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Denn sie wissen nicht, was sie tun

von DieNornen
GeschichteParodie / P12 / Gen
01.05.2004
21.05.2004
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01.05.2004 1.827
 
Warnung: Boshaftes Machwerk.

Wir haben nichts gegen Verkaufsparties für seltsame Plastikgegenstände - nicht wirksames, jedenfalls...


Wipper - Denn sie wissen nicht, was sie tun

Sie hätte es wissen müssen. Natürlich war ihre Schwester nicht normal -jedenfalls nicht im landläufigen Sinne. Es war ja nun auch nicht so, dass Anke nicht an eine ganze Menge gewöhnt war (sie war selbst weit davon entfernt, ein Durchschnittsmensch zu sein), aber das hier schlug dem Fass den Boden aus. Allein diese Einladung, ein Wochenende bei Inge zu verbringen, hätte ihr Misstrauen erregen müssen. Aber was tat man nicht alles für die Familie?

Gerade, als sie ihren Rucksack auf die andere Schulter nahm und die Hand in Richtung Klingelknopf ausstreckte, riss Inge bereits die Tür auf. "Da bist du ja! Wie war die Uni? Hatte die S-Bahn schon wieder Verspätung? Und..."
"Was ist los?", erkundigte Anke sich misstrauisch.
"Nichts", strahlte ihre Schwester. "Komm rein."
Stolpernd folgte die Nachwuchs-Giftmischerin ihrem seltsamen Familienmitglied in den Flur. "Würdest du bitte meinen Rucksack loslassen? Ich wäre auch freiwillig `reingekommen!"
"Sorry! Ich hab' da was ganz tolles! Guck mal!"
Anke betrachtete den knallgrünen Plastikgegenstand mit hochgezogenen Augenbrauen. "Eine Salatschleuder?"
"Das ist keine Salatschleuder! Das ist der QuickFix 2004! Wipperware!" Hektisch begann die Jüngere, in ihren Jackentaschen nach dem Valium zu fahnden. Früher oder später war ein solch psychotischer Schub ja zu erwarten gewesen...
"Er kann mixen, pürieren, zerkleinern, Sahne schlagen..."
"Salat schleudern?"
"NEIN! Aber er ist unglaublich handlich, praktisch und leicht zu reinigen!"
"Mit anderen Worten", fasste die angehende Naturwissenschaftlerin unbeeindruckt  zusammen, "er kann alles, was eine ganz gewöhnliche Küchenmaschine auch kann."
Inge runzelte die Stirn. "Jaaa...", gab sie widerwillig zu. "Aber er braucht keinen Strom. Das heißt, bei Stromausfall kann ich trotzdem mixen, pürieren, Dips herstellen..."
"Schon klar. Bei Stromausfall hast du auch bestimmt nichts anderes zu tun. Dich im Schrank verstecken, zum Beispiel. Oder Panik machen. Oder..."
"Du bist gemein."
"Danke."
Mit einem mörderischen Schwung nahm Anke den Rucksack ab- und hätte ihn beinahe auf einer kreischend flüchtenden Katze geparkt. "Überleg' dir doch mal, wie viel Strom man damit sparen kann!"
"Den du dann durch Solitär spielen am Computer wieder verballerst..."
"Nun sei doch nicht immer so negativ! Also, der QuickFix ist jedenfalls eine tolle Erfindung!"
"Sicher. Wie geschaffen für Extremsituationen. Er gehört in jedes Survival-Package. Ich meine, was man damit auf einer einsamen Insel nicht alles anfangen könnte! Kokosbrei, Mangopüree... und wenn du ein paar wilde Ziegen fängst, kannst du aus ihrer Milch mit dem MixChef..."
"QuickFix", warf Inge indigniert ein.
"...meinetwegen auch das, Butter machen. Für den Fall, dass mal überraschend ein paar Piraten zu Besuch kommen, kannst du rasch einen tollen Ananas-Dip herstellen und ihn mit Palmenblättern servieren."
"Du hast überhaupt keine Ahnung. Aber dich überzeugen wir auch noch."
Moment mal. "WIR?!"
"Ich veranstalte heute abend eine Wipper-Party."
"Eine Wipper-Party?! HIER?!" Kreischend vor Lachen sah Anke sich in dem Chaos um, das ihre Schwester noch immer tapfer als "Wohnung" bezeichnete. "Hier haben mit Mühe und Not zwei  Personen und drei Katzen Platz!" Sie war derart erheitert, dass sie nicht darauf achtete, wo sie hintrat -und prompt über einen Riesenkarton mit Altpapier stolperte.
Milde lächelnd fing Inge sie auf. "Ich dachte, du mit deinem Putzfimmel..."
"DAS IST KEIN PUTZFIMMEL, DAS IST AKADEMISCHE GRÜNDLICHKEIT!"
"Auch gut. Du willst doch schon seit langem mal hier aufräumen."
"Stop. Das du mich zum Ausmisten herbeorderst, ist ja schon schlimm genug. Aber du hast nicht zufällig gerade erzählt, dass hier eine von diesen... Wimmel-Parties stattfindet?"
"Wipper. Nicht Wimmel", korrigierte die Ältere sanft. "Doch. Heute abend um halb acht. Hey, wo willst du denn hin?"
Dank jahrelang antrainierter Jagdreflexe konnte sie Anke gerade noch daran hindern, sich unter der dicken Katzenhaarschicht auf dem Schlafzimmerteppich zu verstecken. "Komm schon", schmeichelte sie und wuschelte ihrer Schwester durch die struppigen roten Haare. "Du wirst deinen Spass haben."
Zum Glück bemerkte sie den boshaften Funken nicht, der bei diesen Worten in den Augen der Pharmaziestudentin aufglomm.

