Belldandys Odyssee

von Silfir
GeschichteDrama / P12
Belldandy Keiichi Morisato
30.06.2004
14.07.2004
3
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Belldandys Odyssee
Von Silfir

Teil 1 - Pego

"...?"
Der Himmel war beinahe komplett bewölkt. Wenige Sonnenstrahlen trafen den Tempel und tauchten ihn in eine mysteriöse, vor allem aber unheimliche Atmosphäre. In den Bäumen saßen einige wenige Vögel, die jedoch keinen Ton von sich gaben, da die Gesangszeit für sie bereits vorüber war. Noch gab es keine Grillen, und daher war die Umgebung vollkommen ruhig. Die Stille hatte jedoch nur wenig friedliches; sie war mehr wie die Ruhe vor dem Sturm. Nein, eher wie die Ruhe nach dem Sturm.
Ebenso still war der Tempel, der inmitten der Bäume stand. Wer sich öfter hier in der Gegend aufhielt, wunderte sich darüber, denn für gewöhnlich drang ständig irgendwelcher Lärm von dort nach außen. Aber heute war er still. Die lebendigen Geräusche waren einer seltsamen allumfassenden Stille gewichen. Einer Stille mit einem Hauch von Trauer und Tod...
Was war im Tempel geschehen?
"Was ist hier geschehen?"
Langsam schritt eine Gestalt durch den Garten. Sie war barfuß und trug ein seltsames übel mitgenommenes blau-weißes Gewand von fremdartiger Form. Der erschreckende Zustand ihrer Bekleidung schien die Gestalt aber gar nicht zu interessieren.
Ihre langen silbernen Haare, die ihren Glanz verloren hatten und daher düster und grau erschienen, waren zersaust, und das Tuch, das sie leidlich zusammenhielt, war zerfleddert und beinahe entzwei. Wer war diese Gestalt? Abgesehen vom beschädigten Zustand ihrer Kleider hatte sie eine weibliche, wohlgeformte Figur und hübsche Gesichtszüge, auch wenn ihr trauriger Gesichtsausdruck das nicht gerade deutlich machte. Ihre blauen Augen spiegelten nämlich ihre Ratlosigkeit und die Unruhe wieder, die in ihr war. Ihre Hände zitterten schon seit einer ganze Weile. Angst und Erregung schienen sie gleichermaßen zu beherrschen.
Sie war nun am Eingang des Tempels angekommen, als sie nun doch ein Geräusch aus dem ansonsten stockstillen Tempel vernahm. Doch es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte statt dem leisen, aber herzzerreißenden Schluchzen gar nichts vernommen.
Sie versuchte, die Tür zu öffnen, doch ihre Hände fanden keinen Halt. Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken an diesen Umstand und lief um die Ecke des Hauses. Dort erblickte sie eine Tür zum selben Zimmer, die aber offenstand.
Ihre Furcht war beinahe überwältigend, so stark, dass sie sich scheute, sich dem Eingang zu nähern. Aber schließlich fasste sie sich ein Herz, denn sie wollte wissen, wer so herzzerreißend schluchzte. Sie hatte das schmerzhafte Gefühl, dass es jemand war, der ihr sehr am Herzen lag.
Kaum hatte sie den Raum betreten, erfasste sie eine große Panik.
"Keiichi... Was hast du? Warum weinst du?", rief sie, doch das schluchzende Häufchen Elend antwortete ihr nicht, ja, es unterbrach nicht einmal für eine Sekunde sein leises Wimmern.
"Keiichi! Antwortete mir doch! Keiichi!", schrie sie nun fast. Sie lief fliegenden Schrittes zu dem armen weinenden Ding am Tisch hin und versuchte erneut, es zur Vernunft zu bringen. Doch wiederum blieb sie ohne Erfolg.
Außerhalb des Tempels begann es nun langsam, immer mehr dicke Tropfen zu regnen. Es begann, Nacht zu werden, und es sah nach einem Gewitter aus. Die Atmosphäre war nun noch dunkler als zuvor. Es war, als richtete sich das Wetter nach den Gefühlen der jungen Frau, die sich um den am Boden zerstörten jungen Mann bemühte.
Sie lief auf die andere Seite des Tisches, doch er hatte seinen Kopf mitsamt den verweinten Augen in seine Arme gelegt, immer noch schluchzend, und konnte sie nicht sehen. Bald gab sie es auf, sich bei ihm mit Gesten bemerkbar zu machen, und wollte ihn schließlich, als sie das ihre Ohren betäubende Geräusch seines Schmerzes nicht mehr ertrug, mit aller Kraft schütteln.
Doch wie bei der Tür fanden ihre Hände erneut keinen Halt.
"Was geht hier vor sich?" Nun schrie sie wirklich beinahe aus voller Kehle. Auch das konnte den Schluchzenden am Tisch nicht zur Besinnung bringen, und ihr wurde endgültig bewusst, dass wirklich etwas nicht stimmen konnte.
Langsame Schritte aus einem anderen Teil des Tempels schallten plötzlich bis in den Raum hinein. Die junge Frau im zerschlissenen Kostüm erschrak kurz, doch dann zwang sie sich zur Ruhe und wartete geduldig, aber wachsam darauf, dass der Verursacher der Schritte näher kam.
Eine weitere Frau mit weißen, in der Dämmerung grau erscheinenden Haaren, dunkler Haut und in einem pechschwarzen Kleid, das auch tagsüber kein bisschen heller gewesen wäre, kam nun durch die Tür hinein ins Zimmer. Als sie die Gestalt neben dem Verzweifelten erblickte, war die Ankommende vollkommen überwältigt und wich einen Schritt zurück, dann fasste sie sich und ging langsam auf sie zu. "Belldandy? Was tust du hier?"
"Ich wohne hier!", antwortete Belldandy verwundert. "Aber was ist hier geschehen?"
"Du... wohnst... hier?", wiederholte Urd entgeistert. "Ich meine, äh, wie, glaubst du, kannst du jetzt noch hier wohnen?"
