in Sicherheit!

"Bleib hier sitzen. Ich hab zu tun." Damit ging ich ins Zimmer nebenan.

Lyle ließ mich zurück! Aber wenn ich tat was er wollte, war ich geschützt. Ganz bestimmt! Mein Blick streifte den Eimer. Das Wasser war so schrecklich verlockend. Der Durst quälte mich fast unerträglich. Meine Kehle brannte und schmerzte. Aber die Angst war größer. Was, wenn Lyle mich verstieß? Was, wenn ER zurückkam und Lyle nicht mehr da war? Ich spürte, wie sich die Tränen in meinen Augen sammelten. Ich saß da und wartete.


3 Stunden später

Zufrieden sah ich auf das Häufchen Elend in meinem Flur und grinste.

Das Wasser machte mich wahnsinnig. Aber mehr als ab und zu einen Blick darauf zu werfen, wagte ich nicht.

"Du darfst einen Schluck trinken, weil Du die Regeln befolgt hast."



"Nein! Mit dem Mund!“

Erschrocken riss ich die Hand zurück, ging auf die Knie und versuchte aus dem Eimer zu trinken.

Ich kam an seine Seite.

Sofort hob ich den Kopf. Meine Anspannung wuchs.

„Trink!“

Wie ein Hund beugte ich mich über den Eimer und sog das Wasser gierig auf.

Langsam“, ermahnte ich ihn und er kam sofort meiner Aufforderung nach. Großartig! Nur noch ein Tag, dann war er ganz und gar mein Eigentum! „Heute Abend wirst Du einen letzten Test bestehen, und dann ist es vorbei. Das verspreche ich Dir. Du weißt, ich habe die Macht es zu beenden!“

Für einen Moment schloss ich die Augen und gestattete mir einen Anflug von Erleichterung. Alles würde vorbei sein!

„Steh auf! Wir gehen zurück!“

Lyle würde mich beschützen. Es schwindelte mich leicht, aber ich riss mich zusammen.

Geduldig wartete ich und ließ Jarod vorgehen. „Du hältst Dich an die Regeln und morgen früh ist alles vorbei“, wiederholte ich wieder. Ich dachte mit Vorfreude an Parkers Gesicht.

Durch die Schmerzen ging ich ziemlich unsicher. Oh ja! Ich würde mich an die Regeln halten. Morgen war alles vorbei. Lyle würde mich retten, egal was kam.

Ich grinste zufrieden. Es war geschafft! Ich hatte Jarod da, wo ich ihn schon immer haben wollte. Wir hielten vor der Tür, und die Sweeper öffnete sie.

Abwartend blieb ich stehen. Mein Herz klopfte vor Angst, aber ich war voller Zuversicht, dass Lyle mich retten würde.

„Denk daran, was ich Dir gesagt habe, halte Dich an die Regeln, dann kann ich Dich schützen!“

Noch immer war ich voller Angst, aber ich würde alles tun, was Lyle von mir verlangte.

Morgen früh ist alles vorbei!“

Mit meinem Nicken zeigte ich an, dass ich verstanden hatte. Der Sir hatte immer Recht.

„Geh!"

Vorsichtig setzte ich Fuß vor Fuß. Ich fürchtete mich vor dem Raum. Aber ich ging trotzdem hinein – weil Lyle es so wollte.


SL26, Dunkles Zimmer

Die Tür schloss sich hinter mir und ich atmete gepresst. Es verging eine ganze Zeit lang, in der nichts passierte. Erleichtert lehnte ich mich an die Wand.

Nach einigen Stunden öffnete sich die Tür wieder.

Erschrocken fuhr ich zusammen, war es schon morgen? Hatte ich den Test bestanden?

ER kam herein. <Hallo mein Freund!>

Im ersten Augenblick glaubte ich, mein Herz würde mir stehen bleiben und ich wich voller Panik zurück. Nein! Oh bitte nicht! schrie es in meinem Kopf. Aber ich blieb still.

