Isolation

von Rachiel
GeschichteAllgemein / P18 Slash
31.05.2004
16.06.2004
7
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Isolation

Teil 1/?
Autor: Rachiel
Disclaimer: wirklich aaaalleeeees meins! ^^
Warnung: yaoi, depri, spääääter irgendwann mal lime/lemon
Rating: ab 16  - wegen lemon (irgendwann mal)

Inhalt: 'Ausschließen, Einschließen, Verschließen, Isolieren,
Hassen.' Joshuas Antwort auf Gefühle, die er nicht einordnen kann.
Aber jede Mauer bekommt irgendwann mal Risse...

Kommentar: Ich hab die story schon wo anders veröffentlicht, aber
vielleicht kennt sie ja jemand noch nicht. Ich hoffe einfach mal es
weckt Interesse. Viel Spaß! ^_____^

~*~~*~~*~~*~~*~


"Da, schau mal, der Wischmop ist wieder da. Der müsste doch vor lauter Haaren
  schon gar nichts mehr sehen können."

"Wer ist das überhaupt? Geht der in unsere Klasse?"

"Sag mal, pennst du? Das ist Joshi und der geht schon seit der Unterstufe in unsere
Klasse. Allerdings kann ich mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern, solange ist es
her, seit man es das letztemal sehen konnte."

"Ist der denn *so* hässlich?"

"Keine Ahnung, ich hab` ihn nie angeschaut. Oh, da ist Connie.
  HIIII CONNIIIE!!!!"

/Weiber!/, dachte sich Joshua und ging, ohne jegliche Miene zu verziehen, weiter.

Nicht, dass man so viel von ihm sehen würde.
Wahrscheinlich kannte ohnehin niemand sein Gesicht, außer den unteren Teil
seiner Nase und seinen Mund, geschweige denn seine Augenfarbe, schließlich
verdeckten seine dichten, schwarzen Haare die obere Hälfte völlig.

Doch ihm war es nur recht so. Denn er hasste sein Äußeres.
Hasste seine Haare, hasste sein Gesicht, hasste seinen Körper.
Und hasste sich selbst.
Alles an ihm störte ihn, er kam sich so abstoßend vor.
Und wie sollte er sich auch anders beurteilen, war er doch der absolute
Außenseiter der Klasse.      

Nicht das es ihn stören würde, denn gehänselt oder niedergemacht wurde er nie.
Er wurde einfach schlichtweg ignoriert.
Er wusste nicht wieso sie ihn von Anfang an von ihrer Klassengemeinschaft
ausgeschlossen hatten, anscheinend war er etwas Ekelhaftes, etwas so
Widerwärtiges, dass man sich nicht lange mit ihm beschäftigen wollte.

Sie blockten seine vorsichtigen Versuche, sich ihnen zu nähern völlig ab, aber mit
der Zeit wurde es ihm egal, er lernte langsam mit dieser Isolation zu leben, hatte
die Ruhe inzwischen zu schätzen gelernt.
Das ging sogar so weit, dass er es nicht mehr gewohnt war längere Gespräche,
die er wenn dann sowieso nur mit seiner Familie hatte, und das auch nur eher
unfreiwillig, zu führen.
Er sprach immer nur das Nötigste.

Gelangweilt von seinem eintönigen Leben, betrat er unbemerkt das Klassenzimmer
und rutschte an seinen Platz, ganz hinten und natürlich allein.
Müde sah er durch den Vorhang seiner Haare aus dem Fenster.

Er sah die Bäume, wie sich ihre vom Herbst gefärbten Blätter im Wind wiegten
und seufzte. Er würde jetzt viel lieber in seinem Bett liegen und sein Buch
weiterlesen, als hier rumzuhängen und mehr oder weniger interessiert dem
Unterricht zu folgen.
Lautes und vor allem schrilles Gekicher riss ihn aus seinen Gedanken.

/Connie und ihr treu-dummes Gefolge./, dachte er entnervt und schaute zur Tür.

Wie sehr er dieses Mädchen doch verabscheute! Sie war einfach nur grässlich,
er konnte sich nicht im geringsten vorstellen, dass es irgendjemand mit ihr als
Freundin länger als ein paar Stunden aushielt, von Tagen mal ganz abgesehen.

