Lucys Tagebuch

GeschichteDrama / P6
Clark Kent Cloe Sullivan
26.05.2004
31.05.2004
7
18.016
 
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26.05.2004 1.080
 
Ich wusste, dass sie Schmerzen gehabt hatte, sonst hätte sie nie diesen letzten Schritt getan, und das brach mir fast das Herz. Hätte ich doch nur irgendetwas für sie tun kön-nen. Hätte die kleinste Möglichkeit bestanden ihr ihre Schmerzen zu nehmen, so hätte ich es sofort und ohne mit der Wimper zu zucken getan. Nachdem ich mich nach einer Ewigkeit, wie es schien, wieder beruhigt hatte, nahm ich Lucys Tagebuch und legte mich zurück in die Kissen. Ich atmete noch einmal tief durch, dann öffnete ich es. Ängstlich und beinahe ehrfürchtig blätterte ich es durch. Meine Augen flogen über die Seiten, blie-ben aber nirgendwo ruhen. Ich traute mich nicht, es zu lesen. Doch dann dachte ich dar-an, dass Lucy es mir genau deswegen geschickt hatte und fasste all meinen Mut zusam-men. Ich blätterte zurück zur ersten Seite.

"Liebes Tagebuch,                                                                      15. Januar 2003

nachdem ich seit Wochen mit diesen Unterleibsschmerzen rum renne, war ich heute end-lich mal beim Arzt. Er hat sich angehört, was ich zu sagen hatte, und dann musste ich ne ganze Reihe Untersuchungen über mich ergehen lassen. Blutabnehmen, Röntgen, Test der Reflexe usw.

In 10 Tagen kann ich meine Ergebnisse abholen, und ehrlich gesagt hab ich echt Angst, dass es was Ernstes sein könnte...

Bitte lieber Gott, bitte lass es was Harmloses sein!!!"


Ich schluckte, Lucy hatte wohl schon damals eine Ahnung gehabt. Langsam blätterte ich weiter. Auf den nächsten Seiten wurde ihre Angst immer beklemmender, und irgendwann hatte ich das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Ich kam zu dem Eintrag, an dem sie ihre Ergebnisse bekam.

"Liebes Tagebuch,                                                                 25. Januar 2003

heute hab ich meine Ergebnisse bekommen, und ich frage mich, wieso man eigentlich an Gott glaubt und zu ihm betet und aufsieht, wenn er doch nichts für einen tut!? Als der Arzt mir die Diagnose Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium mitteilte, war ich ge-schockt und dachte, ich träume. Ich hatte gehofft jede Sekunde aufzuwachen und zu merken, das alles nur ein schlechter Traum war. Ein furchtbar schlechter Witz, den mein Gehirn mir spielte. Doch das war es nicht. Selbst jetzt, Stunden später, kann ich es im-mer noch nicht glauben. Wieso tut Gott mir so etwas an? Was hab ich ihm getan? Was hab ich verbrochen, um das hier zu verdienen!? Der Doc hat mir Medikamente gegen die Schmerzen verschrieben, und ab nächster Woche werde ich in die Chemotherapie gehen.

Ich hab solche Angst..."


Erneut stiegen mir Tränen in die Augen, aber ich wischte sie entschlossen zurück. Lucy würde mich nicht heulen sehen wollen. Sie würde mich stark sehen wollen, so stark wie sie war, als sie ihr schreckliches Schicksal erfahren hat. Ich deckte die nächste Seite auf, sie war leer. Verwundert blätterte ich weiter. Auf den nächsten etwa 20 Seiten stand nichts. Dann hatte Lucy plötzlich wieder einen Eintrag gemacht. Wochen später...

"Liebes Tagebuch,                                                                        20. März 2003

ich weiß, dass ich lange nichts mehr geschrieben habe, aber die Chemotherapie macht mir sehr zu schaffen. Die Nebenwirkungen waren und sind heftiger, als ich erwartet hat-te. Ständig ist mir übel, und ich fühl mich schlapp. Ich könnte den ganzen Tag schlafen, doch das will ich nicht. Ich will etwas von der Welt sehen, denn wer weiß, wie lange ich noch Sonnenauf- und -untergänge betrachten kann. Wer, außer Gott, weiß, wie viel Zeit mir hier noch bleibt?"


"Liebes Tagebuch,                                                                         05. April 2003

die Schmerzen werden und werden nicht besser. Nächste Woche werde ich meine zweite Chemotherapie beginnen, da die Erste nicht angeschlagen hat. Ich versuche tapfer und stark zu bleiben, doch meine Angst zu sterben wird immer größer. Ich habe noch soviel vor in meinem Leben, und ich habe Angst davor, dass ich viel davon nicht mehr werde machen können..."


Ihre Einträge waren knapp, aber so voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, dass ich am liebsten laut aufgeschrieen und um mich geschlagen hätte. Wieder rannen Tränen über mein Gesicht, aber ich nahm es kaum noch wahr. Nachdem sie in dem Eintrag vom 05. April zum ersten Mal von ihrer Angst vorm Sterben sprach, handelten die nächsten Einträge weiter über den Tod und ihre Angst davor, dass jeder Tag ihr letzter sein könnte.
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