<Ich wollte nicht gehen, ohne auf wiedersehen zu sagen> Die Stimme kam näher. <Wir werden gemeinsam ein paar Leutchen killen. Was meinst Du?>

Hektisch atmend sah ich mich hilfesuchend um. Nein! - Nein! - Ich will hier weg!  - SIR! RETTE Mich! – Jetzt!

ER bekam Jarod zu fassen und drückte ihn auf den Boden.

Zuerst versuchte ich verzweifelt der Stimme zu entkommen. Dann ließ ich es über sich ergehen.

<Schmeckst Du das Blut auf Deinen Lippen? Ich weiß, dass Du das kannst!>

Aber ich schmecke nichts!  - Ich kann nichts schmecken - Sir hat mir nicht erlaubt etwas zu schmecken! Der Gedanke an Sir rettete mich. Sir würde mich retten und IHN bestrafen. Ich musste nur durchhalten. Durchhalten bis Sir kam und mich an die Regeln halten!

ER legte seine Hände auf Jarods Kopf und spuckte all seine Gedanken auf ihn ein.

Tapfer biss ich mir die Lippen blutig und unterdrückte standhaft jedes Stöhnen. SIR würde kommen und mich retten.

Die Tür öffnete sich, und ER ging von Jarod weg.

Das musste Sir sein! Das musste er sein! Er kam, um mich zu retten. Regungslos blieb ich am Boden liegen. Sir würde mir erlauben aufzustehen, wenn Sir es für richtig hielt.

„Steh auf! Und komm raus!“

Der Sir war da! Ich durfte den Ort meiner Qual verlassen! Voller Freude versuchte ich aufzuspringen, aber meine Beine gehorchten nicht. Ich schob mich auf die Knie und stemmte mich an der Wand hoch. So schnell ich konnte, verließ ich den Raum.

Jarod sah ziemlich fertig aus. So konnte ich ihn da oben nicht präsentieren. „Gehen wir frühstücken", sagte ich fest und ging vor zur Wohnung.

Frühstücken!? Essen? Ich folgte Lyle-Sir ohne Widerrede. Ich war ihm ja so dankbar, dass er mich rettete. Jetzt bekam ich sogar etwas zu essen!


Lyles Appartement SL26

Auf dem Küchentisch standen schon Kaffee, Brot und Marmelade.

Vielleicht durfte ich mich auch satt trinken? Ich schwieg und blieb vor dem Tisch stehen, um nicht dagegen zulaufen.

Setz dich hin und iss!" befahl ich und beobachtete Jarod genau. Konnte ich mir wirklich ganz sicher sein?

Vorsichtig nahm ich auf dem Stuhl Platz, aber ich rührte nichts an, weil ich nicht wusste, was ich essen durfte.

Verdutzt zog ich die Stirn kraus. Warum tat er nicht, was ich ihm befahl? "Hast Du nicht verstanden? Du sollst was essen!“

Hilflos sah ich zu ihm auf. Ich wollte ja essen. Ich hatte sogar großen Hunger. Aber was? Ich durfte doch nicht sprechen! Zögernd hob ich die Hand zum Tisch und ließ sie in der Luft schweben.

Aufseufzend stellte ich Jarod das Brot direkt vor seinen Bauch. "Benimm Dich nicht wie ein Baby. Schmier Dir ein Brot, oder was auch immer!“

Hastig nahm ich das blanke Brot und biss gierig hinein. Erst dann strich ich etwas Butter und Marmelade darauf. Nach dem ersten Bissen sah ich wieder auf.

„Iss nicht so hastig, sonst kommt alles wieder hoch und das wollen wir doch nicht, oder?" Sarkasmus lag in meiner Stimme.

"Nein Sir!" Meine Kehle brannte von dem Essen und ich sah auf, um zu sehen, ob Lyle-Sir mir gestattete zu trinken.

Spielte er ihm was vor? Mir gefiel die Macht über Jarod, aber dieses Ausmaß, hatte ich nicht erwartet. "Was ist? Willst Du keinen Kaffee?“

"Doch Sir!"