"Was meinst du mit jetzt noch'?", fragte Belldandy verwundert.
Urd war nun vollkommen konfus, was ihr Gesichtsausdruck auch deutlich verriet. "Belldandy, du... wie kannst du..."
"Warum trägst du das Trauerkleid unserer Mutter?", fragte Belldandy. Sie verstand nun gar nichts mehr, und deswegen versuchte sie auch nicht, etwas zu verstehen. Urd sollte und würde ihr alles erklären, hoffte sie zumindest.
"Warum ich..." Urds Gesichtsausdruck wurde wieder ernst und klar. Anscheinend glaubte sie nun, begriffen zu haben, was Belldandy von sich gab. "Es hat ein Massaker gegeben."
"Ein Massaker?", fragte Belldandy aufgebracht. "Wann?"
"Gestern."
"Wo?"
"Im Thronsaal des Herren."
"Das kann doch nicht dein Ernst sein!", rief Belldandy. "Wer würde an der heiligsten aller Stätten ein Massaker anrichten? Wie viele Opfer gab es?"
Das Gewitter war nun in vollem Gange. Als ob der Donnergott Thor persönlich dieses Gespräch beobachtete, wurde Urds Antwort gleichzeitig von Blitzen und Donnergrollen begleitet.
"12023 Gottheiten insgesamt. Darunter 1614 Zweiter Klasse und zwei Erster Klasse.", antwortete Urd so sachlich wie möglich, doch sie konnte nicht vermeiden, dass ihre Stimme bei der Nennung der ungeheuerlichen Zahlen zitterte.
Belldandy schwieg, starr vor Furcht und Schreck. "Wer... wer könnte so etwas... Wer könnte so etwas tun? Wer war in der Lage, zwei Gottheiten Erster Klasse auszulöschen... Wer sind diese beiden?", fragte sie, einem bizarren Instinkt folgend.
Urd zögerte ein wenig mit ihrer Antwort. "Peorth ist eines der Opfer..."
"Peorth?" Sie und Peorth waren einst die engsten Freundinnen gewesen, deswegen war Belldandy enorm erschüttert. "Unglaublich...", hauchte sie. "Und das andere Opfer?", fragte sie nach einer Weile bedrückten Schweigens leise.
"Das bist du."
Wieder durchzuckte ein Blitz die Szenerie, gefolgt von einem lauten Donnergrollen.
"Ich?! Ich bin tot?", rief Belldandy erhitzt aus. "Aber wie kann das sein? Ich bin doch hier, oder? Ich atme doch, oder? Ich lebe doch, oder?" Vielleicht hätte Belldandy gelassener auf Urds Feststellung reagiert, wenn sie sicher gewusst hätte, dass es nicht stimmte. Aber mittlerweile zweifelte sie an vielem.
Zitternd streckte Urd ihre Hand Belldandy entgegen. Verwundert versuchte Belldandy, sie zu ergreifen, doch ihre Finger rutschten immer wieder ab. "Was..."
"Pass mal gut auf.", unterbrach sie Urd und stieß plötzlich mit der Hand nach Belldandys Bauch. Aufs Tiefste erschrocken stellte Belldandy fest, wie ihr Körper plötzlich vor Urds Fingerspitzen nach hinten zurückwich. Doch anstatt dass ihr Kopf und ihre Füße ebenfalls zurückwichen, blieben sie an Ort und Stelle, sodass Belldandys Körper gewissermaßen eine Delle bekam.
Als Urd ihre Hand wieder zurückzog, nahm Belldandy wieder ihre ursprüngliche Form an, war jedoch zutiefst erschüttert von Urds kleiner Demonstration, deren Sinn sich ihr nicht länger verschloss. "Ich..."
"Richtig. Du bist ein Shinentai."
"Nein. Kein Shinentai.", erwiderte Belldandy. "Wenn ich einer wäre, dann könnte ich in dieser Welt noch Dinge tun... ich könnte deine Hand ergreifen!" Belldandy standen Tränen in den Augen. "Ich könnte Keiichi berühren! Ich könnte ihn... trösten..."
"Belldandy, du bist tot. Meinst du, du könntest Keiichi darüber hinwegtrösten?", erwiderte Urd. "Jedenfalls bist du ein Shinentai, jedoch nicht in dieser Welt..."
"Nicht in dieser Welt? Warum bin ich dann hier?", fragte Belldandy.
"Damit ich dir von dem Massaker erzählen konnte.", antwortete Urd. "Denn die Welt, in die du nun gehörst, hat mit dieser hier außer durch mich keinen Kontakt."
"Das Massaker! Es geschah gestern im Thronsaal des Herren, und es gab über 12000 Opfer, unter anderem mich... Wer hat es verursacht?", rief Belldandy nun. In ihrer Stimme klang großer Zorn mit. Dass sie tot war, schmerzte sie weniger als die Tatsache, dass Keiichi vollkommen am Boden zerstört war. Das war es, was sie dem Übeltäter nie würde verzeihen können. War es ihre Aufgabe als Shinentai, ihn zur Strecke zu bringen? Wer weiß...
Urd schwieg. Sie atmete tief durch und setzte zu einer Antwort an, doch es kam keine Silbe über ihre Lippen. Sie setzte sich, warf sich die Hände vors Gesicht und schüttelte wild den Kopf.
"Urd! Sag es mir! Sofort!", rief Belldandy, nun fast wütend. Die Tatsache, dass sie tot war, trug sicher nicht zu ihrer Gelassenheit bei.
Urd blickte zutiefst erschrocken auf. Ihr Blick schmerzte Belldandy unendlich, denn er enthielt Angst, echte, reine Angst... als ob Belldandy irgendeine Art von Monster wäre! Warum?', fragte sie sich. Das sollte sich ihr bald eröffnen.
Urd stand auf, ging einen Schritt zurück, atmete tief durch, setzte einen entschlossenen Gesichtsausdruck auf und wollte erneut antworten, doch diesmal bekam sie einen regelrechten Weinkrampf.
