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Silbermond

von Gil-Estel
GeschichteDrama / P12 / Gen
29.04.2004
29.04.2004
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Ich grüße ganz lieb Mirenithil

Für alle, die einen lieben Menschen verloren haben.


Silbermond


Tári Carnesîr blickte sich um. Schatten, Schemen, Dunkelheit...unendliche Traurigkeit. Eine Leere, die sie innerlich auffraß. Tári seufzte. Viele Fragen quälten sie. Fragen, auf die sie keine Antworten hatte.
Lólindir... Tränen traten dem jungen Elbenmädchen in die Augen. Ihr geliebter Bruder...warum nur?
Wieder sah sie das Schreckliche vor sich. Gequält schloss sie die Augen.

Schützend  warf sich Lólindir vor seine Schwester.
Hab keine Angst! Alles wird gut.
Der Pfeil, der eigentlich für Tári bestimmt gewesen war, traf Lólindir genau in die Brust. Wie in Trance sah sie, wie er zu Boden ging.
Nein!
Tári ging in die Knie.
Nein...! Das kann nicht sein! Bitte...nein...
Tári...
Das Elbenmädchen blickte auf.
Tári...alles wird gut. Vertrau mir.
Das Licht in Lólindirs eisblauen Augen verblasste.
Lass mich nicht allein...bitte..., flehte das Mädchen. Doch sie wusste, alle Hoffnung war verloren.
Lólindir...
Hilflos saß sie neben dem sterbenden Bruder. Blut...soviel Blut. Der Kampf war vorüber. Die Wiese, auf denen die Geschwister als Kinder so gern gespielt hatten, glich einem Schlachtfeld.
Táris Tränen liefen ihre Wangen hinab und tropften auf Lólindirs blutbeschmiertes Hemd.
Mit letzter Kraft hob Lólindir seine Hand und berührte sanft die Wange seiner Schwester.
Weine nicht um mich...weine nicht...sei stark...und vergiss mich nicht.
Der Junge lächelte.
Tári grub ihr tränen überströmtes Gesicht an seine Schulter.
Niemals... Táris Stimme war zu einem rauen Flüstern geworden.
Gleißendes Licht, Wärme, die Liebe eines Geschwisterpaares...
Dann verließ er sie.
Lange saß sie dort und hielt Tólindirs Kopf in ihrem Schoss. Sie konnte es nicht begreifen. Sie wollte es nicht begreifen.
Alles war nun zu ende. Jetzt war sie allein auf der Welt.
Die Erinnerung an ihren geliebten Bruder würde ihr bleiben.
Das ist alles, dachte Tári bitter.

Kinderlachen.
Lólindir! Lólindir! Das Lachen von Elbenkindern erfüllte die Luft. Hand in Hand rannten sie übermütig durch den lichten Wald. Die eisblauen Augen des Zwillingspaares verschmolzen mit dem wolkenlosen Himmel und glänzten in der Frühlingssonne.
Außer Atem ließen sich die beiden in die Wiese fallen.
Sieh nur, wie blau der Himmel ist!
Nachdenklich starrte Tári hinauf.
Meinst du, unsere Eltern können uns sehen?
Lólindir überlegte kurz.
Aber ja, natürlich! Sie leben jetzt dort oben und beschützen uns! Eines Tages, wenn wir auch in den Himmel zurückkehren, dann werden wir sie wieder sehen.
Aber bis dahin bleiben wir immer zusammen, versprochen?
Lólindir lächelte seine Zwillingsschwester an.
Versprochen!

Das Versprechen zwischen Tári und Lólindir begleitete sie ihr ganzes Leben lang. Bis zu diesem Tag.

Sanft strich Tári über den Grabstein ihres Bruders.
Warum nur...
Nach dem Verlust Lólindirs hatte sich das Elbenmädchen verändert. Sie hatte nicht nur ihren Zwillingsbruder verloren. Tári hatte ihr Lachen eingebüßt, ihre Freude und ihr Leben.
Es war, als wäre ein Teil von ihr gestorben.
Lólindir...er war ein Teil von mir. Jetzt bin ich allein.
Nach dem Tod ihrer Eltern hatten sich die Geschwister ein eigenes Leben aufgebaut. Der Wald wurde ihr neues Zuhause. Er wurde zu ihrem Beschützer und zu ihrem Ernährer.
Gemeinsam wuchsen sie auf und wurden erwachsen.
Doch jetzt...
Was sollte jetzt werden?
Allein...
Das Wort schoss ihr durch den Kopf und rief ein dumpfes Gefühl in Táris Magengegend hervor.
Silbernes Licht berührte den Grabstein Lólindirs.
Tári blickte auf.
Vollmond.
Wie oft hatte sie mit Lólindir auf den hohen Bäumen gesessen und zum Mond hinauf geblickt.
Táris Herz brannte. Ein Schmerz, der sie nicht mehr atmen ließ, ihr jegliches Leben aussaugte.
Sie konnte so nicht weiterleben.
Ich werde dir folgen.
Der Gedanke ihren Bruder wieder zu sehen machte sie stark.
Plötzlich überkam sie eine tiefe Müdigkeit. Schlaff lehnte sie sich gegen den Grabstein und sank schließlich in sich zusammen.
Und der silberne Mond blickte glücklich auf das Elbenmädchen hinab.
Schlafen....schlafen....