„Dann trink ihn, verdammt!" Langsam wurde ich ärgerlich. Wenn das so blieb, würde ich ja ein Kindermädchen für ihn brauchen!

Danke Sir!  Ich goss mir die Tasse voll und trank gierig. Ich durfte den Kaffee trinken. Ich durfte den ganzen Kaffee trinken! Ich war ja so etwas von dankbar!!!

Misstrauisch beobachtete ich ihn weiterhin. Offensichtlich simulierte er nicht. Die nächsten Tage würden zeigen, ob ich wirklich das erreichte, was ich plante.

Als ein stechender Schmerz durch meinen Unterleib zog, krümmte ich mich zusammen und unterdrückte einen Hustenreiz.

Er wirkte kränklich, aber in ein paar Tagen, würde alles wieder anders aussehen, dessen war ich mir sicher. „Du darfst Dich jetzt ein paar Tage ausruhen, dann wird wieder gearbeitet, klar.“

„Ja Sir.“ Ich wusste zwar nicht, was er mit Arbeit meinte, aber ich würde alles machen, was Lyle-Sir von mir verlangte.

„Geh Dich duschen und umziehen!“ Im Badezimmer lag ein neues Bündel Centre Kleidung. Diesmal die komplette Ausstattung. Die Zeit der Demütigungen musste ja langsam ein Ende finden. Schade. Ich sah ihm nach, wie er hastig im Badezimmer verschwand. Schien ja alles einwandfrei zu laufen!

Wortlos ging ich ins Badezimmer und duschte. Auf dem Boden lag die Kleidung des Centres. Ich begann mich anzuziehen. Lyle-Sir würde hier bleiben und darauf acht geben, dass ER nicht zurückkam. Ich konnte mich beruhigt anziehen. Niemand würde mir etwas tun. Niemand! Solange ich die Regeln einhielt und Lyle-Sir mich beschützen konnte.

„Ich hab oben zu tun“, rief ich ins Badezimmer. „Du wirst jetzt schlafen und nichts machen, bis ich wieder komme.“

Ich war gerade dabei mir die Schuhe anzuziehen und sah erschrocken hoch. Warum ging er weg? Panik kam in mir auf. Ich versuchte sie zu unterdrücken. Er würde doch wieder kommen? Ich durfte nicht fragen. Ich durfte nicht gegen die Regeln verstoßen. Das bedeutete Ärger und Ärger bedeutete Schmerz! Also blieb ich ruhig und hielt mich an die Regeln.


08.11.2008, SL 26, Lyles Appartement

Mike warf seine Karten auf den Tisch.

„Schon wieder ein Royal Flush. Du bescheißt doch!“ murrte Frank.

Mike lachte gackernd. „Du bist echt der mieseste Pokerer, den ich je getroffen habe.“

Frank verzog das Gesicht und deutete mit dem Kopf zur Couch, auf der Jarod lag und die Decke anstarrte. „Kannst ja mit ihm spielen. Das Genie ist sicher ein Ass im Pokern.“

Der andere Sweeper zischte abfällig. „Der kann wahrscheinlich nicht mal mehr eins und eins zusammenzählen.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. „Wann war er zum letzten Mal im Badezimmer?“

Frank zuckte mit den Achseln. „Kann man ihn nicht darauf programmieren, dass er immer aufs Klo geht, wenn er muss?“

Mike machte ein unschlüssiges Gesicht. „Keine Ahnung. Versuchen kann man es ja mal.“ Er stand auf und schlurfte zur Couch.

Als Mike-Sir auftauchte, blickte ich ihn abwartend an.

„Hat ja auch geklappt, als Du ihm gesagt hast, er soll die Wand anstarren“, kicherte Frank. Jarod stand dort geschlagene acht Stunden, ohne sich auch nur einmal zu rühren.

„Hey, eine neue Order! Ab sofort fragst Du, wenn du zur Toilette musst, verstanden?“ Er betonte es so, als würde er mit einem begriffsstutzigen Menschen sprechen.

