Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Time to Wonder

von Alashia
GeschichteDrama / P12 / Gen
Boromir
17.05.2004
17.05.2004
1
844
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
17.05.2004 844
 
Time to wonder



Rennen. Weiter, schneller, nicht aufhören. Solange wie er rannte, musste er nicht denken. Und in diesem Moment hätte er alles getan, um nicht denken zu müssen. Er rannte, stolperte über eine im Laub verborgene Baumwurzel, schlug hart auf und stemmte sich wieder hoch. Weiter, nur weiter. Nicht zulassen, dass die Gedanken zurückkehren. Aber der kurze Moment des Innehaltens hatte bereits genügt.

We've got time to wait
And we wait till it's too late
We always move in seconds
In a world of hours and days
We've got bones and blood
Is this all what we've got
I thought there was a brain
But maybe I just thought in vain


Seine Seele wurde überflutet von Hass. Hass auf sich selbst. Oder auf das, was einmal Boromir gewesen war, der stolze Sohn der Weißen Stadt. Irgendwo tief in ihm verkrampfte sich schmerzhaft ein Muskel; er schluckte und spürte mit Genugtuung den Schmerz, den das Kratzen in seiner Kehle verursachte. Ja. Quäl dich. Dann schallten mit einem Mal laute Rufe durch den Wald, bekannte und unbekannte Stimmen. Schreie. Er schreckte hoch, bemerkte, dass er im Laub kniete, rappelte sich eilig hoch und rannte wieder los; diesmal in Richtung der Schreie.

This is not the time to wonder
And this is not the time to cry
This is not the time to sleep while we fight
And this is not the time to die


Nein, jetzt durfte er nicht sterben. Er musste noch etwas tun. Was? Verzweifelt durchforstete er seinen schmerzenden Schädel nach der Antwort. Dann drangen wieder die Schreie an sein Ohr, und diesmal nahm er mehr wahr. Da waren bekannte Stimmen, in denen Angst schwang, Angst und jener Ton, der ihm zeigte, dass ihre Besitzer noch nicht weit genug waren, um ihre Leben aufzugeben. Und fremde Stimmen, laut, hämisch, siegessicher. Etwas in ihm, das sich noch einen Teil von Boromir, dem Krieger, erhalten hatte, sagte ihm, dass es Orkstimmen waren, aber dem Körper, der nur noch sinnlose, wiewohl funktionierende Maschinerie war, kam dies unbedeutend vor. Er wollte nur noch töten, in der verzweifelten Hoffnung, dadurch vielleicht den Teil seiner Seele zurückzubekommen, den er selbst verspielt hatte.

Reality and dreams
Reality is not what it seems
It's not the way we want it
It's just the way it gotta be
We've got love and hate
But we can't estimate
What's the right solution
To kill the illusion of this world


Dann verschwanden die Bäume um ihn herum plötzlich, und er kam mit gezogenem Schwert auf einer Waldlichtung zum Stehen. Sein Atem ging schnell, aber er merkte es nicht. Blutdurst war das einzige, was von seinem edlen Wesen noch geblieben war. Dort drüben, die beiden Kleinen, er kannte sie - und bevor er sein ohnmächtiges Wüten begann, prägte er sich ihre Gesichter ein, um sie nicht versehentlich auch zu töten. Töten. Zuschlagen. Dunkles Blut und krächzende Todesschreie. Er begann den Tanz seines Lebens. Das Schwert wirbelte herum, hierhin, dorthin, überall, wo es warmes Blut zum Tränken fand. Er bemerkte den ersten Pfeil gar nicht. Auf sein Gesicht legte sich ein seeliges Lächeln, das bald zu einem lauten, wilden Lachen wurde.

This is not the time to wonder
And this is not the time to cry
This is not the time to sleep while we fight
And this is not the time to die
And this is not the time to wonder
This is just a time to fear


Irgendwann hatten sich drei lange, schwarzgefiederte Bolzenpfeile zum ersten gesellt, und noch immer empfand er keinen Schmerz. Seine Seele war gestorben, als er Stunden zuvor sich und seine Gefährten verraten hatte - sie konnte nicht mehr schmerzen. Aber die bis eben noch so gut funktionierende Maschine Körper hatte Schaden genommen und ließ sich plötzlich nicht mehr kontrollieren. Alles sackte in sich zusammen, als hätte man einem Segel den Wind genommen, und der ehemals stolze Krieger brach auf dem Waldboden zusammen, über den Leichen seiner gefällten Gegner. Er hob den Blick, sah einen Baumstamm, kroch mühsamm ein stück, lehnte sich gegen die rauhe Borke. Nach den - Minuten? Stunden? Jahren? - des Blutrauschs fühlte sie sich erstaunlich anders an. Lebendig, obwohl tot. So wie er? Er wusste es nicht mehr, und die Zeit, darüber nachzugrübeln, lief ihm aus. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Wieviele Atemzüge blieben ihm wohl noch?

Don't worry about the meaning
Don't worry 'bout the world
It's the question
I don't see clear

But that's the time

~ Ende ~
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast