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Námo

von Gaerys
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Aragorn Legolas
06.05.2004
06.05.2004
3
9.195
 
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06.05.2004 2.393
 
Kapitel 1: Bekenntnisse

Ein eisiger Wind war aufgekommen. Er heulte und pfiff durch die Felsen und keine Kleidung war dick genug, um ihn fernzuhalten. Zu allem Überfluss setzte jetzt auch noch ein peitschender Regen ein, und es dauerte nicht lange, bis die Felsen nass und schlüpfrig waren. Die Sicht wurde immer schlechter. Es war gefährlich, sich bei diesem Wetter hier oben aufzuhalten.
Die Gestalt jedoch, die regungslos am Rande des Felsens stand, kümmerte das nicht. Weder der Wind, noch der Regen schienen ihr etwas auszumachen. Seit vielen Stunden hatte sie sich kaum bewegt und unablässig die Umgebung beobachtet. Was sie dort oben wollte, wusste niemand außer ihr selbst. Ihr selbst und ihrem Begleiter.

Legolas strich sich eine nasse Haarsträhne aus der Stirn und seufzte leise. Sie waren schon seit Stunden hier oben. Und hier, wo immer das auch sein mochte, war es bitterkalt. "Zwecklos", murmelte er und schüttelte den Kopf. "Die Seuche über seinen Dickkopf!"
"Meinem Dickkopf haben wir es immerhin zu verdanken, dass wir eine neue Spur gefunden haben!" Legolas zuckte zusammen; er hatte Aragorn nicht kommen hören. Er brummte etwas Unver-ständliches und sah dann auf. "Ja, eine Spur, der wir schon seit heute morgen folgen, ohne eine Ahnung zu haben, ob sie uns nicht in die Irre führt. Denn diesen Eindruck habe ich langsam, wenn ich mich so umblicke."
Aragorn lächelte nur und zog seinen grauen Mantel enger um die Schultern. "Ich glaube, du hast Recht. Wir sind tatsächlich einer falschen Fährte gefolgt. Soweit ich das beurteilen kann, mussten wir in genau die entgegengesetzte Richtung."
Legolas stöhnte. "Heißt das, wir müssen den ganzen Weg noch mal zurück? So langsam glaube ich, dass dies hier mein vorerst letztes Abenteuer mit dir sein wird. Ich dachte eigentlich, dass du im Spurenlesen nicht zu übertreffen bist, aber wessen kann man sich denn noch sicher sein in diesen finsteren Tagen?" Er zog seinen Dolch und begann, den getrockneten Schlamm von seinen Stiefeln zu kratzen. Aragorn verdrehte nur die Augen und zog eine feuchte Haarsträhne hinters Ohr.
"Ich finde, jetzt übertreibst du aber. So schlimm ist es doch gar nicht. Der Regen hat die Spuren fast vollständig verwischt, man konnte kaum noch etwas erkennen. Außerdem hast du ja auch nichts bemerkt, was darauf schließen lassen könnte, dass wir reingelegt wurden."
Legolas hielt es für unter seiner Würde, darauf zu antworten und stand auf. Müde drehte er den Kopf von einer Seite auf die andere und lauschte in den grauen Nachmittag hinein. Seine Laune hatte ihren Tiefpunkt erreicht. Dieses ganze Abenteuer begann ihm langsam auf die Nerven zu gehen. Was würde er jetzt dafür geben, wieder zu Hause zu sein! Als Aragorn dann auch noch leise auf elbisch zu singen anfing, riss ihm endgültig der Geduldsfaden.
"Kannst du nicht wenigstens so tun, als ob dir dieses verfluchte Wetter etwas ausmachen würde?", fuhr er ihn an. Aragorn kümmerte sich nicht darum und summte noch ein bisschen lauter.
Wütend stapfte Legolas davon. Warum hatte er sich bloß so darum gerissen, zusammen mit einem Menschen gehen?
Fast drei Wochen waren sie nun schon unterwegs, ohne auch nur einen halbwegs brauchbaren Hinweis gefunden zu haben. Legolas gab Aragorn nicht die Schuld daran, denn der wusste ja nicht einmal, dass Legolas Begleitung mehr als nur ein Freundschaftsdienst war. Es war nicht eben fair, seinen Freund so auszunutzen. Legolas wusste das und er fühlte sich schlecht. Es war nicht nur unfair, sondern auch eine harte Probe für ihre Freundschaft. Und er wollte Aragorn auf keinen Fall in Gefahr bringen, aber er konnte ihm den eigentlichen Grund für seine Begleitung nicht verraten, noch nicht.
Er trat auf einen losen Stein und hätte um ein Haar das Gleichgewicht verloren. Er verfluchte seine eigene Ungeschicktheit und beobachtete missmutig die dicken grauen Wolken am Himmel.