"Urd!", rief Belldandy bestürzt. "Was ist mit dir?" Sie lief zu ihrer Schwester, aber sie konnte sie nicht berühren, ebensowenig wie Urd das Taschentuch halten konnte, das Belldandy ihr unters Gesicht hielt.
Nach einer Weile beruhigte sich Urd wieder und schaute erneut tief in Belldandys Augen. Dann schüttelte sie den Kopf, als verstünde sie die Welt nicht mehr.
"Du kannst es mir nicht sagen, nicht wahr?", stellte Belldandy ruhig fest. "Nun gut. Nicke, wenn du Ja meinst, und schüttle den Kopf, wenn du Nein sagen willst. Sollen wir es so machen?"
Urd schien kurz zu überlegen. "In Ordnung. Das ist vielleicht das Beste. Ja, das ist es.", antwortete sie auf eine rätselhafte, Belldandy beunruhigende Weise.
"Nun, der Verursacher dieser Greueltat muss, da selbige im Thronsaal des Allmächtigen persönlich stattfand, eine Gottheit gewesen sein. Sehe ich das richtig?", fragte Belldandy, sich selbst zwingend, den Anschein von Entschlossenheit zu erwecken. In Wirklichkeit war sie so verzweifelt wie sie es in ihrem ganzen Leben nicht gewesen war.
Urd nickte.
"Desweiteren muss es eine sehr mächtige Gottheit gewesen sein, wenn sie so viele Opfer finden konnte. Ich tippe auf eine Gottheit Erster Klasse."
Urd zögerte ein paar Sekunden, bevor sie erneut nickte, aber ihr Gesichtsausdruck schien langsam wieder von gequälter Art zu werden.
Belldandy fühlte, dass sie auf diese Weise zur Identität des Täters kommen würde. Doch warum schrie etwas in ihr ständig "Tu's nicht! Lass es gut sein"? Warum wollte ein Teil von ihr das Ergebnis gar nicht wissen?
Belldandy schüttelte diese Gedanken ab. "Ich glaube nicht, dass der Verursacher eines solchen Massakers auf irgendeine Weise geflohen sein könnte. Befindet er sich in Gefangenschaft?"
Urd reagierte eine Weile gar nicht. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
"Konnte er den Konsequenzen seiner Tat etwa entfliehen?", fragte Belldandy, wieder erzürnt.
Urd schüttelte den Kopf, wieder langsam, aber sofort. Diese Frage konnte sie eindeutig beantworten, wie es Belldandy schien, nicht so wie die Frage davor. Seltsam. Seltsam war auch, dass Urds gequälter Gesichtsausdruck bei ihrer Antwort nicht verschwand, als ob sie es nicht gut fand, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wurde.
"Nicht frei, nicht gefangen... ist er tot?!", fragte Belldandy erregt. Denn eine Bestätigung ließ nur noch eine Möglichkeit zu, wie sie glaubte, schon jetzt zu wissen.
Urd hatte das sehr wohl realisiert. Deswegen bekam sie erneut einen Weinkrampf und ließ sich kaum von Belldandy beruhigen. Doch nach einer Weile bemerkte Belldandy, wie Urds von ihren Händen verdecktes Gesicht sich langsam hoch und runter hob und senkte, geschüttelt von ihren Weinkrämpfen.
Das trieb auch Belldandy die Tränen in die Augen. "Peorth? Du willst doch nicht etwa behaupten, dass Peorth... Sag mir, dass ich mich irre."
Urd hob plötzlich ihren Kopf und schaute Belldandy mit einem erschreckend gleichgültigen und emotionslosen Blick an. "Du irrst dich allerdings. Aber du wirst dir wünschen, du hättest dich nicht geirrt."
"Es war nicht Peorth?" Belldandy fiel ein Stein vom Herzen, noch ungeachtet der schrecklichen logischen Konsequenz dieser Feststellung. Dann verinnerlichte sie sich auch die rätselhafte Aussage ihrer Schwester. Du wirst dir wünschen, du hättest dich nicht geirrt'... Was konnte schrecklicher sein als die Feststellung, dass ihre engste Freundin eine Massenmörderin war? Was war der Fehler in ihrer Schlussfolgerung gewesen?
Belldandy ahnte die Wahrheit und wurde fast von ihr umgeworfen. "Nein!", hauchte sie.
Urds Blick blieb weiterhin emotionslos. Es war schon unglaublich genug gewesen, dass die alles andere als rührselige Urd überhaupt geweint hatte. Aber nun war sie vollkommen kalt. Eiskalt. Belldandy fragte sich, ob das dieselbe Urd war, die vorhin regelrecht geheult hatte.
Dann versuchte sie, sich wieder darauf zu konzentrieren, wer der Urheber dieses unmenschlichen Massakers gewesen war, doch jedesmal, wenn sie versuchte, einen Gedanken in die richtige Richtung zu fassen, mochte sie am liebsten laut schreien. Aber schlussendlich konnte die Wahrheit vor ihrer allzu großen Neugier nicht verschlossen bleiben, und sie flüsterte, am ganzen Leibe zitternd: "Tot, Erste Klasse, es ist nicht Peorth... Bleibt übrig... eine einzige Person... nämlich..."
"Du.", vollendete Urd. "Es stimmt tatsächlich. Du, Belldandy, hast es getan. Ich kann nicht nachvollziehen, wie oder warum, aber du hast es getan und wurdest dafür vom Allmächtigen selbst zur Rechenschaft gezogen."
"Aber...", war Belldandys umgehende und durchaus verständliche Reaktion, der sie jedoch nichts Konstruktives hinzuzufügen vermochte. "Das muss ein böser Traum sein... Wie sollte ich... Ich meine..."
"Belldandy, dies ist kein schlechter Scherz oder ein Traum. Alles, was ich gesagt habe, entspricht der Wahrheit. Du bist eine tote Massenmörderin.", stellte Urd eindringlich fest, natürlich nicht ohne Zögern.
"Aber wie?", rief Belldandy aus. "Wie habe ich das fertiggebracht? Was hat mich dazu veranlasst?"
