Das Leben ist voller Überraschungen

von singvogel
GeschichteAllgemein / P18 Slash
09.06.2004
02.01.2020
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Disclaimer: Alles was an Fakten aus FR stammt gehört mir nicht und ich verdiene auch kein Geld damit.
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A/N: Der erste Teil dieser Geschichte (ungefähr bis zur Badewanne) ist vor ungefähr vier Jahren für einen Wettbewerb entstanden. Danach hatte ich einfach Lust das Ganze noch ein wenig auszuschmücken.
Eigentlich ist es wirklich nur minimal an FR angelehnt. So wenig, dass es kaum noch als FanFic qualifiziert eigentlich... aber ein paar Kleinigkeiten habe ich eben doch übernommen und poste es deshalb erst mal hier.
Das mit der Umwandlung ist natürlich auch ein wahnsinniges Klische... aber manchmal kann ich mich eben nicht beherrschen :)


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Das Leben ist voller Überraschungen

Charlotte öffnet ihre Augen. Heute ist ihr sechzehnter Geburtstag. Eigentlich ist ihr das aber  egal, denn dieser bloße Wechsel einer Zahl wird nicht die Tatsache ändern, dass sie immer noch viel zu viele Pickel, langweiliges Haar mit der Farbe von einer toten Ratte und noch langweiligere blassgrüne Augen hat.
Charlottes Eltern scheinen diesen Geburtstag aber seltsamerweise für sehr bedeutsam zu halten. Jedenfalls hat ihre Mutter ihn vor kurzem mit roter Farbe im Kalender angestrichen, etwas das sie sonst nur mit dem Termin für den alljährlichen Zahnarztbesuch tut.
Seufzend arbeitet Charlotte sich unter ihrer Bettdecke hervor und macht sich auf den Weg in die Küche um Kaffee zu kochen. Wenigstens ist heute Samstag, so dass sie sich die Schule sparen kann.
Als sie die Treppe hinunter geht, hört sie die Stimmen ihrer Eltern durch die Tür. Es klingt als würden sich die beiden gerade streiten. Na toll. Hoffentlich versauen sie ihr jetzt nicht den ganzen Morgen mit irgendwelchen Moralpredigten über die Verantwortung, die sie als Sechzehnjährige nun wahrscheinlich trägt oder die Babys, die Jugendliche heute scheinbar an jeder Ecke kriegen und weiß der Himmel wovor sie sich sonst noch alles in acht nehmen soll.
Doch als Charlotte die Küche betritt bleibt sie vorerst verschont. Die Eltern schauen zwar kurz in ihre Richtung, vertiefen sich aber dann wieder in ihr Gespräch, wenn auch sehr viel leiser als vorher. Entweder wollen sie mit den Vorträgen warten bis die ganze Familie im Café sitzt, so wie es jedes Jahr zu Charlottes Geburtstag geschieht oder sie werden anfangen sobald Charlotte sich zum frühstücken am Tisch niederlässt. Aber dass sie auch dieses Jahr nicht um ihren Geburtstagsvortrag herumkommen wird sieht sie schon an der Art wie ihre Eltern immer wieder kurz zu ihr hin blicken. Na gut, wenn es dann sein muss dann kann sie es am besten auch sofort hinter sich bringen.
„Morgen Mama, morgen Papa“, murmelt sie und lässt sich am Tisch nieder.
„Charlotte, wir müssen mit dir reden“, sagt ihre Mutter und Charlotte bereitet sich geistig schon mal darauf vor ein interessiertes Gesicht aufzusetzen und einsichtig zu nicken um das ganze nicht unnötig zu verlängern.
„Was wir dir gleich erzählen werden ist sehr wichtig also hör bitte gut zu.“
Charlotte nickt und fängt an zu überlegen was sie heute wohl im Fernsehen anschauen könnte.
„Äh, tja, nun ja ich weiß nicht so recht wie wir dir das beibringen sollen...“
Was ist denn jetzt los? Normalerweise hat ihr Vater nie Probleme sie mit Vorschriften und Warnungen zu konfrontieren und auf einmal weiß er nicht was er sagen soll? Charlotte schaut, inzwischen ein wenig interessierter, zu ihrer Mutter, die ihren Mann gerade stirnrunzelnd ansieht, sich dann plötzlich Charlotte zuwendet und sagt: „Nun Kind, da dein Vater es offenbar nicht aussprechen kann muss ich es wohl tun. Wir alle sind Elfen.“
„Wie alle ?“
Das ist alles was Charlotte dazu im ersten Augenblick einfällt. Wollen die sie etwa verarschen? Elfen! Aber als sie ihre Eltern forschend anblickt erkennt sie keine Spur von Humor in deren Mienen.
„Wir alle, Du, dein Vater und ich sind schwarze Elfen“, wiederholt ihre Mutter gerade geduldig. „Wir sind vor deiner Geburt in diese Welt geflohen. Leider haben wir dabei unseren Begleiter verloren und konnten bis jetzt noch nicht zurückkehren, da wir zu zweit nicht in der Lage sind genügend Kraft dazu aufzubringen. In den letzten siebzehn Jahren haben wir unsere wahre Gestalt hinter einem Zauber verstecken müssen, während wir nach unserem Begleiter suchten."
„Äh... und wieso erzählt ihr mir das jetzt?“ Charlotte ist sich mittlerweile nicht mehr ganz sicher ob mit ihren Eltern alles in Ordnung ist. Wollen die beiden ihr auf eine drastische Weise zeigen, dass sie ihren Literaturgeschmack nicht mögen? Darüber beschweren sie sich schließlich sowieso schon die ganze Zeit. Diesen Gedanken verwirft sie jedoch schnell wieder, denn zu so etwas fehlt ihren Eltern einfach der Humor.
„Der Grund aus dem wir dir das heute alles erzählen...“, sagt ihre Mutter gerade „ist folgender, wir haben vor zwei Wochen endlich unseren damaligen Begleiter wiederentdeckt, und heute Nacht ist Vollmond, also ein idealer Zeitpunkt für die Rückkehr nach Hause.“
Charlotte starrt ihre Eltern an. Bis heute morgen hatten sie eigentlich immer vollkommen normal gewirkt. Ein wenig zu streng manchmal, aber doch im Grunde normal.
„Lia, sie glaubt uns nicht“, murmelt ihr Vater gerade ihrer Mutter zu. Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Charlotte glaubt ihnen kein Wort.
„Das war natürlich zu erwarten“, sagt ihre Mutter nun. „Aber ihre eigene Enttarnung wird sie schon überzeugen.“
Dann dreht sie sich plötzlich um und ruft etwas in Richtung Wohnzimmer, das wie welieen klingt. Woraufhin jemand in die Küche tritt der nach Charlottes Einschätzung entweder wirklich das ist was ihre Eltern behaupten zu sein oder eine sehr, sehr überzeugende Verkleidung trägt.
Er, zumindest scheint es ein er zu sein, hat tiefschwarze Haut und ebenso schwarze spitze Ohren die aus einem unordentlichen weißen Haarschopf hervorragen, der einen Friseurbesuch vertragen könnte. Die löchrige Jeans und die ausgelatschten Turnschuhe die er trägt, wirken allerdings doch eher wenig geheimnisvoll, aber andererseits unterstreichen sie auch auf eine seltsame Weise gerade das fremdartige seiner Erscheinung.
Charlotte versucht gerade sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sie unter Halluzinationen und Wahnvorstellungen leidet, als ihre Mutter ihren linken und ihr Vater den rechten Arm ergreifen und der seltsame Fremde einen langen dünnen Stab aus seinem Ärmel zieht und damit auf sie deutet. Sein feingeschnittenes Gesicht ist zu einer Grimasse der Konzentration verzogen während er monoton vor sich hin murmelt.
Charlotte hat inzwischen beschlossen, dass diese beiden Leute die sie da festhalten auf keinen Fall ihre Eltern sind, sondern ganz klar Aliens sein müssen, die gekommen sind um die Menschheit zu versklaven. Doch gerade als sie soweit ist den Aliens lauthals zu verkünden, dass sie sie durchschaut hat wird ihr erst furchtbar schwindelig und dann auf einmal schwarz vor Augen.
Als Charlotte wieder zu sich kommt schauen die Gesichter ihrer Eltern, Nein Halt die Gesichter der beiden Aliens, und der Fremde auf sie herab. Sie liegt in der Badewanne, die halbvoll mit heißem Wasser ist. Es ist blendend hell im Raum und Charlotte muss deshalb die Augen zu Schlitzen verengen.
„Er kommt wieder zu sich“, hört sie dumpf jemanden sagen. Er? Von wem reden die den da, ist hier noch jemand ohnmächtig gewesen?
„Charlotte, Kind wie geht es dir? Komm setz dich auf.“
Mit diesen Worten bringt ihre Mutter, oder was auch immer sie in Wirklichkeit ist, Charlotte in eine sitzende Position.
„Wie lange...was...?“ murmelt sie noch immer leicht desorientiert.
„Du bist in der Badewanne. Wir mussten dich aufwärmen. Es scheint als hättest du bei dem Lösen des Tarnzaubers eine Art Schock erlitten.“
Tarnzauber? Charlotte schaut an sich herab und fällt beinahe sofort wieder in Ohnmacht. Ihre Haut ist nun genau so schwarz wie die des seltsamen Fremden mit dem Stab, die Haare die sich auf ihrer Schulter ringeln sind schneeweiß und wahrscheinlich sind ihre Ohren auch spitz, doch was sie so ganz und gar aus der Fassung bringt, ist die Tatsache, dass ihr auf einmal ein paar wichtige Dinge zu fehlen scheinen, die sie am Morgen noch gehabt hatte. Wie zum Beispiel ihr Busen.
Der Körper auf den sie im Augenblick herunterblickt ist der eines sechzehnjährigen Jungen.
Gerade als Charlotte einen hysterischen Schreikrampf starten will, kippt ihm seine Mutter einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht. Also quietscht er nur einmal erschrocken auf und verlegt sich dann darauf seine Eltern verschreckt anzustarren um auf eine Erklärung zu warten.
Seine Mutter sieht nicht sehr glücklich und schon gar nicht erklärungsfreudig aus. Sein Vater seufzt schließlich leise auf und ringt sich doch noch mühevoll ein paar kurze Sätze ab.
„Wir äh hielten es für sicherer dich schon vor der Geburt mit einem Tarnzauber zu belegen und äh...wir...äh wussten damals nicht ob du..., aber deine Mutter war sich so sicher, dass...“, er stockt und blickt unsicher zu erst zu Charlottes Mutter, dann zu dem Fremden, der nur mit den schmalen Schultern zuckt und dabei gelassen erklärt: „Das Leben steckt nun mal voller Überraschungen Kleiner, besser man gewöhnt sich früh daran.“
Mit diesen Worten dreht er sich um und verlässt das Badezimmer. Ein unangenehmes Schweigen breitet sich aus. Langsam wird Charlotte wütend über die Überrumplungstaktik seiner Eltern.  Bevor er dies jedoch lautstark zum Ausdruck bringen kann, sagt seine Mutter entschuldigend: „Charlotte, diese Prozedur war nötig, damit wir alle zusammen zurückkehren können. Durch das Ritual, dass wir zur Rückkehr durchführen müssen, wäre der Zauber sowieso gelöst worden und auf diese Weise kannst du dich schon ein wenig daran gewöhnen, bevor es losgeht.“
Diese Tatsache sieht Charlotte zwar ein, aber sie beruhigt ihn nicht im Mindesten. Er steht immer noch kurz davor einen hysterischen Anfall zu bekommen.
Seine Eltern scheinen allerdings nicht bereit noch weitere Erklärungen abzugeben und verlassen jetzt beide fast fluchtartig das Bad. Wahrscheinlich um ihm Zeit zu geben mit den Ereignissen fertig zu werden, aber auch weil sie selber angespannt sind und an dieser bizarren Situation wahrlich keine Freude haben. Charlotte steigt langsam aus der Wanne. Die ganze Bewegung fühlt sich seltsam ungewohnt an. Weil ihm nichts Besseres einfällt, stellt er sich zu allererst vor den großen Spiegel. Ein nackter schwarzhäutiger Elf mit großen bernsteinfarbenen Augen starrt ihm verwirrt entgegen.
„Oh scheiße!“ murmelt Charlotte völlig entgeistert. Wenn die Sache mit den spitzen Ohren und der seltsamen Augenfarbe nicht wäre, könnte er jetzt wohl glatt eine offizielle Mister irgendwas Wahl gewinnen. Von Pickeln oder langweiligen Haaren ist jetzt keine Rede mehr. Es fällt ihm sogar schwer sich von seinem faszinierenden neuen Spiegelbild los zu reißen.
Bevor er allerdings die Freude über diese Veränderung so richtig auskosten kann, wird ihm klar, dass es dabei auch einen unangenehmen Haken gibt. Die Tatsache nämlich, dass seine Eltern ihm vor einer knappen Stunde eröffnet haben, dass sie alle diese „Welt“ verlassen werden. Und zwar noch heute. Ausgerechnet an seinem Geburtstag!
„Oh scheiße!“ sagt er noch einmal.