Freude stieg in Tári auf. Es war nicht die Art von Freude die man hatte, wenn man ein Geschenk erhält. Nein, es war die Freude über etwas wirklich Außergewöhnliches. Die Freude, einen lieben Menschen nach langer Zeit einmal wieder zu sehen.
Tári rannte auf diesen Menschen zu, den sie so sehr vermisst hatte, dessen Verlust eine tiefe Leere in ihrem Herzen und ihrer Seele hinterlassen hatte. Tári lachte auf. Ja, er war es tatsächlich!
In seinen eisblauen Augen spiegelte sich die Stärke eines Menschen wider, der etwas zu bewahren hatte. Doch nun, als Tári vor ihm stand, wich ihre Freude der Angst und dem Schmerz.
Tränen schossen ihr in die Augen.
Lólindir...!
Táris Bruder lächelte und schüttelte sanft den Kopf.
Ich verstehe dich. Sorge dich nicht, denn alles wird gut.
Ist das ein Traum?
Oft liegen Traum und Wirklichkeit nah beieinander, Tári.
Sie wollte ihm soviel sagen, ihm ihre Gefühle erzählen, doch jetzt, da sie ihn sah, wollte Tári ihm einfach nur nah sein.
Lass mich nicht allein..., brachte sie schließlich hervor.
Lólindir strich ihr sanft über die Wange.
Trenne dich von deinem Schmerz. Überwinde die Hoffnungslosigkeit. Dann wirst du die Wahrheit erkennen.
Tári sah auf.
Eine warme Energie durchfloss das Zwillingspaar und für einen kurzen Augenblick schloss sie die Augen und lächelte. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich gut.
Die Blicke der Geschwister trafen sich.
Komm mit mir.
Táris Augen glänzten.
Ich werde dir folgen, Bruder.
Das Elbenmädchen fühlte keine Angst. Nur unendlichen Frieden.
Lólindir nahm die Hand seiner Schwester.
Sie fühlte sich warm und vertraut an.
Ihre Energien verbanden sich und in diesem Moment waren sie ein Ganzes. Gleißendes Licht umspülte Tári und Lólindir und mit atemberaubender Geschwindigkeit flogen die Geschwister durch den Wald, durchdrangen die Baumwipfel, höher, immer höher...bis ihre Welt nur noch ein kleiner Punkt unter vielen war.
Es war, als könnten sie die Sterne berühren.
Tári war glücklich. Wie lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet! Wie sehr hatte sie sich nach ihrem Bruder gesehnt!
Lólindir warf seiner Schwester einen Seitenblick zu. Er hatte die Veränderung von Tári gespürt.
Er lächelte sanft und drückte liebevoll ihre Hand.
Der Wind der Freiheit fuhr ihnen durch das lange, hellbraune Haar.
Wohin bringst du mich?
Lólindirs Augen glänzten voller Freude.
Nach Hause.
Und der silberne Mond blickte vergnügt auf die beiden Elben und lächelte freundlich.

Einige Tage später geschah es, dass ein Waldläufer des Weges kam. Erschöpft und müde von der langen Reise kämpfte er sich durch das dichte Unterholz, hinter dem sich eine kleine Lichtung befand. Die warmen Sonnenstrahlen des Frühlings fielen durch das lichte Blätterdach.
Der Waldläufer blickte sich um.
Das Bild, das er nun sah, bewegte ihn zutiefst und es würde sich ewig in sein Herz einbrennen.
An einen alten Grabstein gelehnt saß eine Elbenfrau, schön von Angesicht. Ihr Antlitz sah so friedlich und glücklich aus. Es war dem Waldläufer, als würde die Elbin sogar lächeln.
Er ging in die Knie, berührte das schöne Lebewesen sanft an Stirn, Wange und Hals. Sie fühlte sich kalt an und doch hatte er das Gefühl, als würde die Elbin leben.
Er wischte alle Zweifel beiseite.
Die Elbenfrau war tot.

Dass du in den späteren Jahren

gern auf dein Leben zurückblickst,

vielleicht mit einem leisen Lächeln,

weil du inzwischen mehr Abstand

zu allem gewonnen hast,

das ist mein Wunsch für dich.


Möge viel von deiner Liebe

und deiner Weisheit zu denen

hinüberfließen, die dir nahe sind.



Ende.








 
 
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