"Das weiß ich nicht, Belldandy. Alle, die es wissen könnten, hast du eigenhändig umgebracht, bis auf den Allmächtigen, welcher für uns vollkommen unerreichbar ist, da er gerade vollauf damit beschäftigt ist, den entweihten Thronsaal zu reinigen. Abgesehen von ihm, gibt es nur noch... dich. Du wirst es wohl nur erfahren, wenn du in dich selbst gehst, Belldandy. In dich selbst."
"Was meinst du damit, Schwester?", fragte Belldandy atemlos.
Plötzlich zuckte Urd zusammen und wich zurück, ihr Gesicht von Schmerz verzerrt. Ein paar Sekunden später fing sie sich wieder. "Nenn mich besser nicht so. Der Teil von mir, der deine Schwester ist, ist nicht der Teil, der mit dir reden möchte. Er möchte lieber weglaufen, weit weg, und sich irgendwo ausheulen. Das werde ich ihn auch tun lassen, sonst schadet es uns beiden. Aber noch muss ich dir Rede und Antwort stehen - weil niemand anderes es tun wird..."
"Wie meinst du das? Bist du etwa..."
"Urds dämonische Seite, ja. Die Urd, die du kennst, hat mir freiwillig die Kontrolle über unseren Körper übergeben. Das braucht dich nicht zu interessieren. Was zählt, ist die Zukunft... deine Zukunft."
Belldandy lachte bitter auf. "Was sollte es denn deiner Meinung nach für eine Zukunft für mich geben? Ich bin tot!"
"Deine Zukunft als Shinentai, Belldandy. Du musst in eine ferne Welt reisen, du musst nach Pego."
"Pego? Was ist Pego?"
"Ein Planet in einer anderen dreidimensionalen Ebene. Nur die Himmelsgöttin Astra und die Erddämonin Terra haben die Macht, jemanden auf diesen Planeten schicken zu lassen."
"Und woher willst du wissen, dass ich dorthin geschickt werde?", fragte Belldandy.
"Ich selbst werde dich dort hinbringen. Ich bin eine der Schicksalsgöttinnen, vergessen? Du bist tot, das macht dich zu einer Existenz der Vergangenheit. Mir obliegt es, dein Schicksal voranzubringen."
"Aber was soll ich auf Pego machen?", rief Belldandy verzweifelt.
"Das weiß ich nicht. Hoffen wir, dass du es bald erfährst.", antwortete Urd.
Belldandy wollte etwas erwidern, doch Urd hörte ihr schon nicht mehr zu, da sie sich darauf konzentrierte, Belldandy nach Pego zu bringen.
Belldandy bemerkte, wie sich ihre Umgebung vor ihren Augen aufzulösen begann. Ihre Reise nach Pego schien zu beginnen. Aufgewühlt drehte sie sich um und warf einen letzten schmerzvollen Blick auf Keiichi. Sie verstand nun voll und ganz, dass er weinte, oh ja. Am liebsten würde sie sogar mit ihm weinen. Weinen, bis ihre Augen schmerzten, sich selbst in ihren Tränen ertränken. Doch erst musste sie nach Pego, wissen, was sie zu tun hatte und es tun. Und danach würde sie vielleicht weinen.

Belldandy wagte nicht, ihren Augen zu trauen.
Denn soweit selbige blicken konnten, gab es nur grasgrüne Hügel und den blauen Himmel, an dem nur wenige perlweiße Wolken ihre Bahnen zogen. Ein erfrischendes Lüftchen blies ihr um die Nase und ließ ihre Haare im Winde wehen. Es war ein Wetter zum sich hinsetzen und das Leben genießen, und in jeder anderen Lage hätte man sich hier pudelwohl gefühlt. Aber daran war für Belldandy natürlich jetzt nicht zu denken.
Das war Pego? Belldandy war einfach nur sprachlos. Langsam drehte sie sich und sah sich um. Weit und breit waren nur grüne Hügel, blauer Himmel und weiße Wolken zu sehen... halt, was war das? Einige der Wolken, die sehr weit unten standen, verhielten sich ganz und gar nicht wie Wolken.
Belldandy hätte beinahe gelacht. War sie blind? Das waren keine Wolken, das waren ganz einfach Schafe. Schafe, die langsam auf sie zu liefen.
Was hatte sie auch sonst zu tun? Belldandy blieb, wo sie war, und beobachtete die Schafherde, die von einer Hirtin gemächlich in ihre Richtung getrieben wurde.
Die Hirtin hatte Belldandy nach einer Weile ebenfalls bemerkt. Mit einer Geste schickte sie ihre Hunde, die Herde anzuhalten, und lief auf Belldandy zu. "Guten Tag! Wie geht es dir?"
"Mir?", fragte Belldandy nach.
"Ja, dir."
"Nicht so gut.", antwortete Belldandy wahrheitsgemäß. Sie musste halbwegs ehrlich sein, auch wenn sie andere nicht mit ihren Sorgen belasten wollte.
"Bist du neu hier auf Pego?"
Dann bin ich also tatsächlich auf Pego', stellte Belldandy für sich fest. "Ja, gerade eben angekommen."
"Verstehe.", sagte die Hirtin langsam. "Mein Name ist Zekja, und wie heißt du?"
"Belldandy." Was sollte es Belldandy auch nützen, zu lügen? Diese Welt und alles, was auf ihr lebte, strahlten Ruhe und Frieden aus. Warum war Belldandy bei dem, was sie getan hatte, in diesem Inbegriff des Paradieses gelandet? Sie hatte die Hölle verdient... oder?
"Mach dir nichts draus, am Anfang geht es einem immer schlecht. Kann ich dich auf einen Tee einladen? Meine Hütte ist nicht weit von hier!"
Gegen Tee hatte Belldandy nichts, auch wenn ihr die Sache reichlich seltsam vorkam. Was ging hier vor sich? "Vielen Dank, das wäre nett!"
Einige Minuten Fußmarsch später betrat Belldandy Zekjas Hütte. Sie war recht spartanisch eingerichtet, denn es gab gerade mal einen Tisch, einen Ofen, mehrere dünne Kissen und eine mit Schafwolle ausgepolsterte Liege, die der Hirtin wohl als Bettstatt diente. Belldandy setzte sich auf einem Kissen an den Tisch.