Ihre grelle, quietschige Stimme, die so gekünstelt klang, wie alles andere an ihr
aussah, ihre langen, blonden Haare - sicher gefärbt - , ihr mit Make up 3 cm fett
beschichtetes Gesicht mit seinem stumpfsinnigen Ausdruck, und ihre peinliche,
extrem knappe Kleidung, trotz der kühlen Temperatur.
Insgesamt war sie das schrecklichste und dümmste Mädchen, das er je gesehen
hatte.

Er seufzte abermals leise, als Connie einen spitzen Schrei ausstieß und jemandem
freudig entgegen sprang - ihrem Freund.
Ja, entgegen all seinen Überzeugungen, dass es irgendeinen Menschen gab,
der mit ihr zusammen sein wollte, hatte sie einen Freund.
Und das schon seit über einem Jahr!

Er persönlich empfand das als Verstoß gegen das Naturgesetz, aber er wurde ja
nicht gefragt und somit enthielt er sich seiner Meinung, die einzige Stimme, die
nicht besagte, welch' ein schönes Paar die zwei doch abgaben.
Bevor er dem Pärchen auch noch bei einem Kuss zusehen musste, drehte er den
Kopf weg und wartete auf die rettende Stimme ihrer Lehrerin.
Tatsächlich musste er nicht lange warten.

"Tztztz, also bitte meine Lieben, nicht vor dem Klassenzimmer."

Allgemeines Lachen, abgesehen von Joshuas, begleitete sie zum Pult.

"Also meine Lieben, erst mal zum Skilager. Es wurde uns genehmigt-",
lauter Jubel unterbrach ihre Worte und sie hob lächelnd die Arme, um sie zur
Ruhe zu bringen.

"Schon gut, schon gut, beruhigt euch wieder. Wir fahren die letzte Woche vor
den Winterferien.Wir hatten übrigens sehr viel Glück mit unserer Pension!
Hier, auf diesen Formularen findet ihr alle Informationen.
Noch Fragen? Nein?
Gut, und vergesst nicht die Abschnitte unterschrieben bis spätestens in einer
Woche abzugeben. Na dann, holt doch bitte mal eure Hausaufgaben heraus..."

Was? Skilager? Daran hatte er gar nicht mehr gedacht.

/Scheiße!/

Er erinnerte sich nur zu gut an das letzte Mal, als er total zittrig den anderen hinterher
den Hang hinunter gefahren war und den Anschluss vor lauter Angst beinahe
verloren hatte.  
Gott, musste er da wirklich mit?! Vielleicht konnte er ja seine Mutter dazu überreden,
dass er hierbleiben durfte.

"Joshua? Können Sie Cornelia vielleicht helfen diese Aufgabe zu lösen?"

Verwirrt hob er den Kopf und blinzelte die Lehrerin erst einmal verständnislos an,
bevor er realisierte, wo er eigentlich war. Dann richtete sich sein Blick auf die Tafel.

/Oh man, die ist doch echt einfach./

Er löste die Rechenaufgabe schnell im Kopf, bevor die Lösung seinen Lippen
entwich.
Die Lehrerin schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, aber er achtete nicht darauf.
Er starrte schon wieder auf das Anmeldeformular, seine Gedanken rasten rastlos
umher.
Wie sollte er nur aus dieser Falle entkommen?
Er wollte dort nicht hinfahren, er hasste Skifahren!

"Danke Joshua, aber ich sehe, dass einige in der Klasse Ihnen nicht folgen konnten.
Können Sie uns noch Ihren Lösungsweg erläutern?"

Obwohl er schon wieder abwesend gewesen war, fing er schon automatisch an,
die verschiedenen Formeln und Terme mit absolut tonloser Stimme runterzurasseln,
ohne auch nur einmal den Kopf zu heben.
Seine Stimme war von ihrem seltenen Gebrauch her ein wenig rauh, das Sprechen
ungewohnt. Außerdem war er gedanklich ganz wo anders.

Abermals lächelte die Mathelehrerin glücklich. Was für ein intelligenter Junge er
doch war. Löste solche Aufgaben, ohne auch nur richtig hinzuschauen, im Kopf!
Schade nur, dass er so unnahbar war. Seufzend betrachtete sie die verständnislosen
Mienen ihrer Schüler. Also nochmal von vorn... .

/Na toll! Und ausgerechnet heute haben wir auch noch Sport.
Hoffentlich machen wir etwas ohne Partner./

Sport war eines der wenigen Fächer die Joshua Probleme bereiteten.
Und zwar nicht, weil er so unbegabt darin gewesen wäre, sondern weil sich einfach
niemand fand, der ihn als Partner wollte.
Ihm wurde auch nie der Ball zugeworfen, außer es gab keinen anderen Ausweg.
Deshalb musste meistens der Sportlehrer aushelfen.
Doch als er die Sporthalle betrat, hängte dieser gerade das Volleyballnetz auf,
und somit war das Problem gegessen.  

Erleichtert ging er in die Umkleide, wo sich die anderen Jungen schon bereits
umzogen und rumalberten. Er setzte sich wie immer ins hinterste Eck und löste
gerade seine Schnürbänder, als Jaime den Raum betrat.
Der Freund dieser ohrenbetäubenden Sirene namens Connie.

Gleich verwickelten seine Klassenkameraden ihn in ein Gespräch, und wenn Joshi
sich nicht irrte, sprachen sie über`s Skilager. Schnell glitt er in seine Sportkleidung
und band sich seine neuen Sportschuhe  - seine Mutter hatte ihm welche gekauft,
warum wusste er nicht, aber sie saßen gut und er beschwerte sich nicht -  
um in die Halle zu gehen.

/Warum müssen sie ausgerechnet davon sprechen! Und warum habe ich nur
solche Angst davor.../

Völlig niedergeschlagen setzte er sich auf die Bank und schaute zu Boden.
Am Liebsten wäre er jetzt nach Hause gegangen, um sein Buch weiterzulesen.
Wie er sein Leben doch hasste!

~*~~*~

Verschwitzt, aber irgendwie ausgeglichener als vorher, ging er in die Umkleide,
um sein Handtuch und Duschgel zu holen, und schritt dann weiter zum Duschraum.
Inzwischen war er leer, er war wie immer der Letzte. Reine Absicht von ihm selbst.

Er half immer beim Abbau, machte es sowieso meist alleine, und ließ sich dabei Zeit.
Er wollte nicht, dass ihm jemand beim Duschen zusah, wollte nicht, dass ihn jemand
nackt sah.

Geräuschlos zog er sich aus und stellte sich unter die Dusche. Kühles Wasser
prasselte auf ihn herab, spülte den Schweiß ab. Er seifte sich schnell ein und wusch
auch noch seine Haare - sie hatten es längst nötig gehabt - und legte seinen Kopf in
den Nacken, so dass das Wasser seine Haare aus seinem Gesicht spülte.

In dieser Position stand er dann ein paar Minuten, bis er plötzlich Blicke auf seiner
Haut spürte.
Erschrocken öffnete er seine Augen.                                        

~*~~*~~*~

"Oh shit, ich hab` mein Handtuch vergessen! Warte, ich geh`s noch schnell holen, ok?"

Lukas grinste.

"Schon allein aus Gewohnheit."

Jaime erwiderte sein Grinsen, dann lief er eilig zurück zu den Sporthallen.

"Hm, wenn`s nicht in der Umkleide liegt..."

Mit diesen Worten betrat er den Duschraum und sah sich erstaunt um, als er das
Plätschern des Wassers hörte.

/Wer ist denn noch so spät beim Duschen?/

Dann sah er ihn.
Er stand ganz selbstvergessen da, den Kopf in den Nacken gelegt, so dass Jaime
gerade noch die langen, schwarzen Wimpern sehen konnte, da die schwarzen Haare
vom steten Wasserstrahl nach hinten gewaschen wurden.
Der Mund war fest verschlossen, als würde er an etwas unangenehmes denken.
Gerade wollte er sich von diesem Anblick losreißen, als der andere Junge plötzlich
die Augen öffnete.     

Jaime stockte der Atem. Der selbe Anblick, wie vor ein-einhalb Jahren.
Die hellsten, unglaublichsten und wunderschönsten Augen sahen ihm entgegen.

"Ah...ich...", stotterte er, allerdings so leise, dass Joshua es unmöglich verstehen
konnte.

