Lucys Tagebuch

GeschichteDrama / P6
Clark Kent Cloe Sullivan
26.05.2004
31.05.2004
7
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Irgendwann schreckte ich aus einem unruhigen Schlaf hoch. Ich hatte wieder von Lucy geträumt, und davon wie ihr Unfall wohl gewesen sein müsste. Seit ihrem Tod suchte mich dieser Traum jede Nacht heim. Wann hörte das endlich auf? Tagsüber konnte ich mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten, doch sobald ich die Augen schloss, hatte ich die Bilder von Lucys Unfall vor Augen, die ich in Wirklichkeit nie gesehen hatte...

Ein Blick auf den Wecker zeigte mir, dass es auf die 10 Uhr zuging. Träge schleppte ich mich aus dem Bett zum Bad, da ich wusste, dass ich nicht mehr würde schlafen können. Dieses Verhalten war eher ungewohnt für mich. Denn selbst am Wochenende war ich früh wach und schrieb was für die Schülerzeitung den "Torch" oder war wegen irgendwel-cher Recherchen unterwegs.

Nachdem ich ausgiebig geduscht hatte, ging ich hinüber zu meinem Schreibtisch. Ich öffnete eine Schublade und entnahm dieser ein Päckchen. Als meine Mutter mir das Pa-ket zwei Tagen nach Lucys Tod gegeben hatte, hatte ich instinktiv gewusst, dass es von ihr war. Ein Blick auf die Adresse und den Absender bestätigten meine Befürchtungen. Ich hatte ihre Handschrift schon vorher erkannt. Das war schon immer so gewesen.
Langsam setzte ich mich damit aufs Bett. Bisher hatte ich es nicht geöffnet, da es sicher nichts Gutes enthalten würde. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass dies hier eine Nach-richt aus dem Reich der Toten darstellte, was es ja eigentlich auch wirklich war.
Ich saß da und starrte das braune Packpapier an. Eine leichte Übelkeit breitete sich in meinem Magen aus, als ich anfing den Inhalt vorsichtig von dem Papier zu befreien. Bis-her hatte ich einfach nicht den Mut gehabt es zu öffnen... Ob ich ihn in diesem Moment hatte, wusste ich nicht wirklich, aber irgendwann würde ich mich dem Inhalt stellen müs-sen - also warum nicht jetzt!? Zum Vorschein kam ein schwarzes Lederbuch im DIN A5-Format. Ich ließ es fallen, als hätte ich mir daran die Finger verbrannt. Es handelte sich um Lucys Tagebuch, das hatte ich sofort begriffen. Außerdem kannte ich es von meinen Besuchen bei ihr. Wir hatten immer zusammen abends in unsere Tagebücher geschrieben und dabei Musik gehört... Tränen stiegen in meine Augen bei der Erinnerung an diese schöne Zeit. Beinahe zärtlich klappte ich den Deckel des Buches auf. Ich hatte unnötige Angst, es kaputt zu machen und damit Lucys Leben zu zerstören. Welches ja schon zer-stört war... Die Tränen begannen zu brennen, weil ich krampfhaft versuchte sie zurück zu halten. Auf der ersten Seite des Buches war ein weißer Umschlag mit meinem Namen befestigt. Ich löste ihn und entnahm ihm ein Blatt DIN A4-Papier. Es war ein Brief von Lucy an mich. Nun konnte ich nicht mehr länger dagegen ankämpfen, und die Tränen bahnten sich ihre Wege über meine Wangen, während ich las, was meine ehemals beste Freundin, meine "Schwester", geschrieben hatte.

"Liebe Chloe,

ich weiß, dass dir klar ist, dass du das hier nie lesen würdest, wenn ich noch leben würde."


Das stimmte. Zwar hatten wir unsere Erlebnisse immer zusammen in unsere Tagebücher geschrieben, aber wir hatten nie auch nur das kleinste Bedürfnis gehabt das Tagebuch des anderen lesen zu wollen. Das war nie ein Thema gewesen und auch das hat unsere Freundschaft immer bestärkt.

"Es tut mir unendlich leid, dass ich dir und allen anderen das angetan habe! Aber ich wollte in Würde sterben, und ich hoffe, dass ihr das irgendwann verstehen werdet.... Mein letzter Wunsch ist es, dass du mich als die Freundin und Schwester in Erinnerung behältst, die ich immer für dich war. Ich liebe dich, und ich werde immer bei dir sein. Ich werde ein Auge auf dich haben und dich von da oben beschützen."

Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Ja, das würde sie. Sie würde von nun an mein Schutzengel sein. Lucy und ich hatten immer an so etwas geglaubt, und wir hatten uns gegenseitig versprochen immer auf uns aufzupassen, was auch passieren würde... Lucy war stark gewesen. Sie war immer so stark gewesen... Ein neuer Tränenschwall strömte über meine Wangen, als ich weiter las.

"Ich schicke dir mein Tagebuch in der Hoffnung, dass du verstehen wirst, warum ich dir nie davon erzählt habe, dass ich krank war. Ich wollte einfach nicht, dass ihr mich plötz-lich anders behandelt. Die restlichen Tage, die mir noch blieben, habe ich so verbracht, wie ich es wollte. Ich hab sie glücklich verlebt, denke immer daran. Mir tut es nur so leid, dass ich dich nicht mehr besuchen konnte... Aber ich wäre einfach nicht stark genug gewesen dir in die Augen zu schauen und dich anzulügen...
Ich wünsch dir viel Glück mit Clark! Auch wenn ich ihn leider nie persönlich kennen ler-nen werde, vielleicht schaff ich es ja sogar, dich endlich mit Clark zusammen zu bringen. Wenn ihr zwei das nicht auf die Reihe bekommt, hab ich von da oben vielleicht mehr Glück."


Selbst in Zeiten, in denen sie selber genug Probleme hatte, hatte sie sich immer bemüht mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, wenn es mir wegen Clark Kent, meiner heimli-chen Liebe, schlecht ging. Ich hatte nie etwas sagen brauchen, sie hatte meinen Schmerz einfach gespürt. Das alles kam mir jetzt so blöd vor...
Mir wurde klar, dass ich meine Tochter, sollte ich mal eine haben, Lucy nennen würde. Ich wollte eine Erinnerung an sie. Eine Erinnerung, die niemals wieder verblassen würde. Denn davor hatte ich am meisten Angst, dass ich irgendwann versuchte sie mir vorzu-stellen, aber sie nicht mehr da sein würde...

"Mich würde es für dich jedenfalls sehr freuen. Du hast es verdient glücklich zu sein, und Clark macht auf mich einen guten Eindruck. Deinen Erzählungen hab ich entnommen, dass er ein absoluter Traumann ist, also bind ihn an dich und lass ihn nie wieder laufen. Aber wenn er dich wirklich kennt, wird er eher dich nie wieder laufen lassen... Wenn doch ist er schön blöd! Grüß ihn von mir und sag ihm, dass er gut auf dich aufpassen soll, ja!? Wehe er behandelt dich nicht gut..."

Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. Wie würde ich Lucys Humor vermissen. Wie würde ich sie vermissen. So gerade eben schaffte ich es noch den Rest des Briefes zu lesen, bevor ich weinend auf meinem Bett zusammen brach.

"Trauere nicht um mich, meine Süße, denn mir geht es jetzt besser als vorher!

Ich liebe dich für immer und ewig!
Deine Schwester
Lucy"
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