Charlotte hat nicht die geringste Lust dazu wer weiß wo zu landen nur, weil seine Eltern und dieser seltsame Fremde dort mal gelebt haben. Und das in geradezu prähistorischen Zeiten vor seiner Geburt. Es kann sowieso nicht besonders angenehm dort gewesen sein, sonst hätten sie doch schließlich nicht fliehen müssen!
Während er darüber nachdenkt, wie er seine Eltern dazu bewegen könnte ihre Entscheidung noch einmal zu ändern, fängt Charlotte an, sich abzutrocknen und anzuziehen. Eigentlich hat er gar keine andere Möglichkeit als mit ihnen zu gehen, wird ihm dabei klar. So wie er jetzt aussieht würde er wahrscheinlich im nächsten Versuchslabor landen und durchgetestet werden sollte er versuchen abzuhauen und sich allein durchzuschlagen.
Gerade als er geistesabwesend eine Unterhose aus dem Schrank fischen will, fällt ihm auf, dass er jetzt wohl noch ein Problem hat. Was soll er jetzt bloß noch von seinen Sachen anziehen ohne sich dabei völlig lächerlich zu machen? Er beschließt für den Moment auf die Boxershorts seines Vaters auszuweichen und versucht eine möglichst neutrale Hose zu finden. Die Boxershorts sind natürlich zu groß. Genau wie die alten Jeans für die er sich schließlich entscheidet. Aber ein Gürtel hält alles einigermaßen zusammen. Wahrscheinlich stehe ich unter Schock, denkt Charlotte, während er sich noch einmal im Spiegel betrachtet. Eigentlich müsste er jetzt doch halb wahnsinnig sein vor Aufregung und Entsetzen. Ist er aber nicht. Im Gegenteil, je länger er vor dem Spiegel steht desto zufriedener ist er. Klar es ist schrecklich oberflächlich sich so sehr über gutes Aussehen zu freuen, vor allem wenn man dafür gleich sein ganzes Leben umkrempeln muss, aber das langsam aufsteigende Glücksgefühl lässt sich nicht leugnen. Vielleicht wird die ganze Sache auch recht spannend. Oder vielleicht lassen sich seine Eltern wirklich noch überzeugen die ganze Sache ab zu blasen. Man kann ja nie wissen. Charlotte grinst sein Spiegelbild an und macht sich auf den Weg nach unten.
Er will versuchen noch ein wenig mehr Informationen aus seinen Eltern zu extrahieren. Dabei nimmt er sich fest vor alles positiv zu betrachten.
Mit diesem Gedanken beschäftigt er sich noch, als er am Treppenabsatz auf den Fremden trifft, der ihn aus grünen Augen forschend anschaut. Wahrscheinlich glaubt er Charlotte stehe jetzt kurz vor einem Nervenzusammenbruch und macht sich Gedanken darüber ob er nicht lieber eine möglichst starke Beruhigungsspritze besorgen sollte. Natürlich nur für alle Fälle.
Aber Charlotte beruhigt ihn auf der Stelle indem er in seiner besten genervter-Teenager- Stimme fragt: „Wo sind denn meine vorbildlichen, fürsorglichen Eltern?“
Das sollte eigentlich herablassend klingen, aber wie Charlotte insgeheim zugeben muss wirkt es wohl doch eher kindisch und schmollend.
„Die sind in der Küche und kochen grade ein vorbildlich fürsorgliches Mahl für uns“, kommt auch prompt die offen spöttische Antwort.
Na gut das war wohl selbstverschuldet. Schnell quetscht Charlotte sich an dem Elf vorbei, um aus dieser peinlichen Situation heraus und in die Küche zu gelangen. Es riecht nach Pizza und Charlotte merkt plötzlich wie hungrig er ist. Kein Wunder, schließlich hat er noch nicht einmal  gefrühstückt in all dieser Aufregung.
Als er hereinkommt ist sein Vater gerade dabei den Tisch zu decken.
„Ah, sehr gut. Dann hat Velien dich also gefunden. Das Essen ist fertig“, sagt er nur und widmet sich dann wieder mit geradezu krampfhafter Konzentration dem Geschirr. Vielleicht glaubt er ja die ganze unangenehme Situation würde sich in Wohlgefallen auflösen wenn er sie nur lange genug ignorieren kann. Aber den Gefallen tut Charlotte ihm nicht.
„Velien? Kenn ich nicht. Wer ist das?“ fragt er unschuldig. Wenn sein Vater meint dieses Spiel könne nur er spielen, dann hat er sich aber gründlich geirrt.
„Ich bin Velien“, sagt jemand hinter Charlotte. Der Fremde, der hinter ihm in die Küche getreten ist. „Und wenn deine Eltern sich ein wenig besser auf den heutigen Tag vorbereitet hätten, dann wären wir jetzt alle ein wenig entspannter“, fügt er an Charlottes Vater gewandt hinzu.
Dieser öffnet den Mund als wolle er etwas erwidern, zuckt aber dann nur resigniert mit den Schultern und seufzt.
„Aber ich will nicht weg gehen!“, platzt  es aus Charlotte heraus. „Ihr könnt mich nicht einfach zwingen!“
„Charlotte du weißt doch gar nicht worum es dabei überhaupt geht. Außerdem kannst du nicht alleine hier bleiben, so wie du jetzt aussiehst und du sprichst doch die hiesige Sprache gar nicht!“
„Was soll das denn bitte heißen ich spreche die Sprache nicht? Natürlich tue ich das“, begehrt  Charlotte wütend auf. So eine blödsinnige Behauptung!
„Nein, dass tust du nicht“, erklärt sein Vater geduldig. „Die Übersetzung war ein Teil deiner Tarnung und wirkt jetzt nicht mehr. Mach den Fernseher an wenn du mir nicht glaubst.“
Wütend stürmt Charlotte sofort ins Wohnzimmer und schaltet das Gerät ein. Er versteht tatsächlich kein Wort. So eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!
„Wie könnt ihr mir so was antun?! Ihr lasst mir ja überhaupt keine Chance.“
Der hysterische Anfall rückt wieder näher, aber diesmal ist es Velien der Charlotte ablenkt, indem er fragt: „Habt ihr ihn denn wenigstens getestet?“
Darauf antwortet Charlottes Vater nur mit einem stummen Kopfschütteln. Er sieht mittlerweile peinlich berührt aus. Sollte er wahrscheinlich auch bei so viel pädagogischer Inkompetenz.
„Was heißt das? Auf was sollt ihr mich getestet haben? Stehen mir etwa noch mehr unangenehme Überraschungen bevor?“
Anklagend schaut Charlotte zu seinem Vater.
„Er redet von Psi. Wir konnten den Test nicht durchführen. Wie stellst du dir dass bitte vor hier in einem Krankenhaus? Es ist ohnehin recht unwahrscheinlich dass du es hast Charlotte.“
„Das kannst du doch gar nicht wissen“, widerspricht ihm Velien ungehalten. „Bisher hat noch niemand herausgefunden woher es kommt. Und dass es einen ziemlich einschneidenden Effekt auf sein weiteres Leben haben hätte muss ich dir doch wohl nicht extra erklären, oder?“
„Nein natürlich nicht, aber bis jetzt war dass alles schließlich gar kein Thema. Wer konnte denn ahnen dass wir dich jemals wieder sehen würden. In siebzehn Jahren kann viel geschehen. Außerdem ist es jetzt sowieso zu spät.“
„Könntet ihr jetzt vielleicht aufhören sinnlos herum zu diskutieren und endlich mit dem Essen anfangen?“ fragt plötzlich Charlottes Mutter gereizt von der Küchentür her. „Wir sollten auf keinen Fall hungrig aufbrechen.“ Und damit dreht sie sich um und verschwindet wieder, um wenige Sekunden später geschäftig mit dem Geschirr zu klappern. Mit einem Schulterzucken wendet sich Velien ab um ihr zu folgen.
Das Essen ist eine schweigsame Angelegenheit, denn jedes Mal wenn Charlotte ansetzt etwas zu sagen schaut seine Mutter ihn derart gereizt an, dass ihm die jeweilige Frage sofort im Hals stecken bleibt. Auch die anderen sind nicht sehr gesprächig. Wahrscheinlich sind sie im Geiste schon weit weg. Irgendwo in dieser verdammten anderen Welt.
Charlotte wird immer nervöser und fängt an unruhig auf seinem Stuhl herum zu rutschen, bis sein Vater schließlich völlig abrupt das Schweigen bricht. An Velien gewandt sagt er, als ob er sich verteidigen müsste: „Dann teste du ihn doch jetzt, wenn es dir so am Herzen liegt.“ Danach wendet er sich wieder seiner Mahlzeit zu, so als hätte er nie den Mund aufgemacht. Aber damit scheint Charlottes Mutter nicht einverstanden zu sein.
„Nein, dass erlaube ich nicht. Du lässt gefälligst deine Finger von ihm. Es reicht schon das du mein Leben auf den Kopf gestellt hast, da musst du nicht noch in seinem herumpfuschen!“ faucht sie erbost.
„Erstens ist dass was geschehen ist nicht meine Schuld und zweitens schadest du ihm nur mit deiner verbohrten Einstellung. Wenn er …“
„Nein, hörst du! Und jetzt sei still, ich will nichts mehr darüber hören. Das Ergebnis ist in diesem Alter sowieso nicht mehr verlässlich. Ein Test würde gar nichts bringen.“
Und damit ist das Thema erledigt. Wenn Charlottes Mutter in dieser Stimmung ist, wagt es keiner in der Familie ihr zu widersprechen. Und es scheint als würde dies auch für Velien gelten, denn der macht zwar ein ärgerliches Gesicht, schweigt aber nun.
Das Geschirr lassen sie schmutzig auf dem Tisch stehen. Warum auch nicht, sie werden es ja doch nicht mehr brauchen. Die Atmosphäre wird immer angespannter. Scheint so als würden seine Eltern diesen Velien nicht besonders mögen. Aber was hatten die drei dann vorher miteinander zu tun? Diese Situation wird immer rätselhafter. Vor allem weiß Charlotte immer noch nichts über ihr Ziel. Seine Eltern hatten zwar schon immer die starke Tendenz nach der Regel „Die Kinder haben zu tun was die Eltern sagen“ zu leben, aber gerade heute scheint es am schlimmsten zu sein. Normalerweise hätten sie wenigstens eine rudimentäre Erklärung für die heutigen Vorkommnisse abgegeben.
Gerade als Charlotte beginnt darüber nach zu denken wieso seine Eltern eigentlich immer noch getarnt sind, drückt seine Mutter ihm eine Art Umhang mit einer großen Kapuze in die Hand.
„Da. Setz die Kapuze auf wenn wir ins Auto steigen.“
Und schon ist sie wieder verschwunden, beschäftigt mit irgendwelchen ominösen Vorbereitungen, die hauptsächlich aus nervösem Herumgerenne zu bestehen scheinen. Ständig faucht sie die beiden Männer wegen irgendwelcher Kleinigkeiten an. Aber die beiden sagen überraschenderweise kaum etwas dazu. Charlottes Vater war schon immer so, doch normalerweise haben andere Leute oft Probleme mit der herrischen Art seiner Mutter.
Charlotte zieht sich in eine flauschige Decke eingewickelt auf den großen Fernsehsessel zurück, weil er ohnehin das Gefühl hat nur im Weg herum zu stehen. Was soll er jetzt schon noch tun? Unglücklich rollt er sich zusammen. Schließlich muss er wohl überwältigt von den Ereignissen des Tages eingeschlafen sein, denn als ihn sein Vater weckt ist es schon fast dunkel.
„Charlotte wach auf. Wir fahren jetzt los“, sagt er und drückt ihm wieder den seltsamen Umhang in die Hand.
„Was soll ich denn mit dem Blöden Ding“, murrt Charlotte. „Wenn ich mir im Auto ne Mütze aufsetze reicht dass doch auch damit keiner mich sieht.“
„Das ist nicht nur für´s Auto, wir müssen sie später in unserer Heimatstadt tragen. Die Leute dürfen nicht wegen unserer ungewöhnlichen Kleidung auf uns aufmerksam werden.“
Dem stimmt Charlotte zwar prinzipiell zu, aber davon dass er mit dem Umhang weniger auffällig wäre, ist er nicht wirklich überzeugt. So etwas trägt man doch bloß in irgendwelchen Filmen und nicht in der Öffentlichkeit.
„Muss ich denn eigentlich gar nichts packen oder so?“ fällt ihm reichlich spät noch ein.
