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Wiedersehen

GeschichteAllgemein / P6 / Gen
15.06.2004
15.06.2004
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Ein Geschenk an naruum, die mir bei so vielen Fics geholfen hat.
An alle anderen: Enjoy!!


Wiedersehen

"Was für ein Wetter."
Missmutig stampfte der junge Mann Ende zwanzig durch die beinahe leeren Straßen von New York. Auch eine Großstadt konnte menschenleer wirken, wenn ein beständiger Nieselregen niederging, der jedem die Lust nahm, sich nach draußen zu begeben. Charlie Dalton gehörte zu den wenigen, die es dennoch wagten. Sein Ziel war ein kleineres, etwas altmodisches Haus in einer der engen Seitengassen.
Vor dem Ziegelhaus angekommen drückte er den Klingelknopf, als sich keine Reaktion einstellte, wiederholte er den Versuch. Doch noch immer öffnete ihm niemand, woraufhin er sich wütend von der Tür wegdrehte und mit noch schnelleren Schritten die Straße hinunterlief.
"Verflucht!"

Einige Zeit wanderte er augenscheinlich verärgert durch den Nieselregen, dann steuerte er auf ein kleines, schon ein wenig heruntergekommenes Café zu. Dieses betrat er schwungvoll, nahm einen der kleinen runden Tische in Besitz und warf seine durchnässe Jacke zu den Kleiderhaken hin.
Ein schwarzhaarige Frau trat zum Tisch und zückte einen Block. "Guten Tag, Mr. Dalton. Was wünschen sie?"
"Einen starken Kaffee, bitte."
"Kommt sofort."
Sie ging zum nächsten Tisch weiter.
Charlie kramte aus seiner Hosentasche einen kleinen Zettel, anscheinend aus einer Zeitung herausgerissen, und faltete ihn mit unwirschen Bewegungen auseinander. Er überflog ihn, dann knallte er ihn mit einem Fauchen auf den Tisch.

"Das sind aber keine guten Manieren, Mr. Dalton. Wo haben Sie denn die mitbekommen?"
Die ruhige und gleichzeitig amüsierte Stimme am Nachbarstisch ließ Charlie umherfahren. Erstaunt sah er in das Gesicht seines ehemaligen Lehrers, das nun zwar mit einigen Falten mehr gezeichnet war, doch immer noch eine heitere Lebensfreude versprühte.
"Mr. Keating! Was machen Sie hier?"
Seine saure Miene verwandelte sich fast augenblicklich in eine erfreute. Wie eingeübt und nie vergessen stand er auf, grüße militärisch und verkündete feierlich: "Oh Käpten, mein Käpten!"
"Bravo, Mr. Dalton. Ich sehe, Sie haben kein schlechtes Gedächtnis.", lobte Keating augenzwinkernd.
"Wie sollte man das auch vergessen?" Lachend ließ sich Charlie zurück auf seinen Stuhl fallen. "Daran werde ich mich bis zu meinem letzten Atemzug erinnern, dessen bin ich mir sicher!"
"Ja..." Keating lächelte.

"Wie geht es Ihnen, Sir? Was machen Sie hier in New York?" Charlie schaute seinen ehemaligen Lehrer erwartungsvoll an. Der trank erst mal einen Schluck von seinem Tee, dann antwortete er: "Nun, verschiedenes. Ich bemühe mich gerade, einen Lehrerposten an der Newhall High zu ergattern, und es sieht ganz so aus, als würde ich ihn bekommen. Aber wie geht es Ihnen?"
"Ach." Charlies Blick verdüsterte sich wieder. "Ich wollte hier um einen Job anfragen, aber es hat nicht so geklappt."
"Job? Was machen Sie denn derzeit?", fragte Keating interessiert.
"Na ja, ich... im Moment gar nichts, wenn ich ehrlich bin." Charlie senkte den Blick ein wenig.
"Wie bitte?" Keating sah ihn erstaunt an. "Wie meinen Sie das?"
"Nun, nachdem ich aus Welton geflogen bin, haben mich meine Eltern auf eine andere Schule geschickt. Da habe ich dann auch den Abschluss gemacht, danach wollte mein Vater, dass ich eine Wirtschaftsuniversität besuche. Das...war aber nicht ganz das, was ich mir wünschte."
"So?" Keating setzte seine Teetasse ab. "Was wollten Sie machen?"
"Ich wollte lieber Musik studieren, aber das war meinen Eltern absolut nicht recht. Also bin ich nach Yale, wo ich auch ganz gut war, aber ich kam mir völlig fehl am Platze vor."
"Yale.", murmelte Keating. "Nicht schlecht."
"Ich weiß. Aber es machte mich völlig krank. Dort traf ich Steven Meeks wieder, sie können sich bestimmt noch an ihn erinnern. Er lernt fleißig und ist auf dem besten Weg, dort seinen Doktor zu machen."
"Schön zu hören.", erwiderte Keating. "Aber Sie...?"
"Aber ich habe es nicht mehr ausgehalten. Ich bin weg von dort, und habe mich in der Folge auch mit meinem Vater zerstritten. Nun lebe ich hier in New York, und versuche, mich so mehr schlecht als recht durchzuschlagen."
"Meine Güte." Keating pfiff durch die Zähne. Er setzte zu einer Antwort an, doch die Frau, die mit dem Kaffee zurückgekehrt war, unterbrach ihn kurz.
Charlie nahm das Heißgetränk entgegen und setzte es vorsichtig an die Lippen, zuckte jedoch sofort mit einem leisen Fluchen zurück. Er hatte sich prompt verbrannt. Keating lächelte verhalten, dann wurde er endlich seine Frage los.
"Und was haben Sie bis jetzt alles gemacht?"
"Mehr, als ich auf die Schnelle aufzählen könnte. Vom Rechnungsprüfer über den Verkäufer oder Buchhalter bis zum Saxophonisten hab ich schon alles probiert."
"Und warum blieb es bei keinem dieser Berufe?" Keating sah seinen Schüler von einst streng an, wie wenn er die Hausaufgabe vergessen hatte.
"Ich weiß es nicht so genau. Zu dumm bin ich nicht, aber irgendwann reicht es mir und ich mache mich aus dem Staub." Charlie zuckte die Schultern.
Keating dachte einige Zeit nach, in der er seine Tasse zusehends leerte. Dann sah er Charlie scharf an, als wollte er ihn rügen.
"Ihr Problem scheint mir in ihrer Rastlosigkeit und fehlender Disziplin zu liegen. Ich denke, Sie hätten auch Yale geschafft, wenn Sie nur durchgehalten hätten. Sie haben nicht die nötige Geduld und Selbstdisziplin, um auch Dinge zu erledigen, die ihnen nicht gefallen." Keating trank wieder von seinem Tee. Charlie starrte mit zusammengezogenen Augenbrauen in seine Tasse. Keating rechnete schon mit einer Trotzreaktion, wie Charlie schon in Welton gezeigt hatte, als dieser den Kopf wieder hob und Keating hilflos ansah.
"Ich weiß es ja selbst. Ich müsste viel strenger mit mir sein, wenn ich mich ordentlich am Riemen reiße, geht es ja. Aber oft kann ich die Zügel einfach nicht halten, und ich gehe mit mir selbst durch."
Ein Schweigen folgte auf diese erstaunlich ehrliche Selbstkritik. Keating lehnte sich zurück und sah einige Zeit gedankenverloren in den Nieselregen hinaus. Dann drehte er sich wieder zu Charlie um, der sich ganz auf seinen Kaffee konzentrierte und mit halbgeschlossenen Augen auf die Tischplatte starrte. Keating beobachtete ihn eine Weile, dann sagte er leise: "Das haben Sie sehr poetisch gesagt, Mr. Dalton. Sie haben damals ja doch aufgepasst, als wir Metaphern und Vergleiche besprochen haben."
"Natürlich." Charlie lächelte schwach. "Sie wissen, dass es mir die Poesie sehr angetan hat. Ich schreibe sogar jetzt noch Gedichte."
"Das ist erfreulich. Darf ich eines lesen? Natürlich nur, wenn Ihnen das nicht unangenehm ist."
"Nein, überhaupt nicht." Charlie griff nach seiner Jacke, die noch immer tropfte. "Ich muss nur nachschauen, ob ich eines dabei habe. Moment... ja, das hier. Ich habe es... vor vier Tagen geschrieben."
"Oh." Keating nahm den etwas aufgeweichten Zettel von Charlie entgegen, las ihn aufmerksam durch. Erst leise, dann immer lauter, begann er die Worte leise mitzumurmeln.
"Einer zarten Blume gleich
Wächst ein Leben heran
Sie treibt
Sie erblüht
Entfaltet ihre ganze Pracht
Ein jeder sieh zu ihr hin
Lobt sie für Schönheit
Für Pracht
Und Farbe
Doch wird sie braun
Verwelkt sie
Wendet man sich von ihr ab
Graue Blumen
Vermögen niemanden mehr
In ihren Bann zu ziehen
Und stirbt sie
So stirbt sie allein
Wird zu Erde
Zum Grundstein des Lebens
Einer neuen zarten Blume
Und entsinnt sich nicht mehr
Der einst'gen Pracht
Nur der Erde"