Das Wetter war, je weiter sie nach Osten gekommen waren, immer schlechter geworden. An den schneidenden Wind hätte er sich vielleicht noch gewöhnen können, aber dieser Regen war alles andere als angenehm. Entnervt massierte er seine kalten Finger und versuchte nicht an das größtenteils noch vor ihm liegende Abenteuer zu denken. Legolas wusste, dass sein Freund Recht hatte. Widerwillig musste er sogar zugeben, dass er ohne Aragorn nicht einmal bis hierher gekommen wäre.
"Legolas!"
Erschrocken fuhr Legolas herum. Aragorn stand vor ihm und runzelte die Stirn. So nachdenklich kannte er seinen Freund gar nicht. "Wir gehen weiter", verkündete er auf elbisch.

Ihre Sachen waren rasch zusammengepackt. Es regnete immer noch ununterbrochen und der Pfad, den Aragorn gewählt hatte, war matschig, die Erde aufgeweicht.
Legolas hüllte sich in Schweigen. Je schneller sie diese unfreundlichen Gegenden hinter sich ließen, desto besser. Er achtete kaum auf das Land ringsum. Aragorn ging voran und bückte sich ab und zu um den Boden nach Spuren zu untersuchen, aber der Regen war zu stark, als dass er noch viel hätte erkennen können.
Als sie aufgebrochen waren, hatte es bereits gedämmert, jetzt war es spät in der Nacht. Aragorn blieb stehen. Sie hatten eine dunkle Höhle in einer Felswand erreicht. Der Eingang war von Farnen und Flechten bedeckt wie von einem grünen Vorhang
"Ich glaube, für heute können wir nicht weiter. Der Mond ist noch dünn und gibt kaum Licht. Das Beste wird sein, wenn wir für den Rest der Nacht hier bleiben."
Legolas nickte und trat in die Stille der Höhle. Aragorn folgte.
Drinnen war nicht dunkel, wie sie gedacht hatten; es war stockfinster. Sogar Legolas konnte kaum etwas erkennen. Mit viel Mühe und einigen schmerzhaften Irrtümern schafften sie es schließlich, eine Fackel anzuzünden. Legolas erkundete die Höhle und kam schon kurz darauf mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht zurück.
"Alles in Ordnung. Die Höhle scheint nicht bewohnt zu sein. Sie geht auch nicht so tief in den Fels hinein, wie ich dachte. Wenn wir ein bisschen weitergehen, sind wir sogar einigermaßen vor dem Wind geschützt. Außerdem liegt hier genug trockenes Holz für ein Feuer. Wir könnten... Was hast du?"
Aragorn stand noch immer unschlüssig vor der schmalen Öffnung im Fels und starrte angestrengt in die dunkle Nacht hinaus.
"Ich weiß nicht, aber seit wir heute Nachmittag von der Klippe aufgebrochen sind, werde ich das Gefühl nicht los, dass uns jemand verfolgt."
Legolas sah ihn überrascht an. "Dann hast du ihn also auch bemerkt?", flüsterte er dann. "Ich war mir nicht sicher, denn er ist sehr vorsichtig. Er verschmilzt förmlich mit seiner Umgebung. Ich frage mich, wer er ist, und vor allem, was er von uns will. Ich glaube, wir sollten lieber etwas wachsamer sein."
Er stand auf und spähte aufmerksam nach draußen.
"Es ist schon zu dunkel", murmelte Aragorn schließlich, ohne jedoch den Blick abzuwenden. Legolas wusste genau, was er meinte. Zu dunkel für einen überraschenden Angriff. Denn dass dort draußen jemand war, der sie beobachtete, war für sie ohne Zweifel zu erkennen. Deutlich hatte Legolas das verräterische Knacken in dem Gebüsch zu ihrer Linken gehört, und die Reflektion des fahlen Mondlichtes auf dem gezogenen Schwert war ihm ebenfalls nicht entgangen.
"Zu dunkel", wiederholte Aragorn, und bedeutete Legolas, ihm weiter in die Höhle zu folgen.
"Was glaubst du?" Legolas wagte kaum zu flüstern. "Ist es...?"
Aragorn beachtete ihn nicht, aber sein Blick allein war Antwort genug. Es konnte auf keinen Fall etwas Gutes heißen.