„Nein, nein. Wir haben schon alles Wichtige“, beruhigt ihn sein Vater zerstreut. „Wir können sowieso nicht wirklich etwas mitnehmen. Und jetzt komm deine Mutter wird sonst ungeduldig.“


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Der Ort zu dem sie schließlich fahren ist geradezu enttäuschend  profan und alltäglich. Hier soll das geheimnisvolle Ritual stattfinden? Auf einem Kinderspielplatz!? Das kann doch nicht wahr sein, denkt sich Charlotte und ist kurz davor einen ungläubigen Kommentar abzulassen, als seine Mutter mit einem für sie ungewöhnlich ängstlichen Unterton sagt: „Schnell, jetzt ist der beste Zeitpunkt. Wir müssen uns beeilen damit wir weg sind bevor uns jemand ansprechen kann und damit das ganze Ritual stört.“  
Es ist immer noch nicht völlig dunkel und Charlotte kommt sich auf einmal äußerst verletzlich vor, als er aus der relativen Sicherheit des Autos hinaus auf den offenen Spielplatz muss. Jetzt ist er doch froh sich wenigstens ansatzweise unter seinem Umhang verstecken zu können. Auch die anderen tragen nun alle einen. In diesem Augenblick stimmt er seiner Mutter völlig zu, je eher sie hier verschwunden sind desto besser!
Auch das Ritual selber ist schließlich überraschend simpel und kurz. Alle vier müssen sich im Kreis um eine Kerze und eine Schale mit duftendem Räucherwerk stehend an den Händen fassen und nach einem knappen: „Sei still und lass nicht los. Wir machen den Rest“, fangen seine Eltern und Velien wie auf ein geheimes Stichwort hin alle gleichzeitig an einen unverständlichen Text zu flüstern. Charlotte ist sich nicht ganz sicher, aber er hat den Eindruck als würden sie die gleichen zehn Zeilen immer wieder murmeln. Nach fünf ereignislosen Minuten beginnt er sich zu fragen, ob nicht vielleicht irgendetwas schief läuft. Er wird immer nervöser und fängt gerade an eingebildete Schritte zu hören, als es plötzlich wieder einmal schwarz um ihn wird. Doch dieses Mal fällt er nicht in Ohnmacht. Er kann weiterhin die Stimmen von Velien und seinen Eltern in der Dunkelheit hören, obwohl sie seltsam verzerrt klingen. Und er kann die Hände spüren, die ihn festhalten. Auf einmal hat er große Angst vor dem was passieren könnte ließen sie ihn los. Das unangenehme Kribbeln, das er am ganzen Körper spürt trägt absolut nichts zu seiner Beruhigung bei.
Und dann, völlig übergangslos, stehen sie alle in einem dreckigen dunklen Hinterhof, wo es nach Erbrochenem stinkt und scheinbar schon sehr lange keiner mehr aufgeräumt hat. Überraschend ist nur, dass er dies alles bei der herrschenden Dunkelheit so klar sehen kann, aber vielleicht liegt das ja auch an irgendeinem Zauber den seine Eltern leider vergessen haben zu erwähnen. Die beiden sind nun nicht mehr getarnt und Charlotte mustert sie neugierig. Sie scheinen jetzt kleiner und zierlicher zu sein aber anders als bei ihm ist auf seltsame Weise das Charakteristische, die  Persönlichkeit der beiden, in ihren Zügen erhalten geblieben. Nur eben in eine leicht veränderte Form gebracht mit der schwarzen Haut und dem feiner geschnittenen Gesicht der schwarzen Elfen. Sie wirken aber auch wesentlich jünger und Charlotte beginnt sich plötzlich zu fragen wie alt seine Eltern eigentlich in Wirklichkeit sind.
„Ah, es ist doch nirgendwo schöner als zu Hause, findet ihr nicht auch?“ Dieser ironische Kommentar stammt von Velien, der sich misstrauisch umsieht. „Scheint nicht so als hätte sich hier viel verändert während wir weg waren“, meint er und klingt dabei reichlich angewidert.
„Ja, ja verschon mich mit deinen Heimatgefühlen“, erwidert Charlottes Mutter abweisend. Aber auch ihr merkt man an, dass sie sich an diesem Ort nicht sehr wohl fühlt. Die gerümpfte Nase spricht Bände.
Dann fährt sie schnell fort: „Also gut. Wir tun folgendes: Ihr wartet hier während ich gehe und meine Mutter suche. Wenn ich in fünf Stunden nicht zurück bin treffen wir uns morgen Mittag vor dem Ratshaus.“
„Vor dem Ratshaus?! Bist du verrückt?“ will Velien ärgerlich wissen. „Wenn wir da hin gehen und stundenlang rumhängen können wir uns auch gleich freiwillig dem Jade-Orden ausliefern!“
„Wer hat denn von dir geredet?“ kommt sofort die schnippische Antwort. „Du kannst von mir aus verschwinden wohin du willst. Hauptsache du bleibst mir aus den Augen.“
„Von mir aus gerne“, murmelt Velien, aber das hört Charlottes Mutter nicht mehr, denn sie ist schon wütend und mit wehendem Umhang aus dem Hinterhof hinaus auf die Straße gestürmt. Das ist ihre übliche Taktik eine unerwünschte Diskussion zu beenden. Lass dein Gegenüber einfach frustriert stehen, damit es sich später gehörig schuldig fühlt. Doch bei Velien scheint diese Methode nicht so gut zu funktionieren wie bei Charlotte und seinem Vater. Er fängt nämlich an amüsiert zu grinsen und schüttelt nur den Kopf. Auch Charlottes Vater scheint nicht unbedingt begeistert von dem Gedanken in der stinkigen, gedrängten Atmosphäre des Hinterhofes noch viel länger auszuharren. Unsicher schaut er sich um. Sein Blick fällt dabei zwangsläufig auch auf Charlotte und da scheint ihm ein neues Problem bewusst zu werden, denn er setzt plötzlich eine nachdenkliche Miene auf.
„Wir sollten…“, beginnt er bricht aber wieder ab und schweigt noch ein wenig. „Also ich schätze du wirst gleich diesen Ort verlassen“, dann sagt er an Velien gewandt und deutet in die ungefähre Richtung der Straße „Und ich denke wir werden auch nicht hier bleiben. Schließlich können wir ja in ein paar Stunden wiederkommen oder eine Nachricht hinterlassen oder sie findet uns oder äh…“, er bricht unsicher ab. „Dann wäre nur noch zu bedenken…“
„Dann was?! Nun red schon verdammt noch mal! Manchmal treibst du mich wirklich in den Wahnsinn!“
„Na ja, es fällt doch auf wenn wir den Jungen weiterhin Charlotte nennen“, bringt Charlottes Vater schließlich heraus.
Veliens Gesichtsausdruck sagt deutlich was er von diesem „Problem“ hält. Er ist äußerst genervt.
„Ich fange an mich ernsthaft zu fragen wie ihr beiden ganze siebzehn Jahre unentdeckt da Drüben überleben konntet“, faucht er ungehalten. „Nenn ihn meinetwegen Ansai, Sial oder sonst wie, das ist mir völlig gleich. Aber bitte verschon mich mit solchen Nichtigkeiten.“
Jetzt fühlt Charlotte sich übergangen. „Und was ist wenn ich gar nicht Sial heißen will?“ meckert er los, aber da wird es seinem Vater auch zu viel. Damit dass seine Frau und Velien ihn so unhöflich anraunzen wird sein Selbstbewusstsein gerade noch fertig, aber wenn sein Sohn auch damit anfängt scheint ihm das das Gefühl zu vermitteln er müsste sich mal wieder durchsetzen. Deshalb gibt er mit autoritätstriefender Vaterstimme zurück: „Das ist jetzt völlig ohne Belang Char… Sial. Am besten verhältst du  dich in nächster Zeit sowieso möglichst still und unauffällig. Dann kannst du uns keine Probleme machen.“
Na toll! Darum wie es ihm geht kümmert sich offenbar keiner, denkt sich der unverhofft neu getaufte Sial. Langsam ist er ziemlich beleidigt. Doch plötzlich fällt ihm etwas ein. „Was ist denn der Jade-Orden?“ will er wissen, aber das scheint auch kein gutes Thema zu sein.
„Das müssen wir nicht unbedingt gerade hier besprechen“, erklärt sein Vater kurz angebunden. Velien beginnt wieder sich misstrauisch umzuschauen und sagt: „Ich denke wir stimmen darin überein, dass wir diesen Ort jetzt verlassen.“ Und nachdem niemand widerspricht fährt er fort: „Wenn ihr wollt könnt ihr mitkommen, ich hatte in diesem Viertel relativ viele Freunde. Bei irgendeinem können wir bestimmt übernachten ohne dass wir um diese Zeit noch Aufsehen verursachen.“
Und damit wendet er sich ab. Sials Vater zögert kurz und folgt ihm dann, womit Sial natürlich sehr einverstanden ist. Der Geruch macht ihm mittlerweile doch zu schaffen.
Er ist noch geistesgegenwärtig genug, sich die Kapuze aufzusetzen bevor sie auf die Straße treten, aber bald danach ist er völlig von seiner Umgebung in Anspruch genommen. Die Straßen sind breit, aber einen Bürgersteig oder etwas Ähnliches scheint es nicht zu geben. Nur einen mit großen Steinplatten gepflasterten Weg, der sich zwischen den Häusern hindurchwindet.
Sie scheinen sich in einer Art Kneipenviertel zu befinden, denn selbst zu dieser offensichtlich späten Zeit sind noch viele Leute unterwegs. Und was für Leute! Sial sieht Menschen, schwarze Elfen, Elfen mit heller Haut, etwas kleingewachsenes mit langem, buschigem Bart das er für einen Zwerg hält und noch andere seltsame Wesen, die er aber nicht recht zuordnen kann. Die meisten scheinen sich zum Vergnügen hier aufzuhalten und demonstrieren das gesamte Spektrum der verschiedenen Stadien der Trunkenheit. Von fröhlich angeheitertem Lärm bis hin zum hilflosen Zusammenbruch. Außerdem muss Sial jetzt zugeben, dass seine Eltern recht hatten, die Kleidung hierzulande ist wirklich anders als alles was er gewohnt ist.
Nachdem er vor lauter schauen fast Velien und seinen Vater verliert, reißt er sich ein wenig zusammen und konzentriert sich wieder mehr auf die beiden. Ihm fällt auf, dass Velien sich sehr gut einfügt. Er wirkt als gehöre er hierher und kenne sich gut aus. Ganz im Gegensatz zu Sials Vater, dessen Unsicherheit schon durch seine angespannte Haltung deutlich wird, aber auch in der Art und Weise, wie er sich nervös umschaut und häufig den Blick abwendet wenn ihnen jemand entgegen kommt.
Je länger sie laufen, desto enger und dreckiger scheinen die Straßen zu werden, auch die Menge setzt sich jetzt aus zunehmend unangenehmer wirkenden Wesen zusammen. Keine Umgebung in der sich Sial für längere Zeit aufhalten möchte. Er beginnt jedoch zu fürchten, dass genau das der Fall sein wird, als Velien zielsicher auf den Eingang eines baufälligen Hauses zusteuert. Die Tür sieht aus als wäre sie schon einige Male eingetreten, dann notdürftig repariert worden und diene nun hauptsächlich als Sichtschutz. Besonders angenehm riechen tut es hier auch nicht. Das Aroma erinnert Sial  ein wenig an den Hinterhof, den sie vorher verlassen haben. Glücklicherweise nur in abgeschwächter Form. Sein Vater zieht ein ziemlich angewidertes Gesicht, aber auch Velien scheint nicht gerade zufrieden mit dem was er sieht.
„Scheiße“, murmelt er und dann „Wartet hier, ich schau kurz nach was da drinnen passiert ist. Ich schätze allerdings, dass wir hier wohl nicht übernachten können.“
Dann öffnet er vorsichtig die Tür, die wie erwartet keinerlei Widerstand leistet, und verschwindet in dem stinkigen dunklen Eingang. Es dauert nicht lange bis er wieder auftaucht, aber was er in Erfahrung gebracht hat scheint seine Laune nicht gebessert zu haben.
„Wir müssen vorsichtig sein“, erklärt er Sial und seinem Vater leise. „Kelarn ist zum Obersten der Sicherheit aufgestiegen und macht den Organisierten ihre Einkünfte streitig.“ Als die beiden ihn nur verständnislos anstarren verdreht er entnervt die Augen und erklärt: „Sowas wie die Mafia. Die kennt ihr doch wohl hoffentlich. Und jetzt lasst uns abhauen, bevor hier noch einer von denen auftaucht und sich fragt wieso wir so seltsam aussehen oder auf wessen Seite wir stehen.“
Gegen diesen Vorschlag hat natürlich keiner etwas einzuwenden. Sial ist inzwischen, trotz seiner anhaltenden Verwirrung, ziemlich wütend auf seine Eltern. Was soll denn diese Scheiße eigentlich? Sie zerren ihn plötzlich aus seinem gewohnten, bisher eigentlich sehr angenehm verlaufenden Leben um ihn jetzt in dieser Stadt wo scheinbar lauter Irre und Verbrecher rumrennen von einem stinkenden Ort zu nächsten zu schleppen, ohne ihm jemals einen vernünftigen Grund dafür genannt zu haben. Und dazu kann er sich nicht einmal lauthals über diese Missachtung beschweren, weil er dann Angst haben muss irgendwelche unerwünschte Aufmerksamkeit von den Verbrechern, den Behörden oder überhaupt irgendwem zu erwecken.
Wenn ich jetzt auch noch auf der verdammten Straße schlafen muss, dann kotze ich den beiden vor die Füße! Denkt Sial aufgebracht und unterdrückt das Bedürfnis laut zu schreien.