Beide waren still, nachdem Keating geendet hatte. Dann endlich sagte Keating leise: "Ich sehe, Sie haben damals wirklich gut aufgepasst, mit den Vergleichen."
Charlie nickte.
"Vor vier Tagen... das war Neil Perrys Todestag, nicht wahr?"
"Ja."
"Haben Sie es in memoriam geschrieben?"
"Ja, ich musste einfach niederschreiben, was ich mir damals gedacht habe."
"So?" Keatings Augen glitzerten. "Darf ich es behalten?"
"Wenn Sie wollen, gerne." Charlie lächelte.
"Aber," , meinte Keating, "Sie sagten doch, Sie hätten es sogar schon als Saxophonist versucht. Warum ist daraus nichts geworden? Das war doch ihre große Leidenschaft!"
"Das stimmt." Charlie seufzte. "Ich spielte in einer Band, wir hatten auch einen beachtlichen Erfolg, aber dann haben sich drei Mitglieder total zerstritten. Sie haben alle die Band verlassen, und ohne sie waren wir nur noch zwei. Da konnten wir die Sache gleich an den Nagel hängen. Das war es dann auch."
Keating schüttelte traurig den Kopf. "Sie sind ein wirklich unglückliches Beispiel dafür, dass auch Fast-Abgänger von Wellton und Yale erfolglos sein können. Diese Gesellschaft ist so grausam, da verkümmern manche an ihren eigenen Begabungen."
Charlie warf ihm einen verzweifelten Blick zu. "Heute wollte ich mich bei einem Musiklehrer bewerben, der einen Saxophonisten für seine Schulband gebraucht hat. Aber leider war keiner da, also musste ich wieder abziehen."
"Ach so." Keating rieb sich am Kinn. "Aber sagen Sie... Sie reden so leichthin über all das, haben Sie kein Problem mit der....Trennung von ihren Eltern und ihrer jetzigen Situation?"
Charlie sah ihn einige Zeit nachdenklich und ohne fokussierten Blick an. Dann erwiderte er langsam: "Vielleicht....aber ich will nicht ewig darüber nachdenken müssen. Vorbei ist vorbei, ich lebe lieber im hier und jetzt. Und es hilft mir nicht, wenn ich das mit mir herumschleppe. Ich muss nun eben ohne sie auskommen. Nicht, dass mir das immer leicht fiele.", fügte er mit trauriger Stimme hinzu. Wieder trank er von seinem Kaffee, während Keating über seine Antwort nachdachte. Schließlich lehnte er sich nach vorne und sah Charlie fest in die Augen.
"Sie haben mir nicht alles gesagt, nicht wahr? Das ist in Ordnung, aber sollten sie je den Wunsch verspüren, mit mir zu reden....ich würde Ihnen gerne meine Telephonnummer geben und mit Ihnen in Kontakt bleiben."
Charlie blickte überrascht auf. "Gerne! Warten sie, ich habe da noch einen Zettel... bitte, das ist meine Nummer." Er kritzelte die Zahlen rasch auf das Papier und reichte ihn dann Keating. Dieser schrieb seine Nummer ebenfalls auf eine Serviette und gab sie Charlie.
"Danke." Charlie warf einen Blick auf seine Uhr. "Ich muss gehen, vielleicht ist jetzt jemand dort zu Hause. Auf bald, Mr. Keating." Er stand auf und ging zu der Kellnerin um zu bezahlen. Dann kam er wieder zum Tisch zurück, reichte Mr. Keating die Hand und nahm stramm Haltung an.
"Oh Käpten, mein Käpten!", rief er aus, machte kehrt und lief zur Tür.
Nachdem er sie aufgeschwungen hatte drehte er sich noch ein Mal um und rief quer durch das Café: "Carpe diem!"
Dann verschwand er aus der Tür.

Keating hob wieder seine Teetasse und faltete den Zettel, auf den Charlie seine Telephonnummer geschrieben hatte, auseinander. Aufmerksam las er erst die Vorderseite mit der Nummer, dann drehte er das Blatt um. Nachdem er gelesen hatte, schmunzelte Keating.
"Charlie Dalton, Sie sind noch immer ein Chaot. Den Zettel hätten sie sich besser behalten."
Er stand auf und rief die Kellnerin zum Bezahlen. Dann verließ auch er das Café und trat in den Nieselregen hinaus. "New York, New York...", summte er vor sich hin.
Dann holte er den Zettel noch ein Mal aus der Tasche.

Ich hasse dich
Ich liebe dich
Warum darf ich nicht frei sein?
Ein Schrecken
Für die Welt
Warum darf ich nicht frei sein?
Ich liebe dich
Ich hasse dich
Ohne Wahrheit
Ohne Lüge
Ziehe ich umher
Warum darf ich nicht frei sein?
Eine Reise ohne Ziel
Ein Ziel ohne Reise
Ich bin da
Ohne angekommen zu sein
Ich hasse dich
Ich liebe dich
Warum darf ich nicht frei sein?

Keating schlenderte die Straße hinunter. "Ja, ja, mein guter Freund. Carpe diem ist nicht gleich Freiheit. Aber es kann Freiheit werden."  
Der Nieselregen hörte nicht auf. Keating hob den Kopf. "Und du bist mir auch böse, was, Petrus? Zumindest das Wetter könnte besser sein...."



Na? Irgendwer gecheckt, was ich meine/sage/schreibe/ausdrücken will?
Hoffentlich.
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Aber schreibt.
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