Die Kleine war in letzter Zeit wirklich schwierig geworden. Das musste an ihrem Studium liegen. Zu viel Stress führte nachweislich zu Aggressionen... Und überhaupt, zwei Stunden waren doch eine durchaus moderate Frist zum Aufräumen! "Wir könnten alles ins Schlafzimmer räumen und die Tür abschließen", schlug Inge hoffnungsvoll vor.
"Das ist eine Glastür", knurrte Anke.
"Wir können doch ein Bettlaken davorhängen..."
"Du putzt das Bad. Ich entmülle das Wohnzimmer. Wenn du fertig bist, kannst du das Altpapier wegbringen. Und..." Ihre Augen wurden groß. "Sag' mir nicht, dass du das Altglas immer noch auf dem Balkon bunkerst!"
"Doch. In den 'Ex und Hopp' von Wipper passt doch so viel rein..." Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie geglaubt, ein gepresstes "Knarf!" von Seiten ihrer Schwester wahrzunehmen. "Bring... das... Glas... weg..."
"Geht es dir nicht gut? Möchtest du einen Kaffee? Dann kann ich dir gleich meine tollen Wipperware-Kaffeebecher zeigen..."
"Geh' mir aus den Augen!"
Mittlerweile war Anke scharlachrot im Gesicht; auf ihrer Stirn pulsierte eine Ader.
"Du hattest diese Woche eine Menge um die Ohren, oder?" Inge ging ganz in der Rolle der fürsorglichen älteren Schwester auf.
"Wenn ich jetzt 'ja' sage", erkundigte die Pharmaziestudentin sich vorsichtig, "bietest du mir dann eine Massage mit dem tollen 'Wipper-EntspannungsFix' an?"
"Das wäre eigentlich gar nicht so verkehrt..."
"RAUS!"
Die Oberchaotin beschloss, ihr vor Wut kochendes Gegenüber nicht daran zu erinnern, wer in dieser Wohnung zu Hause war. Schließlich war sie nicht lebensmüde.

Erschöpft ließ Anke sich in einen Sessel fallen. Sie hatten es tatsächlich geschafft, die Wohnung in einen halbwegs präsentablen Zustand zu bringen; es war sogar noch genügend Zeit zum Duschen geblieben. Lediglich die Schränke durfte man jetzt nicht mehr öffnen. Leider hatte Inge ihren Vorschlag, die Türen mit Sekundenkleber zu verschließen, abgelehnt. Finster beobachtete die geplagte Studierende, wie sich der rote Kater - ihrer Meinung nach ein wandelndes Hämmorhoidenkissen - auf dem frisch gesaugten Teppich aalte und ihn mit Haaren garnierte. Ob der QuickFix wohl auch Katzen...