„Ja, Sir. Darf ich jetzt?“

Mike rollte mit den Augen. Ob Mr. Lyle klar gewesen war, was er da geboren hatte? „Ja, zisch ab.“

Hastig stand ich auf, denn das dringende Bedürfnis quälte mich schon seit einiger Zeit.

Frank sah dem davon humpelnden Pretender nach. „Wollte Lyle ihn heute nicht abholen?“

Mike blickte auf die Uhr. „Ja, steck die Karten weg. Er müsste schon auf dem Weg sein.“


Kurz darauf

Eigentlich war nur eine Pause von drei Tage geplant gewesen, aber der Arzt schlug mindestens zwei Wochen vor! Jarod bekam Antibiotika und verbrachte die Zeit in meinem Appartement im Wohnzimmer und rührte sich nur vom Fleck, wenn ich es ihm sagte. Es war ein seltsames Gefühl, ihn so in der Hand zu haben. Da ich von Daddy Parker einige Sonderaufgaben erhielt, war ich die meiste Zeit unterwegs. Mike und Frank ließen ihn nicht aus den Augen. Offensichtlich war dies aber nicht mehr nötig, denn Jarod hielt sich genau an die Regeln! Nach einer Woche war er noch nicht ganz auf dem Damm, aber meine Geduld war zuende.

Heute war endlich die Zeit gekommen, meinen Triumphzug nach oben zu starten. Ich war auf die Gesichter der anderen gespannt, wenn Jarod ohne Widerworte endlich wieder simulieren würde.

Mike und Frank saßen am Tisch, als Lyle in dem Raum kam.

„Irgendwelche Vorkommnisse?“

„Nein, Sir“, antwortete Mike. „Es war alles so, wie in den letzten Tagen.“

„Okay. Ihr könnt jetzt gehen. Ich werde mich melden, wenn ich euch brauche.“

Mike nickte und verließ mit Frank den Raum.

Wie in der meisten Zeit der letzten Tage lag Jarod auf der Couch und starrte an die Decke. „Steh auf, wir gehen hoch.“

Sofort richtete ich mich auf. Hoch? Was meinte Lyle-Sir?

Zügig ging ich zur Tür und drehte mich zu ihm um, weil er nicht zu kommen schien. „Was ist?“

„Sir?“ Ich verstand die Frage nicht.

Klar, scheinbar hielt er sich nur an die Regeln. Etwas genervt sagte ich: „Komm mit!“

Sofort ging ich zu Lyle-Sir. Ich verstand nicht, warum er wütend war. Was machte ich denn verkehrt? Warum sagte er mir das nicht?

Was war denn los mit ihm? Er wirkte ja so, als könne er nicht mehr selbständig denken! Ich seufzte und hoffte, dass sich dieses Getue etwas legen würde, wenn ich nicht mehr ständig um ihn herum war. "Jetzt hör mal zu, Jarod. So will ich das oben nicht!“

Erschrocken starrte ich Lyle-Sir an. Von was sprach er? Ich verstand ihn nicht. Was war oben? Und was wollte er da nicht?

"Schalt Deinen Kopf ein, wenn man Dir was sagt!“

Was? Völlig verwirrt senkte ich den Blick. Ich machte etwas falsch und wusste nicht was.

„Wir werden jetzt Sydney und Miss Parker besuchen und dann schauen wir mal, was so alles an Simulationen liegen geblieben ist. Wird Zeit, dass Du für Deine Unterkunft hier arbeitest.“ Ich ging vor zur Tür. Den Fahrstuhl öffnete ich mit meiner Codekarte und trat ein. Als er wieder nicht folgte, riss mir fast der Geduldsfaden. "Ab sofort, wenn ich laufe, kommst Du mit, klar?“

"Ja Sir!" Ich blieb dicht hinter ihm. Wie sollte er mich auch schützen können, wenn ich nicht bei ihm blieb? Da hatte er Recht! Ich war ihm ja so dankbar!

Mit gemischten Gefühlen fuhr ich nach oben. War er wirklich schon so weit?

V 2.3 (10.05.2010)
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