Zekja heizte den Ofen an. "Wird nicht lange dauern...", sagte sie und verließ das Haus, um zur Wasserpumpe im Garten zu gelangen.
"Vielen Dank.", sagte Belldandy, als die Schäferin mit gefüllten Eimern wieder hereinkam.
"Du hast den Tee noch nicht getrunken.", lachte Zekja, füllte die Teekanne und setzte sie auf den Ofen. "Und jetzt erzähl mal."
"Nun, das ist eine lange und traurige Geschichte..."
"Deswegen will ich sie lieber gar nicht erst hören.", antwortete Zekja. "Nein, wie lange bist du schon hier?"
"Nun, etwa zwanzig Minuten.", antwortete Belldandy. "Weit und breit war nur Gras, der blaue Himmel und ein paar Wolken, als ich hier ankam..."
"Ja. Langweilig, was?"
"Hm? Nein, nein, ich finde es so in Ordnung. Es strahlt eine angenehme Ruhe aus... Ich liebe die Ruhe.", beeilte sich Belldandy zu sagen.
"Meine Meinung. Deswegen bin ich ja wohl eine Schafhirtin, nicht wahr?", lachte Zekja.
"Und was warst du früher?", fragte Belldandy.
Das Lachen wich aus dem Gesicht ihres Gegenübers, welches erstarrt in Belldandys Augen sah. Und zum ersten Mal, seit sie in diese Welt kam, fühlte Belldandy wieder Dunkelheit. Eine lange, peinliche Stille entstand.
Aus der die beiden Beteiligten erst durch das Pfeifen der Teekanne herausgerissen wurden. Zekja verließ schnell das Zimmer, froh über die Ablenkung.
"Nun, mit einem guten Tee sieht eine neue Welt schon viel besser aus, findest du nicht auch?", rief sie fröhlich, als sie Belldandy wenig später den Tee servierte.
"Ja.", antwortete Belldandy nur. Sie hatte wohl gerade eben ein Tabuthema angesprochen. Aber was hätte an der Vergangenheit Zekjas so tabu sein können? Vielleicht wurde sie als Kind irgendwo ausgesetzt und hatte es anschließend sehr schwer oder so etwas ähnliches, überlegte Belldandy. Sie nahm einen Schluck vom Tee. Es war guter Tee.
"Das ist guter Tee.", bemerkte Belldandy.
"Ja, nicht wahr?", antwortete Zekja.
"Hat einen Hauch von Darjeeling..."
"Von was?"
Belldandy wurde rot. "Nichts, nichts...", beeilte sie sich zu sagen und nahm anschließend einen weiteren Schluck. Ja, da war ein Aroma von Darjeelingtee dabei. Aber da war auch etwas anderes... wie hieß die Sorte noch gleich... Belldandy kam beim besten Willen nicht drauf. Es war selten, dass sie in Gedächtnisdingen versagte, aber... Mal ehrlich, Belldandy, glaubst du nicht, dass du besseres zu tun hast, als über Teesorten nachzudenken?', sagte sie ärgerlich zu sich selbst.
Aber es war guter Tee.
"Sag mal, Zekja, du bist doch nicht die einzige hier auf Pego, oder?"
"Hm? Nein, natürlich nicht! Ein paar Kilometer im Süden liegt eine Stadt. Da leben die meisten anderen. Ich liebe halt die Ruhe, deswegen... Wieso, willst du etwa dort hin?"
"Hmmm... Vielleicht...", antwortete Belldandy und trank erneut einen Schluck Tee. Warum sollte sie auch? War doch ganz schön, da wo sie war, oder?
Innerlich erschrak Belldandy regelrecht. Warum war sie so leidenschaftslos? Natürlich musste sie in die Stadt... oder? Vielleicht übertrieb sie es auch? Vielleicht ließ sie sich von einem blinden Drang leiten, einfach irgendetwas zu tun, egal wie sinnlos es war? Belldandy verstand die Welt nicht mehr, und sich selbst am allerwenigsten. Wieso war sie gleichzeitig so hektisch und so ruhig?
Sie versuchte, eine Erklärung zu finden. Dass sie unruhig war, konnte sie nachvollziehen. Urd hatte gesagt, es gäbe eine Aufgabe für sie hier auf Pego, und sie wusste immer noch nicht, was für eine Aufgabe das war. Aber warum hatte sie den Drang, einfach nichts zu tun und sich ein wenig treiben zu lassen? War es Vernunft? Oder... vielleicht lag es auch einfach nur daran... dass sie nicht mehr lebte?
Gedankenverloren nippte Belldandy erneut an ihrer bereits leeren Tasse.
Zekja, die Belldandy die ganze Zeit über wie hypnotisiert angesehen hatte, schrak mit einem Mal auf. "Meine Herde! Ich muss meine Herde wieder lostreiben, es wird höchste Zeit!", rief sie aus. "Tut mir wirklich leid, B... Be... Bell..."
"Belldandy. Macht nichts.", versicherte Belldandy ihrer Gastgeberin lächelnd und erhob sich. "Darf ich mitkommen?"
"Sicher!", antwortete Zekja erfreut. "Richtig ungewohnt. Sonst interessiert sich keiner für das, was ich mache. Naja, beruht auf Gegenseitigkeit.", lachte sie und trat nach draußen. Mit den Händen formte sie einen Trichter und rief "Pit! Pat!", und zwar so laut, dass es über mehrere hundert Meter hinweg hörbar gewesen sein musste.
Pit und Pat, zwei Mischlingshunde, kamen aus der Ferne angelaufen und setzten sich bereitwillig vor Zekja auf ihre Hinterpfoten.
Diese kraulte sie lachend hinter den Ohren, stand wieder auf und öffnete das Tor, das die Schafe in ihrer Koppel hielt. Ein Schaf nach dem anderen lief seines Weges heraus.