Aber es geht auch schon weiter. Immer tiefer in das Gassengewirr hinein. Sial hat schon seit einiger Zeit jegliche Orientierung verloren, was allerdings auch keinen großen Unterschied macht. Wo sollte er schließlich hinwollen in dieser völlig fremden Stadt?
Er muss sich damit zufrieden geben den beiden anderen hinterher zu hasten, die zielstrebig weiter laufen. Zumindest Velien scheint jedenfalls zu wissen wohin er unterwegs ist. Bei seinem Vater ist er sich nicht ganz so sicher.
Das Haus, welches sie als nächstes ansteuern, sieht wenigstens nicht so aus, als würde es demnächst in sich zusammenfallen. Allerdings dringen Geräusche aus den geöffneten Fenstern, die sich verdächtig nach einer lautstarken Party anhören. Oder zumindest das hiesige Äquivalent einer solchen.
Velien ist offenbar zufrieden, denn er grinst auf einmal breit und meint: „Sehr schön. Ich wusste doch, auf Kharess ist Verlass.“
Sials Vater scheint allerdings nicht ganz so überzeugt. „Bist du sicher dass der hier noch wohnt?“ fragt er.
„Ziemlich. Aber um das heraus zu finden gibt es nur einen Weg. Ich werde wohl nachschauen müssen. Wartet am besten hier.“
Damit verschwindet er auch schon durch die schlichte Holztür ins Innere des Hauses. Sial wittert eine Gelegenheit. Jetzt muss sein Vater endlich ein paar Fragen beantworten!
„Wieso seid ihr geflohen?“ will er als erstes wissen. Aber zu seiner großen Enttäuschung und Frustration bekommt er auch diesmal nur ein knappes, nervöses „Sial Bitte! Das hier ist nicht der geeignete Ort um solche Fragen zu erörtern!“ zur Antwort.
Muss ja ganz schön schlimm gewesen sein was damals passiert ist, denkt er sich missmutig. Wieso um alles in der Welt sollte man eigentlich in so eine Situation zurückkehren wollen? Einfach toll dass alles hier. Sial beginnt sich sehr stark nach seinem warmen Bett zu sehnen.
„Aber wo wollen wir denn überhaupt hin?“ versucht er es noch einmal.
„Deine Mutter ist auf dem Weg zu ihrer Familie. Wenn alles gut geht können wir dort unterkommen. Tu mir jetzt bitte einen  Gefallen, sei still und halte dich im Hintergrund. Versuch einfach keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Wir erklären dir alles später.“
„Ja“, murrt Sial unzufrieden. Das war ja ein lohnendes Gespräch. Sei still, blablabla! Ich bin doch kein Kleinkind mehr, wütet er innerlich. Allerdings weiß er aus Erfahrung, dass er jetzt nicht mehr aus seinem Vater heraus bekommen wird. Die Tür öffnet sich, sein Vater zuckt erschrocken zusammen, aber es ist nur Velien, der sie gut gelaunt hereinwinkt.
Während sie eine schmale dunkle Treppe hinaufsteigen und die Feiergeräusche immer lauter werden, denkt Sial an seine letzte Party. Vor einer Woche als er noch ein ganz normales Mädchen war und sich nur Sorgen darüber machen musste ob Dennis aus der Parallelklasse wohl mit ihm gehen würde. Wie sehr sich doch alles geändert hat! Irgendwer scheint da oben eine Geige zu quälen, jedenfalls hört es sich so an. Ein seltsamer Geruch der immer stärker wird erfüllt die Luft.
Und dann sind sie oben. Der ganze Raum ist absolut vollgestopft mit den verschiedensten Geschöpfen und alle scheinen sich prächtig zu amüsieren. Jedenfalls machen sie einen Heidenlärm, lachen und trinken ausgelassen. Velien winkt einem schlanken Elf dessen Haut so weiß ist dass man fast denken könnte er wäre ein geschminkter Pantomime. Sein Haar ist im krassen Gegensatz dazu pechschwarz und er hat große grün glitzernde Augen, die amüsiert funkeln als er auf sie zukommt.
„So so, ihr wollt hier übernachten? Na dann viel Spaß“, grinst er. „Ich glaube kaum, dass es möglich sein wird zu schlafen, aber fühlt euch herzlich eingeladen mit uns zu feiern.“
Die Tatsache, dass ein Freund, denn dass muss Velien wohl sein für ihn, nach der Kleinigkeit von siebzehn Jahren plötzlich wieder vor der Tür steht und nach einem freien Bett fragt scheint ihn nicht im Mindesten aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil, er legt den Arm um den dunkelhäutigen Elfen und fängt an auf ihn einzureden, während er ihn mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit durch die Menge dirigiert. Sial und sein Vater können nichts weiter tun als den beiden zu folgen. Obwohl sie sich dabei nicht ganz so geschickt anstellen kommen auch sie recht gut voran.
Veliens Freund führt sie in einen zweiten Raum, in dem nicht ganz so viel los ist. Dann verschwindet er wieder, aber nur um nach einer Minute mit einer weiteren Person zurückzukehren, die sowohl Velien als auch Sials Vater zu kennen scheinen. Die drei verfallen jedenfalls fast sofort in ein angeregtes Gespräch, wobei sie jedoch eine Sprache sprechen, die Sial nicht kennt. Daher zieht er es bald vor, sich auf einen freien Stuhl irgendwo am Rande des Geschehens zu verdrücken. Von dort kann er alles beobachten ohne jemandem im Weg zu stehen.
Der Pegel der allgemeinen Alkoholisierung scheint langsam zu steigen. Man sieht jetzt ab und zu wie sich Pärchen in dunkle Winkel begeben um dort gewissen Vergenügungen nachzugehen. Sial schaut zwar zunächst fasziniert zu, beginnt sich aber schon bald schrecklich zu langweilen. Niemand kümmert sich um ihn, er kennt keinen der Leute um sich herum außer den beiden die ihn nicht beachten und irgendwie fühlt er sich äußerst fehl am Platz.
Gerade als er kurz davor ist auf seinem Stuhl sitzend wegzudösen, ertönt die Stimme des grünäugigen Elfen neben seinem Ohr.
„He, langweilst du dich etwa? Und das auf meiner Party? Dagegen müssen wir unbedingt was unternehmen. Hier nimm erst mal einen Schluck davon, das heitert dich bestimmt auf.“
Er bietet Sial einen Flachmann an. Weiß der Himmel was da drin ist, aber eigentlich ist dass jetzt auch egal. Wenn sein Vater ihn derartig ausdauernd nicht beachtet macht er sich offenbar keine Sorgen dass sein Sohn in Schwierigkeiten geraten könnte. Außerdem ist er schon auf so einigen Partys gewesen, anstatt wie seine Eltern dachten bei seiner Freundin Lea die Nacht zu verbringen. Schlimmer als der Vodka den er dort getrunken hat kann es nicht sein. Sial nimmt einen großen Schluck aus der Flasche und alles in seinem Mund fängt an zu brennen. Angewidert verzieht er das Gesicht und schüttelt sich.
„Bäh, was zur Hölle ist das denn?“
Der Elf lacht nur und meint: „Tja das trinken müssen wir wohl noch ein bisschen üben was, aber vielleicht ist Avos selbstgebrannter auch etwas stark für den Anfang. Wie heißt du eigentlich Kleiner?“
„Char… Sial. Und Du?“
„Ach du darfst mich Onkel Kharess nennen“, sagt er freundlich und wuschelt Sial durch die Haare.
„Komm wir finden was Passendes zu trinken für dich.“
Und damit zieht er Sial hinter sich her zu einem Tisch auf dem unzählige Flaschen, Krüge und Fässchen stehen. Zielsicher greift er zu einer schlanken Flasche, die mit etwas grünlichem gefüllt ist, das nach Pfefferminz riecht.
„So versuch mal einen Schluck von dem hier. Nein? Ok, aber vielleicht von dem etwas...“
Und so geht es noch eine Weile weiter, bis Sial irgendwann ziemlich egal ist was er da grade trinkt. Am Ende sitzt er mit einem großen Glas voll von etwas bernsteinfarbenem dass Kharess als Ankh bezeichnet da und fühlt sich irgendwie doch sehr betrunken. Aber das macht eigentlich gar nichts. Jedenfalls nicht nach dem heutigen Tag. Eigentlich ist es ja auch viel besser so, dann setzt vielleicht die Panik vor all dem Neuen, die bestimmt noch kommt, etwas später ein. Ja am besten er nimmt gleich noch einen Schluck! Schmeckt eigentlich gar nicht so schlecht. Ihm ist warm und an seine Umgebung hat er sich auch ein bisschen gewöhnt. Irgendwie sehen all die komischen Leute hier plötzlich doch ganz amüsant aus. Oh schade, das Glas ist ja schon alle, aber vielleicht gibt’s davon noch mehr drüben am Tisch. Und damit schwankt er los. Kharess ist nirgendwo zu sehen, also muss er die Flasche wohl selber finden. Ja die da könnte es sein. Unsicher greift Sial danach. Das Glas trifft er mehr oder weniger, aber das fällt keinem mehr auf, weil hier kaum noch jemand nüchtern ist. Auch Velien nicht der plötzlich neben ihm am Tisch auftaucht. Er grinst verschlagen, hat dabei aber glasige Augen und riecht nach irgendeinem süßen Likör.
„Oh, daa bist du. Dein Vater ist wieder in diesen grässlichen Hinterhof gegangen um auf deine Mutter zu warten, aber er konnte dich nicht finden also hat er mich losgeschickt um dir bescheid zu sagen. Hat aber ne Weile gedauert, sag mal was hast du da? Doch keinen Schnaps oder? Doch? Na toll, wer hat dir den gegeben verdammt noch mal?“
„Kharess.“
„Super, scheiße“, nuschelt Velien unzusammenhängend. „Deine Eltern werden sich freuen. Andererseits kann ich ihm das nicht mal vorwerfen, siehst schließlich schon viel älter aus als du eigentlich bist.“
„Hä?“
„Egal. Komm lass uns irgendwas zum hinsetzen suchen und drauf anstoßen, macht jetzt auch nichts mehr.“
Damit greift er sich die irgendeine von den vielen Flaschen und steuert Sial an der Schulter auf das nächstgelegene freie Sofa zu.
Beide sind inzwischen nicht mehr ganz sicher auf den Beinen und versuchen automatisch beim anderen Halt zu finden. Zum Glück ist das rettende Sofa kaum zehn Schritte entfernt. Erleichtert lässt Sial sich in die weichen Polster fallen, seufzt und merkt etwas verspätet das er halb auf Veliens Schoß gelandet ist. Den scheint das allerdings nicht groß zu stören und gemütlich ist es auch, also muss er sich nicht der Anstrengung aussetzen eine andere Position einzunehmen. Glücklich kichernd greift er nach der Flasche. Wenn seine Freunde ihn jetzt sehen könnten! Denen würden glatt die Augen rausfallen. Und Dennis würde garantiert eifersüchtig wenn er ihn jetzt sehen könnte auf dem Sofa mit einem absolut sexy aussehenden Elf, auf einer interessanten Party, mit interessanten Getränken. Die Hand die sanft durch sein weißes  Haar gleitet passt so gut zu seinem Gedankengang, dass er sie zuerst kaum wahrnimmt. Er mag es so gestreichelt zu werden und die Flasche sicher zum Mund zu balancieren nimmt ohnehin gerade den Großteil seiner Aufmerksamkeit in Anspruch.


Als Velien Sial die Flasche sanft aus der Hand nimmt, bekommt er einen geradezu unwiderstehlichen Schmollmund zu sehen. Ihm bleibt der Atem weg. Der Junge ist erst sechzehn versucht ein vernünftiger Teil seines Gehirns ihm klarzumachen, der kommt allerdings nicht ganz gegen den anderen und momentan größeren Teil an, welcher darauf beharrt dass er unbedingt wissen muss wie der Likör wohl schmecken wird wenn er ihn von diesen verführerischen Lippen leckt. Sials Mutter wird ihn definitiv umbringen, versucht seine vernunftbetonte Seite ihn noch einmal zu warnen bevor es zu spät ist. Aber auf seine Vernünftige Seite war nie sehr viel Verlass. Langsam zieht er Sial zu sich herüber, bis dieser völlig auf seinem Schoß sitzt. So weit so gut. Bis jetzt scheint der Junge völlig zufrieden, bis auf die Tatsache dass ihm die Flasche mit dem Atal vorenthalten wird.
„Komm schon Velien! Gib sie mir zurück.“
Sial schmollt wieder. Es sollte verboten sein so begehrenswerte Lippen zu haben! Velien spürt wie sich langsam ein breites Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitet. Scheiß auf die Vernunft, man lebt nur einmal!