Sehr zu ihrem Bedauern klingelte es in diesem Moment, und die Wipper-Beraterin brach über sie herein. Nachdem sie die Produkte dekorativ auf dem (inzwischen wieder als solches erkennbaren) Sideboard verteilt, Inge als Gastgebergeschenk ein quietschrosa Plastikungetüm mit dem wenig vertrauenerweckenden Namen "Küchenriese" aufgedrängt und schamlos die Hälfte der vorbereiteten Häppchen vertilgt hatte, erschienen tatsächlich die ersten Gäste.
"Wozu ist das Ding eigentlich gut?", zischte Anke der Gastgeberin aus dem Mundwinkel zu, während die Beraterin die Schwemme von gelangweilten Hausfrauen und grabreifen Nachbarinnen überschwänglich begrüßte.
"Der 'Küchenriese' ist toll zur Aufbewahrung von Weihnachtsplätzchen, Katzenfutter, oder..."
"Altpapier."
"Stimmt", säuselte Inge entrückt.
Bei ihrer Schwester machte sich der Drang bemerkbar, das Fenster aufzureißen und lauthals "Ich bin ein vernunftbegabter Mensch - holt mich hier `raus!" zu schreien.
Irgendwie gelang es dann doch, die Kunststoff-Haushaltsgeräte-Junkies zwischen den Katzen auf diversen Sitzgelegenheiten unterzubringen. Die Beraterin versuchte, gegen das allgemeine Schmatzen, Kauen und Schlürfen anzukommen.
"Meine Damen, wie schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind..."
"Das sagt unser Pathologe an der Uni auch immer zu seinen Neuzugängen - vorzugsweise nach Massenkarambolagen."
Dieser Kommentar brachte Anke einen heftigen Rippenstoß ihrer angeblichen Verwandten und einen bösen Blick der Vertreterin  ein.
"Ich freue mich besonders, Ihnen heute einige unserer Produktneuheiten vorstellen zu können. Da wäre zum Beispiel unser Modell 'Bread Protector'. Dieser formschöne Behälter mit seinem ausdrucksvollen Design hält Ihr Brot für lange Zeit frisch und knusprig!" Inge trat ihrer Schwester rasch auf den Fuß, bevor sie andere Verwendungsmöglichkeiten für das lila-gelbe Etwas vorschlagen konnte. Diese begann gekränkt, an einem Möhrenstück zu knabbern - eine gute Möglichkeit, ihr böses Lächeln zu kaschieren.
"Der 'Protector' ist sozusagen das Flagschiff unserer neuen 'Guten Morgen'- Serie. Dazu passend haben wir hier die Eierbecher 'Puttputt', das Orangenmesser 'SchälFix', die Frühstücksbrettchen 'Sunny Day', die Butterdose 'MuhKuh'..."
Das war ja nicht zum Aushalten! Die Junkies und Inge betrachteten die Plastikscheußlichkeiten mit starren, glasigen Augen. Wahrscheinlich würden sie gleich auch noch zu sabbern anfangen... Aber da gab es bestimmt auch was von Wipper. Den 'Spuckidutziduuu', oder so ähnlich. "...und last but not least unseren Teewärmer 'Kuschelchen'."
Wie abartig! Mit einem raschen Blick erfasste Anke die fröhlich aus Wipper-Tassen trinkenden und von Wipper-Tellern essenden Junkies. Freundlich lächelnd stand sie auf. "Ich würde gerne etwas sagen."
Von rechts unten (also von  Inge) kam ein gedämpftes Husten - sie hatte sich vor Schreck an ihrem Kaffee verschluckt.
"Zu Anfang war ich ja sehr skeptisch, was diese Wimmel-Produkte..." "WIPPER!", klang es empört von allen Seiten.
"...betrifft, aber mittlerweile bin ich wirklich beeindruckt. Ich hätte niemals gedacht, dass diese Sachen sogar arsenfest sind."
Fassungslose Stille.
"Ja, meine Damen, Arsentrioxid ist ein echter Härtetest für jedes Geschirr. Bei der Dosis, die der Salat, der Kuchen und der Kaffee enthalten, hätte jedes andere Material schon längst eine Reaktion gezeigt."
Plötzlich hatten es die Damen sehr eilig, aufzubrechen. Zwei von ihnen lieferten sich einen Ringkampf um das Privileg, sich als erste über der Kloschüssel den Finger in den Hals stecken zu dürfen.

Was für eine Blamage! Die Beraterin war, wie nicht anders zu erwarten, beleidigt. "Das ist die größte Unverschämtheit, die mir jemals untergekommen ist", tönte sie, als sie zur Tür hinausrauschte. Offensichtlich gehörte sie zu denjenigen, die wussten, dass Arsen nicht mit Kunststoffen reagierte. Im Badezimmer ertönten noch immer Kampf- und Würggeräusche; von weitem näherten sich diverse Krankenwagen mit dröhnendem Martinshorn.
Erschöpft  sah Inge die lachend in einer Ecke liegende Anke an. "Musste das sein?"
"Ach komm schon, Schwesterchen", kicherte die Studentin, "ich hätte nie gedacht, dass eine Wipper-Party so lustig sein könnte!"


~The End~

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Author's Note: Produkt- und Personenähnlichkeiten sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt...*fg*
Wir haben nichts gegen Verkaufsparties für seltsame Plastikgegenstände - nicht wirksames, jedenfalls.
Kommentare sind uns, im Gegensatz zu Klagen und finanziellen Forderungen, immer willkommen.
Liebe Grüße,
VerkuendeWoanders & Fire Druidess
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