"Tag, Fluffy, bist heute der erste, was? Mach dir nichts draus, Patsy, morgen bist du schneller. Oh, Kenno, dein Bein ist ja wieder vollkommen gesund! Tag, Blacky, hoi, jetzt geht's aber ruppeldikatz... Paula, Julez, Richy, George, Annabelle, Pinky, Blue, Gertrud...", sprudelte Zekja einen Namen nach dem anderen hervor, jedes der 32 Schafe beim Namen nennend, als wäre es kein Problem, sie auseinanderzuhalten. Angesichts der Tatsache, dass außer der schwarzen Blacky alle Schafe ziemlich gleich aussahen, eine reife Leistung, fand Belldandy.
"Nun, ähm, äh, Al Bundy, willst du mich begleiten?", fragte Zekja vorsichtig nach, als sie sich mit dem Stab in der Hand und den Hunden an ihrer Seite auf den Weg machen wollte.
"Belldandy heiße ich. Gerne."
Zekja machte wieder ein glückliches Gesicht. Fast zu glücklich, fiel Belldandy ein. Vielleicht hatte sie schon zu lange keine Gesellschaft gehabt? Das musste es sein. Das erklärte auch, warum Zekja ihre Schafe so gut kannte. Wen hätte sie sonst kennen lernen sollen? Allerdings', fiel Belldandy auf, Dass sie meinen Namen nicht behalten kann, ist schon ein wenig seltsam.'
Doch was war hier auf Pego nicht seltsam?
Wortlos ging Belldandy neben Zekja einher, die Schafe, von Pit und Pat dirigiert, direkt vor ihr. Weit und breit war alles entweder grasgrün, himmelblau oder wolkenweiß.
Nachdem sie etwa drei Kilometer gewandert waren, ergriff Zekja plötzlich das Wort. "Wenn du diesen Fluss überquerst, kommst du an die Straße zur Stadt Pego.", sagte sie und zeigte nach rechts. Belldandy folgte ihrem Blick. Ein kleiner Bach bahnte sich seinen Weg durch die Hügel.
"Aha? Danke für die Information.", erwiderte sie gleichgültig.
"Wollte es nur erwähnen.", sagte Zekja entschuldigend.
Belldandy kämpfte ein wenig mit sich selbst. Sollte sie wirklich in die Stadt gehen? Sie wollte es... und auch wieder nicht... Wie sollte sie sich nur entscheiden?
"Aber was soll ich auf Pego machen?"
"Ich weiß es nicht."
Was war es nur, das sie tun musste? Es schien niemand zu wissen, nicht einmal sie selbst.
"Belldandy? Willst du nicht in die Stadt?", fragte Zekja.
Verwundert drehte sich die in Gedanken versunkene Belldandy zu ihr um. "Ich? Warum fragst du?"
"Weil..." Zekja biss sich auf die Lippen. "Naja..."
"Was?"
"Nichts.", beeilte sich Zekja zu sagen. Sie hob ihren Stab und rief nach ihren Hunden. "Ich gehe nun wieder zurück. Kommst du mit?"
Belldandy sah mit leerem Blick auf den Fluss, hinter dem sich der Weg zur Stadt Pego verbarg. Mit einem Satz sprang sie über ihn und winkte Zekja zu. "Auf Wiedersehen!", rief sie.
Zekja winkte zurück. Während Belldandy sich wieder umdrehte und loslief, seufzte sie erleichtert und flüsterte leise: "Leb wohl." Sie wusste, das war das erste und das letzte Mal gewesen, dass sie Belldandy begegnen würde. "Viel Glück, wie immer du auch heißen magst..." Sie hatte den Namen offensichtlich ein weiteres Mal vergessen.
Belldandy lief langsam den Weg entlang. Die grünen Wiesen schienen endlos, ebenso wie die Straße, und es kam Belldandy so vor, als würde sie nie an ihrem Ziel ankommen.
Da kam sie an einen Stein neben der Straße, der geradezu zum Ausruhen einlud.
Belldandy ging mit einem fröhlichen und erleichterten Gesicht auf ihn zu. Doch als sie sich hinsetzen wollte, erschrak sie plötzlich fürchterlich. Sie nahm ihre Beine in die Hand und lief schnell weiter.
Dieses Gefühl... Sie hatte plötzlich das Gefühl gehabt, dass sie sich einfach hinsetzen und nie wieder aufstehen sollte... Und um ein Haar hätte sie genau das getan...
Ehe sie sich's versah, war Belldandy am Stadttor angekommen. Neugierig ging sie hindurch und trat mitten auf einen großen Platz.
Ein junger Mann hatte sie fixiert, als er bemerkte, dass sie durch das Stadttor kam. "He, du!", rief er. "Willkommen! Mein Name ist Sonor. Wie heißt du?"
"Belldandy."
"Nun, wie gesagt, ich heiße dich hier in Pegoron willkommen. Bist du neu hier?"
"Kann man so sagen...", antwortete Belldandy. Seltsam, dieselbe Frage wie die von Zekja...'
"Hm-hm...", murmelte Sonor und sah sie mitleidig an. Seltsam, als ob er wüsste, was ich getan habe, oder zumindest ahnte... Nein, dann wäre der Blick sicher nicht so mitleidig... er würde mich hassen.'
Belldandy schüttelte diese Gedanken ab und schaute sich unschlüssig um. Sie hatte nur bis Ich muss in die Stadt' gedacht. Sprich, sie hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Vielleicht hätte ich gar nicht erst hierherkommen sollen. Was hätte dagegen gesprochen, sich einfach auf die Wiese zu setzen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen?'
Sonor riss Belldandy aus ihren Gedanken. "Wie wäre es, wenn ich dir Pegoron zeige? Es ist zwar nicht groß, aber mir gefällt's hier..."
Belldandy zögerte eine Weile. Dann nickte sie.
Sonor lächelte ihr zu. "Dann lass uns loslegen!", rief er und marschierte los.
Anscheinend macht er das öfter', überlegte Belldandy. "Bist du sowas wie ein Reiseführer hier?"
Sonor hielt wieder an und sah sich überrascht um. "Reiseführer?", fragte er. Dann nickte er langsam und bedeutungsvoll. "Ja, so kann man meine Aufgabe wohl beschreiben."
"Was meinst du mit Aufgabe'?", fragte Belldandy überrascht.
"Nichts weiter.", antwortete Sonor postwendend. "Dies hier ist der Marktplatz..."
Und so führte Sonor Belldandy den Rest des Tages durch Pegoron. Die Sehenswürdigkeiten, auf die er Belldandy aufmerksam machte, waren für die Augen unsereiner nicht unbedingt aufregend, aber Belldandy zeigte trotzdem reges Interesse, sei es aus Höflichkeit, oder weil es sie wirklich zumindest ein wenig interessierte, oder etwas anderem...
"Das ist unser Versammlungshaus. Jede Woche treffen sich dort die wichtigsten Stadtbewohner und besprechen dies und das und jenes... Muss man nicht unbedingt dabei gewesen sein, glaub' mir.", erklärte Sonor.
Belldandy nickte und warf einen Blick auf das Versammlungshaus, das größte und höchste Gebäude von Pegoron. Es überragte das zweithöchste sogar noch um fünf Meter. Über dem vier Meter breiten Haupteingang prangten mehrere Schriftzeichen, die Belldandy zu kennen glaubte. "Was steht denn da?"
"Was da steht?", wiederholte Sonor erstaunt. "Na, Rat von Pegoron'! Das Schriftzeichen da steht für Rat', das hier für von' und die letzten Drei lauten Pe-Go-Ron'! Alles klar?"
"Ja, danke..." Belldandy schüttelte innerlich den Kopf. Sie irrte sich wohl doch. Diese Schrift war ihr unbekannt.

Oder?
Selbst als sie später in der Herberge alleine in ihrem Zimmer saß, hatten sie die Schriftzeichen immer noch nicht losgelassen. Pe-Go-Ron. Die drei Zeichen kamen ihr bekannt vor. Aber sie konnte sich nicht ihrer Bedeutung entsinnen...
Irgendwann ging sie dazu über, die restlichen Ereignisse des Tages zu verarbeiten. Und so langsam bekam sie wieder das Bedürfnis, zu schreien. Urd... Ihre Reaktionen auf die harten Worte, die Belldandy zu ihr gesagt hatte, waren einfach niederschmetternd gewesen. Ein paar Mal in ihrem Leben, auch wenn das lange zurücklag, war es Belldandy passiert, dass sie jemandem Angst gemacht hatte. Aber nie hatte irgendjemand Belldandy mit einem Blick angesehen, der solch große Angst, ja, Todesangst enthielt wie der von Urd. Aber war das so verwunderlich? Immerhin hatte Belldandy etwas ungeheuer Schreckliches getan... Sie wusste schon gar nicht mehr, wieviel Tote es insgesamt gewesen waren. Eigentlich war ihr das egal, denn schon einer wäre viel zu viel gewesen.
Peorth...' Belldandy fühlte sich sterbenselend. Sie schüttelte wild den Kopf. Nicht mehr daran denken...', versuchte sie sich einzureden.
Wie ergeht es wohl gerade...' Belldandy flossen nun unaufhaltsam die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie konnte nicht anders. Sie brauchte bloß eine Sekunde an ihn zu denken, und schon konnte sie nicht anders.
Belldandy, beruhige dich! Du hast hier eine Aufgabe. Die musst du erledigen, bevor du überhaupt Ruhe finden kannst...'
"Deine Zukunft als Shinentai, Belldandy. Du musst in eine ferne Welt reisen, du musst nach Pego."
"Pego? Was ist Pego?"
"Ein Planet in einer anderen dreidimensionalen Ebene. Nur die Himmelsgöttin Astra und die Erddämonin Terra haben die Macht, irgendjemanden auf diesen Planeten schicken zu lassen."
"Astra und Terra... Das letzte, was von den Zeiten übrig ist, in denen Götter und Dämonen ein Volk waren, sind die Schwestern Astra und Terra. Das einzige Schwesternpaar, das zum einen Teil Göttin und zum anderen Dämonin ist. Das einzige echte Schwesternpaar zumindest...", korrigierte sich Belldandy schwach lächelnd, als sie kurz an Urd denken musste.
"Die Zeiten, in denen Götter und Dämonen eins waren...", wiederholte Belldandy atemlos. Mit einem Mal fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Die Schrift! Jetzt konnte sie die Zeichen endlich zuordnen! Es war die Schrift, die vor einer Ewigkeit von Göttern und Dämonen gemeinsam benutzt wurde, als sie noch ein Volk waren... Seit dem Tag der Teilung wurde sie zwar nicht mehr verwendet, aber Belldandy kannte sie trotzdem noch halbwegs, immerhin hatte sie eine gute Ausbildung zur Göttin der ersten Klasse hinter sich.
"Pegoron...", murmelte sie. "Das Schriftzeichen Ron bedeutet, wenn ich mich nicht irre, Stadt. Aber Pego... das sind zwei Zeichen: Pe und Go. Go bedeutet... ähm... Oh, ich weiß es wieder: Möglichkeit, Gelegenheit, Chance... Was bedeutet jetzt nochmal das Zeichen Pe?"
Belldandy überlegte fieberhaft. Dann fiel es ihr wieder ein.
"Zwei... Es bedeutet schlicht und einfach Zwei... Was gibt das nun für einen Sinn? Zwei Möglichkeit Stadt'. Stadt der zweiten Möglichkeit' müsste das heißen, Stadt der zweiten Chance'...
Stadt der zweiten Chance?!", wiederholte Belldandy aufgeregt. "Pego heißt demnach schlicht Zweite Chance'... Anscheinend ist Pego so etwas wie die Welt der zweiten Chance'.
Aber was ist das für eine zweite Chance, nach der diese Welt benannt ist?"
Belldandy ging ein Licht auf. "Diese Welt... ist vielleicht als zweite Chance... für mich gedacht! Sie ist eine zweite Chance für mich, ein Leben zu führen, nachdem mein erstes Leben mit einer Tragödie geendet hat. So muss es sein! So muss es sein..."