Nicht fähig, diesem Blick noch länger standzuhalten, wandte er sich leicht errötend ab.
Hastig schnappte er sich sein Handtuch, und verschwand so schnell er konnte aus
dem Raum.
Seine Wangen brannten, sein Atem kam unregelmäßig, sein Puls raste.
Er fühlte sich, als wäre er in weniger als 60 Sekunden 400 Meter gelaufen.
Völlig fertig.
Er blieb kurz stehen um sich zu beruhigen und wieder normal zu wirken.

/Hoffentlich merkt niemand was... Was sollten sie denn überhaupt bemerken?
Da war doch gar nichts... Ich hab´ nur mein Handtuch geholt, sonst war da nichts.
Absolut nichts./

Nervös fuhr er sich durch die kurzen, igelförmig geschnittenen und knallrot
gefärbten Haare, und ging rasch aus dem Schulgebäude.

"Hey Luke, `tschuldige, dass du so lange warten musstest..."
                                        
~*~~*~~*~

...und sah sich direkt Jaime gegenüber, der ihn erst einmal total perplex anstarrte
und plötzlich wegrannte. Verwirrt schaute Joshua ihm nach.

/Was sollte *das* denn jetzt?...Genau wie damals. Ich spüre seinen Blick auf
meiner Haut, öffne die Augen, er starrt mich an und dann rennt er weg.
Bin ich denn so hässlich??!/     

Mechanisch trocknete er sich ab, zog sich an, packte seine Sachen zusammen und
ging langsam nach Hause, während seine Gedanken um jenen Augenblick kreisten.

"Hi Joshi! Na, wie war dein Schultag, Schätzchen?", begrüßte ihn seine Mutter
mit einem liebevollem Lächeln auf dem Gesicht.

"Wie immer Mum, ganz ok.", kam seine Standartantwort, als ihm plötzlich wieder
dieses blöde Formular für's Skilager einfiel.

Er beschloss es erst einmal nicht zu erwähnen.

"Heute gibt es Pizza, dass mögt ihr ja alle.", fuhr sie fort, ohne sich von seiner
Gleichgültigkeit stören zu lassen.

"Oh, hi Joshua, wie war die Schule? Habt ihr den Englischtest schon zurück?"
fragte sein Vater, der gerade die Küche betrat.

"Nein, noch nicht Dad. Wir haben einen Referendar, deshalb dauert es länger."  

Immer das selbe Spiel, die selben Höflichkeitsfloskeln, die selben Fragen, dasselbe
Desinteresse. Er hasste es.

"Benniii! Es gibt Essen!", rief seine Mutter, während er sich hinsetzte und ein Stück
der Pizza auf seinen Teller legte.

"Oh, wie lecker, Pizza! Danke Mamma, was für eine großartige Idee!",
schwärmte Benni, sein kleiner Bruder.

Naja, zumindest jüngerer Bruder, sie waren inzwischen gleichgroß, und Benni
wuchs immer noch weiter.

/Schleimiger Lügner/, dachte sich Joshua und beobachtete wie er sich an den Tisch
hockte und ein großes Stück verschlang.

Sein Bruder hatte kurzgeschnittenes, dunkelbraunes Haar, wie sein Vater, und ähnelte
ihm im Gesicht, wie auch im Körperbau immer mehr.
Groß und  kräftig, kantiges Gesicht.
Nur die intensiv dunkelblauen Augen, die violett blitzen, hatte er von seiner Mutter.

Joshua hatte ihn darum immer beneidet. Überhaupt glichen seine Augen, bis auf die
Form und die langen Wimpern, die er von seiner Mutter hatte, niemanden, denn sein
Vater hatte dunkelbraune.
Auch seine schwarzen Haare waren ihm ein Rätsel.
Doch auf seine Fragen auf sein Äußeres hatte seine Mutter immer nur gesagt, dass
er ihrer Schwester sehr ähnlich sah.

Allerdings hatten sie nur einige schwarz-weiß-Fotos von ihr, da sie schon mit
zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
Und überhaupt, wieso sah er ihrer Schwester so ähnlich und nicht ihr?
Er fand das sehr seltsam, aber seine Mutter hatte nur gemeint, dass sowas eben
vorkäme.