„Ich weiß was viel besseres!“ verkündet er und greift nach Sials Kragen. Langsam genug um den Jungen nicht zu erschrecken zieht er ihn zu sich heran, bis sich ihre Nasen fast berühren und beide den warmen Atem des Anderen spüren können. Eine Sekunde zögert Velien, doch dann schließt Sial die Augen und öffnet den Mund. Ein kleines Stück weit nur, aber genug um es als Einwilligung zu werten. Alle Zurückhaltung verfliegt plötzlich und Velien kann den Likör, aber auch darunter den Sial eigenen Geschmack erkennen, als seine Zunge sanft den einladenden Mund erforscht. Es ist seltsam. Ein wenig wie Bonbon, denkt er verwundert und ist restlos überrascht, als Sial anfängt sanft an seiner Unterlippe zu knabbern. So jung wie er ist scheint er doch zumindest ein bisschen Übung im Küssen zu haben.
Velien erinnert sich jetzt dunkel daran, dass Menschen im Allgemeinen früher mit solchen Dingen beginnen als Elfen. Kein Wunder bei ihrer wesentlich kürzeren Lebensspanne. Wenn Sial also als Mensch erzogen worden ist…. Er hat nie sehr viel Aufmerksamkeit auf die feineren Aspekte der Menschheit verschwendet, weder hier noch in den sechzehn Jahren in jener anderen Welt. Wieso auch unnötig Energie vergeuden?
Sein Gedankengang wird unterbrochen durch das höchst interessante Gefühl welches Sials Hand ihm beschert als sie unter seinem T-shirt über seine glatte, schwarze Haut streicht.
Ein atemloses „Oh.“ Ist jedoch alles was ihm dazu verbal einfällt. Er lässt seine eigenen Finger einen schlanken Schenkel hinaufgleiten. Diese Hose ist wirklich störend.
„Velien, bist du sicher dass das eine gute Idee ist?“ Das ist Kharess und er klingt besorgt. „Velien!“
Und natürlich muss er wie immer Recht haben, sicher ist das ganze keine gute Idee, aber wie soll man sich von so einer Kleinigkeit abhalten lassen wenn man sturzbetrunken ist? Wo ist die Beherrschung und Selbstkontrolle die den Elfen nachgesagt wird wenn man sie mal wirklich braucht? Na gut, widerstrebend löst er sich von dem Jungen und nuschelt undeutlich: „Ja, ja, ich weiß. Ist sowieso alles deine Schuld.“
„Wie bitte?! Was hab ich damit zu tun wenn du dich nicht beherrschen kannst, du Idiot?“
„Ist doch völlig klar…oh, mmh“, unterbricht Velien sich, abgelenkt durch Sial der jetzt sein Ohr entdeckt hat und Kharess Anwesenheit mehr oder weniger zu ignorieren scheint. Aber so leicht lässt sich der blasse Elf nicht abwimmeln.
„Völlig klar…?“ fragt er noch einmal ermutigend nach, starrt dabei jedoch die beiden auf dem Sofa etwas glasig an, was seine ganze Besorgnis etwas lächerlich erscheinen lässt.
„Wer hat ihm denn den ganzen Alkohol zu trinken gegeben, hä?“
„Was willst du damit andeuten?“ fragt Kharess stirnrunzelnd, aber er kann die Antwort an Veliens dreckigem Grinsen ablesen noch bevor er zuende gefragt hat und er muss insgeheim zugeben, dass sein Freund auf der richtigen Spur ist.
„Ich kenne dich Kharess, ich weiß genau was du magst“, flötet der dunkle Elf.  
„Ach und das wäre?“
Der Ton ist nun eher der eines freundlichen Neckens und es scheint so, als würden sich die beiden wirklich schon eine ganze Weile kennen.
Velien lacht nur. Er weiß die Antwort und ist daher nicht im Geringsten überrascht darüber, plötzlich auch Kharess´ Finger unter seinem T-Shirt zu spüren.
„Ah, aber ich kenne dich auch mein schwarzhäutiger Freund und ich weiß dass du nichts dagegen hast zu teilen“, hört er ein verführerisches Wispern nah an seinem linken Ohr. Und hierauf musste er siebzehn Jahre lang verzichten, wie hat er das nur ausgehalten? Einladend legt er den Kopf zurück und ist auf dem besten Wege ins Paradies als gleich zwei warme Zungen seinen Hals hinabgleiten. Scheint als hätte Sial nichts gegen dieses Arrangement einzuwenden. Wundervoll!
Eine Weile entwickelt sich die Situation sehr zu seiner Zufriedenheit, die Vernunft ist unter einem riesigen Berg von Sex und Alkohol begraben und die meisten ihrer Kleidungsstücke landen nach und nach auf dem Boden, begleitet von Halbsätzen wie „Oh daaa, ja weiter“ und ähnlichem. Weil aber sowieso die ganze Party inzwischen etwas ins orgienartige abgeglitten ist fallen sie gar nicht weiter auf.


Dann setzt Sial sich plötzlich auf.
„Halt!“
„Hä?“ kommt sofort die verständnislose Rückfrage. Was ist denn jetzt los?
„Das geht nicht“, erklärt Sial ziemlich zusammenhanglos und versucht mit mäßigem Erfolg sich aufzusetzen. „Was ist wenn ich schwanger werde?“
„Schwanger?!“
Die beiden älteren Elfen starren ihn seltsam an.
„Du kannst nicht schwanger werden Junge. Wer hat dir so einen Schwachsinn erzählt?“  erklärt Velien mit einem warnenden Unterton in seiner Stimme und Kharess murmelt etwas in der Richtung von zu viel getrunken und leichtgläubiger Jugend. Während er ungläubig den Kopf schüttelt.
Sial begreift plötzlich seinen Fehler. Natürlich kann er so wie er jetzt ist nicht mehr schwanger werden, falls das überhaupt jemals möglich gewesen wäre, aber jahrelange Predigten über Verhütung sind nun mal schwer zu vergessen. Also gut, kein Problem in dieser Richtung. Allerdings beginnt er langsam zu verstehen, dass er sich vielleicht ein wenig hat hinreißen lassen und dass er keine Ahnung hat ob es hier nicht völlig andere gesellschaftliche Regeln gibt als die bisher gewohnten. Wo sind die Grenzen, welche Tabus gibt es hier? Es ist ein Gefühl als hätte man ihm plötzlich den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Äh….“, stammelt er unsicher und schaut hilfesuchend zu Velien. Der kommt aber nicht mehr dazu etwas zu sagen, weil in diesem Augenblick ein markerschütterndes Schreien ertönt.
„VELIEN! Du dreckiger BASTARD! Nimm SOFORT deine verdammten Finger von meinem SOHN! Dafür wirst du bezahlen, das verspreche ich dir!“
Drei Paar scheckgeweiteter Augen richten sich auf Sials Mutter die jetzt durch den Raum auf sie zustürmt wie eine Furie, gefolgt von seinem Vater der still vor sich hinflucht.
„Oh Scheiße“, murmelt Kharess leise und dann ist es zu spät.
Sials Mutter greift sich Velien, der es nicht mal halb vom Sofa geschafft hat, brutal am Hals und wirft ihn kraftvoll gegen die nächstbeste Wand. Erst jetzt fällt Sial wirklich auf, dass sie größer ist als die Männer. Und ein kleiner unbeteiligter Teil seines Gehirns fragt sich müßig ob nun alle Frauen in seinem Leben so sein werden. Aber jetzt ist wirklich nicht die Zeit für solche nebulösen Überlegungen. Seine Mutter scheint kurz davor zu platzen und sieht aus wie eine Löwin die in den nächsten Sekunden ihr wehrloses Opfer reißen wird.
„Was glaubst du eigentlich was du da tust? Ich werde dafür sorgen dass du diese Nacht bis in alle Ewigkeit bereust du wertloses Stück Dreck!“ kreischt sie und schlägt dem kleineren und schlankeren Velien hart mit dem Handrücken ins Gesicht, woraufhin dieser zu Boden fällt.
Sial ist völlig perplex. Er hat seine Mutter noch niemals zuvor derart wütend gesehen und hätte es schwierig gefunden, sich auch nur vorzustellen sie könnte auf eine so brutale Weise mit anderen umspringen. Sein Mund steht weit offen und er hat nicht die geringste Ahnung was er als nächstes tun soll. Ein Glück dass sie nie herausgefunden hat, dass er während des letzten Sommers im Ferienlager mit diesem absolut süßen Jungen namens Stefan geschlafen hat wird ihm jetzt klar. Sie hätte vielleicht einen hysterischen Anfall bekommen und den armen Kerl prompt in der Luft zerfetzt.
Ihm wird schwindelig als er daran denkt was ihm selber bevorsteht und schaut verwirrt auf das Hemd mit dem T-Shirt welches sein Vater ihm plötzlich in die Hand drückt.
„Schnell zieh das an. Du willst doch nicht unnötig reizen, oder!“ zischt er eindringlich.
Natürlich nicht! Dieser Gedanke ist so motivierend, dass Sial, trotz seiner Trunkenheit, in kürzester Zeit nicht nur das Hemd, sondern auch Hose und Schuhe am Leib hat.
Seine Mutter schlägt weiterhin auf Velien ein, der sich seltsamerweise nicht zu wehren scheint. Er rollt sich nur fest zusammen um möglichst wenig ihrer explosiven Wut abzubekommen. Kharess ist rein zufällig nirgendwo zu sehen.
Sial und sein Vater werfen nervöse Blicke um sich, die anderen Partygäste scheinen die ganze Sache höchst unterhaltsam zu finden und fangen an sich um sie zu sammeln. Gar nicht gut, gerade solche Aufmerksamkeit wollte sie doch vermeiden! Scheinbar realisiert Sials Mutter dies auch und wendet sich abrupt von ihrem Opfer ab.
„Wir gehen!“ faucht sie, packt Sial unsanft am Arm und zerrt ihn hinter sich her. Die Stufen hinunter, aus dem Haus und danach scheinbar durch die halbe Stadt. Dabei sagt sie die ganze Zeit nicht ein einziges Wort, aber ihr Mund ist nur noch eine strichdünne Linie und die eleganten weißen Augenbrauen sind drohend zusammengezogen. Das heißt nichts Gutes und Sial wird immer beklommener zu mute. Sie gehen so schnell, dass er keine Zeit hat auf seine Umgebung zu achten, sondern darauf aufpassen muss nicht ständig auf dem unebenen Pflaster zu stolpern.
Als sie nach viel zu langer Zeit endlich etwas langsamer werden, stellt Sial fest, dass sie scheinbar in einer der besseren Gegenden angekommen sind. Die Häuser sind groß und verschwenderisch mit Verzierungen bedeckt. Sie alle scheinen eine Arroganz auszustrahlen, die man häufig bei Leuten findet die so einen Überfluss an Geld haben das sie es gewohnt sind immer ihren Willen zu bekommen, weil niemand es wagen würde sie zu verärgern.
Sial, der sich schon lange den Großteil seines Taschengeldes selbst erarbeiten musste und genau deshalb ständig pleite war, fühlt sich ein wenig deplaziert in dieser Umgebung. Sein Unbehagen steigert sich noch, als seine Mutter zielsicher auf eines dieser Häuser zusteuert und der Diener neben der Tür diese mit unterwürfig gesenktem Kopf öffnet.
Sein Arm ist noch immer im schraubstockartigen Griff seiner Mutter gefangen und sie macht keine Anstalten diesen Umstand bald zu ändern. Stattdessen zerrt sie Sial durch die große, protzige Eingangshalle. Er wirft seinem Vater einen besorgten Blick zu, ist aber verunsichert, als er nur hilflose Resignation in dessen Augen erkennt. Außerdem scheint es als bliebe er in der Halle zurück, während Sial selbst von seiner Mutter stetig und unbarmherzig weiter gezogen wird.
Der Alkohol scheint sich mittlerweile fast völlig verflüchtigt zu haben und macht jetzt wachsender Angst platz. War das was er getan hat so unakzeptabel? Muss er mit Bestrafung rechnen? Wieso konnten seine Eltern ihn nicht besser auf diesen Tag vorbereiten? Im Grunde ist das Ganze ihre Schuld beschließt er trotzig. Hätten sie ihm erklärt wie er sich hier zu benehmen hat wäre nichts passiert, aber nein die beiden mussten ja ihr großes Geheimnis unbedingt bewahren. Sieht allerdings nicht so aus als würden seine Eltern sich in nächster Zeit von seiner Sicht der Dinge überzeugen lassen. Das tun sie sowieso sehr selten.
Dann hält seine Mutter plötzlich übergangslos vor einer großen, zweiflügligen Holztür an, die mit anzüglichen Schnitzereien bedeckt ist. Abrupt dreht sie sich zu ihm um und mustert ihn scharf. Sie ist immer noch wütend, das kann Sial klar erkennen, aber zumindest hat sie jetzt seinen Arm losgelassen.
„Hinter dieser Tür sitzen deine Großmutter, Tanten und ein paar deiner Onkel“, erklärt sie mit einer Stimme die seltsam gepresst klingt. „In den nächsten Minuten werden sie und sie allein, nicht ich über dein weiteres Leben entscheiden. Alles hängt von deinem Benehmen ab. Ich möchte dass dir das absolut klar ist.“
Plötzlich ist Sial äußerst  beklommen zumute. Jemand den er noch nie zuvor gesehen hat soll Entscheidungen über sein Leben fällen?!
„Aber…“, beginnt er zu protestieren, doch seine Mutter fällt ihm ins Wort.