Sie entfachten ein Feuer und wickelten sich in ihre Decken und Mäntel. An Schlaf war nicht zu denken, nachdem sie beide ihren schattenhaften Verfolger in unmittelbarer Nähe zu ihrem Versteck gesehen hatten. So nah war er ihnen noch nie gekommen...
"Was glaubst du, weshalb er uns verfolgt?" Legolas konnte das lange Schweigen nicht mehr ertragen.
Aragorn wiegte nachdenklich den Kopf und ließ sich Zeit mit seiner Antwort. "Ich denke", sagte er dann langsam, als ob er noch über seine Worte nachdenken müsste. "Ich denke, die Antwort kennst du bereits. Auch wenn ich nicht ganz nachvollziehen kann, was diese Geheimnistuerei eigentlich soll. Wir werden deinetwegen verfolgt, und du hältst es noch nicht mal für angebracht, mir zu sagen, wieso!"
Legolas machte den Mund auf, klappte ihn aber gleich wieder zu. "Meinetwegen? Ich verstehe nicht ganz..."
"Hör endlich auf damit! Ich weiß genau, dass du mir etwas verheimlicht hast! Von wegen gestohlene Waffen! Was ist so wichtig, dass der Kronprinz des Düsterwalds persönlich sein Reich verlässt, um zusammen mit einem heruntergekommenem Waldläufer, der einem alten Freund helfen will, auf Reisen zu gehen?"
Legolas starrte ihn einen Augenblick lang fassungslos an, dann entspannte sich sein Gesichts-ausdruck und er lachte plötzlich.
"Schon gut, du hast gewonnen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einem Menschen begegnen würde, der mich so festnageln könnte!" Er hielt kurz inne um seine Heiterkeit zu zügeln. Es war erstaunlich, wie schnell sich sein Gesicht verändern konnte. Als er fortfuhr, waren seine Augen ernst und nachdenklich.
"Ich habe dich nicht angelogen", sagte er dann leise. "Jedenfalls nicht direkt. Es geht tatsächlich um gestohlene Waffen. Um ein Schwert, um genau zu sein. Námo, der Richter. Eine Klinge aus Mithril. Seit Generationen befindet sie sich im Besitz meiner Familie und jedes Mal ist sie vom Vater an den ältesten Sohn übergegangen. Es ist ähnlich wie bei dir. Jedenfalls gab es dann bei mir ein kleines Problem..."
Legolas senkte den Blick, als wäre ihm irgendetwas peinlich. Aragorn wartete geduldig.
"Mmh, es ist schwer zu erklären. Ich bin eigentlich nicht der älteste Sohn gewesen. Mein Bruder Minyon..."
"Du hast einen Bruder?" Aragorn war zu verblüfft, um Legolas ausreden zu lassen. "Davon wusste ich ja gar nichts!"
"Wir sprechen nicht oft über ihn. Na ja, eigentlich überhaupt nicht. Er hat große Schande über unsere Familie gebracht."
Aragorn grinste wissend. "Verstehe, ein schwarzes Schaf also."
Legolas erwiderte sein Lächeln zögernd und fuhr dann fort. "Als die Zeit gekommen war, dass die Klinge an den nächsten Hüter überging, überkamen meinen Vater Zweifel. Du musst wissen, Minyon war nicht gerade von ruhiger Natur. Er hielt sich selbst für den Größten und Mutigsten unseres ganzen Volkes und lange war es her, dass er auf die Befehle meines Vaters gehört hatte. Er entfremdete sich immer mehr von uns und kam nur noch selten nach Düsterwald. Wahrscheinlich wäre er überhaupt nicht mehr gekommen, aber die Macht von Námo lockte ihn und er konnte es kaum abwarten, sie zu nutzen. Seit jeher wurde die Klinge eingesetzt um die Grenzen unseres Landes zu schützen und dem Großen Auge den Einblick zu verwehren, und mein Vater fürchtete also, dass Minyon damit nur Unheil stiften würde und vor der feierlichen Übergabe unterzog er ihn einer letzten Prüfung."
Er hielt erneut inne und ordnete seine Gedanken. "Er hat sie nicht bestanden", sagte er schließlich. Ich habe mich nie getraut zu fragen, was es für eine Prüfung gewesen war. Mein Vater verwehrte ihm das Schwert und die Zeremonie wurde abgebrochen. Minyon war darüber so erzürnt, dass er meinen Vater vor aller Augen bedrohte und ihm Rache schwor. Daraufhin wurde er enterbt und aus Düsterwald verbannt. Aber eines muss man ihm lassen: er hielt seine Versprechen.
Nachdem er vertrieben worden war, wurde die alte Tradition verändert und mein Vater behielt Námo auch weiterhin. Viele Jahre vergingen so, ohne dass etwas geschah. Doch dann tauchte ganz plötzlich Minyon wieder auf, und ehe wir ihn stellen konnten, war er auch schon wieder verschwunden. Das einzige Problem: Námo auch!
Mein Vater hatte zuvor schließlich eingesehen, dass die Klinge weitergereicht werden musste und so kam ich an die Reihe. Aber als Zweitgeborener ist man eigentlich nicht würdig, dieses Schwert zu führen und deshalb sollte auch ich einer Prüfung unterzogen werden. Aber Minyon war schneller. Er stahl das Schwert ehe es jemand bemerkte und floh. Meine Aufgabe ist es nun, ihn zu finden, und Námo zurück nach Düsterwald zu bringen. Tja, und da sitzen wir nun."
Jetzt war es raus. Legolas hielt den Blick gesenkt und wartete auf Aragorns Reaktion. Sie blieb aus.
Der Waldläufer schwieg und seinem Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte. Schließlich sagte er in die Stille vor dem leise knackenden Feuer: "Aber wer ist dann unser Verfolger?"

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Ok, ich geb's ja zu! Totaler Bockmist. Die Story kann man echt in die Tonne treten. Wie einfallsreich: Elb und Mensch zusammen auf Abenteuer, Elb sucht Schwert, Mensch alten Freund, unheimlicher Verfolger, dunkle Höhle, beschissenes Wetter, durchgeknallte Autorin...
 
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