Trotzdem, er wäre viel lieber wie Benni gewesen. Schon immer, und das hatte sich
all die Jahre nicht geändert, nur das er älter geworden war, und inzwischen wusste,
dass dies unmöglich war.
Außerdem war sein Bruder vom Charakter her ein richtiges Arschloch geworden,
was er jedoch nur vor ihm offenbarte.
Bis jetzt.

"Ach übrigens, ich habe gehört, dass ihr diese Jahr einen Schulball habt.
Ist das nicht toll? Was meinst du Joshi, ob du nicht mit einem netten Mädchen
dort hingehen könntest, hm?"

Joshua verschluckte sich augenblicklich an einem Bissen Pizza und musste erst
einmal einen Schluck von seiner Cola nehmen. Benni fing an zu lachen.
Bevor Joshi auch nur den Mund aufmachen konnte, antwortete dieser schon
für ihn.

"Joshi und Mädchen? Also bitte Mum!"

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber seine Mutter fiel ihm rasch ins Wort.

"Wieso denn nicht? Er ist doch ein freundlicher, junger Mann!
Aber wie steht es denn mit dir Benni?
Hast du vielleicht eine nette Freundin, mit der du hingehen kannst?
Vielleicht passt dir ja sogar inzwischen der hübsche Anzug, den ich gekauft habe."

"Ich weiß nicht, Bälle sind nichts für mich...", murmelte er, und sein Vater lachte.

"Du ähnelst deinem Vater immer mehr, genauso ein Grummler und Stubenhocker!"

Nun fingen sie alle drei an zu lachen, und um nicht aufzufallen, zwang sich auch
Joshua zu einem Lächeln.
Plötzlich blickte ihn sein Bruder mit lodernden Flammen in den Augen an.
Ihm wurde mulmig zu mute und er befürchtete schon mal das schlimmste.

"Aber es stimmt, was läuft denn so bei dir und deinem Liebesleben?"

Joshua schluckte. Die aufkommende Spannung umschloss den Raum wie ein Netz,
das sich nicht lösen ließ. Georg, sein Vater hustete künstlich, während Isabella,
seine Mutter, nervös mit den Händen spielte.

/Ich hasse ihn, ich hasse ihn, ichhasseihnichhasseihnichhasseihnich.../,
dachte er, um eine Antwort ringend.

Sein Bruder lächelte kalt, seine Augen direkt auf seinen ruhend, obwohl man sie
fast nicht sehen konnte.

"Oder verschweigst du uns etwas?"

Die Frage beherbergte einen gefährlichen Unterton. Joshua kam sich vor, wie ein
Kaninchen vor einer riesigen Raubkatze. Allerdings musste er bekennen, dass er die
Frage nicht verstand und verzog somit verwirrt die Augenbrauen.

"Was meinst du denn damit, Schatz?" fragte seine Mutter, ihre Stimme klang zittrig
und Joshua blickte kurz zu ihr herüber.

Doch anstatt die Spannung mit dieser Frage zu lösen, verengte sich das Netz nur
noch mehr. Joshua glaubte zu fühlen, wie ihm langsam aber sicher die Luft
abgeschnürt wurde.


"DRRRRIIIIIIIINNNNG!!! DRRRIIIIIIIIIIINNNNNNG!!!!"


Erschrocken fuhr er herum. Schließlich, als alle reglos sitzen blieben, stand er
vorsichtig auf, um auch ja kein Geräusch von sich zu geben, und ging durch den
Gang Richtung Telefon.

"Warte Joshua." Sein Vater kam ins Wohnzimmer gestapft.
"Schon gut, iß' ruhig weiter, dass ist sicher für mich."

Er lächelte ihn an, aber es war ein sehr gezwungenes Lächeln.
Joshua sah ihm zu, wie er den Hörer abnahm, sich meldete und fast gleich
danach anfing zu diskutieren.
Er zuckte ratlos mit den Schultern und machte wieder kehrt.

~*~~*~~*~

"Jetzt sprich schon, was wolltest du damit sagen?", fragte Isabella ihren Sohn,
nachdem Joshi und kurz darauf Georg gegangen waren.

Benjamin lächelte kalt.  

"Also wirklich Mum, kannst du dir das denn nicht denken?"

Sie schüttelte mit dem Kopf und er fuhr fort.

"Hast du denn nie bemerkt, wie sie ihm ihre Blicke nachwerfen, sobald sie sicher
sind, dass es niemand bemerkt? Es ist jedesmal das selbe, wenn wir zusammen
einkaufen gehen."

Isabella verstand immer noch nicht.

"Wen meinst du mit *sie* ? Mädchen? Das ist doch schön für ihn, oder bist du
etwa eifersüchtig? Denn das brauchst du überhaupt nicht, schauen sie dir doch
meilenweit nach, was ich gut verstehen kann..."  

"Nein, nein, nein!", unterbrach er sie heftig.
"Mum, ich meine die ganzen Kerle die ihm nachsehen. *Männer*."

Sie erbleichte, ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

"Du-du meinst doch nicht etwa...?"

Wieder jenes kalte Lächeln, dem der Klang seiner Stimme in nichts nachstand.

"Ich sehe, du weißt was ich sagen will. Ich denke, mein lieber, stiller, großer
Bruder ist schwul, ein verdammter Homo."

Stille.

Dann ein paar ziemlich leise Schritte.
Joshua betrat die Küche und setzte sich.

Die Spannung war immer noch vorhanden, aber sie kam ihm noch bedrückender
vor als vorher, drohte ihn zu zerquetschen.
Fragend sah er hoch zu seiner Mutter, die ihn entsetzt anstarrte.
Er ließ das inzwischen nur noch lauwarme Pizzastück fallen.

"Sa-sag mal Joshi...i-ist das war? I-ich meine...bist du wirklich..."

"Schwul?", beendete Benni ihren Satz und grinste ihn hämisch an, seine Augen
blitzten.

Joshua riss die Augen weit auf, drehte sich zu seiner Mutter um und stieß sich
ruckartig vom Tisch ab, so heftig, dass der Stuhl mit einem lautem Knall nach hinten
fiel, und starrte sie entsetzt an.

"WAS?! WAS SOLL ICH SEIN?!"                                                                          

Bestürzt fuhr Isabella zurück.
Sie hatte ihren Sohn noch nie so wütend erlebt.
Nein, sie hatte ihn noch *nie* wütend erlebt, war er doch die Ruhe selbst, und es
machte ihr Angst.
Es machte ihr schreckliche Angst, ihn so zu sehen, wie er dort stand, gespannt wie
ein Bogen, die Hände zu Fäusten geballt, seinen zuckenden, linken Mundwinkel.

"Wer.hat.das.gesagt!"

Seine Stimme klang nach dem ungewohntem Wutausbruch ganz brüchig und heiser,
was ihn noch gefährlicher erscheinen ließ.

"Das war ich, großer Bruder.", kam die spöttische Antwort.

Ganz langsam drehte Joshua seinen Kopf herum und sah ihn mit einem so
offensichtlichem Hass an, dass Benjamin etwas unruhig zu werden schien.
Ebenso langsam trat er auf seinen jüngeren Bruder zu, seine Hände zitterten
vor Wut.
Da sein Bruder immer noch saß, beugte er sich zu ihm herunter, so nah,
dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten.

"Ich warne dich nur einmal.", zischte er,

"Solltest du nochmal, auch nur im *geringsten* so etwas andeuten, und sollten
sich Gerüchte über mich ausbreiten, dann werde ich mich rächen.
Vielleicht nicht gleich, vielleicht nicht nach ein paar Tagen, aber ich werde es tun.
Und dann wird es tausendfach schlimmer sein, als alles was du mir je angetan hast.
Merk dir das gut Ben, merk es dir gut, denn ICH vergesse nie."

Damit richtete er sich wieder auf und blickte seine Mutter an, die völlig
bewegungsunfähig da hockte, meinte aber nur:

"Wir haben ein Anmeldeformular für eine Woche Skilager bekommen.
Ich würde gern dort hingehen, ich hole es schnell."

Mit diesen Worten verließ er den Raum, und das Netz zerriss, hinterließ nur noch
die entsetzten Gesichter Isabellas und seines Bruders.
                                                         
~*~~*~~*~~*~  
                                                       
Ende Teil 1
Über ein klitzkleines Kommentar würde ich mich natürlich sehr freuen. ^______^
Ciao, Rachiel
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