„Sei respektvoll, rede nur wenn du gefragt bist und stell am besten keine unnötigen Fragen.“ Fordert sie eindringlich. „Was du jetzt tust wird Einfluss auf dein ganzes weiteres Leben haben. Verstehst du?“
„Was ist mit…?“
„Keine Zeit mehr, geh jetzt hinein. Ab diesem Zeitpunkt kann ich dir nicht mehr helfen mein Kind.“
Und mit diesen Worten öffnet sie die Tür und schiebt, den natürlich völlig unvorbereiteten, Sial in den dahinterliegenden Raum. Am liebsten würde er sich auf der Stelle wieder umdrehen, hinausstürmen und sich haltsuchend an seine Mutter klammern, aber in diesem Augenblick klickt hinter ihm schon das Schloss. Mist mist mist, was soll er denn jetzt bloß machen? Die Worte „Ich kann dir nicht mehr helfen“ hallen unheilvoll in seinen Gedanken nach, als er unsicher weiter in den Raum hineintritt, der nach einer derart riesigen Tür folgend geradezu lächerlich klein und leer wirkt. Sechs Personen sind anwesend, die Hälfte davon weiblich. Sie besetzen die einzigen drei Stühle im Zimmer. Ob es Zufall ist, dass es die einzigen Frauen hier sind, denen der Komfort eines Sitzmöbels erlaubt wird? Sie alle besitzen verblüffende Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Na ja vielleicht nicht ganz so verblüffend. Sie sind schließlich mit ihr verwandt. Langsam geht er auf die Gruppe zu und bleibt schließlich nervös in einer wie er hofft, respektvollen Distanz stehen, während ihn alle still und viel zu intensiv mustern.
Gerade als Sial beginnt sich äußerst unwohl zu fühlen angesichts der Frage, ob er jetzt zuerst das Wort ergreifen sollte oder ob diese Handlungsweise doch unangemessen wäre, spricht eine der Frauen.
„So, du bist also Lias Sohn.“ Sie hat dabei einen enttäuschten Unterton, als wenn ihr ein Mädchen bedeutend lieber gewesen wäre. Tja, da kann Sial ihr eigentlich nur beipflichten. Er wäre auch lieber weiterhin Charlotte geblieben. Vor allem wäre er jetzt gerne zu Hause in seinem Bett.
„Ja…“, zu spät wird Sial bewusst, dass er nicht die geringste Ahnung hat wie er diese einschüchternde Person ansprechen muss.
„Manieren hat sie dir jedenfalls nicht beigebracht.“ Der Kommentar wird von einem abschätzigen Gesichtsausdruck begleitet.
„Du wirst mich und jede andere Frau jederzeit mit Herrin ansprechen. Solange deine Mutter sich unter meinem Dach verkriecht hast du hier den Status eines Untergebenen. Verstanden?“
Scheiße, dass ist ja hier wie im Mittelalter! Ok, besser er tut jetzt was man von ihm erwartet. Wer weiß was ihm sonst bevorsteht. Soweit er sich erinnern kann waren Bestrafungen im Mittelalter äußerst unangenehm und er muss ja nicht unbedingt sofort herausfinden wie weit der Vergleich wirklich geht. Besonders nicht nachdem er erst vor kurzer Zeit zusehen konnte wie seine Mutter ungehindert Velien verprügelt hat, der sich aus Gründen die ihm langsam klarer werden nicht wehren konnte. Scheint nicht so als hätten die hier Gesetze gegen Sexismus. Wieso muss er eigentlich immer an der falschen Seite der Machtverteilung enden?
„Ja, Herrin.“
Diese ungewohnten Worte fühlen sich sehr seltsam an als sie über seine Lippen kommen.
„Gut. Dann kommen wir zum nächsten Problem. Als Untergebener in diesem Haushalt wird von dir erwartet, dass du dich irgendwann nützlich machst. Wenn dein Mangel an Manieren als Anhaltspunkt für den Stand deiner restlichen Ausbildung gesehen werden kann, wirst du ein schweres Los haben Junge.“
Uh, das hört sich gar nicht gut an. Muss er jetzt etwa den Rest seines Lebens als Putzfrau fungieren? Hätten seine Eltern ihn nicht lieber einfach zurücklassen können?
„Ich erwarte von jedem hier, dass er seine Talente und Fähigkeiten in erster Linie zum Wohle des Haushaltes einsetzt. Kannst du lesen?“
„Ja, Herrin.“
„Schreiben?“
„Ja, Herrin.“
„Tanzen?“
„Äh…ich glaube nicht, Herrin.“ Wieso zum Henker will sie wissen ob er tanzen kann? Welche Art Tanz meint sie überhaupt? Die Frage hat ihn total aus der Bahn geworfen. Ist es hier wichtig ob man gut tanzt? Oh, sie runzelt unwillig die Stirn. Nicht gut! Dann murmelt sie etwas dass vage klingt wie „…keine Zeit für Trivialitäten… sseres zu tun…“, und blafft plötzlich einen der Männer an.
„Anathel!“
„Ja, Herrin?“
Ha, wenigstens ist Sial nicht der einzige der dieses Spiel spielen muss! Die Befriedigung über diese Entdeckung verpufft allerdings schon nach dem nächsten Satz.
„Nimm ihn mit und entscheide ob er sich besser für das Satechem Institut oder Haus Blereyen eignet. Du bist vorerst für ihn verantwortlich, ich erwarte deine Antwort morgen früh.“
„Ja, Herrin.“
Damit setzt sich der Angesprochene in Bewegung und Sial bleibt gar nichts anderes übrig als ihm zu folgen. Scheiße, was sind diese… wie hieß das eine noch? Sa-irgendwas oder so. Was passiert denn jetzt?! Wenigstens kommt er auf diese Weise weg von diesen herrischen Frauen! Herrje jetzt fängt er schon an zu denken wie ein typischer Mann. Andererseits ist das wahrscheinlich gar nicht so verwunderlich wenn man auch einer ist, muss wohl in den Genen verankert sein.
Darauf bedacht niemanden unnötig zu verärgern imitiert Sial die respektvolle Abschiedsgeste, die Anathel in Richtung der „Herrin“ macht. Dann verlassen beide ohne weitere Formalitäten den Raum.
Sials Mutter wartet noch vor der Tür und sieht zunächst erleichtert aus als ihr klar wird, dass ihr Sohn noch in einem Stück ist. Ihr Blick verdunkelt sich allerdings als sie bemerkt wer ihn begleitet. Anathel lächelt herablassend, sagt aber nichts. Scheint als gäbe es Spannungen zwischen ihm und Sials Mutter. Hoffentlich überträgt sich das nicht auf seine Haltung Sial gegenüber. Schließlich kann er jetzt darüber entscheiden was mit ihm passieren wird.
„Was…?“
„Meine Entscheidung Schwester“, schneidet er ihr kalt das Wort ab. „Ich soll sein Talente beurteilen.“
Sials Mutter presst nach dieser Offenbarung die Lippen aufeinander und runzelt unwillig die Stirn. Da breitet sich ein unangenehmes Lächeln auf dem Gesicht seines Onkels aus und er raunt: „Vielleicht sollte ich im Fall Blereyen ja einen etwas intensiveren Test vornehmen. Was meinst du? Er gäbe so eine hübsche Hure ab und wir wollen ja nicht das er seine Bestimmung verfehlt.“
Bei diesen Worten streicht er Sial leicht mit den Fingerspitzen über Wange und Nacken. Dessen Augen weiten sich geschockt als er die vollen Ausmaße der Andeutung registriert und er schaut erschrocken nach Hilfe suchend zu seiner Mutter. Dann geschieht etwas, dass Sial nie im Leben erwartet hätte. Seine Mutter, die Person der er immer vertrauen konnte, die ihn aufgezogen und versorgt hat lacht nur und sagt eiskalt: „Ja, vielleicht solltest du das tun. Er hat heute schon bemerkenswerte Tendenzen in diese Richtung gezeigt.“  
Wie bitte?! Seine eigene Mutter überlässt ihn mit einem kalten Lächeln seinem Onkel, der ihr praktisch ins Gesicht gesagt hat, dass er vorhat ihn zu vergewaltigen?! Nicht nur das, sie stellt ihn praktisch noch dazu als Schlampe hin. Nachdem sie vorher Velien verprügelt hat?! Das kann nicht wahr sein, das ergibt doch alles keinen Sinn denkt Sial entsetzt und gibt ein merkwürdig ersticktes Quieken von sich als er mit offenem Mund entgeistert seine Mutter anstarrt. Bevor er aber noch irgendetwas anderes sagen kann hat sie sich schon umgedreht und ist fluchtartig um die nächste Ecke verschwunden. Er hat sich noch nie derartig verletzt und verraten gefühlt! Wie kann sie ihm das antun? Sie ist seine Mutter, sie sollte auf ihn aufpassen, ihn beschützen! Stattdessen liefert sie ihn einfach aus.
Bevor Sial sich völlig von diesem Schock erholt hat und zu Fluchtgedanken übergehen kann, hat sein Onkel ihn schon hart an den Schultern gepackt und schiebt ihn in der entgegengesetzten Richtung vor sich her den Gang hinunter. In diesem Augenblick wird ihm verspätet klar, dass er jetzt etwas tun muss, sich wehren muss. Sonst ist die letzte Chance verpasst hier noch raus zu kommen. Er fängt an sich zu winden und versucht aus dem festen Griff zu entkommen. Anathel ist davon allerdings wenig beeindruckt, im Gegenteil eher belustigt. Er lacht leise als er Sial ohne große Anstrengung den Arm auf dem Rücken verdreht, ihn an den Haaren nah zu sich heranzieht und ihm von hinten ins Ohr flüstert: „An deiner Stelle wäre ich jetzt ganz vorsichtig Junge. Es ist deine Entscheidung, entweder du fügst dich und ich gebe dir noch eine Chance oder du kannst den Rest deines Lebens auf dem Rücken verbringen.“
Ein paar Sekunden verharren die beiden so und Sial versucht etwas zu sagen, aber er bekommt nur Bruchstücke von Sätzen heraus.
„Du…ich…was?“
Er wird herumgedreht, jedoch ohne dass die Hand sich aus seinem Haar entfernt und kann seinem Onkel nun in dessen kühle graue Augen schauen.
„Ich weiß ja nicht wie die Dinge geregelt wurden wo du herkommst, aber hier interessiert es absolut niemanden was ich mit dir anstelle, solange du morgen noch lebst und laufen kannst. Was die Herrin betrifft bist du nur der wertlose Sohn einer  Tochter, die ihre Erwartungen enttäuscht hat und die ihr jetzt zur Last fällt. Sie ist nicht besonders gut auf dich zu sprechen. Solltest du irgendwelche Dummheiten veranstalten, ja auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein, ist es gut möglich dass sie dich einfach an den Nächstbesten verkauft der bereit ist zu zahlen. Kein schönes Schicksal, kann ich dir sagen.
Niemand wird hier auf dich aufpassen, jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn du also weißt was gut für dich ist, dann kommst du jetzt ganz brav mit. Klar?“
Sial starrt ihn entsetzt an. Verkauft? Ihm war nicht klar dass so was hier offenbar Gang und Gäbe ist. Und erst in diesem Augenblick wird ihm bewusst: selbst wenn er jetzt wegliefe, wohin würde er gehen? Sein Vater scheint machtlos zu sein und seine Mutter hat ihn gerade eiskalt sitzen lassen. Im Moment ist er völlig auf Anathel angewiesen. Besiegt lässt er den Kopf hängen.
Das scheint an Reaktion zu genügen, denn kurz darauf lockert sich der Griff in seinem Haar und Sial kann sich wieder frei bewegen, obwohl er natürlich in Wirklichkeit weit davon entfernt ist frei zu sein.
Schweigend und verzweifelt folgt der junge Elf Anathel den weiten Weg zu dessen Räumen. Er kann fühlen, wie in ihm langsam Tränen an die Oberfläche  blubbern, aber er darf nicht weinen. Wenn er jetzt damit anfängt wird er die nächsten drei Wochen nicht mehr aufhören können. Er zwingt durch eine gewaltige Kraftanstrengung die Verzweiflung tief in sein Inneres zurück und merkt, wie sich schließlich eine Art Betäubung in ihm ausbreitet. Er musste heute mit derartig vielen Neuen Verhältnissen fertig werden, dass er inzwischen restlos überfordert ist. Er weiß nicht mehr was er sagen und tun kann ohne unangenehme Konsequenzen erwarten zu müssen, er weiß nicht wieso seine Eltern sich plötzlich benehmen als wäre er ihnen egal, er weiß eigentlich gar nichts mehr.
„Da rein“, reißt ihn schließlich die Stimme seines Onkels aus den kreisenden Gedanken. Verstört schaut Sial ihn an, bevor sein Blick an dem ausgestreckten Arm entlang zur nächsten Tür gleitet.
Seine Hand zittert als er die Tür öffnet, aber wenn er sich anstrengt ist es fast wie jemand anderem dabei zuzusehen. Vielleicht kann er diese Distanz aufrechterhalten und sich, nachdem er heute Nacht überstanden hat, daran machen wieder zurück zu kehren. Ob Velien ihm helfen würde?