Je mehr Belldandy nachdachte, desto sicherer wurde sie. "Deswegen will hier keiner etwas von meiner Vergangenheit wissen. Vergangenheit scheint hier sowieso ein Tabuthema zu sein. Hier scheint nur die Gegenwart zu zählen." Sich zu fragen, wie es sich auf Pego mit der Zukunft verhielt, kam ihr nicht in den Sinn.
Belldandy seufzte tief. "Die Frage ist: Was fange ich mit dieser Feststellung an?"
Eine Weile rührte sie sich kaum. "Ich... fühle mich immer noch so, als hätte ich nur einen bösen Traum..." Sie warf einen gepeinigten Blick auf ihre Hand. "Klebt wirklich so viel Blut an mir?" Sie lachte kurz bitter auf. "Ha! Mit welchem Recht nenne ich es eine Tragödie? Ist es nicht ein Verbrechen, das ich begangen habe? Ein kaltblütiger Massenmord?", rief sie aus.
Belldandy schüttelte wild den Kopf. "Das kann doch alles nicht wahr sein! Das will mir nicht in den Kopf..."
"Vielleicht... soll es auch gar nicht erst rein...", flüsterte sie leise. "Wenn ich meine zweite Chance ergreifen will, mein zweites Leben leben will, dann muss ich mein erstes hinter mir lassen, ich muss es vergessen. Ich muss es vergessen..."
Zusammengekauert saß Belldandy nun auf dem Boden. "Vergessen...", flüsterte sie.

Am nächsten Morgen trat Belldandy aus der Herberge und atmete tief ein. Die Luft war klar und würzig, das Sonnenlicht kam ihr entgegen und die Häuser standen im Licht und strahlten eine bunte Geschäftigkeit aus. Ein lautes Treiben schien sich ein paar Häuser weiter abzuspielen. Belldandy ging neugierig in die betreffende Richtung und fand sich mit einem Mal inmitten eines Marktes wieder.
Viele Händler boten ihre erstklassigen Waren an und versuchten sich gegenseitig an Lautstärke zu überbieten. Belldandy sah sich um und stellte fest, dass erstaunlich viele Leute gar nicht an den einzelnen Ständen Dinge kauften, sondern lieber den Anpreisungen zuhörten und sich dabei den Bauch hielten vor Lachen.
"Das ist sowas wie der inoffizielle allmorgendliche Anpreiswettberb.", sprach jemand Belldandy von hinten mit erklärender Stimme an. "Die Leute kaufen deshalb gerade nichts, weil sie den Wettbewerb abwarten. Sobald die Händler fertig sind, kaufen sie bei dem, den sie am besten fanden, und erwählen so den Sieger."
Belldandy brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer sie angesprochen hatte. "Guten Morgen, Sonor."
"Einen guten Morgen wünsche auch ich dir. Und? Gut geschlafen?", fragte Sonor unerklärlich fröhlich. Unerklärlich für Belldandy jedenfalls.
"Na ja...", antwortete sie.
"Aha. Was Schlechtes geträumt?", fragte Sonor.
Belldandy nickte und gähnte ausgiebig. "Entschuldigung."
Sonor schaute Belldandy versonnen an. "Macht nichts. Überhaupt nichts... Kannst du dich denn an deinen Traum erinnern?"
Belldandy verneinte lächelnd mit dem Kopf. "Nicht wirklich, nein..."
Sonor nickte kaum vernehmlich. "Ich verstehe... Naja, ich muss weg. Glaubst du, du kommst alleine zurecht?"
Belldandy nickte lächelnd.
Sonor entfernte sich so schnell, wie er gekommen war, und Belldandy wandte sich wieder dem inoffiziellen Anpreiswettbewerb zu. "Also, ich finde sie alle gut...", murmelte sie.
Als der Sieger entschieden war, ging Belldandy langsam durch die Gassen und kam schließlich an eines der Stadttore. Dahinter sah es so aus wie es anscheinend in ganz Pego außerhalb der Städte aussehen musste: Grünes Gras, sanfte Hügel, vereinzelte Wolken, ein Sonnenlicht, das wärmte, aber nicht Hitze verströmte, das hell war, aber nicht blendete. Belldandy wanderte langsam über die Hügel.
Nach einer Weile, als die Stadt schon fast nicht mehr zu sehen war, stieß sie mit einem Mal auf einen Stein. Versonnen betrachtete Belldandy ihn eine Weile und dachte bei sich: Der sieht gemütlich aus...', und so setzte sie sich.
Und blieb sitzen, bis es dämmerte, worauf sie langsam, fast enttäuscht wieder aufstand und in die Herberge zurückging.

Am nächsten Morgen verließ Belldandy erneut die Herberge und atmete tief ein. Mit langsamen Schritten machte sie sich auf den Weg zum Marktplatz.
Zwar kam ihr das Ganze bekannt vor, aber es war trotzdem lustig, den Händlern zuzuhören.
"Guten Tag! Und, wie geht's?", rief ihr Sonor aus der Ferne entgegen.
Belldandy lächelte. "Danke, gut."
"Aha..." Sonor lächelte schwach. "Hast du gut geschlafen?", fragte er eine Weile später.
"Na ja..."
"Aha. Was Schlechtes geträumt?", fragte er.
Belldandy nickte. "Weiß aber nicht mehr, was. War wohl nicht so wichtig."
"Träume sind schon wichtig, denke ich...", antwortete Sonor postwendend.
"Meinst du?", fragte Belldandy. "Ich weiß nicht..." Sie spendete Beifall, als sich einer der Händler einen ganz besonders guten Spruch hatte einfallen lassen. "Das ist doch der, der gestern gewonnen hat... Oder doch der andere?"
Sonor machte, von Belldandy abgewandt, ein bekümmertes Gesicht und entfernte sich, während Belldandy regungslos da stand.
Zum ersten Mal seit langem schlief Belldandy an diesem Abend ruhig.
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