Der Raum ist nicht ganz so verschwenderisch dekoriert wie der Rest des Hauses, aber die Verzierungen die da sind machen einen äußerst geschmackvollen Eindruck. Das hier scheint eine Art Wohnzimmer zu sein, von dem noch zwei weitere Türen abgehen. Sein Onkel gestikuliert vage in Richtung eines Sessels und fragt ob er hungrig sei. Sial schüttelt stumm den Kopf, bedauert es dann aber sofort. Essen hieße mehr Zeit für ihn, mehr Zeit um mit der Situation fertig zu werden. Diese Chance ist wohl vertan und nur seiner eigenen Dummheit wegen. Er presst die schmalen Lippen aufeinander und sitzt angespannt im weichen, plüschigen Sessel. Für den Moment scheint Anathel sich damit zufrieden zu geben ihn erst mal lange und gründlich zu mustern. So lange, dass Sial erschrocken zusammenzuckt als er schließlich doch etwas sagt.
„Weißt du, eigentlich solltest du dankbar sein, dass die Herrin nicht einem meiner Brüder die Verantwortung für dich übertragen hat, die beiden können manchmal etwas, wie soll ich sagen… unbedacht in ihren Handlungen sein. Wir alle haben mit deiner Mutter noch alte Schulden zu begleichen, aber im Gegensatz zu den beiden bin ich dagegen dich für ihre Verfehlungen leiden zu lassen. Im Gegenteil, ich bin sogar bereit dir zu helfen. Natürlich erwarte ich eine Gegenleistung“, fügt er noch hinzu, als Sial hoffnungsvoll aufschaut.
„Nichts in dieser Stadt ist umsonst, wie du bald feststellen wirst. Aber du hast mehr Glück als viele andere. Du hast eine einflussreiche Familie hinter dir, auch wenn du davon natürlich noch keine Ahnung hast.“ Anathel lächelt, aber es ist ein scharfes, unangenehmes Lächeln. „Du bist hübsch genug um den Kopf vieler zu verdrehen die dir einen Vorteil verschaffen können…ah nun schau nicht so entsetzt, bald wirst du froh darüber sein. Du wirst nämlich jeden Vorteil brauchen den du kriegen kannst Junge, glaub mir. Männer sind nicht besonders hoch angesehen in unserer Gesellschaft.“
Mit dieser ermutigenden Bemerkung reicht er Sial eine kleine, aber überraschend schwere Kristallkugel.
„Kannst du es fühlen?“ fragt er leise und Sial will schon verneinen, als ihm eine Art Vibration auffällt. Neugierig schaut er sich die Kugel näher an, sie sieht eigentlich völlig harmlos aus, ein glattgeschliffener Stein von grünlich milchiger Farbe, der sich durch keine besonderen Eigenschaften auszeichnet. Nur diese Vibration, die ihn zunehmend kribbelig macht. Sial schneidet eine unbehagliche Grimasse.
„Sie vibriert?“ Mehr Frage als Feststellung. „Wozu ist sie da?“
„Unwichtig. Von Bedeutung ist nur dass du die magischen Schwingungen wahrnehmen kannst.“
Magische was? Ach ist eigentlich auch egal, solange er nicht in dieses Blereyen muss würde er so ziemlich alles gutheißen was sein Onkel ihm vorsetzt. Und im Moment scheint dieser ganz zufrieden sein mit seinen Reaktionen. Er lässt sich sogar zu einer weiteren Erklärung hinreißen, etwas dass Sial inzwischen als unerwarteten Bonus einstuft. Niemand scheint es noch für notwendig zu halten ihm irgendwas zu erklären.
„Wenn du diese Schwingung erfühlen kannst bedeutet das, dass du höchstwahrscheinlich genug magisches Talent hast um nach Satechem zu gehen, wo du zum vollwertigen Magier ausgebildet wirst. Sofern du die zehn Jahre dort überlebst heißt das.“
Das sind seine Optionen, Magier oder Hure? Na toll. Bis heute waren seine Zukunftsambitionen mehr aufs Abitur gerichtet.
„Ich soll Magier werden?“ fragt er unsicher, das Wort fühlt sich seltsam an, ausgesprochen in einem so ernsten Zusammenhang. Ein Magier hatte für ihn immer mehr mit Zirkus zu tun, etwas wo man mal eben zur Unterhaltung hingeht. Nicht im Traum hätte er sich selbst jemals enger mit diesem Begriff in Verbindung gebracht. Außerdem gefällt ihm der hungrige Gesichtsausdruck, den sein Onkel jetzt an den Tag legt überhaupt nicht.
„Wie gesagt, alles hat seinen Preis.“
Aha, also eigentlich gar keine Optionen. Scheiß Situation! Was soll er denn jetzt machen? Entweder ist es heute sein Onkel oder später jeder der genug bezahlt. Das letztere ist keine Möglichkeit mit der Sial sich näher auseinandersetzen möchte, also bleibt er in seiner Verzweiflung ganz still sitzen und wehrt sich nicht gegen die Finger unter seinem Kinn, die sein Gesicht in eine leichter erreichbare Stellung bringen. Er bleibt passiv als er weiche Lippen auf den seinen spürt. Plötzlich wünscht er sich er wäre noch betrunken, dann wäre das alles einfacher. Schlanke Finger gleiten durch sein Haar und über seinen Nacken, dann löst sich Anathel von ihm.
„Wie ich sehe verstehen wir uns“, stellt er zufrieden fest.
Sial beißt sich auf die kribbelnden Lippen und nickt. Die Verzweiflung geht langsam in dumpfe Resignation über. Was kann er jetzt noch tun? Wenn er sich wehrt verschlechtert sich seine Situation und wahrscheinlich würde er sowieso nicht viel ausrichten können. Warum also unnötige Probleme heraufbeschwören? Er muss nur diese Nacht überstehen. Du schaffst das, versucht er sich einzureden, ist aber nicht ganz sicher ob er recht hat. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, hält er sich vor. Viele  verdienen so ihren Lebensunterhalt also beherrsch dich.
Trotzdem zögert er der nächsten Forderung nachzukommen.
„Zieh dich aus.“
Tief durchatmen, du kannst das. Seine Finger zittern zwar, aber er schafft es zumindest die ersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Nach kurzer Zeit jedoch wird Anathel offenbar langweilig und er zieht ihm das Hemd samt T-Shirt einfach über den Kopf.
„Nach Lias Kommentar vorhin hätte ich nicht gedacht dass du so schüchtern bist.“  
Eine hochgezogene Augenbraue begleitet diesen Satz. Sial fühlt wie sein Gesicht heiß wird. Wäre seine Haut nicht schwarz würde er jetzt sehr offensichtlich erröten.
„Ich war betrunken“, murmelt er und schaut peinlich berührt zu Boden.
„Betrunken? Nachdem du kaum ein paar Stunden hier bist?“
Kühle Hände fahren die Konturen seines Brustkorbes nach und er bekommt unwillkürlich eine Gänsehaut.
„Kharess hat …und Velien…und dann war plötzlich meine Mutter da und…“
„Ah, Ich verstehe.“
Ein Finger streift wie zufällig seine Brustwarze und er muss plötzlich scharf Luft holen.
„Velien und Kharess. Typisch, die beiden konnten sich noch nie sehr gut beherrschen.“ Anathel lacht leise und überrascht Sial dann indem er anfängt an seinem Nacken zu knabbern und zu lecken.
Ein atemloses „Oh.“ Ist alles was er herausbringt, woraufhin Anathel auf einmal anfängt zu kichern.
„Siehst du, ist gar nicht so schlimm.“
Widerwillig muss Sial ihm innerlich zustimmen, bis jetzt hat sein Onkel ihm weder wehgetan noch allzu unangenehme Dinge von ihm verlangt. Trotzdem besteht weiterhin das hartnäckige Gefühl in seinem Bauch, dass dies alles irgendwie absolut falsch ist. Allerdings kann er auch nicht mehr wirklich etwas gegen die momentane Situation tun, also ist es vielleicht besser das Gefühl einfach so gut es geht zu ignorieren und alle Sorgen auf morgen zu verschieben.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf trifft er die bewusste Entscheidung nicht mehr nur passives Opfer zu sein, sondern wenigstens ein bisschen Kontrolle an sich zu bringen, weshalb er zu Anathels Überraschung auf einmal anfängt seine Hände unter den weit geschnittenen Kragen der Magierrobe zu manövrieren, wo er feststellen kann wie glatt und weich dessen Haut ist.
Das Ergebnis seiner Aktion ist, dass sein Onkel sich aufrichtet, ihm einmal prüfend in die Augen schaut und daraufhin ungerührt feststellt: „Ah, bist du also doch nicht so ein weinerlicher Schwächling wie ich gedacht habe“, bevor er sich wieder Sials Körper zuwendet.
Nicht darüber nachdenken, alles wird gut. Du hattest schon mal Sex, das hier kann gar nicht schlimmer sein als seine Jungfräulichkeit irgendwo in der Pampa zu verlieren während einen Gräser und Sandkörner zum Wahnsinn treiben, die scheinbar wirklich überall hingelangen können. Zu jener Zeit hatte Sial allerdings noch einen weiblich geformten Körper und während er damals die Theorie recht gut kannte, weiß er nicht so genau wie das Ganze vonstatten geht wenn zwei Männer daran beteiligt sind. Nicht dran denken, alles wird gut…
Das Gefühl einer warmen Zunge auf der bloßen Haut seines Bauches hilft sehr dabei sich vom näheren Nachdenken abzulenken. Oh Gott, ihm war nie klar wie empfindlich ein Bauchnabel sein kann.
Peinlicherweise reagiert sein Körper langsam aber sicher in sehr offensichtlicher Weise auf die ihm entgegengebrachten Aufmerksamkeiten. Was für ein seltsames Gefühl! Auf jeden Fall ist es plötzlich irgendwie sehr viel schwerer noch einen klaren Gedanken zu fassen.
„Oh verdammt!“
Keucht Sial überrumpelt als Anathel ihm plötzlich in den Schritt greift. Auf so was war er nicht vorbereitet. Sein Onkel lacht leise.
„Ganz der Unschuldengel was?“
Sial findet das gar nicht lustig.
„Ist doch nicht meine Schuld!“ faucht er auf einmal wütend. „Schließlich war ich bis heute Morgen noch ein Mädchen. Woher soll ich denn da wissen wie…“
Er bricht ab als er den Ausdruck höchster Ungläubigkeit auf dem Gesicht seines Onkels wahrnimmt.
„Was?“ fragt er unsicher.
„Ein Mädchen? Wovon redest du bitte?“
„Na ja, d…der Tarnzauber der vor meiner Geburt ge… äh gesprochen wurde.“ Heißt das überhaupt gesprochen? Sial hat nicht die geringste Ahnung. „Meine Mutter war sich sicher dass ich ein Mädchen wäre und deshalb…“, unsicher bricht er ab. „Hat sie nichts davon erzählt?“
„Weißt du was Junge, deine Mutter kann ja manchmal ziemlich überheblich sein, aber das ist selbst für sie außergewöhnlich. An deiner Stelle würde ich das nicht gleich jedem auf die Nase binden.“ Kopfschüttelnd lässt sich Anathel auf den nächstbesten Sessel fallen.
„Das macht alles etwas komplizierter schätze ich. Kein Wunder dass sie nichts davon erwähnt hat“, murmelt er hauptsächlich zu sich selbst.
„Wieso nicht?“ Sial kann sich nicht zurückhalten und muss einfach fragen. Schiefergraue Augen treffen die seinen.
„Na an ihrer Stelle würde ich es auch nicht riskieren die Herrin noch mehr zu reizen indem ich ihr auch noch alle meine blasphemischen Akte auftische sobald ich durch die Tür getreten bin und ihr meine gescheiterte Familie aufgebürdet habe.“
„Blasphemische Akte?“ echot Sial verständnislos.  
Anathel runzelt unwillig die Stirn bei dieser Frage.
„Du musst scheinbar noch sehr viel lernen Kleiner. Ich glaube ich habe deinen Wissensstand doch etwas überschätzt. Und wie ich meine Mutter kenne bin ich derjenige der deinen Lehrer spielen darf.“
Missmutig fegt er imaginären Staub von seinen Roben, als wolle er damit auch Sial abstreifen.
„Du? Wieso nicht meine…“ Sial wird unterbrochen.
„Natürlich wird sie dich nicht wieder an deine Mutter aushändigen, sondern dich auf jeden Fall behalten. Solange du in meiner, also praktisch gesehen ihrer Hand, bist, hat sie ein Druckmittel gegen Lia. Und rede mich gefälligst nicht mit Du an Junge. Es heißt ihr oder Meister für jemanden in deiner Position.“
Sial schwirrt der Kopf, wie soll er bloß mithalten bei diesen ganzen Neuerungen? Seine Position? Was ist denn überhaupt genau seine Position? Das ist ja wie in der Politik hier. Wenn sein Onkel allerdings gerade in der Stimmung ist Fragen zu beantworten sollte er das auf jeden Fall ausnutzen.
„Was geschieht jetzt mit meinen Eltern?“
Anathel hat darauf aber auch nur ein müdes Schulterzucken übrig. „Was immer die Herrin beschließt.“
Es hört sich sehr resigniert an, so als wäre er mit dieser Situation schon öfters konfrontiert gewesen. Die Herrin entscheidet also.
„Und was…?“
Aber Anathel fällt ihm wieder ins Wort. „An deiner Stelle wäre ich jetzt lieber still Junge.“ Er sieht erschöpft aus, als er seufzt und sagt: „Weißt du was, ich erkläre ihr jetzt, dass ich mehr Zeit brauche und wir lassen das ganze langsam angehen. Besser für uns beide auf diese Weise, ich kriege was ich will und du leidest nicht allzu sehr unter dem Schock. Außerdem“, und dieser Gedanke treibt ein verschlagenes Lächeln auf sein Gesicht, „schuldest du mir dann noch was.“
Sial kann nur verwirrt starren und bevor er reagiert ist sein Onkel auch schon mit den Worten: „Schlaf von mir aus auf dem Sofa bis ich wieder da bin.“ aus dem Raum entschwunden.
Erschöpft wie er ist, schläft Sial trotz seiner Sorgen wirklich bald ein. Er bemerkt nicht einmal mehr wie sein Onkel zurückkommt und kopfschüttelnd auf ihn hinunter blickt, bevor er in seinem eigenen Schlafzimmer verschwindet.

Am nächsten Morgen wacht Sial dadurch auf, dass ihm ein Bündel Kleidung an den Kopf geworfen wird. Desorientiert schaut er sich ein paar Sekunden um, bis er begreift wo er gerade  ist. Sein Onkel lässt ihm nicht besonders viel Zeit sich zurecht zu finden.
„Komm schon, ich hab nicht vor mich den ganzen Tag um dein Wohlergehen zu kümmern.“ Damit wendet er sich wieder ab und erwartet offenbar von Sial ihm zu folgen.
„Wo gehen wir hin?“ keucht dieser als er ihn eingeholt hat.
„Baden“, lautet die knappe Antwort, die sehr erfreulich wäre, wenn er die Gewissheit hätte, dass Baden hier unter derselben Bedeutung läuft wie zu Hause. Das hat er jedoch nicht und so macht sich Sial lieber auf das Schlimmste gefasst. Kaltes Wasser an sich wäre schon schlimm genug, aber vielleicht gibt es auch ein großes Gemeinschaftsbad, wo man in dem gebrauchten Wasser von jemand anderem sitzen muss. Bei dieser Vorstellung schüttelt er sich innerlich!
Zum Glück ist es nicht ganz so schlimm wie befürchtet, aber auch nicht viel besser. Statt einer Gemeinschaftlichen Wanne gibt es mehrere durch Vorhänge abgeteilte Bereiche, in denen große hölzerne Wannen stehen. Der Abschnitt in den Sial jetzt von seinem Onkel geführt wird, beherbergt, neben der bereits mit dampfendem Wasser gefüllten Wanne, außerdem noch eine Bank und ein Regal mit einer Variation von Fläschchen, Bürsten und Handtüchern.
Ohne weitere Umschweife beginnt Anathel sich seiner Kleider zu entledigen und sie auf der Bank zu platzieren, bis er bemerkt, dass Sial immer noch am Eingang steht, sein eigenes Bündel mit Kleidung an die Brust gedrückt und ihn anstarrt.
„Na los, worauf wartest du noch Junge. Beeil dich ein bisschen.“
Aha, die Frage ob sie beide gleichzeitig baden werden hat sich damit also geklärt. Ob seine Mutter weiß wo er gerade ist? Fragt sich Sial während er sich langsam auszieht. Ihre Gleichgültigkeit seinem Schicksal gegenüber schmerzt noch immer. Und sein Vater? Wo mag der nur sein? Waren die beiden überhaupt wirklich verheiratet? Er kann es nicht mit Sicherheit sagen nachdem alles was er bisher kannte sich als flüchtige Illusion entpuppt hat. Vielleicht wäre es besser die Vergangenheit zu vergessen, die sowieso nur aus Lügen bestanden hat. Aber noch ist er nicht so weit.
Verstohlen betrachtet er Anathel der gerade in die Wanne steigt. Er ist schlank, weder sehr muskulös noch schwächlich und über seinen Rücken ziehen sich mehrere lange, fast verblasste Narben. Alles in allem eine eher unauffällige Erscheinung. Aber vielleicht ist Unauffälligkeit ja sogar von Vorteil hier. Je weniger Aufmerksamkeit man auf sich zieht desto weniger Möglichkeit jemand wichtiges zu verärgern bietet sich auch.
„Bring die grüne Flasche da mit Junge“, verlangt sein Onkel bevor er einmal im Wasser untertaucht um mit nassen Haaren wieder hoch zu schauen.
Schweigend gehorcht Sial. Am Rand der Wanne hält er unwillkürlich inne und schaut unsicher zur Seite, was Anathel ein bösartiges Lächeln entlockt.
„Immer noch schüchtern?“
Trotzig zusammengepresste Lippen sind die einzige Antwort auf seine Frage. Mit einer Bewegung so schnell das Sial sie nicht kommen sieht, hat er ihn zu sich herangezogen und einen harten fast brutalen Kuss auf dessen unvorbereiteten Mund platziert. Überrascht versucht Sial sich zunächst zu wehren und zurückzuweichen, muss aber feststellen, dass es ihm nicht möglich ist dem festen Griff zu entkommen.
Als Anathel sich schließlich etwas zurücklehnt, so dass Sial sein Gesicht sieht, merkt er zum ersten Mal wie gefährlich sein Onkel aussehen kann. Unnachgiebig und kalt mit einem undefinierbaren Glitzern in den schmalen Augen, seine Hand immer noch im Haar an Sials Hinterkopf hält ihn unverrückbar fest.
„Ich habe es dir gestern gesagt Junge, entweder du fügst dich oder ich sorge dafür dass du den Rest deines Lebens als Hure verbringst. Die Meister in Blereyen werden nicht so sanft sein wie ich und meine Geduld wärt nicht ewig.“
Was soll er daraufhin tun? Viele Optionen hat er nicht mehr, also schließt Sial einmal kurz die Augen, atmet tief durch und steigt in die Wanne. Wenn er die erste Zeit übersteht und sich irgendwann besser auskennt, kann er hoffentlich später weg aus diesem Haus. Am schlimmsten ist eigentlich gar nicht die Nähe des anderen Körpers hinter ihm, sondern mehr die Tatsache, dass er sich völlig übergangen, ungeschützt und ausgenutzt vorkommt. Das unangenehme Gefühl von Verletzlichkeit und Ausgeliefertsein wird er nicht so schnell wieder vergessen.
Gerade als Anathel ihn wieder herumgedreht hat und ihm einen weiteren Kuss aufzwingt, den er diesmal ohne Widerstand akzeptiert, kann Sial hören wie jemand ihren Abschnitt des Bades betritt. Unwillkürlich versteift er sich, wagt aber nicht sich völlig zu entziehen. Glücklicherweise lässt sein Onkel ihn gleich darauf von selbst los, so dass er sich umwenden kann um zu sehen wer der Neuankömmling ist. Entsetzt erstarrt Sial. Sein Vater steht vor ihm, einen seltsam resigniert gepeinigten Ausdruck auf dem Gesicht.
„Warum bist du hier Nairel?“ will Anathel sofort kühl von ihm wissen.
„Du verschwendest keine Zeit was?“ kommt statt einer Antwort die bittere Frage.
Sial würde am liebsten im Boden versinken, beschämt schaut er zur Seite. Es scheint unmöglich seinem Vater in diesem Augenblick in die Augen zu schauen. Dass sein Onkel jetzt provokant seinen Arm um seine Schultern drapiert und ihn wieder nah heranzieht macht die ganze Sache kein Stück besser. Wehren tut er sich allerdings noch immer nicht. Die Vorstellung sein ganzes Leben auf diese Weise zu verbringen ist nicht verlockend für ihn.
„Soll ich nein sagen wenn mir ein solches Juwel einfach in den Schoß fällt?“
Sial hört seinen Vater einen ungeduldigen Seufzer ausstoßen.
„Wir waren sein ganzes Leben Menschen für ihn. Er ist absolut nicht darauf vorbereitet zu…“
„Das ist mir auch schon aufgefallen“, schneidet Anathel ihm brüsk das Wort ab. „Um so wichtiger dass er es jetzt lernt bevor sie ihn in Satechem in der Luft zerfetzen und er unser Haus vollständig blamiert. Ihr habt weder ihm noch uns einen Gefallen getan ihn so zu verhätscheln. Sei lieber dankbar, dass nicht Tesh oder Dayn ihn in die Finger bekommen haben, dann könntest du den Jungen jetzt wahrscheinlich vom Boden abkratzen.“
Sials Vater zischt frustriert und breitet in einer hilflosen Geste seine Arme aus.
„Was hätte ich tun sollen? Lia hat es so entschieden.“
Eine ganze Menge bitterer Resignation schwingt in seinem Satz mit und auch Anathel seufzt leise.
„Ja und jetzt entscheidet sie gar nichts mehr, nicht wahr?“
„Nichts was mich betrifft“, erwidert Sials Vater müde. „Die Herrin lässt sie unauffällig wegbringen denke ich. Nach Kaelkirk wahrscheinlich.“
„Nun ja“, befindet Anathel, nun etwas versöhnlicher als zuvor. „Jetzt ist es wie es ist. Besser wir finden uns alle damit ab nicht wahr. Ich verspreche ich werde nicht allzu hart mit ihm sein, auch wenn er dass vielleicht anders empfinden mag. Was hast du nun vor?“
Sial windet sich unmerklich unter seiner Hand, die gerade wie zufällig seine Wange entlang streichelt. Sein Vater zuckt nur mit den Schultern, während er vorgibt es nicht zu sehen. Verdammt, ist es also wirklich allgemein üblich hier Kinder so zu behandeln? Das kann ja heiter werden, denkt Sial mit einem höchst unangenehmen Gefühl in der Magengrube.
„Ich denke kaum dass die Pläne der Herrin mich involvieren werden.“
„Und da kommt ihr zu mir?“
Ein unwilliges Nicken folgt, das deutlich zeigt wie wenig begeistert Sial’s Vater von dieser Tatsache ist. „Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit was einige Angelegenheiten betrifft. Velien mag sich bis zu einem bestimmten Grad auf Kharess verlassen können, aber in meinem Fall ist das anders.“
Sial kann Anathel’s Nicken nur fühlen, das dazugehörige unangenehme Lächeln hört er deutlich in dessen Stimme.
„Ich werde sehen was ich tun kann. Ich denke in drei Tagen weiß ich mehr.“
Sanft streicht er Sial eine Haarsträhne hinter das spitze Ohr, der daraufhin scharf einatmen muss. Seine Ohren sind so viel empfindlicher als früher und das Gefühl das diese Berührung in ihm auslöst hätte er in Gegenwart seines Vaters lieber nicht! Dessen Blick flackert nur kurz zu ihm und für den Bruchteil einer Sekunde sieht es aus als wolle er etwas sagen, doch letztendlich nickt er nur knapp und verlässt ohne ein weiteres Wort zu verlieren beinahe fluchtartig die Baderäume. Sial starrt ihm fassungslos hinterher. Einige Augenblicke ist er wie erstarrt, dann fängt sein Gehirn wieder an zu arbeiten. Seine Eltern trennen sich, sein Vater braucht etwas von seinem Onkel, das sind die beiden wichtigsten Fakten die er dem Gespräch entnehmen konnte. Sein Vater hat aber scheinbar eine so nachteilhafte Position in dieser Gesellschaft dass er darum bitten muss und der Preis…
„Was verlangst du von meinem Vater?“ fragt Sial und dreht sich wieder um.
Sein Onkel hebt nur grinsend eine weiße Augenbraue, scheint jedoch nach einem kurzen Augenblick der Überraschung eher seltsam zufrieden als wütend.
„Wie heißt das?“
Sial der sich angesichts dieser Frage vorkommt wie ein Kleinkind wiederholt mit irritiertem Unterton: „Was verlangt ihr von meinem Vater?“
Das Grinsen wird noch ein wenig breiter.
„Sieh an, du lernst schneller als ich dachte. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung für dich Junge.“ Er beugt sich näher heran, mit seinem Zeigefinger langsam die Kontur von Sial’s Schlüsselbein nachziehend. „Was glaubst du denn was ich von Nairel verlange?“
„Dasselbe wie von mir?“ kommt es halb Frage halb Feststellung von Sial, woraufhin er ein Nicken erntet.
„So ähnlich“, befindet Anathel. „Und es wäre auch nicht das erste Mal.“ Als er sieht wie sich Sial’s Augen überrascht weiten angesichts dieser Enthüllung meint er nur lakonisch: „Es gibt viele die derartige Abmachungen treffen und die Bekanntschaft zwischen deinem Vater und mir reicht weiter zurück als die zwischen ihm und Lia, aber wenn ich mir dich so anschaue bist du solche Dinge nicht wirklich gewohnt.“
Sial kann nur stumm den Kopf schütteln.
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